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18. August 2026

Golden Pass und Greyerzerland

Michel Gremaud, Peter Pfeiffer: Golden Pass und
Greyerzerland / Golden Pass et Pays de Gruyère,
AS-Verlag, Zürich, 2001
Das Schmalspur-Fieber erfasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Westschweiz. Unter den zahlreichen Nebenlinien, die damals als Verbindung zwischen dem Ufer des Genfersees und dem Hinterland erbaut wurden, nahm die Montreux–Oberland Bernois (MOB) allerdings eine Sonderstellung ein, denn sie war für den Tourismusverkehr zwischen dem Berner Oberland mit dem mondänen Kurort Gstaad und dem Genfer See von überregionaler Bedeutung. Schon 1906, nur ein Jahr nach ihrer durchgehenden Eröffnung, führte die Bahn drei Speisewagen. Weitere Speise-, Salon- und Panoramawagen folgten in kurzer Zeit. Der luxuriöse Golden Mountain Pullmann Express bestimmte das Erscheinungsbild der MOB, bis die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre dem Tourismusverkehr ein jähes Ende setzte.

Im Band der AS-Reihe Bahnromantik sind die schönsten und spektakulärsten Fotos aus den frühen Jahren der MOB und CEG (TPF) vereint. Deutlich kommt in den Aufnahmen die Vielseitigkeit der Voralpenbahnen zum Ausdruck: Hier der elegante und luxuriöse Golden Mountain Pullmann-Express, der begüterte Touristen aus Europa und Übersee von Gstaad nach Montreux führt. Dort die einfache Triebwagenkomposition mit Zweit- und Drittklasswagen, die Bauern und Arbeiter der Region in den Hauptort Bulle oder zum Volksfest ins Nachbardorf befördert. Beide verkehren sie auf demselben Gleis, fahren sie durch dieselbe Landschaft und scheinen doch aus zwei ganz verschiedenen Welten zu stammen. Ein Einleitungstext, verfasst vom Journalisten und Regionalhistoriker Michel Gremaud aus Bulle, ordnet die im Buch vereinten Aufnahmen im verkehrs-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Rahmen ein. Detailangaben, auch bahntechnischer Art, sind in den Bildlegenden und Kapiteleinleitungen zu finden, die vom Herausgeber Peter Pfeiffer stammen.

1. Juli 2026

Eisenbahnstadt Olten

Johannes von Arx: Eisenbahnstadt Olten, Weltbild Verlag, Verlag Oltner Tagblatt, Olten, 1997

Das SBB-Jubiläumsjahr 1997 «150 Jahre Schweizer Bahnen rückt auch die Eisenbahnstadt Olten ins Blickfeld, ist doch ihre Geschichte eng mit dem schweizerischen Bahnwesen verknüpft.

1956 ist aus der Feder des unvergesslichen Dr. Urs Wiesli ein Werk mit dem Titel «100 Jahre Eisenbahnstadt Olten erschienen. Die vorliegende Publikation bringt eine gekürzte Zusammenfassung des damaligen Textes, skizziert sodann die facettenreiche Entwicklung der Stadt und ihres Bahnhofs in den vergangenen 40 Jahren und schliesst mit einem faszinierenden Ausblick auf künftige Gestaltungsmöglichkeiten. Das Buch ist mit z.T. historischem Bildmaterial und farbigen Abbildungen reich illustriert.

Wie der Oltner Bahnhof samt der Zentralwerkstätte, oder wie sie heute heisst, der Hauptwerkstätte «HW Olten, zum Koordinatenkreuz des schweizerischen Bahnsystems geworden ist, bildet ein spannungsreiches Kapitel der neueren Schweizer Geschichte. Es legt Zeugnis ab von der Tatkraft sowohl der Eisenbahnpioniere des letzten Jahrhunderts als auch der politischen Behörde von Stadt und Region Olten. Als Zeitgenossen erinnern wir uns an das Drum und Dran der Projektierung einer neuen Bahnlinie durch das Ruttigertäli – wo ein Landschaftsplan den Durchbruch zu einer allseits befriedigenden Lösung gebracht hatte – oder an die Pläne für einen grossen Rangierbahnhof im Niederamt – auf die wegen der politischen Widerstände verzichtet wurde, mit Recht, wie sich später zeigte. Jetzt sind wir Zeugen einer beeindruckenden Neugestaltung des Bahnhofes selbst, die mit dem Stellwerk in den 80er Jahren begonnen hatte und ihre Fortsetzung mit der überaus gefälligen Erneuerung der Personenunterführungen und den zukunftsweisenden Gleisanlagen an der stadtwärts liegenden Westseite gefunden hat.

Solche Abläufe haben ihre Peripetien. Die Bahn 2000 und alles, was sich um die Alpentransversalen abspielt, die verpendelten Fernzüge und die Integration der Schweizer Bahnen in das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz eröffnen Perspektiven, zeigen aber auch das Risiko auf, dass der Bahnhof Olten an Stellenwert verlieren könnte. Wenn davon die Rede ist, dass 1997 ein Technologiesprung des Eisenbahnmaterials stattfindet, dann ist auch die HW Olten mit ihrem Arbeitsplatzpotential angesprochen. (Aus dem Vorwort von Leo Schürmann [1917–2002], ehemaliger Präsident der Regionalplanungsgruppe Olten-Gösgen-Gäu)

22. Juni 2026

Das Wildheuen in Ringgenberg

Gustav Ritschard, Emil Schmocker: Das
Wildheuen in Ringgenberg, Verlag Ritschard/
Schmocker, Unterseen, 1980
Die vorliegende Darstellung einer jetzt nahezu verschwundenen alpinen Wirtschaftsform setzt zum Verständnis eine echte Freude an der Welt der ursprünglichen, aufs engste mit der Natur verbundenen Tätigkeiten voraus, die heute wiederum auf vermehrtes Interesse stossen. Der Wildheuer steht modellhaft da als ein Vertreter des genügsamen und gefahrvollen Lebens unserer Vorfahren, doch wird er, dessen Tätigkeit früher in den Lesebüchern der Volksschule beschrieben wurde, in unserer Zeit mehr genannt als gekannt. Deshalb verdient es besondere Anerkennung, dass in diesem Buch der Wildheuer mit seiner Geschichte, seinen Rechtsnormen, seinen sich aufgrund von Erfahrung entwickelnden Werkzeugen und Arbeitstechniken, seinen Unterkunfts- und Ernährungsgewohnheiten – eingebettet in das Leben – einer Familie und der Dorfgemeinschaft von Ringgenberg – ebenso verständlich wie anschaulich und warmherzig dargestellt wird. Einen breiten Raum nimmt zu Recht die minuziöse Beschreibung der Wegverhältnisse, der Traggeräte und der übrigen Transportmittel ein, denn das Wildheu legt vom steilen Graaggen bis zum hungrigen Maul der Stallgeissen einen weiten Weg zurück.

Die Arbeitswelt der Ringgenberger Wildheuer und ihre Eigenart spiegeln sich nicht nur in besonderen Ausdrücken und Redensarten, sondern auch in heiteren und ernsten Episoden, Gedichten, Erzählungen und Sagen, deren mundartliche Wiedergabe der Monographie einen ganz besonderen Wert verleiht. Die Schilderung der wilden Bergnatur mit ihren Gefahren, aber auch mit ihren Schönheiten, gibt der zeichnerisch vortrefflich ergänzten Darstellung einen grossartigen Rahmen. Es ist ein Verdienst, dass neben der Fülle des Altertümlichen auch die moderne Entwicklung bis zum Helikoptertransport unbefangen notiert wird.

Möge etwas von der Freude, welche die beiden Erforscher dieses Stückes alpiner Volkskultur bei ihrer Arbeit beflügelt hat, auf die Leser übergehen!
(Vorwort von Arnold Niederer, Professor für Volkskunde, Universität Zürich)

4. Juni 2026

Deutschlands Nebenbahnen

Gerhard Bank: Deutschlands Nebenbahnen, Kosmos, Stuttgart, 1997
Das Gesicht der Eisenbahn wird sich durch die fortschreitende Modernisierung und Umstrukturierung sowie die Beschaffung einer neuen Fahrzeuggeneration im beginnenden 21. Jahrhundert entscheidend wandeln. Vor allem der Personen- und Güterverkehr auf den Nebenbahnen in strukturschwachen Regionen ist hiervon betroffen. Regioliner, Regioshuttle und andere moderne Konstruktionen lassen die letzten vertrauten Weggesellen wie Schienenbusse und V-100-Baureihen – sofern sie nicht bereits aus dem Betriebsdienst verabschiedet sind - nach und nach auf das Abstellgleis rollen.

Noch einmal führt eine beschauliche Reise «abseits der Magistralen» über die oftmals stillgelegten oder privatisierten Regelspurgleise der deutschen Staatsbahnen und durch die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Eine beeindruckende Auswahl von 145 Farbfotos aus den Archiven bekannter Eisenbahnfotografen präsentiert sich dem Leser: Mehr als 25 verschiedene Triebfahrzeuggattungen, darunter die Akkutriebwagen der Baureihen 515 und 51 7, die «Eierköpfe» 612/13, Klein - und Rangierlokomotiven, die Diesellokbaureihen 118, 119, 120 und 132 der DR, die Altbau- Elloks E 18, E 44, E 44.5, E 69 und E 94 spiegeln eine vergangene Vielfalt wider. Der Einsatz der rekonstruierten Reichsbahndampflokomotiven der Baureihen 50 und 52 wird mit besonders ausgesuchten Bildern dokumentiert. Darüber hinaus zeigt sich eine intakte Infrastruktur in der Fülle ihrer Erscheinungsformen: Signalbrücken und Flügelsignale, Schrankenposten und Bahnhöfe in klassischer Eisenbahnarchitektur.

Übergaben, Nahgüter- und Umleiterzüge bis hin zum letzten GmP der DB AG, Reko-, Umbau- und Altbaureisezugwagen erinnern an einen abwechslungsreichen Eisenbahnalltag, wobei auch der Übergang zur neuen Eisenbahn aufgezeigt wird.

Der Betrachter erlebt die Eisenbahnlandschaft der Küstenregionen von Nord- und Ostsee, der norddeutschen Tiefebene, der Mittelgebirge bis zu den Alpen und dem Oberlauf der Donau im Wandel der vier Jahreszeiten.

Viele der Aufnahmen sind mittlerweile historisch und somit ein Zeugnis einer ausklingenden Epoche. Ausführliche Bildtexte geben detaillierte Informationen über Triebfahrzeuge, Eisenbahnstrecken, das Umfeld der Eisenbahn und die kleinen Erlebnisse am Schienenstrang.
(Klappentext)

26. Dezember 2025

Retro 2025 – 9

Seit ich Anfang der 1990er-Jahre das Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz entdeckt habe, gehe ich mit anderen Augen durch die Gegend. Insbesondere in den bergigen Regionen stosse ich da und dort auf Wegabschnitte mit potenziell-historischer Substanz. Dies können unter anderem Stütz- und Begrenzungsmauern, Spurrillen, Wegkreuze- und Kapellen (sogenannte «Wegbegleiter»), Brücken, Steintreppen oder beispielsweise auch Pflästerungen sein. 

Als ich am 12. September vom Col-de-Bretaye in den Waadtländer Alpen via Les Ecovets nach Ollon abstieg, stiess ich kurz vor dem Wanderziel auf diesen gepflästerten Wegabschnitt. Leider ergaben meine Recherchen zu Hause lediglich den Hinweis auf eine historische Wegverbindung von lokaler Bedeutung. Gerne hätte ich mehr über diesen ausserordentlich breiten Weg erfahren: Wann wurde er und durch wen erbaut? Wer nutzte ihn über all die Jahrhunderte? Auf welche Art und Weise wurde er genutzt? Lediglich zu Fuss, mit Pferden und Maultieren oder gar mit von Tieren gezogenen Fahrzeugen?

21. Dezember 2025

Retro 2025 – 7

Die am Fusse der Jungfrau gelegene Gemeinde Lauterbrunnen weist bei einer Fläche von 164,7 km² eine Einwohnerzahl von 2331 Personen auf. Das ergibt eine Einwohnerdichte von lediglich 14 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Im Vergleich dazu beträgt die Bevölkerungsdichte für die gesamte Schweiz 217 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Das Gemeindegebiet von Lauterbrunnen erstreckt sich von 707 m ü. M. (Weisse Lütschine beim Sandweidli im Norden) bis auf 4158 m ü. M. (Gipfel der Jungfrau im Südosten).

Ich bin gerne in der Talschaft zu Fuss unterwegs, die trotz der zahlreichen Bergbahnen und Touristen immer noch Ecken bietet, wo man weitgehend alleine ist. Weil am 15. Juli das Wetter indes keine abenteuerlichen Wanderungen zuliess, begnügte ich mich mit einer kürzeren Tour vom Allmendhubel via Mürren nach der Grütschalp. Was mir dabei einmal mehr auffiel: In der Gemeinde Lauterbrunnen hat jeder noch so kleine Bach einen Namen und ergo an jeder Stelle mit Personenverkehr ein Namensschild. Besonders angetan hat es mir der «Inneren Chrutteren Graben». Schwingt in dieser Benamsung nicht die volle Kraft des kernigen Lauterbrunner Dialektes mit?

18. Dezember 2025

Retro 2025 – 6


Anfang Juni fuhr ich ins Vallée des Ponts. Jaja, das gibt es tatsächlich und liegt nicht etwa im fernen Frankreich, sondern unweit von La Chaux-de-Fonds im schönen Neuenburger Jura. Unweit von Les Ponts-de-Martel liegt der geografische Mittelpunkt des Kantons Neuenburg. Im Rahmen meines Projektes, alle geografischen Mittelpunkte der 26 Kantone wandernd anzusteuern, unternahm ich also diesen Abstecher in das topfebene Hochtal.

In der Umgebung von Les Ponts-de-Martel wurde einst Torf abgebaut. Die betreffenden Zonen haben sich inzwischen – auch dank der Bemühungen von Naturschutzorganisationen – zu wunderbaren Biotopen entwickelt, die unter Schutz stehen. Durch die grösste dieser Zonen führt der Torfmoor-Lehrpfad. Ihn habe ich in die Rundwanderung integriert und war voll und ganz begeistert. Sei es von der Natur – als Moor bin ich vom Namen her Mooren sehr verbunden –, aber auch von den Informationen rund um den Torfabbau. So ist beispielsweise ein Abbaubagger erhalten geblieben, der auf eindrückliche Weise veranschaulicht, wie die Torfgewinnung damals vonstattenging.

16. Dezember 2025

Retro 2025 – 5


Für den 17. Mai 2025 lud das Kammerorchester St. Gallen zu einem «Wanderkonzert mit Viviane Chassot». Welch geniale Idee, dachte ich und erstand mir unverzüglich ein Ticket. Vor Konzertbeginn ging ich indes noch vom appenzell-innerrhodischen Sammelplatz nach Speicher, von wo ich mit der Appenzellerbahn zur Notkersegg und somit zum Ausgangspunkt des Wanderkonzertes fuhr.

Den musikalischen Auftakt bildete in der Klosterkirche Notkersegg ein Werk für fünf Celli von Joseph Bodin de Bosmortier und John Dowland. Hernach dislozierten die Konzertbesucherinnen und -besucher per pedes zum Manneweiher, wo der Saxofonist Peter Lenzin bei superber Akustik ein «Concert Suprise» intonierte. Das nächste Konzert bildete den glanzvollen Höhepunkt der Quadrologie: Nach längerem Fussgang hinab in die St. Galler Altstadt wartete in der Kirche St. Mangen das Kammerorchester St. Gallen mitsamt der renommierten Akkordeonistin, Viviane Chassot, mit Werken von Haydn, Mendelssohn Bartholdi und Piazolla auf. Den krönenden Abschluss bildeten unweit der Kirche, im Kreuzgang St. Katharinen, fünf dreistimmige Inventionen für ein Streichtrio von J.S. Bach.

Was für ein Tag im Herzen der Ostschweiz! Drei Kantone, eine umwerfende Landschaft, eine wunderbare Kantonshauptstadt, zwei Wanderrouten, die kaum Wünsche offenliessen sowie eine unglaubliche Anzahl an Musikerinnen und Musiker – Amateure wie Profis –, die für ein unvergessliches kulturelles Erlebnis sorgten. Für mich als Berner, Fussgänger und Fotograf eines der Highlights im zu Ende gehenden Jahr.

13. Dezember 2025

Retro 2025 – 4


Am 19. April ging ich in vier Stunden von Aarwangen nach Langenthal. Sie führte mir einmal mehr die Schönheiten des Oberaargaus vor Augen, insbesondere die sehenswerten Wälder rund um Langenthal. Das noch junge Laub zeigte sich im knackig-frischen Frühlingsgrün. Eine Wohltat für jedes Auge!

Am Ortsrand von Langenthal gelangte ich zum «Musterplatz», einem Geviert mit in Reih und Glied ausgerichteten Bäumen. In der Schweiz gibt es unzählige Örtlichkeiten mit der Bezeichnung «Musterplatz». Sie dienten einst der Musterung von Männern für den Militärdienst, besser bekannt unter dem Begriff Rekrutierung oder Aushebung.

Als ich nach fast vier Stunden beim Licht-durchfluteten Platz ankam, stachen mir die rot angemalten Bänke ins Auge. Dem Fotografen dienten sie als willkommenes Sujet, dem Wanderer als nicht weniger willkommene Sitzgelegenheit, um vor dem langen Gang an den Langenthaler Bahnhof noch einmal einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen.

8. Dezember 2025

Retro 2025 – 2


Endlich war es im Februar soweit: Ich wanderte von Wolfenschiessen nach Stansstad. Vielleicht mag man nun denken, dass dies fürwahr kein besonders erwähnenswertes Ereignis darstellt. Weit gefehlt, weit gefehlt! Dieses «Endlich» bezieht sich auf einen kleinen Abschnitt dieser Wanderung: das Rotzloch! Es fehlte mir bislang in meinem Album fussgängerischer Taten.

Was in der Ära der Bildungsreisenden (18./19. Jh.) Bestandteil der damaligen «Grand Tour» war, ist längst zu einer etwas tristen Angelegenheit verkommen. Beim Rotzloch von heute handelt es sich einerseits um den Ausgang der kurzen, wenn auch spektakulären Rotzschlucht am Gestade des Alpnachersees, andererseits ist sowohl der Eingang als auch das Ende der Schlucht – eben das Rotzloch – derart industriell genutzt, dass von der einstigen Beschaulichkeit nicht mehr viel übrig geblieben ist. Immerhin ist der Schlucht ein gewisses Mass an Würde erhalten geblieben, was das Bild hoffentlich zu vermitteln mag.

Eine Frage, die sich beim «Rotzloch» indes unweigerlich stellt, ist jene nach der Bedeutung seines Namens. «Rotz» ist ja nicht gerade etwas, das man mit Angenehmem verbindet. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich beim Begriff jedoch um die ob- und nidwaldnerische Bezeichnung für «eine enge Öffnung in einem Felsband» handelt. Das Wort leitet sich angeblich vom romanischen «rokka» bzw. französischen «roche» (Fluh, Felsen) ab. Dieses entwickelte sich in der Gegend zu «rotschi» und später zu «rotsi». In den beiden Halbkantonen finden sich denn auch Namen wie «von Rotz», «Rotzmattli», «Rotzibüel» und eben … «Rotzloch».

14. November 2025

e Ligu Lehm

Otto von Greyerz: e Ligu Lehm,
Lukianos-Verlag, Bern-Liebefeld, 1967
In seiner «Individuellen Sprachgeschichte» preist mein Vater, Otto von Greyerz, die Mannigfaltigkeit der Sprachen und im Besonderen der Mundarten in der Schweiz und im Kanton Bern. «Man wird schwerlich auf der deutschen Sprachenkarte ein zweites Gebiet vom Umfang des Kantons Bern nachweisen können, das sich eines so reich individualisierten Sprachlebens rühmen dürfte.» Und in der Stadt Bern wiederum unterscheidet er vier bis fünf bernische Sprachtypen, wovon einer das Mattenenglisch ist. Wen wundert es, dass auch das Mattenenglisch wieder seine Variationen aufweist?!

Der Sprachforscher, der (1863) in Bern geboren war und inmitten dieses Sprachreichtums sein Leben verbrachte, konnte am Mattenenglisch nicht vorbeigehen. Wenn es auch in seiner Verwandtschaft zum Rotwelsch nicht eine typisch bernische Mundart darstellt, so ist es andererseits wegen seiner Merkwürdigkeiten und seiner sprachschöpferischen Kraft eine umso beachtenswertere Sprache. So hat Otto von Greyerz auch diese Sprache erforscht und im Jahr 1929 unter dem Titel «Das Berner Mattenenglisch und sein Ausläufer: Die Berner Bubensprache» dargestellt. Die Arbeit ist längst vergriffen, und es ist nun dem Lukianos-Verlag Hans Erpf, Liebefeld, zu verdanken, dass er eine Neuauflage angeregt hat und durchführt.

Das Mattenenglisch hat gewiss seither als lebendige und nichtgeschriebene Sprache seine Entwicklung durchgemacht; es mag sich einerseits Neuschöpfungen zugelegt haben, anderseits – und wohl hauptsächlich – wird es seine einst selbstverständliche Geltungskraft unter dem Zwang der Entwicklung – denn gibt es noch wie einst richtige Mattegiele? – eingebüsst haben. Also ist just der Zeitpunkt da, in dem es gilt, diese bernische Sprachvariation, die immer wieder viele Berner und Auswärtige interessiert, festzuhalten, zu erklären und Unkundigen neu nahezubringen.

Der Verleger und ich glauben, bald dreissig Jahre nach dem Tod des Verfassers, in seinem Sinne zu handeln, wenn wir mit einer Neuausgabe das Interesse an einer der merkwürdigsten Sprachen und damit an der Sprache und ihrer Vielfältigkeit überhaupt wecken und fördern. Möge der Leser schmunzelnd all die teils bekannten, teils unbekannten Köstlichkeiten des Mattenenglisch «chüschte».


Walo von Greyerz im Vorwort

15. Oktober 2025

Strassenbaukunst zum Anfassen

Die alte Averser Strasse überquert unterhalb von Cresta den Averser Rhein.


Als ich 1982 eigenständig zu wandern begann, kümmerte ich mich noch wenig um das Dies- und Jenseits meines Weges. Vielmehr stand die Besteigung eines Gipfels, die Überschreitung eines Passes oder einfach nur die Leistung im Vordergrund. Doch bald schon reichte mir das reine Wandern von A nach B nicht mehr. Ich wollte mehr über die per pedes durchmessene Gegend wissen. Da kamen mir Wanderführer mit Titeln wie «Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt» (Jürg Frischknecht, Limmat Verlag, 1987) oder «Unterwegs auf Walserpfaden» (Kurt Wanner, Walservereinigung Graubünden, 1989) oder «Wanderungen auf historischen Wegen» (Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, Ott Verlag, 1990) gerade recht. Ich saugte den Inhalt dieser Bücher geradezu auf wie ein trockener Schwamm das Wasser.

In der Folge begann ich mich also mehr und mehr für geografische, historische, politische und kulturelle Themen zu interessieren, die sich mir als freischaffender Fussgänger en route darboten. Das reine Wandern als sinnfreie Aktivität begann mehr und mehr zu bröckeln und wich einer Betätigung mit unermesslichem Inhalt. Kurz: Der Fussgang wurde zum Vehikel, mein Heimatland vertieft zu erkunden und erforschen, aber auch kennen und lieben zu lernen. Und da ich von meiner Jugend her fotografisch tätig bin, hat sich eine Symbiose ergeben, die bis in die heutigen Tage andauert und vor 16 Jahren gar die Gründung meines eigenen Verlages bewirkte: die Edition Wanderwerk.

Wer sich also zu Fuss und mit einer tüchtigen Portion Chuzpe auf den Weg macht, dem oder der eröffnen sich auf Schritt auf Tritt kleinere und grössere Wunder, über die man sich mal mehr, mal weniger wundert. Überaus gestaunt habe ich in den vergangenen Tagen im bündnerischen Hochtal Avers, als ich mich endlich der alten Averser Strasse und somit einem historischen Verkehrsweg widmen konnte. Diese führt vom unteren Ende der Rofflaschlucht (1111 m) bei Andeer in 28 km hoch nach Juf (2126 m), der europaweit höchstgelegenen, dauerhaft bewohnten Siedlung. Der Bau dieser Strasse dauerte von 1890–1900. In den 1950er-Jahren wurde der alte Weg indes von einer komplett neu errichteten Strasse abgelöst. Diese hat in etlichen Abschnitten die alte Strasse ziemlich achtlos überprägt. 

Einige Passagen waren jedoch glücklicherweise erhalten geblieben. Kulturgeschichtlich interessierte Leute um den engagierten Forstingenieur Oskar Hugentobler aus Andeer und den Einheimischen Bruno Loi und Valentin Luzi aus dem Avers initiierten die Gründung des Vereins «Alte Averser-Strasse» zur Rettung des historischen Wegs und die Erschliessung einer durchgehenden Verbindung mit einem Wanderweg. Anno 2000 wurde der Verein alte Averser Strasse gegründet, womit die selbstauferlegte Arbeit beginnen konnte. Was daraus geworden ist habe ich neulich hautnah erleben und fotografieren dürfen. Hierbei beging ich den Abschnitt von Cresta, dem Hauptort des Avers, bis zur Abzweigung in die Val digl Uors, etwas oberhalb von Innerferrera. Und einmal mehr zeigte sich, dass die Bauingenieure und -arbeiter von damals ein unglaubliches Geschick an den Tag legten, was die Planung und Ausführung eines solchen Verkehrswegprojektes – und somit der Lebensader einer ganzen Talschaft – anbelangt.

6. Oktober 2025

Ingenieure der Kartenkunst

Lorenz Hurni, Martin Raubal, Thomas Eichenberger, Christian Häberling, René Sieber:
Ingenieure der Kartenkunst, ETH Zürich, Institut für Kartografie und Geoinformation, Zürich, 2025


Das Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich feierte Anfang September sein 100-Jahre-Jubiläum mit einem Symposium für Fachleute. Eine Festschrift gibt vertiefte Einblicke in 170 Jahre Kartografie an der Hochschule und richtet sich auch an Laien, die sich für Kartenkunst und gut erzählte Geschichte(n) interessieren.

Ob Google Maps, eine Wanderkarte oder ein Weltatlas: Wir nutzen diese Werke im Alltag, um uns zu orientieren oder zu informieren. Dass Karten aber auch eine politische Komponente haben, rief uns jüngst die von einem Staatspräsidenten angeordnete Namensänderung des «Golfs von Mexiko» in «Golf von Amerika» in Erinnerung.

Der Schweizer Weltatlas, dem viele von uns im Schulunterricht zum ersten Mal begegnet sind, beschreibt die Karte als Resultat eines Interpretations-, Klassierungs- und Abstraktionsprozesses. Daraus geht bereits hervor, dass eine Karte immer auf subjektiven Entscheiden basiert.

Erfrischend subjektiv ist auch die Festschrift «Ingenieure der Kartenkunst» abgefasst, die das Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich anlässlich seines 100-jährigen Bestehens herausgegeben hat. Hauptautor Lorenz Hurni, der aktuelle Professor für Kartografie an der ETH Zürich, und seine Mitautoren scheuen sich nicht vor Einordnungen und klaren Aussagen, was das Werk lebendig und lesenswert macht.

Geprägt ist das Werk durch die Feststellung, dass die Kartografie an der ETH immer wieder von einer Marginalisierung bedroht war. Entsprechendes Gewicht erhält die Institutsgründung, auch wenn diese hauptsächlich auf Pinsel und Farbe beruhte. Doch dazu später.

Das Gewicht, das die Autoren dem Institut beimessen, kommt in den beiden Untertiteln der Festschrift zum Ausdruck, die eigentlich zwei Jubiläen antönen. «100 Jahre Institut für Kartografie und Geoinformation» bezieht sich auf das «richtige» Jubiläum, umfasst aber nur vier der bisher sechs ETH-Professoren am Institut. Der zweite Untertitel «170 Jahre Kartografie an der ETH Zürich» macht deutlich, dass das Werk die ganze Zeit seit der Gründung der Hochschule abdeckt.

Die Geschichte der Kartografie ist ein wichtiger Teil der Geschichte der ETH Zürich. So erfährt man viel über die Gründung des Polytechnikums im Jahre 1855 und seine Funktionsweise über die ganzen Jahre. Die Festschrift liefert – immer mit dem Fokus auf die Kartografie und Geoinformation – generelle Einsichten darüber, wie Professoren berufen wurden (und werden), wie die Hochschule in den verschiedenen Epochen organisiert war und welche Faktoren zu Anpassungen von Lehrinhalten führen.

Details zu Berufungen, zur Ausstattung von Professuren, der Suche nach Drittmitteln, aber auch zu Rivalitäten unter den Wissenschaftlern machen die Lektüre kurzweilig. Zudem bietet die Festschrift Informationen über die Herkunft und Interessen der Professoren. Nicht nur im Text, sondern auch in Form von Karten, Zeichnungen und Fotos. Quelle: ETH-News

Das wunderbare Werk kann auf der Website der ETH-Bibliothek auch kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

5. August 2025

Das Weihnachtsgeschenk

Ray Bradbury: Das Weihnachtsgeschenk,
Diogenes, Zürich, 2008
Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Teilens, aber auch das Fest der Vergebung und der Erinnerung an ein Wunder, das heute noch Menschen in aller Welt rührt. Davon erzählt Ray Bradbury in seinen vier Weihnachtsgeschichten. In «Segne mich, Vater, denn ich habe gesündigt» wird Pfarrer MelIon an Heiligabend kurz vor Mitternacht mit einer Geschichte konfrontiert, die ihn Jahrzehnte zurück in seine Kindheit führt, zu einer verschneiten Weihnachtsnacht, in der sein heissgeliebter Hund zu ihm zurückfand. In «Der Wunsch» wünscht sich ein Sohn in der Weihnachtsnacht, für eine Stunde seinen verstorbenen Vater wiederzusehen, um ihm am Fest der Liebe endlich die drei Worte zu sagen, die er ihm zeitlebens nicht gesagt hat.

Natürlich darf eine von Ray Bradburys berühmtesten Geschichten nicht fehlen: Es ist das erste Mal, dass ihr kleiner Sohn in den Weltraum fliegt, ein Tag vor Weihnachten. Beim Zoll müssen die Eltern das mitgebrachte Geschenk und den kleinen Weihnachtsbaum mit den weissen Kerzen zurücklassen, doch zum Glück fällt dem Vater ein, wie er dem Jungen ein noch schöneres Geschenk machen kann. Schliesslich zeigt «Der Bettler auf der O’Connell-Brücke», dass es im Leben um mehr geht als um eine Handvoll Pennies und dass man den Geist der Heiligen Nacht auch nach dem 24. Dezember im Herzen tragen sollte. (Klappentext)

31. Juli 2025

Kunsthistorisches in Thunstetten

Das öffentlich zugängliche Schloss Thunstetten ist ein echter Hingucker.

Das hat man davon, wenn man sich in den Kopf setzt, sämtliche offiziellen Wanderwege des Kantons Bern abzuwandern: Man gelangt früher oder später am Schloss und an der nahe gelegenen reformierten Kirche von Thunstetten bei Langenthal vorbei. So geschehen am vergangenen Samstag, als wir von Herzogenbuchsee auf schlangenlinienförmiger Route nach Langenthal gingen. Was sich hier unseren Augen bot, ist absolut erwähnens- und sehenswert.

Das Schloss
Das Schloss Thunstetten wurde 1713–15 im Auftrag von Hieronymus von Erlach nach Plänen des berühmten Pariser Architekten Joseph Abeille erbaut. Als Baumeister wurde Abraham Jenner von Bern engagiert. Das Schloss Thunstetten übernahm die Vorreiterrolle in der Einführung der französischen Bauart im Stile Louis XIV. in Bern.
Aussichtsreich an der Schmalseite eines länglichen Hügels gelegen, dominiert das Schloss die Landschaft. Es besteht aus dem eingeschossigen Hochparterrebau des Herrenhauses, dem Corps de Logis, das im Zentrum der Anlage unter einem mächtigen Walmdach steht und zwei Seitenflügeln. Die langen fünfteiligen Seitenflügel formen zusammen mit dem Corps des Logis den tiefen Ehrenhof, die Cour d’entrée. Dieser wird von einer bedachten Mauer abgeschlossen, in deren Mitte sich ein überwölbtes Gitterportal öffnet. Die Fassade des Herrenhauses ist durch eine Reihe hoher schlanker Fenster gegliedert und von einem mächtigen Walmdach gekrönt. Bei der Renovation nach 1970 wurde die ursprüngliche Bemalung der Sandsteinfassade entdeckt. Die Farbe wurde aus Kalk und Rebstock-Asche hergestellt. Das Schlossdach mit seinen Lukarnen und Kaminaufsätzen strahlt eine französische Eleganz aus. Auf der anderen Seite des Corps de Logis erstreckt sich der Garten, der einen intensiven Einbezug in die Schlossarchitektur erfahren hat. Dabei ist der leitende Grundsatz die völlige Symmetrie.
Die gesamte Anlage des Schlosses Thunstetten entspricht damit mustergültig dem Model des Herrschaftshauses «Palais entre Cour et Jardin». Dieser Herrenhaustypus fand als Ideal einen grossen Nachhall beim Bau und Umbau von vielen anderen Anlagen dieser Zeit, unter anderen auch bei dem zweiten, für Hieronymus von Erlach 1721–25 erbauten Landsitz, dem Schloss Hindelbank.
Der Situationsplan der Herrschaft Thunstetten von Adam Riediger (1680–1756) aus dem Jahr 1720 zeigt eine doppelreihige Allee, die in der Hauptachse des Schlosses als eine lange Zugangsallee begann und sich auf der gegenüberliegenden Seite im Garten fortsetzte. Ob die Zufahrtsallee jemals realisiert worden war, ist jedoch umstritten. (Quelle: https://www.schloss-thunstetten.ch/de/Geschichte)

Die Kirche
Die erste Kirche ist im 12. Jahrhundert zusammen mit der Johanniter-Komturei, dem heutigen Pfarrhaus, gebaut worden. Davon zeugt noch der spätromanische Glockenturm, der offensichtlich aufgestockt worden ist. Die Komturei war eine wichtige Filiale der Johanniter. Bis zum Jahr 1528 lebten und arbeiteten die Johanniter hier in Thunstetten und gaben ihr Wissen weiter, so dass die ganze Umgebung davon profitierte. 1528 war das Jahr, in dem im Kanton Bern die Reformation durchgeführt und die Klöster aufgehoben wurden. Damit war das Ende der Johanniter-Komturei in Thunstetten besiegelt.
Die heutige Kirche wurde im Jahre 1745 gebaut. Sie trägt die Züge des damaligen Baustils, nämlich des Barock. 1931 wurde die Kirche gründlich renoviert, und es wurde eine elektrische Heizung eingebaut. Erst 1936 wurde auf der Westseite über dem Haupteingang der überdachte Vorbau erstellt. Ursprünglich hatte das Kirchenschiff eine Gipsdecke. Sie wurde durch eine Holzdecke ersetzt. Auch eine Portlaube wurde eingebaut. Bemerkenswert ist die Rundung der Empore.
Im Chor der heutigen Kirche fällt vor allem das Mittelfenster auf. Es zeigt den auferstandenen Jesus mit den Jüngern aus Emmaus (Lukas 24,13-35) vor einem Schloss. Ein zweites Glasfenster an der südlichen Wand zeigt Jesus beim Gebet in Getsemane (Markus 14, 32 – 42). An der gleichen Wand ist ein Kasten mit alten Blasinstrumenten eingelassen. Diese dienten zur Begleitung des Kirchengesangs, bis die erste Orgel, ein Geschenk von Johann Jakob Krähenbühl, im Jahre 1873 eingebaut wurde. 1916 wurde diese Orgel auf den doppelten Umfang erweitert, auf elektrischen Betrieb eingerichtet, mit zwei Manualen versehen und an die Wand zurückversetzt. Die heutige Orgel wurde 1969 von den Gebrüdern Wälti in Gümligen eingebaut.
Erwähnenswert ist der barocke Taufstein aus der Bauzeit sowie die Régence-Kanzel. Im Chorboden sind zwei Hartstein-Grabplatten eingelegt. Sie stammen vom zweiten Schlossbesitzer, Peter Thierri und seiner Gemahlin (aus den Jahren 1753 – 54). An der Nordwand hängt ein Epitaph (Grabplatte) aus St. Triphon-Stein aus dem Jahre 1795. (Quelle: https://www.kirche-thunstetten.ch/de/)

26. Juli 2025

Der digitale Nomade


Neulich ging ich (endlich, endlich) DEN Wanderklassiker schlechthin: Schynige Platte – Bachsee. Dochdoch, diese Route hat was! Alleine die Fahrt mit der Schynige Platte Bahn war das frühe Aufstehen wert. Der genial gewählte Streckenverlauf des Bergwanderwegs führte mich durch einzigartige Karstlandschaften, gepaart mit einer Aussicht, die seinesgleichen sucht.

Vom Faulhorn an herrschte indes erhöhtes Touristenaufkommen, und am Bachsee wurde die Situation derart skurril, dass ich auf die Fortsetzung zum First verzichtete und rechts in Richtung Grindelwald abdrehte. Zehn Minuten unterhalb des millionenfach fotografierten Sees sass, direkt am Weg unter einer aufgespannten Plane, ein Asiate. Bei näherem Betrachten sah ich, dass er auf den Knien ein Notebook bediente. Dieser Mann gefiel mir. Mühte sich Ferdinand Hodler anno 1906 auf Breitlauenen, der Zwischenstation der Schynige Platte Bahn, mit seiner ins Gelände geschleppten Staffelei mit der künstlerischen Darstellung von Brienzersee und Umgebung ab, hockt sich heute der Asiate neben den Wanderweg und verfasst hier womöglich seine Masterarbeit zur Frage: «Why is tourism taking on increasingly bizarre forms?» – Eine Frage, deren Antwort auch mich brennend interessieren würde. Schade, habe ich diesem digitalen Nomaden meine E-Mail-Adresse nicht gegeben.

11. Juni 2025

Schweiss der Sonne, Tränen des Mondes

Peter Lourie: Schweiss der Sonne, Tränen
des Mondes, Piper, München, 1994
Während eines Studienaufenthaltes in Equador lernt Peter Lourie einen reichen Grossgrundbesitzer kennen, der ihm von einem fabelhaften Schatz der Inkas erzählt. Gibt es diesen Schatz tatsächlich? Oder handelt es sich bloss um eine faszinierende Fiktion? Lourie macht sich auf in den Nebelwald Equadors, auf der Suche nach den letzten Nachfahren der Inkas und nach einem Schatz, den es vielleicht gar nicht gibt. (Inhaltsangabe im Buch)

20. Mai 2025

Eduard Spelterini

Diverse Autoren: Eduard Spelterini, Scheidegger & Spiess, Zürich, 2017
Der Schweizer Eduard Spelterini  (1852–1931) war ein bedeutender Ballonpionier und europaweit bekannt. Ab 1893 nutzte er seine Ballonfahrten für atemberaubende Luftaufnahmen. Als erster Mensch überflog Spelterini die Alpen und fotografierte sie, er verewigte Schweizer Städte, aber auch die Pyramiden von Giseh sowie Städte und Landschaften in Ägypten, im Orient und in Südafrika.

Das vorliegende Buch versammelt erstmals seit 1928 die schönsten und spektakulärsten Luftaufnahmen Spelterinis, direkt ab den originalen Glasnegativen reproduziert. Der Schriftsteller Alex Capus zeichnet Spelterinis abenteuerliche Lebensgeschichte nach, weitere Texte beleuchten die die Bedeutung seiner fotografischen und aviatischen Leistungen. (Klappentext)

10. Mai 2025

Neuauflage von Zoppis «Buch von der Alp»

Giuseppe Zoppi / René P. Moor: Das Buch von der
Alp, Edition Wanderwerk, Burgistein 2025
In seinem Erstlingswerk «Das Buch von der Alp», das 1922 auf Italienisch erschien, blickt der 1896 in Broglio (Val Lavizzara/Tessin) geborene Giuseppe Zoppi auf seine Kindheitsjahre zurück, die er im Sommer jeweils auf der Alpe di Brünèsc verbracht hat. Daraus entstanden ist eine Sammlung literarischer Prosatexte, die sich an den geografischen Gegebenheiten der Alp orientiert: Vom kleinen Bergdorf Broglio steigt man vorerst zum Maiensäss Monti di Rima hoch, um hernach zur weitläufigen, dreistafeligen Alpe di Brünèsc zu gelangen.

Rund 110 Jahre nach den Kindheitserlebnissen Zoppis bin ich mit der Kamera den beschriebenen Örtlichkeiten in Zoppis «Buch von der Alp» gefolgt. Hierbei hat mich die Frage angetrieben, was von der damaligen Zeit noch übriggeblieben ist: Gibt es noch Hirten auf der Alpe di Brünèsc? Finde ich den Stein auf Corte Grande, wo der junge Zoppi unzählige Stunden verbracht hat? Wie sieht es mit dem kleinen Bächlein auf Campagna aus? Und was ist mit dem Steinbrunnen auf den Monti di Rima? Ein mehrtägiger Besuch im oberen Maggiatal hat Erstaunliches zu Tage gefördert! Im neulich erschienenen Buch finden sich nebst Zoppis Text 58 stimmige Farbfotos einer Welt, in der heute etliches noch ziemlich genau so ist wie vor über 100 Jahren.

Das durchgehend vierfarbige Buch im Format 17 x 21 cm mit Hardcover und Fadenheftung ist ab sofort in der Edition Wanderwerk erhältlich.

13. September 2024

Widmer wundert sich weiter

Thomas Widmer: Neue Schweizer Wunder,
Echtzeit Verlag, Basel, 2024, 232 Seiten
Es ist nie zu spät für eine Rezension, insbesondere wenn es um eine weitere Perle aus dem Schaffen des unermüdlichen Thomas Widmers geht. Im vergangenen Mai legte er nämlich das Folgebändchen zu «Schweizer Wunder» vor: «Neue Schweizer Wunder». Wie der längst zum Wanderpapst avancierte Exil-Appenzell-Ausserrhödler im Vorwort betont, geht es ihm auch diesmal nicht um esoterischen oder schwärmerischen Firlefanz, sondern um Merkwürdigkeiten aus Natur, Geografie, Geschichte und Gegenwart, die ihm auf seinen Wanderungen immer wieder begegnen. Wunderbares und Wundervolles eben. Widmers Chuzpe ist es zu verdanken, dass er dem unterwegs Angetroffenen jeweils auf den Grund zu pflegen geht, hier recherchiert und da nachforscht, denn nicht selten offenbaren sich erst so die eigentlichen «Wunder». Insgesamt deren 103 sind es diesmal geworden.

Einmal mehr hat der Autor versucht, eine ausgewogene geografische Mischung zu schaffen. Speziell gut sichtbar wird dies in der mitgelieferten Schweizerkarte, die – kleiner Marketingtrick – auch die Wunderstandorte des ersten Bandes zeigen. Wer also zuerst den zweiten Band kauft, wird so mit einem Schlag visuell auf den ersten neugierig gemacht. Eigentlich müssten nun an dieser Stelle ein paar Beispiele aus dem neuen Buch erwähnt werden. Doch der Rezensent lässt dies bewusst bleiben, nicht, weil er das Buch nicht gelesen hat (bewahre, bewahre!),  diese Besprechung muss schlicht und einfach reichen, um die Leserschaft «gwundrig» genug gemacht zu haben. 

Fazit: Thomas Widmers «Neue Schweizer Wunder» sind, wie alle seine Werke, superb getextet und süffig zu lesen. Wo Widmer drauf steht ist auch Widmer drin. Wen wundert's?