24. Oktober 2022

Die Spirale – Etappe 16

Für heute hatte ich mir eine längere Strecke vorgenommen: von Krauchthal nach Münsingen – oder: gut 22 Kilometer durch Tälchen und über Hügel des nahen Emmentals. Düsteres Tageslicht, als ich im dösenden Krauchthal aus dem Postauto stieg. Lang der Gang im Schatten feuchter Gräben, ehe ich zum ersten Mal die Sonne erblickte. Die Nähe zum Emmental manifestierte sich an den zunehmend längeren Auf- und Abstiegen. Der sechste Spiralbogen hatte mich schon recht weit aus dem Zentrum Berns gebracht.

Ich war noch keine Stunde unterwegs, als ich in nördlicher Richtung den Jura erblickte, an dessen Fuss sich eine dichte Nebeldecke hinstreckte. Und als ich etwas später auf die Südseite des ersten zu überquerenden Hügels gelangte, sah ich mit Müh' und Not die Berner Alpen im föhnigen Wolkendunst. Ich hatte also genau richtig entschieden, nicht in die Berge zu fahren.

Kurz vor der Mänziwilegg eröffnete sich mir zu beiden Seiten des breiten Bergrückens eine wunderbare Aussicht, insbesondere die Sicht auf die Stadt Bern war derart klar, dass ich Frau Hugentobler auf dem Balkon im 16. Stock eines der Wittigkofer Hochhäuser beim Yoga zuschauen konnte. Von blossem Auge, wohlverstanden. Auf der Mänziwilegg herrschte statt des befürchteten Sonntagsausflugsverkehrs beschauliche Ruhe. Zu Hause ergaben meine Recherchen, dass das Restaurant an Sonntagen geschlossen ist. Für einmal kam mir das äusserst gelegen, denn ausser ein paar sich mit der Steigung abmühende Velofahrer war hier oben wirklich tote Hose.

Die Wanderspirale: in Grün die bislang absolvierte Strecke.


Die weiterhin aussichtsreiche Route liess mich einmal mehr auf zurückliegende Spiralwanderetappen zurückblicken. Wie auch schon erwähnt, macht dies mitunter den Reiz eines solchen Projektes aus: Du blickst nach rechts und siehst über mehrere Kilometer hinweg in ein Gelände, dass du schon mehrfach durchwandert hast. Es ist, als blicke man von der Aussenseite eines Baumstamms auf dessen Jahrringe. 

Auf dem Abstieg von der Mänziwilegg gelangte ich am Rüttihubelbad vorbei. 1756 erbaute Peter Schüpbach hier das erste Bauernhaus. 27 Jahre später analysierte der Apotheker Benteli eine eisenhaltige Heilquelle, beurkundete diese amtlich und legte damit den Grundstein für eine etwa zweihundert Jahre andauernde Badekultur. Das «heilende» Wasser und die reichhaltige Küche machte das damalige Rüttihubelbad weit über die Regionalgrenzen bekannt. 1986 kaufte die «Stiftung Rüttihubelbad» das in Konkurs geratene Restaurant auf und errichtete auf dem Rüttihubel den heute aus 10 Gebäuden bestehenden Weiler mit einem Hotel-Restaurant, einem Alterswohn- und Pflegeheim, einer sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft sowie dem Sensorium (erlebnispädagogische Dauerausstellung zum «Erfahrungsfeld der Sinne» nach Ideen von Hugo Kükelhaus. Ferner finden in einem kirchenartigen Bau kulturelle Veranstaltungen statt. Am Baustil der Gebäude ist die Nähe zur anthroposophischen Ideologie unverkennbar auszumachen. 

Je mehr ich mich dem Ziel näherte, umso wärmer wurde es. Der Föhn trieb die Temperatur derart nach oben, dass ich die letzten zwei Stunden im Kurzarmhemd ging. In Münsingen führte mich die Route quer durch das riesige Gartenpflanzengelände der Firma Daepp. Ich war beeindruckt ob der Vielfalt des Angebotes. Jedes noch so kleine Pflänzchen ist fein säuberlich angeschrieben, so dass man sich hier tagelang botanisch verlustieren könnte. Eine Bildstrecke zu dieser Etappe befindet sich hier.

19. Oktober 2022

Leubringen – Twann

Biel. Die Stadt, an deren Peripherie ich aufgewachsen bin. Die Stadt, in der ich zwei Jahre Orgelunterricht genoss. Die Stadt, in die ich zwei Jahre mit dem Velo zur Verkehrsschule fuhr und gleichsam zum Antiautomobilisten wurde. Biel: Hier besuchte ich im Gaskessel die ersten Rock-Konzerte, wehrte mich erfolgreich gegen das Kiffen, kaufte mir indes in einem kleinen Tabakwarenladen meine erste Pfeife – eine Butz Choquin. Im Hallenbad des Kongresshauses lernte ich schwimmen, am Neumarktplatz fotografierte ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben eine Verkehrspolizistin – damals noch eine Seltenheit. Und: Im März 1978 war ich im Stadion, als der EHC Biel Schweizermeister wurde. Kurz: Biel war meine Heimatstadt, in der ich mich mehr oder weniger wohlfühlte.

Und nun, nach Jahrzehnten, gehe ich durch altbekannte Strassen vom Bahnhof zur kleinen Altstadt und weiter an die Talstation der Leubringenbahn. Wenige Minuten später, der Blick von Leubringen (Evilard) – der Ort gehörte von 1798 bis 1815 gar zu Frankreich – über die Stadt, über die Hügel des Mittellandes, bis hin zu den im Morgendunst sich schemenhaft abzeichnenden Voralpen. Ich stabe los, bin im Nu im unverkennbaren Jura-Ambiente und somit im totalen Kontrast zur Stadt. Ich gehe durch oktoberbunte Wälder und vorbei an mit friedlich weidenden Rindviechern bestückten Wiesen. Einzig die fein säuberlich mit Bundesgeldern gehätschelten Anlagen der Sportschule Magglingen am sogenannten «End der Welt» wirken etwas deplatziert.
 
An diesem formidablen Herbsttag zelebriere ich daher so lange mein Wanderglück und somit die unnachahmliche Freiheit des Fussgängers, bis ich schliesslich im behäbigen Twann ankomme, nicht zuletzt im Wissen, weitere neue Abschnitte der Berner Wanderwege beschrittelt zu haben, und dass Biel schon lange nicht mehr meine Heimatstadt ist. • Fotos

13. Oktober 2022

Grengiols – Binn

Endlich wieder einmal an meinem Projekt «Ostwärts» gewerkelt. Spannende Route vom Haupttal der Rohne in den Mikrokosmos Binntal. Schmale, gut unterhaltene Pfade führen vom Ortskern von Grengiols in die Twingi-Schlucht. Die tosende Binna wird von einer hübsch geschwungenen Steinbogenbrücke – der sogenannten «Römerbrücke» – überspannt. Auf der gegenüberliegenden Talseite steigt man zur alten Talstrasse hoch, die sich in schwindelerregender Höhe über der Schlucht die steile Bergflanke entlangwindet. Das Wunder des Herbstlichts, goldgelbe Laubbäume, schmeichelnde Wärme: Wallis im Urlaubsmodus, selbst wenn es nur für einen bescheidenen Tag ist. Alles gut demnach? Nicht ganz. Die als «Twingi Land Art» betitelte Kunstausstellung entlang besagter historischer Kunststrasse wird für mich zum Ärgernis und wirft die Frage auf, was künstlerische Präsenz in einem derart faszinierenden landschaftlichen Ambiente zu suchen hat. Wäre es nicht sinnvoller, mit den zumeist als Provokation gedachten Installationen im urbanen Raum aufzurütteln, statt eine Schlucht – notabene in einem regionalen Naturpark von nationaler Bedeutung – mit «Kunst» zu verunstalten? • Fotos

10. Oktober 2022

Rüschegg-Heubach – Schwarzenburg

Herbstlicher Nebel in den Hügeln des Schwarzenburgerlandes. Gelb verfärbt die Blätter des Ahorns. Feuchte Wiesen und keine Menschenseele. Ein stetes Auf und Ab bis Streckenhälfte. Im ersten und einzigen Tobel zeigt ein Wegweiser zu den Gambachfällen. Kurz der Abstecher, beeindruckend der Fall im Nagelfluh-Ambiente. Im Abstieg nach Schwarzenburg fehlen mir die Wege. Ich improvisiere, gehe quer durch Feld und Wald. Pilze schiessen wie Pilze aus dem Boden. Für mich sind sie alle giftig, nicht so für jene, die sich auszukennen scheinen. Endlich lichtet sich das Grau. Der Blick ins Mittelland, fern der Jura. Ob ich mich je mit dem Flecken Schwarzenburg werde anfreunden können? Heute einmal mehr nicht. Die Strassen des halben Dorfes sind mit schmierigen Kuhfladen übersät. Es riecht fürchterlich, und der Gang an den Bahnhof wird zur einzigen Schlüsselstelle dieser Wanderung. • Fotos

2. Oktober 2022

Engadiner Abgründe

Gian Maria Calonder: Engadiner
Abgründe, Kampa, Zürich, 2018
Die ungewohnte Höhe bereitet Massimo Capaul, dem neuen Polizisten im Oberengadiner Bergtal, dröhnende Kopfschmerzen. Aber Zeit zum Ankommen bleibt dem Unterländer nicht. Noch vor dem offiziellen Dienstantritt muss er zu seinem ersten Einsatz: In Zuoz brennt eine Scheune. Und nur wenig später stirbt ihr Besitzer, der kauzige Rentner Rainer Pinggera. Ein vermeintlich natürlicher Tod. Dennoch geht Capaul seiner Ordnungsliebe folgend einigen Ungereimtheiten nach, an denen es nicht mangelt. Rudi, der Neffe und einzige Erbe des Alten, scheint nämlich nicht ganz unbeteiligt am Tod seines Onkels zu sein. Und auch bei allen anderen Angelegenheiten des Tals hat Rudi seine Finger im Spiel …

Bei seinen Ermittlungen lernt Capaul das ganze gesellschaftliche Spektrum des Oberengadins kennen, vom St. Moritzer Jetset bis zu den wortkargen Bauern in der schummrigen Dorfbeiz. Capaul entdeckt das wahre Gesicht hinter den auf Hochglanz polierten Kulissen dieses atemberaubend schönen Tals, mit seinen guten, aber auch seinen Schattenseiten.
(Klappentext)

GR: Samedan, Zuoz, St. Moritz (Hauptschauplätze), Albulapass, Samnaun