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16. Dezember 2025

Retro 2025 – 5


Für den 17. Mai 2025 lud das Kammerorchester St. Gallen zu einem «Wanderkonzert mit Viviane Chassot». Welch geniale Idee, dachte ich und erstand mir unverzüglich ein Ticket. Vor Konzertbeginn ging ich indes noch vom appenzell-innerrhodischen Sammelplatz nach Speicher, von wo ich mit der Appenzellerbahn zur Notkersegg und somit zum Ausgangspunkt des Wanderkonzertes fuhr.

Den musikalischen Auftakt bildete in der Klosterkirche Notkersegg ein Werk für fünf Celli von Joseph Bodin de Bosmortier und John Dowland. Hernach dislozierten die Konzertbesucherinnen und -besucher per pedes zum Manneweiher, wo der Saxofonist Peter Lenzin bei superber Akustik ein «Concert Suprise» intonierte. Das nächste Konzert bildete den glanzvollen Höhepunkt der Quadrologie: Nach längerem Fussgang hinab in die St. Galler Altstadt wartete in der Kirche St. Mangen das Kammerorchester St. Gallen mitsamt der renommierten Akkordeonistin, Viviane Chassot, mit Werken von Haydn, Mendelssohn Bartholdi und Piazolla auf. Den krönenden Abschluss bildeten unweit der Kirche, im Kreuzgang St. Katharinen, fünf dreistimmige Inventionen für ein Streichtrio von J.S. Bach.

Was für ein Tag im Herzen der Ostschweiz! Drei Kantone, eine umwerfende Landschaft, eine wunderbare Kantonshauptstadt, zwei Wanderrouten, die kaum Wünsche offenliessen sowie eine unglaubliche Anzahl an Musikerinnen und Musiker – Amateure wie Profis –, die für ein unvergessliches kulturelles Erlebnis sorgten. Für mich als Berner, Fussgänger und Fotograf eines der Highlights im zu Ende gehenden Jahr.

12. Oktober 2025

Analog vs. digital



So sehr ich digitale Karten liebe: Wenn ich zu Fuss unterwegs bin, ziehe ich jeweils die analoge topografische Karte vor. Einerseits bietet sie mir die bessere Übersicht, andererseits zwingt sie mich, ehrliche Kartenlesearbeit zu verrichten und ermöglicht es mir zudem, mich besser mit der Landschaft zu verschmelzen. Zudem ist die Papierkarte weder auf Internet- noch auf GPS-Empfang angewiesen. Kurz: In Sachen Orientierung bin ich voll und ganz auf mich und die Karte gestellt. Dies ist mit ein Grund, weshalb ich mich draussen bewege: die temporäre Flucht vor der technologisierten Welt, hin zum Einfachen, Wesentlichen.

Daher war ich neulich freudig überrascht, als sich mir beim Besuch der Ausstellung zur sehenswerten reformierten Kirche St. Martin von Zillis ein spezielles Bild darbot. Der Boden eines Teils der Ausstellung ist mit einer stark vergrösserten Landkarte im Massstab 1:25.000 belegt, auf der sich im Schams buchstäblich herumwandern und so die kur zuvor zurückgelegte Strecke im Zeitraffer noch einmal Revue passieren lässt.

17. April 2025

Die Klappentextlosen VII

Weitere neun Bücher, die ich gelesen habe, und die über keinen Klappentext verfügen, den ich so mir nichts, dir nichts hätte abkupfern können. «Die Patrizierin» von Josef Viktor Widmann fand ich indes so gut (alleine das Cover ist eine Augenweide), dass ich sie in meiner Edition Wanderwerk in sanft überarbeiteter Form und inklusive Klappentext herausgebracht habe.

Wolfdietrich Schnurre: Ein Fall für
Herrn Schmidt, Reclam, Stuttgart
1962
Josef Viktor Widmann: Touristennovellen,
Cotta'sche Verlagsbuchhandlung, 
Stuttgart, 1892
Albert-Louis Chappuis: Die Leute vom
Grathof, Mon Village, Vulliens, 1970
Ernst Zahn: Lukas Hochstrassers Haus,
C. Bertelsmann, Gütersloh, 1949
Kurt Pahlen: Denn es ist kein Land wie dieses,
Benteli, Bern, 1971
Jakob Hardmeyer: Die Gotthardbahn,
Verlag Hans Rohr, Zürich, 1979,
faksimile Ausgabe des Originals von 1888
Josef Viktor Widmann: Die Patrizierin,
Schmid/Francke & Co., Bern, 1888
Elsa M. Hinzelmann: Irrweg im Nebel,
Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich,
1943
Mrs. Henry Freshfield: Eine Sommertour in
Graubünden + den italienischen Tälern des
Piz Bernina, Nardo Lori, Basel, 2021


13. September 2024

Widmer wundert sich weiter

Thomas Widmer: Neue Schweizer Wunder,
Echtzeit Verlag, Basel, 2024, 232 Seiten
Es ist nie zu spät für eine Rezension, insbesondere wenn es um eine weitere Perle aus dem Schaffen des unermüdlichen Thomas Widmers geht. Im vergangenen Mai legte er nämlich das Folgebändchen zu «Schweizer Wunder» vor: «Neue Schweizer Wunder». Wie der längst zum Wanderpapst avancierte Exil-Appenzell-Ausserrhödler im Vorwort betont, geht es ihm auch diesmal nicht um esoterischen oder schwärmerischen Firlefanz, sondern um Merkwürdigkeiten aus Natur, Geografie, Geschichte und Gegenwart, die ihm auf seinen Wanderungen immer wieder begegnen. Wunderbares und Wundervolles eben. Widmers Chuzpe ist es zu verdanken, dass er dem unterwegs Angetroffenen jeweils auf den Grund zu pflegen geht, hier recherchiert und da nachforscht, denn nicht selten offenbaren sich erst so die eigentlichen «Wunder». Insgesamt deren 103 sind es diesmal geworden.

Einmal mehr hat der Autor versucht, eine ausgewogene geografische Mischung zu schaffen. Speziell gut sichtbar wird dies in der mitgelieferten Schweizerkarte, die – kleiner Marketingtrick – auch die Wunderstandorte des ersten Bandes zeigen. Wer also zuerst den zweiten Band kauft, wird so mit einem Schlag visuell auf den ersten neugierig gemacht. Eigentlich müssten nun an dieser Stelle ein paar Beispiele aus dem neuen Buch erwähnt werden. Doch der Rezensent lässt dies bewusst bleiben, nicht, weil er das Buch nicht gelesen hat (bewahre, bewahre!),  diese Besprechung muss schlicht und einfach reichen, um die Leserschaft «gwundrig» genug gemacht zu haben. 

Fazit: Thomas Widmers «Neue Schweizer Wunder» sind, wie alle seine Werke, superb getextet und süffig zu lesen. Wo Widmer drauf steht ist auch Widmer drin. Wen wundert's?

19. August 2021

Was die Welt nicht braucht

Anette C. Anton, Daniel Kiecol: Was
die Welt nicht braucht, Piper,
München, 2001
Endlich wird die Wahrheit gesagt über Hunde mit Halstüchern und ihre Besitzer, über Frauen, die nichts essen, aber trotzdem irgendwie am Leben bleiben, und über den Drang der Menschen, sich witzige Anrufbeantworteransagen auszudenken. Wir erfahren, welche vorzeitlichen Rituale hinter dem ganz gewöhnlichen Verhalten von Männern in Sitzungen stecken, was Eltern dazu treibt, ihre Kinder mit originellen Vornamen zu quälen, und was alles dabei herauskommen kann, wenn Deutsche beim Italiener versuchen, Espresso zu bestellen. Annette Anton und Daniel Kiecol haben die dümmsten und peinlichsten Gegenstände und Gepflogenheiten gesammelt, genüsslich seziert und zum Abschuss freigegeben. Der Lebensstil der «Generation Golf» wird treffend aufs Korn genommen. (Inhaltsangabe zum Buch)

6. April 2021

Himmel, Hölle, Rock 'n' Roll

Chris von Rohr: Himmel, Hölle, Rock 'n' Roll
Wörtersee, Lachen, 2019
In seiner Autobiografie «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» nimmt uns Chris von Rohr auf eine grosse Reise mit. Auf eine Reise mit vielen Glanzlichtern, aber auch Rückschlägen. Er schildert Erfahrungen, die klarmachen: Scheitern ist kein Problem, wenn man sich sein inneres Feuer bewahrt, wieder aufsteht und unerschrocken weitergeht. Chris von Rohr schreibt nicht nur über die Kunst des Songschreibens, des Liebens und des Lebens, sondern zeigt auch, was man bewegen kann, wenn man an seinem Traum arbeitet und wenn Leidenschaft, Wille und Hingabe auf die Spitze getrieben werden. Das Buch wird keine Leserin, keinen Leser kaltlassen, weil es das Sein hinter dem Schein offenlegt und uns Vertrauen und Kraft gibt, den eigenen Weg zu finden. Es macht Mut auf das Leben. Mut, etwas zu riskieren und freudvoll dem nachzugehen, was man im Herzen trägt. There’s no limit!

«Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» ist eine ebenso eindrückliche wie swingende Liebeserklärung an das Leben, an die Musik, an die Liebe, die Frauen, die Freundschaft, an das Streunertum und das Kindbleiben. Bei Chris von Rohr geht es immer ums Ganze. So witzig, unterhaltsam und so gnadenlos ehrlich und bestechend kompromisslos wurde die eigene Geschichte noch selten festgehalten. Würde es nicht nur für Musikalben, sondern auch für Bücher Edelmetallauszeichnungen geben, «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» bekäme Platin. (Klappentext)

Moors Fazit: Von Rohrs Autobiografie zeigt schonungslos die Zwiespältigkeit dieses Mannes aus Solothurn auf. Da ist über weite Strecken viel Arroganz und Überheblichkeit und wenig Demut. Doch von Rohr will es so, ist stolz darauf, frei nach dem Motto: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Immerhin, dies sei ihm zu Gute gehalten, kommt mit zunehmenden Lebensjahren (der Hardrocker wird heuer 70!) eine gewisse Altersmilde auf, die mich gegen Ende der Lektüre doch noch ein wenig versöhnlich gestimmt hat. Und auch seine politischen Ansichten lassen sich durchaus als vernünftig betiteln. Wer aus der Distanz wissen möchte, wie der Mann mit dem Kopftuch durchs Leben tickt, dem sei dieser 600-Seiten-Wälzer durchaus empfohlen.

12. März 2021

Mani Matter

Franz Hohler: Mani Matter, Benziger, Zürich/Köln, 1977
Mani Matter (1936–1972) ist durch seine Berner Chansons, die er auf unverwechselbare und brillante Weise vorzutragen wusste, berühmt geworden. Heute weiss man, dass seine literarische Bedeutung weit über das Chanson hinausgegangen ist.

Wer war dieser Mani Matter wirklich? Dieser Frage ist Franz Hohler nachgegangen, der mit Mani Matter über Jahre hinweg befreundet war. Aus Tagebuchnotizen und Selbstdarstellungen Mani Matters, aus Äusserungen seiner Freunde, aus Photos und Dokumenten, aus seiner eigenen Erinnerung hat Franz Hohler ein Bild gestaltet, das der menschlichen und schöpferischen Vielfalt Matters gerecht wird. So kommt neben der Geschichte seiner Lieder auch seine Tätigkeit als Jurist, seine Herkunft, sein politisches Engagement ausführlich zur Sprache.

Der Band enthält neben unveröffentlichten Texten zahlreiche grossformatige Photos und Dokumente aus privaten Archiven. Dieses Buch will keine Biographie im strengen Sinn sein, sondern ein Porträtband; ein Hommage an Mani Matter.
(Klappentext)

22. Februar 2021

Italien in vollen Zügen

Tim Parks: Italien in vollen Zügen, Kunstmann,
München, 2014
Tim Parks‘ Bücher über Italien sind «so lebendig, so voll mit köstlichen Details, dass sie als würdiger Ersatz für das Wirkliche dienen können» (Los Angeles Times). In diesem äusserst unterhaltsamen Reisebericht zeichnet Tim Parks ein authentisches Portrait italienischer Lebensweise – wie es sich auf Zugfahrten durch das Land erschliesst. Ob als Pendler in ratternden Regionalbahnen, beim Kampf mit tückischen Fahrkartenautomaten oder auf der Suche nach dem richtigen Gleis im majestätischen Hauptbahnhof Mailands, immer richtet sich sein literarischer Blick auf Details, auf Besonderheiten.

In unvergesslichen Begegnungen mit pedantischen Schaffnern und kauzigen Mitreisenden, mit Priestern und Prostituierten, Schülern und Verliebten fängt Parks ein, was für das italienische Leben so charakteristisch ist: die Obsession für Geschwindigkeit und zugleich der Sinn für lebensfreundliche Entschleunigung; die grossartigen Baudenkmäler und ihre fast schon gezielte Vernachlässigung; und die unsterbliche Begeisterung für ein gutes Argument und den perfekten Cappuccino.

Italien in vollen Zügen erzählt auch, wie die Eisenbahn dazu beigetragen hat, Italien als Staat zu konstituieren, und wie ihre Entwicklung das Bewusstsein Italiens von sich selbst reflektiert – von Garibaldi zu Mussolini zu Berlusconi und darüber hinaus.
(Klappentext)

Moors Fazit: Lesen! Unbedingt!

6. September 2020

Ich bin so hübsch

Hazel Brugger: Ich bin so hübsch, Kein &
Aber, Zürich/Berlin, 2006
Metzgerporno, Henkersmahlzeit und der Hoden der Nation. Hazel Brugger nimmt die ganz grossen Themen des Lebens in Angriff. Ihre Texte sind wie eine Sahnetorte im Gesicht: lustig und schmerzhaft in einem, sehr süss und zugleich ein bisschen widerlich. (Klappentext)

Was tun, wenn man nicht schlafen kann? Warum sind Männer so witzig? Und warum mästen wir unsere Haustiere? Hazel Brugger kennt die Antworten, denn sie hat den Röntgenblick auf unseren Alltag. Schonungslos, detailverliebt und mit viel Charme zerlegt sie die Welt in Einzelteile und führt ihre Leser dabei stets über einen schmalen Grat, mal still, mal wild, aber immer sehr komisch. (Website des Verlags)

Und das meinen die Medien, deren Meinung ich für einmal ausnahmslos teile:

  • Wunderbare Kolumnen über Metzger-Pornos, Sterbehilfe und adipöse Haustiere.    
  • Hazel Brugger kombiniert Beobachtungsgabe und Sprachbewusstsein mit einem eigenwilligen Blick auf die Welt.   
  • Brugger bestaunt die Allüren ihrer Generationsgenossen, ohne sich zu schonen.
  • Es passiert ganz schön viel Hazel Brugger momentan.
  • Sie ist eine Schnelldenkerin. Hazel Brugger ist ihrem Gegenüber immer einen entscheidenden Gedanken voraus. Das macht sie zu einer der wichtigsten Künstlerinnen der Schweiz. (...) «Ich bin so hübsch» ist die volle Dröhnung Wortakrobatik & Hochseilrhetorik.
Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Diverse»).

1. Mai 2020

Richtig leben mit Geri Weibel

Martin Suter: Richtig leben mit Geri
Weibel, Diogenes, Zürich, 2001
Nach dem grossen Erfolg von Martin Suters «Business Class», Geschichten aus der Welt des Managements, nun auch seine Fortsetzungsgeschichten um den «Trendforscher» Geri Weibel erstmals in Buchform. Sie begeistern seit Mai 1997 die Leser des Schweizer NZZ-Folio. Seit ein paar Wochen die interaktive Kultstory!

Es gibt Leute, die werden das Gefühl nicht los, dass sie bei jedem neuen Trend hinterher hinken. Andere dagegen wissen erst gar nicht, was sie lifestylemässig bisher alles falsch gemacht haben. Beides sind optimale Kandidaten für «Richtig leben mit Geri Weibel». Denn Geri hat sich – nachdem er in so ziemlich alle Fettnäpfchen getreten ist – zu einer Art Trendseismograph in Fragen des derzeitigen Lifestyle herangebildet. Von A wie Alkohol, B wie Begrüssungsküsschen, F wie Fitness, K wie Kult, P wie Personality, S wie Szenelokal bis W wie Wohnung oder Weihnachtsrummel – Geri hat sie alle durchbuchstabiert und sich seine Gedanken dazu gemacht. (Klappentext)