31. Januar 2022

Langete – Huttu

 Am Samstag werkelte ich an meinem Wanderrad von Langenthal weiter. Vorgesehen war die «Speiche Südost» von Langenthal nach Gondiswil. Es war himmlisch: Ein mitunter dadaistisch anmutendes Langenthal, vermooste Wälder, ein zunehmend blauer Himmel, winterliche Ruhe und viele landschaftliche Eindrücke bis hin zum grandiosen Alpenpanorama, das die Sicht von den Innerschweizer bis zu den Berner Oberländer Gipfeln beinhaltete.

Gondiswil erreichte ich kurz vor 13 Uhr, fünf Minuten vor Abfahrt des Busses nach Huttwil. Nun, gefahren wäre dieser, hätte ich ihn bis spätestens eine halbe Stunde zuvor telefonisch bestellt. Der «Bürgerbus GHU» verfügt zwar über einen durchaus bemerkenswerten Transportservice, so man im Internetfahrplan den kleinen Hinweis –  grosses R in einem Quadrat – wahrnimmt. Wie dem auch sei: Der nächste Bus wäre, Reservation vorausgesetzt, um 14 Uhr von Gondiswil abgegangen. Kurzerhand entschloss ich mich, diese Wartestunde gegen den Weitermarsch hinab nach Gondiswil Haltestelle zu tauschen.

In Gondiswil Haltestelle hielten einst die Züge der Bahnstrecke Wohlhusen–Huttwil ... und nun eben der ... Bürgerbus GHU ... Wie weiter also? Ich erwählte Huttwil zum heutigen Tagesziel. Hierbei hatte ich zwei Optionen: 1. entlang der stark befahrenen Kantonsstrasse oder 2. entlang den Bahngeleisen. Als Bahnfan war die Wahl schnell getroffen, zumal ein sogenannter Kabelkanal das Gehen neben den Geleisen nicht nur sicherer sondern auch deutlich einfacher machte. Bei einer Steigung von 23‰ auf 1755 Metern folgte ich dem Schienenstrang in der Manier eines Streckenwärters. Wirklich geheuer war mir dieses Vorhaben indes nicht, musste ich doch jederzeit mit der Durchfahrt eines Zuges rechnen. In regelmässigen Abständen blickte daher nicht nur weit nach vorne sondern auch hinter mich.

Und in der Tat: Wenige hundert Meter vor dem Vorsignal zum Einfahrsignal des Bahnhofs Huttwil tauchte in meinem Rücken ein NINA (Niederfluhr-Nahverkerszug) der BLS auf. Ich verliess den Kabelkanal und entfernte mich sachte vom Bahndamm. Der sich nahende Zug verlangsamte das Tempo und kam auf meiner Höhe beinahe zum Stehen ... Ich war kurz irritiert, zückte die Kamera und machte trotz allem ein Bild. Erwartete mich nun eine Schelte des Lokführers? Mir war das Ganze in keiner Weise recht. Der Zug beschleunigte indes das Tempo kurzerhand wieder und verschwand bald hinter einer Geländekurve.

Ich überquerte die Geleise und wandte mich fortan der um einiges gefährlicheren Kantonsstrasse zu, um endlich das nahende Huttwil zu erreichen. Mein Vorhaben, auf dem Bahnweg von Gondiswil Haltestelle nach Huttu zu gelangen und das Verhalten des Lokführers, beschäftigten mich noch lange. War ich leichtsinnig gewesen? Aus Sicht des Bähnlers kann ich mir gut vorstellen, dass dem so war. Sah er in mir womöglich einen potenziellen Selbstmörder? Ein schaler Nachgeschmack machte sich in der Foge breit. Wenn mir etwas fern liegt, dann so etwas: Der Bahn und ihren Angestellten einen Schrecken einzujagen. Wie dem auch sei: Die Bildstrecke zu dieser trotz allem wunderbaren Tour gibt es hier.

Langenthal – Gondiswil und die eigenwillige Fortsetzung nach Huttwil.

29. Januar 2022

Vom Oberaargau ins Emmental

Am 17. Januar 2016 winterwanderte ich vom oberaargauischen Kleindietwil nach dem emmentalischen Sumiswald. Es waren dies knappe 20 Kilometer voller behäbiger Eindrücke in einer Landschaft, wie sie Gotthelf und Gfeller treffend beschrieben haben. Einzig den Protagonisten bin ich nicht begegnet. Zu garstig war – zumindest auf den ersten zwei Dritteln der Route – das Wetter. Zum Glück hatte ich in meiner Digitalkamera einen Schwarzweissfilm eingelegt. Genau das richtige Trägermaterial für hügeliges Ambiente im Schneeweissmodus. Nun aber fertig geschwurbelt, hier geht es zu den Fotos.

Meine von A bis Z von den Berner Wanderwegen ausgeschilderte
Route, die ich übrigens sehr zur Nachahmung empfehle.

17. Januar 2022

Die Frau in den Dünen

Kobo Abe: Die Frau in den Dünen,
Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1984
Kobo Abe, Jahrgang 1924, erhielt für seinen Roman «Die Frau in den Dünen» 1960 den Yomiuri-Preis, die Verfilmung wurde 1965 in Cannes mit dem Kritiker-Preis ausgezeichnet. Als gebürtiger Tokioter, aufgewachsen in der Mandschurei, studierte Abe zunächst Medizin, um sich später ganz der Literatur zuzuwenden. Einflüsse von Poe, Dostojewski, Nietzsche, Heidegger, Kafka und Jaspers lassen sich in seinem Werk nachweisen.

Die ans Existentielle rührende Parabel von der Frau in den Dünen, die ebenso namenlos bleibt wie der Mann, der sich in ihre Welt aus Sand und Wind verirrt, kann auch als Schlüsselroman für die Bedingungen des Einzelnen in der japanischen Gesellschaft gelesen werden. Der westliche Leser fühlt sich unweigerlich an den Mythos des Sisyphos erinnert, wenn Abe den täglichen Kampf gegen eine nicht zu bezwingende Natur und ein nicht zu begreifendes Schicksal schildert. (Klappentext)

10. Januar 2022

Der Vergleich

Vergleicht eine zementierte Autostrasse mit einem Feldweg, eine asphaltierte Strasse mit einem Bergpfad: sie sind die Abbider verschiedener Kulturen, verschiedener Welten. Auf der einen Seite eine tiefe Lebensweisheit: ein den Weg begleitendes Bächlein, ein niedriges Mäuerchen, das Bildstöcklein, kühlender Schatten; auf der anderen Seite unbarmherzig harabbrennende Sonne, die Tankstelle, das heisere Geheul dahinsausender Autos, die Hast, die Ungeduld, unbarmherziger Egoismus.

Piero Bianconi, 1940

5. Januar 2022

Die Spirale – Etappe 10

Heute vor einem Jahr startete ich das Projekt «Die Spirale» am Zytglogge-Turm in Bern . Lagen damals etliche Zentimeter Neuschnee, so präsentierte sich mir an diesem 1. Januar 2022 ein komplett anderes Bild: Die Sonne schien vom stahlblauen Himmel auf eine komplett apere Landschaft. Frühlingshafte Temperaturen bis 15°C trugen dazu bei, dass ich auf dieser bislang längsten Etappe zeitweise arg ins Schwitzen kam. Waren diese drei mit Schnee gesegneten Dezemberwochen alles, was uns der Winter 21/22 zu bieten hatte?

Dabei begann der Tag bei eisigen Temperaturen und wie üblich an diesem Datum mit menschenleeren Strassen. Ich liebe das! Von Münchenbuchsee zog ich los, schaute als erstes bei der Büchertauschbörse am Bhnhof vorbei, wo ich mir ein ungelesenes Reclam-Büchlein mit Goethes Leiden des jungen Werther schnappte. Am Schloss verliess ich den Agglomerationsgürtel und tauschte diesen gegen den nahe gelegenen historischen Badweier Hofwil ein.

Die 20-Kilometer-Route von Münchenbuchsee nach Utzigen.
 Am Anfang des 19. Jahrhunderts schuf der Berner Philipp Emanuel von Fellenberg in Hofwyl unter anderem sein Bildungsinstitut für die Söhne höherer Stände. Auch die Leibeserziehung hatte für die künftigen Regenten Europas einen grossen Stellenwert im Bildungsangebot. Nachdem der Sohn eines bayrischen Generals beim Schwimmen im Moossee ertrunken war, liess von Fellenberg an dieser Stelle in den Jahren 1822/23 ein Schwimmbecken mit Sprungturm bauen. Es war das erste künstliche Schwimmbad in der Schweiz. In ganz Europa gab es vorher nur in Hamburg eine solche Anlage. Mit einer eigenen Quelle diente der Badweiher später auch dem Seminar Hofwil als Schwimmbad. 1971 genügte er aber den hygienischen Anforderungen nicht mehr. Der Kanton Bern als Eigentümer entschloss sich, die Anlage als Denkmal zu erhalten. Das bedingte eine Renovation des Badhauses und später auch der Sandsteinstufen, die aus finanziellen Gründen durch Betonelemente ersetzt wurden.

Es folgte der Golfplatz, wo ebenfalls tote Hose herrschte, was mir sehr zupass kam, konnte ich mich bei dessen Durchquerung sicher sein, nicht von herumfliegenden Golfbällen getroffen zu werden. Unweit dieses Areals, wo Menschen sich unbewusst der Lächerlichkeit hingeben, indem sie kleine Bälle in Löcher zu schlagen versuchen, unweit davon dann der Moossee, ein naturgeschütztes Überbleibsel, das wir einem Walliser zu verdanken haben: dem Rhonegletscher, der in der letzten Eiszeit bei Urtenen-Schönbühl einen Moränenwall zurückliess und sich so ein See, der Moossee eben, bilden konnte. Ein Kleinod und gleichsam Naherholungsgebiet mit Spazierwegen und einer schön gelegenen Badeanstalt. Die Idylle wird einerseits vom Lärm der nahen Autobahn arg getrübt, andererseits ist der Seegrund arg mit Pestiziden belastet. Tja.

Mit Schönbühl erreichte ich das zweite, nicht eben hübsche Agglodorf im Nordosten Berns. Ich erhöhte die Gehkadenz, um so schnell wie möglich an den Ortsrand und somit in die bewaldeten Ausläufer des Grauholzes zu gelangen. Welch wohltuender Gegensatz dann der schattige aber friedliche Forst! Ich schritt weiter zügig voran, um möglichst bald auf die besonnte Seite des Hügels zu gelangen. Hier empfing mich ein lichtdurchfluteter Laubwald in dem die Buche dominierte. Die rostbraunen Blätter bedeckten den Boden und malten so einen Teppich in die Landschaft, der seinesgleichen sucht.

Im Örtchen Hueb hiess mich ein grosses Plakat im Emmental willkommen. Emmental! So weit war ich also schon spiralgewandert. Auch wenn ich an meinem Ziel heute das Emmental wieder werde verlassen haben, bei der nächsten Umdrehung gelange ich wieder in dieses topografisch komplett zerfurchte Land usw. usf.

Langsam ging es nun ans Eingemachte. Auf einem steilen und glitschigen Karrweg arbeitete ich mich im Wald den Hügelzug empor, der das Krauchtal vom Lindental trennt. Oben angelangt, eine komplett andere Welt, in der tatsächlich das ganze Jahr über Menschen leben. Klosteralp nennt sich der idyllisch gelegene Flecken, wo ein paar Schafe unaufgeregt vor dem Hof herumgrasen. Ab hier führte ein schmaler und teilweise äusserst glitschiger Pfad auf dem Hügelgrat weiter, ehe eine scharfe Rechtsbiegung den steilen Abstieg zu den Höhlenwohnungen von Krauchthal markierte. An diesen für heutige Verhältnisse sonderbaren Behausungen bin ich mehrsmals schon vorbeigekommen und habe vor einiger Zeit in meinem Blog über die Entstehungsgeschichte der Wohnstätten berichtet.

Der heikle Abstieg hatte sich indes gelohnt, denn kurz vor der ersten Höhlenwohnung zeigte sich mir ein wunderbarer Blick auf das Dorf Krauchthal und die auf einem Felssporn gelegene Strafanstalt Thorberg. Unten an der Lindentalstrasse begann der letzte Abschnitt. Und ja, es ging wieder bergauf, ging in den Wald, südwärts. Südwärts der Aussicht entgegen, vorerst noch ein wunderbarer Pfad im Steilwald, an dessen Ende es mir beinahe die Sprache verschlug. Der Blick über den Rosshubel hin zu den Alpen, zuvor das, in leichten Dunst gehüllt, sich ausbreitende Mittelland. Und keine Menschenseele weit und breit.

Getoppt wurde die Schau einen Kilometer weiter, als ich auf den Rücken der Gumihöhe gelangte. Meine Kamera schluckte Megapixel um Megapixel. Vom Wetterhorn über das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau bis zur Stockhornkette, die Freiburger Voralpen und schliesslich dem Chassral: alles da! Alles in atemberaubender Schärfe. Selbst die Häuser der Stadt Bern zeigten sich von hier oben in einer erstaunlichen Klarheit. Da können mir sämtliche Silvester-Feuerwerke mit dem dummen Geknalle gestohlen bleiben. Was ich hier an diesem ersten Tag im neuen Jahr sah, erfüllte mich derartigem Glück, dass ich mich auf einmal fragte, ob dies ein gutes oder schlechtes Omen für die restlichen 364 Tage bedeutete.

Wie dem auch war und sei: Zwanzig Minuten nach dieser Panorama-Orgie wartete ich in Utzigen zufrieden auf das Postauto, das anschliessend in einem Höllentempo den Berg hinab nach Boll donnerte, wo mich das S-Bähnchen und somit der ganz normale Neujahrstag wieder hatte. Die Fotos zu all dem gibt es hier.

Die Spirale: In Grün die bislang absolvierte Strecke.


3. Januar 2022

Gefährliche Ferien – Die Alpen

Diverse Autoren: Gefährliche Ferien –
Die Alpen, Diogenes, Zürich, 2017
Ein Buch fürs Handgepäck oder für die Reise im Kopf – zu den höchsten Gipfeln und in die tiefsten Abgründe, die die Alpen zu bieten haben.

Die schwindelnden Höhen verführen zu riskanten Kletterpartien, zu Mordphantasien und zu Hochgefühlen, von denen man sich nur schwer erholt. Dabei werden Sie begleitet von Meistern krimineller und seelischer Abgründe wie Donna Leon, Wolfgang Herrndorf, Benedict Wells, Martin Suter, Alex Capus, Veit Heinichen, Jörg Maurer und vielen anderen. Mit einer Exklusivgeschichte von Thomas Meyer. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein 278-Seiter, der sich bestens eignet, neue oder alte Autorinnen und Autoren kennenzulernen. Wolfgang Herrndorf war für mich in diesem Fall eine Entdeckung!

2. Januar 2022

Albin

Peter Sarbach: Albin, Iszapfe Verlag,
Koblenz, 2003 (vergriffen)
Der Mundartroman «Albin» des Berners Peter Sarbach handelt von Liebe und Abenteuer, Verlieren und Finden, Seejungfrauen und dunklen Gestalten. Erstmals veröffentlicht der «freakige» Künstler Geschriebenes in einem Verlag, was ihn nicht zum Dilettanten, aber doch zu so etwas wie einem Anfänger macht. Mundart und ein oft burschikoser Ton machen das Lesen nicht immer einfach. Trotzdem nimmt einen die phantasievolle, märchenhaft naturalistische Erzählung für das im «Berner Barock» gestaltete Büchlein ein.