31. Dezember 2021

2021 retrospektiv

Das Jahr 2 im COVID-19-MODUS war wandermässig trotz aller Widerwärtigkeiten ziemlich ergiebig. Wenn auch nicht alle Vorhaben wie gwünscht vorangetrieben werden konnten, so darf der Schrittler mit der heurigen Ausbeute in grosso modo zufrieden sein. Und: Was nicht geworden ist, wird hoffentlich bald noch werden, wenn auch – nüchtern betrachtet – die virologische Lage ein Andauern der mühsamen Situation verspricht.

2021 unternahm ich insgesam 82 Wanderungen. Diese führten mich in die Kantone Waadt, Wallis, Bern, Freiburg, Neuenburg, Solothurn, Luzern, Jura, Aargau, Schaffhausen, Zürich, St. Gallen und Graubünden. Mit zwei Wanderungen im Fürstentum Liechtenstein und ein  paar wenigen Kilometern in Italien wagte ich gar den Schritt ins europäische Ausland. Nebst 4 Nächten in einem Hotel verbrachte ich deren 9 im Zeltbiwak. Insgesamt legte ich auf diesen 82 Wanderungen 1084,9 Kilometer zurück.

Alle 82 Wanderungen im Überblick. Um die Karte zu vergrössern, bitte anklicken

Die Projekte
Nach 39 Wanderjahren habe ich am 5. Oktober in Brusio die letzte noch verbleibende Gemeindebegehung vollzogen. Somit war ich in sämtlichen der 2395 Gemeinden (Stand 31.12.2012) zu Fuss unterwegs!

Weiter vorangetrieben habe ich die Besteigung sämtlicher Aussichtstürme der Schweiz. Hierbei sind 24 neue Begehungen hinzugekommen, dies, jeweils in Verbindung mit einer Wanderung. Und auch in diesem Jahr hat sich gezeigt, dass dieses «Turmsammeln» durchaus seinen Reiz hat, ist es doch weit mehr als ein profanes Abhaken künstlicher Objekte.
 
Ein vermutlich nie enden wollendes Vorhaben ist die Begehung aller Wanderrouten der Berner Wanderwege. Dennoch habe ich auch heuer nicht locker gelassen, nicht zuletzt deshalb, weil es sich einfach lohnt! Insgesamt war ich an 22 Tagen auf bislang unbeschrittelten Abschnitten unterwegs.
 
Gänzlich im Stich lassen musste ich mein Vorhaben, zu Fuss in Richtung Nordkap zu gehen. Was anno 2019 in Forbach, im nördlichen Schwarzwald endete, blieb auch heuer wegen der «Seuche» nicht weitergeführt.
 
Weil Not bekanntlich erfinderisch macht (siehe unmittebar oben), habe ich mir im vergangenen Jahr vier neue Projekte ausgedacht, die ich 2021 in Angriff genommen habe. Am 1. Januar ging es bereits los mit dem Projekt Wanderspirale. Ausgehend vom Zytgloggeturm in Ben drehe ich im Abstand von jeweils zwei Kilometern eine Spirale um die Landeshauptstadt. Anvisiertes Ziel ist mein Wohnort Burgistein. Bislang sind 9 von 48 Etappen und 152 von 816 Kilometern absolviert worden.
 
Das zweite neue Vorhaben verfolgt die Idee, die Schweiz vom Genfer- zum Bodensee im Wald zu durchqueren. Da es zwischen diesen beiden Seen keinen durchgehenden Wald gibt, habe ich eine Route ausgeknobelt, die so oft, wie es irgendwie geht, in bewaldetem Gebiet verläuft. Start des Projektes war am 24. April in Lausanne, von wo ich es in zwei Tagen – Zeltübernachtung im Wald inbegriffen – nach Lucens im Broyetal schaffte.

Seit der Umrundung der Kantone Aargau und Zug hege ich eine spezielle Verbindung zu Land und Leuten dieser Gegenden. Um nun einmal einen französischsprachigen Kanton mit der Bewanderung seiner Grenze zu beehren, habe ich das Projekt Neuchâtel lanciert. Ausgehend von der Stadt Neuenburg umrunde ich den schönen Jurakanton im Gegenuhrzeigersinn. Die erste Etappe von Neuenburg nach Le Landeron ist bereits vollbracht, und ich habe im Zuge meiner Recherchen bereits viel über den einst unter preussischer Herrschaft stehenden Kanton erfahren.

Der Start zum vierten neuen Vorhaben stellte gleichzeitig die letzte Wanderung in diesem Jahr dar. «Das Wanderrad von Langenthal» nennt sich das Projekt und beinhaltet insgesamt 16 Wanderungen. Die Hälfte davon führen vom Langenthaler Bahnhof in alle gängigen Windrichtungen, also N, NO, O, SO, S etc. Jede dieser 8 Wanderungen ist ungefähr gleich lang und bilden somit die Speichen dieses Wanderrades. Die zweiten 8 Wanderungen bilden die Felge und verbinden alle 8 Endpunkte der ersten 8 Wanderungen. Auf der Karte sieht dies dann so aus:


29. Dezember 2021

Das Wanderrad von Langenthal

Die Idee kam mir neulich auf meiner Spiralwanderung rund um Bern: Acht mehr oder weniger gleich lange Wanderungen von einem zentralen Punkt aus. Die Wanderrouten richten sich nach der Windrose von N, NO, O, SO, S, SW, W bis NW. Also quasi das Gegenteil einer Sternwanderung, bei der in der Regel von verschiedenen Punkten an einen zentralen Ort gegangen wird. Sofort war für mich auch klar, dass ich nicht von einer Sternwanderung sondern von einer Strahlenwanderung sprechen würde.

Wieder daheim, machte ich mich umgehend an die Planung. Von entscheidender Bedeutung war der zentrale Punkt. Dieser musste zwangsläufig im Mittelland liegen, wollte ich mich doch nicht mit unwegsamem und steilem Gelände befassen. Und auch stehende oder fliessende Gewässer sollten das Unternehmen nicht zu stark einschränken. Diese minimalen Anforderungen brachten mich bald einmal zur Lösung: Langenthal sollte den Ausgangspunkt darstellen. Die von hier ausgehenden, in die genannten Windrichtungen führenden Luftlinien bemass ich mit 10 km Länge. Am Ziel sollte selbstverständlich eine Anbindung an den öffentlichen Verkehr bestehen.

Die exakte Festlegung der acht Routen erfolgte dann mit Hilfe der digitalen Landeskarte SwissMap 25. Die Strecken sollten möglichst nahe der Luftlinie verlaufen. Mit wenigen Ausnahmen liessen sich eine Bahn- oder Bushaltestelle am Ende der jeweiligen Strecke finden. Wo dies nicht der Fall war, verkürzte oder verlängerte sich das Ganze. Am Ende hatte ich folgende Etappen elaboriert:

  1. Langenthal – Oberbuchsiten • 15,7 km
  2. Langenthal – Gländ • 14,5 km
  3. Langenthal – Richenthal • 16,8 km
  4. Langenthal – Gondiswil • 15,3 km
  5. Langenthal – Walterswil • 15,2 km
  6. Langenthal – Hermiswil • 12,6 km
  7. Langenthal – Wangenried • 11,9 km
  8. Langenthal – Niederbipp • 12,0 km

Dies ergab auf der Karte folgendes Bild:


Da fehlt noch etwas, dachte ich, als ich mir diese «Strahlen» zum ersten Mal im Gesamtüberblick besah. Und was lag näher, als die Enden noch miteinander zu verbinden, so dass aus den Strahlen Speichen und dem Ganzen schliesslich ein Rad wurde. – Also habe ich noch einmal acht Etappen geplant:

  1. Oberbuchsiten – Niederbipp • 11,2 km
  2. Niederbipp – Wangenried • 12,6 km
  3. Wangenried – Hermiswil • 12,9 km
  4. Hermiswil – Walterswil • 14,4 km
  5. Walterswil – Gondiswil • 12,0 km
  6. Gondiswil – Richenthal • 14,6 km
  7. Richenthal – Gländ • 13,8 km
  8. Gländ – Oberbuchsiten • 13,2 km

Und somit war das «Wanderrad von Langenthal» geboren!



Aus wandertechnischer Sicht fällt auf, dass alle 16 Wanderungen mehr oder weniger gleich lang sind. Zeitliche Unterschiede ergeben sich durch die unterschiedliche Topografie. In geografischer Hinsicht werden mit die Touren in die Kantone Bern, Aargau, Luzern und Solothurn führen. Hierbei durchstreife ich nicht nur die Ausläufer des Emmentals sondern auch das Mittelland und selbst ein kleines Stück Jura. Anhand der beiden Etappengruppen (Speichen und Felge) ist ersichtlich, dass sich die Reihenfolge der Speichenwanderungen (total 114 km) nach dem Uhrzeigersinn und die Felgenwanderung (total 114,7 km) gegen den Uhrzeigersinn richtet.

An einem düsteren 27. Dezember 2021 machte ich mich nun zum ersten Mal auf den Weg und ging von Langenthal nach Oberbuchsiten. Über meine optischen Eindrücke berichtet eine ausführliche Bildstrecke mit viel Schmunzel- und Kopfschüttelpotenzial.

17. Dezember 2021

Bestseller

Isabelle Flükiger: Bestseller, Rotpunkt,
Zürich, 2013
Die Ich-Erzählerin träumt davon, einen Bestseller zu schreiben, muss fürs Erste aber noch einem Job im Kulturbetrieb nachgehen. Während ihr Freund als angehender Lehrer gerade in seinem Idealismus von der harten Realität ausgebremst wird. Zusammen warten sie darauf, dass das richtige Leben beginnt – und ahnen doch, dass sie sich anpassen und fortpflanzen werden, wie alle anderen auch.

Bis Gabriel vom Himmel fällt, sprich ein reizender kleiner Hund eines Morgens in ihrem Garten sitzt. Mit seiner schier ansteckenden Lebensfreude stellt er nicht nur ihr mittelmässiges Leben infrage, sondern scheint fortan auch ihr Schicksal zu beeinflussen. Jedenfalls überstürzen sich die Ereignisse, und was mit grossen treuen Hundeaugen begann, läuft auf eine erste veritable Lebenskrise hinaus, die dem jungen Paar nicht nur ganz neue Perspektiven beschert – sondern auch ihr eigenes Leben zum Bestseller macht.

Isabelle Flükiger erweist sich in ihrem ironisch-verzweifelten Roman als Seismografin unserer Zeit. In ihrer hinreissend komischen Sprache beschreibt sie die Lebenswelt der Dreissigjährigen, die sich nichts erkämpfen mussten. Dort herrscht Panik vor dem langweiligen Dasein in einem Land, in dem nichts passiert. Aber wenn die seichte Ruhe erst einmal gestört ist, tritt deren ungeheures Potenzial zutage. (Klappentext)

15. Dezember 2021

Der Wanderer

von Friedrich Nietzsche

Es geht ein Wand'rer durch die Nacht
Mit gutem Schritt;
Und krummes Tal und lange Höhn –
Er nimmt sie mit.
Die Nacht ist schön –
Er schreitet zu und steht nicht still,
Weiss nicht, wohin sein Weg noch will.

Da singt ein Vogel durch die Nacht.
«Ach Vogel, was hast du gemacht!
Was hemmst du meinen Sinn und Fuss
Und giessest süssen Herz-Verdruss
Ins Ohr mir, dass ich stehen muss
Und lauschen muss –
Was lockst du mich mit Ton und Gruss?»

Der gute Vogel schweigt und spricht:
«Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht
Mit dem Getön.
Ein Weibchen lock' ich von den Höhn –
Was geht's dich an?
Allein ist mir die Nacht nicht schön –
Was geht's dich an? Denn du sollst gehn
Und nimmer, nimmer stille stehn!
Was stehst du noch?
Was tat mein Flötenlied dir an,
Du Wandersmann?»

Der gute Vogel schwieg und sann:
«Was tat mein Flötenlied ihm an?
Was steht er noch?
Der arme, arme Wandersmann!»

13. Dezember 2021

Das Mädchen, das gehen wollte

Barbara Schaefer: Das Mädchen, das gehen
wollte, Diana Verlag, München, 2009
Als Barbara Schaefer erfährt, dass ihre Freundin Katja am Hohen Dachstein tödlich verunglückt ist, packt sie das Nötigste in einen Rucksack und verlässt Berlin in Richtung Süden. Sie geht in zwei Etappen insgesamt fast sechs Wochen, geht rund 25 Kilometer am Tag und kommt so über Dresden und Theresienstadt nach Prag und schliesslich durch Böhmen und den Bayerischen Wald in die Berge. Schon immer konnte Barbara Schaefer durch das Gehen Energie tanken, jetzt hilft es ihr, der Trauer nachzuspüren und Abschied zu nehmen.

Eine Reise, auf der die Autorin zurück ins Leben findet. Sechs Wochen im Leben einer Frau, die um einen geliebten Menschen trauert und dafür 900 Kilometer von Berlin nach Österreich geht. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein wunderbar geschriebenes Buch über eine Fernwanderung durch drei Länder, über eine Frauenfreundschaft und nicht zuletzt über das Leben selbst.

11. Dezember 2021

Im Stillen klagte ich die Welt an

Dora Stettler: Im Stillen klagte ich die
Welt an, Limmat, Zürich, 2009
Im Sommer 1934 werden zwei Mädchen aus der Stadt Bern auf einen abgelegenen Bauernhof in Pflege gegeben. Auf dem Hof herrscht ein harsches Regiment, die beiden werden als Gratismägde ausgenutzt und wegen Kleinigkeiten verprügelt, der Bauer stellt ihnen nach.

Dann kommen die Missstände aus, die Kinder werden umplatziert. Aber wieder verrichten sie harte Arbeit, wieder werden sie geschlagen. Als der Alptraum nach vier Jahren ein Ende hat, sind die Elf- und Zwölfjährige für ihr Leben geprägt: vom Gefühl, nichts wert zu sein. (Klappentext)

Moors Fazit: Erschütternd, traurig und alles andere als die heile Schweiz darstellend. Nach der Lektüre erscheint mir das in den vergangenen Monaten zelebrierte öffentliche Gejammere und Getrychle gewisser Kreise als vergleichsweise lächerlicher Aktionismus spätpubertierender Möchtegernrevoluzger.

9. Dezember 2021

Banken, Blut und Berge

Peter Zeindler: Banken, Blut und Berge,
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1995
Der Schweizer Nationalrat Jean Ziegler gilt seit seinem Sachbuchbestseller «Die Schweiz wäscht weisser) als Nestbeschmutzer. Die saubere Schweiz als «Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens» zu bezeichnen, bleibt auch in der helvetischen Gesellschaft nicht ohne Folgen. So sublimiert der Zürcher Peter Zeindler in seiner Anthologie das Image vom AIpenland der «Banken und Banditen»: «Nein, nichts von all dem. Keine Klischees! Das zeichnet den Schweizer Krimi aus. Seine Geschichten wachsen aus düsteren Zimmern mit tiefhängenden Decken, nisten im Ehebett unter gemütlich rot-weiss-kariertem Federbett, steigen wie Dampf aus den Suppentellern auf blankgescheuerten Tischen in der guten Stube und in Wirtshäusern, motten in Aktenschränken von Amtsräumen.» Denn diese eidgenössischen Autoren loten nicht die Abgründe des Bankgeheimnisses, sondern die Untiefen seelischer Deformationen aus.

Neben einer Geschichte von Friedrich Glauser vereinigt diese Anthologie Erzählungen von Roger Graf, Paul Lascaux, Jürg Acklin, Ulrich Knellwolf, Felix Mettler, Peter Höner, Christa Weber, Werner Schmidli, Milena Moser, Verena Wyss, Marcus P. Nester, Cristina Achermann, Peter Zeindler und Jürg Weibel. (Inhaltsangabe zum Buch)

7. Dezember 2021

Die Spirale – Etappe 9

Die Route der 9. Etappe der Wanderspirale.
18,3 Kilometer lang war sie, diese von etwas Sonne und mehrheitlichem Nassschneefall geprägte Etappe von Bern-Brünnen Westside nach Münchenbuchsee. Und einmal mehr entpuppte sich eine vermeinlich unspektakuläre Wanderung als äusserst zufriedenstellendes, geistiges und körperliches Unterfangen.

Es begann um 8.10 Uhr mit der dadaistischen Düsterstimmung auf dem menschenleeren, mit mickrig wirkenden Designersitzen ausgestatteten Vorplatz des vorweihnächtlich beleuchteten Konsumtempels «Westside». Auf der Westseite von «Westside» wurde die Szenerie noch skurriler: Die Autobahn, die vom Gebäudekoloss verschluckt wurde, daneben quellte aus der Fassade ein dickdarmartiges Röhrengebilde in provozierendem Rot hervor. Der weit und breit einzige Farbtupfer in einer von Menschenhand brutal umgekrempelten Landschaft.

Das Grauen dauerte indes nicht lange. Über eine Hügelkuppe gelangte ich auf den Wohleiberg. Rechterhand ragten die Antennenmasten der 2016 stillgelegten Sendeanlage der einst einzigen Küstenfunkstelle eines Binnenstaates in den Himmel. Auf leicht vereistem Strässchen schritt ich vorsichtig-gemütlich hinab zum Wohlensee, wo urplötzlich die Sonne durch die Wolken schien. Ich frohlockte. Allerdings nur bis etwas oberhalb von Oberwohlen, also eine gute halbe Stunde. Vom inzwischen bleiern gewordenen Himmel fielen die ersten Schneeflocken.

In einem Waldstück setzte ich meinen Regenhut auf, trank einen Schluck und stopfte mir ein paar Datteln in den Mund. Das Schneetreiben wurde dichter. Glücklicherweise blieb es auf der gesamten Etappe windstill, was mir, der perfekten Winterbekleidung sei es gedankt, ein wohliges Voranschreiten ermöglichte. Die Gemütlichkeit erlitt indes einen zeitweiligen Dämpfer, als vor mir ein grösseres Waldstück auftauchte, wo eigentlich kein Waldstück hätte auftauchen sollen. Kurz: Ich hatte in Schüpfenried einen falschen Weg eingeschlagen und ging statt nach Osten Richtung Norden. Der Fehler entpuppte sich jedoch als wenig gravierend. Die «falsche» Route war problemlos zu korrigieren und zudem gänzlich mit einem Naturbelag versehen, was an diesem Tag eher die Ausnahme darstellen sollte.

Im Weiler Weissenstein war ich dann wieder auf Kurs und pflügte mich durch hügeliges Gelände weiter durch den fallenden Nassschnee. Beim Hof Husmatte landete ich mitten in einem Weihnachtsbaumverkauf. Ein etwa sechs Meter hoher, aufgeblasener Samichlaus machte die vorbeifahrenden Fahrzeuge auf den Anlass aufmerksam. Wer kauft denn jetzt schon ein «Bäumli», fragte ich mich. Zum Glück nicht mein Problem, sind wir doch zu Hause seit Jahren mit einem künstlichen Baum zufrieden.

Vom nahen Jetzikofen stieg ich den sanft geneigten Hügel hoch. Oben angekommen verschwand ich für längere Zeit in einen Wald. Auf einer grösseren Waldlichtung gelangte ich am Hof Kohlholz vorbei. Dieser hiess vor ein paar Jahren noch Herrencholholz. Natürlich würde mich interessieren, was es mit dieser Verkürzung auf sich hat, und ob nun auch Flurbezeichnungen gendermässig einer Korrekur – oder, wie im vorliegenden Fall, einer Zensur – unterzogen werden.

Als ich oberhalb von Diemerswil aus dem Wald trat, liess der Schneefall nach und machte innerhalb von zehn Minuten ein paar Sonnenstrahlen Platz. Ich blickte hinab nach Münchenbuchsee und war erstaunt, wie schnell ich die Strecke von Berns Westen in Berns Norden zurückgelegt hatte. Spannend dann auch der Wechsel vom äusserst ländlichen Weiler Diemerswil – Diemerswil bildet mit 203 Einwohnern nach wie vor eine eigene politische Gemeinde, derzeit sind Fusionsverhandlungen mit der Gemeinde Münchenbuchsee im Gange – in das dicht bevölkerte Münchenbuchsee. Dabei beträgt die Distanz zwischen den beiden Siedlungen lediglich 500 Meter. 

Die letzte Viertelstunde ging ich also durch dieses Münchenbuchsee, gelangte am Geburtsort des Malers Paul Klee vorbei, bestaunte die etwas überdimensioniert wirkende Kirche und machte am Ziel eine Foto des im Laubsägelistil gebauten, aber längst nicht mehr mit Bahnpersonal besetzten Bahnhofgebäudes, ehe ich mich – vorfreudig auf die nächste Etappe – mit der Bahn nach Hause chauffieren liess, wo ich mich genüsslich über die geschossenen Fotos hermachte.

Die Wanderspirale von Bern: In Grün die absolvierte und in Rot die geplante Route.



5. Dezember 2021

400 Kilometer Heimat

Charly Wehrle: 400 Kilometer Heimat, Panico,
Köngen, 2018
In 12 Tagen ist Charly Wehrle um seine oberschwäbische Heimat gewandert und hat dabei seine Erlebnisse, Eindrücke und Gedanken aufgeschrieben. Mit spannenden Einschüben zu Wissenswertem und Unterhaltsamem rund um Oberschwaben hat er die einzelnen Wegabschnitte untermalt. Eine eigenwillige Wanderung zum Lesen, Nachmachen und selber Erleben. (Klappentext)

3. Dezember 2021

Wallanders erster Fall

Henning Mankell: Wallanders erster Fall,
dtv, München, 2004
Als Kurt Wallander seinen ersten Fall löst, ist er Anfang Zwanzig, ein junger Polizeianwärter und bis über beide Ohren in Mona verliebt. In einer Zeit, da die Polizei mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgeht, wird seine Berufswahl nicht nur von seinem Vater kritisiert. Eines Abends findet er seinen Nachbarn Hålén erschossen auf dem Küchenboden. Die Kriminalpolizei tippt auf Selbstmord, doch Wallander zweifelt an dieser Erklärung, umso mehr, als Håléns Wohnung in Flammen aufgeht und man wenig später auf eine weitere Leiche stösst. Am Ende dieser Ermittlung hat Wallander eine Menge Fehler gemacht und leichtsinnig sein leben riskiert, doch sein ausserordentliches kriminalistisches Talent gilt als erwiesen. – Von Wallanders erstem Fall bis zu einem ausgewachsenen Kriminalroman, «Die Pyramide», reicht das Spekrum dieser Geschichten, die alle vor dem 8. Januar 1990, dem Beginn der Wallander-Romane, spielen. (Klappentext)

Moors Fazit: Henning Mankell hätte auch das Telefonbuch von Stockholm in Prosa verfassen können, seine Leserinnen und Leser hätten Seite um Seite gierig verschlungen.

1. Dezember 2021

Der Mohr von Flumenthal

Naturschutzgebiet trifft auf reanimierte Industriebrache: ehemalige Cellulosefabrik von Attisholz (SO).
Am vergangenen Sonntag gingen wir nicht nur an die Urne, meine Wenigkeit ging auch von Gerlafingen nach Flumenthal. Die Route führte mich entlang von Emme und Aare, hart an der Grenze zu mehr oder weniger intakten Industriezonen der gröberen Sorte. Ja, das Solothurner Wasseramt hatte in den vergangenen 25 Jahren einiges an wirtschaftlichen Verlusten zu verkraften, so unter anderem – mit etwas grosszügiger geopolitischer Auslegung – auch die 2008 endgültig geschlossene Cellulose-Fabrik von Attisholz, dessen Areal seit 2018 für die Bevölkerung wieder zugänglich ist. Was für die Stadt Thun einst das Selve-Areal war, ist für Riedholz nun die ehemalige Cellulose-Fabrik: Eine kulturelle Begegnungsstätte an der Aare, die vom gegenüberliegenden Flussufer aus betrachtet, eine für meine Begriffe eher apokalyptische Ausstrahlung hat.

Geht es nach den heutigen Eigentümern, so sollte bis 2045 eine Vision umgesetzt werden, wo sich gemäss Webseite «das Areal in einem auf das Umfeld abgestimmten, politisch tragbaren und organischen Transformationsprozess wandelt. 2045 wird sich das Attisholz-Areal zu einem eigenständigen, lebendigen Ort mit eigener Identität und Historie entwickelt haben. Vielfältige Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, Gastronomie, Kultur und Bildung stehen allen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in verschiedenen Lebensphasen offen.» Na, da sind wir doch mal gespannt, was sich in unmittelbarer Nähe des kantonalen Naturschutzgebietes in den nächsten Dekaden so tun wird.

Demokratie sei Dank!
Aber ich lenke ab, denn eigentlich wollte ich an dieser Stelle darüber berichten, wie mich der Abstimmungssonntag auf einen Mohrenkopf im Wappen von Flumenthal brachte. Das kam so: Als ich durch den besagten Ort wanderte, sah ich ein Plakat mit der Aufschrift «Dieses Wochenende Abstimmung». Hierbei entdeckte ich ein kleines Wappen, das den Kopf eines Mohren zeigt. Natürlich konnte es sich nur um das Gemeindewappen Flumenthals handeln, was mir die nachträglich konsultierte Website des Fleckens auch bestätigte. Bloss: Wie kommt ein Dorf, dessen Name in keiner Weise einen Bezug zu einem Mohren herstellen lässt, zu einer derart exotischen Heraldik? – Ich fragte mich dies, weil in meinem Familienwappen ein Moor abgebildet ist, ebenso im Wappen der Aargauer Gemeinde Möriken (okay, hier wäre auch eine Möhre plausibel). – Aber Flumenthal?

Der Mohr im Wappen von Flumenthal.
Weil ich selbstverständlich nicht der Erste bin, der sich mit dieser Frage befasst, hat das clevere Dorf auf seiner Internet-Präsenz eine ganzseitige Abhandlung publiziert. Darin erfuhr ich nicht nur, dass es in der Schweiz noch weitere Gemeindewappen mit Mohrenköpfen gibt: Avenches, Mandach, Cornol und Oberweningen. Klar doch, dass hierüber schon jene Debatten geführt wurden, ob es sich hier allenfalls um eine Form von rassistischer Heraldik handelt. Im Fall Flumenthals sei indes auf folgende Herkunft verwiesen, die jedoch nicht zu 100 Prozent verbürgt ist.

Das erst seit 1940 offiziell gültige Wappen geht auf das ehemalige Vogteiwappen zurück. Es weist eventuell auf ein früheres Patrozinium hin; das heutige ist den Aposteln Peter und Paul geweiht. Vermutlich ist der Dargestellte der Heilige Mauritius, der Anführer der Thebäischen Legion, der auch die Solothurner Stadt- und Landpatrone St. Urs und St. Viktor angehörten. Die Dorfkirche wurde am 22. September 1514 am Mauritzentag von Bischof Aymon de Montfalcon geweiht, der in der Kathedrale von Lausanne eine eigene Thebäerkapelle erbauen und ausstatten liess. Ungeklärt ist nach wie vor, weshalb Mauritius als Schwarzafrikaner Eingang in die Kirchengeschichte gefunden hat, wäre er doch von seiner geografischen Herkunft eher als Nordafrikaner und somit etwas hellhäutiger zu skizzieren. 

So oder so: Einmal mehr war ich meinem wachen Auge dankbar, dass es meine Chuzpe befeuert und der Leserschaft diesen Beitrag ermöglicht hat.

Schweizer Gemeindewappen mit Mohrenköpfen (von oben links nach unten rechts): Möriken (AG), Flumenthal (SO), Avenches (VD), Mandach (AG), Cornol (JU), Oberwenigen (ZH).


29. November 2021

Die Kellerkinder von Nivagl

Sie stehen schon seit einigen Jahren in meinem Bücherregal: «Die Kellerkinder von Nivagl». Neulich machte ich mich an die Lektüre und wollte natürlich gleich wissen, wo denn dieses Nivagl liegt. Als ich es auf der Karte lokalisierte, stockte mir kurz der Atem. An Nivagl kam ich am 27. Juli 2018, anlässlich einer Wanderung von Alvaschein nach Thusis, vorbei und hatte sogar eine Foto gemacht, auf der das Haus abgebildet ist, in dem die Autorin Jeannette Nussbaumer aufgewachsen war. Schade, habe ich das Buch nicht früher gelesen, denn dann hätte ich mir die Örtlichkeit bewusster und genauer angeschaut. So oder so: Weil ich den Gang von Alvaschein nach Thusis noch heute in sehr guter Erinnerung habe, wurde die Lektüre der «Kellerkinder» zu einem besonderen Erlebnis. Aber auch für Menschen, die die Umgebung zwischen der Lenzerheide und Tiefencastel nicht kennen, ist das Lesen dieser Lebensgeschichte ein beeindruckende Angelegenheit.

Die Häusergruppe Nivagl bei Zorten. Jeannette Nussbaumer ist im Haus links im Erdgeschoss aufgewachsen.


Während die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg den Wirtschaftsboom Europas mitmacht und sich endgültig den Wohlstand sichert, lebt in einem Weiler Graubündens eine Familie mit neun Kindern (zwei weitere sterben kurz nach der Geburt) in einem feucht-kalten Kellergeschoss in bitterster Armut. Keines der Kinder hat ein eigenes Bett, die jüngeren tragen Kleider und Schuhe der älteren nach, die Kost bleibt einseitig und ungenügend, jedes Extra an Süssigkeiten und Spielzeug wird zum gemeinsamen Fest oder zum hart umkämpften Zankapfel, und ein Spitalaufenthalt bedeutet Luxusferien.

Jeannette Nussbaumer: Die Kellerkinder von
Nivagl, Friedrich Reinhardt, Basel, 1995
«Schuld» an dieser Misere ist der überforderte, von Jenischen abstammende Vater, den es in keiner regelmässigen Arbeit hält und der ausserdem das wenige Geld vertrinkt. Einzig der «Neni» als Erbauer und Mitbewohner des Hauses hält alles einigermassen zusammen, obwohl er noch wörtlich ein Fahrender ist, der sein Geschirr in den umliegenden Dörfern verkauft. Ihm hat sich besonders die Viertälteste angeschlossen, ein aufgewecktes Mädchen, das durch Schule und frühe Haushaltjobs seinen Weg macht und in diesem Buch mit spontaner Frische das Schicksal der ungewöhnlichen Familie erzählt.

Ihr Bericht gibt uns das Bild einer «anderen» Schweiz, aber nicht als soziale Anklage, sondern als menschliches Zeugnis. Und als stumme Aufforderung, unseren Konsumbedarf zu überdenken und den von materiellem Beiwerk verstellten Blick für die wirklichen Werte des Lebens zu schärfen.

27. November 2021

Hinter Gittern

Marlise Pfander: Hinter Gittern, Wörterseh,
Gockhausen, 2014
Arbeiterkind, kaufmännische Angestellte, Ehefrau, Mutter und mit 54 Jahren Quereinsteigerin in ein ganz anderes Metier und somit späte Karrierefrau: Marlise Pfander, 1950 in Bern geboren, amtete bis zu ihrer Pensionierung 2013 neun Jahre lang als Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB). Damit drang sie gleich doppelt in eine Männerdomäne ein: Zum einen beäugten die übrigen Gefängnisleiter der Schweiz die Ankunft einer weiblichen Kollegin mehr als kritisch. Zum anderen galt das RGB, in das auch ein Ausschaffungsgefängnis integriert ist, als schwieriger «Männerknast». Die harten Bedingungen in der Untersuchungshaft (das RGB ist kein Vollzugs-, sondern ein Untersuchungsgefängnis) konfrontierten Marlise Pfander mit menschlichen und organisatorischen Problemen, die jahrzehntelang als unlösbar galten. Mit viel Herz und grossem Verstand krempelte sie, die bald schon «s Chischte-Mami» genannt wurde, den als «Pulverfass» bezeichneten Betrieb um. Sie entwickelte neue Strategien, schuf damit bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeitenden und optimierte den Alltag der Inhaftierten, die der ungewöhnlichen Chefin bald Vertrauen und Respekt entgegenbrachten. (Klappentext)

Moors Fazit: Äusserst lesenswertes und von Franziska K. Müller wunderbar verfasstes Buch.

22. November 2021

Betsy Berg

Christine Kopp: Betsy Berg, Eigenverlag, 2012
Nach dem 2009 erschienenen Buch «Schlüsselstellen» liegt nun ein neuer Band mit Kurzgeschichten aus den Bergen von Christine Kopp vor. Frech und frisch erzählen sie, wie Betsy Bern zu den Bergen kommt, was sie dort und unten im Tal erlebt und mit welchen Fragen sie sich auseinandersetzt.

«In den Bergen sucht Betsy Ablenkung und erlebt Freude und Ängste. Dort findet sie Gleichgesinnte, ja auch die Liebe. Sie stolpert, scheitert, steht auf und geht weiter. Schritt für Schritt. Ganz nach dem Zitat von Ingmar Bergman: ‹Älter werden ist wie auf einen Berg steigen: Je höher man kommt, desto mehr Kräfte verbraucht man, aber desto weiter sieht man›». (Klappentext)

19. November 2021

Die Broschüren

Sie liegen in Kirchen, in Museen oder in Tourismusinformationen auf: Broschüren zu lokalen Themen, zur Geschichte, zu Gebäuden, zu Ortschaften, Talschaften, Eisenbahnstrecken usw. usf. Ich liebe sie, diese handlichen und leicht in den Rucksack zu packenden Imprimate mit Inhalten, die oft nirgendwo im Internet zu finden sind. Hier eine Auswahl von Gelesenem.

Diverse Autoren: Eriz – zwischen Emmental und
Oberland, Fischer, Münsingen, 1981

Diverse Autoren: Burgistein, Gemeinde
Burgistein, Burgistein, 1991

Diverse Autoren: Die Öle in Münsingen,
Verein Freunde der Öle, Münsingen, 1995
Fridtjof Nansen: Mein Glaube, Hans Pfeiffer,
Hannover, 1970


 

 

Caroline Calame, Orlando Orlandini: Die unterirdischen
Mühlen des Col-des-Rochers, Fondation des Moulins
souterrains du Col-des-Rochers, undatiert


Tobias + Hans Tomamichel: Bosco/Gurin, das
Walserdorf im Tessin, Gesellschaft Walserhaus, Gurin

 

Werner Neuhaus: Aus der Geschichte der Gürbetalbahn, Selbstverlag, Belp, 1990

 

Heinz Baumann, Stefan Fryberg: Der
Sustenpass, Raststättegesellschaft N2 Uri AG
1996
Karl Ludwig Schmalz: Der berühmte Block
auf dem Luegiboden, 1986

Walter Zeitler: Die Bayerische Waldbahn,
Neue Presse, Passau, 1991


17. November 2021

Hundeherz

Kerstin Ekman: Hundeherz, Piper,
München, 2009
Die Luft ist schneidend, und die Fjällgipfel hüllen sich in Grau. In der einsamen Stille des nordschwedischen Winters verirrt sich ein junger Welpe und ist ohne seine Mutter und seine Menschen hilflos der Natur ausgeliefert. In seinem unterkühlten Körper flattert sein Herz gegen die Kälte und die Nässe wie ein Vogelflügel. Glück und Zufall verhindern, dass er schon in den ersten Tagen verhungert. Bald lernt er Gefahren besser einzuschätzen. Sein Jagdinstinkt erwacht, und es gelingt ihm, den Frühling und den Sommer zu überstehen. Bis er zu Beginn des nächsten Winters einem Menschen begegnet. Ist es vielleicht sein Mensch? «Hundeherz» ist eine mitreissende kurze Geschichte über die Natur, die Einsamkeit und das Leben. (Klappentext)

15. November 2021

Katzenbach

Isabel Morf: Katzenbach, Gmeiner,
Messkirch, 2012
Valerie Guts Hund fischt eine Babyleiche aus dem Katzenbach in Zürich. Es ist Luzia Attinger, die unter dem Ambras-Syndrom litt, ihr ganzer Körper ist von dunklen Haaren bedeckt. Das Kind ist aus dem Kinderwagen, der im Garten der Familie stand, verschwunden. Beat Streiff und Zita Elmer ermitteln. Hat die Mutter das Kind in den Bach geworfen, weil es den Anblick der Kleinen nicht mehr ertragen konnte? Als noch ein zweijähriger Junge verschwindet, geraten die Kommissare an ihre Grenzen. (Klappentext)

GR: Sils-Maria, Silsersee SG: Buchs, Stadt St. Gallen SZ: Einsiedeln ZH: Zürich-Seebach (Hauptschauplatz), Katzenbach, Stadt Zürich A: Innsbruck

12. November 2021

Vom Rebbau in Innertkirchen

Kürzlich drehte ich im Haslital eine prächtige Wanderrunde. Ausgehend von Meiringen besuchte ich als Erstes den Restiturm, ein mittelalterliches Relikt aus dem 13. Jahrhundert. Anschliessend folgte ich der orografischen rechten Tallehne, stieg auf dem alten Grimselweg kontinuierlich bergan, bis ich plötzlich hinter Bäumen einen kleinen Weiher entdeckte. Ich verliess den Weg und kam an ein idyllisch gelegenes Gewässer, bestückt mit Seerosen und einem Schilfgürtel. Im Hintergrund erhoben sich schneebedeckte Berge und davor, unmittelbar hinter dem Seelein ... Das kann nicht sein, dachte ich. Das sind doch nicht etwa ...? Doch! Es waren Rebstöcke. Also nichts wie hin, das musste ich sehen. 

Ging ich bislang davon aus, dass im Berner Oberland in Faulensee und Oberhofen die Rebbaugrenze erreicht war, musste ich mich hier eines Besseren belehren lassen. Ich tat es indes gerne, denn 1. befand ich mich hier an einem wunderbar gelegenen Ort, an dem es 2. ein Forsthaus mit Brunnen gab, und 3. war der Zeitpunkt für eine Pause gerade richtig. Wie aber kommt es, dass man ausgerechnet hier, mitten im Bergwald auf immerhin 850 Meter über Meer, Rebbau betrieb?

Der Weiher beim höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern.
Das Ganze ist einem Naturereignis der unerfreulichen Sorte zu verdanken. Anno 1990 fegte der Sturm Vivian durch die Lande und richtete im Wald der Gütergemeinde verheerende Schäden an. Im Anschluss an die Aufräumarbeiten wurde auf der Bodenfluh ein Fest veranstaltet, und weil an diesem Tag die Sonne so richtig auf die kahle Fläche brannte, machte die Idee die Runde, dass hier in diesem Föhntal eigentlich auch Reben gedeihen könnten. Bereits 1991 wurden dann die ersten 80 Stöcke Blauburgunder (Pinot noir) gepflanzt. Und nur zwei Jahre später konnten 80 Flaschen Aeppiger Wein an die Mitglieder des Weinbauvereins verteilt werden. In der Folge kamen weitere Rebstöcke hinzu, so dass heute 850 Stöcke das kleine Plateau hoch über der Aareschlucht bevölkern. Der Ertrag liegt im Schnitt bei rund 600 Flaschen, je nachdem, wie Frost und Hagel den Schösslingen jeweils zusetzen. Der mittlere Öchslegrad beträgt 78. Jene Trauben mit dem geringsten Zuckergehalt gehen in die Brennerei und werden zu Grappa verarbeitet. Und noch etwas: Der Innertkircher Weinbauverein Aeppigen darf für sich in Anspruch nehmen, den höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern zu bewirtschaften.

Ein Hauch von Wallis im Haslital: der 850 Stöcke zählende Rebberg oberhalb Innertkirchens.
Die Fortsetzung meiner Wanderung führte mich in Richtung Gadmertal nach Wiler, von wo ich über Innertkirchen und dem schattigen Geissholz zurück nach Meiringen fand. Wohltuend waren nicht nur das Begehen der mitunter urtümlichen Fusswege, wohltuend war auch die Stille am Sustenpass und in Innertkirchen.

6. November 2021

Mit Volldampf nach Festiniog

Hansrudolf Schwabe: Mit Volldampf nach
Festiniog, Pharos, Basel, 1978
Die Festiniog-Bahn (Festiniog Railway, Rheilfford Ffestiniog) in Nord-Wales, eine der ältesten Schmalspurbahnen der Welt, führt vom Meerhafen Porthmadog 20 km weit nach Tan-y-Grisiau ins Waliser Schieferminengebiet hinauf. Der Ausbau der ursprünglichen Strecke nach Blaneau Ffestiniog ist in Arbeit. Die Bahn mit der Spurweite von 1 Fuss 11½ Zoll (rund 60 cm) wurde 1832 gegründet, 1836 eröffnet und seit 1863 mit Dampflokomotiven befahren. Seit 1954 ist der Wiederaufbau durch jugendliche Freiwillige im Gang. Unser Buch beschreibt ihn in der Geschichte des Heizers und Lokführers Tom und seiner Kollegen. Ist es ein Jugendbuch oder ein Eisenbahnbuch? Wir möchten sagen: beides! Es ist allen jungen und junggebliebenen Eisenbahnfreunden gewidmet.

Hansrudolf Schwabe, der Verfasser dieses Buches, ist von Beruf Verleger, Buchhändler und Druckereibesitzer in Basel. Daneben ist er begeisterter Eisenbahnfreund und hat schon mehrere Bücher über seine Vorliebe geschrieben. 1942: Die Sissach–Gelterkinden-Bahn. 1948: Der Staatsbetrieb der Schweizer Eisenbahnen. 1954: Die Entwicklung der schweizerischen Rheinschifffahrt. 1954: Die Basler Rheinhäfen. 1974: Schweizer Bahnen damals – neue Folge. 1978: Lokomotivmodelle unter Dampf. Die Festiniog-Bahn hat ihn vor allem wegen des grossen Aufbauwerkes durch junge Volontäre fasziniert. (Klappentext)

Moors Fazit: Ich habe das Buch zu Beginn der 1980er-Jahre gelesen und war von dieser Bahn so begeistert, dass ich 1987, anlässlich einer viermonatigen Fahrradtour von der Schweiz nach Irland und zurück, in Porthmadoc Halt machte und die Strecke nach Blaneau Ffestiniog mit dem romantischen Züglein befuhr.

4. November 2021

Im Fürstentum vom Winde verweht

Was tun, wenn du am Wochenende mit dem Zelt in den Bergen wandern möchtest und der Wetterbericht einzig für das St. Galler Rheintal passables Wetter vorsieht? – Ab ins Ländle!

Von der Walsersiedlung Steg machte ich mich an den Aufstieg in Richtung Rappasteinsattel. Je höher ich kam, umso gelber die Lärchen, umso stärker aber auch der Föhn. Bei der Alphütte von Gapfahl verkroch ich mich in ein halboffenes Nebengebäude, um einigermassem vor dem Wind geschützt zu sein.

Der Schlussaufstieg zum Sattel nahm der Windböen wegen zunehmemd Expeditionscharakter an. Die Föhnstösse waren derart ungestüm, dass ich mehrere Male zu Boden geworfen wurde. Zwanzig Höhenmeter unterhalb des Übergangs legte die Windkraft noch einmal an Stärke zu. Ich schaffte es dennoch bis hoch zum Grat. Hier hielt ich mich am Pfosten eines Weidezauns fest und spähte mit einem ziemlich unguten Gefühl hinab ins 1600 Meter tiefer gelegene Rheintal.

Der anstehende ausgesetzte Pfad liess mich nicht zweimal überlegen: Ich drehte mich um und stieg zum Obersäss der Alp Gapfahl ab. Mit derart widerlichen Bedingungen hatte ich bei der Planung nicht gerechnet, also musste spontan ein Plan B her. Weil ich nicht mehr allzuweit gehen wollte, stellte sich die Frage nach dem Wasser. Das meist aus Kalk bestehende Liechtensteiner Alpenland ist relativ wasserarm und auf praktisch allen Alpen sind die Brunnen mit einem Schild «Kein Trinkwasser» versehen. Ich hielt mich an einen auf der Landeskarte eingezeichneten Bachlauf, der tatsächlich etwas Wasser führte. Ich folgte ihm in Richtung seiner Quelle und fand einen Rundschacht, der als Quellfassung dient. Welch ein Glück!

Schöne, wenn auch etwas kurze Runde im oberen Saminatal (FL)
Vorerst galt es indes, einen geeigneten Biwakplatz für mein Ganzjahreszelt zu finden. Ich stieg ein paar Höhenmeter ab und wurde auf 1790 Meter fündig. Eine Stelle, die sowohl flach als auch einigermassen windstill war, wäre hier oben einem Lottosechser gleichgekommen! In aller Ruhe und peinlich darauf bedacht, nichts von meinem Hab und Gut dem tobenden Föhn zu überlassen, machte ich mich ans Aufstellen der Stoffhütte. Kaum sass ich drinnen, drückte eine Böe das Zelt derart zu Boden, dass ich um das Karbongestänge fürchtete. Es folgten weitere Angriffe auf mein Nachtlager, diesmal aus einer leicht anderen Richtung. Ob ich die Nacht in einem intakten Zelt beenden würde?

Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Hightech-Material zu vertrauen. Und so stieg ich also noch einmal zur Quellfassung hoch, wo ich mir 6½ Liter für Abend- und Morgenessen und den folgenden Tag holte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: 2½ Liter hätten füglich gereicht, denn ein Kochen war unter diesen Umständen schlicht unmöglich, da selbst im Zeltinnern viel zu gefährlich. Das Abendessen bestand dann lediglich aus einem Sandwich, ebenso das Frühstück. 

Vom späten Nachmittag an lag ich also im warmen Schlafsack und lauschte dem Wind. Ich versuchte herauszufinden, ob eine sich nahende Böe erahnen liess, was ich an dieser Stelle verneinen kann. Beeindruckend war jedoch, wie sich eine solche Böe in den über mir stehenden Lärchen auswirkte: als ohrenbetäubendes Orgeln! Zwischenzeitlich kam ich mir vor, als läge ich am Anfang einer Startbahn für grosse Düsenjets und käme die volle Ladung des Startschubes ab.

Nachdem es draussen Nacht geworden war, konzentrierte ich mich auf die Intervalle der Böen. Und siehe da, die Kadenz nahm tendenziell ab. Ich muss dann eingeschlafen sein, denn als ich einmal kurz aufwachte, war viertel nach Mitternacht und der Wind nur noch ein sehr laues Lüftlein. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir immerhin 7° Celsius Innentemperatur. Föhn sei Dank! Ich döste dann schnell wieder weg und verbrachte eine ungeahnt ruhige und komfortable Nacht, ehe anderntags der Föhn von einer Minute auf die andere seine Arbeit erneut aufnahm.

Langsam kletterte die Sonne über den Berg und erhellte meinen Abstieg zum Untersäss. Es bahnte sich ein wunderbarer Herbsttag an. Auf einem formidablen Fussweg, wie es sie im Ländle zuhauf gibt, wanderte ich dem Abschluss des Saminatals entgegen. Mein Plan B sah vor, via Alp Gritsch zur Tälihöhe zu traversieren und von dort nach Malbun abzusteigen. Hierbei gelangte ich für eine halbe Stunde auf einen mir vertrauten Abschnitt. Ich beging ihn am 11. Oktober 2010 anlässlich der 11. Etappe meiner Wanderung vom Kanton Schaffhausen ins Bergell, die ich später in Buchform unter dem Titel «Südwärts» beschrieb. Auch damals windete es ziemlich stark und zwar so, dass mir mein Sonnenhut vom Kopf gefegt und in den unerreichbaren Steilhang verfrachtet wurde. Klar doch, dass ich den Sonnenhut nun aus Sicherheitsgründen in der Hosentasche verstaut hatte.

Bei der sogenannten «Hötta» der Alp Gritsch fand ich eine windstille Nische. Stundenhalt. Skurrile Szene dann, als vor meinen Augen plötzlich ein Fahrradhelm über den Hüttenvorplatz kullerte. Er stammte von einer grusslosen E-Bikerin, die es sich bei diesen Bedingungen nicht nehmen liess, hier hoch zu fahren ... Henu, jedem und jeder das Seine. Dem Wanderer seinen Hut, der Bikerin ihr Helm.

Die Fortsetzung gestaltete sich als genussreiche Höhenwanderung im Rückenwindmodus. Am gegenüberliegenden Grat erkannte ich den Rappasteinsattel, die Stelle meiner gestrigen Umkehr. Im Nordosten zeigte sich der Alpstein mit Säntis, Altmann und den Kreuzbergen. Und kurz vor der Tälihöhe erblickte ich am Horizont den Glärnisch und rechts daneben das imposante Massiv des Mürtschenstocks.

Vom Übergang hinab durch das sogenannte Vaduzer Täli hatte ich einen schönen Tiefblick nach Malbun, dem Gstaad Liechtensteins, das sonderbarerweise zur Gemeinde Vaduz gehört. Fegte es mich am Pass oben noch einmal beinahe weg, war es nur wenige Meter unterhalb der Scharte komplett windstill. Was für eine Erlösung! Und was für ein schöner Weg entlang des Nospitz; dies trotz der Tatsache, dass hier ein Sessellift hochführt, der das Vaduzer Täli wintersportmässig erschliesst.

In Malbun angekommen machte ich mich sogleich auf die Suche nach dem Bus. Noch einmal blies mir der Föhn um die Ohren, indes nicht mehr lange, denn die Haltestelle lag gleich um die Ecke und ein abfahrbereiter Bus stand auch schon da. Unvermittelt stieg ich ein. Trotz der zwei kurzen Wanderetappen war ich ziemlich erschöpft und liess mich nun durch die schöne Herbstlandschaft des halben Fürstentums kutschieren, ehe mich in Sargans die Schweiz wieder hatte. – Eines sei indes gewiss: Ich werde wieder kommen in dieses kleinste Land weit und breit, denn es ist in vielerlei Hinsicht sehens- und begehenswert.

Eine Bildstrecke vom ersten Tag gibt es hier, und vom zweiten hier.

Nachtrag: Wie lustig das Fürstentum mitunter tickt, erlebte ich auf der Busfahrt zurück in die Schweiz. Als ich in Malbun mein Handy einschaltete, wies mich eine Meldung darauf hin, dass ich keine Daten empfangen könne, da ich die Roamingfunktion deaktiviert hätte. Aha! Mobiltelefonietechnisch war ich also im Ausland – ausgerechnet im Fürstentum Liechtenstein, einem Land, wo der Schweizer Franken als offizielles Zahlungsmittel gilt, einem Land, dessen Fussballiga in den Schweizer Ligen mitspielt, dann aber ein eigenes Nationalteam stellt; einem Land, dessen Wanderrouten nach den Normen der Schweizer Wanderwege ausgeschildert und markiert sind; einem Land, in dem das schweizerische GA gültig ist; einem Land, in dem Migros und Denner vertreten sind und zudem mit einem Zollvertrag an die Schweiz gebunden ist. Wie dem auch sei, ich wollte mich bis in Trübbach, wo wieder heimischer Boden erreicht sein würde, gedulden. Doch dann geschah ... nichts. Mein Handy blieb hartnäckig mit Sunrise-FL verbunden. In Sargans half dann nur noch ein Neustart des Gerätes, um auch telekommunikationstechnisch wieder im Land der begrenzten Möglichkeiten angekommen zu sein.

2. November 2021

Auf Wanderschaft mit Herrn Hirzel

Soeben von der Druckerei angeliefert worden: «Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz und ihrer Umgebungen». Alleine die ungewohnte Länge des Titels und die heute kaum mehr verwendete Pluralform von Umgebung verraten, dass es sich hier um ein älteres Werk handeln muss. In der Tat!

Im Jahr 1822 unternimmt Hans Caspar Hirzel mit einem Weggefährten eine Wanderung von Zürich zum Monte-Rosa-Massiv, dessen Umrundung sie sich zum Ziel gesetzt haben. Im Folgejahr zieht es den naturwissenschaftlich interessierten Hirzel in die Glarner und Schwyzer Alpen, wo er mehrere Gipfel besteigt. Was der Schwiegersohn des grossen Hans Conrad Escher von der Lindt zu berichten weiss, stellt in den heutigen Tagen von Gletscherschwund und alpinem Massentourismus ein wertvolles Zeitdokument dar.

Die zwei lesenswerten Berichte habe ich sprachlich behutsam überarbeitet, mit einem Vorwort und ein paar Ergänzungen versehen. Bestellt werden kann das Büchelchen in meinem kleinen Verlag, der Edition Wanderwerk.

26. Oktober 2021

Meine schönste Wanderung in diesem Jahr

Man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend und das Jahr nicht vor dem Silvester loben. Ich tue es an dieser Stelle trotzdem, denn ich wage zu bezweifeln, dass meine Wanderung vom 7. Oktober 2021 in den verbleibenden Wochen bis zum Jahresende noch zu toppen ist, (lasse mich indes jederzeit vom Gegenteil überraschen).

Die Tour fand im Rahmen einer Ferienwoche im Puschlav statt, die wettertechnisch nicht gerade unter einem guten Stern stand. Aber ist das Hotel einmal gebucht, so fährst du hin und machst das Beste draus. Und so regnete es also an Tag 1, an Tag 2 und auch an Tag 3, wo es oberhalb von 1700 Metern gar schneite. Für Tag 4 war dann die Überschreitung des Berninapasses geplant. Von der Lagalb ging es auf der rechten Talseite in erhöhter Lage Richtung Süden. Es lagen knapp 10 cm Neuschnee, und es wehte ein auffrischend starker Nordwestwind.

Auf der 12,7 km langen Strecke von Bernina Lagalb nach Sfazù gab es allerhand Wetter- und Landschaftsspektakel.
Alleine schon die Fahrt mit der Bahn von 1021 auf 2253 m über Meer war ein eisenbahntechnisches Schmankerl sondergleichen. In Lagalb angekommen stapften wir bei arktischen Verhältnissen über vereiste Wege bergan, derweil unten im Tal die roten Züge der Rhätischen Bahn über die kurvenreiche Strecke zwischen Inn und Adda krochen. Was für ein Bild! Dass bei solchem Wetter kaum jemand nach draussen geht, hatte unweigerlich zur Folge, dass wir uns den Weg durch den Schnee selber bahnen durften. Die ab und zu durchbrechenden Sonnenstrahlen setzten mal da und mal dort den einen oder anderen Berg ins Rampenlicht. Am Hangfuss lagen die berühmten Seen vom Berninapass: Lej Pitschen (der Kleine), Lej Nair (der Schwarze) und Lago Bianco (der Weisse). Von den Bergen beeindruckte am meisten der überzuckerte Sassal Mason, dieser gut 3000 Meter hohe Eckpfeiler zwischen Oberengadin und Puschlav, den bereits die Reisenden vor 200 Jahren in ihren Notizbüchern vermerkten.

Der garstigen Bedingungen wegen herrschte beim Hospiz etwas unterhalb der Passhöhe kaum Betrieb. Äusserst gespannt war ich auf den Abstieg ins Puschlav. Als erstes verschlug es mir bei der Geländekante, die den Blick in Richtung Süden frei gab, beinahe die Sprache. Was für eine erhabene Landschaft im Vorwintermodus! Ein guter Weg führte hinab zu Hochmooren und an die Baumgrenze. Innerhalb von wenigen Höhenmetern nahm die Schneehöhe derart ab, dass wir bald einmal auf aperem Weidegelände gingen. Erste Lärchen zeigten, etwas verhalten zwar, ihr goldenes Herbstkleid.

Die Alpensüdseite machte sich auf eine wohltuende Art bemerkbar, und der Unterschied zwischen dem beissenden Schneegestöber vom Morgen und der nachmittäglichen Sonne im Val da Campasc hätte nicht grösser sein können. Wir hatten uns eine Pause redlich verdient und machten es uns im Gras bequem, als es vom Gegenhang aus dem Lärchenwald pausenlos zu röhren begann. Mehr Bündnerland geht nicht, dachte ich mir, kaute mein Brötchen zu Ende und weiter ging's.

Dass die «Show Grischun» noch nicht zu Ende war, bewiesen dann die Ebene von Campasc, die unvermittelt auftauchende Schlucht im Val Becal und die massigen Gebäude von La Rösa, von wo es auf einer Mulattiera die nächste Geländestufe hinab nach Sfazù, unserem Tagesziel, ging. Eine wirklich gute Show hat in der Regel auch das passende Bühnendekor. Und selbst dieses fehlte nicht. Hoch über dem von Nordosten einmündenden Val da Camp (genau – jenes Tal mit dem weltberühmten Saoseosee) ragte im Hintergrund die Gipfelnadel des Piz dal Teo in den italienisch-schweizerischen Herbsthimmel, flankiert von schroffen Felsgräten. Eine Szenerie, die dieser denkwürdigen Wanderung einen unvergesslichen Abschluss bescherte, einmal abgesehen vom Feierabendbier auf der sonnigen Piazza in Poschiavo. Viva la Grischa!

Eine verständlicherweise ziemlich viele Fotos umfassende Bildstrecke befindet sich hier.


17. Oktober 2021

Jakobs Wanderungen

Jeremias Gotthelf: Jakobs Wanderungen,
Ex Libris, Zürich, 1982
Gotthelfs Roman Jakobs Wanderungen erschien 1846/47 in zwei Teilen und dem Titel «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» und schildert das Schicksal eines wandernden Gesellen aus Deutschland, der in der Schweiz in den Strudel einer hoch politisierten Atmosphäre und politischer Unruhen gerät. Währenddem deutsche Handwerksvereine und exilierte Frühsozialisten unter den Gesellen agitieren, machen sich Schweizer Radikale die Berufung der Jesuiten an das Priesterseminar und die Höhere Lehranstalt des Kantons Luzern propagandistisch zunutze, um für den Bundesstaat zu werben. Der Roman ist der Versuch eines Panoramas der politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte der 1840er-Jahre. 

Anlass zum Roman war eine Anfrage Gotthilf Ferdinand Döhners (1790–1866), des Vorsitzenden des Zwickauer Volksschriftenvereins. Döhner suchte nach geeigneten belehrenden Volksschriften und erhoffte sich wohl einen typischen Handwerksroman, in welchem ein Junge durch Fleiss, Geduld, Ausdauer und christlichen Glauben zum Meister wird. Gotthelf lieferte dagegen eine Bekehrungsgeschichte. Im Zentrum steht nicht ein fleissiger Handwerksgeselle, sondern der lebensunerfahrene, leichtgläubige und hochmütige Handwerksgeselle Jakob, der auf seiner Wanderung über Basel, Zürich, Bern und Freiburg bis nach Genf gelangt. Schritt für Schritt zeichnet Gotthelf das Bild einer sittlichen Verrohung unter dem Einfluss der Agitatoren seiner Zeit, bis Jakob schliesslich in die Genfer Unruhen von 1843 verwickelt wird.

Erst hier verwandelt sich der satirische Roman über die Folgen politischer Agitation in einen Handwerksroman mit Aufstiegsmuster. Mit dem Tiefpunkt der moralischen Entwicklung der Romanfigur ist zugleich der Wendepunkt erreicht: Der Deutsche Jakob wendet sich vom politischen Geschehen im Gastland ab und kann, nachdem sich ihm die höhere Sittlichkeit (und Gott) in der Bergwelt des Oberlandes offenbart hat, allmählich sittliche Reife erlangen.

Schliesslich muss Jakob lernen, dass sein Bestimmungsort in der eigenen Heimat liegt. Die erwünschte Heirat im Haslital bleibt ihm verwehrt. So kehrt Jakob am Ende des Romans zu seiner Grossmutter nach Deutschland zurück, um dort gereift und geläutert ein sittliches Leben als Meister zu führen.

Während sich so der Roman im zweiten Teil dem Gattungsmuster des Handwerksromans annähert, bleibt das Erzählte doch über weite Strecken das Vehikel für eine politische Grundsatzdebatte, in welcher Gotthelf klarer als in irgendeinem anderen Text seine christliche Position gegen den politischen Radikalismus und gegen den Frühsozialismus bezieht. Zentrales Thema des Romans «Jakobs Wanderungen» sind die politischen Entwicklungen der 1840er-Jahre, die Gotthelf aus seiner kritischen Perspektive schildert. Dabei geht es – auch wenn Jakob teils in den Strudel der Ereignisse gerät – weniger um die tagespolitischen Verwicklungen als um die politische Grundsatzauseinandersetzung zwischen dem Christentum einerseits und den sich auf die Bibel berufenden neuen Ideologien des Sozialismus und Kommunismus. Einen kritischen Blick wirft er insbesondere auf die Mechanismen der politischen Meinungsbildung in deutschen Handwerksvereinen und stellt den in den 1840er-Jahren unter Zeitgenossen diskutierten Konzepten von «Kommunismus» und «Sozialismus» das Menschenbild einer christlichen Weltanschauung entgegen. Damit reiht sich der Roman in eine breite Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus ein.

Dies schien umso gebotener, als nicht wenige frühsozialistische Theoretiker ihre Gesellschaftsutopien als Verwirklichung der in der Bibel vertretenen Prinzipien verstanden. Gotthelfs Roman nimmt dabei Teil an einer Auseinandersetzung mit dem Sozialismus und Kommunismus um die Deutungshoheit in Fragen der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie in der Schweiz von zahlreichen Theologen in Reden und Schriften geführt wurde.

12. Oktober 2021

Montecristo

Martin Suter: Montecristo, Diogenes,
Zürich, 2015
Eigentlich möchte Jonas Brand nur sein Filmprojekt «Montecristo» verwirklichen. Doch dann gerät der Journalist immer tiefer in eine Sache, die grösser ist als jeder Blockbuster – mit immensen Folgen für unser Finanzsystem. (Klappentext)

BE: Stadt Bern  BS: Stadt Basel  GR: Prättigau  ZH: Stadt Zürich (Hauptschauplatz) Thailand: Bangkok

10. Oktober 2021

Alle meine Gemeinden

Geschafft! Mit der Durchquerung der Gemeinde Brusio (GR) stattete ich der letzten von 2395 Schweizer Gemeinden einen fussgängerischen Besuch ab.

Es war ein denkwürdiger Tag, dieser 5. Oktober 2021. Wenige Meter nach dem Wanderstart in Miralago, am Südende des Lago di Poschiavo, betrat ich den Boden der Bündner Gemeinde Brusio. Es war dies die letzte von insgesamt 2395 Kommunen, die ich im Rahmen meines Projektes «Alle Gemeinden der Schweiz» zu begehen hatte. Die knapp 12 Kilometer lange Route führte mich durch den untersten Teil des Puschlavs und für die letzte Stunde gar über italienisches Terrain hinab nach Tirano im Veltlin.

Dass ausgerechnet das für meine Verhältnisse abgelegene Brusio als Schlusspunkt des Projektes diente, war reiner Zufall. Ich fand indes, dass es ein würdiges Ende eines Unterfangens war, das immerhin 39 Jahre lang andauerte. So habe ich nun mehr oder weniger jede Ecke der Schweiz fussgängerisch besucht, doch angesichts der in den vergangenen 20 Jahren stattgefundenen Gemeindefusionen, bestehen nach wie vor weisse Flecken auf meiner Wanderkarte, insbesondere im Kanton Wallis oder in einzelnen Gegenden Graubündens. Und das ist gut so. Denn: Kommt Zeit, kommen neue Wanderfahrten in von mir bislang unerforschte Regionen.

2. Oktober 2021

Gehen, weiter gehen

Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen, Insel,
Berlin, 2018
Er ist einer der grössten Abenteurer unserer Zeit. Er war am Nordpol und am Südpol, hat den Mount Everest bestiegen, aber er war auch tagelang zu Fuss in Los Angeles unterwegs und ist hinabgestiegen in die Unterwelt Manhattans. Er hat die Juan Fernández Insel vor Chile aufgesucht, um dort den höchsten Berg zu erklimmen – weil er in die Fussstapfen von Robinson Crusoe treten wollte. Aber auch als Städter ist er ständig unterwegs. Wochentags läuft er zu Fuss zur Arbeit, am Wochenende bricht er auf in die Natur, die gleich hinter der Haustür beginnt.

«Das Leben ist ein langer Fussmarsch», sagt Kagge. Dies kann ein riskanter Marsch über Gletscherspalten, aber auch ein Spaziergang durch einen städtischen Park sein. Der Effekt ist derselbe: Ein Glücksgefühl stellt sich ein, unsere Gedanken beginnen zu fliessen, unser Kopf wird klar, äußere und innere Welt gehen ineinander über, wir werden eins mit der Welt – im Gehen. Denn «der Kopf braucht Bodenhaftung, die bekommt er durch die Füsse».

Der Abenteurer und Weltenwanderer Erling Kagge hat sich auf eine meditative Reise begeben, Philosophen, Autoren und Weggefährten befragt und mit seinen Füßen die Welt ausgeschritten und vergrößert. Das können wir auch. Denn «alle Menschen sind geborene Entdecker».
(Klappentext)

20. September 2021

Die Spirale – Etappe 8

In 19,6 km von Belp-Steinbach nach Bern-Brünnen Westside.

Plötzlich knackte es im Unterholz. Es war viertel nach acht und ich im Cholholz oberhalb Belps, als der Orientierungsläufer auftauchte. Ich stand zufälligerweise bei einem Posten, den der Frühsportler nun aus dem Boden zog. Er hätte ihn falsch gesetzt und andere Posten auch. Der Alptraum eines jeden OL-Veranstalters, als den sich der Läufer nun entpuppte, ehe er sich von dannen machte.

Ich ging indes weiter bergan, kämpfte gegen feuchtes Gras und hoffte, bald dem Nebel entkommen zu können. Und in der Tat, bald schon drangen die ersten Sonnenstrahlen durch das Geäst und zauberten ein mystisches Bild in die Landschaft. Im Weiler Englisberg angelangt, wurde ich von freundlicher Wärme empfangen. Doch das Glück dauerte nicht lange. Eine halbe Stunde später erhielt der Wasserdampf wieder die Oberhand; und zwar bis ich kurz nach Mittag an meinem Ziel in Bern-Brünnen Westside eintraf.

Der 918 Meter hohe Zingghöch markierte den höchsten Punkt der knapp 20 Kilometer langen Route. Über eine triefendnasse Weide stieg ich ab in Richtung Schlatt. Meine Leichtwanderschuhe erwiesen sich als nicht mehr so wasserdicht, wie sie es einmal waren. Grummel.

Die unverhofft am Wegrand stehende Kirche der Evangelisch-methodistischen Kirche in Schlatt erinnerte mich daran, dass das in meinem Verlag erschienene «Zu Fuss von Frauenfeld nach London» des Methodisten-Pfarrers Jörg Niederer demnächst eine dritte Auflage erfahren wird. Vom Gotteshaus zum Fussballplatz des FC Sternenberg waren es nur ein paar Schritte. Der Viertligaklub nennt seine schattig gelegene Sportstätte nicht unbescheiden «Schlatt-Arena». Das stirnseitig zum Fussballplatz gelegene Beizli mit grosser gedeckter Terrasse verspricht fröhlichen Kickgenuss. Irritiert hatte mich jedoch ein Plakätlein, das auf ein Zuschauerverbot bei Trainings und Spielen von Kinder- und Jugendmannschaften hinweist. Echt jetzt?

Gasel als nächstes Zwischenziel. Wie an anderen Orten auch, haben hier liebe Menschen einen Bücherschrank aufgestellt. Ich konnte einmal mehr nicht widerstehen und unterbrach meinen Schritt. Die Ausbeute: Alex Capus' «Königskinder» sowie Ingrid Nolls «Hab und Gier» in der gebundenen Ausgabe von Diogenes. Himmlisch!

In Mengesdorf entdeckte ich gleich mehrere schmucke Häuser und Nebengebäude, die nur wenige Jahre vor dem Einmarsch der Franzosen anno 1798 erbaut wurden. Es folgte die Überschreitung des Mengesdorfbergs nach Herzwil und der anschliessende Abstieg ins Wangental. Welch ein Kontrast innerhalb einer halben Stunde! Moosiger Waldboden und landwirtschaftlich geprägtes Ambiente wichen brachialen Industriezonen, einer lärmigen Autobahn und unmittelbar angrenzenden Wohngebieten. Ein lebensfeindliches Revier, garniert mit Bauprofilen, die den letzten Grünflächen unmissverständlich den Kampf ansagen.

Zügigen Schrittes flüchtete ich aus dieser pedestrischen Enge an den scharfen Rand zwischen Urban und Agrar. Am Horizont zeichnete sich bereits mein Ziel ab: Der 2008 eröffnnete und von Daniel Liebeskind entworfene Konsum-, Schwimmbad- und Hoteltempel «Westside». 69 Ladengeschäfte beherbergt die architektonisch bemerkenswerte Baute, der ich einen Besuch nicht verwehren konnte. Mei war das skurril! Wo auf meiner Landkarte noch unverbautes Land eingezeichnet ist, tummelt sich heute das shoppingwütige Volk. Vom Nagelstudio über den Tiershop, den Gameshop, Denner, Migros, Decathlon, SportXX, Restaurants, Dutzende von Kleidergeschäften und -boutiquen bis hin zu Schickimicki-Parfümshops, ist alles da, was auch in der Berner Innenstadt zu haben wäre.

Nachdem ich auf allen vier Etagen meine Runde gedreht hatte, fehlte mir die Orientierung komplett. War ich von Belp bis zur Tempelpforte ohne einen einzigen Kartenlesefehler gelangt, wusste ich nun nicht mehr, wo der für mich relevante Ausgang war. Immerhin schaffte ich es beim zweiten Anlauf, zurück zum Vorplatz zu finden, wo ich mich schleunigst zur abfahrbereiten S-Bahn begab, um dem Grauen so schnell wie möglich den Rücken kehren zu können. Doch keine Angst: Westside, ich werde wiederkommen, und sei es bloss, um die 9. Etappe meiner zirkularen Forschungsreise rund um Bern in Angriff zu nehmen. Fotos zur 8. Etappe gibt es hier.

Der Projektstand (grün) nach 8 Etappen.


17. September 2021

Berner Affären

Hans Suter: Berner Affären, Emons,
Köln, 2016
Der Nationalrat einer Rechtspartei verliebt sich während der Frühjahrssession in eine Kollegin aus dem gegenrischen Lager. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht wird er in den Lauben der Marktgasse überfallen. Anderntags wird dort ein Junge tot aufgefunden. War es ein Unfall oder Mord? Fahnder Max Freuler, eben erst von Basel nach Bern gezogen, ermittelt im Farbnebel von Graffiti, Erpressung, Mord und Brandstiftung. (Klappentext)

BE: Stadt Bern und Umgebung (Hauptschauplatz) BS: Stadt Basel ZH: Stadt Zürich

10. September 2021

Niedergang

Roman Graf: Niedergang, btb, München,
2015

Ein junges Paar bricht zu einer Tour in die Schweizer Berge auf. André und Louise wollen hoch hinauf und scheinen für ihr Abenteuer gut gerüstet. Doch je näher sie dem Gipfel kommen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Als Louise aufgibt, ist das für André kein Grund, es ihr gleichzutun. Denn er will, ja er muss zu Ende bringen, was er einmal angefangen hat. (Klappentext)

Moors Fazit: Was ich nicht verstehe: Weshalb schafft es ein solcher Roman mit Platitüden, unrealistischen Landschaftsbeschreibungen, einer lapidaren Handlung sowie einem Ende, das der Titel schon vorgibt, in die Nomination für den Schweizer Buchpreis? Bin ich zu anspruchsvoll, oder ist das literarische Niveau nicht mehr dasselbe wie vor 10 oder 20 Jahren?

9. September 2021

Achtung Baby!

Michael Mittermeier: Achtung Baby!
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010
Jahrelang hat Michael Mittermeier auf der Bühne Spässe über junge Eltern gemacht. Vor Kurzem ist er selbst Vater geworden. Wie seine Tochter sein Leben verändert und worüber er jetzt lacht, erzählt er in diesem Buch.

«Achtung Baby!» ist ein wunderbar selbstironischer und herzzerreissend ehrlicher Bericht über eine Zeit im Leben, in der sich Gefühle von Stolz, Unsicherheit und Glück rasant abwechseln. Eins ist danach klar: Das Leben mit Kindern ist anders als man denkt, nämlich viel lustiger. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein mitunter zum Brüllen lutiges Buch. Wäre ja auch gelacht, wenn der Mittermeier bei diesem Thema nicht aus dem Vollen geschöpft hätte. Daher: beste Unterhaltungsliteratur für alle, egal ob Kindermuffel oder Kinder-Nerd.

8. September 2021

Die Spirale – Etappe 7

Mit der Rucksackfähre über die Aare: von Boll-Utzigen nach Belp-Steinbach.

Über fünf Monate sind es nun her, seit ich die letzte Etappe meiner Wanderspirale absolviert habe. Nicht, dass mir das Projekt etwa verleidet wäre, ganz im Gegenteil, doch die Route der Etappe 7 bedingte die Überquerung der Aare mit einem Boot, was angesichts der Wetter- und Hochwasserverhältnisse der vergangenen Monate ein Ding der Unmöglichkeit war.

Am vergangenen Sonntag waren die Gegebenheiten indes perfekt, so dass ich die Fortsetzung der Spirale an der Haltestelle von Boll-Utzigen in Angriff nehmen konnte. Unter einem Himmelblau der Superlative zog ich Richtung Dentenberg, den es zum zweiten und letzten Mal im Rahmen dieses Projektes zu überschreiten galt. Oben angekommen zeigten sich vor der splendiden Aussicht auf die Alpen ein in Weiss gedeckter Tisch mit Rednerpult, daneben ein Abendmahlskelch, eine Kerze und eine Vase mit Blumenbukett. Auf der Wiese hinter der pfarrherrlichen Anordnung mehrere Reihen Festbänke und ganz rechts ein aus Bläserinnen und einem Bläser bestehendes Kirchenorchester. Noch waren kaum Gottesdienstbesucher anwesend. Die Musikusse nutzten die Gunst der Stunde und übten noch das eine oder andere Stück.

Die Heile-Welt-Idylle wurde leider durch zunehmenden Autoverkehr getrübt. Alle wollten sie auf den Dentenberg, in die Beiz, zum Gottesdienst, zum Spazieren, zur Erholung. Da kam für mich der Ruf der Ebene gerade recht. Gemütlichen Schrittes stieg ich durch eine Wohnlage für Mehrbessere nach Rüfenacht hinab, überquerte daselbst einmal mehr die Geleise des «Blauen Bähnlis» und verschwand im morgenkühlen Hüenliwald. Das erfrischende Waldbad war nur von kurzer Dauer und der Asphalt des «Bahnhofsträssli» hatte mich wieder. Welch seltsamer Name einer Strasse, wo sich doch weit und breit kein Bahnhof befand. Nun, die Bezeichnung dürfte wohl aus früheren Zeiten stammen, wo das nahe Allmendingen über eine abseits des Dorfes gelegene Haltestelle an der Bahnstrecke Bern–Thun verfügte. Mitten im Ort dient heute eines der beiden ehemaligen Wartehäuschen als Unterstand für Buspassagiere. Auf dem Dach prangt das alte Emailschild der SBB-Haltestelle in weisser Schrift auf blauem Grund.

Hinter Allmendingen senkte sich der Weg hinab zur Autobahn A6, deren Lärm permanent auf die nähere und weitere Umgebung brandete. Ein letzter Abstieg führte mich an einen Seitenarm der Aare, diesem folgend ich schliesslich zur eigentlichen Aare gelangte. Mit leicht erhöhtem Puls nahm ich einen Augenschein der Szenerie, insbesondere von der Fliessgeschwindigkeit der Aare. Würde ich mit meinem Mini-Packraft das andere Ufer erreichen, ohne gleich kilometerweit abgetrieben zu werden?

Kribbelig wie ich war, begann ich auf einem Sporn das Raft von Hand aufzublasen. Dann noch kurz der wasserdichte Rucksack auf dem Bug festgezurrt, die Schwimmweste montiert und los ging's! Die Strömung hatte im Nu meine Nussschale gepackt, so dass ich mich mit dem Doppelpaddel hart ins Zeug legen musste. Ich gebe es gerne zu, am liebsten hätte ich das gegenüberliegende Ufer sausen und mich bernwärts treiben lassen. Die Vernunft gewann freilich die Oberhand, und ehe ich mich's versah, kam der Sporn, den ich zum Anlanden ins Auge gefasst hatte, in Griffnähe. Nach rund drei Minuten war der Spuk vorüber und schon lagen meine Siebensachen zum Trocknen an der Sonne.

Zurück auf der Spiralwanderstrecke gelangte ich strammen Schrittes in die Industriezone von Belp. Mei, was herrschte hier für ein Verkehr! Ich fragte mich, ob dies am Sonntagmittag immer der Fall sei, oder ob dies lediglich eine der vielen Auswirkungen des an diesem Tag stattfindenden Ironman-Switzerland-Rennens darstellte. Wenige Minuten vor meinem Ziel in Belp-Steinbach überquerte ich bei einem mit mehreren Verkehrspolizisten bestückten Kreisel die Rennstrecke und war glücklich, meinen seit langem fälligen «Duathlon» siegreich bestanden zu haben. Auf den kommenden sechs Etappen der Wanderspirale wird das Packraft indes zu Hause bleiben, ehe dann über den beschaulichen Wohlensee gepaddelt wird. Eine ausführliche Bildstrecke dieser 12,3 km langen Etappe gibt es hier.

In Grün das Ergebnis von 7 Etappen auf der Wanderspirale.