26. Oktober 2021

Meine schönste Wanderung in diesem Jahr

Man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend und das Jahr nicht vor dem Silvester loben. Ich tue es an dieser Stelle trotzdem, denn ich wage zu bezweifeln, dass meine Wanderung vom 7. Oktober 2021 in den verbleibenden Wochen bis zum Jahresende noch zu toppen ist, (lasse mich indes jederzeit vom Gegenteil überraschen).

Die Tour fand im Rahmen einer Ferienwoche im Puschlav statt, die wettertechnisch nicht gerade unter einem guten Stern stand. Aber ist das Hotel einmal gebucht, so fährst du hin und machst das Beste draus. Und so regnete es also an Tag 1, an Tag 2 und auch an Tag 3, wo es oberhalb von 1700 Metern gar schneite. Für Tag 4 war dann die Überschreitung des Berninapasses geplant. Von der Lagalb ging es auf der rechten Talseite in erhöhter Lage Richtung Süden. Es lagen knapp 10 cm Neuschnee, und es wehte ein auffrischend starker Nordwestwind.

Auf der 12,7 km langen Strecke von Bernina Lagalb nach Sfazù gab es allerhand Wetter- und Landschaftsspektakel.
Alleine schon die Fahrt mit der Bahn von 1021 auf 2253 m über Meer war ein eisenbahntechnisches Schmankerl sondergleichen. In Lagalb angekommen stapften wir bei arktischen Verhältnissen über vereiste Wege bergan, derweil unten im Tal die roten Züge der Rhätischen Bahn über die kurvenreiche Strecke zwischen Inn und Adda krochen. Was für ein Bild! Dass bei solchem Wetter kaum jemand nach draussen geht, hatte unweigerlich zur Folge, dass wir uns den Weg durch den Schnee selber bahnen durften. Die ab und zu durchbrechenden Sonnenstrahlen setzten mal da und mal dort den einen oder anderen Berg ins Rampenlicht. Am Hangfuss lagen die berühmten Seen vom Berninapass: Lej Pitschen (der Kleine), Lej Nair (der Schwarze) und Lago Bianco (der Weisse). Von den Bergen beeindruckte am meisten der überzuckerte Sassal Mason, dieser gut 3000 Meter hohe Eckpfeiler zwischen Oberengadin und Puschlav, den bereits die Reisenden vor 200 Jahren in ihren Notizbüchern vermerkten.

Der garstigen Bedingungen wegen herrschte beim Hospiz etwas unterhalb der Passhöhe kaum Betrieb. Äusserst gespannt war ich auf den Abstieg ins Puschlav. Als erstes verschlug es mir bei der Geländekante, die den Blick in Richtung Süden frei gab, beinahe die Sprache. Was für eine erhabene Landschaft im Vorwintermodus! Ein guter Weg führte hinab zu Hochmooren und an die Baumgrenze. Innerhalb von wenigen Höhenmetern nahm die Schneehöhe derart ab, dass wir bald einmal auf aperem Weidegelände gingen. Erste Lärchen zeigten, etwas verhalten zwar, ihr goldenes Herbstkleid.

Die Alpensüdseite machte sich auf eine wohltuende Art bemerkbar, und der Unterschied zwischen dem beissenden Schneegestöber vom Morgen und der nachmittäglichen Sonne im Val da Campasc hätte nicht grösser sein können. Wir hatten uns eine Pause redlich verdient und machten es uns im Gras bequem, als es vom Gegenhang aus dem Lärchenwald pausenlos zu röhren begann. Mehr Bündnerland geht nicht, dachte ich mir, kaute mein Brötchen zu Ende und weiter ging's.

Dass die «Show Grischun» noch nicht zu Ende war, bewiesen dann die Ebene von Campasc, die unvermittelt auftauchende Schlucht im Val Becal und die massigen Gebäude von La Rösa, von wo es auf einer Mulattiera die nächste Geländestufe hinab nach Sfazù, unserem Tagesziel, ging. Eine wirklich gute Show hat in der Regel auch das passende Bühnendekor. Und selbst dieses fehlte nicht. Hoch über dem von Nordosten einmündenden Val da Camp (genau – jenes Tal mit dem weltberühmten Saoseosee) ragte im Hintergrund die Gipfelnadel des Piz dal Teo in den italienisch-schweizerischen Herbsthimmel, flankiert von schroffen Felsgräten. Eine Szenerie, die dieser denkwürdigen Wanderung einen unvergesslichen Abschluss bescherte, einmal abgesehen vom Feierabendbier auf der sonnigen Piazza in Poschiavo. Viva la Grischa!

Eine verständlicherweise ziemlich viele Fotos umfassende Bildstrecke befindet sich hier.


17. Oktober 2021

Jakobs Wanderungen

Jeremias Gotthelf: Jakobs Wanderungen,
Ex Libris, Zürich, 1982
Gotthelfs Roman Jakobs Wanderungen erschien 1846/47 in zwei Teilen und dem Titel «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» und schildert das Schicksal eines wandernden Gesellen aus Deutschland, der in der Schweiz in den Strudel einer hoch politisierten Atmosphäre und politischer Unruhen gerät. Währenddem deutsche Handwerksvereine und exilierte Frühsozialisten unter den Gesellen agitieren, machen sich Schweizer Radikale die Berufung der Jesuiten an das Priesterseminar und die Höhere Lehranstalt des Kantons Luzern propagandistisch zunutze, um für den Bundesstaat zu werben. Der Roman ist der Versuch eines Panoramas der politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte der 1840er-Jahre. 

Anlass zum Roman war eine Anfrage Gotthilf Ferdinand Döhners (1790–1866), des Vorsitzenden des Zwickauer Volksschriftenvereins. Döhner suchte nach geeigneten belehrenden Volksschriften und erhoffte sich wohl einen typischen Handwerksroman, in welchem ein Junge durch Fleiss, Geduld, Ausdauer und christlichen Glauben zum Meister wird. Gotthelf lieferte dagegen eine Bekehrungsgeschichte. Im Zentrum steht nicht ein fleissiger Handwerksgeselle, sondern der lebensunerfahrene, leichtgläubige und hochmütige Handwerksgeselle Jakob, der auf seiner Wanderung über Basel, Zürich, Bern und Freiburg bis nach Genf gelangt. Schritt für Schritt zeichnet Gotthelf das Bild einer sittlichen Verrohung unter dem Einfluss der Agitatoren seiner Zeit, bis Jakob schliesslich in die Genfer Unruhen von 1843 verwickelt wird.

Erst hier verwandelt sich der satirische Roman über die Folgen politischer Agitation in einen Handwerksroman mit Aufstiegsmuster. Mit dem Tiefpunkt der moralischen Entwicklung der Romanfigur ist zugleich der Wendepunkt erreicht: Der Deutsche Jakob wendet sich vom politischen Geschehen im Gastland ab und kann, nachdem sich ihm die höhere Sittlichkeit (und Gott) in der Bergwelt des Oberlandes offenbart hat, allmählich sittliche Reife erlangen.

Schliesslich muss Jakob lernen, dass sein Bestimmungsort in der eigenen Heimat liegt. Die erwünschte Heirat im Haslital bleibt ihm verwehrt. So kehrt Jakob am Ende des Romans zu seiner Grossmutter nach Deutschland zurück, um dort gereift und geläutert ein sittliches Leben als Meister zu führen.

Während sich so der Roman im zweiten Teil dem Gattungsmuster des Handwerksromans annähert, bleibt das Erzählte doch über weite Strecken das Vehikel für eine politische Grundsatzdebatte, in welcher Gotthelf klarer als in irgendeinem anderen Text seine christliche Position gegen den politischen Radikalismus und gegen den Frühsozialismus bezieht. Zentrales Thema des Romans «Jakobs Wanderungen» sind die politischen Entwicklungen der 1840er-Jahre, die Gotthelf aus seiner kritischen Perspektive schildert. Dabei geht es – auch wenn Jakob teils in den Strudel der Ereignisse gerät – weniger um die tagespolitischen Verwicklungen als um die politische Grundsatzauseinandersetzung zwischen dem Christentum einerseits und den sich auf die Bibel berufenden neuen Ideologien des Sozialismus und Kommunismus. Einen kritischen Blick wirft er insbesondere auf die Mechanismen der politischen Meinungsbildung in deutschen Handwerksvereinen und stellt den in den 1840er-Jahren unter Zeitgenossen diskutierten Konzepten von «Kommunismus» und «Sozialismus» das Menschenbild einer christlichen Weltanschauung entgegen. Damit reiht sich der Roman in eine breite Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus ein.

Dies schien umso gebotener, als nicht wenige frühsozialistische Theoretiker ihre Gesellschaftsutopien als Verwirklichung der in der Bibel vertretenen Prinzipien verstanden. Gotthelfs Roman nimmt dabei Teil an einer Auseinandersetzung mit dem Sozialismus und Kommunismus um die Deutungshoheit in Fragen der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie in der Schweiz von zahlreichen Theologen in Reden und Schriften geführt wurde.

12. Oktober 2021

Montecristo

Martin Suter: Montecristo, Diogenes,
Zürich, 2015
Eigentlich möchte Jonas Brand nur sein Filmprojekt «Montecristo» verwirklichen. Doch dann gerät der Journalist immer tiefer in eine Sache, die grösser ist als jeder Blockbuster – mit immensen Folgen für unser Finanzsystem. (Klappentext)

BE: Stadt Bern  BS: Stadt Basel  GR: Prättigau  ZH: Stadt Zürich (Hauptschauplatz) Thailand: Bangkok

10. Oktober 2021

Alle meine Gemeinden

Geschafft! Mit der Durchquerung der Gemeinde Brusio (GR) stattete ich der letzten von 2395 Schweizer Gemeinden einen fussgängerischen Besuch ab.

Es war ein denkwürdiger Tag, dieser 5. Oktober 2021. Wenige Meter nach dem Wanderstart in Miralago, am Südende des Lago di Poschiavo, betrat ich den Boden der Bündner Gemeinde Brusio. Es war dies die letzte von insgesamt 2395 Kommunen, die ich im Rahmen meines Projektes «Alle Gemeinden der Schweiz» zu begehen hatte. Die knapp 12 Kilometer lange Route führte mich durch den untersten Teil des Puschlavs und für die letzte Stunde gar über italienisches Terrain hinab nach Tirano im Veltlin.

Dass ausgerechnet das für meine Verhältnisse abgelegene Brusio als Schlusspunkt des Projektes diente, war reiner Zufall. Ich fand indes, dass es ein würdiges Ende eines Unterfangens war, das immerhin 39 Jahre lang andauerte. So habe ich nun mehr oder weniger jede Ecke der Schweiz fussgängerisch besucht, doch angesichts der in den vergangenen 20 Jahren stattgefundenen Gemeindefusionen, bestehen nach wie vor weisse Flecken auf meiner Wanderkarte, insbesondere im Kanton Wallis oder in einzelnen Gegenden Graubündens. Und das ist gut so. Denn: Kommt Zeit, kommen neue Wanderfahrten in von mir bislang unerforschte Regionen.

2. Oktober 2021

Gehen, weiter gehen

Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen, Insel,
Berlin, 2018
Er ist einer der grössten Abenteurer unserer Zeit. Er war am Nordpol und am Südpol, hat den Mount Everest bestiegen, aber er war auch tagelang zu Fuss in Los Angeles unterwegs und ist hinabgestiegen in die Unterwelt Manhattans. Er hat die Juan Fernández Insel vor Chile aufgesucht, um dort den höchsten Berg zu erklimmen – weil er in die Fussstapfen von Robinson Crusoe treten wollte. Aber auch als Städter ist er ständig unterwegs. Wochentags läuft er zu Fuss zur Arbeit, am Wochenende bricht er auf in die Natur, die gleich hinter der Haustür beginnt.

«Das Leben ist ein langer Fussmarsch», sagt Kagge. Dies kann ein riskanter Marsch über Gletscherspalten, aber auch ein Spaziergang durch einen städtischen Park sein. Der Effekt ist derselbe: Ein Glücksgefühl stellt sich ein, unsere Gedanken beginnen zu fliessen, unser Kopf wird klar, äußere und innere Welt gehen ineinander über, wir werden eins mit der Welt – im Gehen. Denn «der Kopf braucht Bodenhaftung, die bekommt er durch die Füsse».

Der Abenteurer und Weltenwanderer Erling Kagge hat sich auf eine meditative Reise begeben, Philosophen, Autoren und Weggefährten befragt und mit seinen Füßen die Welt ausgeschritten und vergrößert. Das können wir auch. Denn «alle Menschen sind geborene Entdecker».
(Klappentext)