30. Januar 2023

Passionstage

Serge Ehrensperger: Passionstage,
Edition Erpf, Bern, 1984
Der Held in diesem Roman, mit den Zügen des einstigen Don Juan, versucht, eine neue Form von Zusammenleben, mit zwei Frauen, durchzuhalten. Eine möglichst unparteiische, aber umso passioniertere Parallel-Beziehung entwickelt sich, wie sie noch selten geschildert worden ist.

Die Handlung dieser «Passionstage» von Serge Ehrensperger setzt unmittelbar nach der Herausgabe seines letzten Romans, der «Prozesstage» ein, aber das Thema in diesem neuen Buch ist eine ausschliesslich private Welt. Für den heiklen und komplexen Stoff wählt der Autor ein Erzählverfahren, das den wechselnden Stimmungslagen ganz besonders entgegenkommt. Die Art, wie der Romanheld, in vorwiegend selbst-therapeutisch gespielter Rücksichtslosigkeit, mit seinen beiden Freundinnen umgeht, mag oft schalkhaft darauf angelegt sein, die Frauenrechtlerinnen auf den Plan zu rufen. Mit einer auf weite Strecken durchgehaltenen komischen Attitüde sucht er sich zu retten, wenn das angestrebte Glück immer wieder in ein auswegsloses Dilemma auseinanderbricht, in dem drei Menschen ihre Liebes- und Hassbindung als eine lähmende Passion empfinden.

So entsteht ein Bekenntnisbuch von grosser Direktheit, das in seinem schnellen, ereignisbezogenen Ablauf den Leser in die Suche nach einer Lösung einbezieht. Überall setzt Serge Ehrensperger die Mittel seiner brillanten Sprache ein, die alles relativieren und bewältigen sollen. Durch ihren reflektierten Stil unterscheiden sich die «Passionstage» grundsätzlich von der heute üblichen rein deskriptiven Autobiographie. Denn die Hauptfigur scheint letztlich auch alles zum Zweck einer Romangrundlage und deren literarischer Auswertung zu arrangieren, was sie ganz besonders ins Zwielicht bringt; aber mit diesem Narzissmus des Helden versöhnt uns seine Selbstironie.
(Klappentext)

24. Januar 2023

Guntens stolzer Fall

Werner Schmidli: Guntens stolzer Fall,
Nagel & Kimche, Zürich, 1989
Eigentlich möchte Gunten nichts anderes, als sich in dem Berghotel an der alten Passstrasse zum Lukmanier erholen und auf Wanderungen das Bleniotal erkunden. Doch es regnet am Lukmanier, Guntens Freundin reist nach zwei Tagen verärgert ab.

Einmal, nach einer schlimmen Erfahrung, hat Gunten sich vorgenommen, sich nie wieder in das Leben anderer einzumischen. Doch mit 65 ist es wohl nicht einfach, sich zu ändern. Auf sich selbst zurückgeworfen, findet sich Gunten schon bald bei seiner Lieblingsbeschäftigung wieder: das Treiben seiner Mitmenschen mit unersättlicher Neugier zu beobachten. Ein alter Zeitungsartikel, eine Kette merkwürdiger Unfälle, die einer alten Dame im Hotel zustossen, verwickeln ihn immer tiefer in die Geschichte zweier Familien aus dem Tal. Am Ende hat Gunten zwei Mordfälle gelöst – und wenig Grund, auf sich stolz zu sein; denn hat er nicht rundum Unheil angerichtet? (Klappentext)

21. Januar 2023

Ich verkaufe mein Tessin

Als Leseratte und tessinaffiner Wanderer habe ich über all die Jahre eine kleine Bibliothek an Belletristik mit einem Bezug zum Tessin angeschafft. Die meisten Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten habe ich inzwischen gelesen: von A wie Amstutz bis Z wie Zoppi. Weil ich davon ausgehe, nicht mehr so lange zu leben wie bis dato, habe ich mich entschlossen, meine Tessin-Abteilung über mein Online-Buchantiquariat zu verkaufen. 

Ausschnitt aus der Website meines Online-Antiquariats.


19. Januar 2023

Die Reise auf den Uetliberg

Salomon Schinz: Die Reise auf den 
Uetliberg, Schweizer Verlagshaus,
Zürich, 1978
Im Juni 1774 begaben sich die beiden Universalgelehrten David Breitinger, Professor an der Kunstschule Zürich, und Salomon Schinz, Chorherr am Grossmünster, Arzt und Botaniker, mit ihren Söhnen und deren Freunden auf eine ebenso beschwerliche wie anmutige Reise auf den Uetliberg. Zu der kleinen Reisegesellschaft zählte auch ein junger Mann namens Martin Usteri, der später der durch die Zeitumstände gefährdeten Lebenslust seiner Epoche in dem unsterblichen Lied «Freut euch des Lebens» Ausdruck verleihen sollte.

Es war eine Entdeckungsreise, die ihren Eindruck auf die jugendlichen Begleiter von Schinz und Breitinger nicht verfehlte, so dass der Chorherr daraus ein literarisches Geschenklein für seine Mitbürger gestaltete. Es ist als Glücksfall unprätenziöser Beschreibung des Lebens vor zweihundert Jahren zu unserem Vergnügen erhalten geblieben. In diesem Bändchen wird es wieder zugänglich. (Klappentext)

17. Januar 2023

Der Vampir von Ropraz

Jacques Chessex: Der Vampir von Ropraz,
Nagel & Kimche, München, 2008
Im Februar 1903 wird in Ropraz eine junge und aussergewöhnlich hübsche Frau zu Grabe getragen. Die zwanzigjährige Rosa Gillieron ist an Hirnhautentzündung gestorben, ihr Tod bewegt das ganze Tal. Zwei Tage später ist der Sarg geöffnet, die Leiche von Stech- und Bisswunden entstellt. Die Empörung der Dorfbewohner ist gross. Am nächsten Tag berichtet die Zeitung vom «Vampir von Ropraz», die Nachricht gelangt bis nach New York. In den Schweizer Bergen wird fieberhaft nach dem Täter gefahndet. Hat die Verstorbene, die weit herum begehrt wurde, einen Verehrer abgewiesen? Gilt der Akt dem Vater, der Richter am Obersten Gerichtshof und Abgeordneter ist? Nachdem in der Gegend zwei weitere Fälle von Leichenschändung entdeckt werden, greift sich der Volkszorn einen verrohten Bauernjungen. Ob aber der Täter damit gefasst ist?
(Klappentext)

14. Januar 2023

Im Schnee

Erich Kästner: Im Schnee, dtv, München, 2013

Die schönsten Geschichten, Gedichte und Briefe rund um den Schnee, den Kästner liebte – besonders im Gebirge, wo ihn das im Sonnenschein glitzernde Weiss zu wunderschönen Texten inspirierte. (Klappentext)

«Lawinen sausen dann und wann
und werden sehr gerügt.
Was gehn den Schnee die Leute an?
Er fällt. Und das genügt.»

11. Januar 2023

Auf Schulreise zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Friedrich Meisner: Kleine Reisen in
der Schweiz, Bändchen I – IV, Edition
Wanderwerk, Burgistein, 2023
   
Und hier wieder einmal etwas in verlegerischen Belangen: Vor ein paar Tagen ist in meinem Verlag ein neuer Titel erschienen: «Kleine Reisen in der Schweiz» nennt er sich, beinhaltet zwei Bände und stammt von Friedrich Meisner (1765–1825). Meisner gilt als Vater der Schulreise. Wie er zu diesem unsterblichen Ruf gelangte, verdeutlichen seine insgesamt vier Bändchen mit dem bescheidenen Titel «Kleine Reisen in der Schweiz». In der ersten Hälfte der 1820er-Jahre unternimmt Meisner mit seinen Schülern einige mehrtägige Fussreisen. Die langen Märsche werden denn nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung genutzt, sondern auch immer wieder zu äusserst anschaulichen und spannenden Natur- und Heimatkundelektionen. Waren Meisners anschliessende Publikationen damals für die Jugend gedacht, sind die vier Reiseberichte in heutiger Zeit durchaus für das erwachsenen Publikum von Interesse. Die vier komplett überarbeiteten Bändchen erscheinen in zwei Bänden und beinhalten folgende Reisen:

Band 1 (Bändchen 1 + 2)
  • Von Bern nach der Petersinsel und die Täler und Gebirge des Kantons Neuenburg
  • Durch das Berner Oberland nach Unterwalden
Band 2 (Bändchen 3 + 4)
  • Durch Unterwalden, Uri und Ursern, über die Furka und Grimsel nach Interlaken
  • Von Bern über die Gemmi und den Simplon nach den Borromäischen Inseln
Der Doppelband kann direkt bei der Edition Wanderwerk oder in einer gut sortierten Buchhandlung bestellt werden.

8. Januar 2023

Die Umschlaglosen V

Nachfolgend ein paar weitere Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, ohne sie in einem gesonderten Blogbeitrag zu erwähnen. Der Hauptgrund hierfür liegt darin, dass sie über keinen zitierbaren Umschlag- oder Klappentext verfügen.

Käthi Künzi-Schmalz: Bsinnsch di no?
Emmentaler Druck, Langnau, 1984

Erwin Heimann: Wätterluft, Francke im
Cosmos Verlag, Muri b. Bern, 1989



Diverse Autoren: Wanderlust – Von der Magie des Gehens,
Zur Philosophie und Praxis des neuen Wanderns. Dokumentation
des Kolloquiums am 29. und 30 Juni 2017 in Eisenach, Stadtverwaltung
Eisenach, Kulturamt und Thüringer Museum, 2017

Piero Bianconi: Kreuze und Kornleitern
im Tessin, Büchergilde Gutenberg,
Zürich, 1946

Elisabeth Kopp: Briefe, Benteli, Bern, 1991


W.C. Brögger, N. Rolfsen: Fridtjof Nansen
1861–1896, Fussingers Buchhandlung,
Berlin, 1898

Hermann Aellen: Die Lawine von Gurin,
Wila-Verlag, Wien/Leipzig, 1923
Hansrudolf Schwabe: Schweizer Bahnen damals, Pharos, Basel, 1974


Ernst Zahn: Die Liebe des Severin Imboden,
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/Berlin,
1921

5. Januar 2023

Schwärs und Liechts

Beat Jäggi: Schwärs und Liechts, Friedrich
Reinhardt, Basel, 1967
Obschon abstammungsmässig stark den ländlichen Bezirken verhaftet, sprengt Jäggi mit seinen aus dem heutigen Alltag gegriffenen Geschichten den Rahmen der Idylle. Innerstes Anliegen bedeutet ihm, auch mit der Mundart-Novelle neue, modernere Wege zu gehen.

Gleich In der ersten Erzählung, «Uusdienet», wird überzeugend das Ende einer Bauerndynastie geschildert. Der siebzigjährige Knecht Ludi erlebt nach treuen Diensten während drei Generationen den Übergang zu r industriellen Futtermittelversorgung.

Die Humoresken «Alls nume kei Lehreri» und «D Bohnegreth» bringen eine heitere, auflockernde Note in die eher ernst gehaltene Sammlung. Der ablehnende Gärtnermeister Habegger muss es erleben, dass ausgerechnet die ihm verhasste Lehrerin Rösli Läderma ihm an der Gewerbeausstellung aus der Patsche hilft.

Die habgierige, sonst schon mit ausreichendem Gemüsesegen bedachte «Bohnegreth» plündert an einem Herbstabend die Pflanzenanlagen einer Nachbarin und wird vom Aufpasser Chlausi Bänziger bei ihrem heimlichen Tun überrascht.

Menschliche Tragik zeichnet sich ab in der Erzählung «D Stross chunnt». Der Junggeselle Gottfried und seine alternde Mutter zerbrechen an der Expropriation, die wegen eines Strassenbaus über ihren schönen Baumgarten verhängt wird.

Die Probleme der Entlassenenfürsorge im Falle des Brandstifters Toni Zuber werden in der Geschichte «Zrugg is Läbe» lebensnah aufgezeigt. Dank der positiven Einstellung seines Schutzpatrons, Baumeister Lüthy, wird Toni nach Demütigungen und dramatischen Kämpfen noch rechtzeitig zum brauchbaren Glied der menschlichen Gesellschaft.

In der letzten Erzählung «Wider deheime» packt Jäggi mutig ein für die Mundart neues Thema an. Wir begleiten den durch Neid, Missgunst und Verspottung an den Rand der Verzweiflung getriebenen Kunstmaler Lorenz Hänggi nach Paris, wo er seine innere Ruhe wiederfindet und kometenhaft hohes Ansehen und internationale Auszeichnungen gewinnt. Mit dem Erfolg in der weiten Welt kehrt bei ihm der Glaube an das Gute im Menschen zurück.
(Klappentext)

3. Januar 2023

Nass, nass, nass

Was für ein meteorologisch trister Jahresbeginn – einmal abgesehen vom 1. Januar. Es ist nicht nur viel zu warm, zu nass ist es auch noch. Nun, das soll den forschen Wanderer nicht daran hindern, seine sieben Sachen zu packen und gehörig auszuschreiten. So stand am dritten Tag des neuen Jahres die Etappe von Bolligen nach Worb auf dem Programm. Das Worblental also.

Ich ging zuerst auf der rechten Talseite hoch nach Flugbrunnen, einem Weiler, wo dir zwar nicht die Brunnen um die Ohren fliegen, einem Weiler aber, mit der vermutlich höchsten Hofladendichte dies- und jenseits des Äquators. Da der Weg noch lang und der Nieselregen hartnäckig war, stieg ich fürbass hinan zum Weiler Bantigen. Hier nebelte es besonders hübsch, was mich nicht daran hinderte, nach Stettlen hinabzusteigen. Wie Ittigen, Bolligen, Boll und Worb ist auch dieses Stettlen in den letzten 40 Jahren enorm gewachsen. Das ursprünglich ländliche Worblental ist so zu einem eigentlichen Vorort von Bern geworden, wenn auch die Ortschaften noch nicht zusammengewachsen sind. Begibt man sich indes in höher gelegene Gefilde, gewahrt man noch ein Restchen Gotthelf'sches Ambiente.

Dies betrifft insbesondere den Dentenberg, den ich in der Folge im Begriffe war zu besteigen. Noch immer nieselte und nebelte es. Das im Viertelstundentakt durchs Tal verkehrende orange Bähnchen des Regionalverkehrs Bern–Solothurn RBS bildete hierbei einen hübschen Kontrast in der düster anmutenden Umgebung. Als ich auf dem höchsten Punkt meiner Wanderung anlangte, ging der Niesel in Regen über. Eigentlich hätte es laut Prognosen nun abtrocknen sollen. Aber was sind schon Prognosen? 

Wie dem auch sei: Immerhin sah ich noch ein Mini-Rudel von vier Rehen auf offener Weide, das offenbar ebenso erstaunt war, einen Wanderer zu Gesicht zu bekommen, wie ich diese angeblich scheuen Waldtiere. Auf jeden Fall hatten sie es nicht gerade eilig, sich aus dem Staub ... oder besser ... nassen Gras zu machen. Der Einmarsch in Worb ging ohne Pauken und Trompeten über die Bühne, was auch nicht weiter verwundert, langte ich doch just kurz nach 12 Uhr an meinem anvisierten Ziel an. Umso schöner, dass drei Minuten nach meiner Ankunft das legendäre «Blaue Bähnli» nach Bern fuhr und meine Kleider Zeit fanden, sich bis zur Ankunft am Berner Hauptbahnhof vom Feucht- in den Trockenzustand zu verwandeln.

Stimmige Eindrücke dieses Fussgangs gibt es hier.

2. Januar 2023

Die Rückblende

Was für ein absurdes und für mich dennoch erfreuliches Jahr 2022: Endlich wurde die Pandemie zur Endemie, doch dann kam der russische Bär und brachte neues Leid in diese Welt. Kürzlich ging eine Fussball-WM über die Bühne, die in diesem Staat nie hätte stattfinden dürfen. Der Sommer war hierzulande so heiss und trocken, wie nie zuvor, und der Oktober doppelte mit einer durchschnittlichen Rekordtemperatur nach. Selbst das Jahresende war derart mild, dass sich die Vögel mit frühlingshaftem Gezwitscher bemerkbar machten.

Ach, und da war ja noch diese Klimakonferenz in Sharm El Sheikh. 40.000 Teilnehmer und wohl kaum einer kam zu Fuss. Viel Gerede, viel mediale Präsenz. Ergebnis: null, nichts, nada. Sehr zur Freude einiger hier nicht genannt sein wollender Regierungen, denen wirtschaftliches Wachstum über alles geht. Und das sind deren viele.

Was tun, ohne zu verzweifeln, den Bettel hinzuschmeissen oder einen auf Resignation zu machen? – Wandern! So machte ich mich auch in meinem 41. Jahr als freischaffender Fussgänger auf, Neues innerhalb der Schweiz (und dem Fürstenturm Liechtenstein) zu erkunden und zu entdecken. Ich stieg wiederum auf zahlreiche Türme, setzte meine Spiralwanderung rund um Bern fort, beging unzählige neue Abschnitte der Berner Wanderwege, absolvierte mehrere Etappen meiner Waldwanderung quer durch die Schweiz und begann mit dem Wanderrad von Langenthal ein neues Projekt. Insgesamt kamen dabei 111 Touren zusammen (Rekord!) und 1552,3 km. 11 Mal übernachtete ich im Biwak, einmal sogar auf einem 40 Meter hohen Holzturm. Leider gelangte mein Packraft nur einmal zum Einsatz, dies bei der Überquerung des Wohlensees im Rahmen der Spiralwanderung. Einen kartografischen Überblick über die im Jahr 2022 zurückgelegten Strecken gibt wie gewohnt untenstehende Karte.

Auf Karte klicken, um diese zu vergrössern.


29. Dezember 2022

Ich wurde angespuckt

Einmal musste es ja soweit kommen: Ich wurde von einem Alpaka angespuckt. Geschehen ist es gestern im Emmental. Ich ging von Eggiwil-Neuhof über die Hochwacht nach Langnau. Bestes Wanderwetter mit einer Aussicht, die kaum zu überbieten war. Beim Aufstieg ein Gehöft mit Alpakas, die sich mir sogleich näherten. Niedliche Geschöpfe fürwahr, und wer Tiere liebt, der möchte sie, wenn immer möglich, streichelnd begrüssen. Zwei Mitglieder der kleinen Herde liessen dies sogar zu. Als ich indes meine Kamera hochnahm, um aus der Nähe abzudrücken, da kam sie geflogen, die Spucke. Zielgenau mitten auf die Linse, wobei die eine Hand auch noch etwas abbekam. Blitzschnell ging das und die Botschaft war klar: Streicheln ja, nahes Fotografieren nein.

Das nenne ich mal eine klare Kommunikation, weshalb ich mich sachte vom Zaun entfernte und meine fotografische Arbeit aus der Ferne verrichtete. Weitere Bilder dieser Wanderung gibt es hier.



24. Dezember 2022

Verrammelt

Die grosse Monte-San-Salvatore-Überschreitung: Ich vollführte sie am vergangenen Donnerstag, fuhr um 6 Uhr mit dem Zug los und nahm kurz nach 10 Uhr in Paradiso den Weg via Gipfel nach Morcote unter die Füsse, ehe ich daselbst um halb vier das Postauto nach Melide bestieg, von wo es mit der Bahn wieder zurück in den Norden ging. Ein äusserst lohnender Wahnsinn, insbesondere der umwerfend schönen Wanderung wegen, die mit viel Wald und wenig Personal bestückt war, aber auch mit Aus-, Weit- und Tiefblicken aufwartete, die alleine schon die lange An- und Rückreise vergessen machten.

Soweit so gut. Etwas ärgerlich war auf dem Gipfel des Salvatore der mit einer geschlossenen Türe verrammelte Zugang zum Aussichtsturm. Da steigst du anderthalb Stunden den Berg hoch, rundherum prächtiges Adventswetter, begleitet von der Vorfreude, endlich diesen Salvatore-Turm zu besteigen, und dann, bis auf einen Reisigbesen beim verschlossenen Aufgang: nichts. Dabei war doch die Standseilbahn in Betrieb, das Ristorante geöffnet, die Aussicht parat!

Da es nicht das erste Mal war, dass ich vor einem verbarrikadierten Turm stand, war ich geübt, mich ohne Umschweife diesem traurigen Schicksal zu ergeben und die dreistündige Fortsetzung geniesserisch in Angriff zu nehmen. Dennoch schrieb ich ein paar Tage später eine freundlich formulierte Frustnote zum Salvatore hoch, mit der Bitte, man möge mir doch die Öffnungszeiten des Turms bekanntgeben, da diese nirgendwo im Web zu finden seien.

Zurück zum einleitenden Abschnitt: Damit die erwähnte Lobeshymne auf diesen Tag auch optisch nachvollzogen werden kann, gibt es hier eine Bildstrecke.

Nur zu gerne hätte ich die Treppen des Salvatore-Turms gewischt, wäre diese Türe nicht im Weg gewesen.


23. Dezember 2022

Der kleine Nick und die Mädchen

René Goscinny, Jean-Jacques Sempé:
Der kleine Nick und die Mädchen,
Diogenes, Zürich, 2002
Siebzehn prima Geschichten vom kleinen Nick und seinen Freunden. Geschichten von Marie-Hedwigs Geburtstag, Luises Besuch, den Geheimzeichen und der rosa Vase im Wohnzimmer. Mit vielen Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé.
(Klappentext)

«Das ist wieder mal so ein Buch, wo man nicht sicher sein kann, ob es je bei den Kindern ankommt, für die es geschrieben wurde, und stattdessen mit faulen Ausreden bei Papa auf dem Nachttisch liegen bleibt.» Tages-Anzeiger, Zürich

«… wieder einmal hinreißend erzählt, begleitet von den unübertrefflichen Illustrationen von Sempé. Das Ganze hervorragend übersetzt.» Ute Blaich/Die Zeit, Hamburg

20. Dezember 2022

Ich, das Eichhörnchen



Am Sonntag ging ich im Zürcherischen von Meilen nach Esslingen. Ich schritt durch ein verpuderzuckertes Dorfbachtobel hinauf zum Pfannenstiel. Ziel war der Aussichtsturm etwas oberhalb der Hochwacht. Und ja, es hatte Hochnebel, dessen Untergrenze mit der Aussichtsplattform korrespondierte. Ich bestieg den Turm dennoch und ergötzte mich an den bizarren Raureifkreationen der Natur. Beim Abstieg ertönte vom Fusse des Turmes plötzliches Hundegebell. Dieses hörte auch nicht auf, als Herrchen und Frauchen das bullterrierartige Tier zum Weitermarsch animierten. Hundie blieb hartnäckig und kläffte forte fortissimo zu mir hoch. Da meinte Frauchen zu Herrchen: «Er meint wohl, der Mann da oben sei ein Eichhörnchen.» Wie recht sie hatte.

Hier die ganze Wanderung als Bildstrecke.

17. Dezember 2022

Historische Begegnungen

Diverse Autoren: Historische Begegnungen
Hier und Jetzt, Baden, 2014











Die alten Helden der Schweizer Geschichte haben abgedankt. Die «Historischen Begegnungen» präsentieren Vorkämpferinnen und Widersacher, welche die Entwicklung der Schweiz massgeblich geprägt haben: Frauen und Männer, die sich bekämpft oder ergänzt haben. Und deren Leistungen zu Unrecht vergessen wurden.

  • Agnes von Ungarn und Rudolf Brun
  • Ulrich Zwingli und Conrad Grebel
  • Franz Ludwig Pfyffer von Wyher und Jacques-Barthélemy Micheli du Crest
  • Ulrich und Salome Bräker
  • Constantin Siegwart-Müller und Henri Dufour
  • Emilie Paravicini-Blumer und Fridolin Schuler
  • Ferdinand Rothpletz und Maria Scala
  • Hans Sulzer und Ferdinand Aeschbacher
  • Gottlieb Duttweiler und Elsa Gasser
  • Ludwig Abraham und Gustav Zumsteg

14. Dezember 2022

Amanda, Easy, Anemone, Amira, Ajoie und Avatar

Vergangenen Sonntag habe ich offiziell meine Winterwandersaison eröffnet. Und ich befürchte, dass die gut 10 Kilometer lange Route von Langnau im Emmental via Kammern–Gohlgraben und wieder zurück nach Langnau bis zur Schneeschmelze im Frühling nicht mehr zu toppen sein wird. Wenn eine Wanderung im Schnee das Prädikat «perfekt» verdient, dann diese Rundtour. Wie war ich doch vom ersten bis zum letzten Schritt hin und weg! Ich machte ungefähr 5500 Fotos, ohne zu bemerken, dass ich mich gleichzeitig fortbewegte. Es war der pure Rausch. Beim Wendepunkt, dem Gehöft Kammern, begegnete ich Amanda, Easy, Anemone, Amira, Ajoie und Avatar, das heisst, ich traf sie nicht wirklich und weiss bis heute nicht, ob es sich um Rinder, Schafe, Ziegen oder gar die Kinder der Bauernfamilie handelt. Wer es weiss: bitte melden!

Dass in diesem Post für einmal kein Bild mitgeliefert wird, liegt in der Absicht, in meiner Leserschaft den Gwundertrieb zu wecken: Ein Prozent der 5500 Aufnahmen habe ich nämlich zu einer Fotostrecke zusammengestellt, die es hier zu sehen gibt. Darin enthalten ist auch ein Bild von Amanda, Easy, Anemone, Amira, Ajoie und Avatar.

10. Dezember 2022

Kapuzinerleben

Matthäus Keust: Kapuzinerleben
Limmat Verlag, Zürich, 1999
«Kapuzinerleben» enthält die Lebensgeschichte eines schweizerischen «Bettelmönchs», eines Kapuziners, von ihm selbst erzählt. Die Kapuziner sind beim Volk beliebt, und dies weit über den engen konfessionellen Bereich hinaus. Sie gelten als volksnah, lebensbejahend und unkompliziert, vertraut vor allem mit der bäuerlichen Welt. Matthäus Keust wächst im solothurnischen Härkingen des 19. Jahrhunderts auf, wo er eine stimmungsvolle Jugend verbringt. Nach der Schulzeit in Olten prägt ihn vor allem das Gymnasium bei den Benediktinern in Mariastein, kurz bevor das Kloster aufgehoben wird. Er tritt in den Kapuzinerorden ein, und nun beginnt das wechselvolle Leben und Wirken in den verschiedenen Klöstern der Deutschschweiz, getreu der Losung des Ordens, welche ein regelmässiges Weiterziehen verlangt und keine Sesshaftigkeit erlaubt. Keust durchlebt dabei voll sein Jahrhundert, mit all den konfessionspolitischen Auseinandersetzungen, die damals hohe Wellen werfen, vom Sonderbundskrieg bis zum Kulturkampf und darüber hinaus. Keust erzählt sein Leben in der Rückschau, später auch im Tagebuchstil. Immer aber spricht er eine anschauliche und packende Sprache, als geborener Erzähler mit empfindsamem Herzen. Er ist ein scharfer Beobachter und Parteigänger, oft unbequem und auch gegen seine Mitbrüder, aber mit goldenem Humor und Selbstironie. Durch seinen Text erhalten wir Einblick in das damalige Ordensleben, mit seinen Hoch und Tief, mit den Frustrationen, Spannungen, aber auch den Momenten der Gottseligkeit. Über das Dokumentarische seiner Zeit hinaus zieht uns der Bericht durch seine Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit in Bann. Keusts Erinnerungen gehören ohne Zweifel zum Spannendsten, was aus geistlicher Feder in dieser Hinsicht vorliegt.
(Inhaltsangabe auf der Verlagswebsite)

Matthäus Keust
Geboren am 18.9.1828 in Härkingen (SO), gestorben am 3.3.1898 in Altdorf (UR). 1852 Priesterweihe im Kapuzinerkloster Solothurn. Pater Matthäus wirkte fortan als Prediger, Beichtvater, Guardian und Vikar unter anderem in Mels, Freiburg, Olten, Schüpfheim, Luzern, Appenzell, Rapperswil (SG) und Altdorf. Nach 1858 wurde er von seinem Freund Adrian Kümmerlin in die Kunst des Fotografierens eingeführt. Mit Leidenschaft bildete er sich autodidaktisch weiter. Als Sujets bevorzugte Matthäus Keust Kapuzinerklöster und die Patres, Dorfansichten und Porträts der Bevölkerung. Erhalten ist ein prächtiges Leporelloalbum mit 68 grossformatigen Fotos unter anderem vom Kloster, von Altdorf und dessen Bewohnern. Als Keust starb, wurde er als volkstümlicher Prediger, Zeichner, Musiker und Fotograf gewürdigt.

6. Dezember 2022

Von daheim aus

Weil das Gute nicht selten nahe liegt, ziehe ich ab und an auch von der Haustüre los. Neulich trieb es mich durch die Talebene des Gürbetals nach Kirchdorf, einem Ort auf dem Ausläufer des Belpbergs. Dominierend der Hochnebel und der schwere Boden. Wohltuend wie immer die weite Ebene, wohltuend aber auch der kurze Abschnitt im Wald, auf dessen Wegen noch keine Laubbläser ihr Unwesen getrieben haben.

Als fanatischer Chronist meiner Wanderungen, erfasse ich die Von-zu-Hause-aus-Touren zusätzlich separat. Daher weiss ich, dass es sich beim letzten Gang dieser Art um den 35. handelte, und dass ich dabei bislang 367,3 km zurückgelegt habe. Als Rahmenbedingung habe ich mir auferlegt, jeweils eine andere Route zu gehen. Was dies auf der Landeskarte aktuell für ein Bild gibt, sei an dieser Stelle einmal dokumentiert.



30. November 2022

Historisches aus dem Tessin

Hermann Aellen: Die Lawine von Gurin,
Edition Wanderwerk, Burgistein, 2022
Selten bisher habe ich an einem Buch über einen derart langen Zeitraum gewerkelt. Doch nun ist das Büchelchen von der Druckerei angeliefert worden und meine Freude gross. Die Rede ist von Hermann Aellens historischem Roman «Die Lawine von Gurin».

Das Tessiner Walserdorf Gurin gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Bedroht von der Bodenalplawine und unter der Knutte des Landvogts der ennetbirgischen Vogtei Meiental. Im Dorf herrschen Neid und Missgunst. Der gefürchtete Niedergang der Lawine fordert einmal mehr zahlreiche Menschenleben. Doch nach und nach raufen sich die Guriner zusammen und beginnen, sich gegenseitig zu helfen.

Gleichzeitig beginnt es südlich des Gotthard zu rumoren. Mit dem Nahen der Französischen Revolution und somit Napoleons Truppen, wittert die Bevölkerung die Chance, sich aus dem Regime der eidgenössischen Vögte zu befreien. Der Aufstand ist bloss von kurzer Dauer und die Geburtsstunde der Republik und somit des Kantons Tessin lässt nicht lange auf sich warten.

Hermann Aellen gelingt es, einen grossen Bogen vom kargen Leben des kleinen Bergdorfs Gurin über das eidgenössische Machtgebaren bis hin zur Napoleon’schen Politik zu spannen und die damalige Zeit realitätsnah zu schildern.

Ich habe den Text behutsam überarbeitet und mit Anmerkungen versehen. Eine Biografie Aellens sowie ein Flurnamenverzeichnis Gurins runden den gefälligen und äusserst rucksacktauglichen Band ab.  So bleibt mir nun nichts Anderes übrig, als der geneigten Leserschaft «Die Lawine von Gurin» herzlich zur Lektüre zu empfehlen. Das Buch kann auf der Webseite meines Verlägleins bestellt werden: Edition Wanderwerk

Über den Autor
Hermann Aellen wurde am 24.5.1887 als Sohn eines Lehrers in Oberbalm bei Bern geboren. Studium der Geschichte und Literatur in Bern. 1908–11 Redaktor am «Oberländer Tagblatt» in Thun, 1911–12 am «Brugger Tagblatt», 1913 an der «Tessiner Zeitung» in Locarno, 1915–19 als Nachfolger Rudolf von Tavels beim «Berner Tagblatt», 1921 Gründer und bis 1923 bzw. 1935–39 Redaktor der «Südschweiz», ab 1929 auch Feuilletonredaktor der «Neuen Berner Zeitung». 1912 Mitbegründer des Schweizerischen Schriftstellervereins, Herausgeber des «Schweizer Schriftstellerlexikons» (1918) und des «Schweizerischen Zeitgenossen-Lexikons» (1920–23). Sein literarisches Werk, von Heinrich Federer beeinflusst, zeigt eine Vorliebe für nationale Stoffe in Geschichte und Gegenwart und ist geprägt von romantischer und der Sehnsucht nach dem Süden. In seiner Tessiner Publizistik wirkte er auf eine Versöhnung von deutscher und italienischer Schweiz im patriotischen Geist der geistigen Landesverteidigung. Aellen starb am 26.9.1939 in Minusio bei Locarno.