16. Oktober 2026

Die Entweihung der Alpen

«Die Einsamkeit geht verloren». Ich möchte doch einmal erfahren, wieviel Quadratkilometer Einsamkeit eigentlich ein einzelner Mensch für sich beansprucht, damit er sich zufrieden gebe: Der Mensch hat 5 bis 6 Fuss Höhe und 1 bis 2 Fuss im Durchmesser; und dieser Knirps begehrt für seine Ferieneinsamkeit nicht etwa bloss, dass ihm auf seinen Spaziergängen niemand begegne, nein, er verlangt gleich ein paar Dutzend Gebirgsstöcke von je 4000 Metern Höhe und je zwanzig Stunden im Umkreis für sich allein. Ich begreife die Einsamkeit und liebe sie; ich kann sogar äussert lebhaft mitfühlen, dass es kein Genuss ist, sich mit den Ellenbogen stossen zu lassen oder auf Schritt und Tritt einem Mitmenschen auszuweichen. Allein was es mir schaden sollte, wenn ich auf der Walliser Seite der Jungfrau über das Eis kletternd, weiss, dass auf der Berner Seite, weit ausserhalb meines Horizontes, in einer Entfernung von zwei Tagereisen eine Partie von einigen hundert Passagieren im Dampfwagen hinauffährt, das begreif ich nicht. So weit das Auge reicht, keinen Menschen zu sehen, das ist schon eine ganz annehmbare Einsamkeit; die Forderung, es sollten keine vorhanden sein, so weit der Gedanke denkt, wird wohl etwas unbescheiden heissen dürfen. «Die blosse Vorstellung davon verleidet mir die Alpen.» Unter uns gesagt, das ist eine ziemlich griesgrämige Vorstellung. Es gibt ja unter den Menschen nicht bloss Engländer, es gibt auch ganz leidliche, ja sogar äusserst liebenswürdige Herren und Damen. Warum sich gleich das Schlimmste vorstellen? Und wenn denn einer so galligen Temperaments ist, dass er nicht einmal in Gedanken einen andern auf zwanzig Kilometer Entfernung dulden mag, so verkrieche er sich meinetwegen in eine Höhle des Finsteraarhorns. Zu verlangen, dass mit ihm die ganze Gebirgskette überlassen sollen, damit er sein Leberleiden darauf kuriere, das ist etwas viel. Und dann, ebenso gut wie ihn die blosse Vorstellung davon ärgert, dass eine fröhliche Vergnügungsbande mit der Eisenbahn lustig nach dem Jungfraugipfel kutschiert, könnte die Vergnügungsschar ihrerseits daran Anstoss nehmen, dass ein Brummbär auf dem Finsteraarhorn lungert, welchen die blosse Vorstellung eines Vergnügungszuges nach der Jungfrau schon ärgert. Sollen sich nun beide Teile gegenseitig von den Gipfeln hinunterärgern?

Wahrlich eine bizarre Feindseligkeit! Und ein kindischer Anlass! Der Kampf ums Dasein hat einen Sinn; denn wenn zwei nicht nebeneinander Platz finden, so stösst eben einer den andern von der Stelle; allein der Kampf ums Dortobensein, herbeigeführt durch die Anmassung, dass im Umkreis von zwölf Gletscherkegeln niemand anders sich aufhalten dürfe, ist einfach lächerlich. In diesem Krieg werden übrigens die Gebirgseremiten jämmerlich unterliegen; denn es ist in der Welt so eingerichtet, dass die Herde den Bock und nicht der Bock die Herde ausstösst. Mit der Einsamkeit ist es eben bestellt wie mit den übrigen Gütern; wenn viele Menschen der Einsamkeit teilhaftig werden wollen, so müssen sich eben alle in eine Teilung derselben fügen. Und das lässt sich ja über die Massen leicht bewerkstelligen. Welche Begriffe macht man sich denn eigentlich von den räumlichen Verhältnissen des Menschen zu den Bergen? In den einzigen Kanton Graubünden könnte man die Bevölkerung der ganzen Schweiz derart verteilen, dass jeder Einzelne nicht bloss Einsamkeit, sondern überdies noch ein gerütteltes Mass von tödlicher Langeweile erhielte.

Carl Spitteler (1845–1924) in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12.1.1930

13. Oktober 2026

Eine Frau für den Barista

Marco Malvaldi: Eine Frau für den Barista,
Piper, München, 2016
Alice Martelli. So heisst die neue Kommissarin in Pineta. Da sie von Klatsch als Ermittlungsmethode nicht wenig hält, macht sie bald die Bekanntschaft der BarLume und ihrer eigentümlichen Stammgäste. Die vier Senioren erläutern ihr auch umgehend ihre Theorie zum Verschwinden von Vanessa Benedetti. Sie sind sich sicher, dass ihr Ehemann sie zum Schweigen gebracht hat. Trotz der Affenhitze gelingt es den vier Alten selbstverständlich wie immer mit der Unterstützung von Massimo, ihrem Barista, am Ende jede Unklarheit zu beseitigen. Mithilfe messerscharfer Witze und tödlicher Wortgefechte. (Klappentext)

10. Oktober 2026

Endstation Alpenparadies

Markus Michel: Endstation Alpenparadies,
Münster, Basel, 2019
Max Berger, ein älterer Auslandschweizer, langjähriger Buchhalter in Paris, hört in der Metro, wie zwei Frauen von einem Alpenparadies Dolce Vita in der Schweiz erzählen, wohin alte Menschen aus ganz Europa geschickt werden. Obwohl Max sich einredet, dass dies nicht sein kann und er selbst noch jung sei, wird sein Alltag immer mehr zum Alptraum. Er verliert seine Stelle, spielt seiner Frau vor, immer noch arbeiten zu gehen, irrt durch Paris. Max sieht nur noch einen Ausweg.

Scheinbar alles nur wilde Fantasterei von Max, der, seit sie einen neuen Mitarbeiter und den neuen Computer haben, keine Arbeit mehr hat und schauen muss, wie er die Bürostunden hinter sich bringt?! Nein, die Realität holt den Alptraum ein.
(Klappentext)

F: Paris

3. Oktober 2026

Die Gedanken-Bank

Es ist an der Zeit, wieder einmal ein Bänkli zu zelebrieren. Dieses Exemplar befindet sich im Dorfzentrum von Rünenberg, Kanton Basel-Landschaft. Es soll an die schmerzlichen Erfahrungen der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen erinnern. Im gesamten Kanton sind 13 solcher halbrunden Gedankenbänke aufgestellt worden. Hergestellt wurden sie aus Baselbieter Eichenholz in der Schreinerei des Massnahmenzentrums für junge Erwachsene Arxhof. Weitere Informationen über das Weshalb und Wozu dieses Projektes gibt es hier.

27. September 2026

Alle sieben Wellen

Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen,
Goldmann, München, 2011
Erstens: Sie kennen Emmi Rothner und Leo Leike? Dann haben Sie also «Gut gegen Nordwind» gelesen, jene ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, per E-Mail rettungslos verlieben. Zweitens: Für Sie ist die Geschichte von Emmi und Leo und ihrer unerfüllten Liebe abgeschlossen. Mag sein. Aber nicht für Emmi und Leo! Drittens: Sie sind der Ansicht, dass die Liebenden zumindest eine einzige wirkliche Begegnung verdient hätten und der Roman eine zweite Chance auf ein anderes Ende? Bitte, hier haben Sie's! Viertens: Sie haben keine Ahnung, wovon hier die Rede ist? Kein Problem. In diesem Buch erfahren Sie alles: von Leos Rückkehr aus Boston, von Emmis Eheproblemen und von der siebenten Welle, die immer für Überraschungen gut ist. (Inhaltsangabe im Buch)

21. September 2026

Regenzauber

Michael Obert: Regenzauber, Piper,
München, 2005
Einem Kindheitstraum folgend, bereist Michael Obert den drittlängsten Fluss Afrikas. Vom Regenwald durch die Sahel-Zone und die Sahara bis zur Mündung am Golf von Benin. Er begegnet Fischern, Händlern, Nomaden und Schamanen, die ihn in die Glaubenswelt der Flussvölker und die Magie des Stroms einweihen. (Klappentext)

Oberts literarischer Reisebericht erhielt am 13. Mai 2005 den Globetrotter-Buchpreis. Die Auszeichnung prämiert besonders wertvolle Werke der Reiseliteratur. Die Jury honorierte den Autor als sanften und mutigen Reisenden und «Regenzauber» als herausragendes Buch, das durch seine intensive Auseinandersetzung mit der traditionellen Welt am Niger sowie durch seine hohen literarischen Qualitäten besticht.

Moors Fazit: 566 Seiten Reiseliteratur in Vollendung. Auch wenn das von Obert Erlebte und Beschriebene für westliches Empfinden manchmal kaum zum Aushalten ist, führt es den Leser/die Leserin hautnah an die ursprüngliche Kultur Afrikas, aber auch an die Tragik der Auswirkungen von Kolonialismus und neuzeitlichem Wirtschafts-Imperialismus westlicher Herkunft. Absolut lesenswert!

11. September 2026

Mein neustes Wanderprojekt

Der aktuelle Projektstand: Hellgrün = bereits eingebundene Haltestelle. Hellblau = noch einzubindende Haltestelle. Rot = Wanderung unter Einbezug der Haltestelle geplant.


Seit ich wandere, nutze ich für die An- und Rückreise ausschliesslich den Öffentlichen Verkehr. Im Sommer 2026 ist nun die Idee entstanden, sämtlichen Bahnhaltestellen der Schweiz wandernder Weise einen Besuch abzustatten. Hierbei sollen die bislang genutzten Bahnstationen als «besucht» berücksichtigt werden. Als «besucht» gelten Bahnhöfe und Stationen, die mir entweder als Start- oder Zielpunkt einer Wanderung gedient haben. Nach der Erstellung eines Haltestellenverzeichnisses (Stand: August 2026) ergab sich die stattliche Anzahl von insgesamt 1711 Haltepunkten. Hiervon haben mir bisher mehrere hundert im Rahmen einer Wanderung als Start oder Ziel gedient. Für den Einbezug der verbleibenden Bahnhaltestellen in mein Wandernetzwerk habe ich mir folgende Spielregeln auferlegt:

  1. Stationen, die an einer Normalspurstrecke liegen, sollen allesamt als Ausgangs- oder Zielort einer Wanderung dienen.
  2. Haltepunkte, die sich an einer Schmalspurstrecke befinden, gelten als «genutzt», bzw. «besucht», wenn ich anlässlich einer Wanderung daran vorbeigewandert bin. Diese Spielregel wird demnach dazu führen, dass ich vermehrt entlang von Schmalspurlinien von Haltepunkt zu Haltepunkt wandern werde, um so möglichst viele Stationen «sammeln» zu können.
Sinn und Zweck dieses Projekt ist es, dass ich gewisse Gegenden, aber auch die unglaubliche Vielfalt des Bahnlandes Schweiz noch besser kennenlerne.

Zur Definition der «Bahnhaltestelle» für dieses Projekt: Ausgeklammert habe ich einzig sämtliche innerstädtischen Tramlinien. Folgende Überlandtramlinien sind indes mit einbezogen:
  • Liestal–Waldenburg
  • Ettingen Dorf–Rodersdorf Station
  • Gümligen–Worb Dorf
  • Zollikerberg–Esslingen
Projektstart: 28.03.1982
Stand am 09.09.2026: Von 1711 Haltestellen sind 756 in mein Wanderwerk eingebunden.
  • An Normalspurstrecken: 512
  • An Schmalspurstrecken: 244
  • Verbleibende Haltestellen insgesamt: 955
Das Projekt firmiert unter der Bezeichnung «Bahnhaltestellenwandern» und wird auf der separaten Projektseite, wo übrigens alle meine anderen Wanderprojekte (aktuelle und beendete) aufgeführt sind,  laufend aktualisiert.

7. September 2026

Neulich in 7500 St. Moritz

Die auf 2182 m gelegene Örtlichkeit nennt sich sonderbarerweise «Paradiso», oder amtlich, denn so ist sie selbst auf der Karte 1:10 000 des Bundesamts für Landestopografie vermerkt: «Paradiso Mountain Club & Restaurant». Wer auf der Webseite dieses kafkaesk anmutenden Etablissements – selbstverständlich mit einer .com-Adresse – versucht, eine Menü- oder Getränkekarte zu finden, versucht vergeblich. Vermutlich werden die Preise derart billig sein, dass sich die Lokalbetreiber genötigt sahen, auf eine Publikation zu verzichten, um den unerwünschten Andrang proletarischen Pöbels erst gar nicht aufkommen zu lassen. Aber vielleicht liege ich da völlig falsch. Who knows?

3. September 2026

Dietegen

Gottfried Keller: Dietegen, Reclam
Junior, Stuttgart, 1967
Die Novelle «Dietegen» spielt zur Zeit der Burgunder- und der Mailänderkriege in den beiden fiktiven Schweizer Städten Seldwyla und Ruechenstein. In Ruechenstein wird der Waisenjunge Dietegen, der als rechtloses Verdingkind sklavenartig gehalten wird, zu Unrecht des Diebstahls einer Armbrust bezichtigt und gehängt. Küngolt, ein Mädchen aus Seldwyla, entdeckt, dass der Junge in seinem Sarg noch lebt. Nach der Rechtsordnung Ruechensteins bekommt das Leben geschenkt, wer eine Hinrichtung überlebt. Dietegen wächst fortan beim Vater Küngolts, dem Forstmeister von Seldwyla, und ihrer Mutter auf. Küngolt sieht in ihm ihren zukünftigen Ehemann und behandelt ihn wie ihren Besitz.
Nach dem Tod der Mutter zieht die Base Violande in das Forsthaus, die den Förster heiraten und die einander liebenden Kinder auseinander bringen will. Das gelingt ihr, als Küngolt eine Gruppe Ruechensteiner mit einem Aphrodisiakum aus Violandes Besitz zu Tätlichkeiten aufreizt, bei denen einer getötet wird. In derselben Nacht verführt Violande den betrunkenen Förster zur Ehe. Küngolt wird in Seldwyla vor Gericht gestellt und muss ein Jahr Dienst beim Friedhofswärter tun. Dietegen bewacht sie dort zunächst und schützt sie vor Nachstellungen. Als Küngolt sich jedoch von einem Kaplan im Hause des Totengräbers den Hof machen lässt, überlässt er sie ihrem Schicksal.
Zusammen mit seinem Ziehvater nimmt er an der Schlacht bei Grandson teil, in der der Förster fällt. Dietegen nimmt auch an spontanen, nicht angeordneten Auszügen teil, so am Zug des törichten Lebens von 1477, und kehrt, reich und eitel geworden, nach Hause zurück. Noch im Feldlager hat er von Violande, die in sich gegangen ist, erfahren, dass Küngolt in die Hände der drakonisch strafenden Ruechensteiner gefallen ist und hingerichtet werden soll. Nur eine schnelle Heirat könne sie retten. Dietegen überwindet sein moralisches Vorurteil gegen die «Dirne», geht nach Ruechenstein und bewahrt Küngolt vorm Tod. Er beteiligt sich an den Mailänder Feldzügen, in denen er fällt, aus der Ehe aber ist ein «zahlreiches Geschlecht» hervorgegangen.

Entstehung
Die Novelle entstand in der ersten Hälfte, bis zum Tod der Forstmeisterin, von 1860–62. Der zweite Teil entstand erst 1873. Angeregt wurde Keller durch zwei juristische Fundstellen in einem der Werke des  evangelischen Geistlichen und Heimatforschers, Johann Melchior Schuler (1779–1859): «Die Thaten und Sitten der Eidgenossen: ein Handbuch der Schweizergeschichte» (Zürich 1842).

Band I S. 404 f. (unter Luzern): «Ein noch junger Knabe, der aber schon viel gestohlen hatte, ward 1473 zum Tode durch den Strick verurteilt; man bat für ihn um seiner Jugend willen, und nun sollte er ertränkt werden – aus Gnade, sagte man! Der Scharfrichter warf ihn in den Fluss und zog ihn am bestimmten Orte heraus, zerschnitt seine Bande und liess ihn als tot liegen. Die Stadtknechte legten ihn in einen Sarg, der einen Spalt hatte; Knaben blickten durch denselben und fanden, dass der Mund sich bewege; Frauen hörten dies, eilten hinzu, brachen den Sarg auf, fanden Leben im Knaben und trugen ihn in den Spital; da kam er zu sich selbst, lebte lange, ward ein Biedermann, nahm ein Weib und hatte schöne Kinder.»

Band III, S. 469 f (unter Solothurn): «Der Rath verurtheilte 1632 eine Kindsmörderin zum Tode. Da bot sich ein junger Mann von Regensburg an, sie zu heirathen. Nach uralter Sitte ward ihr nun, auf Fürbitte der Geistlichkeit, das Leben geschenkt; das Paar ward auf dem Rathhaus getraut und dann auf ewig verwiesen.» Quelle: Wikipedia

30. August 2026

Zürihegel

Stefan Haenni: Zürihegel, Gmeiner,
Messkirch, 2022
Von der Metropole bis ins hügelige Hinterland des Kantons Zürich erschüttern eiskalte Verbrechen die Bevölkerung. In Fischenthal macht eine junge Frau auf Jobsuche eine grausige Erfahrung. Am Skilift des Atzmännig wird es für einen ehrgeizigen Ehemann prekär. «Die Bösen» schwingen auf dem Bachtel ohne ihren entgleisten Favoriten. Im Tösstal gefriert das Herz eines eifersüchtigen Schreiners, und die Stadtzürcher Bike Police jagt am Utoquai eine Schmuckdiebin, während im «Chreis Cheib» ein «Serien-Chiller» von sich reden macht. (Klappentext)

25. August 2026

Sinfonie der Liebe

Marga Markwalder: Sinfonie der Liebe,
Artemis, Zürich, 1953
Die Begegnung zwischen einer hochbegabten Ärztin, Chirurgin und Leiterin einer Frauenklinik, und einem international berühmten Musikdirigenten ist das Thema dieses Romans. Diese beiden Menschen, jeder vernarrt in seinen Beruf und gefesselt an einen strengen Pflichtenkreis, erfahren mit elementarer Gewalt, dass das Schicksal anderes mit ihnen vorhat, als der berufsverliebte Wille es befiehlt. Marga Markwalder flicht ein Gewebe von Schicksalsfäden so herb und schön und innig ineinander. Sie blättert Bilder aus dem Operationssaal einer Frauenklinik auf und lässt in kontrastreicher Überblendung den Leser im Konzertsaal die Erfüllungen hoher Musik miterleben. Alles, was da erzählt wird, wirkt wie der Sehnsucht abgelauscht, jener Sehnsucht nach Absolutheit im Liebeserleben, wie sie jedem Menschenherzen geheimnisvoll eingeboren ist. (Klappentext)

Marga Markwalder (eigentlich Margrit Corrodi-Horber, geborene Horber) war Schriftstellerin und Verlagslektorin. Sie lebte in Erlenbach bei Zürich und war mit dem Autor Hans Corrodi verheiratet. Bekannt wurde sie ab Mitte des 20. Jahrhunderts durch Romane, Erzählungen und zürichdeutsche Mundarttexte. Markwalder heiratete kurz nach der Matura und war seither als Hausfrau sowie zeitweise als Verlagslektorin tätig. Ihre literarischen Werke erschienen zum grossen Teil im Zürcher Artemis-Verlag. Sie schrieb unterhaltsame Prosa und gestaltete Beiträge mit einer gewandten, lebhaften Feder. So unter anderem:
  • Ritter Georg (Roman)
  • Was Dir bestimmt (Roman)
  • Lieber Peter (Roman)
  • Wolkig bis heiter (Erzählungen)
  • Sinfonie der Liebe (Roman)
  • Versunkene Melodie (Roman)

18. August 2026

Golden Pass und Greyerzerland

Michel Gremaud, Peter Pfeiffer: Golden Pass und
Greyerzerland / Golden Pass et Pays de Gruyère,
AS-Verlag, Zürich, 2001
Das Schmalspur-Fieber erfasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Westschweiz. Unter den zahlreichen Nebenlinien, die damals als Verbindung zwischen dem Ufer des Genfersees und dem Hinterland erbaut wurden, nahm die Montreux–Oberland Bernois (MOB) allerdings eine Sonderstellung ein, denn sie war für den Tourismusverkehr zwischen dem Berner Oberland mit dem mondänen Kurort Gstaad und dem Genfer See von überregionaler Bedeutung. Schon 1906, nur ein Jahr nach ihrer durchgehenden Eröffnung, führte die Bahn drei Speisewagen. Weitere Speise-, Salon- und Panoramawagen folgten in kurzer Zeit. Der luxuriöse Golden Mountain Pullmann Express bestimmte das Erscheinungsbild der MOB, bis die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre dem Tourismusverkehr ein jähes Ende setzte.

Im Band der AS-Reihe Bahnromantik sind die schönsten und spektakulärsten Fotos aus den frühen Jahren der MOB und CEG (TPF) vereint. Deutlich kommt in den Aufnahmen die Vielseitigkeit der Voralpenbahnen zum Ausdruck: Hier der elegante und luxuriöse Golden Mountain Pullmann-Express, der begüterte Touristen aus Europa und Übersee von Gstaad nach Montreux führt. Dort die einfache Triebwagenkomposition mit Zweit- und Drittklasswagen, die Bauern und Arbeiter der Region in den Hauptort Bulle oder zum Volksfest ins Nachbardorf befördert. Beide verkehren sie auf demselben Gleis, fahren sie durch dieselbe Landschaft und scheinen doch aus zwei ganz verschiedenen Welten zu stammen. Ein Einleitungstext, verfasst vom Journalisten und Regionalhistoriker Michel Gremaud aus Bulle, ordnet die im Buch vereinten Aufnahmen im verkehrs-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Rahmen ein. Detailangaben, auch bahntechnischer Art, sind in den Bildlegenden und Kapiteleinleitungen zu finden, die vom Herausgeber Peter Pfeiffer stammen.

15. August 2026

Alles für zwanzig Rappen

Kurt Held: Alles für zwanzig Rappen,
Sauerländer, Aarau, 1951
Fredi, ein Hüterbub, findet auf dem Dorfplatz zwanzig Rappen. Für den Zehnjährigen ein grosser Fund. Da der einzige Dorfladen geschlossen, geht er zu dem nahen Bahnhof, um sein Zwanzigrappenstück in einen Automaten zu werfen. Er gewinnt dabei nicht nur zwei Schachteln, er gerät ausserdem in die seltsamsten Abenteuer; aber während er eine Woche mit Fischern, Zöllnern, Töpfern, Bauern, Schmugglern, Kesselflickern und Viehtreibern verbringt, ist man in seinem Dorf in grösster Sorge um ihn. Vater, Mutter, der Lehrer, die Nachbarn, der Bürgermeister, der Polizist sind in Aufregung und sehen Fredi schon verunglückt. In eine Schlucht gestürzt, oder im Wasser des nahen Sees.

Als er auch am achten Tag nicht wieder auftaucht, beschliesst man, den Verschwundenen mit Hilfe des Radios zu suchen. Am erstauntesten ist Fredi, als er seinen Namen im Lautsprecher hört. Im gleichen Augenblick hört ihn auch der Polizist, der ihm gegenübersitzt, erkennt ihn und bringt ihn seinen Eltern zurück. Die Erlebnisse des Buben, die Aufregung im Dorf, der Empfang des Gefundenen in der Schule, die Rückkehr ins Elternhaus lesen sich wie ein lustiger, grotesker kleiner Roman und zuletzt sagt der Leser wahrscheinlich, genauso wie Fredi am Schluss seiner Abenteuer: «Und das alles für zwanzig Rappen»
(Klappentext)

TI: Carona (Hauptschauplatz), Melide, Melano, Morcote, Luganersee, Figino, Grancia, Noranco, Montagnola, Caslano, Ponte Tresa, Magliaso, Cassina, Agno, Cadempino Massagno, Besso, Lugano, Brè

12. August 2026

Dort, wo der Berg brennt

Hans Jörg Leu: Dort, wo der Berg brennt,
Edizione Tiramisù, Novaggio, 1997 
Das Leben schreibt die besten Geschichten. Hans Jörg Leu hat in der Umgebung, die ihm seit Jahren vertraut ist, hingehört und hingesehen. Mit wachem Blick und sicherem Gespür für das, was sich hinter den Fassaden abspielt. Manchmal aus kritischer Distanz, mit feiner Ironie, doch nie verletzend. Dann wieder als stiller Beobachter, Anteil nehmend, Partei ergreifend. Als «narratore», als Geschichtenerzähler, berichtet er von alltäglichen, unglaublichen, skurrilen Begebenheiten. Von damals und von heute, in einer Weise, die stets geprägt ist von seiner Liebe zur kleinen Welt des Malcantone. (Klappentext)

TI: Novaggio, Malcantone, Lugano I: Luino

Hans Jörg Leu
Geboren am 22. August 1926 und aufgewachsen in Baden, studierte Hans Jörg Leu Medizin und promovierte 1951 an der Universität Zürich. Als junger Assistenzarzt am damaligen Militärspital in Novaggio kam er erstmals ins «Dorf», dem er seitdem verbunden blieb. Aus Ferien- und Wochenendaufenthalten im Haus am wilden, grünen Hang am Dorfrand wurde 1991 ein Daueraufenthalt in einem Rustico mitten im alten Dorfkern.

Er wohnte in Baden und war während Jahren in Zürich als Professor für Gefäss-Pathologie am Universitätsspital, mit Lehrauftrag für allgemeine und spezielle Pathologie an der Universität, tätig. Er publizierte wissenschaftliche Bücher und Fachbeiträge in verschiedenen Ländern und redigierte zwei internationale Fachzeitschriften. Daneben schrieb er Glossen, Satiren und Kurzgeschichten, die in Zeitschriften und auch als Buch («Nun hab’ ich es doch geschrieben», 1991, Verlag Hans Huber, Bern) erschienen sind.

Seit seiner Jugend beschäftigt sich Hans Jörg Leu mit Malerei in Oel und Acryl, mit Linol- und Holzschnitten, seine Werke waren regelmässig an Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Aus seinem umfangreichen Werk stammen auch die Illustrationen in diesem Buch. Hans Jörg Leu verstarb am 3. Mai 2023 im Alter von 96 Jahren.

(Quellen: Kurzbiografie aus dem vorliegenden Buch, Lebensdaten aus der Todesanzeige, erschienen in der Aargauer Zeitung.)