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6. März 2025

Nick Tappoli

Jakob Christoph Heer: Nick Tappoli,
Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart/
Berlin, 1922
«Nick Tappoli» spielt im malerischen Eglisau (Kanton Zürich) und dreht sich um das Leben der Einwohner, insbesondere um das Leben der Familie Tappoli und ihre Beziehungen zu anderen Bewohnern der Gemeinde. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Figuren Ulrich Junghans, ein Junge mit Sehnsüchten und Träumen, und Nick Tappoli, die hilfsbereite und lebhafte Tochter des örtlichen Pfarrers.

Der Anfang von «Nick Tappoli» spielt in einer Zeit des sozialen Wandels, in der sich die Gemeinde mit den Veränderungen im Handel und im täglichen Leben auseinandersetzt, die durch das Aufkommen der Eisenbahn verursacht werden. Der Autor stellt die Hauptfiguren und ihre Hintergründe vor, schildert Ulrichs ehrgeizigen, aber fehlgeleiteten Fluchtversuch, der zu einer Verletzung führt, und reflektiert seine Beziehungen zu seiner Familie, insbesondere seine aufkeimenden Gefühle für Nick. Während Ulrich die Herausforderungen des Erwachsenwerdens meistert, vermischen sich Gefühle der Frustration und der Zuneigung, wodurch die Themen des Erwachsenwerdens festgelegt werden, die sich im Laufe des Romans entwickeln. Die Erzählung fängt den Geist und den Aufruhr von Kindheitsträumen, familiären Pflichten und den Realitäten des Lebens in einer eng verbundenen Gemeinschaft ein.

AG: Kaiserstuhl SH: Rheinfall, Schloss Wörth SZ: Gross Mythen TG: Kreuzlingen, Seerücken, Schloss Arenenberg ZH: Eglisau (Hauptschauplatz), Rafzerfeld, Wil, Fussreise Eglisau - Zürich - Eglisau, Glattfelden, Weidlingsfahrt auf dem Rhein vom Rheinfall (Schloss Wörth) nach Kaiserstuhl, Stadt Zürich (Hauptschauplatz), Uetliberg, Zürichsee, Kilchberg, Zürichberg, Adlisberg D: Hohentengen, Weisswasserstelz, Nürnberg, Knoblauchsland b. Nürnberg, Mainz, Frankfurg, Schifffahrt von Mainz nach Koblenz, Wanderung von Assmanshausen via Niederwald nach Rüdesheim, Schifffahrt Rüdesheim Mainz, Köln, Berlin, Lübeck

14. August 2017

Mein Feuergesicht

Ruth Blum: Mein Feuergesicht, Flamberg
Verlag, Zürich/Stuttgart, 1967
Einem grossen Thema bleibt Ruth Blum, die bekannte Erzählerin, immer wissender und tiefgründiger auf der Spur: Es ist die spannungsreiche Beziehung zwischen Mann und Frau, welche der Dichterin sinnbildlich erscheint für die spannungsreiche Beziehung zwischen Mensch und Gott. So auch in diesem kraftvollen, neuen Buch.

Ursula Imholz, ein kluges und leidenschaftliches Mädchen bäuerischer Abstammung, verfällt dem Charme eines weltläufigen und modern-religiös gesinnten Mannes. Ursula ist gezeichnet durch den Makel eines «Feuergesichts», eines flammenden Muttermales, in der einen Gesichtshälfte. Das macht es dem Geliebten leichter, gegenüber dem Mädchen in der platonischen Distanz einer Seelenfreundschaft zu verharren, und es doch unter geistiger Machtausübung in Abhängigkeit zu halten. Nach langen Jahren eines urtümlichen inneren Ringens der Geschlechter heiratet der Mann – aber nicht Ursula.

In einem Prozess ehrlicher Selbsprüfung durchschaut die Enttäuschte nicht nur die Schuld des zuvor geliebten und dann gehassten Partners, sondern schliesslich auch den eigenen Fehler einer überspannten Erwartung an das Leben und an den vor solchem Anspruch notwendigerweise scheiternden Mitmenschen. Der tapfere Entschluss, auf die Pose der Betrogenen zu verzichten, gibt Hoffnung auf den Gewinn einer reiferen und freieren Menschlichkeit.


Buchumschlag der Ausgabe der
Evangelischen Verlagsanstalt,
Berlin/Leipzig
Ruth Blum erzählt das reiche und fesselnde Geschehen mit der ihr eigenen Frische, aber auch mit feinem Gespür für Zwischentöne. Die Komposition zeigt mit schöner Klarheit drei sich verschränkende Handlungsebenen: die Rückblende auf vergangene Ereignisse, die Gegenwart einer Klinik, in welcher Ursula mit Hilfe verstehender Menschen ihre Umkehr vollzieht, sowie eine Folge von knappen, Tieferes andeutenden Traumschilderungen. Damit ist der Autorin nicht nur die psychologisch differenzierte und dadurch hilfreiche Schilderung eines heutigen Frauenschicksals, sondern ebenso ein Spiegel mordernen religiösen Erlebens zu danken. (Klappentext)

GE: Stadt Genf GR: Bivio SH: Klettgau, Stadt Schaffhausen TI: Bassa di Nara, San Carlo di Negretino, Riva San Vitale

2. August 2017

Ruth Blums Erbe

Ruth Blum, 1913–1975
In der Beitragsreihe Schuplätze widme ich mich hier ausnahmsweise einer Autorin, die mich nachhaltig beeindruckt hat: Ruth Blum. Ich entdetckte sie 24 Jahre nach ihrem Tod, als ich mir im Februar 1999 in einem Buchantiquariat Die Grauen Steine erstand, deren Lektüre nach mehr verlangten. Und so kam es, dass ich mir sämtliche belletristischen Werke Blums zulegte – alle samt und sonders vergriffene Bücher, leider.

Ruth Blum wurde 1913 in Wilchingen (SH) geboren. Nach abgebrochener Lehrerausbildung und Tätigkeiten in verschiedenen Berufen gelang der Klettgauer Bauerntochter 1941 mit dem Kindheitsroman Blauer Himmel, grüne Erde ein überraschender Durchbruch. Die folgenden Werke bestätigten den Erfolg allerdings nicht. Ruth Blum erwarb ihr Diplom und arbeitete 1950–1961 als Lehrerin in Schaffhausen. Ein Krebsleiden erzwang ihre vorzeitige Pensionierung, vermittelte ihr aber auch einen vertieften Zugang zu den letzten Fragen des Lebens und des Todes. Es entstanden wiederum beachtliche Bücher. Sie erhielt u. a. 1955 den Literaturpreis der Stadt Schaffhausen, 1965 einen Gesamtwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung sowie 1971 den Georg-Fischer-Preis. Ruth Blum ist 1975 gestorben.

Blums Romane, Novellen und Erzählungen haben meist einen Bezug zu realen Örtlichkeiten. Nachfolgend eine Übersicht der Werke, vier davon mit den Schauplätzen:

Ruth Blum: Blauer Himmel, grüne
Erde, Huber, Frauenfeld, 1941
SH: Klettgau
Ruth Blum: Der gekrönte Sommer,
Huber, Frauenfeld, 1945
VD:  Vallée de Joux, Chalet
des Esserts, Chalet des Grandes
Chaumilles, Lac de Joux,
Le Sentier, Mont Tendre, Mont Risoux

Ruth Blum: Sonnenwende, Huber,
Frauenfeld, 1944
ZH: Stammheim, Stammerberg,
Stadt Zürich
Ruth Blum: Mein Feuergesicht, Flamberg,
Zürich, 1967
GE: Stadt Genf GR: Bivio SH: Klettgau,
Stadt Schaffhausen TI: Bassa di Nara,
San Carlo di Negretino, Riva San Vitale

  • Schulstubenjahre, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1976
  • Die Sichel, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1975
  • Und stets erpicht auf Altes. Irlandfahrten 1948–1973, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1974
  • Die grauen Steine, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1971
  • Und es erhub sich ein Streit, Zürich, Flamberg Verlag, 1964
  • Wie Reif auf dem Lande, Flamberg Verlag, Zürich, 1964
  • Der Gottesstrauch, Huber, Frauenfeld, 1953
  • Das Abendmahl, Huber, Frauenfeld, 1947

10. Februar 2017

Das gefrorene Meer

Judith Giovanelli-Blocher: Das gefrorene
Meer, Pendo, Zürich, 1999 (vergriffen)
Lore wächst mit zehn Geschwistern in einem Pfarrhaus auf. In leuchtenden Farben wird ihre Welt beschrieben. In bester Absicht werden die Kinder zu einem gottgefälligen Leben und zum Dienst am Nächsten erzogen. Doch Lore hat Fragen und entdeckt Widersprüche. Die Elter tragen selbst schwer an der Strenge. Der Vater ringt mit Zweifeln, die arbeitsame Mutter bricht für Stunden aus, um sich dann wieder klaglos in den Dienst der Familie und Gemeinde zu stellen. Doch gerade diese Risse ermöglichen Momente von grosser Vertrautheit, und die intensiven Kinderspiele sind für die Kinder eine rettende Insel.

So, wie die Füsse die normale Gangart verweigern und mit festgeschnürten Riemen in die richtige Position gebracht werden müssen, so widerspenstig gebärdet sich Lore. Immer wieder tut sie Unterlaubtes, um zu prüfen, ob Gott wirklich alles sieht. Manchmal zögernd, manchmal fest entschlossen sucht sie ihren Weg.

«Das gefrorene Meer» ist ein Buch von ungewöhnlicher Intensität, und die eigenwilligen Bilder, mit denen Lores Erleben geschildert wird, sind von faszinierender Kraft.

ZH: Laufen, Rhein, Uhwiesen, SH: Neuhausen AI: Alpstein

2. Oktober 2016

Vom Wolf, der den Stewi anheult


Nun sind auch sämtliche Gemeinden des Kantons Schaffhausen begangen. Gestern wanderten wir von Thayngen durch den Reiat nach Schaffhausen: Vorbei an der prähistorischen Höhle des Kesslerlochs, später durch die Dörfer Stetten und Büttenhard, wo ich im Vorgarten eines Wohnhauses einen Wolf in arttypischer Pose entdeckte. Spontan ahmte ich sein Geheul nach und prompt bemühte sich eine Bewohnerin nach draussen, um nach dem Rechten zu sehen. «Ihr Wolf gefällt mir», sagte ich. Er sei halt schon ein wenig abgeblättert, meinte die Wolfsmutter und schob nach, dass sie ihn deshalb über den Winter hereinnehme. Wölfe sind auch nicht mehr, was sie einst waren. Wouuuuuuuhhhh!

5. Februar 2016

Klo des Monats



Uff, beinahe hätte ich vor lauter analem Flurnamenlatein das Klo des Monats vergessen. Hier ist es nun also. Es steht direkt am Rheinfall bei Neuhausen. Und das ist gut so, denn 1. stimuliert das fallende Wasser den Harndrang und 2. lungern beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit Touristen aus der ganzen Welt am zweitgrössten Wasserfall Europas herum. Man stelle sich vor, wenn da kein Klo wäre.

15. März 2015

Nicht nur Bolle hat sich amüsiert

Das schaffhausische Merishausen zu Beginn. Eingebettet in die Hügel des Randen. Morgenfrische in den Gassen. Am Schattenhang liegt noch Schnee. Im Gemeindehaus eine urige Schenke. Gut der Kaffee. Das Dorf dämmert dem Tag entgegen. Über Hintergassen entschwinden wir Richtung Schattenhang, Richtung Wald. Buchen, Eichen, Föhren. Das ist der Randenwald. Randen ist Tafeljura. Oben angelangt, die Bise. Und Sonne und Dunst am Horizont, über gestaffelten Waldrücken. Abstieg nach Hemmental. Eingezwängt in die Geländekerbe, eine lange Häuserreihe in Jura-Architektur. Der Schaffhausen-Bus wendet rückwärts, informiert ein Verkehrsschild. Das Tal verästelt sich. In den Ästen wohnen Menschen. Gegenaufstieg auf einem Pfad mit hartgepresstem Schnee, Eis beinahe. Wieder die Bise. Ein letzter  Blick zurück aufs Dorf. Wald und Rodungen wechseln sich ab. An Schattenlagen liegt zunehmend Schnee. Gelbe Wegweiser stehen im Feld und markieren die Loipe. Wintersport im Randen schmelzt dem Frühling entgegen. Umgestürzte Bäume im Hohlweg nach Löhningen hinab. Kletterkünste von Ast zu Ast.

Hemmental (SH)

Am Waldrand windgeschützte Rast mit Blick auf die Klettgau-Ebene. Dem Rebhang entlang, am Fusse des Randen, dem Blauburgunderland. Nach Siblingen geht die Reise, von dort ebenwegs Gächlingen entgegen, den Wind im Rücken. In der Ferne die Bergkirche St. Moritz, das über 500 Jahre alte Wahrzeichen Hallaus, mitten im grössten Rebberg der Ostschweiz. Eine Wucht von Kirche. Reformiert trotz verheiligtem Namen. Doch zuvor der Schlenker über den Weinhain, der Oberhallau von Gächlingen trennt. Weit wiederum die Rundumschau, bösbisig der Wind, die Rast vermiesend. Oberhallau ist ein Schlafdorf mit fehlproportioniertem Kirchturm und, wie in Merishausen und Hallau, mit einem Restaurant Gmaandhuus. Ein seit Jahrhunderten bestechendes Gastrokonzept. Die Bergkirche über Hallau bietet kunstgeschichtlichen Unterricht und sonnige Kurzrast. Auf dem Abstieg ins Dorf intoniert eine Jugendgruppe selten gehörtes Liedgut:

Aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert …

Welche Wohltat, wenn auch nur eine kurze, junge Menschen in offenem Gelände altes Liedgut singen zu hören. Liedgut, das seinen Ursprung in Berlin hat:

Bolle reiste jüngst zu Pfingsten,
Nach Pankow war sein Ziel;
Da verlor er seinen Jüngsten
Janz plötzlich im Jewühl;
’Ne volle halbe Stunde
Hat er nach ihm jespürt.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

In Pankow jab’s keen Essen,
In Pankow jab’s keen Bier,
War allet uffjefressen
Von fremden Leuten hier.
Nich’ ma’ ’ne Butterstulle
Hat man ihm reserviert!
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

Auf der Schönholzer Heide,
Da jab’s ’ne Keilerei,
Und Bolle, jar nich feige,
War mittenmang dabei,
Hat’s Messer rausjezogen
Und fünfe massakriert.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

Es fing schon an zu tagen,
Als er sein Heim erblickt.
Das Hemd war ohne Kragen,
Das Nasenbein zerknickt,
Das linke Auge fehlte,
Das rechte marmoriert.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

Als er nach Haus jekommen,
Da ging’s ihm aber schlecht,
Da hat ihn seine Olle
janz mörderisch verdrescht!
’Ne volle halbe Stunde
Hat sie auf ihm poliert.
Aber dennoch hat sich Bolle
Janz köstlich amüsiert.

Und Bolle wollte sterben,
Er hat sich’s überlegt:
Er hat sich uff die Schienen
Der Kleinbahn druffjelegt;
Die Kleinbahn hat Verspätung,
Und vierzehn Tage druff,
Da fand man unsern Bolle
Als Dörrjemüse uff.

2. Mai 2014

Eisvogel am Fluss – Soldaten im Land

Brigitte Schoch: Eisvogel am Fluss –
Soldaten im Land, Verlag Peter Meili,
Schaffhausen, 1994 (vergriffen)
Die Ereignisse kurz nach dem 2. Weltkrieg an der Schaffhauser Grenze bilden den Hintergrund dieses spannenden autobiographischen Romans. Auch wer das erfolgreiche erste Buch der Autorin, «Reiher am Himmel – Flüchtling im Tal» nicht gelesen hat – mit der Beschreibung des Luftangriffs auf Schaffhausen und dem dadurch bedingten Tod ihres Vaters –, wird dieser Fortsetzungsgeschichte ihrer Abenteuer im romantischen Autal und in der kriegszerstörten Nachbarschaft gut folgen können.

Aus der Idylle der Talmühle kommend, ihrem behüteten, grosselterlichen Zuhause, wird das sensible Mädchen konfrontiert mit allen Problemen, die eine Besatzungsmacht mit sich bringt. Sie erhält von den Franzosen den begehrten «Laissez-passer», der ihr Tor und Tür zu den Menschen jenseits der Grenze öffnet: zu einer Familie aus Jestetten, die aus Haus und Hof vertrieben wird, zu einem Mädchen, vergewaltigt durch einen Marokkaner, zu einer jungen Auslandschweizerin, gestrandet als Flüchtling in der Talmühle, zu einer Zigeunerin, in deren Sohn sie sich verliebt. Der schmerzliche Verlust ihres Vaters und die Brutalität des Krieges zwingen das lebenslustige Mädchen schon in jungen Jahren zur Suche nach dem Sinn von Leben und Tod.

Federzeichnungen gleich, wirken die beschriebenen Bilder der Natur in den Schluchten und Tälern des Schwarzwalds, den Höhen des Randens und an den Uferlandschaften des Rheins. Ein ergreifendes Buch, weil die Erlebnisse in der damaligen Zeit – bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. (Klappentext)

BE: La Neuveville SH: Schleitheim, Hochwald, Schlatterhof b. Beggingen, Hof Neuwies b. Beggingen, Talmüli b. Schleitheim (Hauptschauplatz), Grenzstein 441, Grenzstein 410, Stadt Schaffhausen, Waldfriedhof Schaffhausen, Tramlinie Schaffhausen-Schleitheim, Rhein b. Schaffhausen, Beggingen D: Stühlingen, Wutachtal (Hauptschauplatz), Grimmelshofen, Fützen, Jestetten, Achdorf, Birkendorf, Dettighofen, Unterlauchringen, Grafenhausen, KZ Dachau

25. April 2014

Reiher am Himmel – Flüchtling im Tal

Brigitte Schoch: Reiher am Himmel –
Flüchtling im Tal, Verlag Peter Meili,
Schaffhausen, 1981 (vergriffen)
Die Ereignisse der letzten beiden Jahre des 2. Weltkrieges im Kanton Schaffhausen bilden den Hintergrund dieses spannenden Romans. Für die Erzählerin wurde der 1. April 1944 zum Schicksalsschlag. Ihr Vater, der damalige Regierungsrat Dr. Gustav Schoch, wurde nebst 39 weiteren Schaffhausern Opfer eines Luftangriffs der Allierten. Die Tochter zog darauf mit der leidgeprüften Familie zu den Grosseltern in die romantische Talmühle nach Schleitheim. Sie erlebte dort das Ende des Krieges, half bei der Betreuung der Flüchtlinge tatkräftig mit und rettete einen englischen Piloten vor der Kriegsgefangenschaft, indem sie half, ihn über die nahe Grenze zu «schmuggeln».

In einer bezaubernden Landschaft, betreut von lieben Grosseltern und einer guten Mutter, wächst das Mädchen zur Frau heran. Die spannende Handlung wechselt dabei ab mit Naturschilderungen des Wutachtales und der Randenhöhen im Kanton Schaffhausen. (Klappentext)

SH: Schleitheim und Umgebung, Talmühle, Stadt Schaffhausen, Randen D: Wutachtal, Stühlingen

12. März 2014

Kameraden und Verbrecher

Alexander Nyffenegger: Kameraden
und Verbrecher,
Edition Hartmann,
Biel /AutorInnenverlag, Bern, 2009
Nationalsozialismus und faschistisches Gedankengut sind aufgearbeitet - was nicht heisst, dass sie überwunden sind. Noch halten sich Holocaust-Leugner im Gespräch und gewinnen gar an Anhängern – von Sinheads bis hin in klerikale Kreise.

Nyffenegger reisst nicht die gleiche Wunde ein weiteres und prinzipielles Mal auf: Er macht das Geschehen dingfest am individuellen Dasein im eigenen Lande Schweiz. Glaubwürdig und seriös recherchiert zeigt er, wie sich eine Ideologie einnistet in den Köpfen von Menschen und vor allem jungen Menschen. Es gibt soziale und wirtschaftliche Gründe für die Faszination.


Historisch und faktisch betrachtet, ist es die Frontistenbewegung, wie sie sich im vorliegenden Roman von Bern ausgehend entwickelt – emotional ist es die freundschaftliche Beziehung zweier Lehrlinge der Berner Lehrwerkstätten, wo der Eine der Faszination der aufstrebenden und Heil versprechenden Ideologie verfällt, der Andere in der kritischen Position verharrt. Beide treffen sich im faschistischen Deutschland wieder. Beide stehen sie in einem je unterschiedlichen Verhältnis zur Liebe zwischen Gebundensein und Hoffnung. Was weder die Sache mit dem Nationalsozialismus noch die Freundschaft erleichtert.

Nyffenegger versteht es, das Prinzip einer politischen Überzeugung mit dem Zweifel individueller Wegfindung und Positionierung zu verknüpfen. Sein Roman entschuldigt nichts, geht aber weit über eine klischierte und letztlich unbeteiligte Verurteilung einer düsteren Epoche zivilisatorischer Menschheitsgeschichte hinaus, macht sie nachvollziehbar, ohne sie der Verwerflichkeit zu entziehen. Das Allgemeingültige seines Romans erweist sich an der Empfindung des Einzelnen. (Klappentext)

BE: Stadt Bern (Hauptschauplatz) namentlich: Lehrwerkstätte, Bremgartenfriedhof, Lorraine, Bümpliz, Restaurant Mühlerad, Matte, Zeughausgasse, Länggasse, Herrengasse, Junkerngasse, Bundeshausplatz; Thun, Militärflugplatz Bönigen SH: Stadt Schaffhausen ZH: Stadt Zürich, Militärflugplatz Dübendorf D: Stuttgart (Hauptschauplatz), Daimler-Werk in Sindelfingen, Waiblingen, Nürnberg, Dachau, München A: Innsbruck

27. November 2013

Mord in Stein am Rhein

Jon Durschei: Mord in Stein am Rhein,
orte verlag, Oberegg, 1998
Wie in früheren Durschei-Krimis wird in «Mord in Stein am Rhein» mit der Umgebung des Untersees eine Landschaft ins Wort umgesetzt, die durch ihre Harmonie Leserinnen und Lesern gefallen dürfte. Aber ausgerechnet in dieser Ambiance ereignet sich Schlimmes. Gäste eines in den Rebbergen gelegenen wunderhübschen Garni-Hotels sind darin verwickelt und ebenso Menschen, die unten im von Touristen überfluteten Bilderbuchstädtchen leben. So die legendäre Wirtin Rösli Schwarzenegger, der Kauz Jim, ein junger Galerist oder die Honoratioren von Stein. Gerüchte beschäftigen über Tage hin nahezu alle Bewohner. Dem Benediktinerpater Ambrosius jedenfalls ist es mehr als recht, als er in sein Kloster nach Disentis zurückfahren kann; sein Abt freilich ist darüber kaum entzückt. Wiederum hat sein Pater gegen den eigenen Willen ein übles Verbrechen entwirrt — statt sich in Stein am Rhein von einer Operation zu erholen. (Klappentext)

SH: Stein am Rhein und Umgebung

29. Oktober 2013

Fliehende Wasser

Ursula Fricker: Fliehende Wasser
Pendo, Zürich, 2004 (vergriffen)
Mit achtzehn verliebt sich Simon in den Verlobten einer Bekannten. Statt seiner Neigung nachzugeben, tut er, was von ihm erwartet wird: Heirat, zwei Kinder, Fabrikarbeit. Durch Zufall gerät er an die Schriften einer Lebensreformbewegung, die durch Verzicht totale Gesundheit verspricht. Kompromisslos muss die Familie die Regeln befolgen. Ida ist hin-und hergerissen zwischen Loyalität und Verrat. Bis sie Gott bittet, den Vater doch endlich fortzunehmen ...

Mit bewundernswerter Souveränität macht die Autorin das scheinbar Unverständliche verständlich. Die Subtilität ihrer Figurenzeichnung ist bestechend, die Enge der 50er Jahre mit Händen zu greifen. Mit ihrer klaren Sprache und einem konzessionslosen Blick erzählt Ursula Fricker die dramatische Geschichte so spannend, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. (Klappentext)

BE: Gstaad, Eggiwil JU: Bollement SG: Obertoggenburg SH: Stadt Schaffhausen (Hauptschauplatz), Buch, Rheinfall, Galgenbuck (Neuhausen), Rhein, Hoher Hengst bei Bargen (Randen) VD: Lausanne, Genfersee ZH: Stadt Zürich (alte Kaserne, Niederdorf, Rämistrasse), Pfannenstiel GB: Thurso (Schottland) I: Pisa

25. Oktober 2013

Rheinfall

Daniel Badraun: Rheinfall
Limmat Verlag, Zürich, 2009
Die erfolgreiche Schriftstellerin Marguerite Duval deckt unerschrocken Skandale auf, weist auf unlautere Geschäfte hin, bezieht Stellung. Und offenbar trifft sie immer wieder ins Schwarze: Ihre Bücher sind Bestseller, ihre Lesungen ausverkauft. Nur in Schaffhausen scheint es anders zu sein. Mit Morddrohungen will jemand verhindern, dass sie öffentlich auftritt. Ihr Geliebter und Manager Jean-Pierre Murat will sie schützen und beauftragt zwei Freunde, nach einer Doppelgängerin zu suchen. Margrittli Durrer ist schnell gefunden, die Ähnlichkeit frappant. Gleichzeitig jedoch gerät einiges durcheinander, und bei der Lesung im Stadttheater Schaffhausen kommt es zum Eklat mit überraschendem Ausgang. (Klappentext)

GR: St. Moritz, Silvaplana, Julierpass, Tiefencastel SH: Schaffhausen, Randen, Stein am Rhein, Rheinfall, Wangental, Hemishofen TG: Diessenhofen