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8. April 2026

Verweile doch!

Arnold Kübler: Verweile doch! Ex Libris,
Zürich, 1974
«Belächle die Hatz und die Hetz und den Stress und die Fitness … Erfahre dich selbst» – der Feder- und Wortkünstler Arnold Kübler zeigt, wie er die Welt sieht.

«Ich beginne mit dem Schauen, mit dem Augenerlebnis», versichert Arnold Kübler. Seine meist heiteren Berichte und Zeichnungen, die er seit 1970 in den Sonntagsausgaben der «Neuen Zürcher Zeitung» veröffentlichte und nun seinen Freunden in Buchform vorlegt, sind keineswegs nur illustrierte Texte; sie sind vielmehr eigenständige zeichnerische Beobachtungen, denen der Text nur zufügt, was sich aus dem Gezeichneten nicht ablesen lässt. Freilich ein Text, der die Gedanken des Lesers ebenso verführt wie die Zeichnungen das Auge des Betrachters.

Da ist von den Umständen die Rede, unter denen die jeweilige Zeichnung entstand, von Begegnungen mit verständigen und unverständigen Menschen, von der Vergangenheit und vom Schicksal der Orte, überhaupt von allem, was Orte, Menschen und Dinge preisgeben, wenn man, wie Arnold Kübler, die innere Ruhe hat, zu verweilen. Auf verborgene Schönheiten hinweisend, lächelnd oder provokativ auf etwas deutend, Stimmungen einfangend oder neugierig beobachtend zieht der schreibende Zeichner oder zeichnende Schreibende durch die Welt. Und die Welt ist alles, was seine wache Aufmerksamkeit zu fesseln vermag: das Fabrikgelände in Zürich-Oerlikon ebenso wie Sizilien, das Bündnerland ebenso wie Dresden oder Frankreich.

«Verweile doch!» ist eine Aufforderung an die Zeitgenossen, vielleicht sogar eine Beschwörung, an den Wundern dieser Welt nicht achtlos vorüberzuhasten.
(Klappentext)

31. Dezember 2025

Retro 2025 – 12

Mit diesem besinnlich-meditativen Bild – frei nach Mose 1 Vers 28: «Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» –, entstanden am 19. Dezember in Schwende auf einer Wanderung von Stoss (AR) nach Wasserauen (AI), verabschiede ich mich für dieses Jahr und wünsche alles Gute für 2026.

26. Dezember 2025

Retro 2025 – 9

Seit ich Anfang der 1990er-Jahre das Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz entdeckt habe, gehe ich mit anderen Augen durch die Gegend. Insbesondere in den bergigen Regionen stosse ich da und dort auf Wegabschnitte mit potenziell-historischer Substanz. Dies können unter anderem Stütz- und Begrenzungsmauern, Spurrillen, Wegkreuze- und Kapellen (sogenannte «Wegbegleiter»), Brücken, Steintreppen oder beispielsweise auch Pflästerungen sein. 

Als ich am 12. September vom Col-de-Bretaye in den Waadtländer Alpen via Les Ecovets nach Ollon abstieg, stiess ich kurz vor dem Wanderziel auf diesen gepflästerten Wegabschnitt. Leider ergaben meine Recherchen zu Hause lediglich den Hinweis auf eine historische Wegverbindung von lokaler Bedeutung. Gerne hätte ich mehr über diesen ausserordentlich breiten Weg erfahren: Wann wurde er und durch wen erbaut? Wer nutzte ihn über all die Jahrhunderte? Auf welche Art und Weise wurde er genutzt? Lediglich zu Fuss, mit Pferden und Maultieren oder gar mit von Tieren gezogenen Fahrzeugen?

5. November 2025

Grosses Kino im Grossen Moos

Schon bald nach Beginn meiner Wanderkarriere vor über 40 Jahren stellte ich fest, dass hierzulande das Wandern meist unzertrennlich mit den Alpen in Verbindung gebracht wird. Oder anders ausgedrückt: Wer wandert tut dies in den Bergen. Doch weshalb besteht diese schon fast in Stein gemeisselte Verknüpfung? Ich kann sie mir nur so erklären, dass die Alpen als landschaftlich schön empfunden werden, was durchaus nachvollziehbar ist, und man seine wertvolle Freizeit, sofern man denn wandert, auch dort verbringen möchte und nicht in langweiligen Gegenden wie etwa dem Mittelland mit seinen Autobahnen, Städten und öden Wäldern. Ich kann diese Haltung bis heute nicht nachvollziehen, handelt es sich doch um ein ungerechtfertigtes Vorurteil gegenüber einem Landstrich, den man meint zu kennen, was in den meisten Fällen jedoch nicht der Fall ist.

Wie dem auch sei: Für mich als freischaffender Fussgänger bestehen in dieser Hinsicht keine vorgefertigten Meinungen. Es gibt überall schöne Ecken, die es fussgängerisch zu erkunden lohnt. Genau so wie man überall auch Hässliches vorfindet, und da schliesse ich die Alpen nicht aus. Der langen Rede kurzer Sinn: Vor knapp einer Woche beging ich im bernisch-freiburgischen Grossen Moos ein paar neue Abschnitte der Berner Wanderwege und war begeistert. Begeistert von den noch vorhandenen Herbstfarben, von der Weite, aber auch vom Wetterwechsel, der sich in diesen vier Stunden vollzog. Vom anfänglich bedeckten Himmel bis hin zu eitel Sonnenschein. Alles in allem: Grosses Kino im Grossen Moos!

Gemüsekammer Grosses Moos: Die Salaternte ist kurz vor Müntschemier (BE) in vollem Gang.



3. Oktober 2025

Die erste und die letzte Meile

Seit nunmehr 44½ Jahren pendle ich ausschliesslich mit dem öV zur Arbeit. Die erste und letzte Meile, d.h. von zu Hause an den Bahnhof und wieder zurück, habe ich meist mit dem Fahrrad, eher selten zu Fuss, zurückgelegt. Das war bis vor sechs Jahren, ehe ich in einen anderen Modus überging. Seither gehe ich ausschliesslich zu Fuss zur nächsten öV-Haltestelle – drei bis vier Fahrradfahrten pro Jahr ausgenommen.
 
Weshalb ich den kurzen Fussgang einer anderen Option vorziehe? Es sind deren Gründe vieler:
  1.  Bin ich pro Wegstrecke 10 Minuten länger an der frischen Luft.
  2. Habe ich jeweils genügend Zeit, am Morgen dem Vogelgezwitscher zuzuhören, das eine oder andere Reh zu beobachten, beim Gang über den Bach den Wasserstand zu begutachten, den Duft der Felder in mich aufzunehmen und, je nach Jahreszeit, dem Sonnenaufgang über den Alpen beizuwohnen.
  3. Nehme ich noch so kleine Veränderungen an der Natur wahr: Mal ist es kühl, mal frisch, mal mild, mal schwül, mal heiss. Mal windet es von dieser, ein anderes Mal von der anderen Seite. Einmal regnet es, ein anderes Mal fällt Schnee. Mal ist das Gras grüner und länger, mal spriesst der Weizen, mal wiegt er sich goldgelb im Wind. Im Frühling blühen die Kirschbäume, als läge dahinter das Paradies, und wenige Wochen später locken Sie mit süssen Kirschen zum Mundraub. Mal aber ist es bereits stockdunkle Nacht, nicht zu sprechen vom Nebel und seiner Feuchte.
  4. Begegne ich ab und zu anderen Menschen. Meist sind es solche, die mit ihrem Hund Gassi gehen. Habe ich fünf Minuten übrig, ergibt sich oft sogar ein kurzer Schwatz – und Streicheleinheiten für den Hund.
  5. Gibt es indes immer wieder kleinere oder grössere Überraschungen, so wie neulich an jenem Abend, als sich die mir bestens bekannte und äusserst eigenwillige Katze wohlig auf dem Bahnschotter direkt neben einem Bahnübergang räkelte.


23. September 2025

Strom und Rinnsal

Schreckhorn (4078 m) und Finsteraarhorn (4274 m) spiegeln sich im unteren Bach- oder Bachalpsee.


Die Jungfrau-Region gilt gemeinhin als touristischer Hotspot. Zoomt man ein wenig näher heran, kristallisieren sich die stark frequentierten Orte schnell heraus: Interlaken, Harder, Iseltwald, Schynige Platte, Lauterbrunnen, Mürren, Schilthorn, Wengen, Grindelwald, Kleine Scheidegg, Männlichen, Jungfraujoch, Grindelwald, First. Alles Orte, die mit dem öV sehr gut erschlossen sind und es der gehfaulen Masse ermöglicht, ohne grossen Aufwand die alpine Einzigartigkeit aus der Nähe zu betrachten.

Es gibt in der Region indes ein paar kurze Wanderungen, die bei schönem Wetter die Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt zu ein paar Schritten verleiten. Nebst den beiden Klassikern Männlichen–Kleine Scheidegg und Mürren–Winteregg ist es der Spaziergang von der First zum Bach- oder Bachalpsee und wieder zurück. Und ja, dieser rund zweistündige Gang ist in der Tat wunderbar, befindet man sich doch genau gegenüber von Wetter-, Schreck- und Finsteraarhorn. Das Ganze wird am Bachsee gekrönt durch die Spiegelung der Berge im See, Windstille vorausgesetzt.

Wie die Erfahrung zeigt, lohnt es sich, derartige Ziele entweder am frühen Morgen oder späteren Nachmittag aufzusuchen. Nur so ist es möglich, den unglaublichen Massen auszuweichen. Genau dies tat ich am vergangenen Freitag. Es herrschte ein Traumwetter sondergleichen, die Lufttemperatur war um 9 Uhr auf 2200 Meter auf bereits unanständige 24° geklettert, der Besucheraufmarsch hielt sich wie erhofft in einem erträglichen Mass. Beim unteren der beiden Seen angekommen, nahm ich mir eine Viertelstunde Zeit, die wirklich sagenhafte Bergkulisse trotz Gegenlicht möglichst stilvoll abzulichten. Dann ging es weiter, dem oberen Bachsee entlang in Richtung Faulhorn. Hier waren noch weniger Leute unterwegs als auf dem Weg von der First zum Bachsee. Es kamen mir aber auch erste Wanderer entgegen, die auf dem Faulhorn übernachtet haben. 

Endgültig einsam wurde es jedoch, als ich bei der Burgihitta, einer einfachen Schutzhütte, rechts abbog und mich auf schmalem Bergpfad zum Tierwang aufmachte. Beim Tierwang angekommen, stieg ich über das Sulzibiel ab, um zurück auf die inzwischen stark bevölkerte Hauptroute First–Bachsee zu gelangen. Erneut beim Bachsee angelangt, nahm ich einen Pfad unter die Füsse, der mich hinab zum Bachläger führte. Und auch auf diesem Abschnitt waren kaum Leute unterwegs. Dasselbe war dann auch auf dem durch einen imposanten Steilhang führenden Weg hoch zum First der Fall.

Einmal mehr zeigte es sich, dass der Mensch in seiner Eigenschaft als Herdentier, vornehmlich den ausgetretenen Pfaden folgt und somit dem achtsamen Individualisten die Möglichkeit bietet, nach wie vor seine Ruhe zu finden. Und das ist gut so.

23. August 2025

Einmal mehr der Hitze entflohen

Was gibt es schöneres, wenn du als alternder Vater einen Sohnemann weisst, der dieselbe Passion mit dir teilt: Draussen zu Fuss in der Natur unterwegs zu sein und daselbst auch zu nächtigen. Also machten wir uns, der Hitze weichend, am vorletzten Wochenende auf, um auf wenig begangener Route von Lauenen über den Stüblenipass an die Lenk zu gelangen, Zeltübernachtung auf über 2000 Metern über Normalnull inklusive. Ein lohnendes Unterfangen, wie meine.

8. August 2025

Steter Tropfen

Eine in mehreren Jahrtausenden von der Natur geschaffene Designerbadewanne
am Fusse der Eigernordwand.

Ich weiss nicht, ob Sie schon einmal am Fusse der über 1800 Meter hohen Eiger-Nordwand entlanggewandert sind. Ich tat dies kürzlich und war begeistert. Möglich gemacht hat dies ein gewisser Adolf – nomen est omen – Gsteiger aus Grindelwald. Der heute 89-Jährige erbaute von August bis September 1997 in nur 39 Arbeitstagen den 6 Kilometer langen Eigertrail. Dieser führt von der Station Eismeer der Jungfraubahn hinab zur Station Alpiglen der Wengernalpbahn und darf getrost als einer der Premiumwege der Schweiz bezeichnet werden. Nicht weil er besonders anspruchsvoll, dafür umso beeindruckend ist. Dies scheint auch den Leuten des Bundesamtes für Topografie in Wabern bei Bern bewusst zu sein, haben sie doch den Weg auf der Landeskarte der Massstäbe 1:10.000/25.000 und 50.000 entsprechend benamst.

Für mich war indes bei der Abzweigung zur Station Alpiglen noch nicht Schluss: Ich zog weiter der Nordostflanke des Eigers entlang, bis zu den imposanten und mehrere hundert Meter hohen Felswänden der Gletscherschlucht, wo sich bis vor gut 120 Jahren der Untere Grindelwaldgletscher bis auf 1000 Meter über Meer hinabwälzte. Heute entdeckt man das mickrige Gletscherzünglein auf rund 1900 Meter und in vier Kilometern Entfernung.

Genau so, wie die von uns verursachten CO2-Emmissionen, genau so höhlt der stete Tropfen den Stein, wie ich auf meiner Route von der Station Eigergletscher hinab nach Grindelwald an einem der zahlreichen, am Eiger-Massiv entspringenden Bäche eindrücklich beobachten konnte.

27. April 2025

Lebensgefährlich verletzt

Emil Zopfi: Lebensgefährlich verletzt,
Ex Libris, Zürich, 1986
Der Autor stellt Nachforschungen über den Tod seiner Mutter an, die er als achtjähriges Kind bei einem Verkehrsunfall verloren hat. Dieses einschneidende Kindheitserlebnis, der Verlust, drängt nach Verarbeitung. So wurde dieses neue Buch auch sein persönlichstes.

Nachdem Emil Zopfi in seinen bisher erschienenen Büchern sein Trauma bruchstückhaft und nur am Rande angesprochen hat, indem er autobiographische Teile in erfundene Figuren hineinlegte, entschliesst er sich jetzt zu radikaler Autobiographie, ‹schreiben, wie alles gewesen ist›, wohlwissend, dass das Gedächtnis die Erinnerungen zurechtbiegt. Es geht aber nicht um eine wahrheitsgetreue Rekonstruktion des Unfalls, es geht vielmehr um einen Prozess der Identitätsfindung des Sohnes, der in allen seinen Beziehungen Ersatz für seinen Verlust sucht.

So entschliesst sich der Autor eines Tages, sich auf eine Nachforschung nach den Ursachen für seine Verletzung zu begeben. In Archiven sucht er nach den entsprechenden Zeitungsartikeln und den Gerichtsakten, die über den Unfall berichten, findet er das gerichtsmedizinische Gutachten. Er besucht aber auch Zeugen, die ihm den Unfall und seine Umstände schildern. So legt er Schicht um Schicht frei. (Klappentext)

«Strassenverkehr ist Bürgerkrieg. Ein Krieg, der politische Hintergründe hat: Die Vorstellung, dass Freiheit vor allem die Freiheit des Starken sei, den Schwachen kaputtzumachen. Freie Fahrt, Strasse frei, Tempo frei, gurtenfrei, Benzin zollfrei, Autobahn gebührenfrei, Freiheit, die ich meine. Ein Bürgerkrieg, an dem wir alle schweigend teilnehmen, den wir alle verschweigen.» (Seite 115)

4. April 2024

Die Dusch-Diät

Lorenz Keiser: Die Dusch-Diät,
Kein & Aber, Zürich, 2008
Die Welt im Allgemeinen und speziell die im helvetischen Kleinformat ist aus den Fugen geraten: Minarettkontingente, Feinstaub auf dem Cappuccino, Politbüromitglied Blochew und seine Datscha am Üetliberg, M-Budget Private Banking, Steuerflüchtlingselend am Zugersee. Wer soll in dem Durcheinander noch den Durchblick behalten?

Zum Glück gibt's Lorenz Keiser. Der Mann holt für uns die Kastanien aus dem Feuer, er zieht die Karre aus dem Dreck. In seinen Schlagseite-Kolumnen stellt der Kabarett-Kronprinz und Satire-Scheich erneut sein Können unter Beweis. Virtuos schlägt er seine rhetorischen Bögen und Haken, so dass am Schluss alles wieder am richtigen Platz steht. Die Welt ist eine Bühne, und Keiser zieht die Fäden.
(Klappentext)

11. Dezember 2021

Im Stillen klagte ich die Welt an

Dora Stettler: Im Stillen klagte ich die
Welt an, Limmat, Zürich, 2009
Im Sommer 1934 werden zwei Mädchen aus der Stadt Bern auf einen abgelegenen Bauernhof in Pflege gegeben. Auf dem Hof herrscht ein harsches Regiment, die beiden werden als Gratismägde ausgenutzt und wegen Kleinigkeiten verprügelt, der Bauer stellt ihnen nach.

Dann kommen die Missstände aus, die Kinder werden umplatziert. Aber wieder verrichten sie harte Arbeit, wieder werden sie geschlagen. Als der Alptraum nach vier Jahren ein Ende hat, sind die Elf- und Zwölfjährige für ihr Leben geprägt: vom Gefühl, nichts wert zu sein. (Klappentext)

Moors Fazit: Erschütternd, traurig und alles andere als die heile Schweiz darstellend. Nach der Lektüre erscheint mir das in den vergangenen Monaten zelebrierte öffentliche Gejammere und Getrychle gewisser Kreise als vergleichsweise lächerlicher Aktionismus spätpubertierender Möchtegernrevoluzger.

30. März 2020

111 einseitige Geschichten

Franz Hohler: 111 einseitige Geschichten,
Luchterhand, Darmstadt + Neuwied, 1983
Franz Hohler liebt kurze Geschichten. Also hat er Erzählungen von Franz Kafka bis zu John Lennon gesammelt und Kollegen aufgefordert, neue zu schreiben. Keine von ihnen ist länger als eine Seite. Einseitig ist aber nicht nur der Umfang, einseitig ist auch, wovon sie berichten. Ohne Umstände erfassen sie, worum es geht, Pointen werden nicht erst langwierig aufgebaut. Bei dieser Prosa im Kleinformat sind viele bekannte Autoren neu zu entdecken. Obwohl nur einige Geschichten von Franz Hohler selber stammen, trägt diese Sammlung doch unverkennbar seine Handschrift. (Klappenext)

29. März 2020

Der Mann auf der Insel

Franz Hohler: Der Mann auf der Insel,
Luchterhand, Hamburg, 1993
Hohlers Stoffe stammen immer aus seiner unmittelbaren Umgebung. Die Sorglosigkeit vieler seiner Zeitgenossen vermag er nicht zu teilen, für ihn steckt das Normale voller Gefahren. Dieser Reichtum an Phantasie fehlt zum Beispiel dem Mann auf der Insel, dem erst im Angesicht seines eigenen Todes der Gedanke kommt, ober er nicht für die Rettung seiner Insel etwas hätte tun können. Und auch die Reiseberichte aus Guatemala, aus Berlin nach der Öffnung der Mauer oder von einem ganz und gar unauffälligen Tag in Bremen zeigen Hohlers Blick für kleine und grosse Katastrophen. (Inhaltsangabe im Buch)

24. März 2020

Ich empöre mich, Herr Bischof!

Irma Büchler: Ich empöre mich, Herr
Bischof, Zytglogge, Bern 1987
Wie Irma Büchler als Konvertitin und als «treue Tochter Roms» die für sie neue uralte Institution erlebt und erlitten hat, schildert sie in packender Art. Beide Landeskirchen und ihre männlichen Vertreter erscheinen dabei in einem ungewohnten Lichte. Als tiefgläubige Katholikin erhoffte sie sich in ihrer Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil die Gleichberechtigung. Doch unter dem jetzigen Papst scheint jede echte Erneuerung unmöglich. Der vorliegende Erfahrungsbericht, der weder theologisch spekulativ noch frömmlerisch ist, zeigt den frustrierenden Weg einer jungen Frau durch die Institution Kirche und lässt erkennen, warum sie letztlich den Enthusiasmus und die Freude am persönlichen Einsatz für diese Gemeinschaft einbüsste. Die Lektüre ist eine Ermunterung für all jene Frauen, die aufgrund ähnlicher Erfahrungen mutlos aus dieser Kirche weggeschlichen sind. Die ehemals kirchentreue Gläubige hat sich zur unbequemen Rebellin gewandelt, die in ihrer Glaubensüberzeugung NEBEN der Kirche verharrt und durch ihre Haltung klare Zeichen setzt. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Buch ist 1987 erschienen, gelesen habe ich es erst 2020. Und was hat sich in all den 33 Jahren in dieser «allein seelig machenden Kirche» in Sachen Frauen getan? Nichts! Der Papst gibt sich immer noch als unfehlbar, der Klerus versteckt sich weiterhin hinter seinem patriarchalen Gehabe. Die Kirchenaustritte nehmen laufend zu, ebenso die seit den 1980er-Jahren endlich in die Öffentlichkeit getragenen sexuellen Übergriffe eben dieses Klerus' gegenüber Kindern und Jugendlichen. Als Aussenstehender hoffe ich, dass das Treiben dieser weltweit tätigen Institution endlich ein vernünftiges Mass annimmt, insbesondere, was die Menschlichkeit und die konsequente Gleichberechtigung der Frau anbetrifft. Eine Päpstin ist längst überfällig!

Irma Büchler, geb. 1943 in Luzern, Handelsdiplom, längere Sprachaufenthalte im Ausland, Schule für Sozialarbeit. Mehrere Jahre im Sozialdienst für Patienten an Spitälern. Einige Zeit als Katechetin an der Oberstufe und als engagierte Frau in der Pfarrei tätig. Später war sie als selbständige Unternehmerin in der Immobilienverwaltung.

21. März 2020

Zeitlupe – Zytlupe

Klaus Schädelin: Zeitlupe – Zytlupe, Edition
Francke im Cosmos Verlag, Muri, 1986
Klaus Schädelin, der Autor von «Mein Name ist Eugen», nimmt unsere Zeit unter die Lupe: Das Buch enthält alle seine Satiren, und zwar nicht nur in Mundart, wie er sie in der Sendereihe «Zytlupe» von Radio DRS vorgetragen hat, sondern, übersetzt von ihm selbst, auch in Schriftdeutsch. (Klappentext)

Klaus Schädelin wurde am 17. September 1918 an der Herrengasse in Bern geboren. Sein Vater war Albert Schädelin, Theologieprofessor und Pfarrer am Berner Münster. Nach der Matura 1938 studierte Schädelin Theologie an den Universitäten Bern und Basel. Nach dem Studienabschluss wirkte er von 1945 bis 1947 als Vikar in Attiswil, von 1947 bis 1949 als Pfarrer in Hünibach und anschliessend während neun Jahren als Pfarrer an der Petruskirche in Bern. 1955 erschien sein bekanntestes Werk, das Jugendbuch «Mein Name ist Eugen», das 2004 unter dem gleichen Titel verfilmt wurde. Von Roman Riklin wurde es als Musical «Mein Name ist Eugen» verarbeitet. 1958 wurde Schädelin als Vertreter des neu gegründeten Jungen Berns (seit 1997 Grüne Freie Liste) in den Berner Gemeinderat (Stadtregierung) gewählt. Dort leitete er die Fürsorge- und Gesundheitsdirektion, zeitweise auch die Polizei- und die Tiefbaudirektion. Von 1962 bis 1970 sass er zudem im bernischen Grossen Rat. 1973 trat er nach einem Herzinfarkt aus dem Gemeinderat zurück und ging in Pension. Gemeinsam mit René Gardi bereiste er 1960 Syrien, woraus das Buch «Wenn Sie nach Syrien gehen» entstand. Im November 1968 gehörte er zu den Mitbegründern der Schweizerischen Gefangenengewerkschaft. 1973 war er Gründungsmitglied der Stiftung Terra Vecchia und ihr erster Präsident. Von 1983 bis 1985 wirkte er für die Satiresendung «Zytlupe» des Schweizer Radios DRS1 als zeitkritischer Autor und Moderator. Klaus Schädelin verstarb am 13. Dezember 1987 und wurde auf dem Berner Bremgartenfriedhof begraben.

19. März 2020

Naturdenkmäler im Kanton Bern

Hans Itten: Naturdenkmäler im Kanton Bern,
Verlag Paul Haupt, Bern, 1970
Durch Beschluss des Europarates ist das Jahr 1970 zum Naturschutzjahr erklärt worden. Der Ministerrat hat die Regierungen der Mitgliedstaaten gebeten, für die Durchführung in ihrem Lande besorgt zu sein.

Der Bundesrat ist dieser Anregung nachgekommen. Er wandte sich zunächst an den Schweizerischen Bund für Naturschutz und ersuchte ferner die Kantonsregierungen, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten.


Der bernische Regierungsrat unterstützt die Bestrebungen des europäischen Naturschutzjahrs und nimmt mit Befriedigung davon Kenntnis, dass sich der Naturschutzverband des Kantons Bern in Zusammenarbeit mit andern Organisationen für die gute Sache einsetzt und eine Ausstellung sowie Vorträge veranstalten wird. Der Staat leistet seinen besondern Beitrag mit der Herausgabe des vorliegenden Führers zu den Naturdenkmälern im Kanton Bern. Es freut uns besonders, dass es dem ersten und langjährigen Präsidenten der kantonalen Naturschutzkommission und nachmaligen Beauftragten für Naturschutzfragen, Dr. h. c. Hans Itten, möglich war, diesen Führer zu schreiben. Er stellt damit als rüstiger Achtziger einen schönen Teil seiner verdienstvollen Lebensarbeit zusammenfassend dar.


Der Regierungsrat hofft, dass dieses Taschenbuch gute Aufnahme finde, und dass mit der Kenntnis der Naturdenkmäler auch das allgemeine Verantwortungsbewusstsein gegenüber Natur und Landschaft wachse. Das Naturschutzjahr 1970 soll nicht nur Worte, sondern auch Taten zeitigen. Ein würdiger Auftakt in diesem Sinne war die grosse Aktion «Schütze Wald und Wasser», die im Herbst 1969 in unserem Kanton durchgeführt worden ist. Allen grossen und kleinen Helfern gebührt herzlicher Dank. Der Erfolg war grossartig – und beschämend zugleich: Grossartig, welche ungeheure Menge von Abfällen in fleissiger Arbeit gesammelt wurde – und beschämend, dass eine solche Menge überhaupt vorhanden war. Schönstes Ergebnis der Aktion wird sein, wenn weitherum das Gewissen geweckt und der Wille gestärkt worden ist, zu Natur und Landschaft Sorge zu tragen. Bern, den 15. Januar 1970 Fritz Moser, Regierungspräsident
(Vorwort)

Moors Fazit: Ich bin seit dem 22. März 1984 im Besitze dieses Büchleins, das mir in all den Jahren immer wieder wertvolle Hinweise gegeben hat. Das Vorwort habe ich bestimmt auch einmal gelesen und veröffentliche es hier sehr gerne, da es 50 Jahre nach Erscheinen aufzeigt, was damals offenbar und in erster Linie unter «Naturschutz» verstanden wurde. Klar doch, sind Naturdenkmäler auch heute noch schützenswert und die Verunreinigung von Wäldern, Seen und Flüssen durch achtlos weggeworfenen Abfall nach wie vor ein leidiges Thema. Letzteres nennt sich inzwischen «Littering», und was damals nicht ansatzweise ein öffentliches Thema war, prägt heute die weltweite Diskussion: Der durch den Menschen verursachte Klimawandel und seine zunehmend sichtbaren, gravierenden Folgen für Mensch und Umwelt. Und ja, für die ewiggestrigen Politiker und deren Gefolgsleute aus jenen Reihen, aus der auch Fritz Moser stammte, wird es vielleicht weitere 50 Jahre dauern, bis sich die aktuelle Realität in deren Gehirnwindungen festgesetzt hat. Ob es sich dann noch lohnt, irgendwelche Massnahmen zu ergreifen, wage ich zu bezweifeln.

Fritz Moser (1908–1985) studierte in Bern Jus und eröffnete danach in Thun eine Praxis als Notar. Er war Verwalter der Ersparniskasse Wangen an der Aare und dort auch Gemeinderat. Von 1946 bis 1958 war er Berner Grossrat und Fraktionspräsident der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (später Schweizerische Volkspartei). 1958 wurde er Regierungsrat (1958 bis 1960 Justizdirektor, 1960 bis 1974 Finanz- und Kirchendirektor). Ab 1974 arbeitete er als Kantonalbankpräsident. Zudem war er Vorstandsmitglied der Berner Musikgesellschaft, Präsident der Stiftung Schloss Landshut, Präsident des Kunstmuseums Bern und Verwaltungsratspräsident der Berner Kraftwerke AG. Während seiner Amtszeit als Regierungsrat realisierte Moser das Finanzhaushaltsgesetz und eine Steuerreform.

3. März 2020

Vom Spazieren

Henry David Thoreau: Vom Spazieren,
Diogenes, Zürich, 2001. Das Original
erschien 1862 unter dem Titel: «Walking»
Der Streifzug durch die Natur als Lebensmodell: Für Thoreau stellt das tägliche Unterwegssein in der Natur eine Notwendigkeit dar, real wie auch übertragen – Spazieren durch die wilde Natur als Versuch, zum Lebendigsten vorzudringen. (Klappentext)

Henry David Thoreau, geboren 1817 in Concord, Massachusetts, hat seine Heimatstadt nur für einen zweijährigen Studienaufenthalt am Harvard College verlassen. Eine Zeitlang war er Privatsekretär Ralph Waldo Emersons. 1845 bezog er eine selbstgebaute Blockhütte am Walden-See, in der er zwei Jahre zurückgezogen lebte. Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Landvermesser und engagierte sich bis zu seinem Tod gegen die Sklaverei. Thoreau starb 1862 an Tuberkulose.

Artikel über Henry David Thoreau in der NZZ.

26. Dezember 2019

Altern wie ein Gentleman

Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman,
btb, München, 2012
Alt sein kann vieles bedeuten, und was da genau auf einen zukommt, weiss niemand im Voraus. Sicher ist nur: Alt werden wir alle. Und viele von uns fürchten sich davor. Mit dem Eintritt in den Ruhestand begann für den renommierten Journalisten und Fernsehmoderator Sven Kuntze ein neuer Lebensabschnitt. Geistreich und mit feiner Ironie erzählt er von seinen Plänen für die Zeit nach der Karriere – und wie er sie allesamt über den Haufen warf. Mit Humor schildert er die neue Lebensphase, die für ihn vor allem eins bedeutet: einen spannenden wie erfüllenden Neuanfang. Ein Erfahrungsbericht von einem, der auszog, um in Würde zu altern – mit Stil und Achtsamkeit, mit Gelassenheit und Tatendrang, eben wie ein Gentleman. (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Die Lektüre hat mich nicht vom Hocker gehauen. Mag sein, dass ich noch zu jung bin oder das Wandern mir derartige Gedankenspiele grösstenteils abnimmt. Böse Zungen mögen nun behaupten, dass wer nie ein Gentleman war, auch nicht wie ein Gentleman wird altern können. Gentleman hin oder her, ich werde es so oder so als gentle wanderer versuchen.

14. August 2019

Vom Arktisreisenden zum Menschenretter

Walter Bauer: Die langen Reisen, 332 S.,
Kindler Verlag, München, 1956
«Die langen Reisen» hat der deutsch-kanadische Autor Walter Bauer seine Biografie über den Arktisforscher, Meereszoologen, Hochkommissar für Flüchtlinge und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen (1861–1930) benannt. Ich habe das Buch soeben zu Ende gelesen und war einmal mehr beeindruckt über das Leben und Wirken Fridtjof Nansens. Von seiner ersten Fahrt ins arktische Meer ist die Rede und wie nachhaltig ihn diese beeindruckt hat. Bald darauf folgte 1888 die legendäre Durchquerung Gröndlands auf Schneeschuhen (Skis). Es war die erste, die je von Menschen vollbracht wurde.

Einen grossen Stellenwert nimmt in Bauers Buch die dreijährige Polarexpedition (1893-96) ein, mit der Nansen in einem im Eis eingekeilten Schiff den Nordpol «überqueren» wollte. Der unerschrockene Norweger wollte damit aufzeigen, dass das Polareis der Meeresdrift unterworfen und es lediglich eine Frage der Zeit sei, bis seine «Fram» über den Pol drifte. Nansens Theorie schien anfänglich zu funktionieren, doch mit der Zeit ergaben die Positionsmessungen, dass sich die «Fram» wieder südwärts, also vom Pol weg bewegt. Was tun?

Nansen entschloss sich nach Rücksprache mit den Expeditionsteilnehmern, den Nordpol, zusammen mit einem weiteren Gefährten, sowie mit Schlittenhunden und Kajaks zu erreichen. Doch auch dieser Versuch misslang. Die beiden Forschungsreisenden suchten sich unter unglaublichen Strapazen und Entbehrungen einen Weg durch die endlose Eiswüste, überwinterten in einer kleinen Hütte an der Küste von Franz-Josef-Land und stiessen im Frühjahr weiter südlich auf die Mitglieder einer englischen Expedition, deren Versorgungsschiff sie schliesslich nach Spitzbergen brachte, von wo die Reise zurück nach Norwegen ging. Und die «Fram» und seine Crew? Das eigens für diese Expedition gebaute Schiff schaffte den Weg aus dem Polareis ebenfalls und gelangte fast gleichzeitig mit Nansen und seinem Begleiter im Herbst 1896 nach Norwegen. In einem zweibändigen Werk mit dem Titel «In Nacht und Eis» beschreibt Nansen das drei Jahre dauernde Abenteuer, das trotz Misserfolg glücklicherweise keine Menschenleben forderte.
Fridtjof Nansen im Alter von 36 Jahren
Dennoch wurde Nansen in ganz Norwegen wie ein Nationalheld gefeiert. Als sich in dieser Epoche auf politischer Ebene die Situation zwischen Norwegen und Schweden zuspitzte, wurde von norwegischer Seite nach einer Persönlichkeit gesucht, die in der Lage war, die Unabhängigkeit gegenüber dem dominanten Schweden, zur Sprache zu bringen und nach einer Lösung zu suchen. Schnell kam der Name Fridtjof Nansens ins Spiel. Der politisch und religiös unabhängige Forscher wurde aufgrund seiner risikofreudigen und dennoch besonnenen Art als der geeignete Diplomat angesehen. Nansen war gewillt, die Aufgabe anzugehen und brachte sie schliesslich mit Erfolg zu Ende: Norwegen erlangte, wenn auch unter gewissen Bedingungen, die Unabhängigkeit Schwedens.

Eine weitere grosse Reise, die Walter Bauer beschreibt, ist jene nach Sibirien, welche Nansen die Augen für das wirtschaftliche Potenzial dieses riesigen Landes öffnete. Aus dieser Reise resultierte das Buch «Sibirien, ein Zukunftsland». Die Gegenwart Sibiriens, ja ganz Russlands zeigte sich dann alles andere als zukunftsträchtig. Hungersnöte, der 1. Weltkrieg und die Revolution trugen zu unermesslichem Leid bei. Hinzu kamen Hundertausende von Flüchtlingen. Für den noch jungen internationale Völkerbund – Vorläufer der heutigen UNO – musste dringend etwas geschehen. Und auch in dieser Situation erinnerten sich die führenden Kräfte an den erfahrenen Nansen. Dieser wollte jedoch vorerst nichts von einem Mandat als Hoher Kommissar für
Armenische Briefmarke von 1996 mit Nansen und
der «Fram» im Hintergrund
Flüchtlinge wissen. Ein Insistieren von Seiten des Völkerbundes brachte indes den Umschwung: Nansen sagte zu und begann zu wirken. Und wie! Unzählige Reisen führten den Menschenfreund in all die Krisengebiete im Osten und Südosten Europas. Nansen organisierte Geld, Lebensmittel, Flüchtlingstransporte, medizinische Hilfe. Er setzte sich unermüdlich dafür ein, dass das Leid nicht noch grösser wurde, als es schon war. Er verhandelte sowohl mit den Russen als auch mit den USA, die dem russischen Volk mit Getreidelieferungen unter die Arme griffen. Nansen intervenierte aber auch in Armenien, als die Türken drauf und dran waren, ein halbes Volk auszurotten. Mitunter als Folge seiner Bemühungen entstand schliesslich der armenische Staat. Die Armenier haben den Einsatz Fridtjof Nansens bis zum heutigen Tag nicht vergessen.

Nansen als Hoher Kommissar für Flüchtlinge des internationalen Völkerbundes
Die Liste jener Taten und Erfindungen (Nansen-Schlitten, Nansen-Pass etc.), die der 1922 zum Friedensnobelpreisträger Ernannte vollbracht hat, könnte mühelos weitergeführt werden. An dieser Stelle sei daher die Lektüre des antiquarisch gut erhältlichen Buches von Walter Bauer all jenen empfohlen, die sich für arktische Expeditionsgeschichte, skandinavische Politik und das internationale Flüchtlingswesen in den ersten zwei Jahrzehnten der 20. Jahrhunderts interessieren. Letzteres Thema ist deshalb besonders spannend, weil es zur aktuellen Flüchtlingssituation unglaubliche Parallelen gibt. Es scheint, als hätte sich in dieser Frage in 100 Jahren Menschheits- und Politgeschichte nicht viel verändert.

In diesem Zusammenhang weise ich gerne auf eine Publikation von Fridtjof Nansen in der Edition Wanderwerk hin: «Im Eise begraben / Abenteuerlust» nennt sie sich und kann hier bestellt werden.

6. Oktober 2017

Reise in die Steinzeit

Patrice Franceschi: Reise in die Steinzeit,
Bastei-Verlag, Bergisch-Gladbach, 1996,
vergriffen
Patrice Franceschi stellt sich einer ungewöhnlichen physischen und moralischen Herausforderung: Er will ein völlig unerforschtes Gebiet, das indonesische Irian Jaya in der Westhälfte Neuguineas, zu Fuss und ohne technische Hilfsmittel durchqueren. Die erste Etappe führt ihn über 4000 Meter hinauf in die Berge, durch Urwald und Sümpfe, in Kälte, strömenden Regen und dichten Nebel. Dann geht es weiter in die Ebene, zum Fluss Brazza. Hier droht Gefahr durch Insekten, Blutegel, Schlangen, Krokodile und nicht zuletzt durch die Eingeborenen. Hier leben 250 verschiedene Papuastämme – teils noch Kannibalen, teils von Missionaren befriedet –, die sich durch ihre Isolation eine vorgeschichtliche Kultur bewahren konnten. Nach einem Marsch von 500 Kilometern fährt Franceschi mit dem Schlauchboot 200 Kilometer den Brazza hinunter und kehrt nach über fünf Wochen in Jahrtausende alter Flora und Fauna in die Zivilisation zurück.

Der Autor unternahm diese Expedition 1989. Seither hat sich in Papua-Neuguinea einiges verändert zu haben. Das politisch instabile Land ist geprägt von Stammesfehden, weshalb in heutiger Zeit eine Reise in dieses von Mord- und Totschlag geprägte Land mit noch höheren Risiken verbunden ist, als es bei Franceschis Abenteuer der Fall war. Bedenkenswert ist zudem, was der Autor in der Buchmitte über seine Bedürfnisse niedergeschrieben hat:

Meine Prioritäten haben sich denen der primitiven Menschen in meinem derzeitigen Umfeld angenähert. Essen, schlafen, nicht frieren, nicht nass sein. Gibt es etwas Wichtigeres? Wie sollte man hier anders denken? Mein Lebensrhytmus hat sich umgekehrt, meine Sorgen sind dem, was sie früher einmal waren, diametral entgegengesetzt. Mein Leben wird von anderen Dingen beherrscht: Vom Regen, der vom Himmel herabfällt, von Lagerfeuern, die mir ein wenig Trost und Wärme spenden, vom Rauch, der in den Augen brennt, von verschiedenen Geräuschen, vom feuchten Boden, der mir als Lager dient, von frischem, kristallklaren Wasser und von fremden Menschen. Sogar die Erinnerung an die Menschen, die mir nahestehen, ist von einem diffusen Gefühl der Unwirklichkeit getrübt.

Auch meine Werteskala verschiebt sich nach und nach. Der kleinste Bissen der mitgebrachten Nahrung, die ich in meinem Rucksack aufbewahre, ist mir jetzt unbeschreiblich kostbar, während ich dieselben Lebensmittel zu Hause kaum zu würdigen wüsste. Auch messe ich den vertrauten Gegenständen einen unermesslichen Wert bei, der ihnen woanders nicht zukommen würde. Mein Rucksack und mein Messer sind meine treuesten Freunde geworden, und meine Hängematte, meine Hängematte, meine Taschenlampe und meine Machete sind mir ans Herz gewachsen. Diese Kleinigkeiten sind zum Mittelpunkt meines Daseins geworden. Ich lächele, amüsiere mich darüber.

Nur Bücher und Musik bleiben von diesen neuen Wertkriterien verschont. Sie bleiben unveränderliche Fixpunkte, Grundbedürfnisse, in denen ich mein wahres Ich wiederfinde. Einige geliebte Seiten, einige sublimierte Töne geben mir in schweren Augenblicken mehr Kraft als jedes andere Stimulans.

Patrice Franceshi beschreibt hier exakt mein eigenes Empfinden, wenn ich mit dem Zelt – und sei es auch nur für zwei Tage – unterwegs bin. Es begründet indes auch, weshalb ich seit meiner Jugend immer wieder die völlig autarke Form des Wanderns bevorzuge: die Reduktion auf das Wesentliche im Leben eines Menschen.