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22. Juli 2026

Dieses endlose Schweigen

Sandrine Fabbri: Dieses endlose Schweigen,
Lenos, Basel, 2011
Eines Tages endet plötzlich die Kindheit. Vor einem Körper, der aus dem vierten Stock gefallen ist. Direkt auf den Asphalt. Nach dem Unaussprechlichen wird die Mutter, die gestorben ist, totgeschwiegen. Die Hinterbliebenen, Vater und Tochter, sind fortan auf sich selbst zurückgeworfen. Doch wie leben mit der Lücke, die die Mutter hinterlassen hat? Wie überleben inmitten der Stille, der Lügen, die um die Fortgegangene gesponnen werden

Jahre später, als auch der Vater nicht mehr lebt, sucht die inzwischen erwachsene Tochter nach der Wahrheit über den Selbstmord, der als Unfall ausgegeben wurde. Wer war ihre Mutter, sie, die Genferin aus der Bohème, die einen jugoslawischen Einwanderer geheiratet hatte? Die Tochter beginnt nachzuforschen, taucht in die Tristesse einer Genfer Satellitenstadt ein, streift die Welt der Psychiatrie und stösst dabei auf weitere Tragödien in ihrer Familie.

Sandrine Fabbris Debütroman über ein Kind, das auf brutalste Weise von seiner Mutter verlassen wurde, ist schrecklich und prächtig zugleich. Ob Autofiktion oder Autobiographie, die Autorin überzeugt durch die Kraft ihres atemlosen und poetischen Stils.
(Klappentext)

GE: Stadt Genf, Meyrin (Cité Ciel Bleu) ZH: Stadt Zürich I: Rimini, Alassio, Abano, Venedig SLO: Lokavec

4. Februar 2026

Teufelsfrucht

Tom Hillenbrand, Teufelsfrucht,
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2011
Der ehemalige Sternekoch Xavier Kieffer hat der Haute Cuisine abgeschworen und betreibt in der Luxemburger Unterstadt ein kleines Restaurant, wo er seinen Gästen Huesenziwwi, Bouneschlupp und Rieslingpaschtéit serviert. Doch dann bricht eines Tages ein renommierter Pariser Gastro-Kritiker tot in seinem Restaurant zusammen und plötzlich steht Kieffer unter Mordverdacht. Als dann noch sein alter Lehrmeister spurlos verschwindet, beschliesst der Luxemburger, die Ermittlungen selbst in die Hand zu nehmen; sie führen ihn bis nach Paris und Genf. Dabei stösst er auf eine mysteriöse, außergewöhnlich schmackhafte Frucht, auf gewissenlose Lebensmittelkonzerne und egomanische Fernsehköche. Immer tiefer taucht Kieffer in die von Konkurrenzkampf und Qualitätsdruck beherrschte Gourmetszene ein und erkennt, was auf dem Spiel steht. (Klappentext)

PNG: Aramia-Ebene L: Stadt Luxemburg (Hauptschauplatz) F: Flughafen Charles-de-Gaulle, Paris, Châlons-en-Champagne, St-Martin-aux-Champs, Grand Étang du Roi, Lyon D: Hohenheim b. Stuttgart, Bitburg I: Aostatal GE: Stadt Genf, Genfersee ZH: Stadt Zürich

5. Februar 2024

26 Kantone 26 Wanderungen – 7

Die siebte Wanderung im Rahmen meines Jahresprojektes widmete sich voll und ganz der westlichsten Ecke der Schweiz. Von Chancy ging ich der Rhone entlang zum westlichsten Punkt unseres Landes (Grenzstein 1.5) und folgte hernach recht lange der Landesgrenze, ehe ich durch landwirtschaftlich geprägtes Gebiet schritt und schliesslich in La Plaine zurück an die Rhone fand. Was der Kanton Genf in seiner ebenfalls westlichsten Ecke zu bieten hat, ist schlicht und ergreifend phänomenal! Über das Projekt: Für 2024 habe ich mir vorgenommen, jeden Kanton mindestens ein Mal fussgängerisch zu beehren. Die Liste wird nach jeder Begehung eines Kantons erneut publiziert. 


 Route km  Datum 
AG  Seon – Lütisbuech – Brunegg 15,5  27.01.2024
AI       
AR   Herisau – Ober Waldstatt – Urnäsch 14,3 19.01.2024
BE   Riedtwil – Rütschelen – Langenthal 17,0 03.01.2024 
BL       
BS       
FR       
GE   Chancy – Champlong – La Plaine 14,2  03.02.2024
GL       
GR       
JU       
LU       
NE   Les Sagnettes – St-Sulpice – Les Verrières  14,0 12.01.2024 
NW       
OW       
SG       
SH      
SO  Olten – Rumpelhöchi – Hägendorf 10,4   16.01.2024
SZ      
TG      
TI       
UR       
VD       
VS       
ZG   Sihlbrugg – Edlibach – Oberägeri 13,9   01.01.2024
ZH       

11. November 2023

Reise nach Amerika

Markus Michel: Reise nach Amerika,
Zytglogge, Bern, 1991
Brienz, Bern, Amerika. Die meisten kommen nie bis Amerika. Der Berner Oberländer Joli kam als Seifen- und Heiligenbildchenhändler bis in den Jura und ins Wallis, bevor er sich in Bern niederliess. Dort verdiente er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie mit Büroarbeit. Geld war nie viel vorhanden. Jolis Familie war gross und der Beamtenlohn gering. Manchmal schrieb Joli Zugsverbindungen aus dem Fahrplan ab, nach Wien vielleicht, oder nach Milano. Von Amerika träumte Joli. Dort lag das Geld auf der Strasse, man brauchte sich nur danach zu bücken. Jolis Land der unbegrenzten Möglichkeiten war das Berner Stadttheater. Hier verbrachte er seine ganze Freizeit, als Obmann der Statisterie.

Auch Frau Joli träumte von Amerika. Abends, wenn sie mit den Kindern allein zuhause sass, erzählte sie von ihrer Schulfreundin Hilde, die als einziges Mädchen die Reise nach Amerika gewagt hatte. Frau Joli malte sich und ihren Kindern aus, was Hilde auf ihrer Reise erlebt haben könnte. Nach einigen Jahren kehrte Hilde mit zwei Kindern ohne Vater zurück. Ein Traum mehr, der ausgeträumt war.

Markus Michel zieht in seinem Roman immer weitere Kreise um Joli, baut dessen Familie, Geschichten von Brienzerinnen und Brienzern und Hildes Reise nach Amerika ein. Er holt die Lebensverhältnisse der nicht privilegierten Leute ans Licht, deren Leben aus Billig-Angeboten, Dienen bei fremden Leuten, der Schande unehelicher Kinder und der Schadenfreude der Nachbarn bestand. In der kleinbürgerlichen Enge hatte Amerika Platz im Kopf, aber keinen im Alltag.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern (Hauptschauplatz), Brienz (Hauptschauplatz), Köniz, Meiringen, Gümigen, Iseltwald, Interlaken, Unterseen, Hofstetten b. Brienz, Brienzersee GE: Stadt Genf NE: Stadt Neuenburg SO: Grenchen VD: Montreux VS: Sion, Rhonetal F: Paris D: Dresden

17. Oktober 2021

Jakobs Wanderungen

Jeremias Gotthelf: Jakobs Wanderungen,
Ex Libris, Zürich, 1982
Gotthelfs Roman Jakobs Wanderungen erschien 1846/47 in zwei Teilen und dem Titel «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» und schildert das Schicksal eines wandernden Gesellen aus Deutschland, der in der Schweiz in den Strudel einer hoch politisierten Atmosphäre und politischer Unruhen gerät. Währenddem deutsche Handwerksvereine und exilierte Frühsozialisten unter den Gesellen agitieren, machen sich Schweizer Radikale die Berufung der Jesuiten an das Priesterseminar und die Höhere Lehranstalt des Kantons Luzern propagandistisch zunutze, um für den Bundesstaat zu werben. Der Roman ist der Versuch eines Panoramas der politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte der 1840er-Jahre. 

Anlass zum Roman war eine Anfrage Gotthilf Ferdinand Döhners (1790–1866), des Vorsitzenden des Zwickauer Volksschriftenvereins. Döhner suchte nach geeigneten belehrenden Volksschriften und erhoffte sich wohl einen typischen Handwerksroman, in welchem ein Junge durch Fleiss, Geduld, Ausdauer und christlichen Glauben zum Meister wird. Gotthelf lieferte dagegen eine Bekehrungsgeschichte. Im Zentrum steht nicht ein fleissiger Handwerksgeselle, sondern der lebensunerfahrene, leichtgläubige und hochmütige Handwerksgeselle Jakob, der auf seiner Wanderung über Basel, Zürich, Bern und Freiburg bis nach Genf gelangt. Schritt für Schritt zeichnet Gotthelf das Bild einer sittlichen Verrohung unter dem Einfluss der Agitatoren seiner Zeit, bis Jakob schliesslich in die Genfer Unruhen von 1843 verwickelt wird.

Erst hier verwandelt sich der satirische Roman über die Folgen politischer Agitation in einen Handwerksroman mit Aufstiegsmuster. Mit dem Tiefpunkt der moralischen Entwicklung der Romanfigur ist zugleich der Wendepunkt erreicht: Der Deutsche Jakob wendet sich vom politischen Geschehen im Gastland ab und kann, nachdem sich ihm die höhere Sittlichkeit (und Gott) in der Bergwelt des Oberlandes offenbart hat, allmählich sittliche Reife erlangen.

Schliesslich muss Jakob lernen, dass sein Bestimmungsort in der eigenen Heimat liegt. Die erwünschte Heirat im Haslital bleibt ihm verwehrt. So kehrt Jakob am Ende des Romans zu seiner Grossmutter nach Deutschland zurück, um dort gereift und geläutert ein sittliches Leben als Meister zu führen.

Während sich so der Roman im zweiten Teil dem Gattungsmuster des Handwerksromans annähert, bleibt das Erzählte doch über weite Strecken das Vehikel für eine politische Grundsatzdebatte, in welcher Gotthelf klarer als in irgendeinem anderen Text seine christliche Position gegen den politischen Radikalismus und gegen den Frühsozialismus bezieht. Zentrales Thema des Romans «Jakobs Wanderungen» sind die politischen Entwicklungen der 1840er-Jahre, die Gotthelf aus seiner kritischen Perspektive schildert. Dabei geht es – auch wenn Jakob teils in den Strudel der Ereignisse gerät – weniger um die tagespolitischen Verwicklungen als um die politische Grundsatzauseinandersetzung zwischen dem Christentum einerseits und den sich auf die Bibel berufenden neuen Ideologien des Sozialismus und Kommunismus. Einen kritischen Blick wirft er insbesondere auf die Mechanismen der politischen Meinungsbildung in deutschen Handwerksvereinen und stellt den in den 1840er-Jahren unter Zeitgenossen diskutierten Konzepten von «Kommunismus» und «Sozialismus» das Menschenbild einer christlichen Weltanschauung entgegen. Damit reiht sich der Roman in eine breite Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus ein.

Dies schien umso gebotener, als nicht wenige frühsozialistische Theoretiker ihre Gesellschaftsutopien als Verwirklichung der in der Bibel vertretenen Prinzipien verstanden. Gotthelfs Roman nimmt dabei Teil an einer Auseinandersetzung mit dem Sozialismus und Kommunismus um die Deutungshoheit in Fragen der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie in der Schweiz von zahlreichen Theologen in Reden und Schriften geführt wurde.

15. Januar 2020

Der Tee der drei alten Damen

Friedrich Glauser: Der Tee der drei alten
Damen, Diogenes, 1989
Das Genf der dreissiger Jahre als Schauplatz internationaler Intrigen, schwarzer Magie und rätselhafter Todesfälle. Glausers erster Kriminalroman, noch ohne die Figur des Wachtmeister Studer, wurde erst nach Glausers Tod 1938 veröffentlicht. (Klappentext Diogenes Verlag, Zürich)

Genf zu Beginn dieses Jahrhunderts: eine doppelgesichtige Stadt, eine schillernde Diva mit dem Begehren nach Macht und Geld. Friedrich Glauser lebte hier, kannte die Eingeweide der Metropole. Vier große Genfer Persönlichkeiten treten in «Der Tee der drei alten Damen» auf die Bühne, spielen ihre mehr oder weniger gewichtigen Rollen im Politroulette zwischen Völkerbund, Öl- und Petroleumfunden, dem britischen und sowjetischen Geheimdienst und einem indischen Randstaat. Letztlich jedoch geht es in diesem Roman um die Frage nach dem Geheimnis, dem Mysterium schlechthin, und nach den mannigfaltigen Mitteln zu seiner Erkenntnis. – Auch wenn Glauser Geld brauchte und deshalb für einen Krimi zur Feder griff: Sein erster Roman ist eine Parodie auf das Genre. (Inhaltsangabe Limmat Verlag, Zürich)

Als Glauser Geld brauchte, schrieb er seinen ersten Krimi – und gleichzeitig eine Parodie auf dieses Genre. Er lässt neben einer ganzen Anzahl fiktiver Personen auch vier Genfer Persönlichkeiten leicht verfremdet auftreten, die im doppelgesichtigen Genf zu Beginn dieses Jahrhunderts ihre mehr oder minder gewichtige Rolle spielten. Letzlich aber geht es im temporeichen und verwirrlich-bunten Cocktail aus Phantasie und Realität um die Frage nach dem Geheimnis, dem Mysterium schlechthin und nach den mannigfaltigen Mitteln zu seiner Erkenntnis.Daß dabei auch noch die hohe Politik hineinspielt, etwa mit dem Völkerbund, mit Ölfunden in einem indischen Randstaat und mit dem britischen und dem sowjetischen Geheimdienst, macht die Lektüre des Buches zum Vergnügen für all diejenigen, die Glausers feinsinnige Charakterzeichnung und Atmosphärengestaltung lieben. (Inhaltsangabe Unionsverlag, Zürich)

Friedrich Glausers brillanter Stil ist es, mit wenigen Worten eine grossartige authentische Wirkung zu erzeugen. «Der Tee der drei alten Damen» ist sein erstes Werk und spinnt mit psychologischer Ironie ein verworrenes Netz aus Spionage, Giftmord, Okkultismus – und der Enthüllung der sauberen Fassade der angesehenen Gesellschaft Genfs in den dreissiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. (Inhaltsangabe BeBest PoD Verlag)

GE: Stadt Genf

8. Dezember 2019

Rätselhafter Tod in Zähringen

Handruedi Gehring: Rätselhafter Tod in
Zähringen,
Orte, Zürich, 2001
Nachdem der Psychoanalytiker Josef Weingart durch den Biss einer Schlange im Spital stirbt, muss Marlis Merz den Fall untersuchen. War es ein Unfall? Oder ein Selbstmord? Hatten Dritte die Hand im Spiel? Der Krimi beginnt wie eine klassische Detektivstory im Geiste Sherlock Holmes'. Doch nicht allein, weil die sensible Kommissarin das Opfer gekannt hat, bedrücken ihre Ermittlungen sie; ebenso werden diese zu einem Abstieg in Vergessenes und Verdrängtes der eigenen Vergangenheit. Sie muss erkennen, dass Unheimliches gerade dort lauern kann, wo man Zuflucht sucht, etwa am Stammtisch mit alten Freunden. Was sich hier zuträgt in den verwinkelten Gassen der Zähringer Altstadt, im Seeland und in den Bündner Bergern, wird keine Leserin, kein Leser so bald vergessen. (Klappentext)

BE: Stadt Bern BS: Stadt Basel FR: Murten, Estavayer-le-Lac GE: Puplinge, Cara b. Puplinge, Stadt Genf GR: Poschiavo, Val da Camp JU: Lucelle NE: Neuenburgersee VD: Bière, Grandvaux, Rivaz, Neuenburgersee F: Evian-les-Bains I: Mailand


5. November 2019

Wie wir älter werden

Ruth Schweikert: Wie wir älter werden,
S. Fischer, Frankfurt/Main, 2015
Wie spät ist es? Draussen liegt Schnee. Drinnen bereitet der 87-jährige Jacques wie jeden Morgen das Mittagessen für sich und seine Frau Friederike vor. Neun Jahre lang lebte er zwischendurch mit Helena zusammen, seiner Jugendliebe; dann kehrte er in seine Ehe zurück. Jacques und Friederike, Helena und ihr Mann Emil sind untrennbar miteinander verbunden durch den Pakt des Schweigens, den sie vor langer Zeit miteinander geschlossen haben. Dieser Pakt prägt das Leben der Kinder und Enkel. Doch irgendwann beginnt er brüchig zu werden ...

In wechselnden Perspektiven umkreist «Wie wir älter werden» die Geschichten mehrerer Generationen, die vom Zweiten Weltkrieg bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ein grosser Roman über Liebe und Verrat und die Frage, wie unser Blick sich im Lauf des Lebens verändert.
(Klappentext)

AG: Aarau BE: Bern-Bümpliz, Biel BS: Stadt Basel FR: Châtel-St-Denis GE: Stadt Genf GR: Sils-Maria, St. Moritz LU: Schüpfheim SZ: Grosser Mythen, Stadt Schwyz TI: Comologno, Locarno, Spruga, Centovalli, Intragna, Pizzo Centrale ZH: Stadt Zürich, Winterthur RUS: Grozny D: München, Stuttgart, Berlin, Dresden I: Bagni di Craveggia USA: San Francisco, Albuquerqe F: Provence


2. April 2019

2.4.2019

Den Huser von Ueli Zingg zu Ende gelesen und dabei einmal mehr die Unsinnigkeit von gendergerechtem Deutsch erfahren. Nein nein, keine Kritik an Zinggs sprachgewaltigem Text. Bewahre, bewahre! Ein Wort war es, das mich stutzen liess: Rennende. Ich benötigte drei Anläufe, um endlich rennende Menschen vor mir zu sehen und nicht das Ende eines Rennens. Rennende, ein Substantiv mit drei Geschlechtern! Dasselbe gilt übrigens auch für Lernende; selbstverständlich im Wissen, dass man Mann Mensch Frau Kind Hund und Katz nie ausgelernt haben. Lebensende = Lernende oder umgekehrt. Und erst recht lustig wird es, wenn sich der die das Ende vermehrt: Aus der Stimme einer Sängerin werden die Stimmen von Singenden, aus dem Lohn eines Mitarbeiters werden die Löhne von Mitarbeitenden oder noch schöner: Mitarbeitendenlöhne! Tenden, tenden, tenden. Tendenz zunehmend.

Nun aber zu Zinggs Roman. Huser möchte ganz anders sein, als er ist. Er verliert in seinen Wunschträumen den Boden der Realität unter den Füssen. Ihn fasziniert der junge Fäshion, der ihm in seiner anarchischen Buntheit als Ideal des ungebundenen, sich selbst verwirklichenden Menschen vorkommt.

Von seiner Frau wird Huser verlassen. Ihr dichtet er eine intelligente, lebenstüchtige Weltgewandtheit an, die er selbst gerne hätte. In seinem Freund K glaubt er einen Zeitgenossen zu finden, der die Problematik seines Daseins lebt, ohne andere damit zu behelligen, der sich im Hintergrund entfaltet, aber gerade deshalb einen positiven Einfluss auf andere ausübt.

Huser merkt nicht, dass sein eigenes Leben, umso leerer und banaler wird, je stärker er sich und seine Vorstellungen durch fremdes Gedankengut – Angelesenes und von anderen Menschen Erlebtes – bestimmen lässt. Er flüchtet vor der Auseinandersetzung mit sich selbst, vor dem Risiko jeder geistigen und gesellschaftlichen Anstrengung. Deshalb entzieht er sich der Selbsterkenntnis; er wehrt sich gegen alle Kriterien und Massstäbe, die ihn in seiner Trivialität entlarven könnten.

Die Geschichte spielt im Berner Milieu der 1980er-Jahre und dokumentiert am Beispiel des Protagonisten, die Befindlichkeiten vieler jungen Menschen von damals. Der real existierende Fäshion dient dem Autor als der prominentester Stellvertreter dieser bewegenden und bewegten Jahre einer unzufriedenen Jugendgeneration.

BE: Stadt Bern (Hauptschauplatz), Beatenbucht am Thunersee GE: Stadt Genf USA: New York

26. März 2019

Neulich in der Gemeinde Chêne-Bougeries


Dieses ca. 4 Meter hohe Grafiti, das ich am vergangenen Wochenende auf meiner zweitägigen Wanderung von Hermance nach Troinex entdeckte, befindet sich an der Arve im Ortsteil Conches (GE).

14. August 2017

Mein Feuergesicht

Ruth Blum: Mein Feuergesicht, Flamberg
Verlag, Zürich/Stuttgart, 1967
Einem grossen Thema bleibt Ruth Blum, die bekannte Erzählerin, immer wissender und tiefgründiger auf der Spur: Es ist die spannungsreiche Beziehung zwischen Mann und Frau, welche der Dichterin sinnbildlich erscheint für die spannungsreiche Beziehung zwischen Mensch und Gott. So auch in diesem kraftvollen, neuen Buch.

Ursula Imholz, ein kluges und leidenschaftliches Mädchen bäuerischer Abstammung, verfällt dem Charme eines weltläufigen und modern-religiös gesinnten Mannes. Ursula ist gezeichnet durch den Makel eines «Feuergesichts», eines flammenden Muttermales, in der einen Gesichtshälfte. Das macht es dem Geliebten leichter, gegenüber dem Mädchen in der platonischen Distanz einer Seelenfreundschaft zu verharren, und es doch unter geistiger Machtausübung in Abhängigkeit zu halten. Nach langen Jahren eines urtümlichen inneren Ringens der Geschlechter heiratet der Mann – aber nicht Ursula.

In einem Prozess ehrlicher Selbsprüfung durchschaut die Enttäuschte nicht nur die Schuld des zuvor geliebten und dann gehassten Partners, sondern schliesslich auch den eigenen Fehler einer überspannten Erwartung an das Leben und an den vor solchem Anspruch notwendigerweise scheiternden Mitmenschen. Der tapfere Entschluss, auf die Pose der Betrogenen zu verzichten, gibt Hoffnung auf den Gewinn einer reiferen und freieren Menschlichkeit.


Buchumschlag der Ausgabe der
Evangelischen Verlagsanstalt,
Berlin/Leipzig
Ruth Blum erzählt das reiche und fesselnde Geschehen mit der ihr eigenen Frische, aber auch mit feinem Gespür für Zwischentöne. Die Komposition zeigt mit schöner Klarheit drei sich verschränkende Handlungsebenen: die Rückblende auf vergangene Ereignisse, die Gegenwart einer Klinik, in welcher Ursula mit Hilfe verstehender Menschen ihre Umkehr vollzieht, sowie eine Folge von knappen, Tieferes andeutenden Traumschilderungen. Damit ist der Autorin nicht nur die psychologisch differenzierte und dadurch hilfreiche Schilderung eines heutigen Frauenschicksals, sondern ebenso ein Spiegel mordernen religiösen Erlebens zu danken. (Klappentext)

GE: Stadt Genf GR: Bivio SH: Klettgau, Stadt Schaffhausen TI: Bassa di Nara, San Carlo di Negretino, Riva San Vitale

2. August 2017

Ruth Blums Erbe

Ruth Blum, 1913–1975
In der Beitragsreihe Schuplätze widme ich mich hier ausnahmsweise einer Autorin, die mich nachhaltig beeindruckt hat: Ruth Blum. Ich entdetckte sie 24 Jahre nach ihrem Tod, als ich mir im Februar 1999 in einem Buchantiquariat Die Grauen Steine erstand, deren Lektüre nach mehr verlangten. Und so kam es, dass ich mir sämtliche belletristischen Werke Blums zulegte – alle samt und sonders vergriffene Bücher, leider.

Ruth Blum wurde 1913 in Wilchingen (SH) geboren. Nach abgebrochener Lehrerausbildung und Tätigkeiten in verschiedenen Berufen gelang der Klettgauer Bauerntochter 1941 mit dem Kindheitsroman Blauer Himmel, grüne Erde ein überraschender Durchbruch. Die folgenden Werke bestätigten den Erfolg allerdings nicht. Ruth Blum erwarb ihr Diplom und arbeitete 1950–1961 als Lehrerin in Schaffhausen. Ein Krebsleiden erzwang ihre vorzeitige Pensionierung, vermittelte ihr aber auch einen vertieften Zugang zu den letzten Fragen des Lebens und des Todes. Es entstanden wiederum beachtliche Bücher. Sie erhielt u. a. 1955 den Literaturpreis der Stadt Schaffhausen, 1965 einen Gesamtwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung sowie 1971 den Georg-Fischer-Preis. Ruth Blum ist 1975 gestorben.

Blums Romane, Novellen und Erzählungen haben meist einen Bezug zu realen Örtlichkeiten. Nachfolgend eine Übersicht der Werke, vier davon mit den Schauplätzen:

Ruth Blum: Blauer Himmel, grüne
Erde, Huber, Frauenfeld, 1941
SH: Klettgau
Ruth Blum: Der gekrönte Sommer,
Huber, Frauenfeld, 1945
VD:  Vallée de Joux, Chalet
des Esserts, Chalet des Grandes
Chaumilles, Lac de Joux,
Le Sentier, Mont Tendre, Mont Risoux

Ruth Blum: Sonnenwende, Huber,
Frauenfeld, 1944
ZH: Stammheim, Stammerberg,
Stadt Zürich
Ruth Blum: Mein Feuergesicht, Flamberg,
Zürich, 1967
GE: Stadt Genf GR: Bivio SH: Klettgau,
Stadt Schaffhausen TI: Bassa di Nara,
San Carlo di Negretino, Riva San Vitale

  • Schulstubenjahre, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1976
  • Die Sichel, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1975
  • Und stets erpicht auf Altes. Irlandfahrten 1948–1973, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1974
  • Die grauen Steine, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1971
  • Und es erhub sich ein Streit, Zürich, Flamberg Verlag, 1964
  • Wie Reif auf dem Lande, Flamberg Verlag, Zürich, 1964
  • Der Gottesstrauch, Huber, Frauenfeld, 1953
  • Das Abendmahl, Huber, Frauenfeld, 1947

9. Juli 2014

Das Verschwinden

Andrea Fazioli: Das Verschwinden,
btb, München, 2012
Elia Contini ist seines Jobs als Privatdetektiv überdrüssig. Seit kurzem verdingt er sich als Journalist bei einer Lokalzeitung und frönt seinem alten Hobby: Füchse fotografieren. Doch dann läuft ihm bei einem seiner Streifzüge durch den Wald ein Mädchen in die Arme. Natalia ist offensichtlich orientierungslos, sprachlos und völlig verängstigt. Contini bringt sie in Sicherheit und findet heraus, dass Natalia Zeugin eines schrecklichen Verbrechens wurde. Gelingt es Contini herauszufinden, was sie im Ferienhaus der Eltern gesehen hat? Denn längst schwebt Natalia selbt in höchster Gefahr. (Inhaltsangabe im Buch)

GE: Stadt Genf TI: Massagno, Lugano, Bellinzona, Castione-Arbedo, Monte Ceneri, Chiasso, Gandria (Hauptschauplätze)

14. November 2013

Eiger, Mord & Jungfrau

Paul Wittwer: Eiger, Mord & Jungfrau,
Nydegg Verlag, Bern, 2004
Im azurblauen Wasser vor Nizza schwimmt eine Wasserleiche. Kurze Zeit später stirbt an der Côte d’Azur ein Assistenzarzt der renommierten Berner Parkklinik Eiger. Alles deutet auf einen Segelunfall hin. Frau Knecht, die Mutter des verstorbenen Arztes, glaubt nicht an einen Unfall. Sie vermutet einen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen. Sie bittet den ehemaligen Studienfreund ihres Sohnes, Dr. Franco Weber, viel versprechender und ehrgeiziger Herzchirurg des Berner Inselspitals, um Rat und Unterstützung. Gemeinsam mit einem Freund stellt Weber Frau Knecht zuliebe ein paar halbherzige Nachforschungen an.

Statt klare Antworten auf einfache Fragen zu bekommen, stossen die beiden auf komplizierte Widersprüche und dunkle Flecken – auch auf blendend weissen Arztkitteln. Dr. Franco Weber legt sein Skalpell aus der Hand und riskiert Kopf und Kragen, um die Todesfälle zu klären. Dabei stösst der unerwartet auf übelste Machenschaften in der modernen Spitzenmedizin. (Klappentext)

BE: Stadt Bern (Altstadt, Bärenplatz, Bremgartenfriedhof, Elfenau, Inselspital, Kirchenfeld) GE: Stadt Genf (Bahnhof, Unispital) F: Südfrankreich