Posts mit dem Label Nordetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Nordetter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

23. Dezember 2025

Retro 2025 – 8

Als ich am 5. August nach gut 20 Kilometern bei dem im Bild ersichtlichen Hohe-Wart-Haus im schönen Spessart ankam, war alles verriegelt und verrammelt. Meine Hoffnung, hier Wasser fassen zu können, um mir hernach irgendwo im Wald ein Plätzchen für die Nacht zu suchen, zerschlug sich nach genauster Inspektion der mitten im Wald gelegenen Schenke. Was tun? Ich konsultierte meine Karte und entdeckte in 1,3 Kilometer Entfernung den Erlenbrunnen. Etwas abseits des Weges zwar, aber egal, Hauptsache Wasser. Doch dieser Erlenbrunnen entpuppte sich als längst nicht mehr existent.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in das 8 Kilometer entfernte Waldaschaff zu gehen, einem Dorf mit Friedhof und ergo auch Wasser. Auf halber Wegstrecke hielt ich Rast und stärkte mich mit einem verbliebenen halben Liter Isodrink und einem Müsliriegel, ein halbes Jahr über dem Verfalldatum, der aber in dieser besonderen Situation herrlich mundete. Besagter Friedhof verfügte denn auch über das erhoffte Nass, ehe es in den über dem Ort gelegenen Wald ging, wo ich in einer halboffenen Schutzhütte nach mehr als 30 zurückgelegten Kilometern einen wunderbaren Schlafplatz fand.

31. März 2019

31.3.2019

Sommerzeit! Müde von den gestrigen 20 Kilometern, nutze ich den milden Frühlingstag für einen weiteren Materialtest. Nachdem ich endlich das hoffentlich richtige Zelt für die grosse Wanderung durch Deutschland gefunden und dieses vor einer Woche erfolgreich getestet habe, will ich heute herausfinden, ob und wie sich ein Vordach montieren lässt. Natürlich mag man jetzt einwenden, das richtige Zelt benötige doch nicht auch noch ein Vordach. Grundsätzlich stimmt ein solcher Einwand, doch die Sache ist nicht so einfach, wie sie auf Anhieb scheint.


Das Problem ist einmal mehr die Eier legende Wollmilchsau, die, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, nicht existiert. Beginnen wir mit meinen Anforderungen an ein Zelt, das monatelang gebuckelt werden und jede Nacht als zuverlässige Unterkunft dienen soll: Leicht, geräumig und gut zu belüften muss es sein. Mit dem Carbon Reflex 2 von MSR habe ich nach meinem Dafürhalten gefunden, was den genannten Kriterien am nächsten kommt. Knapp 1 kg schwer, knapp Platz für 2 Personen oder bequem für mich 190-Mann, gute Ventilationsmöglichkeiten dank zwei Eingängen. Als Nachteile aufzuführen sind die relativ kleinen Absiden und die für meine Körpergrösse etwas zu niedrige Innenzelthöhe. Mit letzterem Nachteil werde ich leben können. Die kleinen Absiden jedoch werden bei Regenwetter, wenn es gilt im Trockenen zu kochen, nicht ausreichen.



Die Lösung des Problems: Mit einem ultraleichten Tarp-Poncho (220g), vier Abspannschnüren und vier Zeltnägeln (150g) baue ich ein Vorzelt. Dazu benötige ich die zwei Wanderstöcke, die ich so oder so mit dabei habe. Der Poncho wird mir natürlich auch als Poncho dienen. Unter diesem lässt sich auch der Rucksack unterbringen. Je nach Wettersituation und Gelände werde ich mit Regenhosen und Regenjacke wandern. Dann wird mir der Poncho ausschliesslich als Rucksackregenhülle dienen. – Mit dem Aufbauversuch von heute bin ich sehr zufrieden, wenn auch der Poncho nicht ganz im rechten Winkel zum Zelt zu liegen kam. Mit etwas Übung wird sich das bessern.


29. August 2017

Korrigendum

Das neue Setup: das Duffle liegt nun perfekt auf dem Wagen.

Im Beitrag vom 25. August habe ich meinen Wanderwagen mitsamt Beladung vorgestellt. In der Zwischenzeit hat es eine erste Optimierung gegeben. Ich habe die Streben des Wagens nun so eingestellt, dass 1. die Achslast nicht mehr so weit hinten ist und 2. die seitlichen Kompressionsriemen des Packsacks auf der Innenseite der Querstreben zu liegen kommen. Somit kann das Duffle mit lediglich 4 Zurrgurten sowohl gegen seitliches als auch gegen stirnseitiges Wegrutschen gesichert werden. Gleichzeitig ist der volle Zugang zum Hauptfach und zum Nebenfach zu 100 % gewährleistet. Genial!

Im Gegensatz zur ersten Befestigungslösung sind nun stirnseitig keine Riemen mer notwendig, die das Gepäck vor dem Verrutschen sichern.

Auf der Suche nach einer geeigneten Diebstahlsicherung bin ich nicht etwa im Outdoorladen sondern im Baumarkt fündig geworden. Ein mit transparentem Kunstoff ummanteltes Stahlkabel von 2 Metern länge und ein 4-stelliges Zahlenschloss lassen das Gefährt mitsamt Duffle und den zwei Rädern soweit sichern, dass es z.B. an einer Stange befestigt werden kann. Freudig nahm ich zudem das Gewicht der Lösung zur Kenntnis: 220 Gramm!

Jetzt könnte es eigentlich losgehen!

25. August 2017

Wandern mit Duffle

Seit ich Eigentümer eines Wanderwagens bin, den ich für meine Wanderung an die Nordspitze von Jütland benützen werde, habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie das Gefährt sinnvoll zu beladen sei. Schon bei der ersten Testwanderung bemerkte ich nämlich, dass ein festgezurrter Rucksack nicht ideal ist, da der Schnellzugang zu wichtigen Utensilien der Befestigungsgurte und der liegenden Lage wegen, nicht oder nur sehr umständlich möglich ist. Ich dachte darüber nach, in einem kleinen Tagesrucksack das Allernötigste mitzutragen. Doch dies schien mir in einer gewissen Weise pervers, denn genau deshalb hatte ich ja den Wanderwagen angeschafft: Auf dass ich mir den Rücken buchstäblich frei halten konnte. Meine Gedankengänge führten mich sodann zur Idee, einen Reiserucksack – einen sogenannten «Frontloader» – auf den Wagen zu packen. Doch als ich Gewichte und Preise dieser Säcke sah, wandte ich mich flugs einer anderen Gepäck-Kategorie zu: dem Duffle.

Der Wanderwagen Cart4Go for all, beladen mit dem Base Camp Duffle von The North Face. Ich wählte gelb, der besseren Sichtbarkeit wegen und weil die Farbe auf Farbfotos gut zur Geltung kommt.


Und dann ging es schnell. Denn offenbar haben sich zwei Marken im Expeditionsmarkt etabliert: die deutsche Firma Ortlieb und die in den Staaten geborene The Nort Face. Ich hatte also nur die Wahl und glücklicherweise für einmal nicht die Qual. Selbst die Wahl entpuppte sich als sehr einfach: Das Base Camp Duffle von TNF schien die meisten meiner Anforderungen zu erfüllen: Robustheit, Grösse, Befestigungsmöglichkeiten, Zugang ins Hauptfach, Farbe, Preis, Gewicht. Einzig die Wasserdichtigkeit war nicht ganz gegeben, das hätte indes der Ortlieb-Duffle geboten, dieser aber punktete in anderen Belangen nicht ganz zu meiner Zufriedenheit.

Auf dieser Seite lasse ich mich einspannen. Genial die hochklappbare Stütze.


So kam es, dass ich mich als Rucksackfetischist für ein Duffel zum Wandern entschied, quasi der Not gehorchend. Also ging ich hin und kaufte mit die Grösse medium, was einem Inhalt von ca. 70 Litern entspricht, und begann, einmal zu Hause angekommen, mit einem Befestigungsversuch am Wanderwagen. Welch ein Gegensatz zu den Bemühungen mit dem Trekkingrucksack! Ich war auf Anhieb begeistert, da ich 95 % meiner Vorstellungen erfüllt sah. Und die restlichen 5 %, die die Wasserdichtigkeit betrafen, würde ich mit wasserdichten Packsäcken lösen.

Nun passte ich noch den Wanderwagen den Abmessungen des Duffles an, auf dass sich dieses inskünftig während meiner pedestrischen Wanderwagen-Unternehmungen wohlfühlen möge und möglichst unverrückbar auf den vier Alurohren verharre.

So wird man mich in Deutschland und Dänemark dereinst von hinten sehen.

18. Juli 2017

Selfie mit einer Botschaft


Wenn schon ein Selfie, dann ein anständiges.
Das Model trägt einen Anorak von Norrøna (made in Vietnam :-().
Das Wappen ist ein Direktimport aus Schweden.
Im Übrigen distanziere ich mich von jeglicher Symbolik, mit der
das norwegische Wappen bzw. die norwegische Fahne
bzw. die Wikinger in Verbindung mit der Neonazi-Szene gebracht werden.
Oder anders ausgedrückt: Ich bin Norwegen-Fan ohne jeglichen politischen
oder ideologischen Hintergrund.

15. Juni 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 4

Von den drei Hauptbedürfnissen, die eine Fernwanderung befriedigt (Gehen, Essen/Trinken, Schlafen) bleibt aus materieller sich die Verpflegung bzw. deren Zubereitung übrig. Widmen wir uns also der Kochausrüstung und der Trinkwasseraufbereitung. Auch in dieser Domäne lässt sich ordentlich Gewicht sparen. Interessant hierbei, dass die leichtesten Utensilien, wie etwa die Trinkflaschen, praktisch gratis zu haben sind, derweil eine ultraleichte und robuste Kochpfanne aus Titan ganz schön ins Geld gehen kann. Doch alles schön der Reihe nach.


Das Feuerzeug – BIC Mini
Am Anfang ist das Feuer, denn ohne Feuer keine warme Mahlzeit. Mit im Gepäck sind zwei BIC-Feuerzeuge. Doppelt genäht hält auch hier besser. Gewicht: 30 g pro Stück.


Der Brenner – Trangia Spiritus
Beim Brenner zähle ich schon seit Jahren auf den simplen, effizienten und zuverlässigen Trangia. Ungefüllt bringt er mitsamt den beiden Deckeln 110 Gramm auf die Waage. Als Transportbehälter für den Spiritus benutze ich die




Die Brennstoffflasche – SIGG-Bottle
Sie ist seit mittlerweile fast 30 Jahren DER Klassiker in Sachen Flüssigkeitstransport. Die mitgetragene Grösse variiert je nach Dauer der autarken Phase. Für ein Wochenende reicht eine 0.3-Liter-Flasche, für eine Woche dürfte es eine 1.0-Liter-Flasche sein. Und für etwas zwischendurch nehme ich die 0.6-Liter-Flasche mit. Diese wiegt 95 Gramm.

Das Pfannengestell – Rockpin Erdnagel
Diese drei 15 cm langen und insgesamt 45 Gramm leichten Häringe haben einen doppelten Verwendungszweck. Einerseits dienen sie in Dreiecksform um den Trangia-Brenner in den Boden gesteckt als Pfannenhalter. Andererseits werden die drei Nägel für die drei Abspannleinen des Zeltes benötigt. Als Windschutz dient mir übrigens eine alte Alu-Folie von MSR, die ich um die Feuerstelle lege. Die Folie wiegt lediglich 40 Gramm.


Die Kochpfanne – Toaks Titanium Pot 1350 ml
Das Prunkstück meiner Outdoorküche ist indes der Titanium-Kochtopf von Toaks. Er fasst 1.35 Liter, hat angelötete Griffe und einen Deckel mit Abtropflöchern für Kochwasser (z.B. bei Teigwaren). Die Pfanne wiegt 160 Gramm (inklusive Packsack) und ist selbstverständlich sehr robust. Sie dient mir auch zum Verstauen von Kocher, Windschutz, Erdnägel, Abwaschtuch, Reinigungsmittel, Feuerzeug und kleinen Flacons mit Bouillon, Salz, Pfeffer etc. Das Geniale bei Titan: Sobald der Hitzequelle entzogen kaltet das Metall extrem schnell ab, so dass verbrannte Finger der Vergangenheit angehören. Der Packsack lässt sich übrigens als Reinigungsschwamm verwenden.


Das Berghaferl
Mit dem Berghaferl war ich schon vor 30 Jahren in Alaska unterwegs, und obschon sich bei der Outdoor-Ausrüstung sehr vieles weiterentwickelt hat, ist die damals gekaufte Hybridtasse immer noch etwas vom Besten für die flüssige, halbflüssige und feste Nahrungsaufnahme. Dasselbe gilt auch für die Reinigung. Da es keine Ecken besitzt, kommt man mit dem Abwaschlappen überall gut hin. Als Abwaschtuch benutze ich ein 42 Gramm leichtes Mikrofasertuch der Marke Miobrill von der Migros. Gewicht des Berghaferls: 55 g.


Das Essbesteck – Sea to Summit Spork
Das Wort Spork wird aus dem Englischen Spoon und Fork (Löffel und Gabel) gebildet. Und genauso sieht der Spork auch aus. Ein Löffel mit kleinen Gabeln. Ein typischer Kompromiss, der gerade Mal 10 Gramm auf die Waage bringt.


Der (fast) Alleskönner – Victorinox Traveller
Dieser Schon-fast-Alleskönner ist ein Muss für jeden Weitwanderer. Das 90 Gramm leichte Werkzeug bietet nicht nur die Funktionen des klassischen Schweizer Offiziersmesser, es beinhaltet auch einen digitalen Höhenmesser mit erstaunlicher Genauigkeit. Dazu zeigt das Display wahlweise die exakte Uhrzeit (aus diesem Grund verzichte ich auf die Mitnahme einer Armbanduhr), den Barometerverlauf, die Temperatur, die gewünschte Weckzeit oder den Timer. Bei Dunkelheit lässt sich die Anzeige sogar beleuchten. Der Clou: Sämtliche Funktionen werden mit einer einzigen Taste, die sich unter dem Schweizerkreuz befindet, gesteuert, also auch die Einstellungen des Höhenmessers oder der Stoppuhr und der Beleuchtung. Und sollten gleich beide meiner Kugelschreiber einmal ihren Dienst versagen, im Messer enthalten ist nebst Pinzette und Zahnstocher auch eine Kugelschreibermine, mit der sich ganz ordentlich schreiben lässt. Das unabdingbare Teil lässt sich unauffällig und bequem in einer der beiden Hüftgurttaschen des Rucksacks tragen.



Der Lebensretter – CarePlus – Wasserfilter
Für mich ist dieser Wasserfilter ein weiteres Non-Plus-Ultra. Der mit allem Zubehör lediglich 90 Gramm leichte Filter ermöglicht es, innert kürzester Zeit aus verunreinigtem Wasser Trinkwasser zu gewinnen. Es eröffnen sich dem Trekker neue Möglichkeiten, ohne dass er sich gross abmühen muss. Laut Hersteller soll der kleine Zylinder 375.000 Liter Wasser filtern können, bevor er ersetzt werden muss. Ein erster Test meinerseits ist positiv verlaufen, weshalb ich zuversichtlich in die Outdoor-Wasserversorgung meines Vorhabens blicke. Um jedoch nicht unendlich hohe Erwartungen zu schüren: Der Filter tötet lediglich Bakterien und Protozoen ab (99.9 %), nicht aber schädliche Chemie wie Pestizide, Fungizide etc. Es gilt daher bei der Wasseraufnahme nach wie vor, die Augen offen zu halten und nicht gleich das erstbeste Entwässerungsgräblein anzupeilen, um den Durst zu löschen. 

Der Filter besteht aus einem Wasserbeutel (o.5 lt) zur Aufnahme des zu filternden Wassers sowie aus einem Trinkröhrchen, einer Reinigungsspritze und dem Filter selbst. Das Trinkröhrchen werde ich zu Hause lassen, dafür nehme ich einen zusätzlichen Wasserbeutel mit einem Liter Inhalt mit. Um das Wasser zu Filtern wird der Beutel an das Gewinde des Filters geschraubt. Durch das Zusammendrücken des Beutels wird das Wasser durch die Filtermembranen gedrückt und fliesst hernach in den Sauberwasserbehälter wie z.B. eine Petflasche. Das Filtergewinde ist übrigens auch petflaschenkompatibel. Wenn also der Quetschbeutel einmal kaputt gehen sollte, besteht keinen Grund zur Panik. Statt Teuere Nalgene-Flaschen werde ich so oder so Pet-Flaschen im Rucksack haben. Die sind leichter, ebenfalls wasserdicht und eben: filterkompatibel.

Damit die Ware schön geordnet verstaut werden kann, versorge ich sie in einen kleinen Nylonpacksack, der ca. 8 Gramm wiegt.

9. Juni 2017

Nordetter

In diesem Blog war schon mehrmals von meinem Vorhaben die Rede, zu Fuss vom Bernbiet an die Nordspitze Norwegens zu wandern. Im Frühjahr 2016 machte ich den Anfang und legte die ersten sieben Etappen von Burgistein nach Basel zurück. Für heuer ist nun die Fortsetzung geplant. Vom Rheinknie folge ich dem sogenannten Westweg durch den Schwarzwald Richtung Pforzheim. Im Gegensatz zum Schweizer Abschnitt, wo ich nur tageweise unterwegs war, werde ich nun mit dem Zelt durch die Wälder und Wiesen Deutschlands streifen. Hierbei wird sich zeigen, ob sich die in weiten Teilen als ultraleicht zu bezeichnende Ausrüstung bewährt.

Über mein Langzeitprojekt berichte ich inskünftig in diesem Blog. Nebst den zurückgelegten Etappen, die ich mit Minimaltext und Fotos dokumentiere, ist auch die Ausrüstung ein Thema. Wer rund 5000 km möglichst autark reisen möchte, für den spielt das Material mitunter eine entscheidende Rolle. Eine Etappenübersicht findet sich zudem auf der separaten Seite Nordetter.

7. Juni 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 3

Heute widme ich mich einem weiteren wichtigen Thema: der Bekleidung. Auch hier lässt sich natürlich ein gewisses Etwas an Gewicht sparen. Das grösste Potenzial orte ich hier im Weglassen von zu viel Ersatzkleidern. Dies bedingt indes, dass die einzelnen Kleidungsstücke öfters gewaschen werden müssen. Hierbei sind schnell trocknende Teile gefragt. Selbstverständlich hängt die Wahl auch von der Jahreszeit und der zu bewandernden Gegend ab. Nachfolgend also meine Packliste für den südlichen Teil Deutschlands, den ich im Sommer begehen werde.


Die Jacke – Marmot Essence Jacket
Diese atmungsaktive und sehr spartanisch ausgestattete Regen- und Windjacke wiegt lediglich 205 g (Grösse XL) und lässt sich sehr klein zusammenpacken. Bin gespannt, wie sich das Teil bei länger anhaltendem Regen bewährt. Gut gefällt mir der Schnitt, die Kapuze sowie die einzige Tasche auf Brusthöhe. Für den Drei-Saison-Gebrauch benötigt eine Trekkingjacke meiner Meinung nach keine weiteren Taschen. Mit anderen Worten: Marmot hat es verstanden, das Reduce-to-the-Max-Prinzip perfekt umzusetzen.


Der Fleece – Lowe Fleece Pullover Polartec 100
Es braucht nicht immer etwas Neues, um Gewicht sparen zu können. Mein mittlerweile 25 Jahre alter Fleece-Pullover hat schon einiges mitgemacht, ist aber noch so gut im Schuss, dass er es verdient hat, mit auf die Reise zu kommen. Gewicht der grauen Maus: 315 g.

Das Hemd – R'adys Dry Checkered Shirt
Das von der Bieler Firma entwickelte Kurzarmhemd habe ich nun seit zwei Jahren im Einsatz und bin sehr zufrieden damit. Modisch geschnitten, schnell trocknend und absolut knitterfrei. Was will Mann mehr? Gewicht (des Hemdes): 220 g.


Das T-Shirt – Montbell Wickron T-Shirt
Gibt es etwas Robusteres als das synthetische Wickron T-Shirt von Montbell? Seit über 22 Jahren steht dieses funktionelle Unterteil im Sommerhalbjahr im Einsatz und ist nicht kaputt zu kriegen. Unterwegs muss es alle drei Tage gewaschen werden, was bei dem schnell trocknenden Material kein Problem darstellt. Nimmt mich wunder, wie lange das Shirt noch hält. Gewicht: 135 g.


Das Langarm-Shirt – Icebreaker Sphere LS Crewe
Dieses funktionelle Langarm-Shirt rundet mein Bekleidungskonzept für den Oberkörper ab. Ich habe bislang noch keine Erfahrung mit den viel gelobten Icebreaker-Produkten gemacht. Die aus Merinowolle gefertigten Kleidungsstücke sollen angenehm zu tragen, schnell trocknend und weniger stinkend als vergleichbare Produkte sein. Mal schauen. Gewicht: 220 g.

Ausser einem gewöhnlichen Zusatz-Unterhemd aus Baumwolle, das ich während des Aufenthaltes im Camp tragen werde, gibt es keine weiteren Kleidungsstücke für den Oberkörperbereich. Der Vorteil all dieser Teile ist, dass sie direkt auf der Haut getragen oder, im Fall des Icebreaker-Shirts und des R'adys Kurzarmshirts als zweite Schicht benutzt werden können. Bei warmem Wetter werde ich kurzärmelig gehen und das Icebreaker in der Nacht zum Schlafen anziehen. Sollte es kälter sein, nehme ich das Wickron als Base Layer und ziehe darüber das Icebreaker an. Wird es sehr heiss, reicht das Wickron.

Gehen wir zum unteren Körperbereich über. Eine Baumwoll-Unterhose und zusätzlich eine in Reserve reichen. Dazu kommen:



Die Hose – IcePeak Zipp off Trekkinghose
Dies Hose besteht aus 90% Polyester und 10 % Elastan, ist angenehm zu tragen, schnell trocknend und für meine Proportionen gut geschnitten. Sollte es wirklich heiss werden, lassen sich, wie der Name sagt, die unteren Beinteile mit dem Reissverschluss abkoppeln. Zur Not dienen die Shorts auch als Badehose. Gewicht: 320 g.


Die Regenhose – R'adys R 3 X-Light Tech Pants
Diese leichte, kleine und atmungsaktive Regenhose lässt sich klein verpacken. Genau das Richtige für mein Vorhaben. Natürlich hoffe ich, die Hose nie in Gebrauch nehmen zu müssen, was spätestens in Norwegen vermutlich eher unwahrscheinlich sein wird. Gewicht: 300 g.



Die Socken – CAT Real Work Socks
So wichtig gut sitzende, griffige und robuste Schuhe sind, wo wichtig sind auch die passenden Socken. Wer Problemfüsse hat, kann davon ein Liedchen singen. Meine Treter gehören zum Glück nicht dazu, weshalb ich mit vergleichsweise billigen Socken sehr gut zu Gange komme. Seit einiger Zeit trage ich die Socken des Baggerherstellers Caterpillar (CAT). Das Preis-/Leistungsverhältnis scheint mir unschlagbar, weshalb ich das Produkt gerne weiterempfehle. Mit von der Partie sind lediglich zwei Paar; eines am Fuss und eines als Ersatz im Rucksack. Gewicht: 65 g pro Paar.


Die Wanderschuhe – La Sportiva Karakorum Trek GTX
Für das deutsche Mittelgebirge und für Norwegen werde ich mit dem Karakorum Trek GTX des italienischen Herstellers La Sportiva unterwegs sein. Für die flacheren Gegenden überlege ich mir, ob es eventuell sinnvoller wäre, mit einem Trekking-Halbschuh zu gehen, da diese etwa die Hälfte des oben abgebildeten Modells wiegen. Mit dem Karakorum Trek GTX bin ich nun schon seit 2½ Jahren wandernd unterwegs und schätze seine gute Passform, das praktische Schnürsystem und den sehr guten Griff der Sohle. Im Schuh ist eine GoreTex-Membrane verarbeitet, die ihre Funktionstüchtigkeit bisher einwandfrei unter Beweis gestellt hat. Gewicht: 1760 g pro Paar.



Die Ersatzschuhe – Aqua Sphere Beachwalker
Ich habe sehr lange hin und her überlegt, ob ich einen zweiten Schuh mitnehmen soll, und wenn ja, welchen. Schliesslich habe ich mich in letzter Minute für einen Badeschuh entschieden, den ich primär abends im Camp tragen werde. Folgende Überlegungen waren ausschlaggebend, die zusätzlichen 380 Gramm in Kauf zu nehmen: Meine Füsse werden während der Wanderung sieben bis 10 Stunden in den Wanderschuhen stecken. Sowohl Schuh und Füsse haben es verdient, entlastet und befreit zu werden. Der Beachwalker verfügt über eine ziemlich robuste und griffige Sohle. Sollte ich einmal Probleme mit den Füssen haben, lässt es sich in diesen Schuhen über eine gewisse Strecke auch gehen. Das aus Neoprene bestehende Obermaterial trocknet relativ schnell und ist angenehm zu tragen. Ich habe den Schuh extra eine Nummer zu gross gewählt. Sollte es abends kühler werden, kann ich darin auch Socken tragen. Falls ich einmal einen Ruhetag einlegen oder in einer festen Unterkunft übernachten wollen, lässt sich der Schuh problemlos den ganzen Tag über tragen, wenn es sein muss auch in Städten. Und falls sich der lediglich 23 Franken teure Schuh tatsächlich bewährt, dürfte er in Norwegen auch zum Durchqueren von Flüssen dienen.



Der Sonnenhut – Chaskee Cap
Der 40 Gramm leichte Cap ist mit einem Schild aus Neoprene ausgestattet. Der Hut wird mir, zusammen mit der Kapuze der Regenjacke als Kopfbedeckung bei Regen dienen, da ich bewusst auf die Mitnahme eines eigentlichen Regenhutes verzichte.







5. Juni 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 2

Meine Wanderung in den hohen Norden bedingt eine leichte und dennoch zweckmässige Ausrüstung. Das grösste Potenzial betreffend Gewichtsreduktion besitzen diese vier Gegenstände: Zelt, Schlafsack, Liegematte und Rucksack. Ich habe mich für den Gebrauch folgender Produkte entschieden:

Das Zelt – Nordisk Lofoten 2 UL



Leichter und kleiner im Packmass für ein Doppelwandzelt geht aktuell kaum mehr. Der Hersteller spricht von einem Normalgewicht von 570 g, was leider nicht ganz stimmt. Meine Version wiegt 650 g, was natürlich immer noch ganz akzeptabel ist. Hinzu kommt dann noch die Zeltunterlage mit einem Gewicht von 200 g. Da ich diese noch nicht habe beschaffen können, werde ich jenes des Fly Creek 1 UL von Big Agnes verwenden. Der Vorteil: Es wiegt nur 150 g!

Die in Dänemark entwickelte und in China gefertigte Behausung, ist hervorragend verarbeitet und weist viele durchdachte Details auf. Alleine der Packsack ist etwas vom Feinsten, das ich bislang gesehen habe. Die zwei benötigten Zeltstangen bestehen aus sehr kurzen Elementen, so dass sie das Packmass kaum unnötig vergrössern. Die mitgelieferten Standardheringe sind leicht und sehr robust. Den Vogel schiessen hingegen die sogenannten «Tooth Pegs» ab. Sie haben das Gewicht von Zahnstochern und sehen auch ein wenig so aus. Mein erster Test hat indes die Tauglichkeit dieser Baby-Heringe bereits unter Beweis gestellt. Ein weiteres Glanzlicht ist der seitliche Eingangsteil, der mittels dritter Stange (ich werde sie zu Hause lassen und den zusammengeschobenen Trekkingstock verwenden) angehoben werden kann. Somit entsteht, wie auf dem Bild ersichtlich, ein kleines Vordach, das es erlaubt, bei Regen (ohne Wind) im Zelt zu liegen und draussen der Laune der Natur zuzuschauen. Romantisch! Ich bin gespannt, wie sich das Lofoten auf die Dauer bewähren wird. Das Innere ist ja nicht gerade eine Turnhalle, dennoch habe ich bislang genügend Platz gefunden und mich sehr wohl gefühlt.

Der Schlafsack – Yeti Passion Three L




Gerne hätte ich einen ultraleichten Kunstfaserschlafsack mitgenommen. Wirklich ultraleicht sind jedoch einzig Daunenschlafsäcke. Vor allem, wenn das Teil über eine Isolationskraft verfügen soll, die auch den Klimabedingungen auf dem Fjäll genügt. Der Yeti Passion Three soll bis 7°C noch warm geben, wiegt sensationelle 530 g und ist im Packmass etwa halb so gross, wie ein herkömmlicher Daunenschlafsack dieser Wärmekategorie. Das Aussenmaterial soll zudem wasserabweisend sein, was gerade im Fussbereich von grosser Wichtigkeit ist. Die Füllung besteht aus 95% reiner Gänsedaunen und 5% Federchen. Die Bauschkraft der Daunen beträgt 800 cuin.

Bauschkraft? Cuin? Wikipedia weiss Rat! Die Bauschkraft (engl. Fill power) ist ein charakteristisches Mass für Daunen und andere Polsterstoffe, das angibt, welches Volumen eine bestimmte Masse des Stoffes nach einiger Zeit der Kompression einnimmt. Eine im Handel übliche Einheit ist das angloamerikanische Kubikzoll pro Unze (engl. cubic inches per ounze, kurz in³/oz oder cuin für cubic inches). Gemessen wird, indem eine Unze (≈ 28 g) der Daunenmischung im Messzylinder für 24 Stunden zusammengepresst wird. Anschließend wird das Volumen gemessen, auf das sich die Probe ausdehnt und in inches³ (1 inch³ ≈ 16,4 cm³) angegeben. Je höher der Bauschkraft-Wert ist, desto besser ist die Wärmedämmung im Verhältnis zum Packvolumen. Eine hochwertige Daune erreicht eine Bauschkraft von 700–800 cuin. Handelsüblich in guten Schlafsäcken oder Jacken sind 600–700 cuin. Daunen mit weniger als 500 cuin weisen – bei massegleicher Füllung etwa einer Daunenjacke – geringeres Bausch-Volumen (Loft) und entsprechend geringere Isolationswirkung auf.

Die Liegematte – Therm-a-Rest NeoAir XLite L



Diese Liegematte schlägt ebenfalls alle Rekorde in Sachen Packmass, Gewicht und Liegekomfort. Mit 490 g (inklusive Reparaturset) und einer dicke von 63 mm bei einer Länge von 196 cm, ist das einfach nur sensationell. Einziger Nachteil: Am Ende jeder Etappe muss die Liege von Mund aufgeblasen werden. Bist du vom Gehen schon ein wenig angenockt, dann gibt dir die Blaserei noch den Rest. Dafür schläft es sich hernach umso gemütlicher. Eine entsprechend erhältliche Pumpe kommt aus Gewichtsgründen nicht in Frage – im Gegenteil, ich werde mir noch die kleinste Variante der NeoAir Xlite besorgen. Mit 230 g ist sie jedoch nur noch 119 cm lang und 51 statt 63 cm breit. Die 63 mm Dicke bleiben indes.

Der Rucksack – Osprey Kestrel 48


Seit einem guten Dutzend Jahren trage ich ausschliesslich Rucksäcke der US-Marke Osprey. Verarbeitungsqualität, Tragekomfort und Packsystem haben mich sei jeher überzeugt. Ab und zu gilt es, ein, zwei oder drei überzählige Bändel oder Gummizüge abzuschneiden, aber dies schmälert die Brauchbarkeit der Teile keineswegs.

Der 48 Liter fassende Kestrel 48 ist mit 1670 g (inkl. Rucksackregenhülle) jedoch kein Ultraleicht-Rucksack. Da gäbe es in der Tat Säcke, die bis zu einem Kilo leichter sind. Aber: In diesem Fall finde ich das Gewicht eher zweitrangig. Entscheidender scheint mir der Tragekomfort, d.h. die Rückenpassform, die Lastenkontrolle im Schulter- und Brustbereich sowie – ganz wichtig – die Lastenübertragung auf den Hüftgurt. Es nützt der leichteste Rucksackinhalt nichts, wenn der Rucksack selber drückt oder zuviel Gewicht auf den Schultern lastet und somit Muskelverspannungen provoziert werden. So gesehen bietet der Kestrel 48 ein optimales Gewichts-/Leistungs- und Grössenverhältnis. Genial sind zudem die drei aussenliegenden Mesh-Fächer (Osprey-Standard), das separat zugängliche und gegen oben abgetrennte Bodenfach, die zwei geräumigen Hüftgurttaschen, der Zugriff ins Hauptfach auf der einen Seite sowie die integrierte Seitentasche auf der anderen Seite. Die gut geschnittene Deckeltasche bietet genügend Platz für allerlei Krimskrams, und das innenliegende Flachfach mit Kunststoffkarabiner dient der Dokumenten- und Geldaufbewahrung. Der Sack ist zudem für den Gebrauch einer Trinkblase vorbereitet.

3. Juni 2017

Das Projekt «Nordetter»

Es war schon immer mein Traum, eine Weitwanderung über Hunderte von Kilometern zu absolvieren. Als Liebhaber des Nordens lag es deshalb nahe, ein Ziel in Skandinavien anzupeilen. Bei den Recherchen hat sich gezeigt, dass das jährlich von ganzen Touristenhorden überschwemmte Nordkap Norwegens gar nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes darstellt. Die unweit vom berühmten Nordkap gelegene Landzunge Knivskjelloden liegt ganze 1.4 Kilometer näher am Nordpol und ist ausschliesslich zu Fuss zu erreichen.

Weil meine freie Zeit aus beruflichen Gründen beschränkt ist, werde ich die Strecke in mehrere kleinere und grössere Etappen unterteilen müssen. Den bereits zurückgelegten Schweizer Abschnitt bewältigte ich im Frühjahr 2016 in sieben isolierten Tagesetappen. In Süddeutschland werde ich wochenweise unterwegs sein, derweil sich die Dauer auf mehrere Wochen ausdehnen wird, je weiter nördlich ich gelange. Ich schätze die zurückzulegende Gesamtdistanz auf rund 5000 km. Meine Messung der Luftlinien ergab folgendes Resultat: Burgistein – Hirtshals: 1214 km; Kristiansand – Knivskjellodden: 1664 km; Total: 2878 km. Mal schauen, wie viele Kilometer es dann in Wirklichkeit sind …

Als Liebhaber der autarken Fortbewegung schätze ich die Freiheiten, die ein derartiges Unterfangen mit sich bringt. Aus diesem Grund werde ich ab Basel jeweils mit dem Zelt unterwegs sein. In einigen Teilen Norwegens ist die Mitnahme der eigenen Behausung so oder so ein Muss. Im Blog werde ich jeweils nach den zurückgelegten Abschnitten über meine Eindrücke berichten. Die Chronologie der Blogeinträge lässt sich unter dem Label Nordetter anzeigen. Nachfolgend die Karte mit Start und Ziel sowie der bislang bewältigten Stecke.

Die bisherige Strecke vom Berner Oberland nach Basel. Karte: Wikipedia

27. Mai 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 1

Im Beitrag vom 20. Mai habe ich über einen Paradigmawechsel betreffend meiner Trekkingausrüstung berichtet. Wer im fortgeschrittenen Alter mehrere 1000 Kilometer zu Fuss zurücklegen will, benötigt nicht bloss leichtes sondern ultraleichtes Gepäck. Die Outdoor-Industrie hat in den vergangenen Jahren unglaublich viele Innovationen auf den Markt gebracht. Etliche davon betrafen die Reduktion von Grösse und Gewicht. Als ich z.B. 1983 mein erstes Zelt kaufte – es stammte vom finnischen Hersteller Rukka und nannte sich «Patikka 2» –, schlug dieses mit einem Gewicht von 2.8 kg zu Buche. Das galt damals für zwei Personen als Leichtgewichtszelt. 1990 erstand ich mir dann das «Nallo 2» von Hilleberg, das bloss noch 2 kg auf die Waage brachte und bedeutend mehr Platz bot als mein Rukka-Zelt. Das Nallo wird übrigens nach wie vor produziert und gehört im Zwei-Personen-Zelt-Bereich zum internationalen Standard.

Für meine Reise 1988 durch das Yukon Territorium und Alaska besorgte ich mir ein 1.4 kg leichtes 1-Mann-Zelt des britischen Herstellers Saunders. Der «Jet-Packer», ein klassisches Giebelzelt, tat seine Dienste hervorragend, auch unter schlechten Wetterbedingungen. Als ich vor drei Jahren das Zeltwandern erneut reaktivierte, war der «Jet-Packer» längst verkauft und das «Nallo 2» für Solotouren zu schwer. Abhilfe brachte mir dann das «Fly Creek UL 1» des amerikanischen Zeltproduzenten Big Agnes. Die kuppelförmige Behausung war gerade mal ein knappes Kilo schwer und bot mir dennoch mehr Platz als der «Jet Packer». Leider habe ich mich im Vorfeld des Fly-Creek-Kaufes, zu wenig intensiv mit Ultraleicht-Behausungen auseinandergesetzt.

In der Zwischenzeit habe ich, wie der Beitrag vom 20. Mai verdeutlicht, die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass meine gesamte Ausrüstung bis auf wenige Ausnahmen in keiner Weise das Leichteste darstellt, was der Markt her gibt. Dies gilt insbesondere für Zelte, Schlafsäcke, Rucksäcke, Kochutensilien, Bekleidung, Verpackungsmaterial etc. Zudem sind auf neuer Technologie basierende Produkte wie z.B. ein Wasserfilter entwickelt worden, der betreffend Preis-Leistungs-Gewichtsverhältnis beinahe alles in den Schatten stellt, was bislang gang und gäbe war. Statt beinahe 400 Franken sind heute für einen Hightech-Filter nur noch gut 50 Franken zu investieren. Noch krasser fällt hierbei die Gewichtsreduktion aus. Das konventionelle Teil wiegt 550 g, währenddem das Miniding das Rucksackgewicht mit lediglich 60 g belastet. Selbst die Leistung des Kleinen ist markant besser, lassen sich doch damit 1.7 lt pro Minute filtern, wohingegen das Schwergewicht nur 1.0 lt schafft.

Was liegt also näher, als sich in diese materielle Herrlichkeit zu vertiefen und den Geldbeutel mal so richtig zu strapazieren. Denn in der Regel gilt heute immer noch, was früher schon galt: Leichter = teuer. Und da ist noch etwas, bei all den Fliegengewichten: die Verlockung. Die Verlockung, dem Verzicht zu widerstehen und noch diesen und jenen Ultraleicht-Luxus in die Kraxe zu packen. Nun, die Waage bzw. die Materialtabelle wird jedes zusätzliche Luxusgramm unerbittlich anzeigen und hoffentlich so den UL-Fetischisten zurück auf den Boden der Realität holen.

Das Stichwort «Waage» bringt mich zum letzten Punkt dieser Ausführungen. Wer wie ich möglichst leicht unterwegs sein möchte, stelle seine Ausrüstungsliste am besten in einer Excel-Tabelle zusammen, die eine Gewichtsspalte enthält. Das nach jedem Eintrag automatisch aktualisierte Gesamtgewicht gibt dann sofort Auskunft, ob eine bestimmte Limite überschritten wird. Zudem besorge man sich eine gute Waage, die über eine Anzeigegenauigkeit von mindestens 10 g verfügt. Gewichtsangaben von Herstellern oder Verkäufern misstraue ich grundsätzlich, weshalb jeder Artikel noch einmal gewogen wird. Gerade bei Kleidern oder Zelten sind die meist gegen oben abweichenden Nachmessungen frappant. Kleidergewichte werden meist in der Grösse M angegeben. Grössere Nummern wiegen dann schon mal 150 g mehr. Als XL-Träger kann ich ein Liedchen davon singen.

In den folgenden Beiträgen unter dem Titel «Von leicht zu vielleicht ultraleicht» werde ich meine gesamte Ausrüstung vorstellen und zu einem späteren Zeitpunkt auch, welche Erfahrungen ich damit gemacht habe. Weshalb ich von «vielleicht ultraleicht» spreche hat folgenden Grund: Das Ultraleichtwandern ist per Definition eine Art des Trekkings, die die Minimierung des Ausrüstungsgewichts unter Einbeziehung der Gegebenheiten einer Tour, des persönlichen Know-Hows sowie des Sicherheits- und Komfortbedürfnisses betont. Das Ziel besteht darin, das Wandern möglichst unbeschwert geniessen zu können. In der Regel spricht man von «ultralight», wenn das Rucksackgewicht (ohne Proviant, Wasser und Brennstoff) unter 5 kg liegt. Ein Rucksackgewicht zwischen 5 und 9 kg wird als Leicht-Trekking bezeichnet, darüber spricht man vom Traditionellen Trekking. (Quelle: Wikipedia).

Weil gewisse Teile meiner Ausrüstung eindeutig dem Ultraleicht-Bereich zuzuordnen sind, andere indes nicht, wird mein Rucksackgewicht die 5-Kilo-Marke in jedem Fall überschreiten. Alleine der Rucksack wiegt 1670 Gramm, was ich dem Tragekomfort zuliebe jedoch gerne in Kauf nehme. Die Praxis wird zeigen, wo ich gegebenenfalls noch das eine oder andere Gramm einsparen kann. Sollte sich das Vergnügen jedoch im Leichtwandermodus bewerkstelligen lassen, werde ich gerne auf weitere Gewichtsreduktionen verzichten.

20. Mai 2017

Wie Mann zum Gramm-Fetischisten wird

Westlich von Yvonand (VD).

Böses Erwachen während der Hauptprobe. Geplant waren zwei Wandertage mit Übernachtung im Zelt. Ich packte den Rucksack dergestalt, als ob es für mehrere Wochen Richtung Nordkap ginge. Voller Stolz verstaute ich mein 1000 Gramm leichtes Einmannzelt, beschränkte mich bei der Wahl von Ersatzwäsche auf ein Minimum und hielt mich auch bei der Tranksame mit einem Liter eher knapp. Statt nach Norden fuhr ich indes westwärts in die Romandie an den Neuenburgersee. Ausgehend von Yvonand zog ich durch mir bislang unbekannte Provinz. Hier gibt es Ortschaften mit klingenden Namen: Villars-Epeney, Pomy, Cronay, Donneloye, Bioley-Magnoux, Orzens, Oppens, Pailly, Rueyres, Bercher, Fey. Diese phonetischen Perlen bildeten gleichsam meine Wanderroute, die einem sonderbaren Slalomlauf über Hügel und durch Gräben glich.

1000 Gramm Zelt am Flüsschen Le Lombrax bei Donneloye.


Bereits kurz nach Wanderstart die Ernüchterung. Ich hatte Mühe mit dem Gewicht. Nicht der Rucksack drückte, nein, schlicht und einfach die Schwere dessen Inhaltes machte mir zu schaffen. Die nachfolgenden 16 Kilometer wurden, vor allem bergauf, zunehmend zur Qual. Ich erkannte mich nicht wieder. Anderntags, ich hatte die Nacht über im Zelt an idyllischer Lage am Flüsschen Le Lombrax verbracht, verschärfte sich die Situation. Dabei hatte ich nun noch weniger Last am Rücken als beim Start in Yvonand. Was war bloss los? Auf halber Strecke folgte mir plötzlich ein Hund. Der Border Collie schien wild entschlossen, mich, wohin auch immer, zu begleiten. Erst als ich ihm mit den Worten «Vas chez ton chef à la maison! Vas-y!», bedachte, blickte er mir direkt in die Augen, drehte sich um und zog von dannen.

Tag 2: Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Morgenstimmung bei Bioley-Magnoux.


Das Hundeepisödchen liess mich für eine gewisse Zeit die Traglast vergessen, ehe sich erneut der Quälgeist bemerkbar machte. Immerhin widerstand ich der Versuchung, in Bercher die Bahn nach Lausanne zu nehmen und hängte noch eine Wanderstunde an, um das geplante Ziel Fey dennoch zu erreichen. Der direkte Weg nach Fey stellte indes eine Abkürzung dar, denn ursprünglich wollte ich von Bercher über Boulens an den Endpunkt gelangen, was die Strecke um drei Kilometer verlängert hätte. Auf der langen Rückfahrt ins traute Heim schwor ich mir, meine Leichtgewichtsausrüstung genaustens unter die Lupe zu nehmen. Will ich mein Vorhaben, das Nordkap zu Fuss zu erreichen, in die Tat umsetzen, darf es zu keiner Quälerei kommen. Und so bin ich nun seit Tagen daran, das Web minutiös auf Ultraleichtgewichtsausrüstung zu durchforsten. Von nun an zählt jedes Gramm, das eingespart werden kann. Ja, ich bin innert Kürze zum veritablen Gramm-Fetischisten verkommen. Die ersten Käufe sind bereits getätigt und weitere werden folgen. Zwei Beispiele gefällig? Mein neues Zelt wird gerade mal 500 Gramm wiegen, also die Hälfte meiner bisherigen Stoffhütte. Dasselbe gilt übrigens auch für den Schlafsack: 530 Gramm statt bislang 1100. Und so weiter und so fort.

Mein Spontanbegleiter, kurz bevor ich die richtigen Worte fand, damit er zurück nach Hause ging.

16. Januar 2017

Winterfernweh

Sympathischer Bschiss: Das berühmte Nordkap (rechts) ist nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Knivskjelodden ist das wahre Nordkap und nur zu Fuss zu erreichen!


Mit regelmässiger Zuverlässigkeit packt mich des Winters das Wanderfieber. Nicht jenes Wandern, das ich so oder so Wochenende für Wochenende praktiziere. Es sind jeweils grössere Ideen, die ich mit mir herumtrage. Wanderprojekte, die sich meist im Ausland abspielen, dann aber doch nicht realisiert werden. Vergangenen Winter fasste ich den Gang ans Nordkap Norwegens ins Auge. Ermutigt durch mehrere Reiseberichte, die von der Durchquerung Deutschlands der Länge nach erzählen. Motiviert aber auch von zwei Büchern, die sich mit der Begehung Norwegens von Süden nach Norden befassen.

In der Tat machte ich mich dann am Karfreitag 2016 von meinem Wohnort auf Richtung Norden. In sieben Etappen habe ich es immerhin bis nach Basel geschafft. Dann verliess mich des unpassenden Sommer- und Herbstwetters wegen vorübergehend der Mut, die Fortsetzung, den Westweg durch den Schwarzwald, in Angriff zu nehmen. Und nun, wo wir wieder Winter haben, träumt es mir weiter. Weiter vom Weg nach Norden. Ich sehe mich im Frühling vom Basler SBB-Bahnhof loswandern, durch die Stadt und über den Rhein, über die Grenze bei Lörrach, durch die Reben Südbadens, in den Schwarzwald hinein, mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Kocher, um am Ende dem Nordkap eine Woche näher zu sein; dem wirklichen Nordkap notabene, nicht dem touristischen. Denn, das berühmte Nordkap stellt nicht den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes dar. Dieser liegt etwas westlich davon und ist nur zu Fuss zu erreichen. Wer Tausende von Kilometern durch Mittel- und Nordeuropa geht, will sich doch am Ende nicht mit einer Horde motorisierter Halbschuhtouristen wiederfinden. Ich auf jeden Fall nicht.

15. Mai 2016

Die Telefonnummer von Norwegen

Barockes Wechselbad der Gefühle beim Start zur 7. Etappe meines Nordkap-Projketes. Nicht himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, sondern zu Tode betrübt und himmelhoch jauchzend. Über den Depro-Bahnhof von Zwingen habe ich mich bereits bei der letzten Etappe geäussert. Was dann heute darauf folgte war ein erstes Glanzlicht: das Schloss Zwingen. Heimatland, weshalb habe ich davon noch nie gelesen oder gehört? Ich, der immerhin vier Monate lang im benachbarten Laufen einen Teil meiner Lehrzeit verbracht habe. Gut, wer interessiert sich mit 19 schon für kulturgeschichtlich relevante Bauten?

Zwingen überraschte mich also, weshalb ich nebst der Bahnhoftristesse und der auf das Schlossareal folgenden Katastrophe entlang der Kantonsstrasse dennoch eine gute Erinnerung behalten werde. Ich erfreche mich, hier ein paar Stellen der Website des Zwingener Schlossvereins wiederzugeben:

Das Schloss Zwingen ist eine eindrückliche, einmalige Wasserburg, die auf den Felsbänken von zwei natürlichen Birsinseln errichtet wurde. Der Kernbau entstand 1248 und war früher über Zugbrücken erreichbar. Nach neueren Vermutungen war die Vorburg möglicherweise als Burgstädtchen vorgesehen.

Drei Brücken bilden noch heute die Verbindung der beiden Inseln mit der Umwelt. Am Ramsteinerturm gegen die Dorfseite war ehemals ein gedeckter Übergang mit Zugbrücke. Die heutige Steinbrücke wurde 1766 erstellt. Im Westen diente die Fallbrücke gegen Laufen hin als Verbindung. Auch dort ist die ursprüngliche Holzkonstruktion durch einen Steinbau ersetzt worden. Dagegen ist die Holzbrücke aus dem Jahre 1472 zwischen den beiden Inseln stehen geblieben. Sie ist die einzige noch bestehende Holzbrücke im Birstal. Die währschafte Zimmermannsarbeit mit den guten Proportionen ist eine Besichtigung wert. Sie wurde im Jahre 2001 renoviert.

Der Zugang zum Schloss Zwingen (BL) mit dem Ramsteinerturm.
Auf der kleinen Mittelinsel befindet sich der runde Bergfried mit dem rekonstruierten Kegeldach, dem Hexenturm. Er ist auf drei Seiten vom Palas umbaut. Ursprünglich war dieser Kernbau (Bergfried/Palas) durch einen Wassergraben abgetrennt. Der Graben wurde nach der französischen Revolution mit dem Schutt der abgerissenen Tortürme aufgefüllt. Der gegenwärtige Eingang zum Palas ist erst angelegt worden, nachdem der Graben zugeschüttet war. Über dem Eingang ist eine ursprüngliche Cheminéeplatte mit der Jahrzahl 1744 eingelassen. Sie trägt das Wappen des Bischofs Joseph Wilhelm Rinck von Baldenstein.

Der frühere Zugang führte durch einen gewölbten Gang über den Graben ins obere Geschoss. Der Palas umfasst drei Stockwerke. Die Mauern sind im Erdgeschoss sehr stark, die Räume teilweise überwölbt. Die Grundrisse geben ein übersichtliches Bild der damaligen Einteilung. Aus geschichtlichen Darlegungen ergibt sich, dass sie zu einem guten Teil nicht ursprünglich ist, sondern wiederholt verändert wurde, insbesondere noch nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht ursprünglich ist die Befensterung. Die einst schmalen Fenster wurden später erweitert. Nur das Erdgeschoss enthält noch alle Fensternischen.

Auf der Südseite des Schlosses Zwingen, nahe der Birs in der Richtung Nord-Süd und innerhalb der Tore und Ringmauern, steht die dem heiligen Oswald geweihte Kapelle. Der heutige Bau stammt aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts und besteht aus Schiff und Chor. Darüber lag eine Wohnung für den Kaplan. Vermutlich wurde sie mit dem Schloss erbaut. Die Kaplanei war eine Stiftung der Herren von Ramstein, die in mehreren benachbarten Dörfern Zinsgüter spendeten.

Schon im Jahre 1359 erhält die Kapelle einen von 18 Bischöfen in Avignon unterzeichneten Ablassbrief. Nach diesem wurde den Besuchern und Wohltätern ein Ablass von 40 Tagen gewährt, welchen der Bischof von Basel noch 40 hinzufügte.

Das Sonderbare an der Schlossanlage: Unmittelbar nach dem Wirtschaftsgebäude beginnt ein Industrieareal und damit ein brachialer Kontrast, der mir auf dieser Wanderung gleich mehrere Male zuteil werden sollte. Wie erwähnt folgte auf das malerische Zwingen der Abschnitt entlang der Kantonsstrasse Richtung Nenzlingen. Jysk, Lidl, Coop, Sherpa, Tankstellen und Garagen, Industrie- und Gewerbebetriebe en masse und eben: jede Menge Strassenverkehr. Immerhin war da ein Trottoir, auf dem ich mich in Sicherheit wiegend aus der Zwingener Hölle befreien konnte. Kaum hatte ich in den alten Weg nach Nenzlingen eingeschwenkt, betrat ich eine andere, bedeutend friedlichere Welt. Das Schlafdorf über der Hochwasser führenden Birs läutete den letzten Jura-Abschnitt meines Vorhabens ein. In einem Vorgarten hing eine FCZ-Fahne schlaff am Mast herunter. Kein Wunder bei der aktuellen Misere. Ein Wunder indes, dass in den Stammlanden des FCB ein derartiges Religionssymbol überhaupt geduldet wird. – Stundenhalt bei der kleinen Pfarrkirche am oberen Dorfrand.

Ich stieg weiter bergan, blickte die letzten Blicke auf das Laufental, begleitet von unglaublich schönen Baumbeständen. Freistehende Eichen von mächtiger Statur dominierten die obligaten Kirschbäume, ehe die Route im Wald verschwand. Kurz vor dem Blattenpass sah ich zum ersten Mal die Basler Agglomeration. Rechter Hand das Goetheanum von Dornach, am Horizont der Antennenturm auf der St. Crischona. Auf dem Blattenpass ein grosser Rastplatz mit überdimensionierter Sitzbank, gestiftet von der Basler Kantonalbank aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums 2014. Mein Bänklisammlerherz schlug hoch!

Schwüle Luft trieb mir schon seit gut einer Stunde den Schweiss aus den Poren. Nach den verregneten letzten zwei Tagen dennoch eine Genugtuung, auch im Wissen darum, dass es zu Hause im Gürbetal pausenlos regnete. Vom Osthang des Blauen wechselte ich im Wald auf die Nordseite und stieg über den aussichtsreichen Amselfels, die Kantonsgrenze BL/SO überschreitend, nach Witterswil hinab. Kurz zuvor holte mich eine kühle Regenzelle ein, die mich für ¾ Stunden zwang, die Regenkluft zu montieren. Der Jura lag bereits hinter und das Birsigtal vor mir, als die Sonne wieder hervortrat und ich die Regenmontur wieder ablegen konnte. Ich näherte mich unweigerlich der komplett bebauten Basler Agglo, beginnend mit Therwil, wo es zwischen der naturbelassenen Birsig und Schrebergärten im Samstagsmodus weiter nordwärts ging. Auf Fusswegen und Quartierstrassen erreichte ich schliesslich das Wasserschloss Bottmingen. Ich war sogleich hin und weg.

Das Schloss aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den wenigen erhaltenen Wasserschlössern in der Schweiz. Erstmalige Erwähnung fand es 1363 als Besitz der Kämmerer, eines bischöflichen Dienstadelsgeschlechts, das als mutmassliche Erbauer gilt.

Trotz der Barockisierung ist der mittelalterliche Charakter vor allem durch den Grundriss zu erkennen. Im Gegensatz zu den Wasserschlössern Schloss Hallwyl oder Hagenwil fehlt dem Schloss ein Bergfried. Daraus ergibt sich eine Verwandtschaft zu dem burgundisch-savoyischen Burgentypus mit turmbewehrtem Viereck. Johannes Deucher verwandelte 1720 das Schloss Bottmingen in einen Landsitz des französischen Frühbarocks, der beinahe vollständig erhalten blieb. Neben der Aussenarchitektur zeugt auch das Treppenhaus von diesem Baustil. Unter Martin Wenk setzte sich 1780 das Rokoko durch, das am kostbaren Stuck im Steinsaal ersichtlich ist. Wenk liess auch den Südostwinkel bis auf das Hofniveau abtragen. Er dient heute als Gartenterrasse. Heute wird das Schloss Bottmingen als Restaurant und für Bankette, Hochzeiten und andere festliche Anlässe verwendet.

Schloss Bottmingen. Stich von Daniel Meisner, 1625.


Wegen des eher zweifelhaften Wetters war der als Gartenrestaurant genutzte Innenhof komplett menschenleer, sodass ich freie Fotoschussbahn hatte. Wenig später, die Stadt Basel lag nun nur noch wenige Gehminuten entfernt, spielte eine Blaskapelle einen munteren Marsch. Wow, welch eine Begrüssung für den Nordkap-Wanderer! Nun, die Musik spielte leider nicht zu meinen Ehren. Ich war bei der römisch-katholischen Kirche von Binningen mitten in eine Hochzeitsgesellschaft geraten. Eine schräge Begegnung: Ich, verschwitzt und mit dreckigem Beinzeug; die Hochzeitler, allesamt schick gekleidet, bis auf den jungen Dirigenten. Er trug giftig-grüne Turnschuhe und eine Lederjacke aus der unten das offene Hemd hervorlugte.

Mein Ziel war nun nicht mehr weit. Am Freibad «Sonnenbad» vorbei senkte sich der Weg in einen Park hinab, nach dessen Durchquerung ich den Kanton Basellandschaft verliess und auf der Gundeldingerstrasse endgültig in der Stadt Basel angelangt war. Zum Bahnhof war es bloss noch einen Katzensprung. In der Sempacherstrasse gelangte ich an einer Kleiderreingung vorbei. An der Schaufensterscheibe las ich NORGE 061 361 74 52. Norge ist der norwegische Namen für Norwegen. Dass das Land auch über eine Telefonnummer verfügt, fand ich sehr sympathisch.

Fotos von dieser Etappe gibt es hier.

12. Mai 2016

Über den Gipfel des Röstigrabens

Bevor sich allenthalben die Wolken ihrer Fracht entledigen, wollte ich die 6. Etappe meines Nordkap-Vorhabens unter die Füsse nehmen. Die Episode vom Montag hatte mich zusätzlich motiviert, dem Jura vor der angekündigten Sintflut die Aufwartung zu machen. Nun, ganz so psychedelisch ging es gestern auf dem Abschnitt von Courchapoix nach Zwingen im Laufental nicht zu und her.

Das Streckenprofil war dementsprechend banal: ein ziemlich flacher und monotoner Anmarsch nach Montsevelier, gefolgt von einem steilen und mitunter traumhaft anmutenden Aufstieg zum Welschgätterli, einem bewaldeten Übergang zwischen Jura und Solothurn, zwischen Deutsch und Welsch, nicht aber zwischen katholisch und reformiert. Als Fortsetzung wartete ein Abstieg in typischer Hügellandschaft à la Schwarzbubenland. Den Schluss bildete wiederum eine eher triste Hatscherei durch die skurrilen Industrieanlagen von Breitenbach und Büsserach. Im Gegensatz zu der als Monokultur verkommenen Landschaft, zeigte die Industriezone wenigstens einen Hauch kafkaesker Züge. Man beachte die Fotos!

Auf der Juraseite des Welschgätterli haben sich die Touristiker dieses Denkmal gesetzt.
Das Tagesziel Zwingen hatte auch nicht mehr zu bieten als depressive Bahnhoftristesse. Hallo SBB, hier wäre ein gröberer Relaunch dringend nötig. Gegen den Abriss des Bahnhofgebäudes wird der Heimatschutz bestimmt nicht intervenieren, genauso wenig wie gegen eine Neugestaltung des Bahnhofplatzes.

Fazit: Diese Etappe wird nicht als Burner in meine Wander-Annalen eingehen, immerhin habe indes ich die Sprachgrenze endgültig überschritten und werde mich bis Schleswig-Holstein mit der deutschsprachigen Kultur ausgiebig befassen können. Neu hinzugekommen ist nun auch der Kanton Basellandschaft, dies trotz des Berner Bären, der immer noch die Kantonsgrenzsteine ziert. Und selbst der Himmel hat artig dicht gehalten. Mann dankt.

10. Mai 2016

Jura psychedelisch

Auf dem Plain Fayen, hoch über der Klus Tiergarten (JU) werden psychedelische Reize aktiviert.


Es gibt Tage, da nimmt man sich viel vor, wacht am Morgen auf und dann fehlt auf einmal die Kraft, die Motivation, der Wille. Ein solcher Tag war gestern. Geplant war eine Dreitagestour mit Zelt. Geworden ist eine Tageswanderung. Immerhin blieb ich spurtreu und ging von Corcelles (BE) über den Raimeux ins Val Terbi. Ich ging also nordwärts, nordwärts Richtung Nordkap.

Müden Körpers und Geistes schritt ich in Corcelles den Berg hinan und wurde von der Natur auf eine wundersame Weise wach- und starkgerüttelt. Im Frühlingswald fiel rechter Hand einer der seltenen Jurabäche talwärts. Le Gore Virat nennt er sich. Noch nie davon gehört und doch erregte das Wässerchen meine Aufmerksamkeit. Weiter oben, der Weg führte über einen Holzsteg, kaskadierte der Bach über mehrere Stufen, in der Art einer grandiosen Touristenattraktion. Doch da waren keine Touris – nur ich und der Bach. Der Pfad zickzackte weiter den Steilwald hoch und die pittoreske Szene wollte und wollte kein Ende nehmen. Der krönende Abschluss bildete ein für Jura-Verhältnisse typischer Felsriegel – Wanderpapst Widmer würde von einem «Karl-May-Feeling» sprechen –, wo ich unter einem Überhang Stundenrast hielt.

Nur wenige Höhenmeter später der pure Kontrast. Eine Hochebene mit Wettertannen und weidendem Vieh. Das andere Gesicht des Jura: Viel Weide mit dem Blick auf die verföhnten Alpen und davor die erste Kette mit dem Hinter Weissenstein. Himmel, wie schnell der Wanderer doch vorrückt!

Auf dem höchsten Punkt des Mont Raimeux hielt ich erneut Rast. Immerhin befand ich mich auf über 1300 Metern über Meer und damit auf dem Kulminationspunkt des Schweizer Abschnitts meines gewagten Vorhabens. Daselbst befindet sich ein lächerlich klein scheinender Aussichtsturm, dessen Ersteigung mittels Leiter alles andere als lächerlich ist. In der Tat erweitert sich die Sicht – einmal hochgekraxelt – nicht unerheblich, insbesondere Richtung Westen zum Chasseral hin.

Im langgezogenen Abstieg nach Vermes – ich hatte inzwischen den Kanton Bern endgültig verlassen – erregte das an völlig unerwarteter Stelle gelegene Schloss Raymontpierre* meine Aufmerksamkeit. Ein mystischer Ort! Im Gegensatz dazu das Dorf Vermes – es nennt sich auf Deutsch Pferdmund –, das an diesem Montagnachmittag in Dämmerschlaf verfallen schien. Das Glanzlicht hier: die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Freskenmalereien in der Kirche. Der anschliessende Aufstieg zur Erhebung Plain Fayen war geprägt von einem Wald- und Naturlehrpfad, der mit unglaublich viel Herzblut seines Schöpfers entstanden sein muss. Keine kühlen Alutafeln beschreiben die Wunder der Natur, nein, individuell gestaltete Holztafeln und -täfelchen sind es! Und es sind deren viele! Hat man je so etwas im Lande der invasiven Themenwege gesehen? Hat man nicht, bin ich der felsenfesten Überzeugung. Hingehen und staunen!

Was nach Erreichen des Bergplateaus folgte war ein psychedelisches Schaulaufen durch Pink-Floyd'sche Waldpartien. Was die Natur hoch über der Klus mit dem sonderbaren Namen «Tiergarten» inszeniert, gehört eigentlich in jeden Baedecker oder Lonely Planet. Zum Glück verhält sich der Tourismus aber ziemlich mainstreamy, so dass meiner Wander-Trance nichts im Wege stand. Wenn das bis zum Nordkap so weiter geht, werde ich spätestens in Skagen, an der Nordspitze Jütlands, das Nirvana geküsst haben. Ein paar optische Eindrücke dieser Wanderung habe ich hier bereitgestellt.

* Der Nachkomme eines alten Delsberger Geschlechts, Georg Huge (†1608), liess dieses herrschaftliche Haus bauen: Er wollte sich der Verwaltung der Wälder und der umliegenden Weiden widmen, die er als Lehen vom Fürstbischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee erhielt und wünschte, sich dem Vergnügen der Jagd widmen zu können. Man muss daran erinnern, dass die Fürstbischöfe aus Basel, die seit der Reform in Exil in Porrentruy lebten, gezwungen waren, ihren Vasallen mit der Pflege um ihre politische und wirtschaftliche Kraft zu betrauen. Somit war der Herr von Raymontpierre beauftragt worden, den guten Verlauf des Baumfällens auf dem Raimeux zu gewährleisten, dessen Holz die Giessereien des Bischofs im Birs- und Sornetal versorgte. In 1609, heiratete Anna Huge, Tochter des obgenannten Georg, Hans Jakob von Staal (1589-1657), ein Ereignis, das den Verkauf der Domäne an die Solothurner Dynastie der von Staal ankündigte. Hans Jakob von Staal, zukünftiger Banneret und Schultheiss, der die bedeutendste Persönlichkeit von Raymontpierre bleiben wird, zog sich viele Feinde in seiner Geburtsstadt Solothurn heran, da er seine feindselige Haltung gegen Frankreich verteidigte, was erklärt, weshalb er sich gerne in seinem Juraschloss oder in Delsberg zurückzog. Der Fürstbischof indes meinte, in Raymontpierre einen vorgeschobenen Posten gefunden zu haben, der bereit war, sich den Expansionisgelüsten des reformierten Bern zu stellen. 1623 gelangte die Gesamtheit des Gebiets an Hans Jakob von Staal und seinem Bruder Justus. Der Name der von Staal blieb mit ihm verbunden bis 1809. Im Jahr 1944 schliesslich, nach mehreren Besitzerwechseln, wurde das Schloss von der Fabrik Dozière AG von Delsberg erworben, die es erneuerte.

Das Schloss setzt sich aus dem herrschaftlichen Haus, der Kapelle und den gemeinsamen Räumen innerhalb eines viereckigen Bereichs zusammen, der an den Ecken durch kleine Rundtürme verteidigt wurde. Durch seine Form verbindet sich Raymontpierre mit den herrschaftlichen Häusern zeitgenössischer Konstruktion – wie z.B. das Schloss A Pro in Seedorf oder Greifenstein im Kanton St. Gallen – bei dem der Verteidigungscharakter weniger Wert zukam als das Symbol der allgemeinen Bekanntheit und des hohen Rufs seines Besitzers. Die zwei Rundtürme, die an den Ecken der Mauer an der Hofeseite stehen, sind ein Wiederaufbau auf alten Grundmauern. Ins Innere gelangt man durch ein gewölbtes Tor, welches das Datum von 1596 trägt sowie die Wappen, die das Symbol des Steinmetzes einrahmen. Man erkennt beim ersten Blick die Kleeblätter und das Band der Familie Huge de Raymontpierre und auf dem anderen die Tanne der Familie Nagel. Beim Eingang bemerkt man zudem links eine kleine durchbrochene Arkadenkonstruktion und rechts in der Ecke der Mauer die kleine zeitgenössische Kapelle mit ihrem Glockenturm. Das Fenster weist einen gotischen Fries auf, denselben Stil der verdoppelten Fenster: die Drillinge wie auch die die Rangfenster, die die südliche Seite des herrschaftlichen Hauses charakterisieren. Zwischen zwei Fenstern des Stockwerkes steht ein Relief von 1623 mit den Wappen der Raymontpierre und der von Staal mit zwei in Latein verfassten Inschriften:

Unser Schicksal ruht in Gotteshand

Die Edelleute, Johann Jakob und Justus Staal, Brüder, Solothurner von Geburt an, wurden Erben und zum Teil die Erwerber von Raymontpierre.

Diese Plakette erinnert an die Übertragung der Herrschaft von Raymontpierre an die Familie von Staal. Ein Korridor geht vom Eingang im Süden weg und führt zur anderen Fassade, wo ein Treppenturm in Hufeisenform zum darüber gelegenen Stockwerk führt. Beiderseits versorgt der Gang im Erdgeschoss die Küche und den Keller und im ersten Stockwerk die Zimmer und die Appartements, die unter anderen Zimmern den «Rittersaal» mit einem geschmückten Kamin von 1595 und doppeltem Wappen des Konstrukteurs und seiner Frau Aloysia Nagel enthalten.