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7. Juli 2019

Die unglaubliche Reise des Ludwig Gnadl

Ludwig Gnadl: Fussreise eines Bäcker-
gesellen durch Europa, Asien und Afrika,

Liliom-Verlag, Waging, 2001 (Nach-
druck der Originalausgabe von 1912)
«Fussreise eines Bäckergesellen durch Europa, Asien und Afrika» lautet der Titel eines 1912 in München erschienenen Buches. Geschrieben hat es der aus dem oberbayerischen Waging stammende Ludwig Gnadl. Im Jahre 2001 publizierte der in besagtem Waging ansässige Liliom-Verlag einen Faksimiledruck der Originalausgabe. Mit gutem Grund, denn die Erstausgabe ist 1. antiquarisch kaum mehr zu bekommen und 2. ist Gnadls Bericht eine durch und durch lesenswerte Sache!

Der am 12.6.1882 in Waging am See geborene Gnadl machte sich nach seiner Ausbildung zum Bäcker auf zu einer langen Reise, die ihn bis in den Nahen Osten und nach Afrika führen sollte. Die Suche nach Arbeit gestaltete sich überall schwierig, weshalb sich der Autor nicht selten ohne Geld durchschlagen musste. Was er in all den Ländern erlebte, grenzt zwischendurch an kaum für möglich zu haltende Umstände. Und genau dies macht den Text so wertvoll, zeigt er doch die damaligen Verhältnisse ungeschminkt auf. Besonders interessant sind die Abschnitte über Gnadls Aufenthalte in den ost- und westafrikanischen Ländern, als der Kolonialismus noch in vollem Gang war. Da kommt ein mittelloser Europäer als blinder Passagier eines Frachtschiffes in einem afrikanischen Land an und sucht nach Arbeit ... Gut 100 Jahre später sind die Verhältnisse gerade umgekehrt ... und was dies bedeutet, lesen und sehen wir täglich in den Medien.

Das nachfolgend 1:1 wiedergegebene Inhaltsverzeichnis zeigt auf, wohin Gnadls Reise ging: Über München in die Schweiz > Von Basel nach Paris > Von Paris über Orléans und Bordeaux nach Spanien > In Spanien zu Fuss nach Gijon > Vierzehn Tage an Bord des deutschen Küstendampfers «Ceres» als blinder Passagier > Mein Aufenthalt in holländischen Gefängnissen > Per Schub nach Deutschland und vier Monate Reise in Deutschland > Über die Schweiz nach Mailand, Genua und Nizza > Meine Reise nach Tunis und einjähriger Aufenthalt dort > Von Tunis nach Malta und Alexandrien > Nach Kairo und ein Jahr Aufenthalt dort > Ein Jahr in Abessinien > Von Abessiniern überfallen und ausgeraubt, dann zu Fuss durch das Isaasomaliland nach der französischen Küste > Mein Aufenthalt in Djibouti > Fünftägige Seereise in einem kleinen offenen Boot im indischen Ozean > Mein Aufenthalt in Aden > Als blinder Passagier an Bord des deutschen Reichspostdampfers «Feldmarschall» > Mein Aufenthalt in Ägypten > Von Alexandrien nach Neapel auf einem italienischen Passagierdampfer > Von Neapel zu Fuss nach Rom und mein Aufenthalt dort > Von Rom nach Bayern per Bahn > Von München zu Fuss nach Lissabon und mein Aufenthalt dort > Von Lissabon zu Fuss nach Gibraltar > Von Gibraltar nach Marokko und Aufenthalt dort > Von Tanger nach den kanarischen Inseln auf einem englischen Passagierdampfer > Mein Aufenthalt in Las Palmas > Als blinder Passagier an Bord des deutschen Frachtdampfers «Edea» von der Hamburg-Amerika-Linie > In Liberia an Land gesetzt > Mit demselben Dampfer von Liberia nach Lomé > Meine Ankunft in Lomé und 2½jähriger Aufenthalt dort Von Lomé mit dem Moermann-Dampfer «Lucie» nach Hamburg und mit der Bahn nach München

9. März 2019

Nachtzug nach Lissabon

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon,
btb, München, 2006
Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Immer tiefer zieht es ihn in dessen Aufzeichnungen und Reflexionen, immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem Mann, den ein dunkles Geheimnis umgibt, zutiefst beeindruckt waren. Eine wundervolle Reise – die vergeblich sein muss und deren Bedrohungen der Reisende nicht gewachsen ist. Endlich kann er wieder fühlen, endlich hat er von seinem Leben zwischen Büchern aufgeblickt – aber was er sieht, könnte ihn das Leben kosten … (Inhaltsangabe zum Buch)

BE: Stadt Bern, Kirchenfeldbrücke, Kirchenfeldgymnasium, Hotel Bellevue, Spanische Buchhandlung am Hirschengraben, Bärenplatz, Länggasse, Bahnhof Bern, Moutier P: Lissabon, Coimbra, Bélem CH-F-E-P: Bahnfahrt Bern–Lausanne–Genf–Paris–Bordeaux–Irùn–Lissabon

3. Januar 2018

Ein Atheist auf Marienwallfahrt

Robert Ward: Pilgerwege eines
Ungläubigen, Kreuz Verlag, Stuttgart,
2004, vergriffen
Santiago, Finisterre, Chartres, Lourdes, Fatima, Loreto und andere grosse Wallfahrtsorte: Was der kanadische Autor Robert Ward hier an aussergewöhnlichen Erfahrungen gemacht hat, ist in diesem Buch im Geiste miterlebbar. Ein literarisch und journalistisch gekonntes, inhaltlich inspirierendes und liebenswertes Buch, das «Gläubigen» hilft, sich besser zu verstehen, und «Ungläubige» mit der kritisch-hinterfragenden Neugier des Autors anstecken kann. Ein Buch aber auch, das hervorragend übersetzt worden und leider vergriffen ist. Ward verfügt zudem über die nötige religiöse Distanz, sich vertieft Gedanken über die erlebten Situationen zu machen, ohne dass er sich selber als Besserwisser versteht. Aus meiner Sicht sind ihm damit beeindruckende Reportagen aus der katholischen Welt gelungen, die vieles in einem zu reflektierenden Licht erscheinen lassen.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Ueli Brunner vom Ultreïa Verlag, der mir diese Lektüre geschenkt hat.

21. August 2017

Schockierend

Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45,
Rowohlt, Reinbek, 2011
Im Winter 1944/45 lässt die SS alle Konzentrationslager evakuieren, die alliierten Truppen in die Hände zu fallen drohen. Schwache und kranke Insassen werden zurückgelassen oder getötet, alle anderen zu Fuss oder per Eisenbahn in Lager auf dem Reichsgebiet gebracht. Wer unterwegs zusammenbricht oder zu fliehen versucht, wird auf der Stelle ermordet; viele erfrieren oder verhungern. Von den über 700.000 Häftlingen, die Anfang Januar 1945 registriert sind, kommen bei den Todesmärschen mindestens 250.000 ums Leben.

Daniel Blatman stellt dieses letzte Kapitel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum ersten Mal umfassend dar. Anders als zuvor spielten sich die Ereignisse nicht mehr im fernen Osteuropa ab, sondern auf deutschen Strassen und Feldern. Und die Mörder stammten nicht mehr nur aus den Reihen der SS, Polizei und Wehrmacht. Brutalisiert durch den Krieg und die NS-Propaganda, beteiligten sich nunmehr auch Zivilisten an Massakern und der erbarmungslosen Hatz auf flüchtende «Volksfeinde». So ist dieses Standardwerk auch ein erschreckendes Porträt der deutschen Gesellschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs.
(Inhaltsangabe zum Buch)

Selten habe ich derart lange für die Lektüre eines Buches gebraucht. Nein, nicht primär der 864 in kleiner Schrift bedruckten Seiten, als vielmehr des Inhaltes wegen. Was Daniel Blatman beschreibt, ist nichts für zartbesaitete Seelen. Kaum eine Seite, auf der nicht Dutzende oder Hunderte von Menschen erschossen, niedergemetzelt, verscharrt werden. Mehr als 30 Seiten am Stück schaffte ich nicht und musste hernach eine längere Lesepause einschieben, die manchmal bis zu zwei Monaten andauerte. Dabei waren es nicht nur die fundiert recherchierten Fakten, die mich verstörten, es kamen Fragen grundsätzlicher Natur auf. Fragen über das Wesen des Menschen, seine Grausamkeit, den blinden Verstand bis hin zum Sinn des Lebens auf dieser Welt. Doch nicht genug, angesichts der Gräueltaten vor nicht allzu langer Zeit im Balkan und den seit Jahren andauernden Tragödien in Syrien, im Jemen, im Südsudan etc., ist Vorsicht geboten, dass die Beklemmung nicht überhand nimmt und in eine Depression ausmündet.

Blatmans Buch sollte meiner Meinung nach zur Pflichtlektüre für Rassisten und Rechtsextreme erklärt werden. Auf dass es auch sie erschüttern und, im Falle der Unterdrücker und Potentaten dieser Welt, zur Umkehr bewegen möge.

Daniel Blatman, geboren 1953 in Israel, ist Direktor des Avraham Harman Institute of Contemporary Jewry der Hebrew University of Jerusalem. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der polnischen Juden und der Shoah vorgelegt. Für sein Buch über die Todesmärsche hat er zehn Jahre geforscht.