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21. März 2026

Schwarze Erde

Jens Mühling: Schwarze Erde, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 2016
Ein Jahrtausend lang lebten die Ukrainer zwischen Grenzen, die sich unter ihren Füssen stetig verschoben; mal zu Polen, mal zu Österreich und Litauen, schliesslich zu Deutschland und dann zur Sowjetunion gehörten. Und die nun wieder in Bewegung geraten sind. Als Staat existiert die Ukraine erst seit 1991; was sie vorher war, ist unter ihren Bewohnern so umstritten wie unter ihren europäischen Nachbarn. Jens Mühling erzählt von Begegnungen mit Nationalisten und Altkommunisten, Krimtataren, Volksdeutschen, Kosaken, Schmugglern, Archäologen und Soldaten, deren Standpunkte kaum unterschiedlicher sein könnten. Sein Buch schildert ihren Blick auf ein Land, über das wir kaum etwas wissen – obwohl es mitten in Europa liegt. Und das nun der Schauplatz eines brutalen Angriffskriegs ist. (Inhaltsangabe zum Buch)

10. Februar 2026

Auf dünnem Eis

Jürgen Graeser, Auf dünnem Eis, Herder,
Freiburg i.Brsg., 2008
Jürgen Graeser ist kein Abenteurer. Er ist Wissenschaftstechniker am Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Potsdam. Doch in diesem Winter (2007/08) kommt etwas Besonderes auf ihn zu. Sieben Monate campiert Graeser mit zwanzig russischen Kollegen auf einer Driftstation, einem Hüttendorf auf einer Eisscholle mitten im Nordpolarmeer. Er erlebt die lange Polarnacht, kämpft gegen die Widrigkeiten eines Alltags, der alles andere als alltäglich ist, wird vom Eisbären überrascht und erkennt, dass die Arme der Bürokratie bis tief in die Arktis reichen. Ein spannender Bericht über das Leben und die Arbeit auf der Scholle, direkt vom Ende der Welt. (Klappentext)

29. Januar 2026

Nordwärts

Silvia Furtwängler: Nordwärts, Rowohlt,
Reinbek b. Hamburg, 2015
Auswandern, im Einklang mit der Natur leben, bei sich selbst ankommen – Silvia Furtwängler hat sich diesen Traum erfüllt. auf den Spuren Roald Amundsens reiste sie 2008 nach Norwegen, in die grösste Hochebene Europas, und blieb – überwältigt von der unglaublichen Schönheit der Natur. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie und ihren Schlittenhunden in einem Häuschen am See, ist oft wochenlang durch Schnee und Eis von der Aussenwelt abgeschnitten, aber glücklich. Hier bereitete sie sich auch mit ihren Hunden auf eine aussergewöhnliche Expedition vor, den Volga Quest: 600 Kilometer auf der zugefrorenen Wolga mit dem Schlitten durch Russland. Von sieben Teilnehmern ist sie die einzige Frau – und nur sie gelangt ins Ziel. (Klappentext)

26. Februar 2023

Der doppelte Marti

Hugo Marti: Das Haus am Haff / Davoser
Stundenbuch, Suhrkamp, Frankfurt/Main
1990
Zwei schmale, aber hoch bedeutsame Werke des jung verstorbenen Kritikers und Romanciers Hugo Marti (1893–1937) fasst der vorliegende Band zusammen: die autobiographisch verwurzelte ostpreussische Gutshofgeschichte «Das Haus am Haff» (1922), eine mit der dunklen Melancholie der Königsberger Küstenlandschaft intim vertraute Erzählung um die tragisch endende Liebe eines jungen Mannes zu einer älteren Frau – und das «Davoser Stundenbuch» von 1935, eine ergreifende, an Thomas Mann erinnernde, aber sehr viel diskretere, auf persönlichen leidvollen Erfahrungen beruhende Schilderung der Tuberkulosestation Davos, die von der zeitgenössischen Kritik liebevoll «ein ‹Zauberberg› in einer Nuss» genannt worden ist. (Inhaltsangabe im Buch)

2. September 2021

Irinas Buch der leichtfertigen Liebe

Tim Krohn: Irinas Buch der leichtfertigen
Liebe, Diogenes, Zürich, 2000
Eigentlich will die in Paris lebende Russin Dunja ihrem Mann ein Fax nach Moskau schicken – dass es bei seiner Ex-Geliebten Ewa in Schweden landen wird, kann sie nicht wissen. Das fehlgeleitete Fax bringt Turbulenz ins Leben und die Phantasie der jetzigen und einstigen Liebenden. Als Ewa sich entschliesst, nach Paris zu fliegen, löst dies einen Wirbel von Missverständnissen aus. Und je mehr die Beteiligten die Verhältnisse in den Griff zu bekommen versuchen, desto grösser wird die Verwirrung.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Welt mehr Vorstellung als Wille ist, dass Erotik vor allem im Kopf entsteht – und dass die Liebe ein zauberhaftes, kompliziertes Ding ist. (Klappentext)

F: Paris RUS: Moskau S: Svärdsjö

5. November 2019

Wie wir älter werden

Ruth Schweikert: Wie wir älter werden,
S. Fischer, Frankfurt/Main, 2015
Wie spät ist es? Draussen liegt Schnee. Drinnen bereitet der 87-jährige Jacques wie jeden Morgen das Mittagessen für sich und seine Frau Friederike vor. Neun Jahre lang lebte er zwischendurch mit Helena zusammen, seiner Jugendliebe; dann kehrte er in seine Ehe zurück. Jacques und Friederike, Helena und ihr Mann Emil sind untrennbar miteinander verbunden durch den Pakt des Schweigens, den sie vor langer Zeit miteinander geschlossen haben. Dieser Pakt prägt das Leben der Kinder und Enkel. Doch irgendwann beginnt er brüchig zu werden ...

In wechselnden Perspektiven umkreist «Wie wir älter werden» die Geschichten mehrerer Generationen, die vom Zweiten Weltkrieg bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ein grosser Roman über Liebe und Verrat und die Frage, wie unser Blick sich im Lauf des Lebens verändert.
(Klappentext)

AG: Aarau BE: Bern-Bümpliz, Biel BS: Stadt Basel FR: Châtel-St-Denis GE: Stadt Genf GR: Sils-Maria, St. Moritz LU: Schüpfheim SZ: Grosser Mythen, Stadt Schwyz TI: Comologno, Locarno, Spruga, Centovalli, Intragna, Pizzo Centrale ZH: Stadt Zürich, Winterthur RUS: Grozny D: München, Stuttgart, Berlin, Dresden I: Bagni di Craveggia USA: San Francisco, Albuquerqe F: Provence


13. Mai 2016

Abenteurerin um des Abenteuers Willen

Sarah Marquis: Allein durch die Wildnis,
Piper Verlag, München, 2015
Ein Abenteuer der Extreme. Im Mai 2010 bricht die Schweizerin Sarah Marquis zu einer gigantischen Tour auf: zu Fuss von Sibirien nach Südaustralien. Ein Abenteuer, das die zierliche Frau durch die karge mongolische Steppe, den üppigen Dschungel von Laos und den heissen australischen Busch führt – und das ihr alles abverlangt. Marquis kämpft sich durch Schnee und Sand, begegnet Wölfen und Schneeleoparden, erträgt Hunger, Kälte, Schmerzen und die Einsamkeit. Doch in der völligen Abgeschiedenheit erlebt sie zugleich eine bislang unbekannte, intensive Verbindung zur Natur, die alle Strapazen aufwiegt. (Klappentext)

Moors Fazit: Eine Expedition mit sonderbarem Plot. Sarah Marquis ist nicht, wie es der Text oben vermuten lässt, in einem Stück von Nord nach Süd gewandert. Vielmehr hat sie ihr Unternehmen in mehreren Abschnitten unternommen. Gestartet ist sie in der Mongolei, ging dann in China von Süd nach Nord, um dann erst nach Sibirien zu fliegen und dort die geplante Strecke zurückzulegen. Hernach flog sie nach Laos, durchquerte das Land nach Süden und sodann auch Thailand. Per Schiff gelangte Marquis nach Australien, um im Norden eine für den Leser nicht nachvollziehbare Route zu gehen. Dasselbe spielte sich im Südwesten Australiens ab, als sie von Perth in die Nullarbor-Ebene ging, wo die Reise beim angeblich einzigen Baum weit und breit endete, den sie Jahre zuvor bereits besucht hatte.

Eine verwirrende Reise, die uns Sarah Marquis hier auftischt. Dies wiederspiegelt sich auch in den Kapitellängen: Den Abschnitt durch Sibiriern hakt die Autorin in bloss acht Seiten ab, Thailand wird mit gut sechs Seiten bedacht. Und für Australien müssen 40 Seiten reichen. Als Leser erfahre ich zudem herzlich wenig über die Kultur der Länder. Das Wichtigste am ganzen Unterfangen ist Sarah Marquis selbst. Nach der Lektüre fragt sich der Leser, weiss ich nun wirklich mehr über die von der Frau durchwanderten Gegenden? Nicht wirklich, dafür habe ich einen vertieften Einblick in diese Berufsabenteurerin erfahren, die auch nur ihre Brötchen verdienen muss.

Sarah Marquis, geboren 1972 in einem 500-Seelen-Bergdorf im Schweizer Jura*, unternimmt seit zwanzig Jahren extreme Touren durch vielfach einsame Gebiete auf der ganzen Welt. Mit siebzehn durchquerte sie Zentralanatolien auf einem Pferd, reiste nach Australien und Neuseeland, wo sie das Laufen für sich entdeckte, wanderte in Patagonien und Französisch-Polynesien, fuhr Kanu in Kanada und brach im Jahr 2000 schließlich zu ihrem ersten grossen Abenteuer auf: der Durchquerung der Vereinigten Staaten von Amerika von Nord nach Süd, eine Strecke von 4260 Kilometern, die sie zu Fuss in vier Monaten bewältigte. Und weitere Touren folgten: In den Jahren 2002 und 2003 war sie siebzehn Monate lang in Australien und legte dort insgesamt 14 000 Kilometer zu Fuss zurück. 2006 wanderte sie in acht Monaten von Chile über Bolivien nach Peru (7000 Kilometer) durch die Anden. Alles in allem hat sie mittlerweile die Welt einmal zu Fuss umrundet.

* Es handelt sich hierbei um Montsevelier im Val Terbi, durch das ich vergangenen Mittwoch auf meiner Wanderung ans Nordkap gestreift bin.

4. März 2016

Zu Fuss ins Land des Dschingis Khan

Michael Giefer: Zu Fuss ins Land des
Dschingis Khan, Herder, Freiburg i.Br.,
2006, vergriffen
Vom Baikalsee bis in die Wüste Gobi – 1800 Kilometer wandert Michael Giefer durch das alte Reich der Mongolen. Mit seinem Buch führt er den Leser in die Sehnsuchtslandschaften Asiens, durch Wälder, Gebirge und Wüsten, durch winzige Dörfer und untergegangene Städte. Er erzählt von Schmugglern, Murmeltierjägern und Goldsuchern und vom Glück des Wanderns. «Das Buch lies sich wie eine Liebeserklärung an ein Volk, das an Gastfreundschaft kaum zu überbieten ist, und an ein land im Herzen Asiens, in dem Freiheit noch sichtbar ist. Was für ein unvergleichliches Erlebnis!», lässt sich Trekking-Guru Bruno Baumann auf der hinteren Umschlagklappe zitieren.

7. April 2015

So sind die Geschmäcker verschieden

Josef Martin Bauer: So weit die Füsse tragen,
Bastei Lübbe, Köln, 2002 
Soeben zu Ende gelesen: So weit die Füsse tragen von Josef Martin Bauer. Das ist der lange Weg, den ein Kriegsgefangener vom Ostkap in der Nähe der Beringstrasse und Alaskas durch ganz Sibirien, den Ural und den Kaukasus zurücklegt. Wunden an Körper und Seele sind die Folge dieser Odysee durch Steppe und Eis. Drei volle Jahre dauert es, bis der einsame Flüchtling endlich heimkehren kann …, liest sich auf dem hinteren Umschlag des 478 Seiten dicken Taschenbuchs. Darüber: Ein Tatsachenroman, der sich spannender liest als jeder Thriller! Voller Erwartungen machte ich mich also an die Lektüre und langweilte mich von der ersten bis zur letzten Seite. Von Spannung keine Spur. 200 Seiten lang beschreibt Bauer die Deportation nach Nordostsibirien sowie die lange Zeit im Strafgefangenenlager. Dann endlich flieht Clemens Forell auf unspektakuläre Weise, nachdem ihm ein erster Fluchtversuch ebenso unspektakulär misslungen war.

In einer gewandten aber dennoch monoton klingenden Sprache weist die Geschichte bloss einen Handlungsstrang auf. Darin und in den episch langen Sequenzen liegen die Gründe der Kraftlosigkeit dieses Romans, der überdies in keiner Weise auf Tatsachen beruht, wie Geschichtsforscher nachträglich festgestellt haben.

Dass ich mit meiner Kritik ein wenig alleine in der sibirischen Weite stehe, beweisen die Verkaufszahlen. Das in 15 Sprachen übersetzte Werk hat sich bis jetzt mehrere Millionen Male verkauft und wurde 1959 und 2001 verfilmt.

RUS: Omsk, Ettal, Krasnojarsk, Tschita, Ulan Uhde, Abakan Kubzow, Kasalinsk, Uralsk IR: Täbris, Teheran.

3. Oktober 2014

Berlin–Moskau zu Fuss

Wolfgang Büscher: Berlin–Moskau,
Rowohlt Verlag, Reinbek,  2003

Wenn eine Fussreise in Buchform innerhalb eines Jahres 10 Auflagen erfährt, kommt das nicht von ungefähr. Der Journalist Wolfgang Büscher ist zu Fuss von Berlin nach Moskau gelaufen. Allein. An die drei Monate. Im Hochsommer hat er die Oder überquert, an der russischen Grenze hat er die Herbsstürme erlebt und vor Moskau dann den ersten Schnee. Büscher erkundet Menschen und Orte, erzählt von einer polnischen Gräfin, die eine der geheimnisvollsten Gestalten des Zweiten Weltkriegs war; von Schmugglerinnen, mit denen er die weissrussische Grenze überquert; von einem sibirischen Yogi, den er in Minsk kennen lernt; einem russischen Freund, mit dem er in die verbotene Zone von Tschernobyl fährt; einem Priester aus Smolensk, der ihn in einem mysteriösen Wald mit roten Zauberbäumen
schickt; von seltsamen Begegnungen kurz vor Moskau sowie von einem nächtlichen Kampf. Eine abenteuerliche Reise, farbig, lebendig und fabelhaft erzählt. Ein Kultbuch im Anmarsch!

21. Dezember 2013

Den Vögeln zum Frass

Ulrich Knellwolf: Den Vögeln zum Frass,
Nagel & Kimche, Zürich, 1999,
als Taschenbuch bei Fischer,
Frankfurt, 2004
Bei einem Hamburger Antiquar taucht überraschend das Tagebuch des Reisläufers Franz Anton von Haggenegg auf. Da es voller pikanter Familiengeheimnisse ist, reist der Bankier Hans Haggenegg, Nachfahre in direkter Linie, überstürzt in die Elbestadt, um es zu ersteigern. Dort muss er feststellen, dass an dem Dokument noch andere, höchst dubiose Käufer interessiert sind. Nach dem ersten Mord steht fest: In dem Tagebuch steht mehr drin als nur ein paar historische Aufzeichnungen. Die Jagd kann beginnen. (Klappentext)

Die verworrene Geschichte Knellwolfs zählt unzählige Schauplätze auf, weshalb sich die temporeiche Erzählung schwerlich in seiner ganzen geografischen Breite nachwandern lässt. Ich erwähne sie hier dennoch, weil sich Fiktion und Historie wunderbar ergänzen. Wer indes einmal auf dem Jakobsweg von Einsiedeln her kommend über die Haggenegg am Kleinen Mythen vorbei nach Schwyz hinunter gewasauchimmer ist, wird der Lektüre auch schauplatzmässig einiges abgewinnen können.

SO: Stadt Solothurn SZ: Haggenegg, Schwyz (u.a. Pfarrkirche, Friedhof) ZH: Stadt Zürich (u.a. Kunsthaus), Zürich Flughafen F: Ivry, Paris D: Weimar, Jena, Berlin, Hamburg, Friedrichskoog RUS: Studjanka, Beresina, Zarskoje Sjelo