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10. September 2021

Niedergang

Roman Graf: Niedergang, btb, München,
2015

Ein junges Paar bricht zu einer Tour in die Schweizer Berge auf. André und Louise wollen hoch hinauf und scheinen für ihr Abenteuer gut gerüstet. Doch je näher sie dem Gipfel kommen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Als Louise aufgibt, ist das für André kein Grund, es ihr gleichzutun. Denn er will, ja er muss zu Ende bringen, was er einmal angefangen hat. (Klappentext)

Moors Fazit: Was ich nicht verstehe: Weshalb schafft es ein solcher Roman mit Platitüden, unrealistischen Landschaftsbeschreibungen, einer lapidaren Handlung sowie einem Ende, das der Titel schon vorgibt, in die Nomination für den Schweizer Buchpreis? Bin ich zu anspruchsvoll, oder ist das literarische Niveau nicht mehr dasselbe wie vor 10 oder 20 Jahren?

24. März 2020

Ich empöre mich, Herr Bischof!

Irma Büchler: Ich empöre mich, Herr
Bischof, Zytglogge, Bern 1987
Wie Irma Büchler als Konvertitin und als «treue Tochter Roms» die für sie neue uralte Institution erlebt und erlitten hat, schildert sie in packender Art. Beide Landeskirchen und ihre männlichen Vertreter erscheinen dabei in einem ungewohnten Lichte. Als tiefgläubige Katholikin erhoffte sie sich in ihrer Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil die Gleichberechtigung. Doch unter dem jetzigen Papst scheint jede echte Erneuerung unmöglich. Der vorliegende Erfahrungsbericht, der weder theologisch spekulativ noch frömmlerisch ist, zeigt den frustrierenden Weg einer jungen Frau durch die Institution Kirche und lässt erkennen, warum sie letztlich den Enthusiasmus und die Freude am persönlichen Einsatz für diese Gemeinschaft einbüsste. Die Lektüre ist eine Ermunterung für all jene Frauen, die aufgrund ähnlicher Erfahrungen mutlos aus dieser Kirche weggeschlichen sind. Die ehemals kirchentreue Gläubige hat sich zur unbequemen Rebellin gewandelt, die in ihrer Glaubensüberzeugung NEBEN der Kirche verharrt und durch ihre Haltung klare Zeichen setzt. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Buch ist 1987 erschienen, gelesen habe ich es erst 2020. Und was hat sich in all den 33 Jahren in dieser «allein seelig machenden Kirche» in Sachen Frauen getan? Nichts! Der Papst gibt sich immer noch als unfehlbar, der Klerus versteckt sich weiterhin hinter seinem patriarchalen Gehabe. Die Kirchenaustritte nehmen laufend zu, ebenso die seit den 1980er-Jahren endlich in die Öffentlichkeit getragenen sexuellen Übergriffe eben dieses Klerus' gegenüber Kindern und Jugendlichen. Als Aussenstehender hoffe ich, dass das Treiben dieser weltweit tätigen Institution endlich ein vernünftiges Mass annimmt, insbesondere, was die Menschlichkeit und die konsequente Gleichberechtigung der Frau anbetrifft. Eine Päpstin ist längst überfällig!

Irma Büchler, geb. 1943 in Luzern, Handelsdiplom, längere Sprachaufenthalte im Ausland, Schule für Sozialarbeit. Mehrere Jahre im Sozialdienst für Patienten an Spitälern. Einige Zeit als Katechetin an der Oberstufe und als engagierte Frau in der Pfarrei tätig. Später war sie als selbständige Unternehmerin in der Immobilienverwaltung.

23. Dezember 2019

Haarig, haarig – nichts als haarig

Das thurgauische Amriswil gibt sich nicht nur anglo-frankophil, die beiden Haarschneider
sind sogar Namensvettern des Schrittlers!

Wer durch Städte und Dörfer wandert, gerät unweigerlich und immer wieder an Frisörsalons vorbei. Ich registriere dann jeweils die mehr oder weniger originellen Namen dieser Etablissements. Nachfolgend eine ziemlich repräsentative Liste, die sich im Laufe der Jahre ergeben hat. Auslöser dieses Beitrags war mein Gang durch das Thurgauer Städtchen Amriswil, wo sich an der Bahnhofstrasse der Coiffeur René und der Hairstylist Pierre befinden. Der eine praktiziert in der Nummer 13, der andere unweit davon im Haus 17. Und weil diese zwei Frisöre meinen Erst- und Zweitnamen verkörpern – und dies erst noch im eher unfranzösischen Thurgau –, begann die Idee zu köcheln, den Haarschneidern in diesem Land ein für allemal ein Denkmal zu setzen.

11-11 Haimburger, 2B for Hair, 4Haareszeiten, A Touch of Glamour, Absolut Hair, Aerosol, Afro 2000, Animakarma, Art of Hairsoul, Barbara, Beat for Hair, beau.tox, Biohair Naturfrisör, Blickfang, Bliggfang, Blond, Blow, Capelli Diavolo, Capogiro, Changes, Chic, Chrigi, Chung, Coiffeteria, Croswi, Cut & Sirup, Cuttingpoint, Das Haar, Diamond Hair, Die Frisurenmacher, Dolce Vita, Dreamcut, Easy Hair, Euforia, Faces, Fantasy, Favorit, Figaro, Flamingo, Friesenwiese, Frizerie, Glücklich, Gwafför, Haar und mehr, Haarakzent, Haar-Atelier, Haarbar, Haarbracadabra, Haarchitekten, Haar-Egge, Haarem, Haarerei, Haareschööön, Haareszeiten, Haarfenster, Haargalerie, Haargenau, Haargeneration, Haarige Zeiten, Haarissimo, Haarklar, Haarkonzept, Haarladen, Haarlekin, Häärli Schön, Haarmania, Haarmonie, Haaroase, Haarometer, Haarpalast, Haarraum, Haarscharf, Haarschelm, Haarscheum, Haarschmiede, Haarschneiderei, Haarschnittstelle, Haarschopf, Haar-Schopf, Haarsträubend, Haarstube, Haarsturm, Haar-Tempel, Haar-Theater, Haartist, Haarträff, Haartraum, Haar-Werk, Haarwerkstatt, Haarzauber, Hair Care, Hair Castle, Hair meets Art, Hair on Top, Hair Solutions, Hair to Go, Hair we go, Hairbox, Hairclub, Haircraft, Hairein, Hairforce, Hairinn, Hairlights, Hairline, Hair's Angels, Hairtouch, Hairvorragend, Hairxpress, Hairy Tales, Hairzbluet, Hairzog, Hammer Haar, Harrock, Hauptsache, Hauptsache Haar, Head Case, Headquarters, Heroes & Flames, Hinz & Kunst, Hörlischnyder, JoJo, Kaiserschnitt, King, Kopfsalat, Kopfstand, Kopfwerk, K-Pony, Le Bigoudi, Let's Cut, Liebevoll, Lockeria, Lord, Mad Hair, Malibu, Manhattan, Mèche, Megafön, Memo Men, Miracolo, New Line, Nordstern, O20 Hair Planet, Opus, Papillon, Passage, Perfettamente, Phänomen, Plan B, Point, Positiv Coiff, Präzis, Provocateur, Pythagoras, Querschnett, Querschnitt Frisurkultur, Salon Afrodita, Salon d'Or, Salon Elegance, Schitt-Art, Schnitt und Form, Schnittfit, Schnittpunkt, Schnittpunkt, Schnittpunkt, Schnittstelle, Schnittstelle, Schnittstube, Schnittvergnügen, Schnittwerk, Sensation, Sfax, Shampoo, Simply You, Spieglein Spieglein, Stilbruch, Strubelpeter, Susy's Hairloft, Taj Mahaar, The Crime Edge, Timetunnel, Topas, Triangolo, Über kurz oder lang, Uptown, Vérène, Verwandelbar, Voila, Vorhair Nachhair, Wave, Winthairthur, Wox, Zem goldige Schärli

12. Februar 2019

Der Mord an Beat Gyger

Franziska Streun: Mordfall Gyger, Zytglogge,
Oberhofen, 2013
Auf dem Budenplatz wurde Beat Gyger zuletzt gesehen. Es war Pfingstsamstag, 9. Juni 1973, in Thun. Am nächsten Morgen fanden zwei Reiterinnen den Leichnam des 14-Jährigen. Im Lindenbachgraben bei Mamishaus in der Nähe von Schwarzenburg. Sein gewaltsamer Tod bewegte die Menschen und tut es heute noch. Der Fall beschäftigte schweizweit die Medien. In der Fernsehserie «Aktenzeichen XY ungelöst» wurde noch gut ein Jahr später nach den Tätern gesucht. War es eine Abrechnung wegen eines Mofadiebstahls? Wollten Pädosexuelle dem Jüngling eine Lektion erteilen? Wurden Ermittlungen in die Irre geführt? War der Fluch der Zigeunerin schuld? Wurde ein Skandal grösseren Ausmasses vertuscht? «Mordfall Gyger» nimmt die Leserinnen und Leser 40 Jahre später auf eine Spurensuche im ungeklärten Tötungsdelikt mit. Sie führt von Thun übers Eriz bis nach Basel und bringt Mysteriöses und längst Vergessenes zutage. (Klappentext)

Die Thuner Journalistin Franziska Streun lässt den Rebell im Wechsel zwischen Realität und Fiktion anhand seiner Originalkorrespondenz und eines fiktiven, intimen Tagebuches aufleben. Die Lektüre hinterlässt bei mir einen schalen Nachgeschmack und viele offene Fragen, was die Ermittlungen der Kriminalpolizei betrifft. Sehr bedauerlich ist auch, dass der Autorin der Zugang zu den Akten «aus rechtlichen Gründen» verweigert worden ist. Bernhard Gyger, der Bruder von Beat meint dazu im Buch:

«Mich ärgert, dass der Datenschutz in den letzten Jahren in der Schweiz zu einem Täterschutz mutiert ist. Die Angst, einen Unschuldigen zu verdächtigen und Formfehler zu machen, ist grösser als der Drang, die Wahrheit zu suchen und Täter zu finden. Zudem sterben im Fall des ungeklärten Mordes an meinem Bruder mit jedem Jahr mehr Betroffene, Mitwisser und Täter.»

7. September 2017

Altes aus Absurdistan

Heidi Gassner: Kann denn Liebe Sünde
sein, Licorne, Murten, 1998
Zwanzig Jahre lebte die Künstlerin Heidi Gassner eine heimliche Liebesbeziehung zu einem katholischen Pater, der als Jesuit durch seine Öffentlichkeitsarbeit (u.a. «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen) und Bücher auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. Das priesterliche Gelübde der Ehelosigkeit zwang beide zu einem Doppelleben, dessen Zwiespältigkeit und Lügengebilde zu einem schmerzlichen Eklat führten. Die zwei Kinder aus erster Ehe gaben Heidi Gassner den erforderlichen Durchhaltewillen, doch bedurfte auch deren Weg viel Kraft und Mut. Auch aus ihren künstlerischen Arbeiten gewann sie immer wieder die notwendige Energie, um trotz allem die so unterschiedlichen Anforderungen des Alltags zu meistern. Wie es beiden schliesslich gelang, ihr Leben in Einklang zu bringen mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen von Gemeinsamkeit und Eheleben, zeichnet der Bericht der Autorin in einer Sprache auf, die jenseits aller Larmoyanz und von überraschendem Humor ist. (Klappentext

Und wieder einmal bin ich über das Gebaren der katholischen Kirche erstaunt. Was Heidi Gassner erlebt hat, verdeutlicht die sektiererisch anmutende, Menschen verachtende Grundhaltung einer Organisation, die im Namen des Herrn ihr Unwesen treibt. Gassners Buch ist vor knapp 20 Jahren erschienen und mir scheint, es habe sich in dieser Kirche hinsichtlich Zölibat und Patriarchat seither nichts Berauschendes getan.

Website von Heidi Gassner: www.gassner.ch