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3. Oktober 2025

Die erste und die letzte Meile

Seit nunmehr 44½ Jahren pendle ich ausschliesslich mit dem öV zur Arbeit. Die erste und letzte Meile, d.h. von zu Hause an den Bahnhof und wieder zurück, habe ich meist mit dem Fahrrad, eher selten zu Fuss, zurückgelegt. Das war bis vor sechs Jahren, ehe ich in einen anderen Modus überging. Seither gehe ich ausschliesslich zu Fuss zur nächsten öV-Haltestelle – drei bis vier Fahrradfahrten pro Jahr ausgenommen.
 
Weshalb ich den kurzen Fussgang einer anderen Option vorziehe? Es sind deren Gründe vieler:
  1.  Bin ich pro Wegstrecke 10 Minuten länger an der frischen Luft.
  2. Habe ich jeweils genügend Zeit, am Morgen dem Vogelgezwitscher zuzuhören, das eine oder andere Reh zu beobachten, beim Gang über den Bach den Wasserstand zu begutachten, den Duft der Felder in mich aufzunehmen und, je nach Jahreszeit, dem Sonnenaufgang über den Alpen beizuwohnen.
  3. Nehme ich noch so kleine Veränderungen an der Natur wahr: Mal ist es kühl, mal frisch, mal mild, mal schwül, mal heiss. Mal windet es von dieser, ein anderes Mal von der anderen Seite. Einmal regnet es, ein anderes Mal fällt Schnee. Mal ist das Gras grüner und länger, mal spriesst der Weizen, mal wiegt er sich goldgelb im Wind. Im Frühling blühen die Kirschbäume, als läge dahinter das Paradies, und wenige Wochen später locken Sie mit süssen Kirschen zum Mundraub. Mal aber ist es bereits stockdunkle Nacht, nicht zu sprechen vom Nebel und seiner Feuchte.
  4. Begegne ich ab und zu anderen Menschen. Meist sind es solche, die mit ihrem Hund Gassi gehen. Habe ich fünf Minuten übrig, ergibt sich oft sogar ein kurzer Schwatz – und Streicheleinheiten für den Hund.
  5. Gibt es indes immer wieder kleinere oder grössere Überraschungen, so wie neulich an jenem Abend, als sich die mir bestens bekannte und äusserst eigenwillige Katze wohlig auf dem Bahnschotter direkt neben einem Bahnübergang räkelte.


10. Dezember 2022

Kapuzinerleben

Matthäus Keust: Kapuzinerleben
Limmat Verlag, Zürich, 1999
«Kapuzinerleben» enthält die Lebensgeschichte eines schweizerischen «Bettelmönchs», eines Kapuziners, von ihm selbst erzählt. Die Kapuziner sind beim Volk beliebt, und dies weit über den engen konfessionellen Bereich hinaus. Sie gelten als volksnah, lebensbejahend und unkompliziert, vertraut vor allem mit der bäuerlichen Welt. Matthäus Keust wächst im solothurnischen Härkingen des 19. Jahrhunderts auf, wo er eine stimmungsvolle Jugend verbringt. Nach der Schulzeit in Olten prägt ihn vor allem das Gymnasium bei den Benediktinern in Mariastein, kurz bevor das Kloster aufgehoben wird. Er tritt in den Kapuzinerorden ein, und nun beginnt das wechselvolle Leben und Wirken in den verschiedenen Klöstern der Deutschschweiz, getreu der Losung des Ordens, welche ein regelmässiges Weiterziehen verlangt und keine Sesshaftigkeit erlaubt. Keust durchlebt dabei voll sein Jahrhundert, mit all den konfessionspolitischen Auseinandersetzungen, die damals hohe Wellen werfen, vom Sonderbundskrieg bis zum Kulturkampf und darüber hinaus. Keust erzählt sein Leben in der Rückschau, später auch im Tagebuchstil. Immer aber spricht er eine anschauliche und packende Sprache, als geborener Erzähler mit empfindsamem Herzen. Er ist ein scharfer Beobachter und Parteigänger, oft unbequem und auch gegen seine Mitbrüder, aber mit goldenem Humor und Selbstironie. Durch seinen Text erhalten wir Einblick in das damalige Ordensleben, mit seinen Hoch und Tief, mit den Frustrationen, Spannungen, aber auch den Momenten der Gottseligkeit. Über das Dokumentarische seiner Zeit hinaus zieht uns der Bericht durch seine Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit in Bann. Keusts Erinnerungen gehören ohne Zweifel zum Spannendsten, was aus geistlicher Feder in dieser Hinsicht vorliegt.
(Inhaltsangabe auf der Verlagswebsite)

Matthäus Keust
Geboren am 18.9.1828 in Härkingen (SO), gestorben am 3.3.1898 in Altdorf (UR). 1852 Priesterweihe im Kapuzinerkloster Solothurn. Pater Matthäus wirkte fortan als Prediger, Beichtvater, Guardian und Vikar unter anderem in Mels, Freiburg, Olten, Schüpfheim, Luzern, Appenzell, Rapperswil (SG) und Altdorf. Nach 1858 wurde er von seinem Freund Adrian Kümmerlin in die Kunst des Fotografierens eingeführt. Mit Leidenschaft bildete er sich autodidaktisch weiter. Als Sujets bevorzugte Matthäus Keust Kapuzinerklöster und die Patres, Dorfansichten und Porträts der Bevölkerung. Erhalten ist ein prächtiges Leporelloalbum mit 68 grossformatigen Fotos unter anderem vom Kloster, von Altdorf und dessen Bewohnern. Als Keust starb, wurde er als volkstümlicher Prediger, Zeichner, Musiker und Fotograf gewürdigt.

10. April 2021

Peace Pilgrim

Peace Pilgrim: Die Friedenspilgerin, Yoga,
Vidya Verlag, Horn-Bad Meinberg, 2014
«Eine Pilgerreise ist eine andächtige Reise des Gebets und des guten Beispiels. Meine Reise ist in erster Linie ein Gebet um Frieden. Wenn man sein Leben dem Gebet widmet, intensiviert man das Gebet in höchstem Masse.»
Peace Pilgrim über ihre Pilgerreise 1953–1981

Mildred Norman Ryder (1908–1981), genannt Peace Pilgrim, die Friedenspilgerin, wanderte weit über 40.000 km quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie gab so ihre Botschaft vom Frieden weiter: Das ist der Weg des Friedens: Überwinde Böses mit Gutem, Falschheit mit Wahrheit und Hass mit Liebe.

Die Friedenspilgerin besass nur die Kleidung, die sie trug. In ihren Taschen nur eine Zahnbürste und ein Kamm. Sie nahm kein Geld an und versprach: Ich will ein Wanderer bleiben bis die Menschheit den Weg des Friedens gelernt hat. Ich will wandern bis mir Obdach gewährt wird und fasten bis mir zu essen gegeben wird.

Peace Pilgrim sprach mit Leuten auf staubigen Landstraßen und in den Straßen der Städte. Sie sprach in Kirchen, in Schulen und in Bürgervereinen, im Fernsehen und im Radio über den inneren und äusseren Frieden. Ihre Pilgerreise umfasste das gesamte Friedensspektrum: Frieden zwischen den Nationen, einzelnen Gruppen und Individuen, und den äusserst wichtigen inneren Frieden, da dort nämlich der Frieden beginnt. Die Friedenspilgerin glaubte, dass der Weltfriede dann kommen kann, wenn genügend Menschen inneren Frieden erreicht haben. Ihr Leben und ihre Arbeit zeigen, dass eine Person, die inneren Frieden hat, einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden leisten kann.
(Klappentext)

6. März 2021

Unsere Kirche

Diverse Autoren: Unsere Kirche, Kirchgemeinde
Jenaz/Buchen, 2013
Das Buch will mitnehmen zur Kirche unseres Dorfes, zu unserer Kirche. Es erzählt «die Geschichte vom Jenazer Gotteshaus» ebenso wie persönliche «Geschichten» verschiedener Gemeindemitglieder. Berichtet wird von der geheimnisvollen «Begegnung mit einer Unbekannten», die hier zu Hause ist. Und weil die Predigt zu den Hauptgeschehnissen in diesem Raum gehört, darf auch hier eine solche nicht fehlen: Besinnung über «eine Liebeserklärung». Bilder vom früheren Äusseren der Kirche oder von leicht zu übersehenen Details ihres heutigen Erscheinungsbildes runden das Buch ab, das anlässlich der bevorstehenden Renovation erscheint. (Klappentext)

17. Februar 2021

Walden

Henry David Thoreau: Walden, Könemann,
Köln, 1999
Das berühmteste Werk des amerikanischen Dichters Henry David Thoreau (1817–62) basiert auf Tagebuchnotizen zu einem zweieinhalbjährigen Aufenthalt des Autors in einem selbstgezimmerten Holzhaus am Ufer des Waldensees, unweit seines Heimatortes Concord, Massachusetts. Dorthin hatte er sich zwischen 1845 und 1847 zurückgezogen, um ein Experiment ganz eigener Art durchzuführen: Er beschränkte sich auf die einfachsten und elementarsten Bedürfnisse und tat nur das Notwendigste zu deren Befriedigung, nicht um sich als Lebenskünstler ein bequemes Leben zu verschaffen, sondern um in Schlichtheit und vor allem «Musse zum wirklichen Leben» sich der Entfaltung seiner Spiritualität und Moralität zu widmen. Damit wollte er ein Zeichen setzen gegen die Technikeuphorie seiner Zeit und den grenzenlosen Optimismus seiner Landsleute, die sich auf einem Weg in eine neue Zivilisation jenseits der kühnsten Menschheitsträume sahen. Thoreau glaubte an das Recht des einzelnen zu freier, unkonventioneller Entscheidung, allein an den Normen der Natur orientiert. Dabei verfiel er weder in völlige Naturschwärmerei noch in einen radikalen Individualismus. Es ging ihm dabei auch weniger um Gesellschaftskritik als um das Individuum, das er aus den Zwängen seines oft selbstgewählten sklavischen Charakters befreien wollte. In «Walden» hat Thoreau die Erlebnisse dieser zweieinhalb Jahre in der Zeit eines Jahreskreislaufs zusammengefasst; kein Tatsachenbericht über ein Eremitendasein, sondern ein Mythos von der Fähigkeit des Menschen zu Selbstverwirklichung. (Klappentext)

9. Januar 2021

Das kleine Buch vom Feng Shui

Chao-Hsiu Chen: Das kleine Buch vom Feng Shui,
Wilhelm Heyne Verlag, München, 1999
Dieses Büchlein möchte Ihnen das Feng-Shui-Wissen nahebringen, das seit mehr als zweitausend Jahren in Asien als Lehre von der natürlichen Harmonie aller Dinge das tägliche Leben beeinflusst Feng Shui dient der individuellen Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität und lehrt, Einflüsse aus der Umwelt zu erkennen und damit in rechter Weise umzugehen – für ein besseres, gesünderes und erfolgreicheres Leben. 

Sie können die folgenden Seiten von vorne bis hinten studieren. Sie können das Buch aber auch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und das Gesagte auf sich wirken lassen – in beiden Fällen wird es ein Gewinn für Sie sein. (Vorwort)

16. Juli 2020

Niederdorfgeschichten

Guido J. Kolb: Niederdorfgeschichten,
NZN Buchverlag, Zürich, 1976
«Begegnungen mit Sonderlingen, Käuzen und anderen netten Menschen möchte ich diese kleinen Momentaufnahmen aus dem Zürcher Niederdorf bezeichnen. Ich erzähle Erlebnisse, Begebenheiten, Situationen aus dem gewöhnlichen, alltäglichen, unauffälligen und doch so spannenden, pulsierenden und gerade darum faszinierenden Leben. Die Geschichten sind also ‹wahr›, wie das Leben selbst in seiner Vielfältigkeit wahr ist. Aus zwei schlichten Überlegungen habe ich diese ‹Niederdorfgeschichten› geschrieben:

Ich plaudere einerseits von Menschen und Ereignissen, die in den Augen der grossen Welt unwichtig scheinen, die aber trotzdem so liebenswert und fröhlich sind. Ich wünschte mir, dass sie im Lichte ‹der Frohen Botschaft›» aufleuchten. Anderseits wollen die Geschichten dartun, wie beglückend die Seelsorge eines Priesters sein kann. Man läuft Gefahr, dass man ob allen Fragen und Sorgen, ob allem Leid und Elend – und es gibt dies alles wirklich – mutlos, griesgrämig resigniert. Aber wir haben keinen Grund, kopfhängerisch in die Welt zu schauen, da wir auf Schritt und Tritt doch so viel Erfreulichem begegnen. Vielleicht müssten wir uns mehr darin üben, die Augen offen zu halten für die unscheinbaren, verborgenen und stillen Werte; freundliche, sonderliche, liebenswürdig abgefeimte, schlaue und hintertriebene Originale und sonstwie nette Menschen warten darauf, dass wir sie entdecken.

Es ist eine Freude, sich mit Menschen zu beschäftigen. Jeder ist seine eigene – kleine oder grosse, unbedeutende oder schillernde – Welt. Doch jeder hat ein Tor, durch das wir·in sein Inneres eintreten dürfen. Wir erleben dann jedesmal eine neue, geheimnisvolle, sonnige oder nebelgraue Welt. Von diesen unbedeutenden Entdeckungsreisen möchten die Geschichten erzählen.

Und dann das liebe «Niederdorf›! Ich freue mich, es von einer ganz andern Seite schildern zu können. Viele Zürcher ahnen kaum, was in den belebten Strassen, in den schmucken, verträumten Gässchen, in den alten Häusern und oben in den Mansarden, hinter den öden Fassaden und in den ungezählten Wirtschaften an Lichtvollem und Dunklem geschieht. Darf ich wohl meine ‹Niederdorfgeschichten› als eine verschämte Liebeserklärung an die Zürcher Altstadt verstehen?
(Vorwort des Autors)

ZH: Niederdorf Zürich

Guido Johann Kolb (27.3.1928–2.1.2007) stammt aus dem St. Galler Rheintal. Er war Industriekaufmann und studierte als Spätberufener Theologie in Innsbruck und Chur. 1960 wurde er Vikar an der Zürcher Liebfrauenkirche, wo er die seelsorgerliche Betreuung des Niederdorfs innehatte. Seine erste Pfarrstelle übernahm er 1966 im Zürcher Arbeiterquartier Schwamendingen in der Pfarrei St. Gallus, wo er der Nachfolger von Franz Höfliger wurde, dem er in seinem Werk Franz Höfliger der Bettelprälat 1988 postum ein Denkmal setzte. Danach war Guido Kolb von 1972 bis 1992 Pfarrer von St. Peter und Paul, der katholischen Mutterkirche von Zürich in Aussersihl. Er war von 1969 bis 1974 Dekan von Zürich, ab 1976 Domherr des Bistums Chur. 1993 wurde er altershalber in die kleine Pfarrei St. Martin im vornehmen Flunternquartier am Zürichberg versetzt, fühlte sich dort aber nicht heimisch und kehrte 1998 nach einem kurzen Abstecher in Wiedikon als Aushilfspfarrer wieder nach St. Peter und Paul zurück. Dort starb er 2007 im zur Gemeinde gehörenden Altersheim, das er selbst seinerzeit projektiert hatte. Bis zuletzt arbeitete er an seinem letzten Werk zum Jubiläum der römisch-katholischen Gemeinde in Zürich.

Kolb begann mit dem Schreiben an der Liebfrauenkirche, wo er im Pfarrblatt als Seitenfüller kurze Geschichten aus seiner Arbeit im Niederdorfquartier verfasste. Als ihm vorgeschlagen wurde, diese Geschichten zu veröffentlichen, schickte er sie an den Verlag der damaligen katholischen Zeitung Neue Zürcher Nachrichten (NZN). Die Antwort war: «Kein Interesse». Schliesslich war ein Verlag bereit, das Buch zu publizieren, wenn Kolb sich verpflichtete, nach drei Jahren alle unverkauften Bücher zu übernehmen. Kolb verpflichtete sich – und das Buch, die Niederdorfgeschichten, fand reissenden Absatz. Seit seinem Erscheinen 1976 wurden in bisher 13 Auflagen über 50.000 Exemplare verkauft.

Kolb beschreibt in seinen mittlerweile über zwanzig Büchern die Geschichten von einfachen Leuten und Randexistenzen, denen er als Seelsorger begegnet ist. Es sind Alltagsgeschichten aus der praktischen Arbeit des Pfarrers, mit viel Liebe und Humor geschildert.

Im Juni 2007 erschien postum das Buch «Als die Priester noch Hochwürden hiessen». Es schildert die Geschichte der katholischen Gemeinde im reformierten Zürich von 1807 bis 2007.

1. Mai 2020

Richtig leben mit Geri Weibel

Martin Suter: Richtig leben mit Geri
Weibel, Diogenes, Zürich, 2001
Nach dem grossen Erfolg von Martin Suters «Business Class», Geschichten aus der Welt des Managements, nun auch seine Fortsetzungsgeschichten um den «Trendforscher» Geri Weibel erstmals in Buchform. Sie begeistern seit Mai 1997 die Leser des Schweizer NZZ-Folio. Seit ein paar Wochen die interaktive Kultstory!

Es gibt Leute, die werden das Gefühl nicht los, dass sie bei jedem neuen Trend hinterher hinken. Andere dagegen wissen erst gar nicht, was sie lifestylemässig bisher alles falsch gemacht haben. Beides sind optimale Kandidaten für «Richtig leben mit Geri Weibel». Denn Geri hat sich – nachdem er in so ziemlich alle Fettnäpfchen getreten ist – zu einer Art Trendseismograph in Fragen des derzeitigen Lifestyle herangebildet. Von A wie Alkohol, B wie Begrüssungsküsschen, F wie Fitness, K wie Kult, P wie Personality, S wie Szenelokal bis W wie Wohnung oder Weihnachtsrummel – Geri hat sie alle durchbuchstabiert und sich seine Gedanken dazu gemacht. (Klappentext)

9. April 2020

Der Kopfstand auf der Kirchturmspitze

Josef Hochstrasser: Der Kopfstand auf der
Kirchturmspitze, Zytglogge, Bern, 1990
Dieser autobiografische Bericht ist die bewegende Geschichte eines Einzelfalls. Präzis und ohne Selbstmitleid dokumentiert er, wie der Mut zur Liebe zwei Menschen – einen katholischen Priester und eine in kirchlicher Lehrtätigkeit engagierte Frau – gegen ihren Willen in die Konfrontation mit der Hierarchie der Amtskirche bringt.

Josef Hochstrasser zeigt auf, wie diese Hierarchie die Liebenden mit den Mitteln der Bedrohung, des Liebesentzugs, der Strafe, Bespitzelung, Gesprächsverweigerung, schliesslich der Amtsenthebung in die Vereinsamung, in Aussenseitertum, Stigmatisierung und Leiden treibt.

Der Bericht legt aber auch dar, wie die beharrliche Verteidigung der Menschenwürde und des Menschenrechts auf selbstverantwortliche Freiheit allem kirchlichen Terror von oben zum Trotz ins Offene führt.

Und das ist die andere, bestürzende Dimension dieses Buches; sie weist über den Einzelfall weit hinaus: Dieser kirchlichen Hierarchie geht es nicht um Liebe, nicht um Solidarität; weder um Brüderlichkeit noch um Schwesterlichkeit. Es geht ihr, wie eh und je den Pharisäern, nicht um die Menschen, sondern um die abstrakten Prinzipien der allein selig machenden, der oft genug liebes- und leibesfeindlichen Lehre – hier um das seltsame Prinzip des Zölibats. Hochstrassers Zeugnis macht sichtbar, wie brutal die katholisch-kirchliche Hierarchie zuschlägt, wenn mündige Christen und Christinnen ihre eigene Überzeugung leben, verantwortlich ihrer Gewissensinstanz auch dann, wenn sie dadurch in Widerspruch geraten zu Fundamentalismus und Ortho-Doxie, dieser allein rechten Ordnung des Denkens in der Kirche. Auf erschreckende Weise geradezu spannend ist es, hier zu lesen, wie gnadenlos diese Kirche in ihrem Charakter geblieben ist – gnadenlos weit entfernt von jenem zentralen Ruf «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» des Rebellen vom See Genezareth. (
Aus dem Vorwort von Otto F. Walter)

Josef Hochstrasser, geb. 1947 in Luzern. Studium der Philosophie und der Theologie. 1971 Schweizergardist in Rom. 1973 zum römisch-katholischen Priester geweiht. Später wegen Heirat «laisiert». 1985 Entzug der kirchlichen «Missio canonica» durch den Bischof von Basel. Berufsverbot. Hilfsarbeiter. Austritt aus der kath. Kirche. Studium an der evangelisch-reformierten Fakultät der Universität Bern. Seit 1989 reformierter Pfarrer. Ab 1982 Mitarbeiter der Rubrik «Zum neuen Tag» beim Schweizer Radio.

24. März 2020

Ich empöre mich, Herr Bischof!

Irma Büchler: Ich empöre mich, Herr
Bischof, Zytglogge, Bern 1987
Wie Irma Büchler als Konvertitin und als «treue Tochter Roms» die für sie neue uralte Institution erlebt und erlitten hat, schildert sie in packender Art. Beide Landeskirchen und ihre männlichen Vertreter erscheinen dabei in einem ungewohnten Lichte. Als tiefgläubige Katholikin erhoffte sie sich in ihrer Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil die Gleichberechtigung. Doch unter dem jetzigen Papst scheint jede echte Erneuerung unmöglich. Der vorliegende Erfahrungsbericht, der weder theologisch spekulativ noch frömmlerisch ist, zeigt den frustrierenden Weg einer jungen Frau durch die Institution Kirche und lässt erkennen, warum sie letztlich den Enthusiasmus und die Freude am persönlichen Einsatz für diese Gemeinschaft einbüsste. Die Lektüre ist eine Ermunterung für all jene Frauen, die aufgrund ähnlicher Erfahrungen mutlos aus dieser Kirche weggeschlichen sind. Die ehemals kirchentreue Gläubige hat sich zur unbequemen Rebellin gewandelt, die in ihrer Glaubensüberzeugung NEBEN der Kirche verharrt und durch ihre Haltung klare Zeichen setzt. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Buch ist 1987 erschienen, gelesen habe ich es erst 2020. Und was hat sich in all den 33 Jahren in dieser «allein seelig machenden Kirche» in Sachen Frauen getan? Nichts! Der Papst gibt sich immer noch als unfehlbar, der Klerus versteckt sich weiterhin hinter seinem patriarchalen Gehabe. Die Kirchenaustritte nehmen laufend zu, ebenso die seit den 1980er-Jahren endlich in die Öffentlichkeit getragenen sexuellen Übergriffe eben dieses Klerus' gegenüber Kindern und Jugendlichen. Als Aussenstehender hoffe ich, dass das Treiben dieser weltweit tätigen Institution endlich ein vernünftiges Mass annimmt, insbesondere, was die Menschlichkeit und die konsequente Gleichberechtigung der Frau anbetrifft. Eine Päpstin ist längst überfällig!

Irma Büchler, geb. 1943 in Luzern, Handelsdiplom, längere Sprachaufenthalte im Ausland, Schule für Sozialarbeit. Mehrere Jahre im Sozialdienst für Patienten an Spitälern. Einige Zeit als Katechetin an der Oberstufe und als engagierte Frau in der Pfarrei tätig. Später war sie als selbständige Unternehmerin in der Immobilienverwaltung.

1. März 2020

Die Kunst des klugen Handelns

Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns,
Hanser, München, 2012
Unzählige Leser begeistern sich für Rolf Dobellis gescheite Texte über unsere häufigsten Denkfehler. Doch wer Dobellis Ratschläge zum klaren Denken beherzigt, ist noch lange nicht aus dem Schneider, denn auf dem Weg vom Denken zum Handeln lauern weitere Fallstricke. Glücklicherweise kann man die umgehen – wenn man weiss, wie. Genau das verrät «Die Kunst des klugen Handelns»: In 52 Kapiteln zeigt Dobelli, warum es sich lohnt, Türen zu schliessen und auf Optionen zu verzichten, warum Informationsüberfluss zu unklugem Handeln anstiftet, warum Geld stets in emotionale Kleider gehüllt ist und wir es darum oft unbedacht ausgeben. Rolf Dobelli gibt Ihnen das nötige Rüstzeug: Schlagen Sie nicht jeden Irrweg ein, nur weil andere ihn gehen. Lernen Sie aus den Fehlern, die andere freundlicherweise für Sie machen. Denken Sie klar und handeln Sie klug! (Klappentext)

15. Februar 2020

Grenzbegehung mit Frau Haller

Gret Haller: Grenzbegung, Zytglogge, Bern,
1983
«Und da ist plötzlich die Idee, mich von einem Ort zum andern, der Schweizergrenze entlang, zu bewegen. Die Schweiz umfahren? Aussenherum?» Ferien einmal anders, nach Gret Hallers Art: Sich bewegen, eine Struktur durchbrechen, haltmachen, nahe der Grenze oder weiter entfernt.

Die Autorin umkreist die Schweiz, im Wissen und in der Sorge, dass das Gleichgewicht zwischen Bewegung und Struktur verlorengegangen ist. Die Strukturen haben sich verselbständigt und bieten keinen Halt mehr für das Bewegte. Die Grenzen sind gezogen, das Prinzip der Patriarchen hat abgegrenzt, abgespaltet, aufgeteilt und eingeteilt. Gret Haller wäre nicht die engagierte Politikerin, resignierte sie vor diesem «P-Prinzip» und machte sie dagegen nicht Kräfte frei. (Klappentext)

Moors Fazit: Ich habe das Buch (vor Jahren) gelesen. Mehr nicht.

27. Dezember 2019

Natur

Ralph Waldo Emerson: Natur, Diogenes,
Zürich, 1982
Die 1836 erschienenen Überlegungen sind, neben den Schriften von Emersons Schüler Henry David Thoreau, bis heute der bedeutendste amerikanische Beitrag über das Verhältnis des Menschen zur Natur. Fast alle Emersons waren Prediger, und so wurde Ralph Waldo Emerson, geboren am 25.5.1803 in Boston, auch einer. Doch der Tod seiner jungen Frau Ellen Louisa Tucker und eine gleichzeitige Lebenskrise liessen in ihm die Erkenntnis reifen: «Wer ein Mensch sein will, der muss Nonkonformist sein.» 1834 liess er sich im Städtchen Concord nieder und schrieb dort, inspiriert durch einsame Waldspaziergänge, seine Essays nieder, die ihn zu einem der bekanntesten Naturphilosophen Amerikas machten. Er starb 1882 in Concord, das durch ihn zu einem geistigen Zentrum der USA geworden war. (Klappentext)

26. Dezember 2019

Altern wie ein Gentleman

Sven Kuntze: Altern wie ein Gentleman,
btb, München, 2012
Alt sein kann vieles bedeuten, und was da genau auf einen zukommt, weiss niemand im Voraus. Sicher ist nur: Alt werden wir alle. Und viele von uns fürchten sich davor. Mit dem Eintritt in den Ruhestand begann für den renommierten Journalisten und Fernsehmoderator Sven Kuntze ein neuer Lebensabschnitt. Geistreich und mit feiner Ironie erzählt er von seinen Plänen für die Zeit nach der Karriere – und wie er sie allesamt über den Haufen warf. Mit Humor schildert er die neue Lebensphase, die für ihn vor allem eins bedeutet: einen spannenden wie erfüllenden Neuanfang. Ein Erfahrungsbericht von einem, der auszog, um in Würde zu altern – mit Stil und Achtsamkeit, mit Gelassenheit und Tatendrang, eben wie ein Gentleman. (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Die Lektüre hat mich nicht vom Hocker gehauen. Mag sein, dass ich noch zu jung bin oder das Wandern mir derartige Gedankenspiele grösstenteils abnimmt. Böse Zungen mögen nun behaupten, dass wer nie ein Gentleman war, auch nicht wie ein Gentleman wird altern können. Gentleman hin oder her, ich werde es so oder so als gentle wanderer versuchen.

24. Dezember 2019

777 bodenlose Gedanken

Rolf Dobelli: Turbulenzen, Diogenes,
Zürich, 2007
Tatort: ein Mann in einem Flugzeug auf dem Weg über den Atlantik. Bevor der alte Kontinent ihn wiederhat, Nachdenken über sich, über Gott und die Welt. Überraschendes, Hintergründiges, Absurdes, Alltägliches, Gedankenblitze – Formulierungen, die sich wie Haken festsetzen und zum Weiterdenken und -dichten anregen. (Klappentext)

Moors Fazit: Dobellis Gedankengänge sind genial.

29. November 2019

Liebe in Deutschland

Doris Dörrie: Love in Germany, Diogenes,
Zürich, 1992, (vergriffen)
Liebe, mehr Liebe, noch mehr Liebe! Doris Dörrie geht das Thema dokumentarisch an. Dreizehn Fotos und dreizehn Gespräche über heisse Themen wie Eifersucht, Vertrauen, Fremdgehen, Partnersuche, Nähe, Freiräume glück, Wut, Illusionen und Phantasien … ein Buch zum Lachen und zum Weinen, aber auch ein Buch, in dem man sich wiedererkennen kann. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Beruhigende an dieser Lektüre ist, dass es anderen Menschen ebenso geht, wie einem selbst. Was heisst anderen Menschen? Allen Menschen! (Vermutlich.)

24. November 2019

Das Café am Rande der Welt

John Strelecky: Das Café am Rande der Welt,
dtv, München, 2007
Ein kleines Café mitten im Nirgendwo wird zum Wendepunkt im Leben von John, einem Werbemanager, der stets in Eile ist. Eigentlich will er nur kurz Rast machen, doch dann entdeckt er auf der Speisekarte neben dem Menü des Tages drei Fragen:

– Warum bist du hier?
– Hast du Angst vor dem Tod?
– Führst du ein erfülltes Leben?

Wie seltsam – doch einmal neugierig geworden, will John mithilfe des Kochs, der Bedienung Casey und eines Gastes dieses Geheimnis ergründen.

Moors Fazit: Endlich ein Buch, das sich auf eine spielerische Art mit der Sinnfrage des persönlichen Lebens auseinandersetzt. Kein philosophisch trockenes Gebrabble, keine hochkomplizierten Sätze, kein psychologisches Herumgetue sondern eine einfach verständliche, handfeste und wirkungsvolle Lektüre.

12. November 2019

Der Ketzer ist da

Gerhart Hauptmann: Der Ketzer von Soana,
Edition Wanderwerk, Burgistein, 2019,
154 Seiten, Broschur.
Etwas Werbung in eigener Sache: «Der Ketzer von Soana» ist heute aus der Druckerei eingetroffen. Gerhart Hauptmann erzählt uns in seinem Werk von den Tücken eines Priesters, der sich in eine junge Frau verliebt und was der gute alte Eros mit dem Gottesmann alles anstellt. Ort des Geschehens ist Rovio (Soana) am Fusse des Monte Generoso im schönen Tessin. Das Buch kann ab sofort auf der Website meines Verlages bestellt werden.

Die Erzählung wird ergänzt mit einer Kurzbiografie Gerhart Hauptmanns, zahlreichen Anmerkungen, vier Fotos sowie mit zwei Wandervorschlägen zu den Schauplätzen zwischen Luganersee und Monte Generoso.

7. Oktober 2019

Unter Engeln und Wasserdieben

Stefan Tomik: Unter Engeln und Wasser-
dieben, DuMont, Ostfildern, 2015
Der Weg durch die Negev-Wüste zehrt an den Kräften. Dort hat Stefan Tomik vor seiner Wanderung Wasserdepots angelegt. Aber die Sorge, dass sie geplündert werden, reist immer mit. In «Unter Engeln und Wasserdieben» nimmt der Autor den Leser mit auf den atemberaubenden Israel National Trail, den er sich für ein Sabbatical vorgenommen hat. Die Route führt ihn über Klippen und Grate, durch Canyons und Krater. Stefan Tomik trifft auf einen Mitwanderer, der eine Pistole trägt und ihn vor Beduinen warnt. Er hilft bei der Feldarbeit in einem Kibbuz, in dem alle dauernd schweigen. Er wohnt bei Hippies in einem Ashram, der mitten im Militärübungsplatz liegt, und bei Ingenieuren, die in der Wüste Solarzellen montieren und unbedingt deutsche Schimpfwörter lernen wollen. Am Ende der Wüstenetappe kommt es tatsächlich zu einer Begegnung mit den Wasserdieben. Immer wieder nehmen Trail Angels Stefan Tomik bei sich auf. So erfährt er, warum ein Rabbi einen Kuhstall mit Videokameras überwacht, und warum in einem Kibbuz Schweine gezüchtet werden dürfen, obwohl das im Heiligen Land streng verboten ist. Zehn Wochen lang ist Stefan Tomik zu Fuss auf dem tausend Kilometer langen Israel National Trail unterwegs, von Eilat im Süden bis zum Kibbuz Dan kurz vor der libanesischen Grenze. Seine Reisereportage öffnet den Blick auf ein kaum bekanntes Israel jenseits der Schlagzeilen. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Beste, was ich bislang über den «Shvil», den Israel National Trail, und Israel überhaupt, gelesen habe. Tomik ist nicht nur Journalist, er ist auch Agnostiker, was ihm den unvoreingenommenen Zugang zur kulturellen, religiösen und ethnischen Vielfalt dieses sonderbaren Landes ermöglicht. Ich wünsche mir mehr Tomiks, die auf eine derart gekonnte und ausgewogene Weise über ihre Wanderreisen berichten.

8. September 2019

Der kauzige Künzle und die Kinder

Beat Frei: Wangs und sein Kräuterpfarrer,
Katholische Kirchgemeinde, Wangs,
2007
Gegenüber des Rathauses der Gemeinde Wartau im Ortsteil Azmoos war es, als ich mir neulich aus dem öffentlichen Bücherschrank eine in Leinen gebundene Ausgabe von Beat Freis «Wangs und sein Kräuterpfarrer» hervorzupfte. Das Buch erschien 2007 anlässlich des 150. Geburtstages von Johann Künzle, besser bekannt unter dem Namen Kräuterpfarrer Künzle. Ich las das Büchlein mit viel Amüsement, nicht zuletzt deshalb, weil dieser Künzle ein durch und durch kauziger, mitunter aber auch geschäftstüchtiger Zeitgenosse war, dessen Werk bis in die heutigen Tage Bestand hat. Als Müsterchen ein paar Worte über seinen Umgang mit den Kindern:

«Die Gofen führen, wie im ganzen Oberland, so ziemlich überall das Regiment in der Familie», schrieb Pfarrer Künzle in seinem «Pfarrbericht von Wangs» von 1914. Die Kinder gälten hier als «sakrosankt und unverletzlich», seien «ruch, ohne Spitzli und Girlanden». Aber es gelang dem Pfarrer schon bald, die Kinder zu bändigen. Der Geist sei «ein viel besserer, milderer und christlicherer geworden», heisst es im nächsten Pfarrbericht von 1918. Wenn er auf der Strasse spielenden Kindern begegnete, so erinnerte sich später ein Einwohner, habe der Pfarrer jeweils schon von weitem «Bibi, Bibi» gerufen. «Dann eilten die Kinder wie eine Schar Hühner zum Pfarrer, streckten ihm die Hände entgegen und grüssten laut und deutlich mit ‹Gelobt sei Jesus Christus›.»