27. Mai 2022

Abschied von Sidonie

Erich Hackl: Abschied von Sidonie,
Diogenes, Zürich, 1991
Diese fiktionale wahre Geschichte, die in den 1930er Jahren in Österreich spielt, betrifft ein verlassenes Baby, das die Behörden wegen seiner Färbung als Zigeuner betrachten. Sidonie Adlersburg wird von einem Paar aufgenommen, das sie bis 1943 liebevoll als ihr eigenes aufzieht, als sie im Alter von 10 Jahren gewaltsam von ihnen getrennt, zu ihrer leiblichen Mutter zurückgekehrt und in ein Konzentrationslager gebracht wird, wo sie stirbt. In einem nachdenklichen letzten Kapitel stellt der Autor fest, dass jeder – von Sidonies Schulleiter über ihre Sozialarbeiterin bis hin zum Bürgermeister des Dorfes – ihren Tod durch ein paar einfache Worte hätte verhindern können, die keinen lauten Alarm ausgelöst hätten. Stattdessen starb ein kleines Mädchen vor ihrer Zeit. Eine kurze, aber bewegende Mischung aus Fakten und Fiktion.

A: Steyr und Umgebung, Hopfengarten

24. Mai 2022

Das Baby-Bambi von Grolley

Ich war gerade zwanzig Minuten unterwegs, als vor mir im Wald südlich von Grolley (FR) ein Tier in der Grösse eines Hasen über den Pfad hoppelte. Auf der Höhe des gesichteten Lebewesens angelangt, schaute ich aus lauter Gewohnheit in jene Richtung, in der es verschwand. Und siehe da: Im halbhohen Bodenbewuchs lag ein Rehkitz und schaute mit herzerweichendem Blick zu mir hoch.

Ich schoss ein paar Fotos und widerstand der Versuchung, das schnuckelige Baby zu streicheln. Wie ich mich auf die Fortsetzung meiner Wanderung machte, hörte ich hinter mir das unverkennbare Bellen eines Rehs. In der Hoffnung, dass es sich um die Mutter handelte, die ihr Junges bald finden würde, durchquerte ich anschliessend entlegene Dörfer und wunderbare Wälder, ehe ich in Payerne wieder in die Bahn stieg und nach Hause fuhr.

Nebst meiner unverhofften Begegnung, bildete der historische Turm von Montagny-les-Monts das zweite – mitunter bewusst angepeilte – Glanzlicht des Tages. Vom ehemaligen Wohnturm des Schlosses hatte ich eine prächtige Aussicht in eine Umgebung, die es weiter zu entdecken gilt.

22. Mai 2022

Weiter im Wald

Was tun, wenn du das Wochenende wandernd mit Zelt verbringen möchtest, in den Voralpen stellenweise noch zu viel Schnee liegt und dort am Abend Gewitter angesagt sind? – Ab in den mittelländischen Wald! Ab nach Donatyre, dem letzten Etappenort meines Projektes, die Schweiz wenn immer möglich im Wald zu durchqueren.
Weil sich der Wald derzeit in der üppigsten Frühlingspracht zeigt, ist mir der Entscheid leicht gefallen, das postwinterliche Bergland gegen die sanfte Hügelwelt des waadtländisch-freiburgischen Hinterlandes zu tauschen. Von besagtem Donatyre lenke ich also meine Schritte in den nächsten Wald, wo ich unvermittelt in eine Art grüne Hölle eintauche und auf überwachsenem Pfad hinab an einen Bach stakse, den es steglos zu überqueren gilt.

Musste ich vor einer Viertelstunde entgegenrasenden Autos ausweichen, suche ich nun an der mit Brennnesseln übersäten Uferböschung einen Durchgang zum Wasser. Ein Hauch von Dschungelfeeling macht sich breit. Schliesslich finde ich eine flachere Uferpartie mit überspringbarem Bachbett. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Vegetation weniger dicht, so dass ich mir einen etwas besseren Überblick verschaffen kann. Dabei entdecke ich zahlreiche von Bibern gefällte Bäume. Dreihundert Meter flussabwärts staut sich das Wasser an einem Biberdamm. In welch wunderbare Wildnis bin ich hier innert Kürze geraten!

Biberburg auf der Grenze der Kantone Waadt und Freiburg.

In ähnlicher Weise geht die Waldreise nun in nordöstlicher Richtung weiter: Dichtes Grün und mitunter üppig bewachsene Pfade, die nicht immer leicht auszumachen sind. Zu meiner Überraschung stosse ich gegen 18.30 Uhr am Waldrand etwas oberhalb von Münchenwiler auf einen Rastplatz mit munter plätscherndem Brunnen. Spontan deklariere ich diesen Ort mit Blick auf den Murtensee und dem dahinter gelegenen Jura zum Etappenziel. Bevor ich mir im Wald einen geeigneten Biwakplatz suche, koche ich mir ein Süppchen und hole die Flüssigkeitszufuhr nach.

Ungewohnte Wegverhältnisse im Wald südlich von Villarepos (FR).

Die ruhige Nacht verbringe ich mitten auf der Kantonsgrenze BE/FR direkt neben einem historischen Grenzstein, der ein farbiges Berner Wappen und die Jahreszahl 1754 zeigt. Anderntags ziehe ich weiter durch die bernische Exklave Münchenwiler, stolziere durch den öffentlich zugänglichen Schlosspark, ehe ich mich bei wiederum (zu) warmen Temperaturen von Waldstück zu Waldstück hangle, bis ich schliesslich im Staatswald Galm verschwinde, der noch ein wenig kühle Morgenfrische absondert.

Auf der Kantonsgrenze BE/FR mit dem Grenzstein von 1754.

Kurz vor Wallenbuch betrete ich wiederum bernischen Boden, um hernach mit Wallenbuch eine freiburgische Exklave zu durchqueren. Die komplizierten geopolitischen Verhältnisse der bisherigen Etappen dieser Waldroute nehmen am Tagesziel Gümmenen dann endlich eine Wendung zum Einfachen: Die nun anstehenden Abschnitte werden einzig und alleine durch den Kanton Bern führen. Von den geplanten 405,2 Kilometern habe ich inzwischen deren 101,3 zurückgelegt. Eine Punktlandung in Sachen Bruchrechnen!

19. Mai 2022

Korea

Simon Winchester: Korea, btb, München,
2006
Wie reist man durch ein so fremdes Land wie Südkorea? Simon Winchester möchte das «echte» Südkorea erleben, also entschliesst er sich, zwei Monate lang zu Fuss das «Land der Wunder» zu durchqueren. Auf seiner Reise trifft Winchester amerikanische Soldaten und irische Mönche, koreanische Amazonen und auf Flitterwochen spezialisierte Hotelbesitzer, er bekommt es mit professionellen Heiratsvermittlern, deftigen Hundegerichten und konfuzianischen Lebensritualen zu tun. Winchester lernt dieses Land lieben – gerne hätte er einfach nur von der Schönheit Koreas geschrieben. Doch ist gerade die Zeit seiner Reise, das Jahr 1987, «die bewegteste, faszinierendste und historisch vielleicht bedeutsamste Zeit in der Geschichte des modernen Korea». Es ist die Zeit, als das politische System Koreas in Bewegung gerät. Und so wird Winchesters Marsch auch zu einer hautnahen Begegnung mit den politischen Konflikten des Landes: Er berichtet von den massiven Unruhen und politischen Protesten, die durch das autoritäre Regime ausgelöst werden und zur allmählichen Einführung demokratischerer Strukturen beitragen. (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Ein durch und durch aufschlussreicher Reisebericht, der sich in erster Linie – und das ist gut so – mit dem Land Korea und vieler seiner oft unglaublichen Facetten befasst, und der Fussmarsch erzählerisch lediglich als «Vehikel» und roter Faden dient. Wer mehr über ein Land erfahren möchte, von dem wir hier im Westen nur wenig wissen, hole sich den Winchester und tauche ein in diese unsinnigerweise geteilte Halbinsel Asiens.

14. Mai 2022

Die Spirale – Etappe 14

In Grün die bereits zurückgelegte Strecke von 235 km

Die Vorfreude auf diese 14. Etappe der Wanderspirale war gross und berechtigt dazu. Heute stand nämlich der 2. Einsatz meines Packrafts an, stellte sich mir doch der Wohlensee in die Quere. Von Frauenkappelen, wo mich ein absolut traumhafter Frühsommertag erwartete, stieg ich ab in den Mikrokosmos Wohlensee. Surrte am Frauenkappeler Ortsrand noch ein Baukran, sang und pfiff und quakte es am wellenlosen See ohne Ende. Genau so hatte ich mir diesen gewünscht. Und weil ich unter der Woche zu Gange war, kurvten auch keine nervigen Motorboote auf dem Gewässer herum. Abgesehen von zwei Sportruderern hatte ich also den Wohlensee für mich, zumindest für die gut 300 Meter lange Strecke vom Süd- ans Nordufer.

Zugegeben, für die zehn Minuten, die ich auf dem Wasser war, benötigte ich insgesamt 50 Minuten Vor- und Nachbereitung. Mit anderen Worten, auf diesem Abschnitt war ich mit 0,3 km/h unterwegs, was für einen Fussgänger wie mich rekordverdächtig langsam ist. Positiv formuliert: Entschleunigung in Reinkultur! In der Folge erhöhte ich das Tempo um das rund 20-fache, stieg auf das Plateau am Fusse des Frienisbergs hoch, wo mir das ländlich-schmucke Möriswil besonders ins Auge stach. Das kleine Dorf scheint noch weitgehend unberührt vom unermüdlich grassierenden Einfamilienhäuschenboom, statt dessen brilliert es mit überdurchschnittlich grossen Bauernhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Auf dem Wohlensee, der aufgestauten Aare im Westen Berns.
Das Kraftwerk ging übrigens am 23. August 1920 in Betrieb.

Auf dem Weg nach Meikirch begleitete mich das schneebedeckte Alpenpanorama. Eigentlich hätte ich mich im Schatten eines Baumes hinsetzen müssen, um den Rest des Tages in die fernen Berge zu blinzeln. Doch mein Ziel war noch weit, und so begnügte ich mich mit dem Trost, dass ich mir den meditativen Blick auch im Alter noch zu Gemüte führen kann, wenn 0,3 km/h meine Grundgeschwindigkeit sein wird.

Ehe ich nach Schönbrunnen, dem angepeilten Etappenort, gelangte, durchstreifte ich herrliche Buchenwälder. Auch hier genoss ich die Einsamkeit und das Jubilieren der Vögel, die derzeit alle Schnäbel voll zu tun haben. Ein ziemlicher Kontrast bildeten die letzten zwei Kilometer im Tal des Lyssbachs, wo alle paar Minuten ein Zug der Strecke Zollikofen–Biel vorbeirauschte und sich einen halben Kilometer weiter nördlich die Autobahn permanent bemerkbar machte. Einen Hauch von Wildwest gab es in Schönbrunnen, wo mitten in der Ebene das abgehalftert wirkende Hotel Schönbrunnen steht. Für mich war sofort klar, dass das Etablissement seit längerer Zeit keine Gäste mehr beherbergte. Doch dann sah ich hinter einem Fenster einen älteren Herrn sitzen. Ich ging ums halbe Haus herum, um herauszufinden, ob ich mich bloss von der falschen Seite genähert hatte. Die Gebäudefassade konnte mich indes nicht vom Gegenteil überzeugen.

Abbröckelnde Fassaden, zerbröselnder Sandstein: Das Hotel Schönbrunnen bei Münchenbuchsee hat den Charme des alten Hauses von Rocky Docky.
Wieder zu Hause googelte ich. Und tatsächlich: Das Hotel Schönbrunnen lebt! Im vergangenen Jahr sollen, laut Website, Renovationsarbeiten stattgefunden haben. Das von aussen betrachtete, baufällig wirkende und dazu noch denkmalgeschützte Gebäude geizt auch nicht mit «Auszeichnungen». Und es wirbt zudem mit dem «weltweit einzigen sprechenden Schneewittchenmärchen-Spiegel in fünf Sprachen». Schön auch der Passus in der Hausordnung, dass weder Junggesellen/Junggesellenabschiede oder ähnliche Feiern erlaubt sind.

Ich werde garantiert wieder hierher kommen. Nicht zum Übernachten, versteht sich.

8. Mai 2022

Die Geschichte von Herrn Sommer

Patrick Süskind: Die Geschichte von Herrn
Sommer, Diogenes, Zürich, 1994
«Zu der Zeit, als ich noch auf Bäume kletterte, lebte in unserem Dorf, keine zwei Kilometer von unserem Haus entfernt, ein Mann mit Namen ‹Herr Sommer›. Kein Mensch wusste, wie Herr Sommer mit Vornamen hiess, und kein Mensch wusste auch, ob Herr Sommer einem Beruf nachging. Man wusste nur, dass Frau Sommer einen Beruf ausübte, und zwar den Beruf der Puppenmacherin. Obwohl man über die Sommers und insbesondere über Herrn Sommer so gut wie nichts wusste, kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass es im Umkreis von mindestens sechzig Kilometern um den See herum keinen Menschen gab, Mann, Frau oder Kind – ja nicht einmal einen Hund –, der Herrn Sommer nicht gekannt hätte, denn Herr Sommer war ständig unterwegs. Es mochte schneien oder hageln, es mochte stürmen oder wie aus Kübeln giessen, die Sonne mochte brennen, ein Orkan im Anzug sein, Herr Sommer war auf Wanderschaft.»

Herr Sommer läuft stumm, im Tempo eines Gehetzten, mit seinem leeren Rucksack und dem langen, merkwürdigen Spazierstock von Dorf zu Dorf, geistert durch die Landschaft und durch die Tag- und Alpträume eines kleinen Jungen. Erst als der kleine Junge schon nicht mehr auf Bäume klettert, entschwindet der geheimnisvolle Herr Sommer. (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Süddeutschland

Moors Fazit: Eine wunderbar erzählte, mitunter witzig-komische Novelle, die ich mit Hochgenuss gelesen habe. Passend dazu die Aquarellbilder von Sempé. Das Bändchen wird einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek einnehmen.

5. Mai 2022

Der verflixte Guscha

Ach, als freischaffender Turmbesteiger hat man es nicht immer leicht. Das Berner Münster, zum Beispiel, darf alleine nicht mehr bestiegen werden – das Basler Münster offenbar auch nicht, wie mir kürzlich eine Blogleserin mitteilte. Dann gibt es Türme, die es plötzlich nicht mehr gibt, wie der Prime Tower bei Olten. Oder es gibt solche, die genau dann, wenn du deren Besteigung ins Auge gefasst hast, renoviert werden oder aus Sicherheitsgründen gesperrt sind. Und dann, ja dann gibt es noch den Guschaturm über dem bündnerischen St. Luzisteig.

Einen ersten Anlauf, den zur militär-historischen Wehranlage gehörenden Turm zu besteigen, machte ich am 5. Juni 2021. Allein das vor Ort herrschende Wetter liess meinen Plan nicht zu, so dass ich mich mit der Umrundung des Fläscherbergs begnügen musste. Einen zweiten Versuch unternahm ich am 30./31. Oktober 2022. Geplant war eine Wanderung von Steg im liechtensteinischen Saminatal auf den St. Luzisteig mit einer Besteigung des Guschaturms am Ende der Wanderung. Einmal mehr hatte das Wetter etwas dagegen. Obschon ich mich in Steg (FL) auf den Weg machte, musste ich auf dem ersten Pass abdrehen, da mich ein Föhnsturm immer wieder zu Boden drückte.

Am vergangenen Sonntag unternahm ich nun einen dritten, hoffnungsvollen Versuch, diesem Turm auf den Zahn zu fühlen, ihn endlich zu besteigen. Von Balzers stieg ich den schönen Weg zur ehemaligen Walsersiedlung Guscha hoch. Das waren rund zwei Stunden Steilwald vom feinsten. Das auf 1111 m gelegene Guscha präsentierte sich im ruhigen Sonntagsmodus und glänzte mit einer formidablen Aussicht auf den St. Luzisteig, den Fläscherberg und die im Hintergrund gelegenen St. Galler Alpen. So steil der Aufstieg war, umso gemächlicher ging es auf einer breiten Forststrasse bergab, bis ich nach ¾ Stunden plötzlich vor dem runden Guschaturm stand. Ohne Federlesens fand ich den abseits der Strasse gelegenen Eingang. Ein Schild wies darauf hin, dass sich im Turm maximal 50 Personen aufhalten dürfen. Kein Problem, dachte ich, waren doch weit und breit keine Sinnesgenossen auszumachen.

Der Guschaturm wurde während des Krimkrieges von 1853–55 erbaut. Hierbei handelt es sich um eine redimensionierte Kopie des Malakoff-Turmes der Festung in Sewastopol. Dieser erlaubte die Fernaufklärung, und bildete das Ende der Festungsmauer an der rechten Talflanke des St. Luzisteigs. Er wird auch «Hungerturm» genannt, weil das Militär 1871 dort straffällig gewordene Angehörige der internierten Bourbaki-Armee gefangen hielt und – so die Legende – vergessen haben soll. Der Bau dieser Art Wehrtürme, solche gibt es auch im Raum Bellinzona und bei St. Maurice im Wallis, war Teil eines Beschäftigungs-Programmes für die damals hungernde Bevölkerung.


Ich atmete noch einmal tief durch, denn nun sollte der Turm endlich die Moor'sche Jungfräulichkeit verlieren, umfasste den Türknauf und zog daran. Nichts. Also stiess ich gegen die Türe. Nichts. Nun drehte ich den Knauf. Nach links. Nach rechts. Leerlauf. Ich zog und drückte noch einmal. Ohne Erfolg. Die Holztüre tat keinen Wank. Mein Verstand indes, der wankte. Und wankte. Und wankte.
 
Schweren Herzens zog ich von dannen. Noch hegte ich die leise Hoffnung, dass sich auf der rückwärtigen Seite des Turms ein Eingang finden liesse. Die Hoffnung währte genau 25 Sekunden. Ein paar Minuten später trat ich aus dem Wald und blickte noch einmal zurück. Auf dem Turm wehte majestätisch die Schweizerfahne. Und da erkannte ich doch tatsächlich zwei Personen am Fusse des Fahnenmastes. Ich stand kurz davor zu kollabieren. Sollte ich wieder zurück? Konnte es sein, dass ich die Turmtüre zu bloss wenig kraftvoll aufstossen wollte? Oder benötigte man tatsächlich einen Schlüssel, um in dieses verflixte Heiligtum zu gelangen?
 
Noch einmal hochzusteigen und womöglich ein weiteres Mal zu scheitern kam für mich indes nicht infrage. Und so begnügte ich mich mit der Gewissheit, dass ich dem Guschaturm noch einmal meine Aufwartung machen werde. Schliesslich habe ich ja noch eine weitere Rechnung offen: Der Gang vom Saminatal über das Maiensäss Guscha nach Bad Ragaz.

4. Mai 2022

Ein Flecken Erde

Arthur Honegger: Ein Flecken Erde,
Huber, Frauenfeld, 1984
In seinem Roman «Ein Flecken Erde» erzählt Honegger das wechselvolle Schicksal einer Bauernfamilie zwischen den beiden Weltkriegen. Für wenig Geld hat ein Bauer aus dem Bernbiet einen verganteten Hof in der Ostschweiz erworben. Dies ist der Ausgangspunkt einer an Schicksalen reichen Familiengeschichte. Aufstieg und Niedergang, Tradition und neuer Geist bestimmen die hart ausgetragenen Konflikte dieser verzweigten, teilweise in die Stadt abgewanderten Familie. Ein Roman mit dem Honegger erneut zu seiner wesentlichen Thematik zurückgefunden hat. (Klappentext)

BE: Blumenstein, Goldiwil, Herzogenbuchsee, Krattigen ZH: Zürcher Oberland (Pfäffikon, Illnau, Seegräben, Uster) SZ: March, Lachen

1. Mai 2022

Mein Studium ferner Welten

Alex Capus: Mein Studium ferner Welten,
dtv, München, 2003
Im Zentrum dieser raffiniert ineinander verwobenen Geschichten steht Max Mohn, der widerwillig Karriere beim Fernsehen macht. Da ist aber auch seine Ehefrau Ingrid, in die er schon als Dreizehnjähriger verliebt war und die er dennoch verlieren wird; der dauerschlafende Grossvater, der sich aus Trotz und Geiz zu sterben weigert; Johnny Türler, der gescheiterte Abenteurer, der in der väterlichen Konditorei Pralinen verkauft; Kellner René, der im leeren Bahnhofsrestaurant ausharrt und in einem karierten Schulheft ein Archiv menschlichen Leidens führt. Die Bühne ist eine ganz gewöhnliche Kleinstadt, in der jeder Akteur den anderen kennt, in der man sich liebt und hasst und lebenslang nicht voneinander loskommt. Da gibt es zornige Mädchen, fitnesswütige Seniorinnen, Sektierer und Anpasser, Selbstmörder, Schurken und Schwätzer, Schelme, Säufer und landlose Bauern. Alex Capus erzählt von den harmlosen und den schlimmen Querschüssen des Lebens, von den Launen und den Hakenschlägen des Glücks – mit gerechtem Zorn und ebensoviel Witz.