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24. Oktober 2025

Die blaue Linie

Daniel de Roulet: Die blaue Linie,
Limmat, Zürich, 1996
Die blaue Linie auf den Strassen New Yorks markiert den Weg durch die fünf Stadtteile, die die 25.000 Marathonläufer durchqueren, bevor sie nach 26 Meilen beim Central Park das Ziel erreichen.

Max, der im Widerspruch zwischen erfolgreichem Architekten heute und politischem Aktivisten damals lebt, hat sich eine Zeit unter vier Stunden vorgenommen. Während des Rennens wird Vergangenes wieder gegenwärtig – sein Lauf durch die Nacht von K. nach Olten, nachdem der Pavillon auf dem AKW-Gelände gesprengt worden war, eine Frau, die sich ihm während des Laufes unvermittelt in Erinnerung ruft, die Flucht Gustave Courbets in die Schweiz, weil er in der Pariser Commune die Vendôme-Säule umgestürzt haben soll.

In diesem Roman zwischen Fiktion und literarischer Aneignung schildert Daniel de Roulet die Biographie einer Generation. (Klappentext)

AG: Kaiseraugst, Aargauer Jura BL: Baselbieter Jura SO: Solothurner Jura, Olten USA: New York City

Georgio Bellini, der gewalttätige Politaktivist, als logische Inspiration für den Schriftsteller de Roulet
Am 18. Februar 1979, kurz nach der Ablehnung der Atomschutzinitiative, zerstörte der aus Bellinzona stammende Giorgio Bellini (1945–2024) eigenen Angaben zufolge zusammen mit anderen Aktivisten mit einem Sprengstoffanschlag den Informationspavillon des geplanten Kernkraftwerks Kaiseraugst. Zwischen 1974 und 1984 beging er ebenfalls eigenen Angaben zufolge mit Komplizen der Gruppierung «Do it yourself» über 40 weitere Anschläge u.a. auf die Kernkraftwerke Leibstadt und Gösgen, bei denen Sachschaden im Umfang von mehreren Millionen Franken entstand, sowie einen Raubüberfall. Bellini sagte vor seinem Tod, der Anschlag in Kaiseraugst sei weniger wegen der ökologischen Fragestellungen erfolgt, sondern er habe als Marxist gegen Machtkonzentration gekämpft. Die Taten blieben unaufgeklärt. 2021, lange nach der Verjährung der Taten, bekannte Bellini sich gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» zu ihnen.

So wie Bellini machte auch der Autor Daniel de Roulet, selber Architekt und zweifacher Teilnehmer am New York Marathon, eine politisch motivierte Tat nach Ablauf der Verjährungsfrist publik. Im März 2006 erschien sein literarischer Bericht Ein Sonntag in den Bergen*, in dem er sich zum bis zu diesem Zeitpunkt unaufgeklärten Brandanschlag auf das auf dem Gipfelplateau der Rodomonts (1878 m) gelegene Chalet von Axel Springer, oberhalb von Rougemont bei Gstaad, am 5. Januar 1975 bekennt. De Roulet begründet seine Tat damit, dass er damals geglaubt habe, Springer sei ein Nazi gewesen, was damals viele geglaubt haben, z.B. auch der spätere Springer-Biograf Michael Jürgs) Der Tenor der Buchbesprechungen war in der Schweiz mehrheitlich negativ, in Frankreich ausgesprochen positiv, ebenso mehrheitlich in Deutschland. Bemängelt wurde insbesondere die Naivität des jungen de Roulet, der aus «Liebe» ein Chalet anzündete, und dass er sich zuerst über die Verjährung der Tat versicherte, bevor er seinen Bericht veröffentlichte. Allerdings war die Tat schon lange vorher verjährt.

*Das Buch ist aktuell in meinem Antiquariat unter der Rubrik Lebensgeschichten erhältlich.

17. Oktober 2024

26 Kantone 26 Wanderungen – 23 bis 26

Es ist vollbracht! Die letzten vier Wanderungen meines Jahresprojektes sind Geschichte. Hierbei beging ich die Kantone Obwalden, Appenzell Innerrhoden, Uri und Basel-Landschaft. Zum Projekt: Für 2024 habe ich mir vorgenommen, jeden Kanton mindestens ein Mal fussgängerisch zu beehren. Anfang 2025 ist die Herausgabe eines Text-Bildbandes geplant, der die 26 Wanderungen dokumentiert.

Strenge Bergwanderroute in Obwalden: Melchtal – Hohmad – Sachseln

Sanftes Auf und Ab im Innerrhodischen: Jakobsbad – Hannebuebes – Weissbad

Tolle Bergwanderung im Schächental (UR): Unterschächen – Wannelen – Unterschächen

Happige Runde im Waldenburgertal (BL): Waldenburg – Spittel – Oberdorf


 Route km Datum 
AG  Seon – Lütisbuech – Brunegg 15,5  27.1.24
AI   Jakobsbad – Hannebuebes – Weissbad  11,4  10.9.24
AR   Herisau – Ober Waldstatt – Urnäsch 14,3 19.1.24
BE   Riedtwil – Rütschelen – Langenthal 17,0 3.1.24
BL   Waldenburg – Spittel – Oberdorf  15,0  17.10.24
BS   Basel SBB – Claramatte – Basel SBB 14,2  25.5.24
FR   St. Silvester – Chrüzflue – Plasselb 11,4  18.7.24
GE   Chancy – Champlong – La Plaine 14,2  3.2.24
GL   Mühlehorn – Ober Mürtschenalp – Glarus  19,8  26./27.7.24
GR   Preda – Furschela da Tschitta – Tinizong  18,3 11./12.8.24 
JU   Buix – La Tenie – Chevenez 19,2 9.3.24
LU   Gelfingen – Ballwil – Emmenbrücke 26,7 6./7.4.24
NE   Les Sagnettes – St-Sulpice – Les Verrières 14,0 12.01.24
NW   Emmetten – Bärenfallen – Dallenwil 21,0  10./11.5.24
OW   Melchtal – Hohmad – Sachseln  13,2  7.9.24
SG   Seebensäge – Stockberg – Nesslau  12,3 14.7.24 
SH  Siblingerhöhe – Langer Randen – Schaffhausen 16,7 29.3.24
SO  Olten – Rumpelhöchi – Hägendorf 10,4 16.1.24
SZ  Arth-Goldau – Gätterlipass – Gersau  11,0  28.6.24
TG  Diessenhofen – Rodebärg – Eschenz 16,1  5.5.24
TI   Rodi – Dalpe – Faido 12,3  16.4.24
UR   Unterschächen – Wannelen – Äsch – Unterschächen  12,6  20.9.24
VD   Col-de-Bretaye – La Taveyanne – Gryon 15,9  1.6.24
VS   Arbaz – Chandolin – Ardon 17,9 19.2.24
ZG   Sihlbrugg – Edlibach – Oberägeri 13,9 1.1.24
ZH   Zürich HB – Küsnacht – Meilen 16,8 17.2.24

3. Mai 2024

Tessiner Verwicklungen

Sandra Hughes: Tessiner Verwicklungen,
Kampa, Zürich, 2020
Das Tessin gilt als Sonnenstube der Schweiz, aber der italienischsprachige Kanton hat mehr zu bieten als dieberühmten Touristendestinationen Lugano, Locarno und Ascona. Die Basler Polizistin Emma Tschopp erkundet mit ihrem Campingbus lieber die abgelegenen Täler. Zeit dafür hat sie: Dreiundzwanzig Urlaubstage muss sie im laufenden Jahr noch nehmen. Warum also nicht das Mendrisiotto besichtigen, das mit seinen sanften Hügeln an die Toskana erinnert. Meride ist das schönste Dorf im Tal, über dem der Monte San Giorgio thront, UNESCO-Weltkulturerbe und bekannt für seine prähistorischen Fossilien. Noch bekannter ist die dort ansässige Pastamanufaktur Savelli, die nicht weniger als die besten Spaghetti produziert und europaweit exportiert. Das Rezept ist streng geheim. Aber nicht nur das, wie sich bald herausstellt: Als der alte Savelli im Kühlraum der Manufaktur eine Leiche findet, kommen dunkle Familiengeheimnisse ans Licht. Emma Tschopp ermittelt, statt ihren Urlaub zu geniessen. Ihr südländisches Temperament passt dabei so gar nicht zur Nüchternheit des eigentlich zuständigen Commissario Bianchi.
(Klappentext)

TI: Meride (Hauptschauplatz), Arzo, Monte San Giorgio, Lugano, Luganersee BL: Arisdorf, Oberwil

20. August 2023

Das Disaster von Münchenstein

Stefan Haenni: Eiffels Schuld, Gmeiner,
Messkirch, 2023, 246 Seiten
Stefan Haennis neuster Roman «Eiffels Schuld» entführt uns in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts; nach Basel, nach Paris und nach Münchenstein. Er gibt nicht nur einen Einblick in das Wirken des weltberühmten Ingenieurs Gustave Eiffel, sondern auch in zwei Basler Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft. Als weitere Zutaten dienen eine abrupt endende Liebe, das Verschwinden eines Bahnangestellten, ein etwas ratloser Detektiv, ein Schweizer Ingenieur in Diensten Gustav Eiffels, ein hinterlistiges Verbrechen und das schwerste Bahnunglück der Schweiz, das sich am 14. Juni 1891 an der Birs bei Münchenstein ereignete. Dabei kamen 73 Menschen ums Leben und 171 wurden verletzt.

Ein bunter Mix also, den der Autor in einem raffiniert konstruierten Plot zu einer Geschichte verdichtet hat, die nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch in verschiedenen Zeiten spielt. Was kompliziert klingt entpuppt sich bei der Lektüre, nicht zuletzt dank der kurzen Kapitel, als spannendes Hin und Her und somit als Pageturner, den man, wie es das Prädikat vermuten lässt, innert Kürze verschlingt. Wie schon bei seinem Kriminalroman «Brahmsrösi» ist es Stefan Haenni gelungen, historische Fakten auf gekonnte Weise mit Fiktivem zu kombinieren, so dass der Leserschaft nebst einer tragischen Liebes- und Detektivgeschichte einiges an vielleicht längst Vergessenem zuteil wird – den Recherchen des Autors und seiner subtilen schriftstellerischen Freiheit sei es gedankt. In diesem Sinne warten wir gespannt auf das nächste Werk des Thuners Stefan Haenni, in der Hoffnung, er möge die Verschränkung von Wirklichkeit und Fiktion wieder zelebrieren. 

8. August 2020

Zellers Geflecht

Werner Schmidli: Zellers Geflecht, Benziger,
1979
«Zellers Geflecht» ist die Geschichte eines Schriftstellers, der mit Beklemmung spürt, wie er jegliche Spontaneität des Empfindens verliert, wie ihm jedes Erlebnis, jede Erfahrung sofort zu Literatur wird. Und doch ist Schreiben für ihn die einzige Art, sich zu wehren; zu wehren gegen den Zorn und die Verzweiflung, die er empfindet über das Leben, das die meisten Menschen heute zu führen gezwungen sind: Ein Leben in genormter Enge, bestimmt durch Arbeit, Leistung, durch Gewöhnung, die abstumpft und auch das Besondere durch Wiederholung zum Banalen werden lässt.

Zugleich ist «Zellers Geflecht» der Roman einer Ehe. Er erzählt von der Sehnsucht, die Spontaneität einer Beziehung zu bewahren, «nichts anderes zu empfinden als damals», und von der Trauer über die Vergeblichkeit solcher Wünsche. «Jedesmal haben wir etwas zurückgelassen! hätte er sagen können; aber er liess es … Er war betroffen, wenn er sagte: Früher! Er verstummte, wenn er das Wort selber gebrauchte!»

Zellers Geflecht ist ein von persönlicher Erfahrung geprägtes Buch. Doch ist die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung auch in einer Zeit, da Psychologie als Wissenschaft lernbar geworden ist, eine Kunst. Und dem risikoreichen und unbequemen Unterfangen, sich seinem eigenen Ich und dieses der Öffentlichkeit auszusetzen, verdanken wir nicht wenig von unserem Wissen über den Menschen, über uns selber.
(Klappentext)

AG: Birrfeld BL: Allschwil GR: Trun, Zignau

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

26. Juli 2020

Mäandertal

Markus Ramseier: Mäandertal, Cosmos,
Muri b. Bern, 1994
Der Flurnamenforscher und Patroulleur Hitz ist unterwegs, eingerückt zu seinem letzten Ergänzungskurs ins frisch reformierte Schweizer Militär. Von einem vorchristlichen Refugium über dem Rhein aus bewacht er mit dem Scherenfernrohr die Grenze, doch sein Drahttelefon hat keinen Kontakt – zu niemandem. Steinzeit.

Hitz schlägt sie tot, indem er an einem Vortrag arbeitet. Immer wieder entfernt er sich zu diesem Zweck von der Truppe. Dabei bleibt ihm nicht erspart, all die Schlaufen auszuschreiten, die ihm die Sprache durch die Fluren vorgibt. In diesen leiernd-umschweifigen Bogen sammeln sich heitere und todtraurige Geschichten an, die einfliessen in den Fluss der Geschichte – das aerr oek oek eines Gen-Unikums im Weiher, die blutüberströmte Fremde auf der Krete, der Sack im Wrack.

Das Ergänzen und Patrouillieren nimmt unerwartete Formen an. Hitz gerät in die Fremde. Altarme tun sich auf. Schlingen. Umlaufberge. Langsam gleicht sich der Forscher der Landschaft seines Forschens an, und immer stärker geraten Anfang und Ende, Erinnerung und Wiederholung, Leben und die Idee vom Leben aneinander, bis dieses Leben im Mäanderhals zwischen Prall- und Gleithang verflacht und – scheinbar? – steckenbleibt.

Der Autor folgt seinem «Helden» mit einem feinen Sinn für Humor. Er erzählt ohne abzuschnüren und zu begradigen, weist auf Beziehungen, die weit auseinander liegen, häufig auch zwischen den Zeilen – und ausserhalb der Sprache. Und nebenbei bringt er viel Originelles ein über das literarisch unverbrauchte Thema «Flurnamen».
(Klappentext)

AG: Möhlin, Mumpf, Önsberg, Zunzgen, Buus BL: Maisprach, Oberdorf, Wintenberg

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

11. Juni 2020

Fast ein bisschen Frühling

Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling,
Hanser, München, 2012
Zwei arbeitslose junge Burschen wollen 1933 aus Nazideutschland fliehen. Um sich das Reisegeld zu beschaffen, überfallen sie in Stuttgart eine Bank und erschiessen versehentlich den Filialleiter. Auf der Flucht in den Süden kommen sie nicht weit: In Basel verliebt sich der eine in eine Schallplattenverkäuferin. Tag für Tag kauft er eine Tango-Platte, bis das Geld aufgebraucht ist und der nächste Banküberfall nötig wird. Abend für Abend gehen die drei am Rhein spazieren. Mit von der Partie ist eine junge Sportartikelverkäuferin, die dreissig Jahre später die Grossmutter des Erzählers sein wird und sich entscheiden muss zwischen einem Bankräuber und ihrem Verlobten.

Alex Capus hat diese authentische Bonnie und Clyde-Geschichte um Freundschaft und Treue, Liebe und Verrat akribisch recherchiert in Polizei- und Zeitungsarchiven, in Gesprächen mit Überlebenden, auf langen Wanderungen an den Orten des Geschehens. Entstanden ist ein Roman wie ein Tango: leicht und schwermütig, frisch und elegant und voller Trauer um verpasste Möglichkeiten und zerronnenes Glück.
(Klappentext)

BL: Ergolztal, Sissach, Laufental, Laufen BS: Stadt Basel D: Wuppertal, Stuttgart F: Paris, Marseille

21. Dezember 2019

Hunkeler und die goldene Hand

Hansjörg Schneider: Hunkeler und die
goldene Hand, Ammann, Zürich, 2008
Der neue Hunkeler beginnt damit, dass Kommissär Hunkeler im Aussenbecken des Solbades Marina in Rheinfelden liegt und Rückenbeschwerden kuriert. Er sieht einen seltsamen Taucher vorbeitreiben. Es ist die Leiche eines alten, schwulen Kunsthändlers aus Basel. Da Rheinfelden zum Aargau gehört, ermittelt die Aargauer Kantonspolizei. Sie verhaftet einen Strichjungen, der ebenfalls im Marina gebadet hat. Der Fall scheint gelöst.

Doch Hunkeler glaubt das nicht. Da er krank geschrieben ist, hält er sich vorerst zurück. In den folgenden Tagen werden aus verschiedenen Museen der Umgebung Kunstwerke gestohlen, und im Rheinfelder Bahnhof fliegt ein Schliessfach in die Luft. Hunkeler fährt an die Tatorte, fragt sich durch, ermittelt. Er findet eine Spur, die zur sagenumwobenen, goldenen Hand Rudolfs von Rheinfelden führt, die von Kunsträubern in Sachsen-Anhalt gestohlen und nach Basel gebracht worden ist, um hier an einen Kunsthändler verkauft zu werden. Es gibt aber auch andere Leute, die sich für die goldene Hand interessieren … (Klappentext)

AG: Rheinfelden, Zofingen BL: Farnsburg, Buuser Egg BS: Stadt Basel LU: Hitzkirch D: Todtnauberg, Stübenwasen, Wiesental, Aftersteg, Dossenbach, Nordschwaben F: Mülhausen, Jettingen, Hundsbachtal, Sundgau, Franken, Helfrantzkirch

14. Dezember 2019

Das schwarze Eisen

Christian Haller: Das schwarze Eisen,
Luchterhand, München, 2004
Als einen schweren und imposanten Mann hat der Enkel seinen Grossvater kennengelernt, als eine beeindruckend schweigsame Person, die niemals das Haus verliess, ohne zuvor einen Filzhut aufzusetzen und einen Stock in die Hand zu nehmen. Schweigsam, das erfährt der Enkel später, war der Grossvater immer gewesen, ein Mann, der ohne viele Worte zu verlieren seine Familie und am liebsten die ganze Schweiz wie geschmolzenes Eisen geformt hätte. Tatsächlich stammte dieser Mann aus ärmlichsten Verhältnissen. Mit nicht mehr als einem Glas eingeweckter Pflaumen als Proviant schickten ihn die Eltern in die Lehre. Unter dem Prägestock der Fremdenlegion schwor er sich dann, es den gelackten Herren zu zeigen. Als ein Niemand kehrt er zurück, aber mit dem festen Willen, aus Wasserkraft Strom zu gewinnen und mit dem Strom Eisen für Werkzeuge, Maschinen und Waffen zu erzeugen und die Schweiz in eine sauber arbeitende Maschine umzubauen.

Christian Haller hat die Geschichte eines Mannes geschrieben, der zu einer der prägenden Gestalten seines Landes wurde: Ein Schweizer Unternehmer, für den nur Härte zählte und die Fähigkeit, sich durchzusetzen, und der am Ende seines Lebens eingeholt wird von der Erinnerung an seine «einfache» Herkunft und erleben muss, wie sein Traum vom Aufstieg der Familie zerbricht. (Klappentext)

AG: Laufenburg, Aarau BL: Pratteln BS: Stadt Basel GR: Sils-Maria F: Elsass

10. März 2019

Das Schattenhaus

Werner Schmidli: Das Schattenhaus,
Benziger, Einsiedeln, 1969
Werner Schmidli, der junge Basler Autor, erzählt in diesem Buch die Geschichte eines jungen Mannes, der den dunklen Erinnerungen an sein Elternhaus zu entrinnen und seine eigene Zukunft zu gestalten versucht.

Schmidli schreibt, um sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen: Da ist die Stadt Basel, das Industrieviertel, das Räderwerk einer grossen Chemiefabrik, Geschwätz, Gerede, öder Alltag, erdachte und gescheiterte Auswege, um aus dieser phantasielosen Umwelt zu entfliehen, wo die Konsumsteigerung Gradmesser der Persönlichkeit wird.

«Schattenhaus» hat Schmidli seinen neuen Roman genannt und meint damit die dumpfe, hoffnungslose Welt seines Vaters. Schmidli erzählt eindrücklich, beklemmend und dicht ein «finsteres Märchen» der Alltäglichkeit. (Klappentext)


AG: Staffelegg, Oberfrick BE: Kandersteg, Strandbad Biel BL: Birsfelden, Allschwil, Grellingen, Restaurant Paradies Allschwil, Birsmündung, Auhafen BS: Bushaltestelle Basel Riehenring, Basel Badischer Bahnhof, Gartenbad Eglisee, Friedhof am Hörnli, Claraplatz, Restaurant Rheinblick, Riehen, Klybeckstrasse, Bahnhof Basel SBB, Feldbergstrasse, Matthäuskirche, Wettsteinbrücke, Ciba, Solitüdenplatz, Mittlere Rheinbrücke, Clarastrasse, Kleinhüningen, Café Romano (heute Pizzeria Roma) an der Hammerstrasse, Birsmündung, St. Albanbrücke, St. Albanfähre, Solitüdenpark GR: Truns, Zignau, Puntegliashütte SAC JU: Vermes SO: Glitzerstein- bzw. Ramstelhöhle am Gempen SZ: Arth-Goldau VS: Grächen D: Tüllinger Hügel F: Marseille

Werner Schmidli wurde am 30. September 1939 in Basel in einer  Arbeiterfamilie geboren. Er besuchte die Realschule und absolvierte eine Lehre zum Chemielaboranten in Basel. Von 1960 bis 1962 reiste er mit einem Frachtschiff über Nordafrika, den Panamakanal und Polynesien nach Australien, wo er sich 1½ Jahre in Melbourne aufhielt und als Industriearbeiter tätig war. Nachdem er über Indonesien und Indien in die Schweiz zurückgekehrt war, lebte Schmidli anfangs im Kanton Aargau und arbeitete im Verlagswesen. Daneben setzte er, der bereits in den Fünfzigerjahren mit dem Schreiben begonnen hatte, seine literarischen Aktivitäten fort. 1966 erschien im Benziger Verlag sein erster Band mit Erzählungen. Von 1968 bis 1978 war Schmidli Mitherausgeber der Literaturzeitschrift «Drehpunkt» und ab 1979 freier Schriftsteller in Basel. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke, Hörspiele und Fernsehdrehbücher. Während seine frühen Werke der Arbeiterliteratur zugerechnet werden können, hatten die späteren allgemeinere, existenzielle Probleme zum Thema. Seine letzten Werke zählen vorwiegend zur Kriminalliteratur. Werner Schmidli starb am 14. November 2005 in Basel.

27. September 2018

Wenn das Tigerli streikt

Nach diesem heissen und trockenen Sommer ist es ein Wunder, dass eine Dampffahrt überhaupt möglich ist.

Vergangenen Samstag hätte mich in Delémont eine dreiachsige Dampflokomotive mit zwei Wagen nach Laufen und zurück fahren sollen. Zum Glück wurde nichts daraus, den die E 3/3, im Fachjargon «Tigerli» genannt, war gesundheitlich nicht fahrtüchtig. Die verantwortlichen Organisatoren dieser historischen Bahnfahrt feuerten in Olten kurzerhand den «Habersack», eine sogenannte Eb 3/5, ein und dampften mit einem vierachsigen Personenwagen in die Jurametropole. Für denselben Preis gab es nun eine grössere Lokomotive, die statt zwei sogar drei Wagen stolz der Birs entlang durchs Laufental zog.

Ein Upgrade, das mir sehr zupass kam und mich zudem 40 Jahre zurückkatapultierte. Damals fuhr ich von Estavayer-le-Lac nach Yverdon. Ebenfalls im historischen Zug, ebenfalls mit der Kraft einer Eb 3/5. Und ja, es war genau jene Maschine, die mir am vergangenen Samstag ein unvergessliches Bahnerlebnis ermöglichte: die Eb 3/5 mit der Betriebsnummer 5819. Wie heisst es doch so schön:  Man begegnet sich im Leben immer zweimal. Wie wahr, wie wahr!

Weil eine solche Reise das Mitführen einer anständigen Fotokamera mühelos ermöglicht, habe ich seit langem wieder einmal meine Vollformat-Canon eingepackt und Eindrücke gesammelt wie ein Fotoreporter im Extasemodus. Herausgekommen ist eine Bildstrecke, die ich meiner Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Volldampf voraus!

28. Mai 2018

Der schönste Eintritt in die Schweiz

Ernst Schüler: Der schönste Eintritt in die Schweiz,
Edition Wanderwerk, Burgistein, 2018


Die Birs ist ein Jurafluss, dem über Jahrtausende Kreti und Pleti gefolgt sind. Jungsteinzeitler, Römer, Ritter, Goethe, Napoleon, Bridel, Moor und schliesslich auch ein gewisser Ernst Schüler, der sich 1833 als Flüchtling aus Deutschland in die Seeländermetropole Biel begab und dort als Unternehmer, Politiker und Schriftsteller sein Wirken entfaltete. Die Fluchtroute von Basel via Delémont nach Moutier, über die Pierre Pertuis hinab ins St. Immertal und durch die Taubenlochschlucht nach Biel, beeindruckte Schüler in einer ausserordentlichen Art und Weise, dass er 1842 ein Büchlein mit dem Titel «Der schönste Eintritt in die Schweiz» veröffentlichte. Dieses Werk ist nun in komplett neuer Aufmachung und ergänzt mit 54 Abbildungen in der Edition Wanderwerk erschienen. Ernst Schüler, der massgebliche Förderer der Bieler Uhrenindustrie im 19. Jahrhundert, bezeugte mit seinem «Schönsten Eintritt in die Schweiz» nicht nur die Liebe zu seiner Wahlheimat und deren Umgebung, er schuf auch ein wertvolles Dokument über die damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Region. Der Text wird begleitet von 95 Anmerkungen der Herausgeberschaft.

29. November 2017

Es lebe das Läufelfingerli!

Mit einem Finger hat das Läuferfingerli so wenig zu tun, wie ein Affe mit einer Giraffe. «Läufelfingerli»: So nennen die Bewohner zwischen Sissach und Olten ihre Bahn durch das Homburgertal. Die einst doppel- und heute einspurige Linie führt durch den Hauenstein-Scheiteltunnel, an dessen Nordseite die Ortschaft Läufelfingen liegt. Sowohl die Baselbieter Regierung als auch das Kantonsparlament wollten die historisch wertvolle Bahnstrecke stillegen und durch einen Busbetrieb ersetzen. Doch die Politiker haben die Rechnung ohne ihr Volk gemacht. Am vergangenen Sonntag kam es zu einer kantonalen Referendumsabstimmung. Hierbei waren 65% der abgegebenen Stimmen für den Erhalt des Läufelfingerlis. In insgesamt 82 von 86 Baselbieter Gemeinden war der Souverän gegen die Umstellung auf Busbetrieb. Die Stimmbeteiligung lag übrigens bei schlappen 28,83 Prozent.

Über das kunstvolle Viadukt von Rümlingen (BL) werden auch in Zukunft S-Bahn-Züge rollen.



Abraham E. Fröhlich:
Die Verschüttung im Hauenstein,
Edition Wanderwerk, 2017
Ich bin über den Entscheid zugunsten der Bahn aus mehreren Gründen sehr erfreut: 1. ist die 1858 eröffnete ehemalige Hauptverbindung von Basel nach Olten von grossem historischen Wert und zählt mit der Gotthard-Bergstrecke zu den bedeutendsten bahntechnischen Kulturgütern der Schweiz. 2. ist das Reisen mit der Bahn 100 Mal angenehmer als mit dem Bus. 3. wird die Strasse nun nicht zusätzlich durch Busse belastet. 4. behält meine 2017 herausgebrachte Erzählung von Abraham Emanuel Fröhlich, «Die Verschüttung im Hauenstein», mit ihren ergänzenden Informationen die volle Gültigkeit. Einzig zu erwähnen, wäre genau jener Volksentscheid, von dem hier die Rede ist. Im besagten Büchlein befindet sich nebst der Erzählung Fröhlichs auch ein geschichtlicher Abriss über Entstehung, Bau und Betrieb der Bahnstrecke, ein Zeitungsbericht aus dem 19. Jahrhundert sowie ein Wandervorschlag von Olten über den Unteren Hauenstein via Läufelfingen nach Sommerau. Es lebe das Läufelfingerli!


2. März 2017

Die Tragik der Steinhauer vom Hauenstein

Abraham E. Fröhlich: Die Verschüttung
im Hauenstein,
Edition Wanderwerk,
2017
Soeben ist aus meiner Druckerei das neuste Werk der Edition Wanderwerk erschienen: Abraham Emanuel Fröhlichs Erzählung Die Verschüttung im Hauenstein. Am 28. Mai 1857 ereignete sich beim Bau des Hauenstein-Scheiteltunnels ein tragisches Unglück, bei dem insgesamt 63 Tunnelarbeiter ihr Leben verloren. Abraham Emanuel Fröhlich nahm diese Tragödie zum Anlass, die Liebesgeschichte von Andreas und Margarita, einem Bauernknecht und einer Magd aus dem Schwarzwald, in eine ergreifende Erzählung zu packen. Währenddem Andreas die schlecht bezahlte Stelle als Knecht aufgibt und sich als Tunnelarbeiter am Hauenstein anstellen lässt, bleibt Margarita in Deutschland zurück. Beide hoffen sie, nach dem Tunnelbau eine gemeinsame Existenz aufbauen zu können. Doch das Schicksal macht diesem Plan einen Strich durch die Rechnung.

Die Erzählung wird ergänzt mit einer zeitgenössischen Berichterstattung über das Unglück, einem geschichtlichen Abriss über die Entstehung und den Betrieb der beiden Hauenstein-Bahnlinien sowie einem Vorschlag, den Unteren Hauenstein von Olten bis Sommerau zu Fuss zu erkunden.

Es ist dies nach Der Brand in Glarus die zweite Erzählung von A.E. Fröhlich, die in meinem Verlag erscheint.

6. Juni 2016

Doppelschlucht und Hammergrat

Mein Projekt, sämtliche Gemeinden der Schweiz zu begehen, gebiert nicht selten Routen, die ich wohl kaum je begangen hätte. Für die noch fehlenden Kommunen Fehren und Meltingen im Solothurner Jura, konzipierte ich eine Wanderung von Grellingen nach Büsserach. Bei regnerischen Bedingungen zogen wir an der Birs los und schwenkten noch vor dem Chessiloch in den Graben des Chastelbachs ein. Diesem folgend standen wir plötzlich vor einem Schild mit Durchgangsverbot. Dahinter lagen umgestürzte Bäume wirr über dem Pfad. Wir gingen dennoch durch, in der Vermutung, dass sich die Gemeinde Grellingen rechtlich vor irgendwelchen Ungemächern absichern wollte. Die behördlich untersagte Fortsetzung bot, nebst ein paar Kraxeleien durch besagte Bäume hindurch, keinerlei Probleme. 

Der Chastelbach.
Was indes folgte, war ein sensationell schöner Abschnitt durch eine schluchtartige Flusslandschaft. Kleine Wasserfälle, mit Moos üppig bewachsene Kalkblöcke, vermodernde Baumstämme, grün, grün, grün schillernder Wald mit einem sich durch die Pracht hindurchschlängelnden Pfad. Der Chastelenbach zeigte sich von der besten Seite, präsentierte quasi die andere Seite der Regenmedaille. Den inzwischen unbeliebt gewordenen Regenfällen war es zu verdanken, dass das birswärts stürzende Gewässer richtig was her gab. Ich war verzückt, begeistert, glücklich. Nicht zuletzt deshalb, weil der Chastelbach im touristischen Schatten des Ibachs steht. Der Ibach durchfliesst das deutlich bekanntere und nicht minder schöne Chaltbrunnental. Letzterem fehlt der mangelnden Steilheit wegen genau das, was die Schlucht des Chastelbachs zu bieten hat: dieses verspielte Niederfallen zwischen mystisch anmutenden Felsblöcken.

Der Ibach im oberen Teil des Chaltbrunnentals.


Nach Verlassen des Chastelbachs wechselten wir hinüber zum erwähnten Ibach, an dessen Oberlauf wir uns Meltingen näherten. Hier noch einmal Juraschlucht-Feeling par excellence. Das Wetter hatte inzwischen auf eine sonderbare Betriebsart umgeschaltet. Regen und Sonne gleichzeitig. Der Schirm war heute mit Abstand die beste Waffe gegen die pubertierenden Launen der Meteorologie. In Meltingen gingen wir vom Schlucht- in den Gratmodus über, stiegen steil den Mettenberg hinan und wechselten alsbald auf den langgezogenen Rücken des Lingenbergs. Was sich auf der Landeskarte als schmaler Grat zeigt, entpuppte sich vor Ort zu einem Abschnitt allererster Güte. Ein an Abwechslung kaum zu überbietender Pfad zog sich vorerst südlich, wenig unterhalb der Gratschneide, Richtung Westen, um dann auf der Verschneidung, zum Teil leicht ausgesetzt, seine Fortsetzung zu finden. Hierbei galt es, den durchnässten Boden auf Schritt und Tritt aufmerksam zu beurteilen. Wurzeln waren der Rutschigkeit wegen vollkommen tabu, und der Kalk war mal so und mal so. Konzentration war oberstes Gebot. Wir pendelten permanent zwischen Begeisterung über die Szenerie und der Vorsicht vor dem Ausgleiten hin und her. Ein Nervenspiel. Ein emotionales Auf und Ab. Unter dem Strich blieb dennoch die Begeisterung über diesen Gratweg, der lediglich an einer einzigen Stelle – auf der Chemmiflue –, den Blick hinunter nach Büsserach, Breitenbach und das restliche Laufental frei gab.

Auf dem Grat des Lingenbergs.


Item. Nach Überwindung einer kurzen Holzleiter und dem steilen Abstieg zum Schloss Thierstein, kamen wir allesamt heil in Büsserach an. Ich fragte mich indes, was nun objektiv betrachtet gefährlicher war: der wegen Erdrutschgefahr gesperrte Weg entlang dem Chastelbach oder die lediglich als gelb markierte Wanderroute (T3–) über den Lingenberg? So oder so: Eine im Vorfeld als eher wenig spektakulär eingestufte Wanderung wurde zu einer der schönsten Touren im Solothurner Jura, mit Bestimmheit zur schönsten im Schwarzbubenland. Fazit der Tour: Brutal viel Grünfutter für die Seele!

15. Mai 2016

Die Telefonnummer von Norwegen

Barockes Wechselbad der Gefühle beim Start zur 7. Etappe meines Nordkap-Projketes. Nicht himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, sondern zu Tode betrübt und himmelhoch jauchzend. Über den Depro-Bahnhof von Zwingen habe ich mich bereits bei der letzten Etappe geäussert. Was dann heute darauf folgte war ein erstes Glanzlicht: das Schloss Zwingen. Heimatland, weshalb habe ich davon noch nie gelesen oder gehört? Ich, der immerhin vier Monate lang im benachbarten Laufen einen Teil meiner Lehrzeit verbracht habe. Gut, wer interessiert sich mit 19 schon für kulturgeschichtlich relevante Bauten?

Zwingen überraschte mich also, weshalb ich nebst der Bahnhoftristesse und der auf das Schlossareal folgenden Katastrophe entlang der Kantonsstrasse dennoch eine gute Erinnerung behalten werde. Ich erfreche mich, hier ein paar Stellen der Website des Zwingener Schlossvereins wiederzugeben:

Das Schloss Zwingen ist eine eindrückliche, einmalige Wasserburg, die auf den Felsbänken von zwei natürlichen Birsinseln errichtet wurde. Der Kernbau entstand 1248 und war früher über Zugbrücken erreichbar. Nach neueren Vermutungen war die Vorburg möglicherweise als Burgstädtchen vorgesehen.

Drei Brücken bilden noch heute die Verbindung der beiden Inseln mit der Umwelt. Am Ramsteinerturm gegen die Dorfseite war ehemals ein gedeckter Übergang mit Zugbrücke. Die heutige Steinbrücke wurde 1766 erstellt. Im Westen diente die Fallbrücke gegen Laufen hin als Verbindung. Auch dort ist die ursprüngliche Holzkonstruktion durch einen Steinbau ersetzt worden. Dagegen ist die Holzbrücke aus dem Jahre 1472 zwischen den beiden Inseln stehen geblieben. Sie ist die einzige noch bestehende Holzbrücke im Birstal. Die währschafte Zimmermannsarbeit mit den guten Proportionen ist eine Besichtigung wert. Sie wurde im Jahre 2001 renoviert.

Der Zugang zum Schloss Zwingen (BL) mit dem Ramsteinerturm.
Auf der kleinen Mittelinsel befindet sich der runde Bergfried mit dem rekonstruierten Kegeldach, dem Hexenturm. Er ist auf drei Seiten vom Palas umbaut. Ursprünglich war dieser Kernbau (Bergfried/Palas) durch einen Wassergraben abgetrennt. Der Graben wurde nach der französischen Revolution mit dem Schutt der abgerissenen Tortürme aufgefüllt. Der gegenwärtige Eingang zum Palas ist erst angelegt worden, nachdem der Graben zugeschüttet war. Über dem Eingang ist eine ursprüngliche Cheminéeplatte mit der Jahrzahl 1744 eingelassen. Sie trägt das Wappen des Bischofs Joseph Wilhelm Rinck von Baldenstein.

Der frühere Zugang führte durch einen gewölbten Gang über den Graben ins obere Geschoss. Der Palas umfasst drei Stockwerke. Die Mauern sind im Erdgeschoss sehr stark, die Räume teilweise überwölbt. Die Grundrisse geben ein übersichtliches Bild der damaligen Einteilung. Aus geschichtlichen Darlegungen ergibt sich, dass sie zu einem guten Teil nicht ursprünglich ist, sondern wiederholt verändert wurde, insbesondere noch nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht ursprünglich ist die Befensterung. Die einst schmalen Fenster wurden später erweitert. Nur das Erdgeschoss enthält noch alle Fensternischen.

Auf der Südseite des Schlosses Zwingen, nahe der Birs in der Richtung Nord-Süd und innerhalb der Tore und Ringmauern, steht die dem heiligen Oswald geweihte Kapelle. Der heutige Bau stammt aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts und besteht aus Schiff und Chor. Darüber lag eine Wohnung für den Kaplan. Vermutlich wurde sie mit dem Schloss erbaut. Die Kaplanei war eine Stiftung der Herren von Ramstein, die in mehreren benachbarten Dörfern Zinsgüter spendeten.

Schon im Jahre 1359 erhält die Kapelle einen von 18 Bischöfen in Avignon unterzeichneten Ablassbrief. Nach diesem wurde den Besuchern und Wohltätern ein Ablass von 40 Tagen gewährt, welchen der Bischof von Basel noch 40 hinzufügte.

Das Sonderbare an der Schlossanlage: Unmittelbar nach dem Wirtschaftsgebäude beginnt ein Industrieareal und damit ein brachialer Kontrast, der mir auf dieser Wanderung gleich mehrere Male zuteil werden sollte. Wie erwähnt folgte auf das malerische Zwingen der Abschnitt entlang der Kantonsstrasse Richtung Nenzlingen. Jysk, Lidl, Coop, Sherpa, Tankstellen und Garagen, Industrie- und Gewerbebetriebe en masse und eben: jede Menge Strassenverkehr. Immerhin war da ein Trottoir, auf dem ich mich in Sicherheit wiegend aus der Zwingener Hölle befreien konnte. Kaum hatte ich in den alten Weg nach Nenzlingen eingeschwenkt, betrat ich eine andere, bedeutend friedlichere Welt. Das Schlafdorf über der Hochwasser führenden Birs läutete den letzten Jura-Abschnitt meines Vorhabens ein. In einem Vorgarten hing eine FCZ-Fahne schlaff am Mast herunter. Kein Wunder bei der aktuellen Misere. Ein Wunder indes, dass in den Stammlanden des FCB ein derartiges Religionssymbol überhaupt geduldet wird. – Stundenhalt bei der kleinen Pfarrkirche am oberen Dorfrand.

Ich stieg weiter bergan, blickte die letzten Blicke auf das Laufental, begleitet von unglaublich schönen Baumbeständen. Freistehende Eichen von mächtiger Statur dominierten die obligaten Kirschbäume, ehe die Route im Wald verschwand. Kurz vor dem Blattenpass sah ich zum ersten Mal die Basler Agglomeration. Rechter Hand das Goetheanum von Dornach, am Horizont der Antennenturm auf der St. Crischona. Auf dem Blattenpass ein grosser Rastplatz mit überdimensionierter Sitzbank, gestiftet von der Basler Kantonalbank aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums 2014. Mein Bänklisammlerherz schlug hoch!

Schwüle Luft trieb mir schon seit gut einer Stunde den Schweiss aus den Poren. Nach den verregneten letzten zwei Tagen dennoch eine Genugtuung, auch im Wissen darum, dass es zu Hause im Gürbetal pausenlos regnete. Vom Osthang des Blauen wechselte ich im Wald auf die Nordseite und stieg über den aussichtsreichen Amselfels, die Kantonsgrenze BL/SO überschreitend, nach Witterswil hinab. Kurz zuvor holte mich eine kühle Regenzelle ein, die mich für ¾ Stunden zwang, die Regenkluft zu montieren. Der Jura lag bereits hinter und das Birsigtal vor mir, als die Sonne wieder hervortrat und ich die Regenmontur wieder ablegen konnte. Ich näherte mich unweigerlich der komplett bebauten Basler Agglo, beginnend mit Therwil, wo es zwischen der naturbelassenen Birsig und Schrebergärten im Samstagsmodus weiter nordwärts ging. Auf Fusswegen und Quartierstrassen erreichte ich schliesslich das Wasserschloss Bottmingen. Ich war sogleich hin und weg.

Das Schloss aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den wenigen erhaltenen Wasserschlössern in der Schweiz. Erstmalige Erwähnung fand es 1363 als Besitz der Kämmerer, eines bischöflichen Dienstadelsgeschlechts, das als mutmassliche Erbauer gilt.

Trotz der Barockisierung ist der mittelalterliche Charakter vor allem durch den Grundriss zu erkennen. Im Gegensatz zu den Wasserschlössern Schloss Hallwyl oder Hagenwil fehlt dem Schloss ein Bergfried. Daraus ergibt sich eine Verwandtschaft zu dem burgundisch-savoyischen Burgentypus mit turmbewehrtem Viereck. Johannes Deucher verwandelte 1720 das Schloss Bottmingen in einen Landsitz des französischen Frühbarocks, der beinahe vollständig erhalten blieb. Neben der Aussenarchitektur zeugt auch das Treppenhaus von diesem Baustil. Unter Martin Wenk setzte sich 1780 das Rokoko durch, das am kostbaren Stuck im Steinsaal ersichtlich ist. Wenk liess auch den Südostwinkel bis auf das Hofniveau abtragen. Er dient heute als Gartenterrasse. Heute wird das Schloss Bottmingen als Restaurant und für Bankette, Hochzeiten und andere festliche Anlässe verwendet.

Schloss Bottmingen. Stich von Daniel Meisner, 1625.


Wegen des eher zweifelhaften Wetters war der als Gartenrestaurant genutzte Innenhof komplett menschenleer, sodass ich freie Fotoschussbahn hatte. Wenig später, die Stadt Basel lag nun nur noch wenige Gehminuten entfernt, spielte eine Blaskapelle einen munteren Marsch. Wow, welch eine Begrüssung für den Nordkap-Wanderer! Nun, die Musik spielte leider nicht zu meinen Ehren. Ich war bei der römisch-katholischen Kirche von Binningen mitten in eine Hochzeitsgesellschaft geraten. Eine schräge Begegnung: Ich, verschwitzt und mit dreckigem Beinzeug; die Hochzeitler, allesamt schick gekleidet, bis auf den jungen Dirigenten. Er trug giftig-grüne Turnschuhe und eine Lederjacke aus der unten das offene Hemd hervorlugte.

Mein Ziel war nun nicht mehr weit. Am Freibad «Sonnenbad» vorbei senkte sich der Weg in einen Park hinab, nach dessen Durchquerung ich den Kanton Basellandschaft verliess und auf der Gundeldingerstrasse endgültig in der Stadt Basel angelangt war. Zum Bahnhof war es bloss noch einen Katzensprung. In der Sempacherstrasse gelangte ich an einer Kleiderreingung vorbei. An der Schaufensterscheibe las ich NORGE 061 361 74 52. Norge ist der norwegische Namen für Norwegen. Dass das Land auch über eine Telefonnummer verfügt, fand ich sehr sympathisch.

Fotos von dieser Etappe gibt es hier.

12. Mai 2016

Über den Gipfel des Röstigrabens

Bevor sich allenthalben die Wolken ihrer Fracht entledigen, wollte ich die 6. Etappe meines Nordkap-Vorhabens unter die Füsse nehmen. Die Episode vom Montag hatte mich zusätzlich motiviert, dem Jura vor der angekündigten Sintflut die Aufwartung zu machen. Nun, ganz so psychedelisch ging es gestern auf dem Abschnitt von Courchapoix nach Zwingen im Laufental nicht zu und her.

Das Streckenprofil war dementsprechend banal: ein ziemlich flacher und monotoner Anmarsch nach Montsevelier, gefolgt von einem steilen und mitunter traumhaft anmutenden Aufstieg zum Welschgätterli, einem bewaldeten Übergang zwischen Jura und Solothurn, zwischen Deutsch und Welsch, nicht aber zwischen katholisch und reformiert. Als Fortsetzung wartete ein Abstieg in typischer Hügellandschaft à la Schwarzbubenland. Den Schluss bildete wiederum eine eher triste Hatscherei durch die skurrilen Industrieanlagen von Breitenbach und Büsserach. Im Gegensatz zu der als Monokultur verkommenen Landschaft, zeigte die Industriezone wenigstens einen Hauch kafkaesker Züge. Man beachte die Fotos!

Auf der Juraseite des Welschgätterli haben sich die Touristiker dieses Denkmal gesetzt.
Das Tagesziel Zwingen hatte auch nicht mehr zu bieten als depressive Bahnhoftristesse. Hallo SBB, hier wäre ein gröberer Relaunch dringend nötig. Gegen den Abriss des Bahnhofgebäudes wird der Heimatschutz bestimmt nicht intervenieren, genauso wenig wie gegen eine Neugestaltung des Bahnhofplatzes.

Fazit: Diese Etappe wird nicht als Burner in meine Wander-Annalen eingehen, immerhin habe indes ich die Sprachgrenze endgültig überschritten und werde mich bis Schleswig-Holstein mit der deutschsprachigen Kultur ausgiebig befassen können. Neu hinzugekommen ist nun auch der Kanton Basellandschaft, dies trotz des Berner Bären, der immer noch die Kantonsgrenzsteine ziert. Und selbst der Himmel hat artig dicht gehalten. Mann dankt.

18. Februar 2016

Un défi pour la Nature

Loïc Quintin: Un défi pour la nature,
Édition du Belvédère, Pontarlier, 2004,
épuisé
La première traversée intégrale et en solitaire du Massif jurassion franco-suisse à raquettes.

«Je regarde dans le rétroviseur le parcours accompli non seulement dans le Massif jurassien, mais aussi dans ma vie. Je mesure le chemin réalisé. J’évalue l’avenir à partir de ce passé et de ce présent intenses.  Je revis le passage mouvementé au Chasseral, la tempête et le déluge, l’apparition des chamois, les chevreuils graciles, le silence impénétrable des vastes forêts, les larges combes, les crêts scintillants, les rencontres pittoresques, et la neige poudreuse qui m’aura porté pendant trois cents trente kilomètres et trente et un jours. Cette neige qui m’entoure à l’entrée du village. Cette neige que je saisis à poignée pour mieux m’en imprégner. Doucement, elle s’écoule entre mes doigts comme s’écouleraient des larmes d’émotion si je ne me retenais. Emotion d’en terminer. Emotion de retrouver les miens. Dilemme que tout aventurier, marcheur au long cours, explorateur rencontre. Partir, c’est revenir. Revenir, c’est partir.»

Cette traversée de l’Arc jurassien franco-suisse prolonge l’action militante de Loïc Quintin pour que la montagne mais aussi la terre entière soit le moins possible agressée, balafrée, meurtrie. Pour qu’enfin l’Homme prenne conscience qu’il n’est qu’un passage, qu’il se sauvera lui-même en sauvant son environnement …

1. Januar 2016

27. Oktober 2015

Die Bänklischmiede von Wenslingen


Irgendwo müssen sie produziert werden, die Sitzbänke, auf die wir uns gelegentlich niederlassen, um ein Faustbrot, ein Salätli oder einen Nussgipfel zu vertilgen. Vor ein paar Wochen wurde ich im Baselbieter Dorf Wenslingen fündig. Hier werden edle Bänke hergestellt, die sich indes eher für den Privatgebrauch eignen, als für die Platzierung an einem für Vandale günstig gelegenen Waldesrande. Die Firma Wood & Art – sie firmiert mit der Internet-Adresse www.w-und-a.ch  (www.a-und-o.ch war leider schon vergeben) – und stellt auch Tische aus Zwetschgenholz, Birne gedämpft, Eiche massiv oder Apfelbaum her. Beeindruckend ist die Farbpalette der Holzlamellen. Von Ral-Gelb 1021 über Ral-Blau 5014 bis hin zu PC-3228 Perlrot oder Böhme Nr. 4396 ist alles zu haben. Eine bunte Sache, die wahrlich gut in diesen tristen Herbst passt.