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14. Januar 2026

Geschafft!

Kürzlich kam ich nach über 400 Kilometern Fussmarsch in Kreuzlingen an. Begonnen hatte das Ganze im April 2021 in Lausanne, wo ich mich aufmachte, das Schweizer Mittelland im Wald zu durchqueren. Kein einfaches Unterfangen, da zwischen Lac Léman und Bodensee kein durchgehender Wald besteht. Alles in allem war ich anlässlich der 25 Tagesetappen 260 km im Wald, 56 km am Waldrand und 95 km in offenem Gelände unterwegs. Und nun? Nun mache ich mich an die Dokumentation dieser unglaublich schönen und erfüllenden Fernwanderung. Ein Buch mit etwas Text und vielen Fotos soll es werden. Der Buchtitel steht schon mal fest: «IM WALD».

31. Dezember 2025

Retro 2025 – 12

Mit diesem besinnlich-meditativen Bild – frei nach Mose 1 Vers 28: «Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» –, entstanden am 19. Dezember in Schwende auf einer Wanderung von Stoss (AR) nach Wasserauen (AI), verabschiede ich mich für dieses Jahr und wünsche alles Gute für 2026.

29. Dezember 2025

Retro 2025– 11

Im zu Ende gehenden Jahr war ich überdurchschnittlich oft zu Fuss in der Jungfrau-Region unterwegs: Schynige Platte, First, Kleine Scheidegg, Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Mürren, Zweilütschinen. Was mir indes noch fehlte, war eine Fahrt mit der Standseilbahn von Interlaken auf den Harder Kulm mit anschliessender Wanderung hinab nach Ringgenberg und zurück nach Interlaken.

Weil die Harderbahn bis Ende November fährt, nutzte ich einen sonnigen und überaus milden Spätherbsttag. Man schrieb den 11.11.. Für mich als Nicht-Fasnächtler und Nicht-Katholik ein Tag wie jeder andere. Dennoch entpuppte sich dieser als unglaublich ergiebig, gegensätzlich und befriedigend.

In der proppenvollen Standseilbahn war ich mit grosser Wahrscheinlichkeit der einzige einheimische Fahrgast. Der Rest rekrutierte sich aus der halben Welt, der indes von der Fahrt nicht viel mitbekam. Das zwanghafte Starren auf Smartphones machte auch am Harder keine Ausnahme. Kaum oben angekommen, setzte sich die Manie in der peinlichen Form von Selfies fort. Mir schien, dass die Leute wenig Interesse an der Aussicht hatten, vielmehr ging es darum, auf dem Harder gewesen zu sein und möglichst viele Bilder von sich und seinem Anhang gemacht zu haben, ehe es nach einer Stunde mit der Bahn wieder talwärts und an den nächsten Selfie-Hotspot ging.

Aber was labere ich hier, denn dasselbe Prozedere konnte ich auf jedem meiner diesjährigen Abstecher in die Lütschinentäler beobachten. Ich verstehe diese Art von «Tourismus» längst nicht mehr. – Item, nachdem ich die Leute beim Fotografieren ihrer selbst oder durch spontan angeheuerte dritte fotografiert habe, widmete ich mich dem umwerfenden Tiefblick auf Interlaken, bestaunte einmal mehr die Mehr-oder-weniger-Viertausender im Hintergrund und warf einen Blick in Richtung Voralpen, also den im Rücken des Harders gelegenen Gebiet von Niederhorn, Burgfeldstand und Gemmenalphorn. Sehr gut gefallen hat mir zudem das denkmalgeschützte Panoramarestaurant Harderkulm. Es bietet sage und schreibe 600 Plätze, was auf eindrückliche Weise die touristische Bedeutung des Hausberges von Interlaken veranschaulicht.

Bereits nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich vom Kulm, auch, um der nächsten Landung Selfie-Maniacs entfliehen zu können. Nach genau 10 Sekunden war ich auf dem von mir angepeilten Pfad. Und – wen wundert's – auf den kommenden anderthalb Stunden hinab nach Ringgenberg am Brienzersee sollte ich keiner einzigen Menschenseele begegnen. Wunder zu begehende Wege hin, wunderbar zu begehende Wege her.

Nicht weniger beeindruckend war hernach der Abschnitt entlang dem naturgeschützten Burgseewli und über den Goldswilhubel mit Kirchenruine sowie Mini-Friedhof mitsamt herrlichem Blick auf Aare, Interlaken und Umgebung zum Ausgangspunkt an den Bahnhof Interlaken Ost, wo mir die für heute letzten Smartphone-Süchtigen aus Übersee begegneten.

27. Dezember 2025

Retro 2025 – 10

Sind sie nicht putzig, diese Burenziegen? Angetroffen habe ich sie im Oktober mitten im tiefsten Entlebuch unweit der Gehöfte Hinter Ziegerhütten (nomen est omen) und Ober Rotmoos.

Die Begegnung mit Tieren aller Art ist für mich immer wieder einer der Höhepunkte beim Wandern. Und zwar egal, ob es sich um Haus- und Nutztiere oder Wildtiere handelt. Der Klassiker ist selbstverständlich der Hund, zu dem ich in all den Jahren eine besonders innige Zuneigung entwickelt habe. Treffe ich auf Menschen, die ihre Fellnase spazieren führen, dann entwickelt sich nicht selten ein kürzeres oder längeres Gespräch, das sich oft nicht nur um den Hund dreht. Bei Nutztieren sind es in der Tat die Ziegen, die es mir angetan haben. Gibt es etwas Keckeres, Intelligenteres und Trittsicheres unter den landwirtschaftlichen Milchspenderinnen, als diese nimmermüden Abkömmlinge von Steinbock und Steingeiss?

26. Dezember 2025

Retro 2025 – 9

Seit ich Anfang der 1990er-Jahre das Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz entdeckt habe, gehe ich mit anderen Augen durch die Gegend. Insbesondere in den bergigen Regionen stosse ich da und dort auf Wegabschnitte mit potenziell-historischer Substanz. Dies können unter anderem Stütz- und Begrenzungsmauern, Spurrillen, Wegkreuze- und Kapellen (sogenannte «Wegbegleiter»), Brücken, Steintreppen oder beispielsweise auch Pflästerungen sein. 

Als ich am 12. September vom Col-de-Bretaye in den Waadtländer Alpen via Les Ecovets nach Ollon abstieg, stiess ich kurz vor dem Wanderziel auf diesen gepflästerten Wegabschnitt. Leider ergaben meine Recherchen zu Hause lediglich den Hinweis auf eine historische Wegverbindung von lokaler Bedeutung. Gerne hätte ich mehr über diesen ausserordentlich breiten Weg erfahren: Wann wurde er und durch wen erbaut? Wer nutzte ihn über all die Jahrhunderte? Auf welche Art und Weise wurde er genutzt? Lediglich zu Fuss, mit Pferden und Maultieren oder gar mit von Tieren gezogenen Fahrzeugen?

23. Dezember 2025

Retro 2025 – 8

Als ich am 5. August nach gut 20 Kilometern bei dem im Bild ersichtlichen Hohe-Wart-Haus im schönen Spessart ankam, war alles verriegelt und verrammelt. Meine Hoffnung, hier Wasser fassen zu können, um mir hernach irgendwo im Wald ein Plätzchen für die Nacht zu suchen, zerschlug sich nach genauster Inspektion der mitten im Wald gelegenen Schenke. Was tun? Ich konsultierte meine Karte und entdeckte in 1,3 Kilometer Entfernung den Erlenbrunnen. Etwas abseits des Weges zwar, aber egal, Hauptsache Wasser. Doch dieser Erlenbrunnen entpuppte sich als längst nicht mehr existent.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in das 8 Kilometer entfernte Waldaschaff zu gehen, einem Dorf mit Friedhof und ergo auch Wasser. Auf halber Wegstrecke hielt ich Rast und stärkte mich mit einem verbliebenen halben Liter Isodrink und einem Müsliriegel, ein halbes Jahr über dem Verfalldatum, der aber in dieser besonderen Situation herrlich mundete. Besagter Friedhof verfügte denn auch über das erhoffte Nass, ehe es in den über dem Ort gelegenen Wald ging, wo ich in einer halboffenen Schutzhütte nach mehr als 30 zurückgelegten Kilometern einen wunderbaren Schlafplatz fand.

21. Dezember 2025

Retro 2025 – 7

Die am Fusse der Jungfrau gelegene Gemeinde Lauterbrunnen weist bei einer Fläche von 164,7 km² eine Einwohnerzahl von 2331 Personen auf. Das ergibt eine Einwohnerdichte von lediglich 14 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Im Vergleich dazu beträgt die Bevölkerungsdichte für die gesamte Schweiz 217 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Das Gemeindegebiet von Lauterbrunnen erstreckt sich von 707 m ü. M. (Weisse Lütschine beim Sandweidli im Norden) bis auf 4158 m ü. M. (Gipfel der Jungfrau im Südosten).

Ich bin gerne in der Talschaft zu Fuss unterwegs, die trotz der zahlreichen Bergbahnen und Touristen immer noch Ecken bietet, wo man weitgehend alleine ist. Weil am 15. Juli das Wetter indes keine abenteuerlichen Wanderungen zuliess, begnügte ich mich mit einer kürzeren Tour vom Allmendhubel via Mürren nach der Grütschalp. Was mir dabei einmal mehr auffiel: In der Gemeinde Lauterbrunnen hat jeder noch so kleine Bach einen Namen und ergo an jeder Stelle mit Personenverkehr ein Namensschild. Besonders angetan hat es mir der «Inneren Chrutteren Graben». Schwingt in dieser Benamsung nicht die volle Kraft des kernigen Lauterbrunner Dialektes mit?

18. Dezember 2025

Retro 2025 – 6


Anfang Juni fuhr ich ins Vallée des Ponts. Jaja, das gibt es tatsächlich und liegt nicht etwa im fernen Frankreich, sondern unweit von La Chaux-de-Fonds im schönen Neuenburger Jura. Unweit von Les Ponts-de-Martel liegt der geografische Mittelpunkt des Kantons Neuenburg. Im Rahmen meines Projektes, alle geografischen Mittelpunkte der 26 Kantone wandernd anzusteuern, unternahm ich also diesen Abstecher in das topfebene Hochtal.

In der Umgebung von Les Ponts-de-Martel wurde einst Torf abgebaut. Die betreffenden Zonen haben sich inzwischen – auch dank der Bemühungen von Naturschutzorganisationen – zu wunderbaren Biotopen entwickelt, die unter Schutz stehen. Durch die grösste dieser Zonen führt der Torfmoor-Lehrpfad. Ihn habe ich in die Rundwanderung integriert und war voll und ganz begeistert. Sei es von der Natur – als Moor bin ich vom Namen her Mooren sehr verbunden –, aber auch von den Informationen rund um den Torfabbau. So ist beispielsweise ein Abbaubagger erhalten geblieben, der auf eindrückliche Weise veranschaulicht, wie die Torfgewinnung damals vonstattenging.

16. Dezember 2025

Retro 2025 – 5


Für den 17. Mai 2025 lud das Kammerorchester St. Gallen zu einem «Wanderkonzert mit Viviane Chassot». Welch geniale Idee, dachte ich und erstand mir unverzüglich ein Ticket. Vor Konzertbeginn ging ich indes noch vom appenzell-innerrhodischen Sammelplatz nach Speicher, von wo ich mit der Appenzellerbahn zur Notkersegg und somit zum Ausgangspunkt des Wanderkonzertes fuhr.

Den musikalischen Auftakt bildete in der Klosterkirche Notkersegg ein Werk für fünf Celli von Joseph Bodin de Bosmortier und John Dowland. Hernach dislozierten die Konzertbesucherinnen und -besucher per pedes zum Manneweiher, wo der Saxofonist Peter Lenzin bei superber Akustik ein «Concert Suprise» intonierte. Das nächste Konzert bildete den glanzvollen Höhepunkt der Quadrologie: Nach längerem Fussgang hinab in die St. Galler Altstadt wartete in der Kirche St. Mangen das Kammerorchester St. Gallen mitsamt der renommierten Akkordeonistin, Viviane Chassot, mit Werken von Haydn, Mendelssohn Bartholdi und Piazolla auf. Den krönenden Abschluss bildeten unweit der Kirche, im Kreuzgang St. Katharinen, fünf dreistimmige Inventionen für ein Streichtrio von J.S. Bach.

Was für ein Tag im Herzen der Ostschweiz! Drei Kantone, eine umwerfende Landschaft, eine wunderbare Kantonshauptstadt, zwei Wanderrouten, die kaum Wünsche offenliessen sowie eine unglaubliche Anzahl an Musikerinnen und Musiker – Amateure wie Profis –, die für ein unvergessliches kulturelles Erlebnis sorgten. Für mich als Berner, Fussgänger und Fotograf eines der Highlights im zu Ende gehenden Jahr.

13. Dezember 2025

Retro 2025 – 4


Am 19. April ging ich in vier Stunden von Aarwangen nach Langenthal. Sie führte mir einmal mehr die Schönheiten des Oberaargaus vor Augen, insbesondere die sehenswerten Wälder rund um Langenthal. Das noch junge Laub zeigte sich im knackig-frischen Frühlingsgrün. Eine Wohltat für jedes Auge!

Am Ortsrand von Langenthal gelangte ich zum «Musterplatz», einem Geviert mit in Reih und Glied ausgerichteten Bäumen. In der Schweiz gibt es unzählige Örtlichkeiten mit der Bezeichnung «Musterplatz». Sie dienten einst der Musterung von Männern für den Militärdienst, besser bekannt unter dem Begriff Rekrutierung oder Aushebung.

Als ich nach fast vier Stunden beim Licht-durchfluteten Platz ankam, stachen mir die rot angemalten Bänke ins Auge. Dem Fotografen dienten sie als willkommenes Sujet, dem Wanderer als nicht weniger willkommene Sitzgelegenheit, um vor dem langen Gang an den Langenthaler Bahnhof noch einmal einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen.

10. Dezember 2025

Retro 2025 – 3

Frühling: Da sind der Gefühle und Eindrücke viele! Für mich unter anderem der unverwechselbare Ruf des Buchfinks, die verlockenden Temperaturen, das Gesumme von Bienen und eben ... und vor allem ... der unwiderstehliche Duft des Bärlauchs. Hinzu gesellt sich die schon fast subversive Frechheit, den Waldboden über und über mit wohltuendem Grün zu überziehen. Und wenn dieser Bärlauch einmal blüht! Forstlich-paradiesische Zustände sind das. Zumindest für mich.

So war es denn auch wieder einmal im März an und auf der Lägeren im Rahmen einer zweitägigen Wanderung von Baden auf den Hönggerberg im aargauisch-zürcherischen Grenzgürtel soweit. Bärlauch, Bärlauch, Bärlauch! Gibt es etwas Schöneres im Lenz, als sich zu Fuss durch die betörenden Felder zu bewegen? Ich meine nein. In diesem Sinne schlummert in mir, nebst der Vorfreude auf den nahenden Winter, bereits jene auf die übernächste Jahreszeit.

8. Dezember 2025

Retro 2025 – 2


Endlich war es im Februar soweit: Ich wanderte von Wolfenschiessen nach Stansstad. Vielleicht mag man nun denken, dass dies fürwahr kein besonders erwähnenswertes Ereignis darstellt. Weit gefehlt, weit gefehlt! Dieses «Endlich» bezieht sich auf einen kleinen Abschnitt dieser Wanderung: das Rotzloch! Es fehlte mir bislang in meinem Album fussgängerischer Taten.

Was in der Ära der Bildungsreisenden (18./19. Jh.) Bestandteil der damaligen «Grand Tour» war, ist längst zu einer etwas tristen Angelegenheit verkommen. Beim Rotzloch von heute handelt es sich einerseits um den Ausgang der kurzen, wenn auch spektakulären Rotzschlucht am Gestade des Alpnachersees, andererseits ist sowohl der Eingang als auch das Ende der Schlucht – eben das Rotzloch – derart industriell genutzt, dass von der einstigen Beschaulichkeit nicht mehr viel übrig geblieben ist. Immerhin ist der Schlucht ein gewisses Mass an Würde erhalten geblieben, was das Bild hoffentlich zu vermitteln mag.

Eine Frage, die sich beim «Rotzloch» indes unweigerlich stellt, ist jene nach der Bedeutung seines Namens. «Rotz» ist ja nicht gerade etwas, das man mit Angenehmem verbindet. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich beim Begriff jedoch um die ob- und nidwaldnerische Bezeichnung für «eine enge Öffnung in einem Felsband» handelt. Das Wort leitet sich angeblich vom romanischen «rokka» bzw. französischen «roche» (Fluh, Felsen) ab. Dieses entwickelte sich in der Gegend zu «rotschi» und später zu «rotsi». In den beiden Halbkantonen finden sich denn auch Namen wie «von Rotz», «Rotzmattli», «Rotzibüel» und eben … «Rotzloch».

5. Dezember 2025

Retro 2025 – 1


Im vergangenen Januar erledigte ich eine persönliche fussgängerische Restanz im Prättigau (GR). Hierbei ging ich von Pany via Lunden nach Grüsch. Und als wäre dieser phonetische Dreiklang nicht genug, kam ich auch durch das Örtchen Putz, dessen etymologische Herkunft ich an dieser Stelle gerne stehen lasse. Der Unterputzweg indes liess mir dann doch ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Dies zu Ehren aller Berufsleute, die mit Gebäudetechnik zu tun haben.

Allerdings kann ich an dieser Stelle verraten, dass in Putz leider kein Aufputzweg existiert.Fazit: Wer zu Fuss unterwegs ist, entdeckt an allen Ecken und Enden dieser Welt Grosses und Kleines, und sei es nur ein für Nicht-Prättigauer kurioser Strassenname.

24. November 2025

Winter im Herbst

Für einmal keine Autos und keine Biker: Bergerie de Court

Das Schöne an unseren Breitengraden sind nicht zuletzt die vier Jahreszeiten. Und eine jede hat was für sich. Die einen lieben den Sommer, die andern den Herbst oder den Winter. Viele ziehen jedoch den Frühling vor, weil die Temperaturen endlich wieder steigen und die Tage länger werden. Ich mag grundsätzlich jede Jahreszeit, wobei mir zunehmend der Sommer mit seinen unsäglichen Hitzewellen am Verleiden ist.

Besonders krass ist mein Empfinden jeweils, wenn es im Herbst zum ersten Mal so richtig schneit. Der Wechsel ist meist derart abrupt, dass mein Herz hüpft und ich nicht anders kann, als mich für ein paar Stunden winterfest zu machen. Dann nämlich ziehe ich los in die verschneite Natur, irgendwo hin, wo mich die aktuelle Schneehöhe problemlos wandern lässt. Wenn es so richtig kalt ist und «strubuusset», dann blühe ich auf.

Wenn sich Feld und Wald in Schweigen hüllen; wenn mir der Wind um die Ohren pfeift; wenn sich im Schnee die Spuren von Fuchs, Hase und Reh zeigen; wenn da und dort eine Meise zwitschert; wenn ich der Erste bin, der sich einen Weg durch den Schnee bahnt; wenn das Gelb der Wanderwegweiser meist als einziger Farbtupfer im Grau-Weiss der Umgebung auszumachen ist.

Vergangenen Freitag durfte ich diesem Naturwunder wieder einmal bewohnen. Ich stieg vom bernischen Sorvilier in der Vallée de Tavannes auf den Montoz und von dort via Bergerie de Court und dem Unteren Bürenberg hinab nach Reuchenette-Péry. Ein gut fünf Stunden dauerndes Wintermärchen, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

5. November 2025

Grosses Kino im Grossen Moos

Schon bald nach Beginn meiner Wanderkarriere vor über 40 Jahren stellte ich fest, dass hierzulande das Wandern meist unzertrennlich mit den Alpen in Verbindung gebracht wird. Oder anders ausgedrückt: Wer wandert tut dies in den Bergen. Doch weshalb besteht diese schon fast in Stein gemeisselte Verknüpfung? Ich kann sie mir nur so erklären, dass die Alpen als landschaftlich schön empfunden werden, was durchaus nachvollziehbar ist, und man seine wertvolle Freizeit, sofern man denn wandert, auch dort verbringen möchte und nicht in langweiligen Gegenden wie etwa dem Mittelland mit seinen Autobahnen, Städten und öden Wäldern. Ich kann diese Haltung bis heute nicht nachvollziehen, handelt es sich doch um ein ungerechtfertigtes Vorurteil gegenüber einem Landstrich, den man meint zu kennen, was in den meisten Fällen jedoch nicht der Fall ist.

Wie dem auch sei: Für mich als freischaffender Fussgänger bestehen in dieser Hinsicht keine vorgefertigten Meinungen. Es gibt überall schöne Ecken, die es fussgängerisch zu erkunden lohnt. Genau so wie man überall auch Hässliches vorfindet, und da schliesse ich die Alpen nicht aus. Der langen Rede kurzer Sinn: Vor knapp einer Woche beging ich im bernisch-freiburgischen Grossen Moos ein paar neue Abschnitte der Berner Wanderwege und war begeistert. Begeistert von den noch vorhandenen Herbstfarben, von der Weite, aber auch vom Wetterwechsel, der sich in diesen vier Stunden vollzog. Vom anfänglich bedeckten Himmel bis hin zu eitel Sonnenschein. Alles in allem: Grosses Kino im Grossen Moos!

Gemüsekammer Grosses Moos: Die Salaternte ist kurz vor Müntschemier (BE) in vollem Gang.



27. Oktober 2025

Fifty Shades of Herbst


Vor ein paar Tagen gönnte ich mir die lange Reise ins hinterste Onsernonetal. Was ich hier antraf, haute mich beinahe um: eine Farbenorgie sondergleichen. Ein Herbstidyll, als gäbe es keinen Frühling mehr. Und ein – im Gegensatz zur Alpennordseite – Bombenwetter. Sturmtief Benjamin machte sich lediglich mit einem frischen Lüftchen bemerkbar, das indes im Verlaufe des ersten Tages gänzlich abflaute.

Um 17 Uhr erreichte ich meinen bereits im Schatten liegenden Biwakplatz, von dem aus ich das ganze Onsernone bis hin zum Lago Maggiore überblickte. Es zeichnete sich eine kalte Nacht ab, die es dann auch wurde. Am anderen Morgen war der Boden steinhart gefroren, auf dem etwas höher gelegenen See hatte sich am Ufer entlang eine dünne Eisschicht gebildet. Doch die golden gefärbten Lärchen, das rostbraune Gras, gepaart mit einer umwerfenden Aussicht auf die nahen und fernen Gipfel der Tessiner Alpen liessen mich die Kälte vergessen. Meine Kamera lief heiss, die Fotomotive schrien mich förmlich an. Fifty Shades of Herbst. Ich war hin und weg.

15. Oktober 2025

Strassenbaukunst zum Anfassen

Die alte Averser Strasse überquert unterhalb von Cresta den Averser Rhein.


Als ich 1982 eigenständig zu wandern begann, kümmerte ich mich noch wenig um das Dies- und Jenseits meines Weges. Vielmehr stand die Besteigung eines Gipfels, die Überschreitung eines Passes oder einfach nur die Leistung im Vordergrund. Doch bald schon reichte mir das reine Wandern von A nach B nicht mehr. Ich wollte mehr über die per pedes durchmessene Gegend wissen. Da kamen mir Wanderführer mit Titeln wie «Wandert in der Schweiz solang es sie noch gibt» (Jürg Frischknecht, Limmat Verlag, 1987) oder «Unterwegs auf Walserpfaden» (Kurt Wanner, Walservereinigung Graubünden, 1989) oder «Wanderungen auf historischen Wegen» (Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz, Ott Verlag, 1990) gerade recht. Ich saugte den Inhalt dieser Bücher geradezu auf wie ein trockener Schwamm das Wasser.

In der Folge begann ich mich also mehr und mehr für geografische, historische, politische und kulturelle Themen zu interessieren, die sich mir als freischaffender Fussgänger en route darboten. Das reine Wandern als sinnfreie Aktivität begann mehr und mehr zu bröckeln und wich einer Betätigung mit unermesslichem Inhalt. Kurz: Der Fussgang wurde zum Vehikel, mein Heimatland vertieft zu erkunden und erforschen, aber auch kennen und lieben zu lernen. Und da ich von meiner Jugend her fotografisch tätig bin, hat sich eine Symbiose ergeben, die bis in die heutigen Tage andauert und vor 16 Jahren gar die Gründung meines eigenen Verlages bewirkte: die Edition Wanderwerk.

Wer sich also zu Fuss und mit einer tüchtigen Portion Chuzpe auf den Weg macht, dem oder der eröffnen sich auf Schritt auf Tritt kleinere und grössere Wunder, über die man sich mal mehr, mal weniger wundert. Überaus gestaunt habe ich in den vergangenen Tagen im bündnerischen Hochtal Avers, als ich mich endlich der alten Averser Strasse und somit einem historischen Verkehrsweg widmen konnte. Diese führt vom unteren Ende der Rofflaschlucht (1111 m) bei Andeer in 28 km hoch nach Juf (2126 m), der europaweit höchstgelegenen, dauerhaft bewohnten Siedlung. Der Bau dieser Strasse dauerte von 1890–1900. In den 1950er-Jahren wurde der alte Weg indes von einer komplett neu errichteten Strasse abgelöst. Diese hat in etlichen Abschnitten die alte Strasse ziemlich achtlos überprägt. 

Einige Passagen waren jedoch glücklicherweise erhalten geblieben. Kulturgeschichtlich interessierte Leute um den engagierten Forstingenieur Oskar Hugentobler aus Andeer und den Einheimischen Bruno Loi und Valentin Luzi aus dem Avers initiierten die Gründung des Vereins «Alte Averser-Strasse» zur Rettung des historischen Wegs und die Erschliessung einer durchgehenden Verbindung mit einem Wanderweg. Anno 2000 wurde der Verein alte Averser Strasse gegründet, womit die selbstauferlegte Arbeit beginnen konnte. Was daraus geworden ist habe ich neulich hautnah erleben und fotografieren dürfen. Hierbei beging ich den Abschnitt von Cresta, dem Hauptort des Avers, bis zur Abzweigung in die Val digl Uors, etwas oberhalb von Innerferrera. Und einmal mehr zeigte sich, dass die Bauingenieure und -arbeiter von damals ein unglaubliches Geschick an den Tag legten, was die Planung und Ausführung eines solchen Verkehrswegprojektes – und somit der Lebensader einer ganzen Talschaft – anbelangt.

23. September 2025

Strom und Rinnsal

Schreckhorn (4078 m) und Finsteraarhorn (4274 m) spiegeln sich im unteren Bach- oder Bachalpsee.


Die Jungfrau-Region gilt gemeinhin als touristischer Hotspot. Zoomt man ein wenig näher heran, kristallisieren sich die stark frequentierten Orte schnell heraus: Interlaken, Harder, Iseltwald, Schynige Platte, Lauterbrunnen, Mürren, Schilthorn, Wengen, Grindelwald, Kleine Scheidegg, Männlichen, Jungfraujoch, Grindelwald, First. Alles Orte, die mit dem öV sehr gut erschlossen sind und es der gehfaulen Masse ermöglicht, ohne grossen Aufwand die alpine Einzigartigkeit aus der Nähe zu betrachten.

Es gibt in der Region indes ein paar kurze Wanderungen, die bei schönem Wetter die Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt zu ein paar Schritten verleiten. Nebst den beiden Klassikern Männlichen–Kleine Scheidegg und Mürren–Winteregg ist es der Spaziergang von der First zum Bach- oder Bachalpsee und wieder zurück. Und ja, dieser rund zweistündige Gang ist in der Tat wunderbar, befindet man sich doch genau gegenüber von Wetter-, Schreck- und Finsteraarhorn. Das Ganze wird am Bachsee gekrönt durch die Spiegelung der Berge im See, Windstille vorausgesetzt.

Wie die Erfahrung zeigt, lohnt es sich, derartige Ziele entweder am frühen Morgen oder späteren Nachmittag aufzusuchen. Nur so ist es möglich, den unglaublichen Massen auszuweichen. Genau dies tat ich am vergangenen Freitag. Es herrschte ein Traumwetter sondergleichen, die Lufttemperatur war um 9 Uhr auf 2200 Meter auf bereits unanständige 24° geklettert, der Besucheraufmarsch hielt sich wie erhofft in einem erträglichen Mass. Beim unteren der beiden Seen angekommen, nahm ich mir eine Viertelstunde Zeit, die wirklich sagenhafte Bergkulisse trotz Gegenlicht möglichst stilvoll abzulichten. Dann ging es weiter, dem oberen Bachsee entlang in Richtung Faulhorn. Hier waren noch weniger Leute unterwegs als auf dem Weg von der First zum Bachsee. Es kamen mir aber auch erste Wanderer entgegen, die auf dem Faulhorn übernachtet haben. 

Endgültig einsam wurde es jedoch, als ich bei der Burgihitta, einer einfachen Schutzhütte, rechts abbog und mich auf schmalem Bergpfad zum Tierwang aufmachte. Beim Tierwang angekommen, stieg ich über das Sulzibiel ab, um zurück auf die inzwischen stark bevölkerte Hauptroute First–Bachsee zu gelangen. Erneut beim Bachsee angelangt, nahm ich einen Pfad unter die Füsse, der mich hinab zum Bachläger führte. Und auch auf diesem Abschnitt waren kaum Leute unterwegs. Dasselbe war dann auch auf dem durch einen imposanten Steilhang führenden Weg hoch zum First der Fall.

Einmal mehr zeigte es sich, dass der Mensch in seiner Eigenschaft als Herdentier, vornehmlich den ausgetretenen Pfaden folgt und somit dem achtsamen Individualisten die Möglichkeit bietet, nach wie vor seine Ruhe zu finden. Und das ist gut so.

13. September 2025

Eine Höhle als literarischer Schauplatz

Der unscheinbare Eingang zur Höhle


Neulich stattete ich dem Neuenburger Jura – ein wenig Waadtland kam dann noch hinzu – ein literaturgeschichtliches Besüchlein ab. Ich tat dies im Zusammenhang mit einem historischen Roman, der in absehbarer Zeit in meinem Verlag erscheinen wird. Besonders gespannt war ich auf einen kurzen Abstecher zu einer Höhle, die im Roman eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Allein der Zugang hatte es in sich. Ein mit Ketten gesicherter Pfad führte von einem Hochplateau durch eine Steilwand hinab zum Höhleneingang. Bewaffnet mit einer Stirnlampe befuhr ich die doch recht kurze Grotte bis zu ihrem Ende, das sich als Öffnung mitten in einer Felswand entpuppte. Dementsprechend atemberaubend war hier der Tiefblick ins enge Tal.

Blick vom Höhleneingang nach draussen


Die zweitägige Wanderung, vorbei an weiteren Schauplätzen des Romans – er spielt übrigens zur Zeit des Franzoseneinfalls am Ende des 18. Jahrhunderts –, hat mir einmal mehr die Schönheit des Westschweizer Juras vor Augen geführt. Daher freue ich mich schon jetzt auf die Veröffentlichung des Titels, über den ich an dieser Stelle bewusst nicht mehr verrate.

Nach 2/3 des mit einer Kette gesicherten Höhlengangs wartet diese Säule

Die Höhle endet bei einem anderen, von aussen kaum zugänglichen Eingang

Blick von oberhalb der Höhle in die nahe Umgebung


23. August 2025

Einmal mehr der Hitze entflohen

Was gibt es schöneres, wenn du als alternder Vater einen Sohnemann weisst, der dieselbe Passion mit dir teilt: Draussen zu Fuss in der Natur unterwegs zu sein und daselbst auch zu nächtigen. Also machten wir uns, der Hitze weichend, am vorletzten Wochenende auf, um auf wenig begangener Route von Lauenen über den Stüblenipass an die Lenk zu gelangen, Zeltübernachtung auf über 2000 Metern über Normalnull inklusive. Ein lohnendes Unterfangen, wie meine.