30. November 2022

Historisches aus dem Tessin

Hermann Aellen: Die Lawine von Gurin,
Edition Wanderwerk, Burgistein, 2022
Selten bisher habe ich an einem Buch über einen derart langen Zeitraum gewerkelt. Doch nun ist das Büchelchen von der Druckerei angeliefert worden und meine Freude gross. Die Rede ist von Hermann Aellens historischem Roman «Die Lawine von Gurin».

Das Tessiner Walserdorf Gurin gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Bedroht von der Bodenalplawine und unter der Knutte des Landvogts der ennetbirgischen Vogtei Meiental. Im Dorf herrschen Neid und Missgunst. Der gefürchtete Niedergang der Lawine fordert einmal mehr zahlreiche Menschenleben. Doch nach und nach raufen sich die Guriner zusammen und beginnen, sich gegenseitig zu helfen.

Gleichzeitig beginnt es südlich des Gotthard zu rumoren. Mit dem Nahen der Französischen Revolution und somit Napoleons Truppen, wittert die Bevölkerung die Chance, sich aus dem Regime der eidgenössischen Vögte zu befreien. Der Aufstand ist bloss von kurzer Dauer und die Geburtsstunde der Republik und somit des Kantons Tessin lässt nicht lange auf sich warten.

Hermann Aellen gelingt es, einen grossen Bogen vom kargen Leben des kleinen Bergdorfs Gurin über das eidgenössische Machtgebaren bis hin zur Napoleon’schen Politik zu spannen und die damalige Zeit realitätsnah zu schildern.

Ich habe den Text behutsam überarbeitet und mit Anmerkungen versehen. Eine Biografie Aellens sowie ein Flurnamenverzeichnis Gurins runden den gefälligen und äusserst rucksacktauglichen Band ab.  So bleibt mir nun nichts Anderes übrig, als der geneigten Leserschaft «Die Lawine von Gurin» herzlich zur Lektüre zu empfehlen. Das Buch kann auf der Webseite meines Verlägleins bestellt werden: Edition Wanderwerk

Über den Autor
Hermann Aellen wurde am 24.5.1887 als Sohn eines Lehrers in Oberbalm bei Bern geboren. Studium der Geschichte und Literatur in Bern. 1908–11 Redaktor am «Oberländer Tagblatt» in Thun, 1911–12 am «Brugger Tagblatt», 1913 an der «Tessiner Zeitung» in Locarno, 1915–19 als Nachfolger Rudolf von Tavels beim «Berner Tagblatt», 1921 Gründer und bis 1923 bzw. 1935–39 Redaktor der «Südschweiz», ab 1929 auch Feuilletonredaktor der «Neuen Berner Zeitung». 1912 Mitbegründer des Schweizerischen Schriftstellervereins, Herausgeber des «Schweizer Schriftstellerlexikons» (1918) und des «Schweizerischen Zeitgenossen-Lexikons» (1920–23). Sein literarisches Werk, von Heinrich Federer beeinflusst, zeigt eine Vorliebe für nationale Stoffe in Geschichte und Gegenwart und ist geprägt von romantischer und der Sehnsucht nach dem Süden. In seiner Tessiner Publizistik wirkte er auf eine Versöhnung von deutscher und italienischer Schweiz im patriotischen Geist der geistigen Landesverteidigung. Aellen starb am 26.9.1939 in Minusio bei Locarno.

28. November 2022

Mergim und die 100.

Das zwischen Bern und Burgdorf gelegene Lyssach ist ein sonderbarer Ort. Der alte Dorfkern besticht durch behäbige Bauernhäuser, die nordnordwestlich davon sich befindende Zone ist das pure Gegenteil davon. Hier führen sowohl die Autobahn A1 als auch die Bahn-2000-Strecke durch, welche beide die Metropolen Bern und Zürich miteinander verbinden. Hinzu gesellt sich die sogenannte Shopping-Meile mit IKEA, Jumbo, Lumimart, Livique, Chicorée, Erotik Markt, BabyOne, Fressnapf, MediaMarkt, Ochsner Sport, Möbel Pfister, Fust, Qualipet, New Yorker, Bonita, Golfers Paradise, Schlafhaus, Bernerland Bank, Interdiscount, Jysk, Maxi Bazar, diga möbel, Dondi Salotti, mehreren Restaurants, einer Bäckerei und einem vorübergehend geschlossenen Bordell. 

Wer immer auch Mergim sein mag: der Ornithologische Verein Kirchberg in Aktion.


An einem Ende dieser Gewerbezone führte mich am Samstag meine Wanderung von Lyssach nach Bätterkinden durch. Die Bernstrasse in Lyssach sollte jeder Automobilist dies- und jenseits der Saane mindestens einmal im Leben gesehen haben, auf dass er hernach über dieses Sodom und Gomorra der neuzeitlichen Konsum- und Mobilitätsdegeneration meditieren möge.

Das Gute an diesem Ort des Grauens ist indes die wandertechnische Fortsetzung, nachdem man Autobahn und Bahn unterquert und der ganze Gewerbezauber hinter sich gelassen hat. Dann nämlich beginnt ein hübsches Waldgebiet, das den permanenten Autolärm zunehmend verschluckt, je mehr man sich ins Forstinnere begibt. Plötzlich fiel mir an einem Baum ein markanter Nistkasten auf. Auf einer angebrachten Plakette stand in Grossbuchstaben «MERGIM» und kleiner darunter «OV K'berg». OV K'berg steht für Ornithologischer Verein Kirchberg, Mergim für einen männlichen Vornamen aus Albanien mit der Bedeutung «Emigration». Schmunzelnd fragte mich, was dies nun zu bedeuten habe. Ein Mergim als Nistkastensponsor für Vögel? Oder Mergim als Synonym für in diesem Wald nistende Zugvögel, also migrierende und piepende Flugobjekte?

Ein paar Schritte weiter kam ich einer möglichen Erklärung auf die Spur, denn der nächste Nistkasten trug den Namen «ERONA», der übernächste «DIELAXSHAAN»  und einer weiter das erotisch klingende «AMINA», gefolgt von einem Kasten mit zwei Namen, nämlich «EMILIA» und dem vertrauten «KATHARINA». Meine Interpretation dieser Vornamensexotik im Rumiwald: Der Ornithologische Verein Kirchberg setzte im Sinne eines Joint Ventures zusammen mit der Primarschule Kirchberg ein Nistkasten-Bauprojekt um. Als Dank für die geleisteten handwerklichen Dienste der Schülerinnen und Schüler nagelte der «OV K'berg» eine Namensplakette an jeden Nistkasten und zwar jeweils passend zum Schreiner/zur Schreinerin desselben. In einem zweiten Schritt gingen die Vogelfreunde mit der Klasse in besagten Rumiwald und montierten die Kästen just an jene Bäume, wo sie heute noch hängen. Und falls es wirklich so war, dann Hut ab vor dieser genialen PR-Aktion der Ornithologen, denn, welches Kind will seinen Eltern nicht den personalisierten Nistkasten zeigen, wie er da so im Wald hängt und vielleicht schon bewohnt ist? Und welcher Lokaljournalist berichtet nicht gerne über eine solche Aktion? Gute Sache!

Meine Route zog sich, einmal dem Wald entronnen, zuerst dem Flüsschen Urtenen und sodann er Emme entlang. Es herrschte eitel Sonnenschein und dank des tiefen Sonnenstandes wunderbares Licht. Die Lyssacher Konsummeile war bald einmal vergessen, nicht zuletzt auch, weil ich mich darüber freute, heute die 100. Wanderung in diesem Jahr zu zelebrieren. Mit einer unheimlich geschwellten Brust lief ich schliesslich in Bätterkinden ein. Fotos dieser Wanderung gibt es hier.

26. November 2022

Keiner ist ohne Fehl

Gertrud Schneller: Keiner ist ohne Fehl,
Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich
«Keiner ist ohne Fehl». Unter dieser Devise erzählt Gertrud Schneller die Geschichte eines Pfarrers, eines gütigen selbstlosen Menschen, der seinen Beruf ernst nimmt und vom Willen beseelt ist, seinen Mitmenschen aus vollem und aufrichtigem Herzen zu helfen. Dabei stellt er sein eigenes Leben zurück, aber auch das seiner Familie, und seine liebesbedürftige Frau leidet darunter. Die Konflikte zu Hause häufen sich, besonders, da der Pfarrer durch die egoistische Art seiner Frau abgestossen wird. So fühlt er sich zu einem weicheren, gütigeren Mädchen hingezogen, doch seine Berufung als Seelsorger geht allem andern vor. Aber gerät er nicht gerade dadurch in menschliche Schuld? Packend werden diese inneren und äusseren Kämpfe von der Autorin dargestellt, wirklichkeitsnah mit Menschen aus Fleisch und Blut. Sehr eindrucksvoll kommt dabei zur Darstellung, dass wir uns hüten sollen, einen Stein auf unseren Nächsten zu werfen, sondern vielmehr erkennen mögen, dass auch beim besten Wollen keiner von uns ohne Schuld durchs Leben geht. (Klappentext)

22. November 2022

Wenn die Erde verstummt

Samuel Chevallier: Wenn die Erde verstummt,
Verlag Mon Village, Vuillens, 1961
Als der Verlag «Mon Village» gegründet wurde, setzte er sich die Herausgabe guter Heimatbücher zum Ziel. Diesem Verlagsprogramm wurden die Romane und Novellen des Bauernschriftstellers Albert-Louis Chappuis gerecht, dessen vier Bände grossen Erfolg verzeichneten.

Nun stellt sich neu Samuel Chevallier in die Reihe der beliebten Schriften. Durch unzählige Radiosendungen in der Welschschweiz bestens bekannt, trifft er sprachlich und im Gehalt der Aussage auch die Denkweise des Deutschschweizers, so dass ihm zu Stand und Land – wie das bei allen Büchern dieser Serie der Fall war – viele Freunde erwachsen werden. (Klappentext)

VD: Fiktives Waadtland nördlich von Lausanne

Über den Autor
Samuel Chevallier wurde am 14. Mai 1906 in Grandevent (VD) bei Grandson geboren. Nach dem Rechtsstudium in Lausanne und Praktika in Bologna und Heidelberg war er von 1934–43 Stadtschreiber von Lausanne. Anschliessend wechselte er zum Journalismus, wo er vor allem im Westschweizer Radio tätig war. Bekannt wurde er besonders durch seine wöchentliche Sketchsendung «Le Quart d'heure vaudois» (1941–69), aber auch durch Volksstücke wie «L'Incendie» (1949), «Le Silence de la terre» (1953) und einige Romane. Sein politisches Engagement galt der Propagierung der pazifistischen Initiative «L'œuf de colombe» (1954), die für ungültig erklärt wurde. Er war Mitglied der Studentenverbindung Helvetia und Preisträger der Société des auteurs dramatiques de langue française (1959). Samuel Chevallier verstarb am 26. September 1969 in Lausanne. 

20. November 2022

Der Philosoph des Freikletterns

Rheinhold Messner: Der Philosoph des
Freikletterns, Piper, München, 2011
Der Österreicher Paul Preuss (1886–1931) hat die Geschichte des Alpinismus geprägt wie kaum ein anderer Bergsteiger. Mit seinem Eintreten für den reinen Kletterstil ohne Haken wurde er zum Vordenker des Freikletterns. Seine kühnen Thesen untermauerte er durch bahnbrechende Alleingänge in den Alpen. Rheinhold Messner stellt uns den «komplettesten Bergsteiger der Alpen» vor und schildert, warum seine Ideen bis heute nichts von ihrer Sprengkraft eingebüsst haben. (Klappentext)

18. November 2022

Der Rutsch vom Krauchthal

Mir fällt gerade auf, dass ich auf meinen Wanderungen in letzter Zeit gehäuft seltsamem, wenn nicht gar morbiden Situationen begegne. Da war neulich der von Mario Botta konzipierte und nun zerbröckelnde Aussichtsturm auf dem Moron. Vor ein paar Tagen machten Polizei und Rega auf sich aufmerksam, die, so meine Vermutung, das Auto eines während der Fahrt verstorbenen Lenkers aus einem bewaldeten Graben im St-Immertal bargen. Oder dann die sonderbare Inschrift an einem morschen Schuppen im feuchten Feisteregrabe bei Krauchthal, die ich im Oktober anlässlich der 16. Etappe meines Spiralwanderprojektes unter dem Vordach entdeckte:

Im Feisteregrabe bei Krauchthal, wo sich Professor Rutsch das letzte Mal «im Felde» aufhielt.


Natürlich nahm es mich wunder, um wen es sich bei diesem «Prof. Rolf Rutsch, Geologe, 1902–1975» handelte, der offenbar am 25. Mai 1975 zum letzten Mal in seinem Leben hier herumstreifte.

Unter dem Vordach dieser Lotterhütte entdeckte ich die Inschrift.

Einmal mehr wurde ich im Internet fündig. Ich stiess auf einen Nachruf aus den USA, den ich auszugsweise auf Deutsch übersetzte und dabei nicht schlecht staunte, um wen es sich bei diesem Rolf F. Rutsch handelte, und dass er 19 Tage vor seinem Tod zum letzten Mal im Feisteregrabe bei Krauchthal «im Felde» war. Doch man lese selber:

In Erinnerung an Rolf F. Rutsch

von Hollis D. Hedberg

Durch den Tod von Professor Dr. Rolf F. Rutsch am 13. Juni 1975 verlor die Geologie eine ihrer herausragenden und schillernden Persönlichkeiten des Geologischen Instituts der Universität Bern.

Rolf Rutsch wurde am 11. August 1902 in Rapperswil bei Bern geboren. Sein Vater war Arzt. Der junge Rolf besuchte die Volksschule in Bern und sammelte schon in jungen Jahren Gesteine in den Steinbrüchen der Umgebung. So ist es nicht verwunderlich, dass er später an der Universität Bern Geologie als Hauptfach studierte.

Er schloss sein Studium 1921 bei Professor Arbenz in Bern und während eines Semesters bei Professor Buxtorf in Basel mit dem Bakkalaureat [heute Bachelor] ab. Er promovierte 1926 in Bern mit einer Dissertation über die «Geologie des Belpbergs: Beiträge zur Kenntnis der Stratigraphie, Paläontologie und Tektonik der Molasse südlich von Bern», die mit dem Edward-Adolf-Stein-Preis ausgezeichnet wurde.

Rolf F. Rutsch (1902–1975)
Von 1927 bis 1937 war Rutsch Kustos des Naturhistorischen Museums in Basel. Während dieser Zeit entwickelte er ein aktives Interesse an der Karibik und ihren Bezug zum Mittelmeerraum, angeregt durch Dr. H.G. Kugler und seine Mitarbeiter, die einen Grossteil des fossilen Materials lieferten, an dem er arbeitete. 1933 begann er auch seine Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft bei der geologischen Kartierung der Schweiz mit der Veröffentlichung von «Beiträgen zur Geologie der Umgebung von Bern», eine Tätigkeit, die er sein ganzes Leben lang fortsetzte und die zur Ergänzung des Geologischen Atlas der Schweiz durch zahlreiche Blätter führte.

1935 habilitierte sich Rutsch an der Universität Basel mit der Arbeit «Die Gastropoden aus dem Neogen der Punta Gavilan in Nord-Venezuela». 1940 wurde er Privatdozent für Geologie und Paläontologie in Bern. In den Jahren 1946 und 1947 vertrat er Professor E. Wegmann an der Universität Neuchâtel. Im Jahre 1948 wurde er zum «nebenamtlichen Extraordinarius» und 1964 zum «vollamtlichen Extraordinarius» in Bern ernannt. Seit 1972 war er emeritierter Professor.

In der Zeit von 1937 bis 1956 war Rutsch in Teilzeit als Berater für Paläontologie und Stratigraphie für verschiedene Ölgesellschaften tätig: Shell, North Venezuelan Petroleum, Trinidad Leaseholds und Gulf Oil. Er war auch als Berater für Grundwasservorkommen, Ingenieurgeologie sowie Mineral- und Erdölvorkommen in der Schweiz tätig und arbeitete als geologischer Sachverständiger für den Bund sowie für verschiedene Kantone. Von 1940 bis 1945 war er im geologischen Dienst der Schweizer Armee. In den Jahren 1960 und 1962 unterstützte er das Büro für technische Hilfe der Vereinten Nationen (UNO) beim Aufbau einer paläontologisch-stratigraphischen Einrichtung in Israel.

Rolf Rutsch war Mitglied in vielen nationalen und internationalen geologischen Organisationen. Im Jahr 1957 wurde er Mitglied der Geological Society of America. Er bekleidete unter anderem folgende Ämter: Präsident der Bergbaukommission des Kantons Bern; Präsident der Hydrologiekommission des Kantons Freiburg; Präsident der IUGS-Kommission für Stratigraphie (1965–1968); Präsident des IUGS-Komitees für die Stratigraphie des mediterranen Neogens (1964–1967); Sekretär der Schweizerischen Geologischen Gesellschaft (1947–1951); Präsident der Schweizerischen Paläontologischen Gesellschaft (1951–1952); Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Erdölgeologen und -ingenieure (1951–1957) und später Ehrenmitglied; Präsident der Berner Naturforschenden Gesellschaft (1953–1955).

Professor Rutsch ist wahrscheinlich am besten bekannt für seine herausragenden Arbeiten in der Molluskenpaläontologie, in der Stratigraphie und in der regionalen Geologie und geologischen Kartierung der Schweiz. Er war jedoch ein vielseitig begabter Mensch, der seine Interessen in der wissenschaftlichen und angewandten Geologie erfolgreich miteinander verband. Im Laufe seiner Karriere verfasste er mehr als hundert wissenschaftliche Arbeiten, nicht nur in den Bereichen Paläontologie, Stratigraphie und regionale Geologie, sondern auch in so unterschiedlichen Bereichen wie Sedimentpetrologie, Tektonik, Karsttopographie, Erdölgeologie, Grundwasser, Bausteine, Vergletscherung, stratigraphische Klassifizierung, biologische Evolution, Karibik und Geschichte der Geologie. Das breite Spektrum seiner Interessen und Fähigkeiten zeigt sich nicht zuletzt in der umfassenden Bibliographie. Er war zudem Herausgeber der Reihe «Contributions to the knowledge of tropical American Tertiary Mollusks», die von 1934 bis 1942 in den Eclogae Geologicae Helvetiae veröffentlicht wurde und von denen er auch viele verfasst hat. Er war Herausgeber der Beiträge über die Schweiz im Internationalen Stratigraphie-Lexikon. Er war auch massgeblich an der Erstellung des imposanten Bandes der Proceedings of the Committee on Mediterranean Neogene Stratigraphy, 1970, beteiligt.

Meine erste Bekanntschaft mit Rolf Rutsch entstand durch seine äusserst wichtigen Beiträge zur Paläontologie und Stratigraphie des Tertiärs in der Karibik in den Jahren 1930 bis 1943, die die Aufmerksamkeit auf die stratigraphische Nützlichkeit von Tubulostium, den planicostaten Venericardia und anderen Mollusken lenkten und für die in dieser Region tätigen Geologen einen Segen darstellten. Ungefähr zu dieser Zeit (1939) verfasste er eine sehr anregende Arbeit über die Beziehung zwischen paläozänen Mollusken der Karibik und des Mittelmeerraums und ihre Bedeutung für die Hypothese der Kontinentaldrift. Rutsch schloss vorausschauend: «Diese Beziehung ist so eng, dass die Existenz eines Atlantischen Ozeans in seiner heutigen Form für das älteste Tertiär fast ausgeschlossen ist.»

Viel später arbeitete ich mit ihm auf dem Gebiet der stratigraphischen Klassifikation zusammen, wo ich dazu beitrug, ihn davon zu überzeugen, den Vorsitz der Internationalen Kommission für Stratigraphie zu übernehmen. Er war auch Gründungsmitglied der Internationalen Unterkommission für stratigraphische Klassifikation und ein entschiedener Verfechter ihrer Grundsätze, die er durch seine eigene Arbeit und die seiner Studenten in die Praxis umsetzte. Er war ein überzeugter Anhänger des Prinzips der Stratotypen und veröffentlichte unter anderem Arbeiten über die Typusabschnitte des Aquitaniums, Neokomiums, Helvetiums, Valanginiums, Hauteriviums und anderer Einheiten. Obwohl die helvetische Stufe heute nicht mehr verwendet wird, ist es von Interesse, dass Professor Rutsch vor einigen Jahren persönlich den kleinen, geologisch interessanten Imihubel* bei Bern erworben hat, um ihn zu erhalten.

Rolf Rutsch war ein geradliniger, offener Mensch, der wenig Geduld mit Intrigen und politischen Manövern in wissenschaftlichen Kreisen hatte. Er war ein treuer Freund und ein starker, entschlossener und fähiger Verfechter seiner Überzeugungen in wissenschaftlichen Fragen. Trotz seiner auffallend strengen, kritischen wissenschaftlichen Haltung und seiner etwas schroffen Art war er ein freundlicher, geselliger Mensch, der eine führende Rolle bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Aufgaben übernahm. Er war zweimal Präsident des örtlichen Rotary Clubs und eine Autorität auf dem Gebiet der Berner Volkskunde, mit einem Fundus an Anekdoten über den Berner Charakter und seine Eigenheiten. Übertroffen wurden seine wissenschaftlichen Fähigkeiten vielleicht nur noch durch sein Können auf dem Schweizer Akkordeon, dem «Schwyzerörgeli». Sein Verlust wird von vielen Kollegen und Freunden tief empfunden.

*Der Imihubel (981 m) ist ein wenig bewaldeter Hügel im Schwarzenburgerland in der Nähe von Niedermuhlern. Nach Nordosten fällt er sanft gegen das Gürbetal hin ab. Im Süden bildet das kurze Erosionstal Fure und der steile Hang der Rappeflue seine Begrenzung. Das Gebiet des Imihubels gehört geologisch der mittelländischen und subalpinen Molasse an in welcher sich fossile Versteinerungen finden, die wissenschaftlich [u.a. auch von Rutsch] untersucht worden sind. (Quelle: Wikipedia)

15. November 2022

Was war da?

Stell dir vor, du beginnst  an einem kühlen Novembermorgen vom Tal auf dessen Schattseite den Berg hinanzusteigen und wirst auf einem Strässchen, das zu einem einsam gelegenen Bauernhof führt, von einem Polizeiauto überholt. Auf der Karte siehst du, dass beim Hof das Strässchen zu Ende ist und für ein Auto die Fahrt nicht mehr weitergeht. Da macht man sich schon so seine Gedanken. Beim unbewohnten Gehöft angekommen, entdeckst du zwei Polizisten, die ihr Fahrzeug etwas abseits hingestellt haben und einfach dastehen und warten. Dein Weg führt indes von den Hütern des Gesetzes weg, hinein in den Steilwald. Doch kurz bevor du ihn betrittst, nähert sich über dir ein Rega-Helikopter. Gut möglich, dass bei dir langsam ein Film abzulaufen beginnt. Mir ist dies am vergangenen Samstag auf jeden Fall so ergangen.

Worauf wartet die Polizei am Schattenhang bei Renan (BE)?


Ich war erst vor gut zehn Minuten am Bahnhof von Renan im Vallon de St-Imier gestartet, als sich oben beschriebene Szene zutrug. Der Heli kreiste über dem von mir zu durchwandernden Waldgebiet, drehte nach 5 Minuten ab, kam noch einmal zurück und verstummte jedoch bald. Als ich nach rund 20 Minuten aus besagtem Wald trat, erblickte ich auf der Weide vor mir den Heli erneut. Der Pilot und sein Helfer standen, den zwei Polizisten von vorhin nicht unähnlich, nichts tuend um die rot-weisse Maschine herum. Vom oberhalb gelegenen Hof schlurfte der Bauer über den Abhang, zückte ab und zu sein Smartphone und verewigte mit der Kamera den wohl nicht alltäglichen Besuch.

Fast zeitgleich mit der Polizei rückt die Rega heran.


Nachdem auch ich ein paar Fotos gemacht hatte, zog ich weiter und überlegte, was da wohl los war. Da es nicht meine Art ist, bei Unfällen den Schaulustigen zu markieren, ging ich also nicht zu den Rega-Leuten, um die Gwundernase zu stillen. Wenig später wurde der Heli wieder gestartet und hob ab in den besonnten Morgenhimmel. Das Flugobjekt verschwand rasch aus meinem Blickfeld und ich konnte mich in Ruhe meinem Gang über die zu dieser Jahreszeit einsamen Jura-Alpweiden, den sogenannten Métairies, widmen.

Dennoch liess mich das Gesehene nicht los. Auf der Heimfahrt im Zug zückte ich mein Handy und begann zu googeln. «Unfall Renan» gab ich ein, doch da wurde mir nichts angezeigt, dass der Situation von heute Morgen entsprach. Selbst die Seite der Kantonspolizei Bern vermeldete keinen Unfall in Renan. Zu Hause angekommen, startete ich einen neuen Versuch. Doch zuvor vergewisserte ich mich, in welcher Gemeinde sich das Ganze zutrug. Und siehe da: Das Polizeifahrzeug stand auf Boden der Gemeinde Renan, der Heli indes auf jenem der Gemeinde Sonvilier. Also tippte ich «Unfall Sonvilier» ein. In der Tat, da war was! Und zwar genau an jenem Ort zwischen Hubschrauber und Polizei, einem Graben, durch den die Gemeindegrenze von Renan und Sonvilier verläuft.

Worauf warten die Rega-Leute oberhalb von Sonvilier?


In einem Bericht der Berner Zeitung las ich, dass sich vor gut zwei Monaten an besagter Stelle ein Unfall ereignet hat, wonach ein 64-jähriger Lenker vermutlich wegen eines medizinischen Problems bergauffahrend in einer Linkskurve über die Strasse geraten und mit dem Auto rund 30 Meter den Waldhang hinuntergedonnert ist. Weiter las ich, dass der Mann bereits mehrere Tage dort unten gelegen hatte, ehe er entdeckt wurde. Das Fahrzeug würde zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Kran geborgen, stand da auch noch.

Soweit so schlecht, aber was war da nun, zwei Monate nach diesem Unfall? Die Bergung des Autos mit der Rega? Nachträgliche Untersuchungen der Staatsanwaltschaft, der Polizei, der Kripo oder gar der Mordkommission? Ich werde es wohl nie erfahren, und das ist auch gut so. Sollte ich indes je einmal einen Kriminalroman schreiben, das Setting fürs erste Kapitel läge vor. Fotos

13. November 2022

Gipfeltreffen

Blanca Imboden: Gipfeltreffen,
Wörterseh, Gockhausen, 2017
Was mit dem Bestseller «Wandern ist doof» seinen Anfang nahm, erfährt endlich die lang ersehnte Fortsetzung. Conny, die Frankfurter Kreuzworträtselkönigin, die sich im ersten Buch in Toni, den Innerschweizer Bergführer, verliebt, dann aber nach Deutschland zurückreist, macht einen grossen Schritt: Sie kündigt ihren Job als Hotelrezeptionistin und zieht in die Schweiz. Auf dem Urmiberg, oberhalb Brunnen, führt sie – zusammen mit Toni – ein Bergrestaurant mit eigener Seilbahn und fantastischer Aussicht. Dort oben ergibt sich bei einem Tête-à-Tête die Idee, die Wandergruppe, der sie ihre Liebe zu verdanken haben, spontan zu einem einwöchigen Wiedersehen auf den Urmiberg einzuladen. Irrtümlich erreicht die E-Mail mit der frohen Botschaft nicht nur jene «Wanderfreunde», auf die man sich freut.

Was dann alles passiert, sei hier noch nicht verraten. Nur dies: Es wird diesmal nur gewandert und nicht mehr gefastet. Es gibt auch jetzt wieder ein Desaster, vor allem aber gibt es Versöhnung und Neubeginn, Natur und Geselligkeit und ein dickes Happy End.

Wie schon im Buch «Wandern ist doof» kommen die Leserinnen und Leser auch beim jetzt vorliegenden Nachfolger der Wander-Schweiz ein grosses Stück näher: Den Urmiberg gibt es tatsächlich und die im Buch beschriebenen Wanderungen auch. Also: Rucksack packen, die Seilbahn auf den Urmiberg besteigen, sich dort Kaffee und Kuchen gönnen, und dann ab in noch höhere Höhen. Wandern ist definitiv nicht doof!
(Klappentext)

SZ: Urmiberg, Gottertli, Gätterlipass, Rigi, Brunnen, Morschach, Schwyz

11. November 2022

Tagebuch 1896–1947

Charles Ferdinand Ramuz: Tagebuch
1896–1947, Huber, Frauenfeld, 1982
Charles Ferdinand Ramuz ist nicht nur der Schöpfer der grossen Romane, die seinen literarischen Rang ausmachen. Er hat auch zwei bedeutende Tagebücher verfasst, die in diesem Band zusammengefasst sind. Auf den ersten Seiten seines Tagebuches schreibt er: «Scheu bin ich geboren und empfindlich bis zum Exzess. Ein Nichts erzürnt mich, ein Nichts verletzt mich.» Diese starke Sensibilität durchzieht dieses Tagebuch, das sein Werk wie ein Kommentar, erläuternd, fragend oder rechtfertigend ein Leben lang begleitet hat. Was ihn bewegt, sind nicht nur künstlerische Fragen. Er, der immer um ein tragfähiges künstlerisches Selbstverständnis rang, hat sich, betroffen und beteiligt, auch mit der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit auseinandergesetzt. Gewichtige Fragen, wie die «bürgerliche Gesellschaft », der sowjetische Kommunismus, neue physikalische Entdeckungen, sein «Heimatverständnis », haben ihn nachhaltig bewegt.
 
Eine besondere Tragik überschattet sein zweites Tagebuch (1942–1947). Es spiegelt den gegen sein Lebensende mit aller Bitterkeit der Todesnähe beschwerten Menschen. Es sind nicht mehr Aufzeichnungen eines schaffenden, sondern die qualvollen Erkenntnisstationen eines nicht mehr schaffen könnenden Künstlers. Es gibt vielleicht im Werk von C.F. Ramuz nirgends so viel Verzweiflung und Düsterkeit wie in diesen letzten Tagebuchblättern. «Ich stehe nur noch dabei, ich nehme nicht mehr teil», sagt er einmal. Aber das Tagebuch als Ganzes gibt den Blick auf eine grosse Gestalt frei, als die C.F. Ramuz in die Literaturgeschichte eingegangen ist.

9. November 2022

Heggidorn – Laupen

Ländlichkeit pur: Rüplisried, genau 15,3 km (Luftlinie) WSW des Bundeshauses.

Der Westen Berns ist geprägt von einem grossen Waldstück, dem Forst. Zwischen diesem Forst und der Saane erstreckt sich ein wenig bekannter Landstrich mit dem Städtchen Laupen als südwestlicher Eckpfeiler. Die zahlreichen, in der sanft gewellten Topografie verstreut liegenden Weiler und Höfe tragen urige Namen wie: Rosshäusern, Juchlishaus, Rüplisried, Spengelried, Bärfischenhaus, Süri, Löhli, Däntsch. So weit ab vom Schuss dies alles klingt, so nahe lag der Landstrich einst am internationalen Geschehen. Im Norden der Ecke liegt die Bahnlinie Bern–Neuenburg, auf der bis vor einiger Zeit direkte TGV-Züge von Bern nach Paris verkehrten. Dass die beiden Landeshauptstädte nicht mehr direkt per Bahnverbindung miteinander verbunden sind, ist in der heutigen Zeit unverständlich, zumal der alte Tunnel von Rosshäusern durch einen neuen ersetzt und der wunderbare Saaneviadukt kürzlich auf Doppelspur erweitert worden ist.

Nun, lassen wir Unverständlichkeiten Unverständlichkeiten sein und widmen wir uns dem Gang von Heggidorn, das mit dem Postauto von Bern-Brünnen Westside erreicht wird, nach Laupen. Hiebei streifen wir durch besagten Landstrich und gelangen an etlichen der oben erwähnten Örtlichkeiten vorbei. Wir ergötzen uns an der wunderbaren Sicht auf die Berner und Freiburger Alpen, ehe wir hin und wieder in kleinen Waldpartien die bunte Farbenpracht der Laubbäume in uns aufnehmen. Die Strecke ist mit 12 Kilometern eher kurz und führt ausnahmslos über gut ausgeschilderte Pfade, Strässchen und Wege.

In Laupen bietet sich ein kurzer Abstecher in die kleine Altstadt an. Wer indes schon einmal in Laupen war, wird sich wundern, dass sich der Bahnhof nicht mehr an seinem altbekannten Standort befindet. Und ja, auch hier gibt es wieder eine Kalberei zu beklagen, denn die Haltestelle – von Bahnhof kann bei einem Gleis mit Prellbock keine Rede mehr sein – ist im Rahmen der Gesamterneuerung der Bahnstrecke Flamatt–Laupen vom Ortszentrum an dessen Eingang verlegt worden. Einmal mehr hat man sich dem Strassenverkehr gebeugt, denn durch diese Verlegung konnte ein Bahnübergang eliminiert werden, was für den öV-Benutzer nun einen längeren Weg zur Haltestelle bedeutet. Zynisch betrachtet könnte man aktuell auch so argumentieren, dass die Bahn nun etwas weniger Strom benötigt, da sie nicht mehr so weit fahren muss. Fotos

7. November 2022

Der bröckelnde Botta

Tour de Moron: Wie konnte so etwas passieren?


Ich staunte nicht schlecht, als ich in der Zeitung las, dass am Wochenende des 21./22. Mai Teile der Wendeltreppe der Tour de Moron auf dem gleichnamigen Berg im Berner Jura abgebrochen seien. Und auf den Tag genau einen Monat später lösten sich weitere Treppenstufen und Wandteile auf der Aussenseite der Treppe. Der 2004 eröffnete Aussichtsturm wurde vom renommierten Tessiner Architekten Mario Botta entworfen und von circa 700 Maurerlehrlingen während vier Jahren erbaut. Für die Region gilt der Turm als wichtiger Magnet für Wanderer und Biker. Beim gut 30 Meter hohen Turm befindet sich nicht nur die SAC-Hütte der Sektion Angenstein, sondern auch ein Naturlehrpfad, eine kleine Buvette sowie die nahe Hütte eines Skiklubs, der an Wochenenden ebenfalls eine kleine Beiz betreibt.

Um mir ein Bild vor Ort zu machen, fahre ich nach Sorvilier in der Vallée de Tavannes, und gehe auf teilweise noch unbegangenen Wanderwegabschnitten via Moronturm und Perrefitte nach Moutier. Allein die durchgehend zusätzlich mit braunen Turmwegweisern ausgeschilderte Route verdeutlicht die touristische Bedeutung des Botta-Werks.

Oben angelangt erwartet mich in der Tat ein Bild des Grauens. In der unteren Hälfte des Turms fehlt ein Grossteil der Wendeltreppe, die tonnenschweren Kalkquader von Treppe und Aussenwand liegen wild durcheinander am Fusse des Bauwerks. Eine hohe Bauabschrankung umgibt die Schadenszone. Dies ist auch dringend notwendig, können doch jederzeit weitere Teile herunterfallen und Menschenleben gefährden. Ich fotografiere die Situation und bin gespannt, was die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft ergeben werden.  Ebenso interessant wird es sein, zu erfahren, was mit dem Bauwerk weiter geschieht.

Der auffrischende Wind lässt mich bald schon den langen Abstieg nach Moutier unter die Füsse nehmen. Unbestrittener Glanzpunkt sind hier die Gorges de Perrefitte, die ich bislang nicht kannte. Der anfänglich flache und wenig schluchtartige Teil geht unvermittelt in ein Felsen- und Wasserfallfurioso über, das mit langen Treppen und an den Fels befestigten Stegen überwunden wird. Hinter jeder Wegbiegung wartet eine neue Überraschung, so dass man sich wünscht, die Schlucht möge noch lange nicht aufhören. Sie tut es aber, und so unspektakulär ihr oberer Teil war, so unspektakulär ist der untere.

Am Ortseingang von Moutier fällt mir ein zweites Ortschild auf, das mit «Môtie» beschriftet ist. Anlässlich der «Fête romande et internationale des patoisants», die am Wochenende des 24./25.9. in Porrentruy stattfand, hatte die Fédération des Patoisants de la République et Canton du Jura den Gemeinden vorgeschlagen, an den Ortseingängen Schilder aufzustellen, die den Namen der Gemeinde in Patois (Mundart) anzeigen. Die Stadtverwaltung von Moutier schloss sich diesem Vorschlag an. An den vier Ortseingängen wurde je ein weisses Schild mit der Aufschrift «Môtie» aufgestellt. Diese Schilder werden bis Ende des Jahres aufgestellt bleiben, um die Einwohnerinnen und Einwohner für den Fortbestand der Sprache unserer Vorfahren zu sensibilisieren. Fotos

PS. Môtie heisst auf Deutsch Münster.

5. November 2022

Turnels, Turbach, Gstaad – Tag 2

Biwakieren in schottischem Hochlandambiente: zuhinterst im Turbachtal.

Die Nacht verlief ruhig, wenn auch in der Abenddämmerung ein paar Dohlen einen ziemlichen Radau machten. Dasselbe vollführten sie im Morgengrauen, ehe sie sich wieder ihren Flugkünsten in höheren Gefilden widmeten.

An der wärmenden Sonne sitzend, bereite ich mir mein Frühstück, nicht ohne zuvor die Uhr um eine Stunde zurückzudrehen. Schnell ist das Lager abgebaut und der Rucksack gepackt. Um Viertel nach neun ist Aufbruch. Gemütlichen Schrittes mache ich mich an den Abstieg nach Gstaad.

Das morgendliche Gehen über die ausgedehnten Moorflächen ist wohltuend befreiend. Kein Flugzeug, kein sonstiges Motorengeräusch stört die alpine Stille. Es ist bereits derart warm, dass mein Kurzarmhemd völlig ausreicht. Der Pfad senkt sich in sanfter Neigung. Diese Rampentopografie wird sich bis Gstaad nicht mehr ändern. Selbst die Gegenanstiege sind moderat. Kurz, die gut 12 Kilometer vom Hochtal, das im oberen Bereich an die Highlands von Schottland erinnert, bis in die Chalet-Metropole sind purer Wandergenuss.

Charakteristisch für den von Süd nach Nord ausgerichteten oberen Abschnitt des Turbachtals sind niedrige Alphütten, die so in den Hang gebaut wurden, damit Schneelawinen über deren Pultdächer hinwegfegen können, ohne gleich das ganze Gebäude mitzureissen. An jener Stelle, wo das Tal nach Westen abknickt, ändert sich auch dessen Charakter: weniger rau, grüner, dichter bewaldet und ganzjährig bewohnt.

Der Wanderweg folgt nun in unmittelbarer Nähe des Turpbachs und liegt meist im nicht unangenehmen Schatten. Wie schnell sich ein warmes Herbstklima in ein vorwinterliches ändern kann, zeigt sich eine knappe Woche später, als der frisch gefallene Schnee bis 1700 Meter liegen bleibt. Daher zehre ich beim Niederschreiben dieser Zeilen rückblickend noch einmal von der formidablen Wetterlage dieses Wochenendes.

Der Wechsel von der Streusiedlung Turbachtal zum mondän anmutenden Promi-Bergdorf erfolgt abrupt. In der Gstaader Skyline mache ich gleich vier Baukrane aus. Die Route führt mich durch ein Viertel mit protzigen Chaletbauten. Allein die in den Hang hinein gebauten Einstellhallenplätze müssen ein Vermögen gekostet haben. Hohe Thuja- und Buchsbaumhecken verwehren dem tippelnden Touristen jegliche Einblicke in die Grundstücke. Überwachungskameras und Bewegungsmelder, wohin das Auge blickt. An den Briefkastenschildern bei den schmiedeeisernen Zugangstoren stehen Strassennamen und Hausnummern, jedoch keine Personennamen. Man will anonym bleiben.

Schliesslich gelange ich am schlossartigen Palace vorbei, in dessen Vordergrund sich das fein herausgeputzte Freibad erstreckt. Die Kamera wie ein Paparazzo über eine hohe Bretterwand reckend und blind abdrückend, gelingt mir ein ganz passables Bild der ikonenhaften Herrlichkeit, in der die günstigste Nach für zwei Personen schlappe 808 Franken und die teuerste die Kleinigkeit von 3300 Franken kostet, «Frühstück und Essensguthaben inkludiert». Falls ich die Wahl zwischen einem Gutschein für eine 808-Franken-Nacht im Gstaad Palace oder ein Ultraleicht-Trekking-Zelt hätte …, in meiner Zeltkiste fände es noch Platz …

Auf einem netten, stellenweise beidseitig mit Seilen gesicherten Pfad steige ich in einem bunten Wäldchen steil hinab zur Talstrasse, die nach Lauenen führt. In der Gstaader Hauptgasse lasse ich die Boutique Antonella, den Prada-Shop, den Louis-Vuitton-Shop, die Credit Suisse, die Berner Kantonalbank, die UBS, die Saanen Bank, die Chopard Boutique und Le Caveau de Bacchus links und rechts und überhaupt liegen. Stattdessen versorge ich mich am Dorfbrunnen mit köstlichem Wasser für die Heimfahrt, welche zehn Minuten später im gemütlichen Panoramawagen der Montreux-Oberland-Bahn beginnt. Beim Blick auf die Rodomonts gedenke ich einem gewissen Daniel de Roulet, der 1975 des Verlegers Axel Springer exklusive Ferienresidenz auf dem ansonsten unbewohnten Berg 800 Meter über dem Talgrund in Flammen aufgehen liess und 30 Jahre später in Buchform (Ein Sonntag in den Bergen) als bis dahin nicht gefasster Täter publizierte. • Fotos (der Tour, nicht vom Brand)

2. November 2022

Turnels, Turbach, Gstaad – Tag 1

Im Südosten von Gstaad ragt er weit über seine benachbarten Gipfel hinaus: der 2542 Meter hohe Giferspitz, den man einst als Gifer- oder Gifferhorn bezeichnete. Nicht dessen Besteigung ist heute mein Ziel, die hebe ich mir für später auf, sondern seine Umrundung. Eine ziemlich genau 25 Kilometer lange Strecke, in deren Mitte ich auf 1960 Meter über Meer im Zelt übernachten will. Wir haben Ende Oktober und wegen der warmen Winde aus Afrika perfektes Trekkingwetter, wenn auch wegen des mitgelieferten Saharastaubes eine etwas getrübte sich auf die Berge.

Die Route rund um den Giferspitz. Ich ging gegen den Uhrzeigersinn.



Nun, in diesen verrückten Zeiten kann man nicht alles haben, ist es doch schon so ein Privileg, nicht in Gstaad sauteuer logieren zu müssen und statt dessen im 600 Gramm leichten Zelt eine Nacht in den Bergen verbringen zu können, ohne auf zwei gekochte Mahlzeiten und einen warmen Schlafsack zu verzichten. Die Definition von Glück ist relativ.

Mit zu diesem Glück tragen auch meine Füsse bei, denn nur fünf Minuten vom Parkhaus Gstaad-Oberdorf entfernt, lenken sie mich weg von der Strasse, weg vom Flaniergehabe in der Luxusmeile der Promidestination, wo sich die Hautevolee Monstervillen im Chaletstil hat bauen lassen, dass es einem graust ob all dem Reichtum.

Ich bin also überraschend schnell alleine auf weiter Flur und arbeite mich Schritt für Schritt voran, um innert Kürze im anderen Gstaad zu landen, wo Kühe und Ziegen die Wiesen bevölkern, wo jene Einheimischen wohnen, die es sich hier noch leisten können zu wohnen, und wo Häuser stehen, deren Alter sich nicht nur an den Fassaden, sondern auch an der eingekerbten Jahreszahl widerspiegelt. In Gedanken versetze ich mich daher ins 17. Jahrhundert, als Gstaad bloss ein Weiler und Saanen ein kleines Bauerndorf war, dessen Bewohner mehr schlecht als recht über die Runden kamen.

Die Wasserngratbahn befindet sich bereits im Zwischensaisonschlaf, daher auch der leere Parkplatz, dem gegenüber mir plötzlich ein Strauss mit seinen grossen Kugelaugen in die Kameralinse glotzt. Wenige Meter weiter fädle ich endgültig in die Abgeschiedenheit ein und nehme den sanften Aufstieg in das – ich nenne es der Einfachheit halber mal so – Turnelstal in Angriff. Der recht kurze aber nicht minder imposante Geländeeinschnitt führt mich zwischen dem Giferspitz-Massiv und dem Wasserngrat gemächlich in die Höhe. Auf der am höchsten gelegenen Alp Turnels weitet sich der Talkessel in ein ausgedehntes, baumloses Rund. Ein schmaler Steig führt über teilweise sumpfige Alpweiden zum Turnelssattel auf 2085 Meter über Meer.

Hier oben war ich das erste und einzige Mal am 27. Oktober 1989, also beinahe auf den Tag genau vor 33 Jahren. Ich ging damals von der Lenk via Trüttlisbergpass und Wasserngrat nach Gstaad. Und ja, ich war damals etwas fitter als heute, wenn ich auch mit weniger Rucksackgewicht unterwegs war. Der Blick vom Turnelssattel reicht nicht nur hinab in den grünen Talgrund von Lauenen, sondern auch zum Alpenhauptkamm mit dem Wildhorn und dem Arpelistock als markanteste Erhebungen. Im Norden, über das Turnelstal hinweg, erkenne ich die Gipfel der Freiburger und Berner Voralpen.

Für ein kurzes Stück folgt mein Weg nun dem Bergkamm, auf dem sich eine alte Trockensteinmauer aus Schiefer hinzieht. Vom mit 2137 Meter höchsten Punkt meiner Zweitagesunternehmung verläuft ein schmaler Pfad in der Südflanke des Lauenenhorns Richtung Türlipass. Der Weg wurde just an jener Stelle in den Grashang gehauen, wo das Gelände von steil zu sehr steil wechselt. Die Begehung dieses Abschnittes am späteren Herbstnachmittag wird zum reinen Vergnügen, zumal sich im Osten weitere Berge zeigen, deren Gipfelbereiche bereits eine dünne Schneeschicht ziert: Eiger, Mönch, Jungfrau, Doldenhorn, Altels, Balmhorn, Wildstrubel.

Ehe sich dieser Wunderbarpfad zum Türlipass hinabsenkt, berührt er den Südostgrat, der vom Lauenenhorn zum Pass hinunterführt und von wo sich der gesamte obere Bereich des Turbachtals überblicken lässt. Ein Meer, bestehend aus goldbraunem Gras breitet sich über die baumlosen Hänge aus, unterbrochen von Erlenzonen, wie sie für diesen Teil des Turbachtals typisch sind. Und keine Menschenseele weit und breit. Von meinem Standpunkt aus sehe ich auf den angepeilten Biwakplatz hinab, den ich eine Viertelstunde später erreiche. 

Ich mache mich sogleich auf die Suche nach dem auf der Karte eingezeichneten Bächlein, das mir zur Wasserversorgung dienen soll. Sicherheitshalber gebe ich den Wasserbehältern Entkeimungstabletten hinzu. Schnell ist die definitive Ecke gefunden, in der ich das Einpersonenzelt aufstelle, um mich alsbald an die Zubereitung des Nachtessens zu machen. Einmal mehr leistet mir der kleine Spirituskocher und das Titanpfännchen gute Dienste. Der Dreigänger besteht aus einer Flädlisuppe, einer Nudelsuppe und einer Nussrolle. Währenddem ich mich verpflege, lasse ich den Blick über den von der Sonne gerade noch beschienenen Gegenhang schweifen. Und als ich kurz aufstehe und zum Gipfel des Lauenenhorns schaue, entdecke ich weit oben ein schwarzes Tier. Wie froh wäre ich nun um einen Feldstecher, denn mein erster Gedanke ist, dass es sich um einen Bär handeln könnte. Immer wieder blicke ich hoch, um mich zu vergewissern, dass es sich tatsächlich um ein Tier und nicht um einen dunklen Stein handelt. Im späteren Verlauf des Abends gelange ich zur Überzeugung, dass es sich um ein schwarzes Schaf handeln muss, das womöglich den Alpabzug verpasst hat und sich nun noch die letzten feinen Kräuter einverleibt, ehe es hoffentlich von nachsuchenden Hirten doch noch den Weg ins Tal findet.

Nachdem sich die letzten Sonnenstrahlen vom Gegenhang verabschiedet haben, mache ich mich bettfertig und krabble bereits um 18 Uhr in die Stoffhütte, im Wissen darum, dass diese Nacht wegen der Zeitumstellung eine Stunde länger dauern wird. • Fotos

24. Oktober 2022

Die Spirale – Etappe 16

Für heute hatte ich mir eine längere Strecke vorgenommen: von Krauchthal nach Münsingen – oder: gut 22 Kilometer durch Tälchen und über Hügel des nahen Emmentals. Düsteres Tageslicht, als ich im dösenden Krauchthal aus dem Postauto stieg. Lang der Gang im Schatten feuchter Gräben, ehe ich zum ersten Mal die Sonne erblickte. Die Nähe zum Emmental manifestierte sich an den zunehmend längeren Auf- und Abstiegen. Der sechste Spiralbogen hatte mich schon recht weit aus dem Zentrum Berns gebracht.

Ich war noch keine Stunde unterwegs, als ich in nördlicher Richtung den Jura erblickte, an dessen Fuss sich eine dichte Nebeldecke hinstreckte. Und als ich etwas später auf die Südseite des ersten zu überquerenden Hügels gelangte, sah ich mit Müh' und Not die Berner Alpen im föhnigen Wolkendunst. Ich hatte also genau richtig entschieden, nicht in die Berge zu fahren.

Kurz vor der Mänziwilegg eröffnete sich mir zu beiden Seiten des breiten Bergrückens eine wunderbare Aussicht, insbesondere die Sicht auf die Stadt Bern war derart klar, dass ich Frau Hugentobler auf dem Balkon im 16. Stock eines der Wittigkofer Hochhäuser beim Yoga zuschauen konnte. Von blossem Auge, wohlverstanden. Auf der Mänziwilegg herrschte statt des befürchteten Sonntagsausflugsverkehrs beschauliche Ruhe. Zu Hause ergaben meine Recherchen, dass das Restaurant an Sonntagen geschlossen ist. Für einmal kam mir das äusserst gelegen, denn ausser ein paar sich mit der Steigung abmühende Velofahrer war hier oben wirklich tote Hose.

Die Wanderspirale: in Grün die bislang absolvierte Strecke.


Die weiterhin aussichtsreiche Route liess mich einmal mehr auf zurückliegende Spiralwanderetappen zurückblicken. Wie auch schon erwähnt, macht dies mitunter den Reiz eines solchen Projektes aus: Du blickst nach rechts und siehst über mehrere Kilometer hinweg in ein Gelände, dass du schon mehrfach durchwandert hast. Es ist, als blicke man von der Aussenseite eines Baumstamms auf dessen Jahrringe. 

Auf dem Abstieg von der Mänziwilegg gelangte ich am Rüttihubelbad vorbei. 1756 erbaute Peter Schüpbach hier das erste Bauernhaus. 27 Jahre später analysierte der Apotheker Benteli eine eisenhaltige Heilquelle, beurkundete diese amtlich und legte damit den Grundstein für eine etwa zweihundert Jahre andauernde Badekultur. Das «heilende» Wasser und die reichhaltige Küche machte das damalige Rüttihubelbad weit über die Regionalgrenzen bekannt. 1986 kaufte die «Stiftung Rüttihubelbad» das in Konkurs geratene Restaurant auf und errichtete auf dem Rüttihubel den heute aus 10 Gebäuden bestehenden Weiler mit einem Hotel-Restaurant, einem Alterswohn- und Pflegeheim, einer sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft sowie dem Sensorium (erlebnispädagogische Dauerausstellung zum «Erfahrungsfeld der Sinne» nach Ideen von Hugo Kükelhaus. Ferner finden in einem kirchenartigen Bau kulturelle Veranstaltungen statt. Am Baustil der Gebäude ist die Nähe zur anthroposophischen Ideologie unverkennbar auszumachen. 

Je mehr ich mich dem Ziel näherte, umso wärmer wurde es. Der Föhn trieb die Temperatur derart nach oben, dass ich die letzten zwei Stunden im Kurzarmhemd ging. In Münsingen führte mich die Route quer durch das riesige Gartenpflanzengelände der Firma Daepp. Ich war beeindruckt ob der Vielfalt des Angebotes. Jedes noch so kleine Pflänzchen ist fein säuberlich angeschrieben, so dass man sich hier tagelang botanisch verlustieren könnte. Eine Bildstrecke zu dieser Etappe befindet sich hier.

19. Oktober 2022

Leubringen – Twann

Biel. Die Stadt, an deren Peripherie ich aufgewachsen bin. Die Stadt, in der ich zwei Jahre Orgelunterricht genoss. Die Stadt, in die ich zwei Jahre mit dem Velo zur Verkehrsschule fuhr und gleichsam zum Antiautomobilisten wurde. Biel: Hier besuchte ich im Gaskessel die ersten Rock-Konzerte, wehrte mich erfolgreich gegen das Kiffen, kaufte mir indes in einem kleinen Tabakwarenladen meine erste Pfeife – eine Butz Choquin. Im Hallenbad des Kongresshauses lernte ich schwimmen, am Neumarktplatz fotografierte ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben eine Verkehrspolizistin – damals noch eine Seltenheit. Und: Im März 1978 war ich im Stadion, als der EHC Biel Schweizermeister wurde. Kurz: Biel war meine Heimatstadt, in der ich mich mehr oder weniger wohlfühlte.

Und nun, nach Jahrzehnten, gehe ich durch altbekannte Strassen vom Bahnhof zur kleinen Altstadt und weiter an die Talstation der Leubringenbahn. Wenige Minuten später, der Blick von Leubringen (Evilard) – der Ort gehörte von 1798 bis 1815 gar zu Frankreich – über die Stadt, über die Hügel des Mittellandes, bis hin zu den im Morgendunst sich schemenhaft abzeichnenden Voralpen. Ich stabe los, bin im Nu im unverkennbaren Jura-Ambiente und somit im totalen Kontrast zur Stadt. Ich gehe durch oktoberbunte Wälder und vorbei an mit friedlich weidenden Rindviechern bestückten Wiesen. Einzig die fein säuberlich mit Bundesgeldern gehätschelten Anlagen der Sportschule Magglingen am sogenannten «End der Welt» wirken etwas deplatziert.
 
An diesem formidablen Herbsttag zelebriere ich daher so lange mein Wanderglück und somit die unnachahmliche Freiheit des Fussgängers, bis ich schliesslich im behäbigen Twann ankomme, nicht zuletzt im Wissen, weitere neue Abschnitte der Berner Wanderwege beschrittelt zu haben, und dass Biel schon lange nicht mehr meine Heimatstadt ist. • Fotos

13. Oktober 2022

Grengiols – Binn

Endlich wieder einmal an meinem Projekt «Ostwärts» gewerkelt. Spannende Route vom Haupttal der Rohne in den Mikrokosmos Binntal. Schmale, gut unterhaltene Pfade führen vom Ortskern von Grengiols in die Twingi-Schlucht. Die tosende Binna wird von einer hübsch geschwungenen Steinbogenbrücke – der sogenannten «Römerbrücke» – überspannt. Auf der gegenüberliegenden Talseite steigt man zur alten Talstrasse hoch, die sich in schwindelerregender Höhe über der Schlucht die steile Bergflanke entlangwindet. Das Wunder des Herbstlichts, goldgelbe Laubbäume, schmeichelnde Wärme: Wallis im Urlaubsmodus, selbst wenn es nur für einen bescheidenen Tag ist. Alles gut demnach? Nicht ganz. Die als «Twingi Land Art» betitelte Kunstausstellung entlang besagter historischer Kunststrasse wird für mich zum Ärgernis und wirft die Frage auf, was künstlerische Präsenz in einem derart faszinierenden landschaftlichen Ambiente zu suchen hat. Wäre es nicht sinnvoller, mit den zumeist als Provokation gedachten Installationen im urbanen Raum aufzurütteln, statt eine Schlucht – notabene in einem regionalen Naturpark von nationaler Bedeutung – mit «Kunst» zu verunstalten? • Fotos

10. Oktober 2022

Rüschegg-Heubach – Schwarzenburg

Herbstlicher Nebel in den Hügeln des Schwarzenburgerlandes. Gelb verfärbt die Blätter des Ahorns. Feuchte Wiesen und keine Menschenseele. Ein stetes Auf und Ab bis Streckenhälfte. Im ersten und einzigen Tobel zeigt ein Wegweiser zu den Gambachfällen. Kurz der Abstecher, beeindruckend der Fall im Nagelfluh-Ambiente. Im Abstieg nach Schwarzenburg fehlen mir die Wege. Ich improvisiere, gehe quer durch Feld und Wald. Pilze schiessen wie Pilze aus dem Boden. Für mich sind sie alle giftig, nicht so für jene, die sich auszukennen scheinen. Endlich lichtet sich das Grau. Der Blick ins Mittelland, fern der Jura. Ob ich mich je mit dem Flecken Schwarzenburg werde anfreunden können? Heute einmal mehr nicht. Die Strassen des halben Dorfes sind mit schmierigen Kuhfladen übersät. Es riecht fürchterlich, und der Gang an den Bahnhof wird zur einzigen Schlüsselstelle dieser Wanderung. • Fotos

2. Oktober 2022

Engadiner Abgründe

Gian Maria Calonder: Engadiner
Abgründe, Kampa, Zürich, 2018
Die ungewohnte Höhe bereitet Massimo Capaul, dem neuen Polizisten im Oberengadiner Bergtal, dröhnende Kopfschmerzen. Aber Zeit zum Ankommen bleibt dem Unterländer nicht. Noch vor dem offiziellen Dienstantritt muss er zu seinem ersten Einsatz: In Zuoz brennt eine Scheune. Und nur wenig später stirbt ihr Besitzer, der kauzige Rentner Rainer Pinggera. Ein vermeintlich natürlicher Tod. Dennoch geht Capaul seiner Ordnungsliebe folgend einigen Ungereimtheiten nach, an denen es nicht mangelt. Rudi, der Neffe und einzige Erbe des Alten, scheint nämlich nicht ganz unbeteiligt am Tod seines Onkels zu sein. Und auch bei allen anderen Angelegenheiten des Tals hat Rudi seine Finger im Spiel …

Bei seinen Ermittlungen lernt Capaul das ganze gesellschaftliche Spektrum des Oberengadins kennen, vom St. Moritzer Jetset bis zu den wortkargen Bauern in der schummrigen Dorfbeiz. Capaul entdeckt das wahre Gesicht hinter den auf Hochglanz polierten Kulissen dieses atemberaubend schönen Tals, mit seinen guten, aber auch seinen Schattenseiten.
(Klappentext)

GR: Samedan, Zuoz, St. Moritz (Hauptschauplätze), Albulapass, Samnaun

24. September 2022

Tödliche Gewissheit

Roger Graf: Philip Maloney –
Tödliche Gewissheit, Haffmans, 
Zürich, 1995
Philip Maloney, Privatschnüffler von zweifelhaftem Charakter, würde eigentlich viel lieber ein Nickerchen unter seinem Schreibtisch machen oder über das Nichtdenken nachdenken. Statt dessen stochert er im kalten Zürcher Nebel nach den Hintergründen eines Selbstmordes, an den er nicht glaubt, und in Jahre alten Wunden, die eine nie ganz aufgeklärte Verbrechensserie hinterlassen hat, der drei Knaben zum Opfer fielen. Ein vierter wurde nie gefunden. Maloney geht der eiskalten Spur der Täter und Opfer von damals mit seiner schnörkellosen Schnüfflermethodik nach, und er muss so manchem auf die Zehen treten, bis der Richtige endlich eine falsche Bewegung macht. (Klappentext)

BE: Stadt Bern ZH: Stadt Zürich

20. September 2022

Die Spirale – Etappe 15

Endlich kühlere Temperaturen! Und endlich wieder zurück auf der Spirale, die mich an diesem herbstlich anmutenden Samstag von Schönbrunnen bei Münchenbuchsee nach Krauchthal führte. Bei zaghaftem Sonnenschein widmete ich mich vorerst der Autobahn A6, ehe ich in Richtung ruhigere Gefilde abbog. Auf dem waldreichen Abschnitt von Moosaffoltern nach Ballmoos erwartete mich der Woolibach, den es steglos zu überqueren galt. Ein grosser Schritt reichte, und ich war drüben.

Spätestens an der Peripherie von Jegenstorf hatte mich die Berner Agglo mit all ihren Gegensätzen wieder. Auf den zwischen den Dörfern gelegenen Feldern wurden eifrig Kartoffeln geerntet. Selbstfahrende Traktoren zogen im Schritttempo ein Ernteungeheuer, auf dem eine Handvoll Leute die maschinell aus dem Boden geholten Kartoffeln aussortierte. Kurz vor dem Ende des Ackers schwang sich der Bauer auf den Traktor, übernahm das Steuer und wendete das Ensemble, um sodann eine neue Fuhre in Angriff zu nehmen.
 
Die Route der 15. Etappe der Wanderspirale.

An der grossen Dorfkreuzung in Mattstetten überraschte mich ein historischer Brunnen beachtlicher Grösse. Und nur wenige Schritte weiter gelangte ich an einem kleinen Schloss vorbei, das ein Kleinkunsttheater beherbergt. Vis-à-vis des schmucken Gebäudes befindet sich das Areal des Platzgerklubs Schlössli. – Platzgen? Hier ein kleiner Exkurs:

Platzgen ist ein alter Zielwurfsport, von dem die Chroniken erzählen, dass er schon im Mittelalter in fast allen Gebieten unseres Landes betrieben wurde. Heute wird dieser Sport vorwiegend im Kanton Bern ausgeübt. Die Wurfgeräte nennen sich – nomen est omen – Platzgen und bestehen meist aus gehärtetem Stahl. Jeder Spieler besitzt seine eigene Platzge, die ihm gut in die Hand passen muss. Form und Gewicht sind nicht vorgeschrieben, der Höchstdurchmesser darf jedoch 18 cm nicht überschreiten. Die meisten heutigen Platzgen sind handförmig, mit fünf Zacken, einem Ahornblatt ähnlich. Das Gewicht liegt zwischen 1 und 3 Kilogramm.

Die Wurfdistanz beträgt 17 Meter. Das Ziel («Ries») ist ein mit Lehm («Lätt») gefüllter Stahlring, hat einen Durchmesser von 1,40 m und ist nach hinten um rund 25 cm erhöht. Dieser muss immer gut gepflegt und behandelt werden, darf nicht zu nass, aber auch nicht zu trocken sein. Zur Erzielung guter Resultate muss der Lehm unbedingt in bester Ordnung sein. Für den Platzger spielen der Zustand und die Beschaffenheit des «Lätts» eine wichtige Rolle. In der Mitte des Rieses steckt ein eiserner Stock («Schwirren»), der 35 bis 40 cm aus dem Lehm ragt und leicht nach vorne geneigt ist.

Zum Bewerten eines Wurfes benötigt man einen Meter und ein Messer. Das Messer wird dort in den Lehm gesteckt, wo die Platzge liegen bleibt, und zwar beim nächstgelegenen Punkt der Platzge zum Stock. Zum Messen des Abstandes wird das Ende des Meters (100cm/200cm) an den «Schwirren» gesetzt. Berührt die Platzge den Stock, dann gilt der Wurf 100 Punkte. Pro cm, die die Platzge vom Stock entfernt liegt, gibt es einen Abzug von 1 Punkt. Ein Abstand von 13 cm ergibt beispielsweise 87 Punkte.

Alljährlich finden drei grosse Wettkämpfe statt. Das Frühlingsfest, die Meisterschaft und das Verbandsfest. An einem dieser Anlässe wird seit 2017 auch der Titel eines Schweizermeisters vergeben. Gute Resultate im Einzel- wie auch Vereinswettkampf werden mit schönen Auszeichnungen und wertvollen Ehrengaben belohnt. Während der gesamten Saison (April bis Oktober) werden auch eine Wettspielmeisterschaft mit vier Stärkeklassen sowie Vereins- und Einzelcup ausgetragen. Schliesslich organisieren zahlreiche Vereine für Platzger und Nichtplatzger eigene Wettkämpfe (Volks-, Gönner- oder Passivplatzgen).

Mit der neuen Erkenntnis, dass dieses kleine Mattstetten masslos unterschätzt wird, unterquerte ich die Bahnlinie Bern–Burgdorf, die A1 und unmittelbar danach ging ich am Portal des Grauholztunnels vorbei. Südöstlich von Mattstetten herrscht brutales Verkehrsaufkommen, ergänzt von der alten Bern-Zürich-Strasse. Ich war deshalb nicht unfroh, bald einmal im Wald verschwinden zu können, wo ich mich in Ruhe im Stile eines Orientierungsläufers auch auf weglosen Abschnitten austoben konnte. So war es denn nach dem Verlassen des Waldes nur noch einen Katzensprung ins Ortszentrum von Krauchthal, dem versteckt gelegenen Dorf am Fusse mächtiger Sandsteinhügel und in Sichtweite der Strafanstalt Thorberg. Eine Bildstrecke dieser knapp 16 km langen Etappe gibt es hier zu sehen.

Der aktuelle Stand: In Grün die zurückgelegte Strecke, in Rot die geplante Route.

18. September 2022

Populärmusik aus Vittula

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula,
btb, München, 2004 
Matti und sein schweigsamer Freund Niila wachsen auf in einem kleinen Dorf im äussersten Norden Schwedens, fernab der wirklichen Welt. Es sind die wilden sechziger Jahre, doch das Leben im Tornedal wird weniger durch Rebellion als durch die unwirtliche Landschaft, den kauzigen Eigensinn seiner Bewohner und der religiösen Bewegung des Laestadianismus geprägt, die durch extreme Strenge und Lustfeindlichkeit besticht. Kein Wunder, dass die beiden Kinder schon früh nichts anderes im Kopf haben, als sich wegzuträumen von diesem Ort, der zwar vie le Geschichten zu erzählen hat, aber auch unvermutete Gefahren in sich birgt. Als der Rock'n'Roll Einzug hält im kleinen Tal, ist ihre Zeit gekommen ...

Ein grossartiges, eindringliches Buch mit einer unverwechselbaren Handschrift: Niemis Sprache ist so wild und zärtlich wie die Menschen aus dem hohen Norden, die er beschreibt - seine Geschichte so rasant, ausgelassen und dramaturgisch geschickt, dass einem Hören und Sehen vergeht.
(Klappentext)

10. September 2022

Eljascha

Yvonne Léger: Eljascha, Pendo,
Zürich, 1990
Eljascha ist eine leidenschaftliche, innige Liebesgeschichte voller Poesie und Träume, vor dem düsteren Hintergrund der Besatzung, des Chaos, des mörderischen Krieges – die gros se Liebe zweier Menschen auf der Flucht quer durch ganz Frankreich, und die Autorin, Yvonne Léger, reiste im Bauch ihrer Mutter Eljascha mit.

Nachdem Joschi als Jude von den Nazis ausgebürgert worden war, verliess er 1938 seinen Heimatort Mainz, um sich in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Eljascha stammte aus Luzern. Als Schweizerin wusste sie, dass sie, bei der Vermählung mit einem Ausländer, ihr Bürgerrecht verlieren würde. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, am 14. August 1939, heirateten Eljascha und Joschi dennoch in Paris, und sie wurde, wie ihr Ehemann, staatenlos.

Schon vor seiner Heirat war Joschi in die französische Armee eingezogen worden. Als Hitler am 14. Juni 1940 Paris besetzte, konnte Eljascha die Hauptstadt noch mit einem der letzten Züge verlassen. Sie erreichte Mayenne, wo Joschi stationiert war. Frankreich war im Chaos. Joschi desertierte, und das Paar floh durch das besetzte und unbesetzte Frankreich, oft ohne zu wissen, in welchem Teil sie sich gerade befanden. Als die Reise ins Ungewisse begann, war Eljascha im zweiten Monat schwanger. Im Dezember 1940 kam die staatenlose «Schweizerin» Eljascha bei Annemasse über die Grenze in die Schweiz. Am 9. Januar 1941 gebar sie ihre Tochter Yvonne, die Autorin dieses Buches.
(Klappentext)

7. September 2022

Abschalten

Martin Suter: Abschalten, Diogenes,
Zürich, 2012
Sie arbeiten im mittleren Management mehr oder minder bedeutender Unternehmen, sie tragen so klingende Namen wie Hunold, Huber, Lindner oder Glaser, und sie sind schrecklich erschöpft von all den Hierarchien, Synergien, Strategien, Gehaltsforderungen, Terminkollisionen und Verteilungskämpfen am Kaffeeautomaten. Dann ist es so weit: endlich Ferien! Und was machen sie daraus? Tja, manchmal stresst abschalten wollen doch mehr als nicht abschalten können.

Was ist das Schlimmste für den Manager? Kein Bonus. Das Zweitschlimmste? Ferien. Zur Untätigkeit gezwungen zu sein, zu wissen: Die Firma wird untergehen, weil er nicht da ist. Oder, noch schlimmer: Die Firma wird nicht untergehen, obwohl er nicht da ist. Und am allerschlimmsten: Die Firma wird wachsen und gedeihen, gerade weil er nicht da ist. Was bleibt dem Manager also übrig? Die Ferien managen oder die eigene Familie oder das Hotelpersonal, bis schliesslich allen der Kragen platzt. Oder einen Weg finden, nicht in die Ferien zu fahren. (Klappentext)

4. September 2022

Mein Luftschloss auf Erden

Katharina von Arx: Mein Luftschloss auf
auf Erden, Edition Erpf, Bern, 1981
Mit Ihrer Unterschrift auf dem Verkaufskontrakt werden die Schriftstellerin Kathrin von Arx und Ihr Mann, der Schriftsteller und Journalist Frédéric Drilhon, Besitzer des alten Schlosses von Romainmôtier. Ein Traum, der in Erfüllung ging?

Ungeheuerlich gross, gespenstisch drohend beinahe steigt das zukünftige Zuhause vor den neuen Besitzern aus der Nacht ins ungewisse Morgengrauen. Was haben sie sich da bloss angeschafft? Suchten sie nicht vor kurzem noch ein kleines «pied-à-terre»?

Aber da war die bemalte Balkendecke und im Halbdunkel, eingepfercht zwischen grauen Wänden mit aufgemalten Steinen, eine dicke gotische Säule. Grund genug für die Abenteurerin und passionierte Bewohnerin Kathrin von Arx, sich in die versteckten Möglichkeiten der alten, verfallenden Mauern festzubeissen.

Feste Mauern bedeuten Heimat Und seit ihrer Kindheit träumte Kathrin von Arx vom Wiederfinden ihrer Heimat Geborgenheit in festen Mauern!

Träume sind dazu da, Wirklichkeit zu werden. Jedenfalls bei Kathrin von Arx. Sie ist nicht die Frau, die Träume begräbt und zur Tagesordnung übergeht. Und so ist aus ihrem Traum, dem Luftschloss auf Erden, Wirklichkeit geworden. Es besitzt feste Mauern und manche Kostbarkeit, die sie mit eigenen Händen mitgeholfen hat, aus jahrhundertealtem Verfall herauszuretten. Heute steht das Schloss in alter Pracht im Zentrum von Romainmôtier und ist eines der schönsten mittelalterlichen Bauwerke der Schweiz.

Mittelalterliche Mauern nur als zeugen der Vergangenheit wiederherzustellen widerspricht dem Naturell der Kathrin von Arx. Ihr Schloss ist heute ein offenes Haus, wo unzählige Menschen ein- und ausgehen, Künstler ihre Arbeitsstätten eingerichtet haben, Handwerker ihr Wissen weitergeben und Besucher auch einfach zur Ruhe kommen können. Schloss Romainmôtier ist eine lebenssprühende Oase geworden.

Mit der gleichen Geduld und Feinfühligkeit mit der sie Schloss Romainmôtier zu neuem Leben erweckte, hat Kathrin von Arx die Geschichte eben dieses Schlosses und der Menschen seiner Umgebung zu Papier gebracht Und Romainmôtier, das kleine Dorf am Jurafuss, ist nicht der Ort, der farblose Charaktere hervorbringt! Manche Kämpfe galt es auszufechten mit Nachbarn und Dorfgenossen, die der «spinnigen» Zuwanderin reserviert, ja feindlich gegenüberstanden. «Mein Luftschloss auf Erden» ist daher nicht nur der spannende Bericht eines architektonischen Abenteuers, sondern auch ein mal liebevolles, mal ironisches Porträt einer Landschaft und ihrer Bewohner.

Darüber hinaus auch ein kraftvolles «Ja» zum Leben und eine Aufforderung an den Leser, Spontaneität, Freude und Abenteuerlust nicht in festgefahrenen Geleisen abzutöten.
(Klappentext)

31. August 2022

Life Hacks

Keith Bradford: Life Hacks – 1000 Tricks,
die das Leben leichter machen, Rowohlt,
Reinbek b. Hamburg, 2015
Mundgeruch loswerden, sich vor Gewittern retten, Drinks umsonst bekommen und T-Shirts richtig zusammenlegen: alles kein Problem mit den «Life Hacks». Keith Bradford sammelt die 1000 lustigsten und cleversten Tricks, die das Leben erleichtern – und erstaunlich einfach sind. Sie bekommen Antworten auf Fragen, die Sie sich schon immer gestellt haben, und Hilfe für jede Lebenslage. Die verblüffendsten Ideen und originellsten Tipps für den Alltag. (Klappentext)

26. August 2022

Wie ich beinahe seekrank wurde

Werter Bundesrat, hier hätte die Schweiz in Sachen Stromverbrauch ein gewisses Reduktionspotenzial.

Unaufhaltsam pocht der Wind ans Gebälk. Es ist kurz vor zwei, als ich in 40 Metern über Boden aufwache. Mein Magen rebelliert sanft in finsterer Nacht. Mir ist schlecht. Der Blick über die Balustrade in Richtung Norden. Ein Lichtermeer zu nachtschlafender Zeit. Politik und Wirtschaft orakeln derzeit über zu erwartende Strommangellagen und wie damit umzugehen sei. Ja mei, dann hört doch endlich auf, die nachmitternächtlichen Strassen derart opulent zu illuminieren, wirbelt es mir durch den Kopf, ehe sich der latente Brechreiz wieder meldet.

Ich trinke einen Schluck Wasser, verdrücke einen Getreideriegel und lege mich wieder hin. Der Magen beruhigt sich überraschend schnell, derweil das windige Gerüttle am Aussichtsturm bis in die Morgenstunden weitergeht. Ein Gerüttle, das an schnell wogende Wellen oder an ein lang andauerndes Erdbeben erinnert. Kein Wunder, werde ich beinahe seekrank.

25. August 2022

Stein bedeutet Liebe

Eveline Hasler: Stein bedeutet Liebe,
dtv, München, 2012
Im Schwabinger «Café Stefanie» trifft sich Münchens Boheme. Der libertine Psychiater Otto Gross und seine Behandlungsmethoden sind hier Tagesgespräch, bei Roda Roda, Gustav Meyrinck, Erich Mühsam, der Gräfin Reventlow und der Fabrikantenwitwe Ullmann mit ihrer 22-jährigen Tochter Regina. Diese beginnt nicht nur eine Analyse bei Gross, der sie in ihrem literarischen Schreiben bestärkt, sondern lässt sich auch auf eine leidenschaftliche Affäre mit ihm ein. Als sie, zeitgleich mit zwei anderen Frauen, ein Kind von ihm erwartet, verweigert er seine Hilfe. Kurz darauf wird Gross, zur Heilung seiner Kokainsucht, bei Carl Gustav Jung ins Zürcher Burghölzli eingewiesen. Regina bekommt heimlich auf dem Land eine Tochter. Hin- und hergerissen zwischen ihren starken Gefühlen für Gross und ihrer dominanten Mutter, findet sie ihren eigenen Weg und ihre Kraft im Schreiben. Kenntnisreich und bewegend erzählt Eveline Hasler die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer tragischen Liebe.
(Inhaltsangabe zum Buch)

22. August 2022

Vom Wandern

Ulrich Grober: Vom Wandern, Rowohlt,
Reinbek b. Hamburg, 2011
Immer mehr Menschen, junge wie ältere, wandern – wieder. Eine alte Leidenschaft wird neu entdeckt, die Beine bewegen sich, «der Kopf wird frei und mit ihm der ganze Mensch». Die alte Kunst des Wanderns ist heute der Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung. Der Autofahrer steht im Stau, der Wanderer geht neue Wege. Er sucht die Exotik der Nähe – und findet sich selbst.

Ulrich Grober erzählt von seinen eigenen Wanderungen. Allein. Mit Kindern. Mit Freunden. Auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze der DDR oder den Rhein entlang. Über die Alpen. Auf Heideggers und Hesses Spuren u.a.m. Er berichtet über das innere Echo eines nächtlichen Zikadengesangs, über den süßen Geruch von Heu, über die Anstrengungen einer winterlichen Schneeschuhpartie.

Und Grober schlägt den Bogen von Ötzi bis zu den Neonomaden mit Laptop und Isomatte. Sein Buch ist ein philosophisches Brevier: Wie gewinnen wir unsere Zeitsouveränität zurück? Werden die «nomadischen Fähigkeiten» zu einer Schlüsselkompetenz des neuen Jahrtausends? Und auch praktisch: Aus welchen Bächen lässt sich noch trinken? Was braucht man an Ausrüstung und Proviant, wie orientiert man sich?

Ein kluges Buch, ebenso meditativ wie nützlich. Das Motto: «Ohne Schritte kein Fortschritt. Ohne Bewegung: Stillstand.» Wer gern wandert, wird dieses Buch lieben. Wandern als Lebenskunst und Selbsterfahrung.
(Inhaltsangabe zum Buch)

20. August 2022

Die Blaumeise

Werner Niederer: Die Blaumeise,
Grünkreuzverlag, Freiburg i.Br.
Alfred, ein 48-jähriger Programmierer, Hacker und seit kurzem Grossvater, erlebt zahlreiche Herausforderungen. Seine Reaktionen haben überraschende Folgen für die Zürcher Softwarefirma, in der er arbeitet, für seine Familie und sogar für die Weltpolitik. (Klappentext)

BE: Mürren, Silberhorn ZH: Stadt Zürich, Meilen, Rüschlikon, Greifensee, Uster, Dübendorf

18. August 2022

Das Gruselwasser vom Schimbrig

Unermüdlich summt der Geschirrspüler sein Arbeitslied. Mit von der Partie ist auch eine meiner Trinkflaschen, die vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung im Entlebuch zum Einsatz kam. Das Besondere daran: In der Nähe des ehemaligen Schimbrigbades plätschert eine Schwefelquelle ein paar Meter unterhalb des Wanderweges. Und weil man solchen Quellen nicht jeden Tag begegnet, stieg ich hinab, nahm ein paar Schlucke vom Gesundbrunnen und füllte die bereits halbleere Flasche mit dem seltenen Nass auf. Zwei Aktionen, die ich schon wenig später bereuen sollte. Schwefelhaltiges Wasser trinken ist das Eine, mit dem nach faulen Eiern stinkenden Geschmack im Gaumen umzugehen, das Andere.

Beim ehemaligen Bad angekommen – fünf Minuten nach der Schwefelquelle – entdeckte ich einen weiteren Brunnen, der normales Trinkwasser hergab. Ich leerte umgehend meine soeben nachgefüllte Trinkflasche aus und befüllte sie mit «neutral» schmeckender Trinksame. Wie sich im Verlaufe der Wanderung zeigen sollte, war der ekelerregende Schwefelgeruch immer noch in der Flasche. Und selbst eine zweite Füllung am Bahnhofbrunnen von Entlebuch, kurz vor der Heimfahrt, vermochte dem Gruselgeruch nicht den Garaus zu machen. Ich setze daher meine ganze Hoffnung auf die Wirkungskraft der Abwaschmaschine und tröste mich derweilen damit, dass dieses schaurige Medizinalgesöff meiner Gesundheit ein Upgrade – wenn auch ein kurzfristiges – verpasst hatte.

Der unscheinbare Schwefelwasserbrunnen am Fusse des Schimbrig.



Und wem dieses Schimbrigbad nichts sagt, dem sei noch folgender Text nachgeschoben,  den ich von der Informationstafel bei der Schwefelquelle abgekupfert habe:

Geschichtlich erstmals erwähnt sind die Eisen- und Schwefelquellen am Schimbrig von Joseph Xaver Schnider von Wartensee, Pfarrer in Schüpfheim in «Geschichte der Entlebucher» 1781. Dr. med. Walter Birrer, Entlebuch, schrieb damals in einem geschichtlichen Beitrag: «Von den drei Mineralquellen, die am nordwestlichen Abhang des Schimbrig entspringen, hat die Natrium-Schwefelquelle, die als solche die stärkste in der Schweiz ist, entschieden das Interesse behauptet und die Entwicklung des Kurbetriebes auf Schimbrigbad begründet.» Das erste Kurhaus von 1860 verfügte nach einer Erweiterung über 93 Zimmer mit 160 Betten und einem Badehaus mit zwölf Badezimmern und zehn Gästezimmern. Mit Zweispännern fuhren die Gäste nach Finsterwald, von dort zu Fuss, zu Pferd, aber auch mit Sänften getragen. Am 6. Juni 1885 wurde das ganze Gebäude ein Raub der Flammen. 1888/89 erfolgte ein Neubau mit 87 Zimmern für 110 Gäste. Leider wurde am 16. November 1933 auch das zweite Kurhotel durch ein Feuer zerstört und nicht wieder aufgebaut. So wurden die Glanzzeiten des Kurortes jäh beendet.

Diese Etikette zierte einst die Trinkflaschen.



Heute erinnert am Ort selber praktisch kaum noch etwas an den Kurhotel-Betrieb. Was aber blieb, ist die Schwefelquelle, welche international mehrmals entsprechend ausgezeichnet worden ist. Die Anreicherung an Calcium, Magnesium, Nitraten etc. zeichnet das Wasser aus.

Von der früheren Bedeutung der Schwefelquelle können wir heute also nur noch träumen. Eine bestimmte zielgerichtete Nutzung ist auch künftig sicher wertvoll und nun wieder sichergestellt. Für Wanderer und Ausflügler im Gebiet Schimbrig lohnt es sich, wenn das Quellwasser direkt an der Trinkstelle genossen wird oder wenn man eine Flasche mit dem heilsamen Wasser abfüllt und zu Hause trinkt. Das Schwefelwasser regt den Stoffwechsel im menschlichen Organismus kräftig an.

Schimbrig Bad zu seiner Blütezeit im im 19. Jahrhundert. Hinter dem Kurhaus baut sich der Schimbrig auf.
Die Quellfassung wurde durch das starke Unwetter im Sommer 2005 verschüttet und ist nun wieder fachmännisch erneuert worden. Und das Wichtigste: Die Wasserqualität ist attestiert und garantiert. Die Ergebnisse der durchgeführten Analysen entsprechen hinsichtlich der Fremd- und Inhaltstoff-Verordnung den lebensmittelrechtlichen Anforderungen. Visionäre Gedanken, dass das Wasser in absehbarer Zukunft in einem beschränkten Rahmen als Heilwasser vermarktet werden kann, sind nicht unrealistisch.