26. Juni 2022

Kater (43), 1.80 m, sucht …

Fatima Vidal: Kater (43), 1.80 m, sucht …,
Vidal Verlag, Winterthur, 2015
Ausgerechnet sie, die nichts mehr von der Liebe wissen will, soll einen Onlinekurs für Singles testen – Flirtübungen inklusive. Leonie Löv ist richtig gefordert. Ella, ihre beste Freundin, die gleichzeitig Stellenvermittlerin ist, hilft Leonie, Jobs zu finden. Die Auswahl (Hundesitterin, Testerin, Weihnachtsengel) ist alles andere als berauschend. Eusebius Löv, Leonies Vater, hat neuerdings andere Interessen und lässt seine Tochter links liegen. Yasmina Roth, Sachbuchautorin und Kupplerin der Nation, leitet diesen Kurs für Singles, der bei manch einer Leserin mächtige Aha-Erlebnisse auslösen wird. (Klappentext)

23. Juni 2022

Losgehen, um anzukommen

Diverse: Losgehen, um anzukommen,
Piper, München 2008
«Ich bin dann mal weg!» Viel mehr hatte Hape Kerkeling zum Abschied eigentlich nicht gesagt, als er zu seinem Fussmarsch auf dem Jakobsweg aufbrach. Mit elf Kilo im Gepäck, einem neuen Paar Wanderschuhen und einem Ziel vor sich, das 800 Kilometer entfernt lag und ihn verändern sollte. Und mit dem er an eine jahrhundertealte Tradition anknüpft, die doch heutzutage lebendiger als je zuvor ist. Schon im Mittelalter gab es solche spirituell motivierten Reisen zu wichtigen Stätten des Glaubens in Jerusalem , Rom oder Nordspanien; heute ziehen Wallfahrtsziele wie Santiago de Compostela, Altötting, Mariazell, Fatima oder Lourdes jedes Jahr Hunderttausende Gläubige an.

In diesem Buch ist eine Auswahl der schönsten historischen wie modernen Pilgerberichte versammelt – von Geoffrey Chaucer oder Robert Louis Stevenson bis Bettina Selby und Shirley Maclaine, Brigitte Riebe oder Carmen Rohrbach. Eindrucksvoll spiegeln sie die Intensität der körperlichen, vor allem aber der seelischen Erfahrungen beim Pilgern.

18. Juni 2022

Stille Nacht

Alexander Rieckhoff, Stefan Ummenhofer:
Stille Nacht, Piper, München, 2012
Die Schwarzwaldbahn kämpft sich durch das dichte Schneetreiben zwischen Triberg und St. Georgen. Unter den Fahrgästen sind auch Oberstudienrat Hubertus Hummel, ErmittIer wider Willen, und sein Freund, der Journalist Klaus Riesle. Auf einmal wird die Zugfahrt jäh gestoppt: Und ausgerechnet Riesle findet den Vorstandsvorsitzenden der Schwenninger Bären-Brauerei ermordet auf. Hat die Tat etwas mit der drohenden Übernahme der Brauerei zu tun? Beim Weltcup-Skispringen in Neustadt hoffen die Freizeitdetektive auf die Lösung des Falles und den Erfolg der Schwarzwald-Adler. Es gibt viel zu ermitteln für den neugierigen Lehrer, der eigentlich bis zur «Stillen Nacht» sein zerbrochenes privates Glück mit Ehefrau Elke wiederherstellen will. Doch dann geschieht ein zweiter Mord – und auch Hummel ist in Gefahr … (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Villingen-Schwenningen, Titisee-Neustadt, Offenburg, Donaueschingen, Tannenbronn, Schwarzwaldbahn

10. Juni 2022

Die Apothekerin

Ingrid Noll: Die Apothekerin, Diogenes,
Zürich, 1994
Hella Moormann liegt in der Heidelberger Frauenklinik – mit Rosemarie Hirte als Bettnachbarin. Um sich die Zeit zu vertreiben, vertraut Hella der Zimmergenossin die abenteuerlichsten Geheimnisse an. Von Beruf Apothekerin, leidet sie unter ihrem Retter- und Muttertrieb, der daran schuld ist, dass sie immer wieder an die falschen Männer gerät – und in die abenteuerlichsten Situationen: eine Erbschaft, die es in sich hat, Rauschgift, ein gefährliches künstliches Gebiss, ein leichtlebiger Student und ein Kind von mehreren Vätern sind mit von der Partie. Und nicht zu vergessen Rosemarie Hirte in der Rolle einer unberechenbaren Beichtmutter
… (Klappentext)

5. Juni 2022

Gourrama

Friedrich Glauser: Gourrama, ex Libris,
Zürich, 1977
Friedrich Glauser führte ein abenteuerliches Aussenseiterleben; das spürt man allen seinen Romanen und Erzählungen an, denn nichts Provinzielles haftet ihnen an, obschon in ihnen Menschen und Zustände in der Schweiz genau gezeichnet sind. Erst bei der Lektüre seiner biographischen Schriften erleben wir jedoch unmittelbar, was für ein gefährliches und hartes Leben am Rande oder ausserhalb der Gesellschaft Glauser geführt hat. Dank seinem autobiographischen Fragment «Mensch im Zwielicht» verstehen wir, warum es ihn aus dem bürgerlichen Leben hinausgeworfen hat. Er erzählt von seinem zwiespältigen Verhältnis zum starren, äusserst strengen Vater, vom frühen Tod seiner Mutter und den Erfahrungen, die er während seiner psychoanalytischen Behandlungen gemacht hat.

In zwei Geschichten unter dem Titel «Im Dunkel» erzählt er, was er in der Zeit nach der Fremdenlegion als Casserolier in Paris und darnach als Arbeiter in den belgischen Gruben und als Krankenwärter in Charleroi erlebt hat. Den Legionsroman «Gourrama», eines seiner lebendigsten Hauptwerke, schrieb Glauser 1928 und 1929, also sechs Jahre, nachdem er aus der Fremdenlegion zurückgekehrt war. Umso erstaunlicher ist es, dass der Roman atmosphärisch so dicht wirkt, als hätte ihn Glauser als Tagebuch geschrieben. Allerdings zeugt das Hauptthema davon, dass der Autor aus Distanz erzählt. Er schildert, wie der Herausgeber Hugo Leber schreibt, «die Flucht in einen Ort, wo es eine Flucht vor sich selber nicht mehr gab». 

Ein junger Schweizer erlebt im Lager der Legionäre sich selbst. Er ist umgeben von gescheiterten Existenzen, die sich gegenseitig vorgaukeln, was für eine filmromantische Vergangenheit sie hätten. Man kennt sich; jeder weiss, dass der andere lügt. Man hat Sehnsucht nach Zärtlichkeit und befriedigt wie unter sich auf rührend dürftige Art. Glausers Roman ist voll von echten Details; darum und wegen der Kunst der Charakterisierung und wegen der Sprachkraft ist er so spannend und mitreissend. (Klappentext)

1. Juni 2022

Reisen im Licht der Sterne

Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne,
btb, München, 2007
Wer kennt sie nicht, die berühmteste Insel der Weltliteratur: die «Schatzinsel». Aber gibt es die legendäre Pirateninsel wirklich? Diese Frage bewegt bis heute Generationen von Lesern und Heerscharen von Schatzsuchern. Doch sie alle haben am falschen Platz gesucht. Davon ist Alex Capus überzeugt. Voller Verve erzählt der Schweizer Autor die Geschichte der «Schatzinsel» und ihres Autors Robert Louis Stevenson neu. Mit der Begeisterung eines Schatzsuchers und der Kombinationsgabe eines Forschers erkundet Capus Stevensons Leben. Er verknüpft Legende und Wahrheit um die Insel der Piratenschätze, zeigt Stevenson als Abkömmling eines schottischen Clans und als schwerkranken Südsee-Forscher, der geheimnisvolle «Reisen im Licht der Sterne» unternimmt. Und er bietet eine ebenso verblüffende wie einleuchtende Erklärung für die ewigen Misserfolge der Schatzsucher: Der Schatz ist einfach nicht da, wo alle suchten. Er ist ganz woanders - und Stevenson wusste, wo ...
(Klappentext)

Moors Fazit: Ein wunderbares Buch!

27. Mai 2022

Abschied von Sidonie

Erich Hackl: Abschied von Sidonie,
Diogenes, Zürich, 1991
Diese fiktionale wahre Geschichte, die in den 1930er Jahren in Österreich spielt, betrifft ein verlassenes Baby, das die Behörden wegen seiner Färbung als Zigeuner betrachten. Sidonie Adlersburg wird von einem Paar aufgenommen, das sie bis 1943 liebevoll als ihr eigenes aufzieht, als sie im Alter von 10 Jahren gewaltsam von ihnen getrennt, zu ihrer leiblichen Mutter zurückgekehrt und in ein Konzentrationslager gebracht wird, wo sie stirbt. In einem nachdenklichen letzten Kapitel stellt der Autor fest, dass jeder – von Sidonies Schulleiter über ihre Sozialarbeiterin bis hin zum Bürgermeister des Dorfes – ihren Tod durch ein paar einfache Worte hätte verhindern können, die keinen lauten Alarm ausgelöst hätten. Stattdessen starb ein kleines Mädchen vor ihrer Zeit. Eine kurze, aber bewegende Mischung aus Fakten und Fiktion.

A: Steyr und Umgebung, Hopfengarten

24. Mai 2022

Das Baby-Bambi von Grolley

Ich war gerade zwanzig Minuten unterwegs, als vor mir im Wald südlich von Grolley (FR) ein Tier in der Grösse eines Hasen über den Pfad hoppelte. Auf der Höhe des gesichteten Lebewesens angelangt, schaute ich aus lauter Gewohnheit in jene Richtung, in der es verschwand. Und siehe da: Im halbhohen Bodenbewuchs lag ein Rehkitz und schaute mit herzerweichendem Blick zu mir hoch.

Ich schoss ein paar Fotos und widerstand der Versuchung, das schnuckelige Baby zu streicheln. Wie ich mich auf die Fortsetzung meiner Wanderung machte, hörte ich hinter mir das unverkennbare Bellen eines Rehs. In der Hoffnung, dass es sich um die Mutter handelte, die ihr Junges bald finden würde, durchquerte ich anschliessend entlegene Dörfer und wunderbare Wälder, ehe ich in Payerne wieder in die Bahn stieg und nach Hause fuhr.

Nebst meiner unverhofften Begegnung, bildete der historische Turm von Montagny-les-Monts das zweite – mitunter bewusst angepeilte – Glanzlicht des Tages. Vom ehemaligen Wohnturm des Schlosses hatte ich eine prächtige Aussicht in eine Umgebung, die es weiter zu entdecken gilt.

22. Mai 2022

Weiter im Wald

Was tun, wenn du das Wochenende wandernd mit Zelt verbringen möchtest, in den Voralpen stellenweise noch zu viel Schnee liegt und dort am Abend Gewitter angesagt sind? – Ab in den mittelländischen Wald! Ab nach Donatyre, dem letzten Etappenort meines Projektes, die Schweiz wenn immer möglich im Wald zu durchqueren.
Weil sich der Wald derzeit in der üppigsten Frühlingspracht zeigt, ist mir der Entscheid leicht gefallen, das postwinterliche Bergland gegen die sanfte Hügelwelt des waadtländisch-freiburgischen Hinterlandes zu tauschen. Von besagtem Donatyre lenke ich also meine Schritte in den nächsten Wald, wo ich unvermittelt in eine Art grüne Hölle eintauche und auf überwachsenem Pfad hinab an einen Bach stakse, den es steglos zu überqueren gilt.

Musste ich vor einer Viertelstunde entgegenrasenden Autos ausweichen, suche ich nun an der mit Brennnesseln übersäten Uferböschung einen Durchgang zum Wasser. Ein Hauch von Dschungelfeeling macht sich breit. Schliesslich finde ich eine flachere Uferpartie mit überspringbarem Bachbett. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Vegetation weniger dicht, so dass ich mir einen etwas besseren Überblick verschaffen kann. Dabei entdecke ich zahlreiche von Bibern gefällte Bäume. Dreihundert Meter flussabwärts staut sich das Wasser an einem Biberdamm. In welch wunderbare Wildnis bin ich hier innert Kürze geraten!

Biberburg auf der Grenze der Kantone Waadt und Freiburg.

In ähnlicher Weise geht die Waldreise nun in nordöstlicher Richtung weiter: Dichtes Grün und mitunter üppig bewachsene Pfade, die nicht immer leicht auszumachen sind. Zu meiner Überraschung stosse ich gegen 18.30 Uhr am Waldrand etwas oberhalb von Münchenwiler auf einen Rastplatz mit munter plätscherndem Brunnen. Spontan deklariere ich diesen Ort mit Blick auf den Murtensee und dem dahinter gelegenen Jura zum Etappenziel. Bevor ich mir im Wald einen geeigneten Biwakplatz suche, koche ich mir ein Süppchen und hole die Flüssigkeitszufuhr nach.

Ungewohnte Wegverhältnisse im Wald südlich von Villarepos (FR).

Die ruhige Nacht verbringe ich mitten auf der Kantonsgrenze BE/FR direkt neben einem historischen Grenzstein, der ein farbiges Berner Wappen und die Jahreszahl 1754 zeigt. Anderntags ziehe ich weiter durch die bernische Exklave Münchenwiler, stolziere durch den öffentlich zugänglichen Schlosspark, ehe ich mich bei wiederum (zu) warmen Temperaturen von Waldstück zu Waldstück hangle, bis ich schliesslich im Staatswald Galm verschwinde, der noch ein wenig kühle Morgenfrische absondert.

Auf der Kantonsgrenze BE/FR mit dem Grenzstein von 1754.

Kurz vor Wallenbuch betrete ich wiederum bernischen Boden, um hernach mit Wallenbuch eine freiburgische Exklave zu durchqueren. Die komplizierten geopolitischen Verhältnisse der bisherigen Etappen dieser Waldroute nehmen am Tagesziel Gümmenen dann endlich eine Wendung zum Einfachen: Die nun anstehenden Abschnitte werden einzig und alleine durch den Kanton Bern führen. Von den geplanten 405,2 Kilometern habe ich inzwischen deren 101,3 zurückgelegt. Eine Punktlandung in Sachen Bruchrechnen!

19. Mai 2022

Korea

Simon Winchester: Korea, btb, München,
2006
Wie reist man durch ein so fremdes Land wie Südkorea? Simon Winchester möchte das «echte» Südkorea erleben, also entschliesst er sich, zwei Monate lang zu Fuss das «Land der Wunder» zu durchqueren. Auf seiner Reise trifft Winchester amerikanische Soldaten und irische Mönche, koreanische Amazonen und auf Flitterwochen spezialisierte Hotelbesitzer, er bekommt es mit professionellen Heiratsvermittlern, deftigen Hundegerichten und konfuzianischen Lebensritualen zu tun. Winchester lernt dieses Land lieben – gerne hätte er einfach nur von der Schönheit Koreas geschrieben. Doch ist gerade die Zeit seiner Reise, das Jahr 1987, «die bewegteste, faszinierendste und historisch vielleicht bedeutsamste Zeit in der Geschichte des modernen Korea». Es ist die Zeit, als das politische System Koreas in Bewegung gerät. Und so wird Winchesters Marsch auch zu einer hautnahen Begegnung mit den politischen Konflikten des Landes: Er berichtet von den massiven Unruhen und politischen Protesten, die durch das autoritäre Regime ausgelöst werden und zur allmählichen Einführung demokratischerer Strukturen beitragen. (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Ein durch und durch aufschlussreicher Reisebericht, der sich in erster Linie – und das ist gut so – mit dem Land Korea und vieler seiner oft unglaublichen Facetten befasst, und der Fussmarsch erzählerisch lediglich als «Vehikel» und roter Faden dient. Wer mehr über ein Land erfahren möchte, von dem wir hier im Westen nur wenig wissen, hole sich den Winchester und tauche ein in diese unsinnigerweise geteilte Halbinsel Asiens.

14. Mai 2022

Die Spirale – Etappe 14

In Grün die bereits zurückgelegte Strecke von 235 km

Die Vorfreude auf diese 14. Etappe der Wanderspirale war gross und berechtigt dazu. Heute stand nämlich der 2. Einsatz meines Packrafts an, stellte sich mir doch der Wohlensee in die Quere. Von Frauenkappelen, wo mich ein absolut traumhafter Frühsommertag erwartete, stieg ich ab in den Mikrokosmos Wohlensee. Surrte am Frauenkappeler Ortsrand noch ein Baukran, sang und pfiff und quakte es am wellenlosen See ohne Ende. Genau so hatte ich mir diesen gewünscht. Und weil ich unter der Woche zu Gange war, kurvten auch keine nervigen Motorboote auf dem Gewässer herum. Abgesehen von zwei Sportruderern hatte ich also den Wohlensee für mich, zumindest für die gut 300 Meter lange Strecke vom Süd- ans Nordufer.

Zugegeben, für die zehn Minuten, die ich auf dem Wasser war, benötigte ich insgesamt 50 Minuten Vor- und Nachbereitung. Mit anderen Worten, auf diesem Abschnitt war ich mit 0,3 km/h unterwegs, was für einen Fussgänger wie mich rekordverdächtig langsam ist. Positiv formuliert: Entschleunigung in Reinkultur! In der Folge erhöhte ich das Tempo um das rund 20-fache, stieg auf das Plateau am Fusse des Frienisbergs hoch, wo mir das ländlich-schmucke Möriswil besonders ins Auge stach. Das kleine Dorf scheint noch weitgehend unberührt vom unermüdlich grassierenden Einfamilienhäuschenboom, statt dessen brilliert es mit überdurchschnittlich grossen Bauernhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Auf dem Wohlensee, der aufgestauten Aare im Westen Berns.
Das Kraftwerk ging übrigens am 23. August 1920 in Betrieb.

Auf dem Weg nach Meikirch begleitete mich das schneebedeckte Alpenpanorama. Eigentlich hätte ich mich im Schatten eines Baumes hinsetzen müssen, um den Rest des Tages in die fernen Berge zu blinzeln. Doch mein Ziel war noch weit, und so begnügte ich mich mit dem Trost, dass ich mir den meditativen Blick auch im Alter noch zu Gemüte führen kann, wenn 0,3 km/h meine Grundgeschwindigkeit sein wird.

Ehe ich nach Schönbrunnen, dem angepeilten Etappenort, gelangte, durchstreifte ich herrliche Buchenwälder. Auch hier genoss ich die Einsamkeit und das Jubilieren der Vögel, die derzeit alle Schnäbel voll zu tun haben. Ein ziemlicher Kontrast bildeten die letzten zwei Kilometer im Tal des Lyssbachs, wo alle paar Minuten ein Zug der Strecke Zollikofen–Biel vorbeirauschte und sich einen halben Kilometer weiter nördlich die Autobahn permanent bemerkbar machte. Einen Hauch von Wildwest gab es in Schönbrunnen, wo mitten in der Ebene das abgehalftert wirkende Hotel Schönbrunnen steht. Für mich war sofort klar, dass das Etablissement seit längerer Zeit keine Gäste mehr beherbergte. Doch dann sah ich hinter einem Fenster einen älteren Herrn sitzen. Ich ging ums halbe Haus herum, um herauszufinden, ob ich mich bloss von der falschen Seite genähert hatte. Die Gebäudefassade konnte mich indes nicht vom Gegenteil überzeugen.

Abbröckelnde Fassaden, zerbröselnder Sandstein: Das Hotel Schönbrunnen bei Münchenbuchsee hat den Charme des alten Hauses von Rocky Docky.
Wieder zu Hause googelte ich. Und tatsächlich: Das Hotel Schönbrunnen lebt! Im vergangenen Jahr sollen, laut Website, Renovationsarbeiten stattgefunden haben. Das von aussen betrachtete, baufällig wirkende und dazu noch denkmalgeschützte Gebäude geizt auch nicht mit «Auszeichnungen». Und es wirbt zudem mit dem «weltweit einzigen sprechenden Schneewittchenmärchen-Spiegel in fünf Sprachen». Schön auch der Passus in der Hausordnung, dass weder Junggesellen/Junggesellenabschiede oder ähnliche Feiern erlaubt sind.

Ich werde garantiert wieder hierher kommen. Nicht zum Übernachten, versteht sich.

8. Mai 2022

Die Geschichte von Herrn Sommer

Patrick Süskind: Die Geschichte von Herrn
Sommer, Diogenes, Zürich, 1994
«Zu der Zeit, als ich noch auf Bäume kletterte, lebte in unserem Dorf, keine zwei Kilometer von unserem Haus entfernt, ein Mann mit Namen ‹Herr Sommer›. Kein Mensch wusste, wie Herr Sommer mit Vornamen hiess, und kein Mensch wusste auch, ob Herr Sommer einem Beruf nachging. Man wusste nur, dass Frau Sommer einen Beruf ausübte, und zwar den Beruf der Puppenmacherin. Obwohl man über die Sommers und insbesondere über Herrn Sommer so gut wie nichts wusste, kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass es im Umkreis von mindestens sechzig Kilometern um den See herum keinen Menschen gab, Mann, Frau oder Kind – ja nicht einmal einen Hund –, der Herrn Sommer nicht gekannt hätte, denn Herr Sommer war ständig unterwegs. Es mochte schneien oder hageln, es mochte stürmen oder wie aus Kübeln giessen, die Sonne mochte brennen, ein Orkan im Anzug sein, Herr Sommer war auf Wanderschaft.»

Herr Sommer läuft stumm, im Tempo eines Gehetzten, mit seinem leeren Rucksack und dem langen, merkwürdigen Spazierstock von Dorf zu Dorf, geistert durch die Landschaft und durch die Tag- und Alpträume eines kleinen Jungen. Erst als der kleine Junge schon nicht mehr auf Bäume klettert, entschwindet der geheimnisvolle Herr Sommer. (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Süddeutschland

Moors Fazit: Eine wunderbar erzählte, mitunter witzig-komische Novelle, die ich mit Hochgenuss gelesen habe. Passend dazu die Aquarellbilder von Sempé. Das Bändchen wird einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek einnehmen.

5. Mai 2022

Der verflixte Guscha

Ach, als freischaffender Turmbesteiger hat man es nicht immer leicht. Das Berner Münster, zum Beispiel, darf alleine nicht mehr bestiegen werden – das Basler Münster offenbar auch nicht, wie mir kürzlich eine Blogleserin mitteilte. Dann gibt es Türme, die es plötzlich nicht mehr gibt, wie der Prime Tower bei Olten. Oder es gibt solche, die genau dann, wenn du deren Besteigung ins Auge gefasst hast, renoviert werden oder aus Sicherheitsgründen gesperrt sind. Und dann, ja dann gibt es noch den Guschaturm über dem bündnerischen St. Luzisteig.

Einen ersten Anlauf, den zur militär-historischen Wehranlage gehörenden Turm zu besteigen, machte ich am 5. Juni 2021. Allein das vor Ort herrschende Wetter liess meinen Plan nicht zu, so dass ich mich mit der Umrundung des Fläscherbergs begnügen musste. Einen zweiten Versuch unternahm ich am 30./31. Oktober 2022. Geplant war eine Wanderung von Steg im liechtensteinischen Saminatal auf den St. Luzisteig mit einer Besteigung des Guschaturms am Ende der Wanderung. Einmal mehr hatte das Wetter etwas dagegen. Obschon ich mich in Steg (FL) auf den Weg machte, musste ich auf dem ersten Pass abdrehen, da mich ein Föhnsturm immer wieder zu Boden drückte.

Am vergangenen Sonntag unternahm ich nun einen dritten, hoffnungsvollen Versuch, diesem Turm auf den Zahn zu fühlen, ihn endlich zu besteigen. Von Balzers stieg ich den schönen Weg zur ehemaligen Walsersiedlung Guscha hoch. Das waren rund zwei Stunden Steilwald vom feinsten. Das auf 1111 m gelegene Guscha präsentierte sich im ruhigen Sonntagsmodus und glänzte mit einer formidablen Aussicht auf den St. Luzisteig, den Fläscherberg und die im Hintergrund gelegenen St. Galler Alpen. So steil der Aufstieg war, umso gemächlicher ging es auf einer breiten Forststrasse bergab, bis ich nach ¾ Stunden plötzlich vor dem runden Guschaturm stand. Ohne Federlesens fand ich den abseits der Strasse gelegenen Eingang. Ein Schild wies darauf hin, dass sich im Turm maximal 50 Personen aufhalten dürfen. Kein Problem, dachte ich, waren doch weit und breit keine Sinnesgenossen auszumachen.

Der Guschaturm wurde während des Krimkrieges von 1853–55 erbaut. Hierbei handelt es sich um eine redimensionierte Kopie des Malakoff-Turmes der Festung in Sewastopol. Dieser erlaubte die Fernaufklärung, und bildete das Ende der Festungsmauer an der rechten Talflanke des St. Luzisteigs. Er wird auch «Hungerturm» genannt, weil das Militär 1871 dort straffällig gewordene Angehörige der internierten Bourbaki-Armee gefangen hielt und – so die Legende – vergessen haben soll. Der Bau dieser Art Wehrtürme, solche gibt es auch im Raum Bellinzona und bei St. Maurice im Wallis, war Teil eines Beschäftigungs-Programmes für die damals hungernde Bevölkerung.


Ich atmete noch einmal tief durch, denn nun sollte der Turm endlich die Moor'sche Jungfräulichkeit verlieren, umfasste den Türknauf und zog daran. Nichts. Also stiess ich gegen die Türe. Nichts. Nun drehte ich den Knauf. Nach links. Nach rechts. Leerlauf. Ich zog und drückte noch einmal. Ohne Erfolg. Die Holztüre tat keinen Wank. Mein Verstand indes, der wankte. Und wankte. Und wankte.
 
Schweren Herzens zog ich von dannen. Noch hegte ich die leise Hoffnung, dass sich auf der rückwärtigen Seite des Turms ein Eingang finden liesse. Die Hoffnung währte genau 25 Sekunden. Ein paar Minuten später trat ich aus dem Wald und blickte noch einmal zurück. Auf dem Turm wehte majestätisch die Schweizerfahne. Und da erkannte ich doch tatsächlich zwei Personen am Fusse des Fahnenmastes. Ich stand kurz davor zu kollabieren. Sollte ich wieder zurück? Konnte es sein, dass ich die Turmtüre zu bloss wenig kraftvoll aufstossen wollte? Oder benötigte man tatsächlich einen Schlüssel, um in dieses verflixte Heiligtum zu gelangen?
 
Noch einmal hochzusteigen und womöglich ein weiteres Mal zu scheitern kam für mich indes nicht infrage. Und so begnügte ich mich mit der Gewissheit, dass ich dem Guschaturm noch einmal meine Aufwartung machen werde. Schliesslich habe ich ja noch eine weitere Rechnung offen: Der Gang vom Saminatal über das Maiensäss Guscha nach Bad Ragaz.

4. Mai 2022

Ein Flecken Erde

Arthur Honegger: Ein Flecken Erde,
Huber, Frauenfeld, 1984
In seinem Roman «Ein Flecken Erde» erzählt Honegger das wechselvolle Schicksal einer Bauernfamilie zwischen den beiden Weltkriegen. Für wenig Geld hat ein Bauer aus dem Bernbiet einen verganteten Hof in der Ostschweiz erworben. Dies ist der Ausgangspunkt einer an Schicksalen reichen Familiengeschichte. Aufstieg und Niedergang, Tradition und neuer Geist bestimmen die hart ausgetragenen Konflikte dieser verzweigten, teilweise in die Stadt abgewanderten Familie. Ein Roman mit dem Honegger erneut zu seiner wesentlichen Thematik zurückgefunden hat. (Klappentext)

BE: Blumenstein, Goldiwil, Herzogenbuchsee, Krattigen ZH: Zürcher Oberland (Pfäffikon, Illnau, Seegräben, Uster) SZ: March, Lachen

1. Mai 2022

Mein Studium ferner Welten

Alex Capus: Mein Studium ferner Welten,
dtv, München, 2003
Im Zentrum dieser raffiniert ineinander verwobenen Geschichten steht Max Mohn, der widerwillig Karriere beim Fernsehen macht. Da ist aber auch seine Ehefrau Ingrid, in die er schon als Dreizehnjähriger verliebt war und die er dennoch verlieren wird; der dauerschlafende Grossvater, der sich aus Trotz und Geiz zu sterben weigert; Johnny Türler, der gescheiterte Abenteurer, der in der väterlichen Konditorei Pralinen verkauft; Kellner René, der im leeren Bahnhofsrestaurant ausharrt und in einem karierten Schulheft ein Archiv menschlichen Leidens führt. Die Bühne ist eine ganz gewöhnliche Kleinstadt, in der jeder Akteur den anderen kennt, in der man sich liebt und hasst und lebenslang nicht voneinander loskommt. Da gibt es zornige Mädchen, fitnesswütige Seniorinnen, Sektierer und Anpasser, Selbstmörder, Schurken und Schwätzer, Schelme, Säufer und landlose Bauern. Alex Capus erzählt von den harmlosen und den schlimmen Querschüssen des Lebens, von den Launen und den Hakenschlägen des Glücks – mit gerechtem Zorn und ebensoviel Witz.

28. April 2022

160 cm vs. 2363 km

Christina Ragettli: Von Wegen, Arisverlag,
Embrach, 2022
Christina Ragettli war beruflich am Anschlag, als sie beschloss, sich eine Auszeit zu nehmen. Zuerst spielte die 1992 geborene Bündnerin mit dem Gedanken, den ultralangen Pacific Crest Trail im Westen der USA zu wandern. Dann aber führten verschiedene Überlegungen zur Einsicht, die deutlich kürzere, aber nicht weniger anspruchsvolle «rote» Via Alpina unter die Füsse zu nehmen. Dieser Weitwanderweg führt von Triest durch den gesamten Alpenbogen bis nach Monaco.

Geplant war, im Frühjahr 2020 in Monaco zu starten, um nach rund vier Monaten in Triest anzukommen. Doch dann machte die Corona-Pandemie Ragettlis Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Die junge Frau aus Flims liess sich indes nicht entmutigen und disponierte kurzerhand um. Darauf hoffend, dass die Nachbarländer ihre Einreiserestriktionen mit der Zeit wieder lockern würden, startete Ragettli im Unterwallis in Richtung Triest, wo sie einige Wochen später tatsächlich das Adriatische Meer erreichte. Den Abschnitt vom Unterwallis nach Monaco nahm sie wenige Tage nach ihrer Rückkehr in die Schweiz in Angriff und hielt bis zum Mittelmeer durch. Die insgesamt 2363 Kilometer lange Route bewältigt Ragettli in 100 Wandertagen.

Kürzlich sind nun die Erlebnisse der Fernwanderin in Buchform erschienen. Die Autorin erzählt darin unter anderem, wie es sich anfühlt, als Frau meist alleine unterwegs zu sein und mit dem Zelt in den Alpen wild zu campieren. Christina Ragettli berichtet ausführlich über ihre mentalen und physischen Hochs und Tiefs, gibt zu Protokoll, wann sie wo Handy-Empfang hat und mit wem sie über welche Themen telefonisch debattiert. Der Leserschaft wird auch nicht vorenthalten, wann was gegessen wird, und seien es bloss vegane Gummibärchen oder ein erfrischendes Eis. Selbstverständlich sorgt auch das Wetter für permanenten Schreibstoff. Als Leser gewinnt man hierbei den Eindruck, die tapfere Berglerin habe für ihr Projekt einen ausnehmend schlechten Sommer erwischt, und man leidet förmlich mit, wenn sie sich tagelang im Dauerregen über die Pässe quält. Die Ragettlis seien zäh und ausdauernd, beschreibt Christina Ragettli sich und ihre Familie. Deshalb lässt sich die Wanderin auch nicht von gesundheitlichem Ungemach wie Schulter-, Bauch- und Kopfschmerzen, Blasen, Kapillarblutungen, Sonnenbrand, Schrammen und dergleichen mehr entmutigen.

So abenteuerlich das Erlebte ist und so bemerkenswert die vollbrachte Leistung ausfällt, Christina Ragettlis Bericht lässt leider einiges zu wünschen übrig. So erfahren Leserin und Leser herzlich wenig über die Besonderheiten der durchwanderten Gegend. Ein wenig mehr Recherche wäre deshalb angebracht gewesen. Dafür hätte getrost auf zahlreiche Bemerkungen über Gegessenes und andere Belanglosigkeiten wie WiFi-Empfang, Name-Dropping etc. verzichtet werden können. Als enttäuschend zu betrachten ist das Lektorat/Korrektorat. So sind zum Beispiel etliche Ortsbezeichnungen falsch geschrieben. Auch stilistisch treibt Ragettlis Text immer wieder Blüten, die ein Lektorat/Korrektorat nicht hätten kalt lassen sollen. So zum Beispiel auf der Seite 113: «Nach einer Regennacht auf dem Campingplatz überqueren wir unterirdisch die Brenner-Autobahn ...»

26. April 2022

In Liebe, Agnes

Håkan Nesser: In Liebe, Agnes, btb,
München, 2006

Ein Dreiecksverhältnis, das tödlich endet: Agnes und Henny sind alte Schulfreundinnen, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Auf der Beerdigung von Agnes Mann treffen sie sich wieder. Zögerlich beginnen sie sich erneut anzunähern, schreiben sich zunächst Briefe, vertrauen sich alte Geheimnisse an. Schritt für Schritt nähern sie sich dabei einem gefährlichen Komplott, detailversessen planen sie einen heimtückischen Mord! Doch eine von beiden spielt falsch … (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Ich lese selten ein Buch in einem Tag durch. Dieses hier bildet eine der wenigen Ausnahmen.

23. April 2022

Schräglage mit Aussicht

Diese Woche führte mich mein Turmbesteigungsprojekt nach Steckborn am frühlingshaften Untersee. Hier steht der von 1833–35 errichtete Turm der evangelisch-reformierten Kirche. Dieser ist erfreulicherweise öffentlich zugänglich und bietet einen umwerfenden Blick auf das Altstädtchen Steckborns sowie die nähere Umgebung. Die Turmspitze befindet sich auf 50 Meter über Grund, die Aussichtsplattform in circa 35 Metern Höhe.

Das an der Innenseite der Turmmauern angebrachte hölzerne Treppenwerk weist 176 Stufen auf. Einmal oben angelangt, lässt sich der Fuss des spitzigen Turmdaches komplett umrunden. Bei schönem Wetter buchstäblich ein Hochgenuss. Wie es sich für einen Kirchturm gehört, beherbergt dieser das Uhrwerk sowie vier Glocken mitsamt dem Läutwerkmechanismus. Dem allem begegnet der Turmbesteiger, und mit etwas Glück wird er Zeuge, wenn sich die Apparatur in Gang setzt.

Kurz vor 11 Uhr begann ich den Abstieg und erlebte hautnah, wie die Kirchturmuhr 11 Uhr schlug und sich anschliessend die 647 kg schwere 11-Uhr-Glocke in Bewegung setzte. Der Vollständigkeit halber seien die drei anderen Glocken hier kurz erwähnt: Die grosse Glocke wiegt stolze 2,3 Tonnen und stammt aus dem Jahr 1524; die Betzeitglocke bringt 358 kg auf die Waage und wurde 1843 gegossen. Aus demselben Jahr stammt das mit 151 kg vergleichsweise leichte Taufglöcklein.

Die vergangenen knapp 190 Jahre sind indes nicht spurlos am dominanten Bauwerk vorübergegangen. Das Thurgauer Tagblatt berichtete im November 2019, dass der Turm 30 Zentimeter aus dem Lot sei und nun gerettet werden soll. Nachdem am 24. März 2021 die Kirchgemeindeversammlung einem Kredit für die Ausführung von Stabilisierungsmassnahmen zugestimmt hatte, begannen am 27. September 2021 die Arbeiten, die inzwischen abgeschlossen worden sind. Gemäss Auskunft des Kirchgemeindesekretariates soll 2023 der Turm renoviert werden. Dies dürfte insbesondere die Treppe und vor allem auch den Glockenstuhl betreffen.

Im Anschluss an diesen erhabenen Auftakt, widmete ich mich kurz der schmucken Altstadt mit ihren Fachwerkbauten, den zahlreichen Beizen und der lauschigen Uferpromenade, ehe es an die Überschreitung des Seerückens ging. In Felben-Wellhausen war dann Schluss, wobei ich mit Freude zur Kenntnis nahm, dass der Bahnhof, den ich seit meinem letzten Besuch von vor 13 Jahren in eher schlechter Erinnerung hatte, einen Komplettumbau erfahren hat. Es tut sich also immer mal wieder was im «Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön».

Und wem die Reise nach Steckborn zu weit oder die Besteigung des Kirchturms zu abenteuerlich oder zu schwindelerregend ist, hier ein paar meiner Eindrücke.

20. April 2022

Die Spirale – Etappe 13

Dass ich innert Wochenfrist erneut am Bahnhof von Niederscherli stand, daran war die leidige Bise schuld. Ohne diesen Mark- und Bein durchdringenden Wind wäre ich für zwei Tage ins Entlebuch gefahren, um dort eine schöne Zeltwanderung zu zelebrieren. Was heisst, wäre? Ich hatte mich gestern mit dem Zug nach Escholzmatt begeben, um aber sogleich wieder umzukehren und den nächsten Zug Richtung Bern zu besteigen. Wenn du dir im Tal unten vor lauter Kaltwind und fehlendem Sonnenschein einen abfrierst, dürfte es auf den 600 Meter höher gelegenen, exponierten Hügeln um einiges ungastlicher zu und her gehen, so mein Gedankengang. Ich drehte also unverrichteter Dinge ab, nicht ohne einen gewissen Frust, hatte ich mir doch die zwei Ostertage etwas anders vorgestellt.

Auf der Heimfahrt blieb mir dann genügend Zeit, über eine Wanderung für den Folgetag nachzudenken. Und so kam es, dass ich mich für die Fortsetzung der Wanderspirale entschied, in Zahlen ausgedrückt: für die 13. Etappe. Die Fussreise führte mich auf gut 13 Kilometern von Niederscherli mehrheitlich nordwärts nach Frauenkappelen. Ich ging früh los, um möglichst wenig von der im Tagesverlauf stärker werdenden Bise abzubekommen. Eine sternenklare Nacht hatte für knackige Morgentemperaturen nahe am Gefrierpunkt gesorgt.

Niederscherli im Ostersonntagsschlaf. Vorbei an der leicht exotisch anmutenden reformierten Kirche. Vor dem Abstieg in den Scherligraben, zwei kurz aufeinander folgende Hundebsitzer. Ein Augenkontakt mit den Vierbeinern und wir verstanden uns. Beide kamen sie jeweils auf mich zu und wollten gestreichelt werden. Was für ein lieblicher Auftakt zu dieser Etappe. Aus dem Scherligraben ging ich mangels Fussweg, weglos einem Waldrand entlang hoch zum Weiler Oberried. Ein Blick zurück zur Stockhornkette im morgendlichen Gegenlicht.

Auf halbem Weg nach Liebewil zweigte ich links ab, um wenig später im bewaldeten Hang ins Wangental abzusteigen. Auch hier wieder wegloses Gelände, das unvermittelt steil abbrach. Was nun? Ich suchte mir einen Ausweg, indem ich parallel zum Hang dem seitlichen Waldrand entgegenging. Den fand ich auch, gelangte aber an ein Privatgrundstück. Immerhin war das Gelände hier nicht mehr so steil, so dass ich mich über eine kleine Schafweide aus dem Staub machen konnte, jedoch nur bis zu einer Parzelle, auf der sich ein Mehrfamilienhaus im Rohbau befand. Schliesslich kämpfte ich mich durch Bauschutt und Isolationsmaterial, balancierte über mehrere Baugerüste, ehe ich wieder festen Boden unter den Füssen hatte. Nun aber stand ich vor der Bauabschrankung, an deren komplizierten Verschlüssen ich mühsam herumfriemeln musste, bevor mich das vom Verkehrslärm Tag und Nacht geplagte Wangental endgültig hatte. Es war dies meine erste Wanderroute überhaupt – heute zählte ich die 2799. –, auf der ich über Baugerüste turnen musste.

Wandern auf der Baustelle im Wangental.
Die Fortsetzung gestaltete sich dann bedeutend weniger abenteuerlich durch den östlichen Teil des grossen Waldgebietes namens Forst. Auffallend dabei waren die zahlreichen Kahlschläge, die teilweise einige auf meiner Karte eingezeichnete Wege zum Verschwinden gebracht hatten. So stackste ich eine längere Zeit quer durchs Gehölz, in dem die Brombeerranken zum Glück noch nicht weit gediehen waren.

Wohltuend dann der Blick nach Verlassen des Forsts hinüber zum Jura, der mich auch heute daran erinnerte, dass da noch einige geplante Routen ihrer Begehung harren. Kommt Frühling, kommt Jura! Zuvor kamen indes Matzenried, Riedbach und die Unterquerung der Autobahn A1. Noch einmal gegen die Bise ankämpfend, stieg ich hoch zum westlichen Ortsteil von Frauenkappelen, wo ich gegenüber dem Discounter Otto's eine gemütliche Viertelstunde auf das Postauto wartete. 20 Eindrücke dieser Osterwanderung gibt es hier.

Die Wanderspirale nach 13 absolvierten Etappen (in Grün).


18. April 2022

Die Kunst des guten Lebens

Rolf Dobelli: Die Kunst des guten Lebens,
Piper, München, 2017
Seit der Antike, also seit mindestens 2500 Jahren – aber vermutlich noch viel länger –, haben sich Menschen immer wieder die Frage nach dem guten Leben gestellt: Wie soll ich leben? Was macht ein gutes Leben aus? Welche Rolle spielt das Schicksal? Welche Rolle spielt das Geld? Ist das gute Leben eine Sache der Einstellung, der persönlichen Haltung, oder geht es vielmehr um das handfeste Erreichen von Lebenszielen? Ist es besser, nach Glück zu streben oder Unglück zu umschiffen?

Jede Generation stellt sich diese Fragen neu. Die Antworten sind im Grunde stets enttäuschend. Warum? Weil man immer auf der Suche nach dem einen Prinzip ist, dem einen Grundsatz, der einen Regel. Doch diesen Heiligen Gral des guten Lebens gibt es nicht.

Auf verschiedenen Gebieten fand in den letzten Jahrzehnten eine stille Revolution des Denkens statt. In den Wissenschaften, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Medizin und in vielen anderen Bereichen hat man erkannt: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass wir sie mit einer grossen Idee oder einer Handvoll Prinzipien erfassen könnten. Wir brauchen einen Werkzeugkasten von unterschiedlichen Denkmethoden, um die Welt zu verstehen. Und genau so einen Werkzeugkasten benötigen wir auch für das praktische Leben.

In den letzten 200 Jahren haben wir eine Welt geschaffen, die wir intuitiv nicht mehr verstehen. Und so stolpern Unternehmer, Investoren, Manager, Ärzte, Journalisten, Künstler, Wissenschaftler, Politiker und Menschen wie Sie und ich unvermeidlich durchs Leben, wenn wir nicht auf einen Vorrat solider gedanklicher Werkzeuge und Modelle zurückgreifen können.

Sie können diese Sammlung an Denkmethoden und Haltungen auch als «Betriebssystem für das Leben» bezeichnen. Mir jedoch gefällt der altertümliche Vergleich mit einem Werkzeugkasten besser. Der Punkt ist: Mentale Werkzeuge sind wichtiger als Faktenwissen. Sie sind wichtiger als Geld, wichtiger als Beziehungen und wichtiger als Intelligenz.

Vor einigen Jahren begann ich, meine eigene Sammlung mentaler Werkzeuge für ein gutes Leben zusammenzustellen. Dabei konnte ich auf einen Fundus von teilweise vergessenen Denkmodellen aus der klassischen Antike zugreifen – und auf die neuesten Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung. Wenn Sie so wollen, handelt es sich bei diesem Buch um «klassische Lebensphilosophie für das 21. Jahrhundert».

Viele Jahre lang habe ich diese Werkzeuge tagtäglich benutzt, um die kleinen und grossen Herausforderungen, die das Leben mir stellte, zu bewältigen. Nachdem sich mein Leben in dieser Zeit in fast jeder Hinsicht verbessert hat (dass ich heute weniger dichtes Haar habe und mehr Lachfalten, hat mein Glück nicht beeinträchtigt), kann ich sie Ihnen mit gutem Gewissen ans Herz legen: 52 Denkwerkzeuge, die Ihnen ein gutes Leben zwar nicht garantieren, es aber doch deutlich wahrscheinlicher machen. (Vorwort von Rolf Dobelli)

Moors Fazit: Eines jener Bücher, das ich auf die vielzitierte einsame Insel mitnehmen würde, da es immer und immer wieder gelesen werden kann, ja muss.

16. April 2022

Tessiner Abgrund

Michael Moritz: Tessiner Abgrund,
Emons, Köln, 2015
Zwei Männer sind abgestürzt und in der Melezza ertrunken. Ein dritter ist verschwunden. Für Kommissar Bertini ist die Sache klar: Die beiden Toten sind Räuber einer Bande aus Rumänien, die auf der Flucht vom Weg abgekommen sind. Doch Journalistin Laura Leone gibt sich damit nicht zufrieden und macht sich auf die Suche nach dem dritten Mann. Sie ahnt nicht, dass sich damit ihr Leben katastrophal ändern wird. (Klappentext)

TI: Locarno, Borgnone, Camedo, Centovallibahn, Ascona I: Domodossola, Mergozzo, Verbania

Moors Fazit: Ein Krimi wird nicht besser, wenn alle 10 Seiten jemand umgelegt wird. Aus diesem Grund kann ich die Lektüre von Michael Moritzens «Tessiner Abgrund» leider nicht weiterempfehlen.

13. April 2022

Die Spirale – Etappe 12

Seit einem guten Monat habe ich das Privileg, mich einmal pro Woche im Rentnermodus zu üben. Und was tut ein «Schrittler» an solchen Freitagen? Er schrittelt. Er schrittelt und geniesst die freie Wanderbahn, wie es sie eben nur unter der Woche gibt. So auch am vergangenen Montag, als ich mich der 12. Etappe der Wanderspirale widmete. Belp Bützacker – Niederscherli lautete das Programm und führte mich vom Fusse des Belpbergs durch das untere Gürbetal hinauf ins Schwarzenburgerland.

Und wieder einmal zeigten sich die von mir heiss geliebten Gegensätze zwischen maghrebinisch anmutenden Wohnsiedlungen (Riedli II in Belp) und behäbigem Gotthelf-Ambiente mit einem Hauch von Tavel (Obermuhlern). Hatte es hier am Samstag zeitweise wild geschneit, ging ich zwei Tage später im karierten Hemd schwitzend durch Feld und Wald. Der gereinigten Luft war es zu verdanken, dass sich die bis weit hinab verschneiten Berner Alpen und Voralpen in knackiger Schärfe präsentierten. Ich hätte die halbe Strecke fortwährend «hurra!, hurra!» ausrufen und «So ein Tag, so wunderschön wie heute»* singen können, tat es indes nicht, um das weidende Vieh nicht aufzuschrecken.

Mit im Gepäck trug ich übrigens den Ausdruck des neusten Buches, das demnächst in der Edition Wanderwerk erscheinen wird. Diese, im Fachjargon als «Fahnen» bezeichnete Papierbogen, präsentierte ich im Anschluss an die Wanderung dem Autor, der eigens aus dem Schaffhausischen nach Bern gereist war. Es kam sozusagen zu einer Fahnenübergabe, jedoch ohne Marschmusik und anderes militärisches Gehabe. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, einzig, dass es ein sehr schönes Buch werden wird, auf dessen Veröffentlichung ich mich ausserordentlich freue.

*Besagtes Lied stammt von einem Mainzer namens Ernst Neger (1909 bis 1989), der weitere Stimmungslieder wie «Humba Täterä», «Ja, mer san mi'm Radl do» oder «Es gibt kein Bier auf Hawaii» geschrieben hat. Mit letzterem Gassenhauer hatte Neger übrigens voll recht, denn Bier gab es für mich nicht in Hawaii sondern in Niederscherli.

Die Wanderspirale nach 12 Etappen (grüne Route)


10. April 2022

Fussgang

Markus Maeder, Regula Jaeger: Fussgang,
NZZ Libro, Zürich, 2017
In Text und Bildern halten Markus Maeder und Regula Jaeger fest, was sie zu Fuss in sieben Etappen und vier Jahreszeiten erleben. Dem nörlichen Alpenkamm entlang überqueren sie auf Bergwegen und Saumpfaden rund ein Dutzend Pässe vom Zürichsee bis nach Genf. Dabei erkunden die beiden Fussgänger in beiläufigen Gesprächen und Beobachtungen am Wegrand, wie die Leute abseits der Städte ihren Alltag erleben. Eine Momentaufnahme der Schweiz, wie sie in keinem Wanderbuch steht. (Klappentext)

8. April 2022

Der doppelte Zufall

Nach einem langen Bürotag gönnte ich mir vorgestern eine Feierabendwanderung. Fünf Minuten vor meinem Wanderziel geschah es. Als ich, schon etwas hungrig und durstig, meinen Blick auf das Trottoir richtete, leuchtete mir das unwiderstehliche Rot einer Zwanzigernote entgegen. Ich bückte mich und hob den Fetzen vorsichtig auf. Optik und Haptik hielten meiner zugegebenermassen amateurhaften Echtheitsprüfung stand. Und weil sich weit und breit niemand zeigte, erklärte ich die Barschaft kurzerhand zu meinem Eigentum.

Frohen Mutes tippelte ich weiter. Doch was nun nach nur 30 Schritten folgte, verschlug mir die Sprache, denn in einem kleinen Schaufenster entdeckte ich dies:

Wie vom Blitz getroffen – Das Verderben des Reichtums.

 

5. April 2022

Das Wanderrad 4/16

Da hat uns die Natur wieder einmal ein Schnippchen geschlagen, nicht wahr: Sommer im März, Winter im April. Was soll's? Wer seit nunmehr 40 Jahren zu Fuss die Schweiz erkundet, hat sich längst an derartige Wetterkapriolen gewöhnt.

Gestern habe ich mich wieder einmal meinem Wanderrad von Langenthal gewidmet. Hierbei beging ich die südwestliche Speiche und zog von Langenthal nach Hermiswil. Währenddem in den Wäldern da und dort noch der letzte Schnee von den Bäumen fiel, wärmte mich im offenen Gelände die Sonne.
 
Besonders in Erinnerung wird mir die unglaublich grosse Baumschule bei Thunstetten bleiben. Da wuchsen Nadelgehölze, Sträucher und Zierbäume ohne Ende. Winterhartes und sommerzartes Gewächs in allen Formen und Grössen. Auf der letzten Parzelle des Areals war man heftig mit der Baumpflege beschäftigt. Ein Dutzend Baumschulisten schwangen zu nervtötenden Techno-Beats Fuchsschwänze und Rebscheren. Wäre ich daselbst ein Baum, ich wäre auf der Stelle abgestorben und innerhalb einer Stunde verdorrt. 

Eine Fotostrecke der 4. Wanderung von insgesamt 16 gibt es hier.
 
Etwas mickrig zwar, dennoch ist die Speichenstruktur des Wanderrades von Langenthal gut zu erkennen.

 

2. April 2022

Kühn hat zu tun

Jan Weiler: Kühn hat zu tun, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 2016
Martin Kühn ist 44, verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in einer Neubausiedlung nahe München. Früher stand dort eine Munitionsfabrik, aber was es damit auf sich hatte, weiss er nicht so genau. Es gibt ohnehin viel, was er nicht weiss: Warum von seinem Gehalt als Polizist ein verschwindend geringer Betrag zum Leben bleibt. Ob er sich ein Rendezvous mit seiner Nachbarin vorstellen darf. Warum er jeden Mörder zum Sprechen bewegen kann, aber sein Sohn nicht mal zwei Sätze mit ihm wechselt. Und vor allem, warum sein Kopf immer so voll ist.

Da wird hinter Kühns Garten ein alter Mann erstochen aufgefunden. Und plötzlich hat Kühn sehr viel zu tun. (Klappentext)

D: München und Umgebung

30. März 2022

In the Ghetto

Mit der Umstellung von der Normal- auf die Sommerzeit beginnt für mich jeweils die Saison des Feierabendwanderns. Gestern war es denn wieder soweit: Ich schnürte mir im Büro die Wanderschuhe, hängte mir Rucksack und Kameratasche um die Schultern und zog  in Richtung Grosser Bremgartenwald im Nordwesten Berns. Einmal mehr offenbarten sich mir die krassen Gegensätze an der Schnittstelle zwischen Stadt- und Waldrand.


Hier der nicht enden wollende Feierabendverkehr, dort die zwitschernden Vögel im grünenden Forst. Hier die betonklotzige Kehrichtverbrennunsanlage, dort eine schmuddelige und mit Abfall übersäte Wohnwagensiedlung, die das Auge in Bruchteilen von Sekunden in die Favelas von Rio de Janeiro entführt. Ich war der Ansicht, dass an diesem gottverlassenen Ort die Stadt einmal aufräumen müsste, als ich Menschenstimmen und Musik vernahm. Hier lebt also tatsächlich jemand. Mir wurde fast schlecht. Dass ich mich nicht übergeben musste, hatte ich indes einzig und alleine der Musik zu verdanken: «In the Ghetto», gesungen vom King himself. Kein Witz!

Wenige Meter weiter bog ich endgültig in den «Bremer» ab, überquerte die Autobahn und war bald auf den breiten Forstwegen unterwegs, wo kein Strassenrauschen mehr an mich heranbrandete. Ab und zu überholte mich ein Dauerläufer oder kam mir eine Joggerin entgegen. Gegrüsst wurde selten. Wie sollte man denn auch, wenn die rennende Zunft grossmehrheitlich im verstöpselten Modus durch die fröhlich singende Natur hechelt? Henu, ich genoss meinen ersten Feierabendgang in vollen Zügen, ehe ich in Hinterkappelen ins Postauto stieg und mich gemütlich ins Zentrum der Landeshauptstadt chauffieren liess. Fotos dieser Expedition der Gegensätze gibt es hier.

24. März 2022

Gibt es nebst dem Rösti- nun auch einen Suizidgraben?

Gestern wollte ich endlich das Berner Münster besteigen. Das letzte Mal war ich vor über 30 Jahren oben. Wirklich genau erinnere ich mich nicht mehr. Dafür hat sich meine allererste Besteigung unauslöschlich in meinen Gehrinwindungen festgesetzt. Es muss in der ersten Hälfte der 1970ern gewesen sein. Als kleines «Wölfli» der Pfadfinderabteilung Gottstatt war ich Teil einer von unseren Führerinnen ausgeheckten Schatzsuche in der Altstadt von Bern. Selbstverständlich führte eine der Spuren auf den Turm des Münsters. Das hatten sich die Leiterinnen formidabel ausgedacht. Wo wir letztlich fündig wurden, weiss ich indes nicht mehr.

Der über 100 Meter hohe Berner Münsterturm – für einmal ohne «Rucksack».
Zurück zum Gestern. Im Rahmen meines Projektes, alle Aussichtstürme der Schweiz zu besteigen, fuhr ich also nach Bern und begab mich via Schauplatzgasse, Bundesplatz und – nomen est omen – Münstergasse zum grandiosen Münster, dessen Turm ausnahmsweise ohne seinen obligaten «Rucksack»* in den stahlblauen Frühlingshimmel ragte. Ein wenig aufgeregt war ich schon, denn die Besteigung des Münsterturms ist nicht nur für alle Bern-Touristen, sondern auch für jeden bodenständigen Berner und jede bodenständige Bernerin ein absolutes Muss, gibt es doch keine bessere Sicht auf die Dächer der UNESCO-zertifizierten Altstadt, als aus der 64 Meter über Boden gelegenen «Achteckgalerie».

Wenige Minuten nach Mittag und somit wenige Minuten nach der offiziellen Öffnungszeit des Turmes stand ich also im Eingangsbereich des touristischen Münsterteils. Eine Frau und ein Mann begrüssten mich freundlich und gleichzeitig mit der Hand in Richtung Kirchenchor zeigend. Dankend lehnte ich ab und gab mich als Turmbesteiger zu erkennen. Das war zwar kein Fehler, aber gravierend.

Das ginge nur zu zweit, wurde mir beschieden. Ich: «Ich weiss, aber ich muss auf den Turm!» Ob ich reserviert hätte? – Hatte ich nicht. – Dann ginge es nicht, so die zwei vom Empfangskommitee. Also begann ich zu erklären, weshalb und wieso ich unbedingt «alleine» auf den Turm möchte. Die Lage begann sich schlagartig zu entspannen und Herr Hebeisen, seines Zeichens stellvertretender Sigrist, nahm sich meinem Anliegen nun beherzt an. Gemeinsam schritten wir durch das Münsterschiff an eine ... leider verschlossene Türe. Offenbar hatte ein wesentlicher Entscheidungsträger ins Sachen Solobesteigung bereits seine Mittagspause angetreten. Doch Herr Hebeiesen gab nicht auf. Er zückte unvermittelt sein Walkie-Talkie und funkte die nächste Instanz an. Ihr konnte ich sogar mein Anliegen persönlich vortragen, doch die krächzende Frauenstimme hatte kein Gehör und liess verlauten, dass ich mein Begehren mittels Antrag an die Kirchturmwartin oder die Betriebsleitung zu formulieren hätte. – Herrn Hebeisen war dieser Bescheid sichtlich unangenehm. Seine Entschuldigungen mir gegenüber wollten kein Ende nehmen. Egal, der Turm war heute für mich tabu, weshalb ich mich unverzüglich der glücklicherweise geplanten Wanderung nach Bolligen widmete.

Und noch währenddem ich die Berner Altstadt hinabschritt, liess ich meine Besteigung des Kathedralenturms von Freiburg im Uechtland von vor zwei Wochen Revue passieren. Ennet dem Röstigraben galten nämlich komplett andere Gepflogenheiten. Da waren weder Aufpasser vor Ort noch irgendwelche Restriktionen, was die Besteigung der ebenfalls 64 Meter über Grund gelegenen Aussichtsplattorm anbetraf. Weshalb dann also diese sonderbaren Spielregeln in der helvetischen Hauptstadt? – Herr Hebeisen klärte mich wie folgt auf: Im April 2021 habe man eine Person gehabt, die vom Münsterturm gesprungen sei, was dazu geführt habe, dass die Besteigung des gotischen Sandsteinwerkes nur noch in Gruppen ab mindestens zwei Personen gestattet sei. Man geht also davon aus, dass Suizidler in Begleitung eines oder mehrerer Menschen praktisch inexistent seien.

Der Turm der St-Nikolaus-Kathedrale von Freiburg im Uechtland.
Im Verlauf meiner Wanderung von Bern nach Bolligen hatte ich indes genügend Zeit und Musse, über die Diskrepanz zwischen den beiden Zähringerstädten Bern und Freiburg nachzudenken. Herausgekommen ist die bereits in diesem Post aufgeworfene Frage, ob es in der Schweiz womöglich nebst einem Röstigraben auch einen Suizidgraben gebe. – Ich weiss es freilich nicht, doch die Vermutung liegt nahe.

*So nennt man in Bern das in Kunststoffplanen eingehüllte Baugerüst, wenn am Turm die Steinmetze am zerbröselnden Sandstein Renovationsarbeiten vornehmen.

23. März 2022

Wo geht's lang?

Dieter Nuhr: Wo geht's lang? Bastei Lübbe, Köln, 2020
Dieter Nuhr steht seit weit über dreißig Jahren auf der Bühne und ist vielleicht Deutschlands erfolgreichster Kabarettist. Seine Art, unvoreingenommen auf die Dinge zu blicken, provoziert Ideologen aller Couleur. 

Er ist aber nicht nur ein unbestechlicher Kommentator, sondern auch Weltreisender, Autor und bildender Künstler, alles mit gleicher Intensität. Er hat Malerei studiert, heute benutzt er statt Pinsel eine Kamera. Seine Kunst wird international ausgestellt, zuletzt in Shanghai und St. Petersburg. In seinem Bildband zeigt Nuhr 120 bisher ungesehene dokumentarische Fotos von seinen unzähligen Reisen in alle Erdteile. 

In gewohnt unterhaltsamen und pointierten Annotationen erkundet er eine obskure Welt, erzählt Anekdotisches, Nachdenkliches und Witziges und er lässt uns teilhaben an seinen Reflexionen über die absurde Vielfalt des Lebens. Dieter Nuhrs Fotografien feiern die Fremdheit und verweigern sich dem aktuellen Untergangskult. Sie sind überzeugend positiv und optimistisch. (Inhaltsangabe zum Buch)

12. März 2022

Der Hydrant von Praratoud

Vor knapp einem Jahr habe ich über mein Projekt, die Schweiz vom Genfer- an den Bodensee so oft wie möglich im Wald zu durchqueren, berichtet. Die ersten zwei Etappen absolvierte ich 2021 an einem wunderbaren April-Wochenende. Damals zog ich von Lausanne nach Lucens im Broyetal, Zeltübernachtung im Wald inklusive.

Nun machte ich mich neulich an die Abschnitte drei und vier. Ausgehend von Lucens ging ich vorerst in nordöstlicher Richtung auf der orografisch linken Talseite nach Granges-Marnand. Die Route bot einige Überraschungen. Da war einmal ein kleiner Waldsee mit einer verlassene Hütte mitsamt danebenstehendem Wohnwagen. Ein verwunschener Ort, ein «lost place» im wahrsten Sinne des Wortes. La Cabane du Bûcheron («die Hütte des Holzfällers») nennt sich die Lotterbude, wo offensichtlich einst jemand gewohnt hatte. Inzwischen haben jedoch Vandalismus und Spinnweben das Szepter übernommen.

An den darauf folgenden Waldrand grenzte ein Golfplatz, der glücklicherweise noch nicht in Betrieb war. Und nur wenige Schritte weiter wartete eine schöne Hängebrücke, die über eines der zahlreichen Tobel führt, die den Hügelrücken in Richtung Broye entwässern. Im Weiler Praratoud stiess ich am Strassenrand auf einen Gedenkstein mit der Inschrift

RECONNAISSANCE
A DIEU

EN SOUVENIR
DU BOMBARDEMENT
ANGLAIS
DU 13 VII 1943

MOBILISATION
DE GUERRE
1939 – 1945

Ein paar Meter weiter stand ein Wasserhydrant. Dies ist an und für sich nichts Aussergewöhnliches, doch das Bombardement von vor 79 Jahren und die aktuelle Situation im Osten Europas verliehen der Szene eine unglaubliche Symbolik:

Im nahen Wald wies ein Wegweiser auf einen Bombentrichter hin, der von den rund 100 Einschlägen von damals zeugt. Wie auf einer Infotafel zu lesen war, nahm General Guisan höchstpersönlich einen Augenschein von den Folgen dieses irrtümlich ausgeführten Angriffes.

Die Durchquerung von Granges-Marnand bedeutete auch die Durchquerung des gesamten Talbodens, ehe es wieder bergauf ging. Im Örtchen Torny-le-Petit hatte ich das grosse Glück, einen Brunnen mit Trinkwasser zu finden, denn der angepeilte Biwakplatz war bloss einen Kilometer entfernt. Die Nacht verlief ruhig, einmal abgesehen von mehr oder weniger bekannten Tierlauten, die mal näher und mal entfernter durch den Wald gellten.

Das über die Nacht gefrorene Kondenswasser an der Zeltinnenwand schmolz im Verlauf des Morgens dank der wiederum wohltuend durchs Geäst hindurchdringenden Sonnenstrahlen, die das Aufsteh- und Frühstücksprozedere sehr erträglich machten. Für heute standen deutlich längere Waldpartien als gestern auf dem Programm. Zwischenzeitlich wähnte ich mich im völligen Niemandsland, was meiner Vorstellung einer in gewisser Hinsicht romantischen Route durchs ansonsten dicht besiedelte Mittelland sehr nahe kam.

Von der 4. Tagesetappe scheinen mir drei Glanzlichter besonders erwähnenswert:

  1. Der Bach L'Arbogne, wie er sich in einem bewaldeten Graben mit unzähligen Mäandern broyewärts schlängelt, um kurz vor dem Murtensee in besagte Broye zu münden.
  2. Der Wohnturm des ehemaligen Schlosses von Montagny. Der stattliche Turm wurde vor wenigen Jahren restauriert und kann bestiegen werden. Da ich dieses Objekt noch nicht auf der Liste meines Turmprojektes hatte, freute ich mich umso mehr über diese Entdeckung. Die Besteigung werde ich indes zu einem späteren Zeitpunkt ausführen können, da der Turm erst im April wieder zugänglich sein wird.
  3. Die Aussicht auf die verschneiten Freiburger und Berner Voralpen von den Waldrandabschnitten aus, die das letzte Viertel der Etappe prägten.

In Donatyre, einem Dorf nahe Avenches, war dann Schluss. Zwei Minuten vor Abfahrt des Busses langte ich nach über 21 Kilometern hier an und freute mich trotz der zufriedenen Müdigkeit bereits auf das nächste Teilstück dieser bäumigen Angelegenheit. Fotos des 1. Tages gibt es hier und jene des 2. Tages hier.

9. März 2022

Die Spirale – Etappe 11

Utzigen – Belp Bützacker: die Route
Schon sind wiederum fast zwei Monate ins Land gezogen seit der letzten Etappe. Zwei Monate, die sowohl Freude als auch Leid gebracht haben. Mitte Februar hatte der Bundesrat die meisten der Pandemie-Massnahmen aufgehoben. Am Tag vor der heutigen Etappe hatte der Einmarsch Russischer Truppen in die Ukraine begonnen, begleitet von ersten Luftangriffen auf angeblich «militärische Einrichtungen». Doch erste Bilder zeigten leider auch komplett zerstörte Wohnhäuser.

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen und die Russen sind weiter vorgerückt. Städte wie Kiew und Charkiw werden offenbar fast pausenlos bombardiert. Die UNO spricht inzwischen von 1½ Millionen Flüchtlingen, die seit Kriegsbeginn das Land verlassen haben. Es ist von Bildern die Rede, die man zuletzt während des 2. Weltkrieges gesehen hat. – Und ich sitze hier vor dem Bildschirm, ratlos, wütend und einmal mehr desillusioniert. Dabei möchte doch ich bloss über die 11. Etappe meiner Spiralwanderung rund um Bern berichten, die mich von Utzigen via Worb nach Belp Bützacker geführt hat.

Doch was nützt es, in der stillen Kammer Trübsal zu blasen und dabei womöglich depressiv zu werden? Nüchtern betrachtet: nichts! Ist nicht immer irgendwo auf diesem Planeten Krieg? Sterben nicht täglich Tausende Menschen einen sinnlosen Hungertod? Werden nicht laufend Millionen von Tonnen an CO₂ ausgestossen, als ob es weder Klimaschutzvereinbarungen noch Erderwärmung gäbe? – Alles Gründe genug, um sich die Kugel zu geben und abzudanken. Doch dies scheint mir nicht Sinn und Zweck meines Daseins zu sein, über das ich nie entschieden habe. Vielmehr ist es mein Wille zu leben, und von dieser Welt angetan zu sein, sei sie noch so verrückt und ungerecht.

In diesem Sinne machte ich mich also auf eine weitere Etappe dieser Spiralwanderung, nicht ohne das Gebaren von Russlands Herrschern zu verurteilen und in Gedanken beim ukrainischen Volk zu sein. – Im kompletten Gegensatz zur düsteren Zeit im Osten Europas erwartete mich an diesem 25. Februar 2022 ein absolut traumhaftes und in gewisser Weise trügerisches Wetter. Vom topografisch privilegiert gelegenen Utzigen zog ich in einer Art Panoramaroute mit schönen Ausblicken Richtung Alpen, dem Worblental und hinüber zum Bantiger nach Worb hinab.

Obschon Worb in den vergangenen Jahren eine Umfahrungsstrasse erhalten hat, war der Verkehr im Dorfzentrum an diesem Freitagmorgen unerträglich. Doch ehe ich nun zu einem Strassenverkehrslamento anstimme, verlasse ich den 11.500-Seelen-Ort und schreite durch das behäbige Umland mit seinen typischen Berner Bauernhofsiedlungen. – Die ländliche Ruhe dauerte freilich nicht lange, denn bei Worb SBB herrschte reger Lastwagenverkehr. Auf meiner zugegebenermassen etwas älteren Landeskarte sind keine der Industriegebäude eingezeichnet. Inzwischen haben sich hier etliche Betriebe angesiedelt, was entsprechenden Betrieb verursachte.

Die Wanderspirale in der Übersicht. Grün die bislang zurückgelegte Strecke.
Immerhin profitierte ich von einem glücklicherweise vorhandenen Trottoir, so dass ich unbeschadet nach und durch Beitenwil gelangte, um hernach rechts abbiegend in Richtung Rubigen zu verschwinden. Doch die erhoffte Ruhe wollte heute partout nicht eintreten, denn schon machte sich der Flughafen Belpmoos mit dem Dröhnen startender Düsenjets bemerkbar. In Rubigen angekommen schlängelte ich mich durch die westlich der Hauptstrasse gelegenen Wohnquartiere, indem ich mich an die braunen Wegweiser hielt, die zum Kulturlokal Mühle Hunziken führten, denn dort sollte ich gemäss meiner Planung vorbeikommen.

Die ehemalige Mühle präsentierte sich von aussen als ziemlich schmuddeliges Etwas. Dabei traten und treten auf der erstaunlich kleinen Konzertbühne im als Raritätenkabinett ausstaffierten Innenraum nicht irgendwelche Möchtegerns auf. Schade, achten die Verantwortlichen nicht mehr auf das Äussere des stattlichen Anwesens. Aber was soll's? Alles in allem passt diese Vernachlässigung zur stark befahrenen Strasse mitsamt Tankstelle und Supermarkt direkt an der Autobahnein- bzw. -ausfahrt.

Da spielte es auch keine Rolle mehr, dass ich mich auf dem Velostreifen gegen den anbrandenden Verkehr stemmte und strammen Schrittes Richtung Belp zog. Mit einiger Genugtuung nahm ich die blonde Mercedes-Lenkerin wahr, als sie mir den Vogel zeigte. In solchen Situationen frage ich mich jeweils, wo genau nun der Vogel sitzt ... Lassen wir's und beenden wir die Etappe kurz vor diesem Belp bei der Bushaltestelle Bützacker, wo ich unter der wärmenden Sonne genüsslich auf meinen Chauffeur wartete. Die optische Ausbeute dieser doch eher kurzen Etappe gibt es hier.

4. März 2022

Lichterfest

Sunil Mann: Lichterfest, Grafit,
Dortmund, 2011
Vijay Kumar ist irritiert: Der Zürcher Medientycoon Blanchard beauftragt ausgerechnet ihn, seine verschwundene Putzfrau Rosie zu suchen. Und bietet dem indischstämmigen Detektiv dafür ein saftiges Honorar. Was ist so besonders an Rosie? Chronisch in Geldnot macht sich Vijay an die Arbeit und findet heraus, dass Rosies Neffe der Junge ist, der am Vorabend von einem Schlägertrupp bewusstlos geprügelt wurde.

Als dann der rechte Politiker Graf tot aufgefunden wird, bekommt der Fall eine neue Dimension – denn auch bei Graf hat Rosie geputzt.
(Klappentext)

ZH: Stadt Zürich