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22. Juli 2022

Im Land der grünen Ameisen

Sarah Murgatroyd: Im Land der grünen
Ameisen, Verlag das Beste, Stuttgart/Zürich/
Wien, 2004
Von seiner Entdeckung im Jahr 1770 an wehrte sich der australische Kontinent hartnäckig dagegen, seine Geheimnisse preiszugeben, und über sein «totes Herz» kursierten abschreckende Geschichten.

Um 1860 waren nicht mehr als zwei Drittel Australiens erforscht. Erst nachdem es in Victoria, der kleinsten Kolonie Australiens, reiche Goldfunde gegeben hatte, wurde der Ehrgeiz dieser Kolonie geweckt: Zum ersten Mal sollte der Kontinent von Süd nach Nord durchquert werden. Somit wurde in Melbourne ein Organisationskomitee gegründet, das eine geeignete Expeditionsmannschaft zusammenstellen sollte. Schliesslich war es soweit: Am 19. August 1860 brachen der exzentrische irische Polizist Robert O'Hara Burke und der bescheidene Landvermesser William John Wills mit einer Karawane von schwer beladenen Kamelen, Pferden, Planwagen und abenteuerlustigen Männern auf ins Unbekannte. Niemand wusste genau, was sie erwartete, und niemand ahnte, welch triumphales und zugleich tragisches Ende diese Expedition, die so glorreich begann, nehmen würde. (Klappentext)

11. Januar 2019

Mit dem Einkaufswagen quer durch Australien

Christian Zimmermann: TransAustralia,
Tredition Hamburg, 2017
Es hört sich unglaublich an, was der Schweizer Fotograf Christian Zimmerman auf seiner viermonatigen Reise erlebt hat. Fest entschlossen, den roten Kontinent zu Fuss zu durchqueren, macht er sich im Frühling 2016 nach Australien auf. Im Gepäck hat er nur seine Camping- und Fotoausrüstung, sowie eine riesengrosse Abenteuerlust. Ohne Begleitfahrzeug will er die 3059 Kilometer von Darwin bis nach Adelaide ganz alleine zu Fuss meistern. Lange hat er sich überlegt, wie er das gesamte Equipment transportieren könnte, denn alles in einem Rucksack zu trägen wäre viel zu schwer. Eine Lösung ist schnell gefunden: ein Einkaufswagen!

Ein passendes Modell ist ruckzuck organisiert und wird leicht modifiziert. Mit dreissig Liter Wasser und Proviant für eine Woche startet Christian Zimmermann seinen Höllentrip durch Down Under. 34 Grad im Schatten, kombiniert mit einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit, machen die ersten Marschtage zu einer Qual. Bis zu sieben Liter Flüssigkeit schüttet er täglich in seinen Körper. Schon am fünften Tag muss er eine Ruhepause einlegen, um seine geschundenen Füsse pflegen zu können. Doch er ist sich bewusst, wenn er die ersten zwei Wochen durchhält, wird er es auch bis ganz in den Süden schaffen!

Mit einem Einkaufswagen unterwegs, fällt er als einziger Fussgänger auf der Strasse extrem auf. So kommt es fast tagtäglich zu ungewöhnlichen Begegnungen. Die Menschen, die er trifft, sind manchmal lustig oder langweilig, aufdringlich oder seltsam, aber vielfach nur herzlich und hilfsbereit.

In seinem humorvoll geschriebenen Tagebuch berichtet Christian Zimmermann von den grossen und kleinen Abenteuern, die er auf den insgesamt 105 intensiven Marschtagen bewältigen muss. (Klappentext)

15. Juni 2016

Der Koala vom Klöntal

Lukas Bärfuss: Koala, btb, München, 2016
Ein ganz gewöhnlicher Mensch, sein ganz gewöhnliches Leben und sein ganz gewöhnliches Ende. Aber nichts an Lukas Bärfuss‘ neuem Roman will uns gewöhnlich erscheinen. Denn das Ende ist ein Suizid, und der ihn verübt hat, ist sein Bruder. Bärfuss spürt dem Schicksal des Bruders nach und begegnet einem grossen Schweigen. Das Thema scheint von einem grossen Tabu umstellt. Und von einem Geheimnis. Warum nannten seine Freunde ihn Koala? Wie kam er zu diesem Namen? Die Spurensuche wird zum Versuch der Selbtsvergewisserung. Über die Frage, warum jemand willkürlich den Tod gesucht hat, dringt Bärfuss zu einer anderen vor: Welche Gründe gibt es, sich für das Leben zu entscheiden? (Klappentext)

Was der Klappentext verschweigt: Koala beinhaltet auch ein Stück australische Besiedlungs- und Naturgeschichte. Und witzig: Auf dieses Buch bin ich im hintersten Glarnerland aufmerksam geworden. Am Ende einer zweitägigen Zelttour über die Zeinenfurggel gelangte ich im Klöntal in die Richisau. Das Gasthaus war proppenvoll. Am Eingang eine Tafel mit dem Hinweis, dass Lukas Bärfuss an diesem Sonntagmorgen eine Lesung hält. Interessant das Volk: Ich sah ihm den Literatendünkel selbst in meinem verschwitzten Zustand an. In der Richisau wimmelte es von Bärfuss-Jüngern, insbesondere von Jüngerinnen. Die meisten hielten ein Büchlein in der Hand, auf dessen Umschlag ich «Koala» las. Und irgendwo mitten drin erkannte ich einen eingeschüchtert und verstört wirkenden Lukas Bärfuss, den ich nur Wochen später in einem Radio-Interview zu hören bekam. Bärfuss' klarer Geist wollte so gar nicht zu dem eher schwächlich wirkenden Mann passen. Dennoch überzeugten mich die Aussagen des in Thun aufgewachsenen Schriftstellers und ich besorgte mir diesen «Koala», den ich an dieser Stelle sehr gerne zur Lektüre empfehle. Ob ich mich indes je an die skurrilen Literatenszene werde gewöhnen werde, steht freilich in einem anderen Buch.

BE: Thun (Rathaus, Rathausplatz, Restaurant Zu Metzgern, Scherzligkirche, Pfadfinderheim Enzenbühl) AUS: Blue Mountains

13. Mai 2016

Abenteurerin um des Abenteuers Willen

Sarah Marquis: Allein durch die Wildnis,
Piper Verlag, München, 2015
Ein Abenteuer der Extreme. Im Mai 2010 bricht die Schweizerin Sarah Marquis zu einer gigantischen Tour auf: zu Fuss von Sibirien nach Südaustralien. Ein Abenteuer, das die zierliche Frau durch die karge mongolische Steppe, den üppigen Dschungel von Laos und den heissen australischen Busch führt – und das ihr alles abverlangt. Marquis kämpft sich durch Schnee und Sand, begegnet Wölfen und Schneeleoparden, erträgt Hunger, Kälte, Schmerzen und die Einsamkeit. Doch in der völligen Abgeschiedenheit erlebt sie zugleich eine bislang unbekannte, intensive Verbindung zur Natur, die alle Strapazen aufwiegt. (Klappentext)

Moors Fazit: Eine Expedition mit sonderbarem Plot. Sarah Marquis ist nicht, wie es der Text oben vermuten lässt, in einem Stück von Nord nach Süd gewandert. Vielmehr hat sie ihr Unternehmen in mehreren Abschnitten unternommen. Gestartet ist sie in der Mongolei, ging dann in China von Süd nach Nord, um dann erst nach Sibirien zu fliegen und dort die geplante Strecke zurückzulegen. Hernach flog sie nach Laos, durchquerte das Land nach Süden und sodann auch Thailand. Per Schiff gelangte Marquis nach Australien, um im Norden eine für den Leser nicht nachvollziehbare Route zu gehen. Dasselbe spielte sich im Südwesten Australiens ab, als sie von Perth in die Nullarbor-Ebene ging, wo die Reise beim angeblich einzigen Baum weit und breit endete, den sie Jahre zuvor bereits besucht hatte.

Eine verwirrende Reise, die uns Sarah Marquis hier auftischt. Dies wiederspiegelt sich auch in den Kapitellängen: Den Abschnitt durch Sibiriern hakt die Autorin in bloss acht Seiten ab, Thailand wird mit gut sechs Seiten bedacht. Und für Australien müssen 40 Seiten reichen. Als Leser erfahre ich zudem herzlich wenig über die Kultur der Länder. Das Wichtigste am ganzen Unterfangen ist Sarah Marquis selbst. Nach der Lektüre fragt sich der Leser, weiss ich nun wirklich mehr über die von der Frau durchwanderten Gegenden? Nicht wirklich, dafür habe ich einen vertieften Einblick in diese Berufsabenteurerin erfahren, die auch nur ihre Brötchen verdienen muss.

Sarah Marquis, geboren 1972 in einem 500-Seelen-Bergdorf im Schweizer Jura*, unternimmt seit zwanzig Jahren extreme Touren durch vielfach einsame Gebiete auf der ganzen Welt. Mit siebzehn durchquerte sie Zentralanatolien auf einem Pferd, reiste nach Australien und Neuseeland, wo sie das Laufen für sich entdeckte, wanderte in Patagonien und Französisch-Polynesien, fuhr Kanu in Kanada und brach im Jahr 2000 schließlich zu ihrem ersten grossen Abenteuer auf: der Durchquerung der Vereinigten Staaten von Amerika von Nord nach Süd, eine Strecke von 4260 Kilometern, die sie zu Fuss in vier Monaten bewältigte. Und weitere Touren folgten: In den Jahren 2002 und 2003 war sie siebzehn Monate lang in Australien und legte dort insgesamt 14 000 Kilometer zu Fuss zurück. 2006 wanderte sie in acht Monaten von Chile über Bolivien nach Peru (7000 Kilometer) durch die Anden. Alles in allem hat sie mittlerweile die Welt einmal zu Fuss umrundet.

* Es handelt sich hierbei um Montsevelier im Val Terbi, durch das ich vergangenen Mittwoch auf meiner Wanderung ans Nordkap gestreift bin.