30. September 2025

Ein anständiger Bürger hat einen Briefkasten

Raeto Meier: Ein anständiger Bürger hat
einen Briefkasten, Cosmos, Muri, b. Bern,
2005
Sommer 1975: Gemüse und Hanfstauden gedeihen prächtig in Meiers Garten. Als Arbeitnehmer in der Landwirtschaft hat Meier weniger Glück. Schon am ersten Arbeitstag wird er zum Boss bestellt, der nimmt seinen Stumpen aus dem Mund, spuckt auf den Boden und meint, Meier solle verschwinden.

November 1975: Die Kiffer nennen sich Freaks, tragen Afghanjacken, geblümte Hosen und Blusen in allen Farben und Haarbänder, damit beim Chillumrauchen die Haare nicht anbrennen. Im Café Uhu an der Speichergasse in Bern entdeckt Meier eines Abends mitten im Haschischqualm eine anmutige junge Frau mit schwarzen Locken und wunderbar klaren Augen.

3. August 1976: Zwei Fahnder der Stadtpolizei verhaften Meier in Berns Harlem am Langmauerweg. Er hat den Militärpflichtersatz von Fr. 336.60 nicht bezahlt. Weil er behauptet, er sei der Anwärter auf den Thron Israels, beendet er den Tag mit Griessköpfli und Himbeersirup in der Psychiatrischen Klinik in Münsingen.
(Klappentext)

BE: Gurbrü, Stadt Bern, Worb, Richigen, Langnau i.E., Psychiatrische Klinik Münsingen FR: Fräschels, Kerzers NL: Amsterdam D: Lörrach, Frankfurt a.M.

27. September 2025

Der Bahnwärter

Andrea Camilleri, Der Bahnwärter,
Rowohlt, Reinbek, 2012
An der abgelegenen Eisenbahnstrecke zwischen Vigàta und Castellovitrano liegt das Häuschen von Nino, dem Bahnwärter, und seiner Frau Minica. Nur zwei Mal am Tag kommt ein Zug vorbei. Sonntags gibt Nino mit seinem Freund Totò ein kleines Konzert beim Friseur des Ortes, einer auf der Mandoline, einer auf der Gitarre, um sich fünf Lire zu verdienen; oder er klemmt sich zwei Stühle unter den Arm und setzt sich mit seiner Frau ans Meeresufer. Als Minica nach vielen vergeblichen Versuchen endlich ein Kind erwartet, ist das Glück perfekt. Doch mit dem Krieg kommt die Gewalt und zerstört das Idyll. Nun muss Nino um Minicas Leben und um ihre Liebe kämpfen. (Klappentext)

Moors Fazit
Eine wunderbare, wenn auch nicht immer gewaltfreie Geschichte während der Zeit des Faschismus in Italien und insbesondere in Sizilien, an dessen Südwestküste sie spielt. Die Schmalspurbahn, bei der Nino als Bahnwärter angestellt ist, gehört leider längst der Vergangenheit an. Doch wer Bahnromantik und das Flair der Sizilianerinnen und Sizilianer liebt, wird diesen Roman buchstäblich in einem Zug verschlingen. Hier ein etwas bescheidener Wikipedia-Eintrag über diese letzte Schmalspurbahnstrecke der Ferrovie dello Stato FS.

23. September 2025

Strom und Rinnsal

Schreckhorn (4078 m) und Finsteraarhorn (4274 m) spiegeln sich im unteren Bach- oder Bachalpsee.


Die Jungfrau-Region gilt gemeinhin als touristischer Hotspot. Zoomt man ein wenig näher heran, kristallisieren sich die stark frequentierten Orte schnell heraus: Interlaken, Harder, Iseltwald, Schynige Platte, Lauterbrunnen, Mürren, Schilthorn, Wengen, Grindelwald, Kleine Scheidegg, Männlichen, Jungfraujoch, Grindelwald, First. Alles Orte, die mit dem öV sehr gut erschlossen sind und es der gehfaulen Masse ermöglicht, ohne grossen Aufwand die alpine Einzigartigkeit aus der Nähe zu betrachten.

Es gibt in der Region indes ein paar kurze Wanderungen, die bei schönem Wetter die Touristinnen und Touristen aus der ganzen Welt zu ein paar Schritten verleiten. Nebst den beiden Klassikern Männlichen–Kleine Scheidegg und Mürren–Winteregg ist es der Spaziergang von der First zum Bach- oder Bachalpsee und wieder zurück. Und ja, dieser rund zweistündige Gang ist in der Tat wunderbar, befindet man sich doch genau gegenüber von Wetter-, Schreck- und Finsteraarhorn. Das Ganze wird am Bachsee gekrönt durch die Spiegelung der Berge im See, Windstille vorausgesetzt.

Wie die Erfahrung zeigt, lohnt es sich, derartige Ziele entweder am frühen Morgen oder späteren Nachmittag aufzusuchen. Nur so ist es möglich, den unglaublichen Massen auszuweichen. Genau dies tat ich am vergangenen Freitag. Es herrschte ein Traumwetter sondergleichen, die Lufttemperatur war um 9 Uhr auf 2200 Meter auf bereits unanständige 24° geklettert, der Besucheraufmarsch hielt sich wie erhofft in einem erträglichen Mass. Beim unteren der beiden Seen angekommen, nahm ich mir eine Viertelstunde Zeit, die wirklich sagenhafte Bergkulisse trotz Gegenlicht möglichst stilvoll abzulichten. Dann ging es weiter, dem oberen Bachsee entlang in Richtung Faulhorn. Hier waren noch weniger Leute unterwegs als auf dem Weg von der First zum Bachsee. Es kamen mir aber auch erste Wanderer entgegen, die auf dem Faulhorn übernachtet haben. 

Endgültig einsam wurde es jedoch, als ich bei der Burgihitta, einer einfachen Schutzhütte, rechts abbog und mich auf schmalem Bergpfad zum Tierwang aufmachte. Beim Tierwang angekommen, stieg ich über das Sulzibiel ab, um zurück auf die inzwischen stark bevölkerte Hauptroute First–Bachsee zu gelangen. Erneut beim Bachsee angelangt, nahm ich einen Pfad unter die Füsse, der mich hinab zum Bachläger führte. Und auch auf diesem Abschnitt waren kaum Leute unterwegs. Dasselbe war dann auch auf dem durch einen imposanten Steilhang führenden Weg hoch zum First der Fall.

Einmal mehr zeigte es sich, dass der Mensch in seiner Eigenschaft als Herdentier, vornehmlich den ausgetretenen Pfaden folgt und somit dem achtsamen Individualisten die Möglichkeit bietet, nach wie vor seine Ruhe zu finden. Und das ist gut so.

20. September 2025

Talwasser

Beat Hüppin: Talwasser, Zytglogge,
Basel, 2016
Innerthal im Jahre 1917: Vater Dobler bringt eines Abends die Nachricht nach Hause, dass es mit der Mauer nun doch ernst werden soll. Die Staumauer, über die zwanzig Jahre lang diskutiert wurde und an deren Bau niemand mehr ernsthaft geglaubt hat, wird tatsächlich gebaut. Im beschaulichen, etwas abgelegenen Voralpental entsteht die damals grösste Gewichtsstaumauer der Welt. Die Kraftwerksgesellschaft baut eine 66 Meter hohe Wand in die Schräh, um danach das ganze Tal zu fluten. Für die Bauern im Talboden des Innerthals bedeutet das, dass sie ihre Heimwesen aufgeben müssen.

Beat Hüppin erzählt auf der Grundlage von geschichtlichen Quellen und Zeugnissen die fiktive Geschichte der Bauernfamilie Dobler, deren Mitglieder ganz unterschiedlich auf die drohende Umsiedlung reagieren. Hüppin verfolgt deren Geschicke bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus. So ergibt sich ein vielschichtiges Bild einer Gesellschaft und einer Familie im Wandel, eine Geschichte über Heimat und Fremde und letztlich über Leben und Tod.
(Klappentext)

SZ: Wägital, Innerthal, Alp Zindlen, Tuggen, Wangen, Siebnen, Einsiedeln, Euthal, Sattelegg, Bockmattli

So sah das Innere Wägital 1924 vor dessen Flutung aus: (Siegfried-Karte 1:50.000)


Mit der Flutung von 1924 wurde der Talboden und mit ihm 37 Heimwesen vom Stausee verschluckt. 336 Menschen mussten deshalb das Gebiet verlassen.


Mehr über die Flutung des Tals und dessen Folgen im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums: https://blog.nationalmuseum.ch/2020/08/stausee-flutet-dorf/

16. September 2025

Schnapsdrosseln

Sabine Trinkaus: Schnapsdrosseln,
Emons, Köln, 2013
Eigentlich will sich Jupp Nettekoven etwas Gutes tun, als er durch das lauschige Naturschutzgebiet am Stadtrand geht. Leider hat er die Rechnung ohne Dackel Pollux gemacht, denn der führt ihn geradewegs zu einer Leiche am Bachufer. Bernd Nolden wurde erschlagen, sein ehemaliger Freund und Geschäftspartner ist auf der Flucht. Der Fall scheint klar. Und eigentlich hat Britta Brandner ohnehin die Nase voll vom Ermitteln. Trotzdem finden sie sich mit Bulldogge Louis unversehens in Undercover- Mission wieder. Sie ahnt nicht, dass sie damit Teil eines gefährlichen Spiels wird, das mit Noldens Tod gerade erst begonnen hat.

Krumme Hunde und schräge Vögel, chaotische Liebesbeziehungen und mörderischer Hass – ein Kriminalroman voller Witz, Spannung und Tiefgang. (Klappentext)

Zum Begriff «Schnapsdrossel»
Schnapsdrossel ist eine scherzhafte Bezeichnung für einen Schnapstrinker oder Alkoholiker. Auch ein Mensch, der für ein paar Schnäpse Verdächtige oder Täter verrät, wird als Schnapsdrossel bezeichnet. Der Begriff wurde vermutlich im späten 19. Jahrhundert gebildet. Schnaps entstand bereits im 18. Jahrhundert aus dem gleichlautenden niederdeutschen Wort für «Schluck». Mit Drossel ist nicht der Singvogel Drossel gemeint, sondern die Kehle, für die früher Drossel ein geläufiges Wort war (erhalten in erdrosseln). Einer anderen, wohl falschen Erklärung nach soll der Begriff dem Namen der Wacholderdrossel nachgeahmt sein. Eine vergleichbare Bezeichnung mit derselben Bedeutung ist Schluckspecht.

D: Bonn und Umgebung

13. September 2025

Eine Höhle als literarischer Schauplatz

Der unscheinbare Eingang zur Höhle


Neulich stattete ich dem Neuenburger Jura – ein wenig Waadtland kam dann noch hinzu – ein literaturgeschichtliches Besüchlein ab. Ich tat dies im Zusammenhang mit einem historischen Roman, der in absehbarer Zeit in meinem Verlag erscheinen wird. Besonders gespannt war ich auf einen kurzen Abstecher zu einer Höhle, die im Roman eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Allein der Zugang hatte es in sich. Ein mit Ketten gesicherter Pfad führte von einem Hochplateau durch eine Steilwand hinab zum Höhleneingang. Bewaffnet mit einer Stirnlampe befuhr ich die doch recht kurze Grotte bis zu ihrem Ende, das sich als Öffnung mitten in einer Felswand entpuppte. Dementsprechend atemberaubend war hier der Tiefblick ins enge Tal.

Blick vom Höhleneingang nach draussen


Die zweitägige Wanderung, vorbei an weiteren Schauplätzen des Romans – er spielt übrigens zur Zeit des Franzoseneinfalls am Ende des 18. Jahrhunderts –, hat mir einmal mehr die Schönheit des Westschweizer Juras vor Augen geführt. Daher freue ich mich schon jetzt auf die Veröffentlichung des Titels, über den ich an dieser Stelle bewusst nicht mehr verrate.

Nach 2/3 des mit einer Kette gesicherten Höhlengangs wartet diese Säule

Die Höhle endet bei einem anderen, von aussen kaum zugänglichen Eingang

Blick von oberhalb der Höhle in die nahe Umgebung


10. September 2025

Ein harter Weg

Siegfried Joss: Ein harter Weg, Reinhardt,
Basel 1946
Ein feiner Menschenkenner schildert hier Berner Bauern, wie sie leiben und leben. Im Mittelpunkt der spannenden, handlungsreichen Erzählung steht der Hubelmattbauer, ein gescheiter, ehrgeiziger und im Ganzen nicht unebener Mann. Ein Waldfrevel führt ihn in die Schuld und in die Abhängigkeit von einem verschlagenen, nichtsnutzigen Kleinbauern. Die prächtige Frau des Hubelmattbauers, die durch das Schwere, das sie mit ihrem Mann erlebt, in ihrem Glauben vertieft wird, weist ihm den einzigen Weg, der aus Not und Schuld herausführt, den Weg nämlich, sich offen zu seinem Unrecht zu bekennen. Aber es ist ein harter Weg, und sie stirbt darüber, bis ihn ihr Mann endlich beschreitet. – In ganz schlichter, aber umso eindrucksvollerer Weise wird hier das Problem von Schuld und Sühne behandelt. Es fehlt der Erzählung bei allem Ernst keineswegs an erfrischendem Humor, und der versöhnliche Schluss ist ebenso befriedigend wie folgerichtig. (Klappentext)


Siegfried Joss
(4.2.1900–24.4.1995)

«Mit dem Jahrhundert bin ich alt geworden. Mehr als 40 Jahre lang war ich Pfarrer an einer oberaargauischen Landgemeinde. Neben meiner seelsorgerischen Tätigkeit verfasste ich einige Bücher, die z.T. auch ins Norwegische und Holländische übersetzt wurden. Aber eigentlich fing alles mit einem ‹Bäbi› und einem Arrestlokal an. Ein Internierter, der in dieser Zelle einsass, schenkte meiner kleinen Tochter eine Elsässerpuppe, die er die ganze Zeit mit sich geschleppt hatte. Das regte mich zu meiner ersten Geschichte an und dann ging es einfach weiter. An Stoff fehlte es mir in meiner Umgebung nicht.» (ca. 1994)

Siegfried Joss war der Sohn des Pfarrers Walter Joss. Selber Theologe geworden, wirkte Siegfried Joss mehr als vier Jahrzehnte in Seeberg. Seiner dichterischen Begabung und seinem wachen sozialen Empfinden hat man für eine Reihe aufrüttelnder Erzählungen zu danken. Am bekanntesten dürfte die Verdingbubengeschichte «Sämi» sein. «Der Gönner» ist eine poetische Frucht der Fürsorgetätigkeit des Verfassers, «Ein harter Weg» zeichnet die Umkehr eines Bauern aus Irrnis und Wirrnis. Die Novelle «Der goldene Schwanen» endlich geht auf eine wirkliche Begebenheit in Seeberg zur Franzosenzeit zurück.

6. September 2025

Hunkelers Geheimnis

Hansjörg Schneider: Hunkelers Geheimnis,
Diogenes, Zürich, 2015
Peter Hunkeler, inzwischen pensionierter Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, ist nach einer Operation im Krankenhaus und teilt das Zimmer mit einem alten Bekannten: Stephan Fankhauser, einer schillernden Figur. Einst ein wilder Achtundsechziger, ist er im Laufe der Jahre durch die Institutionen marschiert und Leiter einer Bank geworden, der Basler Volkssparkasse. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts, Hunkeler hat bereits ein Schlafmittel erhalten, beobachtet er, wie eine Krankenschwester mit einem Rubinring an der Hand dem Zimmernachbarn eine Spritze setzt. Merkwürdig nur, dass Fankhauser sich so heftig dagegen wehrt. Und trug die Nachtschwester sonst nicht immer einen Diamantring?

Am nächsten Morgen, als Hunkeler aufwacht, ist Fankhauser tot. Hat Hunkeler alles nur geträumt? Er ist sich nicht sicher, aber er ist entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. (Klappentext)

BS: Stadt Basel, Riehen, Bettingen F: Knoeringe, Huningue, Hégenheim, Hésingue, Hundsbachtal

3. September 2025

Das Waldvögelein

Toni Lori: Das Waldvögelein, Eigenverlag,
Thun, 2006
Den Anstoss zum Herausgeben dieses Büchleins gab meine Freundin, die in hohem Alter anno 1995 starb. Jahrelang auf den Rollstuhl angewiesen, erzählte sie mir viel aus ihrem Leben und fügte oftmals hinzu, dass darüber ein Roman geschrieben werden könnte. Als aufmerksamer Zuhörer reifte damals in mir der Entschluss, ihre Erzählungen eines Tages zu verfassen und zu veröffentlichen. Ich wollte damit nicht nur ein ehrendes Andenken an diese liebenswerte Frau schaffen, sondern auch einige Lebensweisheiten aus vergangenen Zeiten festhalten und weitergeben. Aus diesem Grunde fanden auch bedeutungsvolle Erlebnisse von mir selbst, die sich seit ihrem Tod abgespielt haben, Eingang in dieses Büchlein.

Die Erzählungen in diesem Büchlein stützen sich weitgehend auf tatsächliche erlebte Geschehnisse. Einigen Geschichten wurden allerdings der Fantasie entnommene Höhepunkte beigefügt, die meines Erachtens aber den tief. gründigen Aussagen dieser Niederschrift keinen Abbruch tun. Erwähnt werden muss schliesslich auch, dass sämtliche Namen von Personen und Örtlichkeiten abgeändert worden sind. Es sei aber verraten, dass mit der «nahen Stadt» Bern gemeint ist.

Über Bewegungsmangel, Fettleibigkeit und Kreislaufstörungen wird heute viel gepredigt und geschrieben. Auch diese Schrift geht auf diese Themen ein und nennt wichtige Ursachen, wie sie meine Freundin klar erkannt zu haben glaubte.
(Aus dem Vorwort)

31. August 2025

Der Alpdruck

Hans Fallada: Der Alpdruck, Aufbau,
Berlin, 2015
April 1945: Der Krieg ist vorbei, doch nachts verfolgen den Schriftsteller Dr. Doll Träume vom Bombentrichter, der ihn nicht freigibt. Er will etwas tun gegen den Alpdruck der Mitschuld, doch er kann es niemandem recht machen als Bürgermeister einer Kleinstadt, eingesetzt von der Roten Armee. Er stiehlt sich fort und flüchtet in den Drogenrausch. Im Chaos des zerbombten, nur auf dem Schwarzmarkt funktionierenden Berlin entgleitet ihm seine junge, morphiumsüchtige Frau, und er hat um zwei Leben zu kämpfen, als er zaghaft beginnt, wieder an eine Zukunft zu glauben. Erst nachdem sich Fallada den «Alpdruck», die Geschichte des erkennbar eng aus seinem eigenen Erleben geschöpften Protagonisten Dr. Doll, von der Seele geschrieben hatte, konnte er sich der Arbeit an «Jeder stirbt für sich allein» stellen.
(Inhaltsangabe im Buch)

27. August 2025

Sind keine Seepferdchen

Karin Richner: Sind keine Seepferdchen,
Bilger, Zürich, 2006
«Wenn Anna hier wäre», heisst es gleich zu Beginn – doch wo die Schwester weilt, was mit ihr tatsächlich geschehen ist, bleibt verborgen. So taucht man ein in eine Welt, die sich trostlos und unheilvoll gebärdet, in eine Stimmung aus Kälte und Isolation und nimmt traurig berührt Anteil am scheinbar belanglosen Leben einer jungen Frau. Es sind die leisen Töne, die nüchtern-poetische Sprache, die einen Sog entwickeln, dem man sich kaum entziehen kann.

Eine Frau Anfang zwanzig gibt Einblick in die Monotonie ihres Alltags: Abends sitzt sie in einer verrauchten Kneipe und beobachtet die andern, ihr Heimweg führt sie spätnachts durch eine Grossstadt, die ausgestorben und bedrohlich wirkt, zu Hause erwartet sie eine feudale Villa, in der sie allein mit der Katze und einem Hamster lebt – die Eltern sind verreist und Anna, ihre geliebte Schwester, in Südamerika. Die laute Musik aus der Stereoanlage vertreibt die Stille im Haus, sich stets wiederholende Rituale, an denen sie krankhaft festklammert, bestimmen den Ablauf ihrer Tage.
 
Diese Ordnung bekommt Risse, als die kleine Ramona in ihr Leben tritt, das leere Haus mit Leben füllt und den Rhythmus der jungen Frau auf den Kopf stellt; sie wird brüchig, als Martina, eine Bekannte, ihre Nähe sucht und unbequeme Fragen stellt. Auch die Flucht nach draussen, in nächtliche Tanzgelage und blinden Aktivismus, zu Personen und an Orte, die sie an Anna erinnern, vermag dieses Gerüst nicht aufrecht zu halten. Wie ein Kartenhaus fällt es in sich zusammen und bringt eine erschreckende Wahrheit ans Licht.
 
Die Faszination von Karin Richners Debütroman macht seine Rätselhaftigkeit einerseits, die sprachliche Virtuosität andererseits aus. Wenig wird wirklich preisgegeben, fortwährend sieht sich der Leser gezwungen, das Erzählte auf seine Richtigkeit abzuklopfen, die Sichtweise der Protagonistin zu hinterfragen und ganz genau hinzuschauen, um das subtile Netz aus Andeutungen und Bildern, die das Ende vorwegzunehmen scheint, zu erkennen. Und gibt sich dieser Text über weite Strecken auch hoffnungslos und düster, so ist der Ausgang doch versöhnlich: Die junge Frau, die wir am Ende erleben, hat mit der Frau, die uns zu Anfang begegnet, nicht mehr viel gemeinsam. Ein trauriger Roman, der tief berührt und lange nachhallt.
(Website des Verlags)

23. August 2025

Einmal mehr der Hitze entflohen

Was gibt es schöneres, wenn du als alternder Vater einen Sohnemann weisst, der dieselbe Passion mit dir teilt: Draussen zu Fuss in der Natur unterwegs zu sein und daselbst auch zu nächtigen. Also machten wir uns, der Hitze weichend, am vorletzten Wochenende auf, um auf wenig begangener Route von Lauenen über den Stüblenipass an die Lenk zu gelangen, Zeltübernachtung auf über 2000 Metern über Normalnull inklusive. Ein lohnendes Unterfangen, wie meine.

20. August 2025

Lebenslänglich

Guido Bachmann: Lebenslänglich, 
Lenos, Basel 1997
«Ich bin kein Schweizer.» Mit diesem Satz beginnt Guido Bachmann seinen autobiographischen Bericht. der ein Heranwachsen in der Schweiz von 1940 bis 1959 dokumentiert. Der Sohn eines Schweizer Vaters und einer italienischen Mutter beleuchtet in diesem schnörkellosen Protokoll einer Jugend die Kehrseite der kriegsverschonten Schweiz.

Schonungslos sich selbst und andern gegenüber beschreibt Guido Bachmann das Bild einer Zeit, die ihn bis heute verfolgt und deren Wunden auch die Sitzungen bei einem Psychiater nicht heilen können. Im Gegenteil, diese bestätigen, dass der Autor, indem er sich die Pubertät als trotzige Kraft der Freiheit ins Erwachsenenalter hinüberrettete und zur Triebfeder für sein Schreiben machte, instinktiv das Richtige tat.

Mit «Lebenslänglich» gibt Guido Bachmann nebst dem Einblick in seine persönliche Geschichte und einer bitteren, aber nie verbitterten Zeitkritik auch einen Schlüssel zum präziseren Verständnis seines bisherigen Werks, das in seiner Stringenz, Wortgewaltigkeit, aber auch Verletzlichkeit in der schweizerischen Nachkriegsliteratur so einsam dasteht wie zwischen den beiden Weltkriegen das Werk eines anderen, der – obwohl heimatberechtigt in Sigriswil – eigentlich kein Schweizer sein wollte: Blaise Cendrars. (Klappentext)

15. August 2025

Der letzte meiner Art

Lukas Linder: Der Letzte meiner Art,
Kein & Aber, Zürich/Berlin, 2018
Alfred ist der jüngste Nachfahre der von Ärmels, doch die glanzvollen Zeiten der Familie sind vorbei. Neben seiner umschwärmten, aber abgedrehten Mutter, seinem genialen Bruder und seinem kauzigen Vater fühlt er sich wie eine Karikatur. Trotzdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, seine alteingesessene Familie zu neuem Ruhm zu führen. Ein Held möchte er werden. Dazu hat er verschiedene Möglichkeiten: Er könnte, wie sein Vorbild und Namensvetter, vierzig Franzosen erschlagen, einen Gesangswettbewerb gewinnen oder zusammen mit Ruth ein Hotel aufmachen, denn ja, die Liebe siegt immer! Doch ist Alfred wirklich zum Helden geboren?

Lukas Linder schreibt mit einer solchen Genauigkeit, Schonungslosigkeit und mit viel Witz über das Alltägliche und über Familienkonstellationen, dass man zwischen den Lachern immer wieder etwas ertappt auf das eigene Leben schielt.
(Klappentext)

Dieses Buch ist in meinem Antiquariat erhältlich.

11. August 2025

Glatteis

Hans Werner Kettenbach: Glatteis,
Diogenes, Zürich, 2001
Ausgerechnet beim idyllischen Ferienhäuschen am See stürzt Erika, die attraktive Ehefrau von Tiefbauunternehmer Wallmann, zu Tode. Ein tragischer Unfall, meint die Polizei. Ein fast perfekter Mord – vermutet dagegen der Angestellte Scholten, der einige unschöne Details aus dem Eheleben der Wallmanns kennt. (Klappentext)

8. August 2025

Steter Tropfen

Eine in mehreren Jahrtausenden von der Natur geschaffene Designerbadewanne
am Fusse der Eigernordwand.

Ich weiss nicht, ob Sie schon einmal am Fusse der über 1800 Meter hohen Eiger-Nordwand entlanggewandert sind. Ich tat dies kürzlich und war begeistert. Möglich gemacht hat dies ein gewisser Adolf – nomen est omen – Gsteiger aus Grindelwald. Der heute 89-Jährige erbaute von August bis September 1997 in nur 39 Arbeitstagen den 6 Kilometer langen Eigertrail. Dieser führt von der Station Eismeer der Jungfraubahn hinab zur Station Alpiglen der Wengernalpbahn und darf getrost als einer der Premiumwege der Schweiz bezeichnet werden. Nicht weil er besonders anspruchsvoll, dafür umso beeindruckend ist. Dies scheint auch den Leuten des Bundesamtes für Topografie in Wabern bei Bern bewusst zu sein, haben sie doch den Weg auf der Landeskarte der Massstäbe 1:10.000/25.000 und 50.000 entsprechend benamst.

Für mich war indes bei der Abzweigung zur Station Alpiglen noch nicht Schluss: Ich zog weiter der Nordostflanke des Eigers entlang, bis zu den imposanten und mehrere hundert Meter hohen Felswänden der Gletscherschlucht, wo sich bis vor gut 120 Jahren der Untere Grindelwaldgletscher bis auf 1000 Meter über Meer hinabwälzte. Heute entdeckt man das mickrige Gletscherzünglein auf rund 1900 Meter und in vier Kilometern Entfernung.

Genau so, wie die von uns verursachten CO2-Emmissionen, genau so höhlt der stete Tropfen den Stein, wie ich auf meiner Route von der Station Eigergletscher hinab nach Grindelwald an einem der zahlreichen, am Eiger-Massiv entspringenden Bäche eindrücklich beobachten konnte.

5. August 2025

Das Weihnachtsgeschenk

Ray Bradbury: Das Weihnachtsgeschenk,
Diogenes, Zürich, 2008
Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Teilens, aber auch das Fest der Vergebung und der Erinnerung an ein Wunder, das heute noch Menschen in aller Welt rührt. Davon erzählt Ray Bradbury in seinen vier Weihnachtsgeschichten. In «Segne mich, Vater, denn ich habe gesündigt» wird Pfarrer MelIon an Heiligabend kurz vor Mitternacht mit einer Geschichte konfrontiert, die ihn Jahrzehnte zurück in seine Kindheit führt, zu einer verschneiten Weihnachtsnacht, in der sein heissgeliebter Hund zu ihm zurückfand. In «Der Wunsch» wünscht sich ein Sohn in der Weihnachtsnacht, für eine Stunde seinen verstorbenen Vater wiederzusehen, um ihm am Fest der Liebe endlich die drei Worte zu sagen, die er ihm zeitlebens nicht gesagt hat.

Natürlich darf eine von Ray Bradburys berühmtesten Geschichten nicht fehlen: Es ist das erste Mal, dass ihr kleiner Sohn in den Weltraum fliegt, ein Tag vor Weihnachten. Beim Zoll müssen die Eltern das mitgebrachte Geschenk und den kleinen Weihnachtsbaum mit den weissen Kerzen zurücklassen, doch zum Glück fällt dem Vater ein, wie er dem Jungen ein noch schöneres Geschenk machen kann. Schliesslich zeigt «Der Bettler auf der O’Connell-Brücke», dass es im Leben um mehr geht als um eine Handvoll Pennies und dass man den Geist der Heiligen Nacht auch nach dem 24. Dezember im Herzen tragen sollte. (Klappentext)

31. Juli 2025

Kunsthistorisches in Thunstetten

Das öffentlich zugängliche Schloss Thunstetten ist ein echter Hingucker.

Das hat man davon, wenn man sich in den Kopf setzt, sämtliche offiziellen Wanderwege des Kantons Bern abzuwandern: Man gelangt früher oder später am Schloss und an der nahe gelegenen reformierten Kirche von Thunstetten bei Langenthal vorbei. So geschehen am vergangenen Samstag, als wir von Herzogenbuchsee auf schlangenlinienförmiger Route nach Langenthal gingen. Was sich hier unseren Augen bot, ist absolut erwähnens- und sehenswert.

Das Schloss
Das Schloss Thunstetten wurde 1713–15 im Auftrag von Hieronymus von Erlach nach Plänen des berühmten Pariser Architekten Joseph Abeille erbaut. Als Baumeister wurde Abraham Jenner von Bern engagiert. Das Schloss Thunstetten übernahm die Vorreiterrolle in der Einführung der französischen Bauart im Stile Louis XIV. in Bern.
Aussichtsreich an der Schmalseite eines länglichen Hügels gelegen, dominiert das Schloss die Landschaft. Es besteht aus dem eingeschossigen Hochparterrebau des Herrenhauses, dem Corps de Logis, das im Zentrum der Anlage unter einem mächtigen Walmdach steht und zwei Seitenflügeln. Die langen fünfteiligen Seitenflügel formen zusammen mit dem Corps des Logis den tiefen Ehrenhof, die Cour d’entrée. Dieser wird von einer bedachten Mauer abgeschlossen, in deren Mitte sich ein überwölbtes Gitterportal öffnet. Die Fassade des Herrenhauses ist durch eine Reihe hoher schlanker Fenster gegliedert und von einem mächtigen Walmdach gekrönt. Bei der Renovation nach 1970 wurde die ursprüngliche Bemalung der Sandsteinfassade entdeckt. Die Farbe wurde aus Kalk und Rebstock-Asche hergestellt. Das Schlossdach mit seinen Lukarnen und Kaminaufsätzen strahlt eine französische Eleganz aus. Auf der anderen Seite des Corps de Logis erstreckt sich der Garten, der einen intensiven Einbezug in die Schlossarchitektur erfahren hat. Dabei ist der leitende Grundsatz die völlige Symmetrie.
Die gesamte Anlage des Schlosses Thunstetten entspricht damit mustergültig dem Model des Herrschaftshauses «Palais entre Cour et Jardin». Dieser Herrenhaustypus fand als Ideal einen grossen Nachhall beim Bau und Umbau von vielen anderen Anlagen dieser Zeit, unter anderen auch bei dem zweiten, für Hieronymus von Erlach 1721–25 erbauten Landsitz, dem Schloss Hindelbank.
Der Situationsplan der Herrschaft Thunstetten von Adam Riediger (1680–1756) aus dem Jahr 1720 zeigt eine doppelreihige Allee, die in der Hauptachse des Schlosses als eine lange Zugangsallee begann und sich auf der gegenüberliegenden Seite im Garten fortsetzte. Ob die Zufahrtsallee jemals realisiert worden war, ist jedoch umstritten. (Quelle: https://www.schloss-thunstetten.ch/de/Geschichte)

Die Kirche
Die erste Kirche ist im 12. Jahrhundert zusammen mit der Johanniter-Komturei, dem heutigen Pfarrhaus, gebaut worden. Davon zeugt noch der spätromanische Glockenturm, der offensichtlich aufgestockt worden ist. Die Komturei war eine wichtige Filiale der Johanniter. Bis zum Jahr 1528 lebten und arbeiteten die Johanniter hier in Thunstetten und gaben ihr Wissen weiter, so dass die ganze Umgebung davon profitierte. 1528 war das Jahr, in dem im Kanton Bern die Reformation durchgeführt und die Klöster aufgehoben wurden. Damit war das Ende der Johanniter-Komturei in Thunstetten besiegelt.
Die heutige Kirche wurde im Jahre 1745 gebaut. Sie trägt die Züge des damaligen Baustils, nämlich des Barock. 1931 wurde die Kirche gründlich renoviert, und es wurde eine elektrische Heizung eingebaut. Erst 1936 wurde auf der Westseite über dem Haupteingang der überdachte Vorbau erstellt. Ursprünglich hatte das Kirchenschiff eine Gipsdecke. Sie wurde durch eine Holzdecke ersetzt. Auch eine Portlaube wurde eingebaut. Bemerkenswert ist die Rundung der Empore.
Im Chor der heutigen Kirche fällt vor allem das Mittelfenster auf. Es zeigt den auferstandenen Jesus mit den Jüngern aus Emmaus (Lukas 24,13-35) vor einem Schloss. Ein zweites Glasfenster an der südlichen Wand zeigt Jesus beim Gebet in Getsemane (Markus 14, 32 – 42). An der gleichen Wand ist ein Kasten mit alten Blasinstrumenten eingelassen. Diese dienten zur Begleitung des Kirchengesangs, bis die erste Orgel, ein Geschenk von Johann Jakob Krähenbühl, im Jahre 1873 eingebaut wurde. 1916 wurde diese Orgel auf den doppelten Umfang erweitert, auf elektrischen Betrieb eingerichtet, mit zwei Manualen versehen und an die Wand zurückversetzt. Die heutige Orgel wurde 1969 von den Gebrüdern Wälti in Gümligen eingebaut.
Erwähnenswert ist der barocke Taufstein aus der Bauzeit sowie die Régence-Kanzel. Im Chorboden sind zwei Hartstein-Grabplatten eingelegt. Sie stammen vom zweiten Schlossbesitzer, Peter Thierri und seiner Gemahlin (aus den Jahren 1753 – 54). An der Nordwand hängt ein Epitaph (Grabplatte) aus St. Triphon-Stein aus dem Jahre 1795. (Quelle: https://www.kirche-thunstetten.ch/de/)

29. Juli 2025

Der Wächter des Matterhorns

Kurt Lauber: Der Wächter des Matterhorns,
Droemer, München, 2012
Wenn Kurt Lauber Glück hat, ist es noch früh am Tag und das Wetter so gut, dass er und seine Kollegen von der Zermatter Bergrettung ein paar unerfahrene Touristen, die sich überschätzt haben per Helikopter einsammeln können. Doch wenn es schlecht läuft, erlauben Gelände, Schneesturm und Dunkelheit nur eine Rettung zu Fuss. Dann ist er schon mal siebzehn Stunden unterwegs und setzt sein Leben aufs Spiel, um Verletzte oder im schlimmsten Fall tödlich Verunglückte zu bergen.

Kurt Lauber lebt ein abenteuerliches und abwechslungsreiches Leben. Denn seit mehr als fünfzehn Jahren betreibt er auch die Hörnlihütte am Matterhorn – auf 3260 Meter Höhe. In der Hochsaison stellt ihn der Ansturm der Bergsteiger vor grosse Herausforderungen: Bei idealen Voraussetzungen brechen morgens über hundert Alpinisten auf, um das Matterhorn zu besteigen. Während einer Schlechtwetterperiode hingegen kann es auf der Hütte ziemlich einsam sein.

Kurt Lauber erzählt, was er bei seinen gefährlichen Rettungseinsätzen in den Bergen rund um Zermatt erlebt hat. Und er schildert, wie er und sein Hüttenteam eine eingeschworene Familie auf Zeit bilden. Ein beeindruckender Bericht vom Leben und Arbeiten vor dem Panorama des mächtigen Matterhorns (Klappentext)

Dieses Buch ist in meinem Antiquariat unter der Rubrik «Alpinismus» erhältlich.

26. Juli 2025

Der digitale Nomade


Neulich ging ich (endlich, endlich) DEN Wanderklassiker schlechthin: Schynige Platte – Bachsee. Dochdoch, diese Route hat was! Alleine die Fahrt mit der Schynige Platte Bahn war das frühe Aufstehen wert. Der genial gewählte Streckenverlauf des Bergwanderwegs führte mich durch einzigartige Karstlandschaften, gepaart mit einer Aussicht, die seinesgleichen sucht.

Vom Faulhorn an herrschte indes erhöhtes Touristenaufkommen, und am Bachsee wurde die Situation derart skurril, dass ich auf die Fortsetzung zum First verzichtete und rechts in Richtung Grindelwald abdrehte. Zehn Minuten unterhalb des millionenfach fotografierten Sees sass, direkt am Weg unter einer aufgespannten Plane, ein Asiate. Bei näherem Betrachten sah ich, dass er auf den Knien ein Notebook bediente. Dieser Mann gefiel mir. Mühte sich Ferdinand Hodler anno 1906 auf Breitlauenen, der Zwischenstation der Schynige Platte Bahn, mit seiner ins Gelände geschleppten Staffelei mit der künstlerischen Darstellung von Brienzersee und Umgebung ab, hockt sich heute der Asiate neben den Wanderweg und verfasst hier womöglich seine Masterarbeit zur Frage: «Why is tourism taking on increasingly bizarre forms?» – Eine Frage, deren Antwort auch mich brennend interessieren würde. Schade, habe ich diesem digitalen Nomaden meine E-Mail-Adresse nicht gegeben.