12. Oktober 2013

Scherbenhaufen

Stefan Haenni: Scherbenhaufen
Gmeiner-Verlag, Messkirch, 2011
Im Schlossmuseum Thun geht bei einem Handgemenge ein kostbarer Tonkrug zu Bruch. Der junge Töpfer Niklaus Weihermann wird beschuldigt, doch seine Freundin Eva, die ihn entlasten könnte, schweigt beharrlich. Privatdetektiv Hanspeter Feller bemüht sich um die Aufklärung des Falls und entlarvt den Richter Adam Füssli als Täter. Dieser wird kurz darauf tot am Ufer der berühmten Kleist-Insel geborgen. Die Ermittlungen führen Feller weit zurück in die Vergangenheit und zu einem grauenvollen Verbrechen, das nie gesühnt wurde … (Klappentext)

BE: Stadt Thun (Schlossberg, Gymnasium Schadau, Schlossmuseum, Frutigenstrasse vis-à-vis Kirchgemeindehaus, Wohnhaus von Heinrich von Kleist auf der Kleist-Insel, Restaurant «Burehus» Dürrenast, Bootshaus Seeclub Thun auf Aarehalbinsel, Gwattlischenmoos), Gstaad, Heimberg, Sefinenfurgge, Thunersee, Dampfschiff «Blümlisalp», Vitaparcours Schorenwald Thailand: Phuket

10. Oktober 2013

Vertraulich

Es ist doch so, ich hab’s schon immer gesagt. Wenn wir, ich meine, wir alle, wenn wir also so tun als ob, dann ist das, wie wenn ein Hund ohne Fell über den Rasen rennt. Und wenn dieser Rasen noch frisch geschnitten ist, dann hat der Hund ohne Fell zwar einen geringeren Gehwiderstand, aber ist er dabei noch ein Hund, ein Hund im herkömmlichen Sinne? Klar ist er ein Hund, ist man nun geneigt zu sagen. Aber: Ein kahl rasierter Hund und ein frisch gemähter Rasen, das ist doch so etwas von, sagen wir mal obszön. Da kann sich der nackte Hund ja gar nirgends verstecken. Gut, wenn er ein paar Wochen auf dem Grün liegt, so wachsen Fell und Rasen wieder nach. Was aber, wenn schon kurz nach dem In-Erscheinung-Treten von Rasen und Hund weit und breit kein Baum, keine Rabatte, kein Gebüsch, keine Gassi, kein rein gar nichts, ausser Rasen, Rasen, Rasen? Dann muss doch dieser blutte Hund in die kurzen Halme sich erleichtern. Und wenn das jemand sieht, jemand in voyeuristischer Absicht gar zuschaut? Hunde haben doch auch so etwas wie ein Schamgefühl, nicht wahr. Und so ein Hund, der muss doch eben schon einmal. Das ist doch, aus tierischer Sicht, absolut menschlich. Kurz: Vor dieser eminent-evidenten Thematik kann und darf sich die Menschheit schlicht und einfach nicht verschliessen. Ignoranz wäre da völlig fehl am Platze. Und die Lösung des Problems, die ist einmal mehr keine einfache. Was haben sich schon namhafte Tierforscher, Tierpsychologen, Rasenfachleute, Hersteller von Hundeinktontinenzprodukten, aber auch Hauswartsverbände, Rasendüngerfabriken und Geruchsexperten mit dem Dilemma, mit der tragischen Kombination von nacktem Hund, seinen Bedürfnissen und kurzgeschnittenem Rasen auseinander gesetzt, ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen. Des Rätsels Lösung ist und bleibt jedoch und nach und wie und vor im Dunkeln. Gerade bei Nacht. Wobei: Des Nachts ist die Verzwicktheit am geringsten, das liegt auf er Hand. Moment. Da riecht doch was.

8. Oktober 2013

Schlatt

Franz Böni: Schlatt
Suhrkamp, Zürich, 1979
Erzählt wird die Geschichte des jungen Arbeiters Franz Zuber, der nach harten Arbeitsjahren in den Städten des Flachlands als Kranker und Fremder in jene Voralpengegend zurückkehrt, in der er sich einmal, in seiner Kindheit, geborgen fühlte. Wandernd durchforscht er die Gemeinde. Auf die höchsten Gipfel, zu den abgelegensten Siedlungen, in die unwegsamsten Täler dringt er vor. Zu den Menschen findet Zuber keinen Kontakt. An seiner sprachlosen Verlorenheit ändert sich nichts. Beschwert gleichmütig erzählt Schlatt von diesem Leben. In einer wie schalltoten Nüchternheit nimmt Franz Bönis Roman gleichnishafte Züge an.

TG: Gegend südlich von Aadorf ZH: Schlatt b. Elgg und Umgebung, Zürich Rangierbahnhof

5. Oktober 2013

Der König von Olten

Alex Capus: Der König von Olten
Knapp Verlag, Olten, 2009
Alex Capus erzählt von seiner Heimatstadt Olten: von der Schönheit des Bahnhofs und dem Duft der Schokoladefabrik, von wilden Kerlen und bösen Mädchen, braven Bürgern und dem ganz alltäglichen Wahnsinn, der uns alle Tag für Tag am Leben erhält. Eine Liebeserklärung des grossen Erzählers an die Kleinstadt – wobei klar ist, dass Grossstädte wie Zürich oder Berlin «auch nichts weiter sind als zehn oder hundert Mal Olten hintereinander.» (Klappentext)

SO: Stadt Olten (u.a. Altstadt, Aare, Bahnhof, Schwimmbad), Dulliker Engelberg, Stadt Solothurn

3. Oktober 2013

Blutrunen

Verena Wyss: Blutrunen
Gmeiner, Messkirch, 2010
Die junge Pamela Thoma hat ihren Job als Werberin in Zürich aus «persönlichen Gründen» an den Nagel gehängt. Sie flüchtet in die scheinbar heile Welt des Château de Silms in der Westschweiz, um einen beruflichen Neuanfang als Bibliothekarin zu wagen. Doch von Anfang an beschleichen sie unheimliche Gefühle, die sich schon bald bewahrheiten sollen: Eine Reihe rätselhafter Morde erschüttert das altehrwürdige Anwesen. Erst als Pamela im Archiv des Schlosses auf geheime Dokumente aus der NS-Zeit stößt, kommt allmählich Licht ins Dunkel … (Klappentext)

FR: Murten und Umgebung, Murtensee, Mont Vully (Hauptschauplätze) SZ: Einsiedeln

30. September 2013

Dämonen im Murimoos

Virgilio Masciadri:
Dämonen im Murimoos
orte, Oberegg, 2009
Der junge Französischlehrer Manfred ist reichlich ahnungslos, als er im aargauischen Muri eine Stellvertretung für ein paar Wochen übernimmt: Erst nach und nach erfährt er, dass sein Vorgänger unter mysteriösen Umständen umgekommen ist, und auch sonst erscheint ihm manches an diesem Landgymnasium immer eigenartiger. Unheimliche Dinge geschehen, die seinen Aufenthalt im Freiamt in einen Alptraum verwandeln. Was ist mit den Schülern in dem ehemaligen Klosterdorf los? Was hat der Rektor zu verbergen? Und welche Rolle spielt der undurchdringliche Pfarrer Cottier von Boswil? Virgilio Masciadris neues Buch mischt Krimispannung mit Elementen einer stimmungsvollen Schauergeschichte und schafft so einen hintergründigen psychologischen Roman ganz neuer Art. (Klappentext)

AG: Muri, Kantonsschule Muri, Kloster Muri, Hasli bei Muri, Boswil, Murimoos, Hasliwald bei Muri, Mühlau, Freiamt  ZH: Küsnacht

26. September 2013

Im Schrebergarten

Sandra Rutschi: Im Schrebergarten
Nydegg Verlag, Bern, 2011
Bern, im Frühling 1964: Der junge Jurassier Pierre Bergier taucht unter falschem Namen in einem Schrebergarten unter, weil er von der Polizei gesucht wird. Um die Unabhängigkeit des Juras vom Kanton Bern zu erkämpfen, hat er Bomben gezündet und Brände gestiftet. In seinem Versteck lernt er die einige Jahre ältere Anna Gerber kennen – eine Begegnung, die das Leben der beiden markant verändert. 

Fast fünfzig Jahre später übernimmt die Zeitungsredaktorin Katja Schild unfreiwillig das Dossier rund um die Jurafrage. Was sie stattdessen wirklich beschäftigt, ist das Schicksal ihrer Grossmutter Anna Gerber, die im Spätsommer 1964 auf rätselhafte Weise ums Leben kam. Während Katja Schild verbissen dem Familiengeheimnis nachspürt, merkt sie nicht, dass Pierre Bergier in den Schrebergarten zurückgekehrt ist. (Klappentext)

BE: Stadt Bern (Hauptschauplatz), Moutier JU: Freiberge

22. September 2013

Erdenschön

Mit dem gestrigen Besuch der Grottes de Réclère im Westen der Ajoie, schloss ich meinen Höhlenzyklus im Rahmen einer Reisereportage für die Schweizer Familie ab. Innert fünf Monaten befuhr ich alle ausgebauten Höhlen der Schweiz als da sind: St. Beatus Höhlen am Thunersee (BE), Grottes de Vallorbe (VD), Höllgrotten bei Baar (ZG), Grottes aux Fées bei St-Maurice (VS), Lac Souterrain in St-Léonard (VS) und eben: die Grottes de Réclère (JU). Mein Fazit: Für mich mit Abstand die schönsten Unterwelten waren jene von Réclère und Vallorbe, deren Besichtigung ich daher aufrichtig witerempfehle. Wer sich heuer noch ins Juragebirge aufmachen möchte, sollte dies bis Ende Oktober tun. Danach fallen die Grotten in den touristischen Winterschlaf.

Typografisches Feuerwerk aus der Zeit, als die Grotten von Réclère  noch zum Kanton Bern gehörten. Ob es sich um die schönsten Grotten des Universums handelt, wage ich indes zu bezweifeln.

18. September 2013

Der Mauersegler

Peter Zeindler: Der Mauersegler
Arche, Zürich, 2007
Wie im Wartesaal des Lebens fühlt er sich: Felix Mangold, Zürcher Medientrainer um die 50, wünscht sich, endlich aus seinem Dasein als «Schläfer» geweckt zu werden. Als Leo Kilchenmann, zu DDR-Zeiten wie er in der Schweizer Botschaft in Ostberlin tätig, unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt und er dessen Grabrede schreiben soll, holt ihn seine Vergangenheit ein: Unter dem Decknamen Mauersegler soll er für den BND recherchieren.

Welche Rolle spielt die Journalistin Sara Pechstein aus München, die er auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg trifft? Ist sie wirklich seine Tochter, und was weiß sie über Mangolds ehemalige Freundin und deren Festnahme bei der Flucht aus der DDR im Auto mit Schweizer Diplomatenkennzeichen? Warum steckt ihm Kilchenmanns Exfrau Stasiberichte zu? Und wer verbirgt sich hinter dem Namen Tolstoi? (Quelle: krimi-couch.de)

ZH: Stadt Zürich, Zürich Flughafen D: Hamburg, Berlin, München

17. September 2013

Lieber Winter

Nicht, dass ich etwas gegen dich hätte. Allein, der Zeitpunkt deines Auftritts passt mir nicht in den Kram. Vor gut drei Monaten stapfte ich am Oeschinensee in knöcheltiefem Schnee herum. Das war Ende Mai. Und nun, nach diesem Wundersommer erfrechst du dich, dem sich anbahnenden Herbst reinzupfuschen. Bitte bedenke, dass ich bald Urlaub habe und den Bergen ein paar Besüchlein abstatten möchte. Es ist kein Zustand, wenn ich an einem 17. September schlotternd den Steinböcken im Tierpark Dälhölzli zusehen muss, wie sie sich um ihren Harem streiten, als sei bereits tiefster Winter. 


15. September 2013

Vierzig Rosen

Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen
Fischer, Frankfurt, 2006
On a du style, diese Worte ihrer früh verstorbenen Mutter hat Marie, die kleine Tochter der jüdischen Schneiderfamilie Katz, immer im Ohr. Halt gibt ihr die Musik. »Auf einen Stern zugehen, nur dieses!«, sagt der Vater an einem der langen Abende, die sie am Klavier verbringt und die ihren Weg vorzuzeichnen scheinen: Als begabte Pianistin hat sie eine große Zukunft vor sich.

Doch mit den dreißiger Jahren bricht auch in der Schweiz eine dunkle Zeit an. Fluchtartig müssen Marie und ihr Vater das Familienanwesen mit dem geliebten Park am See verlassen. Um die Tochter zu schützen, schifft sich der Vater nach Afrika ein, und Marie geht in ein Kloster, dessen Mauern ihr mit der Zeit zum Gefängnis werden. Als der ehrgeizige Student Max Meier ihre Flucht aus der engen, katholischen Welt arrangiert, geht alles sehr schnell: Marie küsst ihn, sie heiraten, er geht in die Politik, sie wird schwanger. Nun muss Marie sich entscheiden zwischen dem geliebten Klavier und Max’ Politikerkarriere, zwischen der Pianistin und der First Lady.


Das Haus am See, die Erinnerungen an ihre Kindheit und ihr tadelloser Stil bleiben Kontinuitäten in Maries Leben, die sie durch alle Höhen und Tiefen tragen.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern, Bundeshaus ZG: Stadt Zug (Hauptschauplatz), Stadtkirche St. Oswald in Zug, Zugersee I: Genua

8. September 2013

Sinsgäuer Schonegg

Was Bayerisch klingt, spielte sich gestern zwischen Uri und Nidwalden ab. Hier zehn Eindrücke einer Passwanderung, drei Wochen vor dem Alpabzug.

Am Aufstieg von St. Jakob nach Gitschenen (UR).

Schlieren und Uri Rotstock.

Das ganzjährig bewohnte Gitschenen auf 1500 m ü.M ist nur zu Fuss oder per Seilbahn
zu erreichen.

In Gitschenen geboren und demnächst 85.

Stilleben in Gitschenen (UR).

Betrufkapelle in Gitschenen, erbaut 1993/94.

Einsamer Hof in Gitschenen mit dem dominanten Alpeler (1854 m).

Grenze NW/UR: Sinsgäuer Schonegg (1910 m) mit dem Hoh Brisen links.

Gutmütiges Streicheltier: Schottischer Hochlandstier auf dem Rinderstafel (NW)

Abenteuerliche Seilbahn für drei Personen hinunter Richtung Oberrickenbach (NW)

30. August 2013

Fuhrmann Sieber und sein Sohn

Eugen Mattes:
Fuhrmann Sieber und sein Sohn
Benziger, Einsiedeln, 1948
Durch seine zahlreichen Geschichten und Romane hat Sich der Thurgauer Eugen Mattes den Ruf eines begabten Erzählers erworben. In seinem neuen Roman schildert er das Leben eines Zigeunerfindlings, der bei einem währschaften Fuhrmann aus dem Rheintal aufwächst. Auf seinen Fahrten kreuz und quer durch die Schweiz erlebt er zwischen Pferden und Fuhrwerken, bald im Dorf, bald auf den Landstrassen, im einsamen Riet und in den dunklen Wäldern die Schönheit der Welt wie auch die Eigenart ihrer Menschen.

So lässt Mattes eine bunte Welt in köstlichen Bildern und Gestalten aufleben. Der Leser schaut die Schönheit det ziehenden Landstrasse, schaut hinein in manches Dorf, bis in die Stuben und Kammern, und nimmt teil an der eigenartigen Entwicklung des Knaben Mucki, der durch die rätselhafte Unruhe seines Blutes erregt, zwischen der Welt seiner Erziehung und seiner dunkeln Herkunft hin und hergerissen wird – bis er nach wechselnden Schicksalen bei den Zigeunern und auf Gutshöfen den Weg in die geordnete Welt seines Pfegevaters wiederfindet. Es ist ein Buch für jeden Menschen, der Freude an volkstümlichen, aber mit künstlerischen Mitteln gestalteten Stoffen hat. (Klappentext)

Was artig nach kitschigem Heimatroman klingt, entpuppt sich als gekonnte, heimatliche Dichtung. Mattes Sprache ist der damaligen Zeit entsprechend verklärend und es fragt sich, ob dieser knapp 500 Seiten starke Band nicht auch als Jugendbuch tituliert werden könnte. Mattes ist heute völlig in Vergessenheit geraten, obschon er 1943 mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstifung und 1948 mit dem C.-F.-Meyer-Preis bedacht worden ist.

SG: Diepoldsau (Hauptschauplatz), Rorschach, St. Gallen, Montlingen, Hirschsprung, Rheintal, Altstätten  AI/AR:  St. Anton, Heiden, Gais, Appenzellerland GR: Splügenpass I: Vatikan A: Feldkirch, Bludenz, Arlberg, Landeck, Innsbruck, Lechtal (Hauptschauplatz), Salzburg, Salzkammergut, Bregenzerwald

15. August 2013

Sieben Jahre

Unter dem Label Schauplätze präsentiere ich in lockerer Folge Schweizer Belletristik mit Schauplätzen, die sich nach der Romanlektüre bestens zu fussgängerischen Vororterkundungen eignen.

Peter Stamm: Sieben Jahre
S. Fischer, Frankfurt, 1998
Ein Mann zwischen zwei Frauen, die eine ist begehrenswert, bei der anderen ist er frei.
Sonja ist schön und intelligent und lebt mit Alex. Eine vorbildliche Ehe, er müsste glücklich sein. Aber wann ist die Liebe schon einfach? Und wie funktioniert das Glück? Iwona wäre neben Sonja fast unsichtbar, sie ist spröde und grau. Aber Alex fühlt sich lebendig bei ihr – und weiß nicht, warum. Sie liebt ihn. Er trifft sie immer wieder, und als sie von ihm schwanger wird und das Kind kriegt, das Sonja sich wünscht, setzt er alles aufs Spiel.
(Klappentext)

Deutschland: München (Hauptschauplatz) mit Olympiadorf und Englischem Garten, Schwabing, Garching, Possenhofen, Tutzing, Perlach, Starnbergersee, Stuttgart, Garmisch Frankreich: Marseille und Cité Radieuse, Château d'If

8. August 2013

Bremer

Bremer nennt Bern sein Bois de Boulogne, den Bremgartenwald im Nordwesten der Stadt. Ich umrundete ihn heute zu zwei Dritteln, lobte innerlich den Regen, selbst wenn mich die hohe Luftfeuchte zum tropischen Schweissbade trieb. Dafür hatte ich die beliebte Naherholungszone für mich alleine. Keine wild gewordenen Biker, bloss ein Jogger sowie drei Hunde in Spielmodus mit Herrchen. Der Bremer weist ein paar hübsche Partien auf. Besonders gut gefiel mir der Glasgrabe. Ein quirliges Bächlein sucht hierbei den kürzesten Weg in den noch jungen Wohlensee. Gegen das Ende der Route wurde es weihnächtlich. Ich überquerte die Autobahn, den Gaza-Streifen quasi - und marschierte im Bethlehem ein. Was fehlte, waren die Bremer Stadtmusikanten. 

Und Ruth

Die Frau auf dem Bahnhof, ist es wirklich Ruth, die geheimnisvolle Freundin eines Mitschülers auf der Klosterschule? Oder nur eine Einbildung? Zögernd erinnert sich der Erzähler: an den ersten Schultag, die strengen Regeln des Zusammenlebens im Internat, die Rivalitäten und Intrigen der Jungen, die Eigenarten der Lehrer, die ersten Erfahrungen mit Liebe und Liebelei. Immer wieder gehen die Erinnerungen zu Erich, dem verletzlichen Zimmergenossen von damals, von den anderen verspottet und – uneingestanden – beneidet. Was waren das für Briefe, die Erich zu seiner Verzweiflungstat trieben? Wer schrieb sie? Und welche Rolle spielte Ruth bei alldem? (Klappentext)

Urs Faes: Und Ruth
Suhrkamp, Frankfurt, 2003
Der Aargauer Urs Faes, Autor dieses tragisch-lustigen Romans, besuchte von 1963–67 das Lehrerseminar im ehemaligen Zisterzienser Kloster Wettingen. In atemberaubender Dichte lässt Faes die Geschichte an eben diesem Ort,  Kantonsschule, spielen. Und natürlich stellt sich die Frage, ob das 2003 veröffentlichte Werk mittlerweile zur Pflichtlektüre der Wettinger Gymeler gehört. Ein fussgängerischer Abstecher an die Flussschleife der Limmat, wo die beeindruckende Klosteranlage eingebettet liegt, lohnt auf alle Fälle. Und ja, die Lektüre des Buches natürlich auch.

Aargau: Ehemaliges Kloster, späteres Lehrerseminar und heutige Kantonsschule in Wettingen

5. August 2013

Was die Welt nicht wissen muss

Heute eingekauft: Gregor Brunold: Traumberuf - Erzählung vom Journalistenleben, Echtzeit Verlag, Basel, 2012. Schnäppchen für vier Franken bei Thalia. Dann: 13 Wanderkarten im Massstab 1:50'000 zum Neupreis. Blatt 222T, 223T, 232T, 233T, 234T, 244T, 253T, 254T, 255T, 262T, 263T, 264T und 265T. Und letztlich noch zwei Schützengarten Bier in der halb Liter-PET-Flasche zum halben Preis. Ablaufdatum 23.08.2013 bzw. 24.08.2013. 

Massimo Marini

Unter dem Label Schauplätze präsentiere ich in lockerer Folge Schweizer Belletristik mit Schauplätzen, die sich nach der Romanlektüre bestens zu fussgängerischen Vororterkundungen eignen.

Rolf Dobelli: Massimo Marini
Diogenes, Zürich, 2010
In einem Koffer wurde er als Säugling in die Schweiz geschmuggelt, acht Jahre lang mussten seine Eltern ihn versteckt halten, um ihre Arbeitsbewilligung nicht zu verlieren, der Vater ein harter Malocher, der es zum erfolgreichen Unternehmer schafft – alles für den Sohn Massimo, der es einmal besser haben soll. Dessen Leben verläuft weniger gradlinig und glänzt mit Dramatik und Höhepunkten. Vom italienischen Immigrantenkind zum Zürcher Gesellschaftslöwen. Vom Opernhausdemonstranten zum Opernhaussponsor. Vom Existenzphilosophen zum Bauunternehmer. Vom Linken zum Rechten. Vom Tiefen zum Hohen. Vom Süden zum Norden. Bis er einer Frau begegnet, die sein Glück krönt – und zerstört. Ein umfassendes Gesellschaftspanorama und das Porträt einer vitalen, schillernden Persönlichkeit. (Klappentext)

GR: Sedrun, Gotthardtunnel  LU: Luzern KKL, Emmenbrücke, Vierwaldstättersee TI: Chiasso UR: Gotthardtunnel ZH: Zürich Stadt, Zürichsee


2. August 2013

Mutz

Meine Inkompatibilität mit diesem Hitzewetter liess mich gestern früh losfahren. Nicht in die Berge, nein, in den Mutzgraben wollte ich. Schattige Morgenfrische und der mit 14 Metern höchste Wasserfall des Oberaargaus lautete der Plan. Von Wynigen nach Riedtwil. Eine wahrlich kurze Route, dafür reichte die Zeit für längere Betrachtungen im «Mutz», wie die Einheimischen das Tobel zwischen Buchsi- und Wynigerberge kurz und schnurz nennen.

Der berndeutsche Begriff «Mutz» hat indes mehrere Bedeutungen. Als Substantiv bezeichnet er das Oberteil der Berner Männertracht und steht gleichsam als Synonym für den Bär. Als «Mutzen» werden denn auch die Spieler des Schlittschuh-Clubs Bern bezeichnet, nicht aber jene des Berner Fussballclubs Young Boys. Bewahre! Adjektivisch gebraucht wird «mutz», wenn eine Person schnöde auf eine Frage antwortet oder sich generell kaltschnäutzig gibt. Jemand, der die Haare sehr kurz trägt, hat einen «mutzen» Schnitt. «Mutz über d Rüebe», lautet in diesem Falle der Auftrag an den Coiffeur. Bleibt freilich noch zu klären, was «Mutz» mit dem üppig bewachsenen Mutzgraben gemein hat.

Mutzbachfall im Mutzgraben (BE), mit 14 Metern Fallhöhe der Rekordhalter im Oberaargau.

1. August 2013

Die Schweiz neu definiert. Oder: meine Rede zum 1. August

Da wird doch immer wieder behauptet, die Schweiz sei eine Wandernation. Seit Jahren hege ich indes eine subtil-gegenteilige Auffassung. Mit Bestimmtheit wird allenthalben gewandert, vor allem dort, wo Bahnen die Bergwelt erschliessen oder einfache Wege zu Alpenclub-Hütten führen. Treibt man sich freilich etwas abseits dieser kanalisierenden Infrastrukturen herum, herrscht Wandererflaute – egal ob in den Alpen oder im Jura. Und im Mittelland erst recht. Statt von einer Wandernation zu sprechen, müsste vielmehr die Rede sein von einer Nation mit dem wohl dichtesten Netz an markierten Wanderrouten. Dies hat mir neulich folgende Spielerei deutlich vor Augen geführt: Auf dem Kartenportal der Schweizerischen Eidgenossenschaft blendete ich die drei offiziellen Wanderweg-Kategorien ein und zog den Zoomregler auf Volltotale.

Die Schweiz der Zukunft: Ein riesiges Wanderparadies und zwischen Neuenburger-
und Genfersee die einzige Stadt mit 7½ Millionen Einwohnern.

Es zeigte sich mir ein Bild, als ob die Schweiz beinahe nur aus Wanderwegen (gelb), Bergwanderwegen (rot),  ein paar wenigen Alpinwanderwegen (blau) sowie Seen und Gletschern bestehen würde. Einzig in den Kantonen Freiburg und Waadt waren grössere Wegnetzlücken ersichtlich. Hier liesse sich eine verdichtete Schweiz mit einer einzigen Gross-Agglomeration, mit Industrie, Strassen, S-Bahn-Linien, einem einzigen Flughafen sowie einem gigantischen unterirdischen Biomassen-Kraftwerk realisieren. Die verhinderte Wandernation würde also räumlich zusammenrücken. Wir Deutschschweizer wüssten endlich, weshalb wir in der Schule Französisch lernen, die Romands, Ticinesi und Grischuns rumantschs natürlich auch. Die Mega-City mit dem klingenden Namen Begebaluchzü (eine aus einem freundeidgenössischen Kompromiss hervorgegangene Wortschöpfung aus den Städtenamen Bern, Genf, Basel, Lugano, Chur und rich) würde zu einem vierlandessprachigen Konglomerat und gleichzeitig zur neuen Landeshauptstadt. Der Trilingueisme mutierte mit der Zeit zum weltweit einmaligen und von der UNESCO zusätzlich gekrönten Kulturstandard.

Der Rest der Schweiz? Ein Wanderland in rot, weiss, gelb und blau! Und weil es die in der 7½-Millionen-Stadt lebende Bevölkerung Wochenende für Wochenende in die von Strassen, Eisenbahnen, Städten, Industriezonen und, und, und befreite Natur zieht, würde die Schweiz doch noch zu einer Wandernation. Endlich.