«Die Einsamkeit geht verloren». Ich möchte doch einmal erfahren, wieviel Quadratkilometer Einsamkeit eigentlich ein einzelner Mensch für sich beansprucht, damit er sich zufrieden gebe: Der Mensch hat 5 bis 6 Fuss Höhe und 1 bis 2 Fuss im Durchmesser; und dieser Knirps begehrt für seine Ferieneinsamkeit nicht etwa bloss, dass ihm auf seinen Spaziergängen niemand begegne, nein, er verlangt gleich ein paar Dutzend Gebirgsstöcke von je 4000 Metern Höhe und je zwanzig Stunden im Umkreis für sich allein. Ich begreife die Einsamkeit und liebe sie; ich kann sogar äussert lebhaft mitfühlen, dass es kein Genuss ist, sich mit den Ellenbogen stossen zu lassen oder auf Schritt und Tritt einem Mitmenschen auszuweichen. Allein was es mir schaden sollte, wenn ich auf der Walliser Seite der Jungfrau über das Eis kletternd, weiss, dass auf der Berner Seite, weit ausserhalb meines Horizontes, in einer Entfernung von zwei Tagereisen eine Partie von einigen hundert Passagieren im Dampfwagen hinauffährt, das begreif ich nicht. So weit das Auge reicht, keinen Menschen zu sehen, das ist schon eine ganz annehmbare Einsamkeit; die Forderung, es sollten keine vorhanden sein, so weit der Gedanke denkt, wird wohl etwas unbescheiden heissen dürfen. «Die blosse Vorstellung davon verleidet mir die Alpen.» Unter uns gesagt, das ist eine ziemlich griesgrämige Vorstellung. Es gibt ja unter den Menschen nicht bloss Engländer, es gibt auch ganz leidliche, ja sogar äusserst liebenswürdige Herren und Damen. Warum sich gleich das Schlimmste vorstellen? Und wenn denn einer so galligen Temperaments ist, dass er nicht einmal in Gedanken einen andern auf zwanzig Kilometer Entfernung dulden mag, so verkrieche er sich meinetwegen in eine Höhle des Finsteraarhorns. Zu verlangen, dass mit ihm die ganze Gebirgskette überlassen sollen, damit er sein Leberleiden darauf kuriere, das ist etwas viel. Und dann, ebenso gut wie ihn die blosse Vorstellung davon ärgert, dass eine fröhliche Vergnügungsbande mit der Eisenbahn lustig nach dem Jungfraugipfel kutschiert, könnte die Vergnügungsschar ihrerseits daran Anstoss nehmen, dass ein Brummbär auf dem Finsteraarhorn lungert, welchen die blosse Vorstellung eines Vergnügungszuges nach der Jungfrau schon ärgert. Sollen sich nun beide Teile gegenseitig von den Gipfeln hinunterärgern?
Wahrlich eine bizarre Feindseligkeit! Und ein kindischer Anlass! Der Kampf ums Dasein hat einen Sinn; denn wenn zwei nicht nebeneinander Platz finden, so stösst eben einer den andern von der Stelle; allein der Kampf ums Dortobensein, herbeigeführt durch die Anmassung, dass im Umkreis von zwölf Gletscherkegeln niemand anders sich aufhalten dürfe, ist einfach lächerlich. In diesem Krieg werden übrigens die Gebirgseremiten jämmerlich unterliegen; denn es ist in der Welt so eingerichtet, dass die Herde den Bock und nicht der Bock die Herde ausstösst. Mit der Einsamkeit ist es eben bestellt wie mit den übrigen Gütern; wenn viele Menschen der Einsamkeit teilhaftig werden wollen, so müssen sich eben alle in eine Teilung derselben fügen. Und das lässt sich ja über die Massen leicht bewerkstelligen. Welche Begriffe macht man sich denn eigentlich von den räumlichen Verhältnissen des Menschen zu den Bergen? In den einzigen Kanton Graubünden könnte man die Bevölkerung der ganzen Schweiz derart verteilen, dass jeder Einzelne nicht bloss Einsamkeit, sondern überdies noch ein gerütteltes Mass von tödlicher Langeweile erhielte.
Carl Spitteler (1845–1924) in der Neuen Zürcher Zeitung vom 12.1.1930
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