23. Juli 2022

«Indirettissima» ist da!

Reto Küng: Indirettissima, Edition
Wanderwerk, Burgistein, 2022
Inspiriert von der 1983 landesweit legendär gewordenen «Direttissima Schweiz» unternimmt Reto Küng fast 40 Jahre später eine ähnliche Reise: zu Fuss vom nordwestlichsten Zipfel des Kantons Waadt zur südöstlichsten Ecke des Bündnerlandes. Anders als seine Vorgänger sucht der Autor nicht den möglichst direkten Weg. Seine Absicht ist es vielmehr, bislang weniger begangene Gegenden von Jura, Mittelland und Alpen zu bewandern.

An 43 Tagen legt Küng weit über 900 Kilometer zurück. Begleitet vom Wetterglück durchstreift er fantastische Landschaften und fotografiert diese gekonnt. In seinem Erlebnisbericht erzählt er von Begegnungen mit Wildtieren, Beherbergern und mitunter gewalttätigen Einheimischen. Er berichtet aber auch von den Sorgen und Nöten des Fernwanderers, seinen Glücksmomenten und vielem mehr.

Der mit 140 meist grossformatigen Fotos reich bebilderte Band lädt dank einer Etappenübersicht sowie den zur Verfügung gestellten GPS-Tracks zum Nachwandern der wunderbaren Route ein.

Das Buch ist ab sofort in der Edition Wanderwerk erhältlich. Hier steht auch eine Leseprobe und ein kurzes Autorenporträt zur Verfügung.

22. Juli 2022

Im Land der grünen Ameisen

Sarah Murgatroyd: Im Land der grünen
Ameisen, Verlag das Beste, Stuttgart/Zürich/
Wien, 2004
Von seiner Entdeckung im Jahr 1770 an wehrte sich der australische Kontinent hartnäckig dagegen, seine Geheimnisse preiszugeben, und über sein «totes Herz» kursierten abschreckende Geschichten.

Um 1860 waren nicht mehr als zwei Drittel Australiens erforscht. Erst nachdem es in Victoria, der kleinsten Kolonie Australiens, reiche Goldfunde gegeben hatte, wurde der Ehrgeiz dieser Kolonie geweckt: Zum ersten Mal sollte der Kontinent von Süd nach Nord durchquert werden. Somit wurde in Melbourne ein Organisationskomitee gegründet, das eine geeignete Expeditionsmannschaft zusammenstellen sollte. Schliesslich war es soweit: Am 19. August 1860 brachen der exzentrische irische Polizist Robert O'Hara Burke und der bescheidene Landvermesser William John Wills mit einer Karawane von schwer beladenen Kamelen, Pferden, Planwagen und abenteuerlustigen Männern auf ins Unbekannte. Niemand wusste genau, was sie erwartete, und niemand ahnte, welch triumphales und zugleich tragisches Ende diese Expedition, die so glorreich begann, nehmen würde. (Klappentext)

19. Juli 2022

Wandern

Diverse Autoren: Wandern in Dichtung
und Farbaufnahmen, Verlag C.J. Bucher,
Luzern/Frankfurt a.M., 1981
Die Fussreise ist die älteste und unmittelbarste Art menschlicher Fortbewegung, naturgegebenes Mass erlebbarer Geschwindigkeit und der Wahrnehmung der weiteren Umgebung. Die Geheimnisse der Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und die von ihren Bewohnern über Generationen hinweg gestaltete Kulturlandschaft enthüllen sich uns in ihrem eigentlichen Wesen erst beim Wandern. Doch führt uns das nicht nur zur Neuentdeckung der Umwelt, sondern auch unseres Ichs. Diesen Weg der Selbstfindung kannten schon die antiken Denker; Jean-Jacques Rousseau pries ihn; und ihm folgten die Wanderburschen, die nach erlerntem Beruf ihren Platz, ihre Stellung in der Welt suchten.

Das Gehen ist in unserer Zivilisation nicht mehr massgebend. Umso bewusster suchen heute jedoch viele den Zugang zur Natur, zu Feld und Wald und Flur wie zum eigenen Körper. Zur Freizeitbeschäftigung geworden, bleibt dem Wandern immerhin die eine ursprüngliche Bedeutung: die Seele zu entkrampfen und die Gedanken zu läutern.
(Vorwort von Xaver Schnieper)

16. Juli 2022

Huber spannt aus

Martin Suter: Huber spannt aus,
Diogenes, Zürich, 2005
Business as usual, auch in Krisenzeiten: Von der Selbstbedienungsmentalität im Topmanagement. Von der enormen Anstrengung, einmal richtig auszuspannen. Vom Stylen der Personality. Von der Bereitschaft, sich sexuell belästigt zu fühlen. Von Managern im Lotussitz.

Martin Suters satirischer Karriere-Leitfaden, mittlerweile eine Institution und wohl das beste Mittel, um sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den Stress von der Seele zu lachen. (Klappentext)

6. Juli 2022

Sonnenwende

Katharina Hess: Sonnenwende, Terra
Grischuna, Chur + Bottmingen, 1992
Der Roman einer Frau, der Entwurf eines Lebens in sieben Bildern, auf 260 Seiten, lebendig und hautnah. Eine Frau von heute, eine Frau in den Gegensätzen unserer Zeit: verrückt und verhalten, engagiert und zurückgezogen, weltoffen und versponnen. Die Geschichte einer Liebenden und einer Einsamen, die Geschichte eines Lebens. Vielleicht der Roman, auf den die bisherigen literarischen Arbeiten von Katharina Hess angelegt waren. Graubünden und Italien sind die Schauplätze, gemeint aber ist die unausmessbare Seele dieser unvergleichbaren Frau, ihre Begeisterung, ihr Schmerz, ihr schrittweises Reifen, ihre Stille. (Klappentext)

GR: Fiktives Bündnerland, Fiktiver Ofenpass (Hauptschauplatz) I: Fiktives Valdidentro

3. Juli 2022

100% Jugendsprache

Diverse: 100% Jugendsprache 2016,
Langenscheidt, München
Bist du'n Alpha-Kevin, voll die Antikompetenz oder doch mega bambus? Einwegtussi oder Tinderella? Omni oder Swaggetarier? Dann wirst du dieses Wörterbuch krass feiern. Hier gibt's Enterbrainment, bei dem auch die Fliegenficker steil gehen.

Also bloss nicht merkeln! Gönn dir über 600 Wörter und Ausdrücke, die Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit #geilon getaggt haben. No shit, Sherlock – suchten inklusive! In 100% Jugendsprache 2016 gibt's Augenkrebs von stabil vielen neuen Wörtern und Sonderthemen. Auch die Übersetzung ist upgedated.

Vintage und Newtage Style: Nur Jugendslang kommt ins Jugendwörterbuch. Wenn keine Übersetzung angegeben ist, gibt es keine. Gerafft? Leider geil: Das Buch 100% Jugendsprache 2016 enthält nur eure Wörter. Seit der letzten Ausgabe habt ihr über jugendwort.de, unsere Facebook-Seite und per Mail neue Begriffe eingereicht. Nice! Und klar: Einige der Ausdrücke werden nur regional, andere deutschlandweit und darüber hinaus benutzt. Nicht alle haben überall den Swag, manche nur in bestimmten Regionen.

Also, sei kein Party Pooper und tagg deine Facebook-Freunde mit #jugendwort, du Smombie! Okö?

tlidr? Wayne!

Have fun!

(Aus dem Vorwort)

Moors Fazit: Selten so oft und herzhaft gelacht! Der sprachschöpferischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und genau dies macht Sprache derart faszinierend.

30. Juni 2022

Sterben

Karl Ove Knausgård: Sterben, btb
München, 2013
Das eigene Leben offen, schonungslos und radikal zum Gegenstand des Schreibens zu machen – dies ist das Konzept, zu dem sich Karl Ove Knausgård in einem furiosen Mammutprojekt entschlossen hat. Radikal ehrlich und mit unglaublicher sprachlicher Kraft nähert er sich in «Sterben», dem ersten Roman einer sechsbändigen Serie, seinem schwierigen Verhältnis zum Vater, das ihn grundlegend geprägt hat. Als dieser stirbt und er sich mit seinem Bruder daran macht, den Nachlass zu ordnen, bietet sich beiden ein Bild des Grauens. So sehr hat dieser Vater einen Schatten auf das Leben der Brüder geworfen, dass sie den Bestatter bitten, die Leiche sehen zu dürfen. Erst dann, so sind sich beide einig, werden sie glauben können, dass er wirklich tot ist. Der Sog, der von Knausgårds direkter Art des Erzählens ausgeht, macht seinen Roman zu einer faszinierenden und erschütternden Lektüre. Gerade weil er so radikal persönlich schreibt, gewinnt sein Text eine schmerzliche Allgemeingültigkeit. (Inhaltsangabe zum Buch)

N: Kristiansand (Hauptschauplatz), Bergen, Stavanger, Oslo S: Stockholm

Moors Fazit: Knausgårds Geschichte macht spätestens nach den ersten 20 Seiten süchtig. Schön zu wissen, dass die restlichen fünf Bände dieses gross angelegten Schreibprojektes in meiner Bibliothek lagern und geduldig auf den Süchtigen warten. Ein dickes Lob geht auch an Paul Berf, der den Text aus dem Norwegischen hervorragend ins Deutsche übersetzt hat.

26. Juni 2022

Kater (43), 1.80 m, sucht …

Fatima Vidal: Kater (43), 1.80 m, sucht …,
Vidal Verlag, Winterthur, 2015
Ausgerechnet sie, die nichts mehr von der Liebe wissen will, soll einen Onlinekurs für Singles testen – Flirtübungen inklusive. Leonie Löv ist richtig gefordert. Ella, ihre beste Freundin, die gleichzeitig Stellenvermittlerin ist, hilft Leonie, Jobs zu finden. Die Auswahl (Hundesitterin, Testerin, Weihnachtsengel) ist alles andere als berauschend. Eusebius Löv, Leonies Vater, hat neuerdings andere Interessen und lässt seine Tochter links liegen. Yasmina Roth, Sachbuchautorin und Kupplerin der Nation, leitet diesen Kurs für Singles, der bei manch einer Leserin mächtige Aha-Erlebnisse auslösen wird. (Klappentext)

23. Juni 2022

Losgehen, um anzukommen

Diverse: Losgehen, um anzukommen,
Piper, München 2008
«Ich bin dann mal weg!» Viel mehr hatte Hape Kerkeling zum Abschied eigentlich nicht gesagt, als er zu seinem Fussmarsch auf dem Jakobsweg aufbrach. Mit elf Kilo im Gepäck, einem neuen Paar Wanderschuhen und einem Ziel vor sich, das 800 Kilometer entfernt lag und ihn verändern sollte. Und mit dem er an eine jahrhundertealte Tradition anknüpft, die doch heutzutage lebendiger als je zuvor ist. Schon im Mittelalter gab es solche spirituell motivierten Reisen zu wichtigen Stätten des Glaubens in Jerusalem , Rom oder Nordspanien; heute ziehen Wallfahrtsziele wie Santiago de Compostela, Altötting, Mariazell, Fatima oder Lourdes jedes Jahr Hunderttausende Gläubige an.

In diesem Buch ist eine Auswahl der schönsten historischen wie modernen Pilgerberichte versammelt – von Geoffrey Chaucer oder Robert Louis Stevenson bis Bettina Selby und Shirley Maclaine, Brigitte Riebe oder Carmen Rohrbach. Eindrucksvoll spiegeln sie die Intensität der körperlichen, vor allem aber der seelischen Erfahrungen beim Pilgern.

18. Juni 2022

Stille Nacht

Alexander Rieckhoff, Stefan Ummenhofer:
Stille Nacht, Piper, München, 2012
Die Schwarzwaldbahn kämpft sich durch das dichte Schneetreiben zwischen Triberg und St. Georgen. Unter den Fahrgästen sind auch Oberstudienrat Hubertus Hummel, ErmittIer wider Willen, und sein Freund, der Journalist Klaus Riesle. Auf einmal wird die Zugfahrt jäh gestoppt: Und ausgerechnet Riesle findet den Vorstandsvorsitzenden der Schwenninger Bären-Brauerei ermordet auf. Hat die Tat etwas mit der drohenden Übernahme der Brauerei zu tun? Beim Weltcup-Skispringen in Neustadt hoffen die Freizeitdetektive auf die Lösung des Falles und den Erfolg der Schwarzwald-Adler. Es gibt viel zu ermitteln für den neugierigen Lehrer, der eigentlich bis zur «Stillen Nacht» sein zerbrochenes privates Glück mit Ehefrau Elke wiederherstellen will. Doch dann geschieht ein zweiter Mord – und auch Hummel ist in Gefahr … (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Villingen-Schwenningen, Titisee-Neustadt, Offenburg, Donaueschingen, Tannenbronn, Schwarzwaldbahn

10. Juni 2022

Die Apothekerin

Ingrid Noll: Die Apothekerin, Diogenes,
Zürich, 1994
Hella Moormann liegt in der Heidelberger Frauenklinik – mit Rosemarie Hirte als Bettnachbarin. Um sich die Zeit zu vertreiben, vertraut Hella der Zimmergenossin die abenteuerlichsten Geheimnisse an. Von Beruf Apothekerin, leidet sie unter ihrem Retter- und Muttertrieb, der daran schuld ist, dass sie immer wieder an die falschen Männer gerät – und in die abenteuerlichsten Situationen: eine Erbschaft, die es in sich hat, Rauschgift, ein gefährliches künstliches Gebiss, ein leichtlebiger Student und ein Kind von mehreren Vätern sind mit von der Partie. Und nicht zu vergessen Rosemarie Hirte in der Rolle einer unberechenbaren Beichtmutter
… (Klappentext)

5. Juni 2022

Gourrama

Friedrich Glauser: Gourrama, ex Libris,
Zürich, 1977
Friedrich Glauser führte ein abenteuerliches Aussenseiterleben; das spürt man allen seinen Romanen und Erzählungen an, denn nichts Provinzielles haftet ihnen an, obschon in ihnen Menschen und Zustände in der Schweiz genau gezeichnet sind. Erst bei der Lektüre seiner biographischen Schriften erleben wir jedoch unmittelbar, was für ein gefährliches und hartes Leben am Rande oder ausserhalb der Gesellschaft Glauser geführt hat. Dank seinem autobiographischen Fragment «Mensch im Zwielicht» verstehen wir, warum es ihn aus dem bürgerlichen Leben hinausgeworfen hat. Er erzählt von seinem zwiespältigen Verhältnis zum starren, äusserst strengen Vater, vom frühen Tod seiner Mutter und den Erfahrungen, die er während seiner psychoanalytischen Behandlungen gemacht hat.

In zwei Geschichten unter dem Titel «Im Dunkel» erzählt er, was er in der Zeit nach der Fremdenlegion als Casserolier in Paris und darnach als Arbeiter in den belgischen Gruben und als Krankenwärter in Charleroi erlebt hat. Den Legionsroman «Gourrama», eines seiner lebendigsten Hauptwerke, schrieb Glauser 1928 und 1929, also sechs Jahre, nachdem er aus der Fremdenlegion zurückgekehrt war. Umso erstaunlicher ist es, dass der Roman atmosphärisch so dicht wirkt, als hätte ihn Glauser als Tagebuch geschrieben. Allerdings zeugt das Hauptthema davon, dass der Autor aus Distanz erzählt. Er schildert, wie der Herausgeber Hugo Leber schreibt, «die Flucht in einen Ort, wo es eine Flucht vor sich selber nicht mehr gab». 

Ein junger Schweizer erlebt im Lager der Legionäre sich selbst. Er ist umgeben von gescheiterten Existenzen, die sich gegenseitig vorgaukeln, was für eine filmromantische Vergangenheit sie hätten. Man kennt sich; jeder weiss, dass der andere lügt. Man hat Sehnsucht nach Zärtlichkeit und befriedigt wie unter sich auf rührend dürftige Art. Glausers Roman ist voll von echten Details; darum und wegen der Kunst der Charakterisierung und wegen der Sprachkraft ist er so spannend und mitreissend. (Klappentext)

1. Juni 2022

Reisen im Licht der Sterne

Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne,
btb, München, 2007
Wer kennt sie nicht, die berühmteste Insel der Weltliteratur: die «Schatzinsel». Aber gibt es die legendäre Pirateninsel wirklich? Diese Frage bewegt bis heute Generationen von Lesern und Heerscharen von Schatzsuchern. Doch sie alle haben am falschen Platz gesucht. Davon ist Alex Capus überzeugt. Voller Verve erzählt der Schweizer Autor die Geschichte der «Schatzinsel» und ihres Autors Robert Louis Stevenson neu. Mit der Begeisterung eines Schatzsuchers und der Kombinationsgabe eines Forschers erkundet Capus Stevensons Leben. Er verknüpft Legende und Wahrheit um die Insel der Piratenschätze, zeigt Stevenson als Abkömmling eines schottischen Clans und als schwerkranken Südsee-Forscher, der geheimnisvolle «Reisen im Licht der Sterne» unternimmt. Und er bietet eine ebenso verblüffende wie einleuchtende Erklärung für die ewigen Misserfolge der Schatzsucher: Der Schatz ist einfach nicht da, wo alle suchten. Er ist ganz woanders - und Stevenson wusste, wo ...
(Klappentext)

Moors Fazit: Ein wunderbares Buch!

27. Mai 2022

Abschied von Sidonie

Erich Hackl: Abschied von Sidonie,
Diogenes, Zürich, 1991
Diese fiktionale wahre Geschichte, die in den 1930er Jahren in Österreich spielt, betrifft ein verlassenes Baby, das die Behörden wegen seiner Färbung als Zigeuner betrachten. Sidonie Adlersburg wird von einem Paar aufgenommen, das sie bis 1943 liebevoll als ihr eigenes aufzieht, als sie im Alter von 10 Jahren gewaltsam von ihnen getrennt, zu ihrer leiblichen Mutter zurückgekehrt und in ein Konzentrationslager gebracht wird, wo sie stirbt. In einem nachdenklichen letzten Kapitel stellt der Autor fest, dass jeder – von Sidonies Schulleiter über ihre Sozialarbeiterin bis hin zum Bürgermeister des Dorfes – ihren Tod durch ein paar einfache Worte hätte verhindern können, die keinen lauten Alarm ausgelöst hätten. Stattdessen starb ein kleines Mädchen vor ihrer Zeit. Eine kurze, aber bewegende Mischung aus Fakten und Fiktion.

A: Steyr und Umgebung, Hopfengarten

19. Mai 2022

Korea

Simon Winchester: Korea, btb, München,
2006
Wie reist man durch ein so fremdes Land wie Südkorea? Simon Winchester möchte das «echte» Südkorea erleben, also entschliesst er sich, zwei Monate lang zu Fuss das «Land der Wunder» zu durchqueren. Auf seiner Reise trifft Winchester amerikanische Soldaten und irische Mönche, koreanische Amazonen und auf Flitterwochen spezialisierte Hotelbesitzer, er bekommt es mit professionellen Heiratsvermittlern, deftigen Hundegerichten und konfuzianischen Lebensritualen zu tun. Winchester lernt dieses Land lieben – gerne hätte er einfach nur von der Schönheit Koreas geschrieben. Doch ist gerade die Zeit seiner Reise, das Jahr 1987, «die bewegteste, faszinierendste und historisch vielleicht bedeutsamste Zeit in der Geschichte des modernen Korea». Es ist die Zeit, als das politische System Koreas in Bewegung gerät. Und so wird Winchesters Marsch auch zu einer hautnahen Begegnung mit den politischen Konflikten des Landes: Er berichtet von den massiven Unruhen und politischen Protesten, die durch das autoritäre Regime ausgelöst werden und zur allmählichen Einführung demokratischerer Strukturen beitragen. (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Ein durch und durch aufschlussreicher Reisebericht, der sich in erster Linie – und das ist gut so – mit dem Land Korea und vieler seiner oft unglaublichen Facetten befasst, und der Fussmarsch erzählerisch lediglich als «Vehikel» und roter Faden dient. Wer mehr über ein Land erfahren möchte, von dem wir hier im Westen nur wenig wissen, hole sich den Winchester und tauche ein in diese unsinnigerweise geteilte Halbinsel Asiens.

8. Mai 2022

Die Geschichte von Herrn Sommer

Patrick Süskind: Die Geschichte von Herrn
Sommer, Diogenes, Zürich, 1994
«Zu der Zeit, als ich noch auf Bäume kletterte, lebte in unserem Dorf, keine zwei Kilometer von unserem Haus entfernt, ein Mann mit Namen ‹Herr Sommer›. Kein Mensch wusste, wie Herr Sommer mit Vornamen hiess, und kein Mensch wusste auch, ob Herr Sommer einem Beruf nachging. Man wusste nur, dass Frau Sommer einen Beruf ausübte, und zwar den Beruf der Puppenmacherin. Obwohl man über die Sommers und insbesondere über Herrn Sommer so gut wie nichts wusste, kann man doch mit Fug und Recht behaupten, dass es im Umkreis von mindestens sechzig Kilometern um den See herum keinen Menschen gab, Mann, Frau oder Kind – ja nicht einmal einen Hund –, der Herrn Sommer nicht gekannt hätte, denn Herr Sommer war ständig unterwegs. Es mochte schneien oder hageln, es mochte stürmen oder wie aus Kübeln giessen, die Sonne mochte brennen, ein Orkan im Anzug sein, Herr Sommer war auf Wanderschaft.»

Herr Sommer läuft stumm, im Tempo eines Gehetzten, mit seinem leeren Rucksack und dem langen, merkwürdigen Spazierstock von Dorf zu Dorf, geistert durch die Landschaft und durch die Tag- und Alpträume eines kleinen Jungen. Erst als der kleine Junge schon nicht mehr auf Bäume klettert, entschwindet der geheimnisvolle Herr Sommer. (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Süddeutschland

Moors Fazit: Eine wunderbar erzählte, mitunter witzig-komische Novelle, die ich mit Hochgenuss gelesen habe. Passend dazu die Aquarellbilder von Sempé. Das Bändchen wird einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek einnehmen.

4. Mai 2022

Ein Flecken Erde

Arthur Honegger: Ein Flecken Erde,
Huber, Frauenfeld, 1984
In seinem Roman «Ein Flecken Erde» erzählt Honegger das wechselvolle Schicksal einer Bauernfamilie zwischen den beiden Weltkriegen. Für wenig Geld hat ein Bauer aus dem Bernbiet einen verganteten Hof in der Ostschweiz erworben. Dies ist der Ausgangspunkt einer an Schicksalen reichen Familiengeschichte. Aufstieg und Niedergang, Tradition und neuer Geist bestimmen die hart ausgetragenen Konflikte dieser verzweigten, teilweise in die Stadt abgewanderten Familie. Ein Roman mit dem Honegger erneut zu seiner wesentlichen Thematik zurückgefunden hat. (Klappentext)

BE: Blumenstein, Goldiwil, Herzogenbuchsee, Krattigen ZH: Zürcher Oberland (Pfäffikon, Illnau, Seegräben, Uster) SZ: March, Lachen

1. Mai 2022

Mein Studium ferner Welten

Alex Capus: Mein Studium ferner Welten,
dtv, München, 2003
Im Zentrum dieser raffiniert ineinander verwobenen Geschichten steht Max Mohn, der widerwillig Karriere beim Fernsehen macht. Da ist aber auch seine Ehefrau Ingrid, in die er schon als Dreizehnjähriger verliebt war und die er dennoch verlieren wird; der dauerschlafende Grossvater, der sich aus Trotz und Geiz zu sterben weigert; Johnny Türler, der gescheiterte Abenteurer, der in der väterlichen Konditorei Pralinen verkauft; Kellner René, der im leeren Bahnhofsrestaurant ausharrt und in einem karierten Schulheft ein Archiv menschlichen Leidens führt. Die Bühne ist eine ganz gewöhnliche Kleinstadt, in der jeder Akteur den anderen kennt, in der man sich liebt und hasst und lebenslang nicht voneinander loskommt. Da gibt es zornige Mädchen, fitnesswütige Seniorinnen, Sektierer und Anpasser, Selbstmörder, Schurken und Schwätzer, Schelme, Säufer und landlose Bauern. Alex Capus erzählt von den harmlosen und den schlimmen Querschüssen des Lebens, von den Launen und den Hakenschlägen des Glücks – mit gerechtem Zorn und ebensoviel Witz.

28. April 2022

160 cm vs. 2363 km

Christina Ragettli: Von Wegen, Arisverlag,
Embrach, 2022
Christina Ragettli war beruflich am Anschlag, als sie beschloss, sich eine Auszeit zu nehmen. Zuerst spielte die 1992 geborene Bündnerin mit dem Gedanken, den ultralangen Pacific Crest Trail im Westen der USA zu wandern. Dann aber führten verschiedene Überlegungen zur Einsicht, die deutlich kürzere, aber nicht weniger anspruchsvolle «rote» Via Alpina unter die Füsse zu nehmen. Dieser Weitwanderweg führt von Triest durch den gesamten Alpenbogen bis nach Monaco.

Geplant war, im Frühjahr 2020 in Monaco zu starten, um nach rund vier Monaten in Triest anzukommen. Doch dann machte die Corona-Pandemie Ragettlis Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Die junge Frau aus Flims liess sich indes nicht entmutigen und disponierte kurzerhand um. Darauf hoffend, dass die Nachbarländer ihre Einreiserestriktionen mit der Zeit wieder lockern würden, startete Ragettli im Unterwallis in Richtung Triest, wo sie einige Wochen später tatsächlich das Adriatische Meer erreichte. Den Abschnitt vom Unterwallis nach Monaco nahm sie wenige Tage nach ihrer Rückkehr in die Schweiz in Angriff und hielt bis zum Mittelmeer durch. Die insgesamt 2363 Kilometer lange Route bewältigt Ragettli in 100 Wandertagen.

Kürzlich sind nun die Erlebnisse der Fernwanderin in Buchform erschienen. Die Autorin erzählt darin unter anderem, wie es sich anfühlt, als Frau meist alleine unterwegs zu sein und mit dem Zelt in den Alpen wild zu campieren. Christina Ragettli berichtet ausführlich über ihre mentalen und physischen Hochs und Tiefs, gibt zu Protokoll, wann sie wo Handy-Empfang hat und mit wem sie über welche Themen telefonisch debattiert. Der Leserschaft wird auch nicht vorenthalten, wann was gegessen wird, und seien es bloss vegane Gummibärchen oder ein erfrischendes Eis. Selbstverständlich sorgt auch das Wetter für permanenten Schreibstoff. Als Leser gewinnt man hierbei den Eindruck, die tapfere Berglerin habe für ihr Projekt einen ausnehmend schlechten Sommer erwischt, und man leidet förmlich mit, wenn sie sich tagelang im Dauerregen über die Pässe quält. Die Ragettlis seien zäh und ausdauernd, beschreibt Christina Ragettli sich und ihre Familie. Deshalb lässt sich die Wanderin auch nicht von gesundheitlichem Ungemach wie Schulter-, Bauch- und Kopfschmerzen, Blasen, Kapillarblutungen, Sonnenbrand, Schrammen und dergleichen mehr entmutigen.

So abenteuerlich das Erlebte ist und so bemerkenswert die vollbrachte Leistung ausfällt, Christina Ragettlis Bericht lässt leider einiges zu wünschen übrig. So erfahren Leserin und Leser herzlich wenig über die Besonderheiten der durchwanderten Gegend. Ein wenig mehr Recherche wäre deshalb angebracht gewesen. Dafür hätte getrost auf zahlreiche Bemerkungen über Gegessenes und andere Belanglosigkeiten wie WiFi-Empfang, Name-Dropping etc. verzichtet werden können. Als enttäuschend zu betrachten ist das Lektorat/Korrektorat. So sind zum Beispiel etliche Ortsbezeichnungen falsch geschrieben. Auch stilistisch treibt Ragettlis Text immer wieder Blüten, die ein Lektorat/Korrektorat nicht hätten kalt lassen sollen. So zum Beispiel auf der Seite 113: «Nach einer Regennacht auf dem Campingplatz überqueren wir unterirdisch die Brenner-Autobahn ...»

26. April 2022

In Liebe, Agnes

Håkan Nesser: In Liebe, Agnes, btb,
München, 2006

Ein Dreiecksverhältnis, das tödlich endet: Agnes und Henny sind alte Schulfreundinnen, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Auf der Beerdigung von Agnes Mann treffen sie sich wieder. Zögerlich beginnen sie sich erneut anzunähern, schreiben sich zunächst Briefe, vertrauen sich alte Geheimnisse an. Schritt für Schritt nähern sie sich dabei einem gefährlichen Komplott, detailversessen planen sie einen heimtückischen Mord! Doch eine von beiden spielt falsch … (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Ich lese selten ein Buch in einem Tag durch. Dieses hier bildet eine der wenigen Ausnahmen.