9. Juni 2017

Nordetter

In diesem Blog war schon mehrmals von meinem Vorhaben die Rede, zu Fuss vom Bernbiet an die Nordspitze Norwegens zu wandern. Im Frühjahr 2016 machte ich den Anfang und legte die ersten sieben Etappen von Burgistein nach Basel zurück. Für heuer ist nun die Fortsetzung geplant. Vom Rheinknie folge ich dem sogenannten Westweg durch den Schwarzwald Richtung Pforzheim. Im Gegensatz zum Schweizer Abschnitt, wo ich nur tageweise unterwegs war, werde ich nun mit dem Zelt durch die Wälder und Wiesen Deutschlands streifen. Hierbei wird sich zeigen, ob sich die in weiten Teilen als ultraleicht zu bezeichnende Ausrüstung bewährt.

Über mein Langzeitprojekt berichte ich inskünftig in diesem Blog. Nebst den zurückgelegten Etappen, die ich mit Minimaltext und Fotos dokumentiere, ist auch die Ausrüstung ein Thema. Wer rund 5000 km möglichst autark reisen möchte, für den spielt das Material mitunter eine entscheidende Rolle. Eine Etappenübersicht findet sich zudem auf der separaten Seite Nordetter.

Ming Tangs Moxibustion

Das Autobahndreieck in Härkingen lässt Lärmenthusiasten frohlocken.

Insgesamt vier Gemeinden gilt es im Kanton Solothurn noch zu begehen. Zwei davon, Egerkingen und Härkingen, stehen heute auf dem Wandermenü. Ich gehe von Oensingen nach Murgenthal, 17 Kilometer und 300 Meter. Auf drei Vierteln der Wegstrecke begleitet mich das Grundrauschen der Autobahn A1. Eine akustische Umweltverpestung, an die du dich als Anwohner dies- und jenseits der Strasse gewöhnen musst, ansonsten bist du hier völlig fehl am Platz.

Obschon die Gegend wegen der Autobahn durchtränkt ist mit Logistik-Zentren und Industriebetrieben, warten die alten Dorfkerne von Oberbuchsiten, Egerkingen und Härkingen mit kleinen Schmuckstücken auf. Die Ortschaften wirken gepflegt und alles andere als dem omnipräsenten Grundrauschen erlegen. Wie der Fuchs, so ist auch der Mensch ein Kulturflüchter, weiss sich also mit der Umwelt und ihren Widerwärtigkeiten zu arrangieren. Und sollte dies einmal nicht der Fall sein, dann sind ja da noch die Heilungs- und Therapieangebote unterschiedlicher Ausprägung vorhanden. In Oensingen zum Beispiel wirbt Ming Tang von einem Balkon herab mit Akupunktur, Schröpfen, Massage, Kräutertherapie und Moxibustion. Moxibustion? Nie gehört. Zu Hause angelangt, google ich den Begriff. Ich hoffe, nie in den «Genuss» dieser Heilmethode kommen zu müssen.

Sodele. Was mir in kommunaler Hinsicht im Solothurnischen noch bleibt sind Obergösgen und Däniken. AKW, ich komme!

Der schön gestaltete Dorfplatz in Oberbuchsiten (SO) mit dem Restaurant Chutz und der Pfarrkirche.

Pfarrkirche von Egerkingen (SO).

Hübsch reatauriertes Fachwerkgebäude in Härkingen.

7. Juni 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 3

Heute widme ich mich einem weiteren wichtigen Thema: der Bekleidung. Auch hier lässt sich natürlich ein gewisses Etwas an Gewicht sparen. Das grösste Potenzial orte ich hier im Weglassen von zu viel Ersatzkleidern. Dies bedingt indes, dass die einzelnen Kleidungsstücke öfters gewaschen werden müssen. Hierbei sind schnell trocknende Teile gefragt. Selbstverständlich hängt die Wahl auch von der Jahreszeit und der zu bewandernden Gegend ab. Nachfolgend also meine Packliste für den südlichen Teil Deutschlands, den ich im Sommer begehen werde.


Die Jacke – Marmot Essence Jacket
Diese atmungsaktive und sehr spartanisch ausgestattete Regen- und Windjacke wiegt lediglich 205 g (Grösse XL) und lässt sich sehr klein zusammenpacken. Bin gespannt, wie sich das Teil bei länger anhaltendem Regen bewährt. Gut gefällt mir der Schnitt, die Kapuze sowie die einzige Tasche auf Brusthöhe. Für den Drei-Saison-Gebrauch benötigt eine Trekkingjacke meiner Meinung nach keine weiteren Taschen. Mit anderen Worten: Marmot hat es verstanden, das Reduce-to-the-Max-Prinzip perfekt umzusetzen.


Der Fleece – Lowe Fleece Pullover Polartec 100
Es braucht nicht immer etwas Neues, um Gewicht sparen zu können. Mein mittlerweile 25 Jahre alter Fleece-Pullover hat schon einiges mitgemacht, ist aber noch so gut im Schuss, dass er es verdient hat, mit auf die Reise zu kommen. Gewicht der grauen Maus: 315 g.

Das Hemd – R'adys Dry Checkered Shirt
Das von der Bieler Firma entwickelte Kurzarmhemd habe ich nun seit zwei Jahren im Einsatz und bin sehr zufrieden damit. Modisch geschnitten, schnell trocknend und absolut knitterfrei. Was will Mann mehr? Gewicht (des Hemdes): 220 g.


Das T-Shirt – Montbell Wickron T-Shirt
Gibt es etwas Robusteres als das synthetische Wickron T-Shirt von Montbell? Seit über 22 Jahren steht dieses funktionelle Unterteil im Sommerhalbjahr im Einsatz und ist nicht kaputt zu kriegen. Unterwegs muss es alle drei Tage gewaschen werden, was bei dem schnell trocknenden Material kein Problem darstellt. Nimmt mich wunder, wie lange das Shirt noch hält. Gewicht: 135 g.


Das Langarm-Shirt – Icebreaker Sphere LS Crewe
Dieses funktionelle Langarm-Shirt rundet mein Bekleidungskonzept für den Oberkörper ab. Ich habe bislang noch keine Erfahrung mit den viel gelobten Icebreaker-Produkten gemacht. Die aus Merinowolle gefertigten Kleidungsstücke sollen angenehm zu tragen, schnell trocknend und weniger stinkend als vergleichbare Produkte sein. Mal schauen. Gewicht: 220 g.

Ausser einem gewöhnlichen Zusatz-Unterhemd aus Baumwolle, das ich während des Aufenthaltes im Camp tragen werde, gibt es keine weiteren Kleidungsstücke für den Oberkörperbereich. Der Vorteil all dieser Teile ist, dass sie direkt auf der Haut getragen oder, im Fall des Icebreaker-Shirts und des R'adys Kurzarmshirts als zweite Schicht benutzt werden können. Bei warmem Wetter werde ich kurzärmelig gehen und das Icebreaker in der Nacht zum Schlafen anziehen. Sollte es kälter sein, nehme ich das Wickron als Base Layer und ziehe darüber das Icebreaker an. Wird es sehr heiss, reicht das Wickron.

Gehen wir zum unteren Körperbereich über. Eine Baumwoll-Unterhose und zusätzlich eine in Reserve reichen. Dazu kommen:



Die Hose – IcePeak Zipp off Trekkinghose
Dies Hose besteht aus 90% Polyester und 10 % Elastan, ist angenehm zu tragen, schnell trocknend und für meine Proportionen gut geschnitten. Sollte es wirklich heiss werden, lassen sich, wie der Name sagt, die unteren Beinteile mit dem Reissverschluss abkoppeln. Zur Not dienen die Shorts auch als Badehose. Gewicht: 320 g.


Die Regenhose – R'adys R 3 X-Light Tech Pants
Diese leichte, kleine und atmungsaktive Regenhose lässt sich klein verpacken. Genau das Richtige für mein Vorhaben. Natürlich hoffe ich, die Hose nie in Gebrauch nehmen zu müssen, was spätestens in Norwegen vermutlich eher unwahrscheinlich sein wird. Gewicht: 300 g.



Die Socken – CAT Real Work Socks
So wichtig gut sitzende, griffige und robuste Schuhe sind, wo wichtig sind auch die passenden Socken. Wer Problemfüsse hat, kann davon ein Liedchen singen. Meine Treter gehören zum Glück nicht dazu, weshalb ich mit vergleichsweise billigen Socken sehr gut zu Gange komme. Seit einiger Zeit trage ich die Socken des Baggerherstellers Caterpillar (CAT). Das Preis-/Leistungsverhältnis scheint mir unschlagbar, weshalb ich das Produkt gerne weiterempfehle. Mit von der Partie sind lediglich zwei Paar; eines am Fuss und eines als Ersatz im Rucksack. Gewicht: 65 g pro Paar.


Die Wanderschuhe – La Sportiva Karakorum Trek GTX
Für das deutsche Mittelgebirge und für Norwegen werde ich mit dem Karakorum Trek GTX des italienischen Herstellers La Sportiva unterwegs sein. Für die flacheren Gegenden überlege ich mir, ob es eventuell sinnvoller wäre, mit einem Trekking-Halbschuh zu gehen, da diese etwa die Hälfte des oben abgebildeten Modells wiegen. Mit dem Karakorum Trek GTX bin ich nun schon seit 2½ Jahren wandernd unterwegs und schätze seine gute Passform, das praktische Schnürsystem und den sehr guten Griff der Sohle. Im Schuh ist eine GoreTex-Membrane verarbeitet, die ihre Funktionstüchtigkeit bisher einwandfrei unter Beweis gestellt hat. Gewicht: 1760 g pro Paar.



Die Ersatzschuhe – Aqua Sphere Beachwalker
Ich habe sehr lange hin und her überlegt, ob ich einen zweiten Schuh mitnehmen soll, und wenn ja, welchen. Schliesslich habe ich mich in letzter Minute für einen Badeschuh entschieden, den ich primär abends im Camp tragen werde. Folgende Überlegungen waren ausschlaggebend, die zusätzlichen 380 Gramm in Kauf zu nehmen: Meine Füsse werden während der Wanderung sieben bis 10 Stunden in den Wanderschuhen stecken. Sowohl Schuh und Füsse haben es verdient, entlastet und befreit zu werden. Der Beachwalker verfügt über eine ziemlich robuste und griffige Sohle. Sollte ich einmal Probleme mit den Füssen haben, lässt es sich in diesen Schuhen über eine gewisse Strecke auch gehen. Das aus Neoprene bestehende Obermaterial trocknet relativ schnell und ist angenehm zu tragen. Ich habe den Schuh extra eine Nummer zu gross gewählt. Sollte es abends kühler werden, kann ich darin auch Socken tragen. Falls ich einmal einen Ruhetag einlegen oder in einer festen Unterkunft übernachten wollen, lässt sich der Schuh problemlos den ganzen Tag über tragen, wenn es sein muss auch in Städten. Und falls sich der lediglich 23 Franken teure Schuh tatsächlich bewährt, dürfte er in Norwegen auch zum Durchqueren von Flüssen dienen.



Der Sonnenhut – Chaskee Cap
Der 40 Gramm leichte Cap ist mit einem Schild aus Neoprene ausgestattet. Der Hut wird mir, zusammen mit der Kapuze der Regenjacke als Kopfbedeckung bei Regen dienen, da ich bewusst auf die Mitnahme eines eigentlichen Regenhutes verzichte.







5. Juni 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 2

Meine Wanderung in den hohen Norden bedingt eine leichte und dennoch zweckmässige Ausrüstung. Das grösste Potenzial betreffend Gewichtsreduktion besitzen diese vier Gegenstände: Zelt, Schlafsack, Liegematte und Rucksack. Ich habe mich für den Gebrauch folgender Produkte entschieden:

Das Zelt – Nordisk Lofoten 2 UL



Leichter und kleiner im Packmass für ein Doppelwandzelt geht aktuell kaum mehr. Der Hersteller spricht von einem Normalgewicht von 570 g, was leider nicht ganz stimmt. Meine Version wiegt 650 g, was natürlich immer noch ganz akzeptabel ist. Hinzu kommt dann noch die Zeltunterlage mit einem Gewicht von 200 g. Da ich diese noch nicht habe beschaffen können, werde ich jenes des Fly Creek 1 UL von Big Agnes verwenden. Der Vorteil: Es wiegt nur 150 g!

Die in Dänemark entwickelte und in China gefertigte Behausung, ist hervorragend verarbeitet und weist viele durchdachte Details auf. Alleine der Packsack ist etwas vom Feinsten, das ich bislang gesehen habe. Die zwei benötigten Zeltstangen bestehen aus sehr kurzen Elementen, so dass sie das Packmass kaum unnötig vergrössern. Die mitgelieferten Standardheringe sind leicht und sehr robust. Den Vogel schiessen hingegen die sogenannten «Tooth Pegs» ab. Sie haben das Gewicht von Zahnstochern und sehen auch ein wenig so aus. Mein erster Test hat indes die Tauglichkeit dieser Baby-Heringe bereits unter Beweis gestellt. Ein weiteres Glanzlicht ist der seitliche Eingangsteil, der mittels dritter Stange (ich werde sie zu Hause lassen und den zusammengeschobenen Trekkingstock verwenden) angehoben werden kann. Somit entsteht, wie auf dem Bild ersichtlich, ein kleines Vordach, das es erlaubt, bei Regen (ohne Wind) im Zelt zu liegen und draussen der Laune der Natur zuzuschauen. Romantisch! Ich bin gespannt, wie sich das Lofoten auf die Dauer bewähren wird. Das Innere ist ja nicht gerade eine Turnhalle, dennoch habe ich bislang genügend Platz gefunden und mich sehr wohl gefühlt.

Der Schlafsack – Yeti Passion Three L




Gerne hätte ich einen ultraleichten Kunstfaserschlafsack mitgenommen. Wirklich ultraleicht sind jedoch einzig Daunenschlafsäcke. Vor allem, wenn das Teil über eine Isolationskraft verfügen soll, die auch den Klimabedingungen auf dem Fjäll genügt. Der Yeti Passion Three soll bis 7°C noch warm geben, wiegt sensationelle 530 g und ist im Packmass etwa halb so gross, wie ein herkömmlicher Daunenschlafsack dieser Wärmekategorie. Das Aussenmaterial soll zudem wasserabweisend sein, was gerade im Fussbereich von grosser Wichtigkeit ist. Die Füllung besteht aus 95% reiner Gänsedaunen und 5% Federchen. Die Bauschkraft der Daunen beträgt 800 cuin.

Bauschkraft? Cuin? Wikipedia weiss Rat! Die Bauschkraft (engl. Fill power) ist ein charakteristisches Mass für Daunen und andere Polsterstoffe, das angibt, welches Volumen eine bestimmte Masse des Stoffes nach einiger Zeit der Kompression einnimmt. Eine im Handel übliche Einheit ist das angloamerikanische Kubikzoll pro Unze (engl. cubic inches per ounze, kurz in³/oz oder cuin für cubic inches). Gemessen wird, indem eine Unze (≈ 28 g) der Daunenmischung im Messzylinder für 24 Stunden zusammengepresst wird. Anschließend wird das Volumen gemessen, auf das sich die Probe ausdehnt und in inches³ (1 inch³ ≈ 16,4 cm³) angegeben. Je höher der Bauschkraft-Wert ist, desto besser ist die Wärmedämmung im Verhältnis zum Packvolumen. Eine hochwertige Daune erreicht eine Bauschkraft von 700–800 cuin. Handelsüblich in guten Schlafsäcken oder Jacken sind 600–700 cuin. Daunen mit weniger als 500 cuin weisen – bei massegleicher Füllung etwa einer Daunenjacke – geringeres Bausch-Volumen (Loft) und entsprechend geringere Isolationswirkung auf.

Die Liegematte – Therm-a-Rest NeoAir XLite L



Diese Liegematte schlägt ebenfalls alle Rekorde in Sachen Packmass, Gewicht und Liegekomfort. Mit 490 g (inklusive Reparaturset) und einer dicke von 63 mm bei einer Länge von 196 cm, ist das einfach nur sensationell. Einziger Nachteil: Am Ende jeder Etappe muss die Liege von Mund aufgeblasen werden. Bist du vom Gehen schon ein wenig angenockt, dann gibt dir die Blaserei noch den Rest. Dafür schläft es sich hernach umso gemütlicher. Eine entsprechend erhältliche Pumpe kommt aus Gewichtsgründen nicht in Frage – im Gegenteil, ich werde mir noch die kleinste Variante der NeoAir Xlite besorgen. Mit 230 g ist sie jedoch nur noch 119 cm lang und 51 statt 63 cm breit. Die 63 mm Dicke bleiben indes.

Der Rucksack – Osprey Kestrel 48


Seit einem guten Dutzend Jahren trage ich ausschliesslich Rucksäcke der US-Marke Osprey. Verarbeitungsqualität, Tragekomfort und Packsystem haben mich sei jeher überzeugt. Ab und zu gilt es, ein, zwei oder drei überzählige Bändel oder Gummizüge abzuschneiden, aber dies schmälert die Brauchbarkeit der Teile keineswegs.

Der 48 Liter fassende Kestrel 48 ist mit 1670 g (inkl. Rucksackregenhülle) jedoch kein Ultraleicht-Rucksack. Da gäbe es in der Tat Säcke, die bis zu einem Kilo leichter sind. Aber: In diesem Fall finde ich das Gewicht eher zweitrangig. Entscheidender scheint mir der Tragekomfort, d.h. die Rückenpassform, die Lastenkontrolle im Schulter- und Brustbereich sowie – ganz wichtig – die Lastenübertragung auf den Hüftgurt. Es nützt der leichteste Rucksackinhalt nichts, wenn der Rucksack selber drückt oder zuviel Gewicht auf den Schultern lastet und somit Muskelverspannungen provoziert werden. So gesehen bietet der Kestrel 48 ein optimales Gewichts-/Leistungs- und Grössenverhältnis. Genial sind zudem die drei aussenliegenden Mesh-Fächer (Osprey-Standard), das separat zugängliche und gegen oben abgetrennte Bodenfach, die zwei geräumigen Hüftgurttaschen, der Zugriff ins Hauptfach auf der einen Seite sowie die integrierte Seitentasche auf der anderen Seite. Die gut geschnittene Deckeltasche bietet genügend Platz für allerlei Krimskrams, und das innenliegende Flachfach mit Kunststoffkarabiner dient der Dokumenten- und Geldaufbewahrung. Der Sack ist zudem für den Gebrauch einer Trinkblase vorbereitet.

3. Juni 2017

Das Projekt «Nordetter»

Es war schon immer mein Traum, eine Weitwanderung über Hunderte von Kilometern zu absolvieren. Als Liebhaber des Nordens lag es deshalb nahe, ein Ziel in Skandinavien anzupeilen. Bei den Recherchen hat sich gezeigt, dass das jährlich von ganzen Touristenhorden überschwemmte Nordkap Norwegens gar nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes darstellt. Die unweit vom berühmten Nordkap gelegene Landzunge Knivskjelloden liegt ganze 1.4 Kilometer näher am Nordpol und ist ausschliesslich zu Fuss zu erreichen.

Weil meine freie Zeit aus beruflichen Gründen beschränkt ist, werde ich die Strecke in mehrere kleinere und grössere Etappen unterteilen müssen. Den bereits zurückgelegten Schweizer Abschnitt bewältigte ich im Frühjahr 2016 in sieben isolierten Tagesetappen. In Süddeutschland werde ich wochenweise unterwegs sein, derweil sich die Dauer auf mehrere Wochen ausdehnen wird, je weiter nördlich ich gelange. Ich schätze die zurückzulegende Gesamtdistanz auf rund 5000 km. Meine Messung der Luftlinien ergab folgendes Resultat: Burgistein – Hirtshals: 1214 km; Kristiansand – Knivskjellodden: 1664 km; Total: 2878 km. Mal schauen, wie viele Kilometer es dann in Wirklichkeit sind …

Als Liebhaber der autarken Fortbewegung schätze ich die Freiheiten, die ein derartiges Unterfangen mit sich bringt. Aus diesem Grund werde ich ab Basel jeweils mit dem Zelt unterwegs sein. In einigen Teilen Norwegens ist die Mitnahme der eigenen Behausung so oder so ein Muss. Im Blog werde ich jeweils nach den zurückgelegten Abschnitten über meine Eindrücke berichten. Die Chronologie der Blogeinträge lässt sich unter dem Label Nordetter anzeigen. Nachfolgend die Karte mit Start und Ziel sowie der bislang bewältigten Stecke.

Die bisherige Strecke vom Berner Oberland nach Basel. Karte: Wikipedia

29. Mai 2017

Oberwalliser Quickie

Mörel (VS).

Sonntagmorgen. Im ersten Zug nach Thun, weiter durch den Lötschbergtunnel nach Brig und schliesslich mit der Matterhorn-Gotthard-Bahn bis Mörel. Um fünf nach halb acht trabe ich los, steige den alten Fussweg nach Ried-Mörel hoch und werde zunehmend glücklich. Im Bergdorf stosse ich auf eine Freiluftbibliothek, die mich einlädt, ein Buch zu nehmen, zu behalten, zu tauschen oder zu verschenken. Ich bin frech und nehme gleich zwei. Kindergeschichten* von Peter Bichsel und Hesses Siddharta, eine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1922, gesetzt in Frakturschrift. Die zwei Funde passen prima, habe ich doch zu Hause ein Büchlein eingepackt, das ich bereits gelesen hatte, wie ich auf der Hinfahrt feststellen musste. Nun bin ich also auch schon soweit …

Aufstieg von Mörel nach Ried-Mörel.

Die Freiluftbibliothek in Ried-Mörel.


Das Glück dauert an. Zur rechten Zeit ein Brunnen mit Trinkwasser und hernach ein traumhafter Pfad entlang einer Suone durch Magerwiesen. Ich folge dem Bewässerungskanal vom Weiler mit dem sonderbaren Namen Summerseili bis zur Abzweigung, wo der legendäre Massaweg beginnt. Weil ich ihn vor Jahren gegangen bin, steige ich hier ab. Ein formidabler Bergweg, steil, vor Augen der Häuserhaufen von Naters und Brig, überragt von schneefleckigen Bergriesen, die den brachialen Reiz der Oberwalliser Metropole ausmachen.

Wallis, wie ich es liebe: Suonenweg bei der Roti Flue.

Auf dem Abstieg nach Bitsch mit Naters und Brig, darüber das Glishorn. Rechts ein Bildstock.


Begleitet von sprudelnden Schmelzwassern, erreiche ich in Bitsch die Talsohle, überquere den Rotten und strebe brigwärts. Willkommene Schattenlage des Pfades entlang der Bahngeleise. Plötzlich stehe ich über den zwei Portalen des Simplontunnels. Und wenig später schräg davor. Eine schwarze Güterlokomotive pfeilt aus der Röhre, im Schlepptau unzählige Kesselwagen. Was folgt ist ein vergleichsweise skurriler Hatscher durch öde Bahnlandschaft, vorbei an Zollfreilager, Fitnesszentrum und dem Dreiviertelrund des Lokomotivdepots. Schlag elf Uhr laufe ich im Briger Bahnhof ein. In zwanzig Minuten fährt mein Zug durch den Alpenhauptkamm. Um viertel vor eins bin ich wieder zu Hause. Fazit: dieser Oberwalliser Quickie hat Wiederholungspotenzial.

Bahnhofplatz in Brig.


*Auf der Heimfahrt lese ich die erste Geschichte. Sie handelt von einem Mann, der auf einer geraden Linie um die Welt gehen wollte, um genau dort anzukommen, wo er gestartet war. Mit einem Schlag fühlte ich mich ins Jahr 1974 versetzt. Damals las ich diesen Text zum ersten Mal. Als Viertklässler, im Schullesebuch. Und Bichsels Geschichte hat bis heute nichts an Aktualität eingebüsst.

28. Mai 2017

Die Nürburg-Papiere

Jacques Berndorf: Die Nürburg-Papiere,
S. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt,
2012
Der Bau eines neuen Freizeitzentrums am Nürburgring verschlang mehr als 300 Millionen Euro. Fachleute versprachen privates Kapital heranzuschaffen, doch obwohl keiner auch nur einen Cent aufzutreiben vermochte, wurden absurd hohe Beraterhonorare gezahlt. Die Furcht der ansässigen Eifeler Kneipenwirte, Pensionsinhaber und Hoteliers schien berechtigt: Sie wurden von einer Clique von Managern rüde aus dem Geschäft gedrängt. Das Klima auf den Eifelhöhen ist eisig geworden. Und dann wird Claudio Bremm, der wichtigste Mann aus den Reihen der Manager, auf brutale Weise ermordet. Noch ehe die Mordkommission die Spuren der ersten Tat sichern kann, stirbt ein zweiter Mann. Auch er wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Scheinbar verbindet die beiden Fälle nichts miteinander, auch Journalist Siggi Baumeister gelingt es zunächst nicht, einen Zusammenhang herzustellen. Erst als eine dritte Leiche aufgefunden wird, zeigt sich zum ersten Mal so etwas wie ein roter Faden im Labyrinth der «Nürburgring-Morde». (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Nürburgring und Umgebung, Eifel

27. Mai 2017

Von leicht zu vielleicht ultraleicht – Teil 1

Im Beitrag vom 20. Mai habe ich über einen Paradigmawechsel betreffend meiner Trekkingausrüstung berichtet. Wer im fortgeschrittenen Alter mehrere 1000 Kilometer zu Fuss zurücklegen will, benötigt nicht bloss leichtes sondern ultraleichtes Gepäck. Die Outdoor-Industrie hat in den vergangenen Jahren unglaublich viele Innovationen auf den Markt gebracht. Etliche davon betrafen die Reduktion von Grösse und Gewicht. Als ich z.B. 1983 mein erstes Zelt kaufte – es stammte vom finnischen Hersteller Rukka und nannte sich «Patikka 2» –, schlug dieses mit einem Gewicht von 2.8 kg zu Buche. Das galt damals für zwei Personen als Leichtgewichtszelt. 1990 erstand ich mir dann das «Nallo 2» von Hilleberg, das bloss noch 2 kg auf die Waage brachte und bedeutend mehr Platz bot als mein Rukka-Zelt. Das Nallo wird übrigens nach wie vor produziert und gehört im Zwei-Personen-Zelt-Bereich zum internationalen Standard.

Für meine Reise 1988 durch das Yukon Territorium und Alaska besorgte ich mir ein 1.4 kg leichtes 1-Mann-Zelt des britischen Herstellers Saunders. Der «Jet-Packer», ein klassisches Giebelzelt, tat seine Dienste hervorragend, auch unter schlechten Wetterbedingungen. Als ich vor drei Jahren das Zeltwandern erneut reaktivierte, war der «Jet-Packer» längst verkauft und das «Nallo 2» für Solotouren zu schwer. Abhilfe brachte mir dann das «Fly Creek UL 1» des amerikanischen Zeltproduzenten Big Agnes. Die kuppelförmige Behausung war gerade mal ein knappes Kilo schwer und bot mir dennoch mehr Platz als der «Jet Packer». Leider habe ich mich im Vorfeld des Fly-Creek-Kaufes, zu wenig intensiv mit Ultraleicht-Behausungen auseinandergesetzt.

In der Zwischenzeit habe ich, wie der Beitrag vom 20. Mai verdeutlicht, die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass meine gesamte Ausrüstung bis auf wenige Ausnahmen in keiner Weise das Leichteste darstellt, was der Markt her gibt. Dies gilt insbesondere für Zelte, Schlafsäcke, Rucksäcke, Kochutensilien, Bekleidung, Verpackungsmaterial etc. Zudem sind auf neuer Technologie basierende Produkte wie z.B. ein Wasserfilter entwickelt worden, der betreffend Preis-Leistungs-Gewichtsverhältnis beinahe alles in den Schatten stellt, was bislang gang und gäbe war. Statt beinahe 400 Franken sind heute für einen Hightech-Filter nur noch gut 50 Franken zu investieren. Noch krasser fällt hierbei die Gewichtsreduktion aus. Das konventionelle Teil wiegt 550 g, währenddem das Miniding das Rucksackgewicht mit lediglich 60 g belastet. Selbst die Leistung des Kleinen ist markant besser, lassen sich doch damit 1.7 lt pro Minute filtern, wohingegen das Schwergewicht nur 1.0 lt schafft.

Was liegt also näher, als sich in diese materielle Herrlichkeit zu vertiefen und den Geldbeutel mal so richtig zu strapazieren. Denn in der Regel gilt heute immer noch, was früher schon galt: Leichter = teuer. Und da ist noch etwas, bei all den Fliegengewichten: die Verlockung. Die Verlockung, dem Verzicht zu widerstehen und noch diesen und jenen Ultraleicht-Luxus in die Kraxe zu packen. Nun, die Waage bzw. die Materialtabelle wird jedes zusätzliche Luxusgramm unerbittlich anzeigen und hoffentlich so den UL-Fetischisten zurück auf den Boden der Realität holen.

Das Stichwort «Waage» bringt mich zum letzten Punkt dieser Ausführungen. Wer wie ich möglichst leicht unterwegs sein möchte, stelle seine Ausrüstungsliste am besten in einer Excel-Tabelle zusammen, die eine Gewichtsspalte enthält. Das nach jedem Eintrag automatisch aktualisierte Gesamtgewicht gibt dann sofort Auskunft, ob eine bestimmte Limite überschritten wird. Zudem besorge man sich eine gute Waage, die über eine Anzeigegenauigkeit von mindestens 10 g verfügt. Gewichtsangaben von Herstellern oder Verkäufern misstraue ich grundsätzlich, weshalb jeder Artikel noch einmal gewogen wird. Gerade bei Kleidern oder Zelten sind die meist gegen oben abweichenden Nachmessungen frappant. Kleidergewichte werden meist in der Grösse M angegeben. Grössere Nummern wiegen dann schon mal 150 g mehr. Als XL-Träger kann ich ein Liedchen davon singen.

In den folgenden Beiträgen unter dem Titel «Von leicht zu vielleicht ultraleicht» werde ich meine gesamte Ausrüstung vorstellen und zu einem späteren Zeitpunkt auch, welche Erfahrungen ich damit gemacht habe. Weshalb ich von «vielleicht ultraleicht» spreche hat folgenden Grund: Das Ultraleichtwandern ist per Definition eine Art des Trekkings, die die Minimierung des Ausrüstungsgewichts unter Einbeziehung der Gegebenheiten einer Tour, des persönlichen Know-Hows sowie des Sicherheits- und Komfortbedürfnisses betont. Das Ziel besteht darin, das Wandern möglichst unbeschwert geniessen zu können. In der Regel spricht man von «ultralight», wenn das Rucksackgewicht (ohne Proviant, Wasser und Brennstoff) unter 5 kg liegt. Ein Rucksackgewicht zwischen 5 und 9 kg wird als Leicht-Trekking bezeichnet, darüber spricht man vom Traditionellen Trekking. (Quelle: Wikipedia).

Weil gewisse Teile meiner Ausrüstung eindeutig dem Ultraleicht-Bereich zuzuordnen sind, andere indes nicht, wird mein Rucksackgewicht die 5-Kilo-Marke in jedem Fall überschreiten. Alleine der Rucksack wiegt 1670 Gramm, was ich dem Tragekomfort zuliebe jedoch gerne in Kauf nehme. Die Praxis wird zeigen, wo ich gegebenenfalls noch das eine oder andere Gramm einsparen kann. Sollte sich das Vergnügen jedoch im Leichtwandermodus bewerkstelligen lassen, werde ich gerne auf weitere Gewichtsreduktionen verzichten.

24. Mai 2017

26 Stunden danach






















Gestern um 17.51 Uhr langte ich in der Büchertauschbörse des Press & Book-Shops im Bahnhof Bern nach dem schmalen Bändchen von Tim Krohns «Nachts in Vals». Eingesteckt der Kassabon mit dem 22.05.2017 als Kaufdatum, Uhrzeit: 15.51 Uhr. Grandios! Nur 26 Stunden nachdem das Taschenbuch bei Orell Füssli in Bern über den Tresen ging, wechselt es den Besitzer. Meine Auffahrtslektüre, steht fest.

23. Mai 2017

Der Kanton Jura ist durch


Am 18. Juni 2017 kommt es im bern-jurassischen Moutier zum geo-politischen Showdown. Das Stimmvolk wird über die zukünftige Kantonszugehörigkeit ihres Städtchens entscheiden. Dies entnehme ich zwei verschiedenen Werbeplakaten am Bahnhof von Moutier während des Wartens auf das Postauto nach Choindez. Ich halte  Ausschau nach weiteren Insignien, die auf den seit Jahren schwelenden Interessenszwist hindeuten. Auf die Schnelle entdecke ich drei Jurawappen. Zwei an Gebäudefassaden in Bahnhofnähe, eines an einem Felsen hoch über der Stadt. Das Wappen wird ergänzt mit dem Zusatz «Oui». Da harre ich gespannt der Dinge, die da kommen sollen. Es bleibt zu hoffen, dass beide Lager kühlen Kopf behalten und sich die Bilder aus den 1970er-Jahren nicht wiederholen.



Nach bloss sechs Minuten Fahrt setzt mich der Bus in Choindez ab. Hier war ich zuletzt am 17.10.1985 wandernd zugegen. Choindez ist so etwas wie der Inbegriff an hässlicher Industrie-Location. Nicht so heute. Über der Klus wölbt sich ein tiefblauer Himmel. Die Strasse ist kaum befahren, und aus den Fabrikgebäuden der vonRoll Casting ist lediglich das Summen irgendwelcher Aggregate zu hören. An gestapelten Röhren vorbei schlage ich mich über kaum mehr begangene Passerellen zum längst von den Regionalzügen nicht mehr bedienten Bahnhof durch. Die Fortsetzung der Wanderung erfolgt auf der gegenüberliegenden Seite der Geleise, die ich verbotenerweise überqueren muss.

Ein lauschiger Pfad führt mich aus der Klus in die Höhe bis unterhalb des Dorfes Vellerat, das den Kantonswechsel bereits hinter sich hat. 1996 – 18 Jahre nach der Gründung des Kantons Jura – verabschiedeten sich die «Poulats» (Name der Einwohner) von den Bernern. Die alte Ortstafel hängt seither über dem Eingang des Hôtel-Restaurant de la Gare in Moutier, eine Stätte, die seit Jahrzehnten als Hochburg der Pro Jurassier gilt. Am 11. Juni 2017 entscheidet sich übrigens an der Urne, ob die Gemeinden Vellerat (70 Einwohner), Courrendlin, Châtillon, Rossemaison und Rebeuvelier zu einer einzigen Gemeinde fusionieren. 

Als ich in erhöhter Lage die Klus von Moutier verlasse, liegt mir das ganze Delsberger Becken zu Füssen, dessen westlichem Teil ich in der Folge meine pedestrischen Bemühungen widme. Hierbei gelange ich unter anderem durch die Gemeinden Châtillon, Rossemaison, Develier und Boécourt. Sie alle begehe ich zum ersten Mal. Gleichzeitig bilden sie die letzten, im Kanton Jura zu beschreitenden Kommunen. Für mich ist also der Jura durch, es sei denn Moutier wird dereinst jurassisch ...

Alle Gemeinden im Kanton Jura bewandert: ein letzter Blick zurück von Glovelier Richtung Osten.

20. Mai 2017

Wie Mann zum Gramm-Fetischisten wird

Westlich von Yvonand (VD).

Böses Erwachen während der Hauptprobe. Geplant waren zwei Wandertage mit Übernachtung im Zelt. Ich packte den Rucksack dergestalt, als ob es für mehrere Wochen Richtung Nordkap ginge. Voller Stolz verstaute ich mein 1000 Gramm leichtes Einmannzelt, beschränkte mich bei der Wahl von Ersatzwäsche auf ein Minimum und hielt mich auch bei der Tranksame mit einem Liter eher knapp. Statt nach Norden fuhr ich indes westwärts in die Romandie an den Neuenburgersee. Ausgehend von Yvonand zog ich durch mir bislang unbekannte Provinz. Hier gibt es Ortschaften mit klingenden Namen: Villars-Epeney, Pomy, Cronay, Donneloye, Bioley-Magnoux, Orzens, Oppens, Pailly, Rueyres, Bercher, Fey. Diese phonetischen Perlen bildeten gleichsam meine Wanderroute, die einem sonderbaren Slalomlauf über Hügel und durch Gräben glich.

1000 Gramm Zelt am Flüsschen Le Lombrax bei Donneloye.


Bereits kurz nach Wanderstart die Ernüchterung. Ich hatte Mühe mit dem Gewicht. Nicht der Rucksack drückte, nein, schlicht und einfach die Schwere dessen Inhaltes machte mir zu schaffen. Die nachfolgenden 16 Kilometer wurden, vor allem bergauf, zunehmend zur Qual. Ich erkannte mich nicht wieder. Anderntags, ich hatte die Nacht über im Zelt an idyllischer Lage am Flüsschen Le Lombrax verbracht, verschärfte sich die Situation. Dabei hatte ich nun noch weniger Last am Rücken als beim Start in Yvonand. Was war bloss los? Auf halber Strecke folgte mir plötzlich ein Hund. Der Border Collie schien wild entschlossen, mich, wohin auch immer, zu begleiten. Erst als ich ihm mit den Worten «Vas chez ton chef à la maison! Vas-y!», bedachte, blickte er mir direkt in die Augen, drehte sich um und zog von dannen.

Tag 2: Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Morgenstimmung bei Bioley-Magnoux.


Das Hundeepisödchen liess mich für eine gewisse Zeit die Traglast vergessen, ehe sich erneut der Quälgeist bemerkbar machte. Immerhin widerstand ich der Versuchung, in Bercher die Bahn nach Lausanne zu nehmen und hängte noch eine Wanderstunde an, um das geplante Ziel Fey dennoch zu erreichen. Der direkte Weg nach Fey stellte indes eine Abkürzung dar, denn ursprünglich wollte ich von Bercher über Boulens an den Endpunkt gelangen, was die Strecke um drei Kilometer verlängert hätte. Auf der langen Rückfahrt ins traute Heim schwor ich mir, meine Leichtgewichtsausrüstung genaustens unter die Lupe zu nehmen. Will ich mein Vorhaben, das Nordkap zu Fuss zu erreichen, in die Tat umsetzen, darf es zu keiner Quälerei kommen. Und so bin ich nun seit Tagen daran, das Web minutiös auf Ultraleichtgewichtsausrüstung zu durchforsten. Von nun an zählt jedes Gramm, das eingespart werden kann. Ja, ich bin innert Kürze zum veritablen Gramm-Fetischisten verkommen. Die ersten Käufe sind bereits getätigt und weitere werden folgen. Zwei Beispiele gefällig? Mein neues Zelt wird gerade mal 500 Gramm wiegen, also die Hälfte meiner bisherigen Stoffhütte. Dasselbe gilt übrigens auch für den Schlafsack: 530 Gramm statt bislang 1100. Und so weiter und so fort.

Mein Spontanbegleiter, kurz bevor ich die richtigen Worte fand, damit er zurück nach Hause ging.

30. April 2017

Winterfrühling

Winter küsst den Frühling. Oben die Kirche von St. Silvester (Santufaschtis)
Einsame Busfahrt vom Bahnhof Freiburg an die Peripherie des Sensebezirks. Plasselb der Ausgangs- und gleichzeitige Netzwerkpunkt. Hier war ich das bislang erste und letzte Mal am 2. Januar 1998. Zu Viert folgten wir, mit Schneeschuhen bestückt, der Sprachgrenze zum Schwarzsee. Der Unterschied von heute zu damals: An diesem 29. April 2017 liegen fünf Zentimeter Neuschnee. Vor 19 Jahren, da war Plasselb komplett aper. Schnee gab es erst ab 1200 Metern.

Stahlblauer Himmel, schwache Bise. Ich ziehe Richtung Kantonsmetropole. Blendendes Weiss. Verdutzte Schafe suchen ihr Gras. An den Strassenrändern Schneehäufchen. Bin froh, der Hauptstrasse zu entkommen. Die Freiburger fahren wie die Henker. Blühende Kirschbäume auf verschneiten Matten. Ob da noch was fruchtet? Im Waldschatten liegt die Masse höher. Schneestapfen auf 850 Meter über Meer. Übermorgen ist der erste Mai.

Schlagartiger Landschaftswechsel eine halbe Stunde vor Giffers. Der Weg quert den Steilwald hoch über dem Auenfluss. Das Rauschen der Ärgera. Wohltuend. Zahlreiche Stege überqueren Gräben und Sumpfgebiete. Holzgeländer geben Sicherheit. Zum Abschluss überhängende Sandsteinflühe mit Maria-Grotte, Holzbänken und Lob und Dank, weil Maria half. Bombastisches Gelände, religiös zurechtgestutzt. In Giffers beeindruckt das stilvoll renovierte Gebäude neben der Kirche: die Gemeindeverwaltung.

Die Landschaft senkt sich ab und damit die Schneehöhe. Bald schon liegen nur noch Fetzen im grasgrünen Gras. Ich überquere die Ärgera. Ein Mäandergewirr um Kiesbänke und Ränke. Im Hintergrund der tief verschneite Gipfel des Cousimbert. Wenig später, Überquerung des Nesslerabachs und somit der Sprachgrenze. Der erste Hof im Welschen kündet von der Verschmelzung deutsch-französischer Zungen: La Rotzetta. Rotzetter, ein typisch freiburgisches Geschlecht.

Weiter über weite Felder, zum Teil begrenzt mit imposanten Baumreihen und Hecken. Am Horizont die Gipfel der Berner Voralpen: Gantrisch, Bürglen, Ochsen, Grenchengalm. Weiss, weiss, weiss. Kaum ein Felsen schaut hervor. Ein Bild wie aus dem tiefsten Alaska. Ich gelange nach Ferpicloz, einem kleinen Dorf, das seine Autonomie bewahrt hat, ebenso wie die Gemeinde Villarsel-sur-Marly. 86 Einwohner zählte sie am 31.12.2015. Der Ort nannte sich einst auch Willischert. Und, man glaubt es kaum, die Gemeinde hat sogar eine eigene Website.

Über das Dorf Ependes, in dessen Zentrum ein prächtiges Schloss steht, geht die Wanderung hinunter nach Marly und somit zurück an die Ärgera, die sie hier La Gérine heissen. In Mertenlach, so die alte deutsche Bezeichnung für Marly, ist der Teufel los. Kein Fest, bloss auf den Strassen. Wie gesagt, sie fahren wie die Henker, diese Freiburger.

25. April 2017

Einem nächtlichen Urinstinkt auf der Spur

Markus Kellenberger: Draussen schlafen, 152 Seiten
AT-Verlag, Aarau/München, 2017
Rechtzeitig zur Freiluftsaison bringt der AT-Verlag ein Buch auf den Markt, dass sich dem Draussen-Übernachten widmet. Der Autor Markus Kellenberger, ein weltweit erfahrener Mann in Sachen wildes Campen, erläutert im informativen Plauderton, worauf es beim Schlafen unter freiem Himmel ankommt. In erster Linie nimmt er dem modernen Menschen die Angst vor der Nacht in der Natur, räumt auf mit Ammenmärchen und macht dem Leser dieses «Mikroabenteuer», wie er es nennt, so richtig schmackhaft.  Obschon die Gefahren gering sind, weist der Autor dennoch und eingehend auf mögliche Sicherheitspunkte hin, die es zu berücksichtigen gilt: Zecken, Hochwasser, Stein- und Blitzschlag, um die wichtigsten zu nennen.

Das Buch erklärt indes auch, worauf es aus gesetzlicher Hinsicht zu achten gilt. Hierbei wird einem bewusst, dass in der Schweiz erstaunlich viel Spielraum besteht, was das wilde Campen anbelangt. Ganz im Gegensatz zu beliebten und geeigneten Ferienregionen in Südeuropa, wo zum Teil restriktive Gesetze gelten.

Selbstverständlich spielt die richtige Ausrüstung auch eine Rolle. Markus Kellenberger hat es verstanden, das für derartige Unterfangen benötigte Material auf ein Minimum zu reduzieren. Dabei geht es ihm weniger um Hightech, als um günstige und qualitativ dennoch brauchbare Ware. Frei nach dem Motto: «Keep it simple» (halte es einfach). Alles andere wäre dem menschlichen Urinstinkt des Draussen-Schlafens abträglich. Wer also einen Ratgeber über die ultimativen Schlafsack-, Liegematten- und Zeltmodelle sucht, wird beim vorliegenden Werk nicht fündig. Stattdessen erhält er Tipps, worauf beim Übernachtungsplatz zu achten ist, wie man mit einer Plane eine einfache Unterkunft baut, wie mit Feuerstellen umzugehen ist, und, ganz wichtig, was man darauf zubereiten kann.

Fazit: «Draussen schlafen» eignet sich bestens, sich selber oder seine Familie für das natürlichste aller Schlaferlebnisse zu motivieren und gleichzeitig der Natur in ein paar Nächten näher zu kommen.

17. April 2017

Ostermärchen

Schwermütig sitzt auf seinem Ei
Der deutsche Osterhase.
Er fühlt, der Winter ist vorbei,
Und schnuppert mit der Nase.
Er lässt vom lauen Morgenwind
Die langen Löffel schwenken,
Gedankenvoll, wie Deutsche sind,
Wenn sie an gar nichts denken.

Sobald die rechte Stunde schlägt,
Erscheint das Frühlingswunder,
Dem Hasen, der da Eier legt,
Ist’s nur ein Kinderplunder.
Er lümmelt drauf und sitzt und schwitzt,
Bis aus zerknickter Schale
Ein nackig Ungeheuer sitzt
Und piept und quiekt: «Bezahle!»

Erst glotzt er’s an, als wär’s ein Traum,
Dann schlägt er schnell im Grase
Dreimal den schönsten Purzelbaum:
«Mein Name, Herr, ist Hase!
Ich weiss von nichts. Ich habe zwar
Sie eben ausgebrütet;
Doch hat bis heut mir der Notar
Die Kosten nicht vergütet.»

«Drum, wenn ich höflich bitten darf,
Kein Wort von Alimenten!
Ein Hase, der da Junge warf,
Zählt nicht zu den Studenten.
Er kann zwar, wenn es gut ihm deucht,
Die Eier schwarz bemalen;
Doch sollen, was heraus da kreucht,
Die anderen bezahlen.»

Edgar Steiger, 1912

16. April 2017

Ostereier

Das Osterei ist ein Symbol:
Das Volk kann niemals sterben;
Doch kluge Köche können wohl
Die Schale anders färben.

Längst mischen sie ihr rouge et noir,
Doch weiss ein jeder Bayer:
Die harten Eier heissen «Oar»,
Die weichen nennt man Eier.

Wer dich in den April geschickt,
Verhau den Kerl nur feste!
Doch wisse: wer mit weichen spickt,
Bekleckert sich die Weste.

Beim Eierlegen gibt’s Geschrei,
Gegacker und Gebimmel.
Ein schwarzes Ei – ein faules Ei!
Es platzt und stinkt zum Himmel.

Drum, wenn du Eierkuchen bäckst,
Prüf’ erst das Ei im Glase!
Bevor du mit der Zunge schmeckst,
So rieche mit der Nase!

Und ist’s der Henne einerlei,
Ob Körner auf der Tenne,
Ob Häcksel, ei, so sei das Ei
Mal klüger als die Henne!

Edgar Steiger, 1911

21. März 2017

Staub im Paradies

Ernst Solèr: Staub im Paradies; Grafit,
Dortmund, 2009
Fred Staub, neu ernannter Kommandant der Zürcher Kantonspolizei, wollte in Sri Lanka eigentlich nur seine Tochter Anna besuchen, die dort in einem Forschungsprojekt arbeitet. Als jedoch einer der Schweizer Wissenschaftler vor Staubs Augen aus dem Hinterhalt erschossen wird, beginnt er gemeinsam mit dem sri-lankischen Polizisten Verasinghe, die Hintergründe der Tat zu ermitteln. Zeitgleich bitten Staubs ehemalige Zürcher Kollegen um Mithilfe: Staub soll sich im familiären Umfeld eines in Zürich ermordeten Tamilen umsehen, der in Sri Lanka beheimatet war. Bei seinen Nachforschungen trifft Staub auf einen einflussreichen Militär, einen schwerreichen Deutschen und einen hochrangigen Koordinator der Schweizer Tsunamihilfe. Die drei sind alles andere als begeistert über Staubs Bemühungen, Licht ins Dunkel zu bringen … (Klappentext)

ZH: Zürich, Thalwil, Hütten, Hüttnerseeli SRI: Sri Lanka

17. März 2017

Staub im Wasser

Ernst Solèr: Staub im Wasser, Grafit,
Dortmund, 2007
Fred Staub, Hauptmann der Zürcher Kantonspolizei, bekommt es mit einer ungewöhnlich brutalen Mordserie zu tun: Binnen kürzester Zeit werden die Leichen von drei Schweizer Treuhändern gefunden – allen fehlt der Kopf. Auffällig an den Tatorten sind rätselhafte orangefarbene Graffiti, deren Bedeutung sich den Ermittlern aber nicht erschliesst. Dafür finden sie bald heraus, dass die Toten durch äusserst dubiose Geschäftspraktiken miteinander verbunden waren und einen Grossteil ihrer gemeinsamen Klienten um viel Geld gebracht hatten. Im Umfeld der drei Ermordeten gibt es einen weiteren Finanzakrobaten – und der trägt seinen Kopf noch fest auf den Schultern. Staub wird klar, dass er den Mann nur retten kann, wenn es ihm gelingt, die Graffiti-Botschaften zu entschlüsseln. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. (Klappentext)

TI: Lavertezzo ZG: Zug, Cham, Unteräger ZH: Zürich, Leimbach, Kilchberg, Küsnachter Tobel, Andelfingen, Alten, Meilen, Winterthur, Sihl, Thur

14. März 2017

Alles zu Fuss

Freddy Langer: Alles zu Fuss, Ellert &
Richter, Hamburg, 2009
Keine Metapher bildet unser Leben überzeugender ab als das Gehen. Ob es nun auf- und abgeht oder immer weiter. Wie geht's, fragen wir sogar, wenn wir uns bei jemandem nach seinem Befinden erkundigen. In keiner anderen Tätigkeit ist man auch mehr bei sich selbst. «Geht weiter», sollen Buddhas letzte Worte an seine Schüler gewesen sein. Freddy Langer, leitender Redakteur des Reiseteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat ihn beim Wort genommen. Überall auf der Welt ist er losgezogen, zu Fuss, hier für einige Tage, dort für einige Wochen. Berge hinauf, über schier endIose Ebenen hinweg oder einfach von einem Ende einer Stadt zum anderen. Weil sein Blick dabei keineswegs nur nach innen gerichtet war, hat er stets viel zu erzählen. Mal sind seine Geschichten amüsant, wenn er sich mit dem falschen Wanderführer in Portugal hoffnungslos verirrt, mal dramatisch, wenn die Expedition zum Nordpol in einen arktischen Sturm gerät. (Klappentext)

13. März 2017

Cézanne in Zürich

Gerlinde Michel: Cézanne in Zürich, orte,
Oberegg, 2008 
Eine Serie von Kunstdiebstählen verunsichert die Region Zürich; Kommissar Markus Felchlin und sein Team von der Zürcher Kriminalpolizei ermitteln seit Wochen ohne jeden Erfolg. Endlich kommt ein Hinweis aus dem kriminellen Untergrund, dass auch ein gestohlener Cézanne in Umlauf sei – doch damit wächst bloss die Verwirrung. Stimmt dieses Gerücht? Jagen die Ermittler einer einzigen Diebesbande hinterher, oder sind es mehrere? Und was geschieht mit den gestohlenen Kunstwerken? Felchlin wagt es, die Cézanne-Geschichte ernst zu nehmen. Er inszeniert eine verdeckte Ermittlung und übernimmt darin selber die riskante Hauptrolle. Bis fast zum Schluss bleibt er ahnungslos, wer sein Gegenspieler wirklich ist.

Wieder wagt sich Gerlinde Michel mit ihrem neuen Krimi an ein ungewöhnliches Thema von beklemmender Aktualität. Und auch diesmal gelingt ihr eine farbige, temporeiche Geschichte, welche mit subtiler Spannung fesselt und einen nicht loslässt, bis man das Buch ganz zu Ende gelesen hat!

BE: Bern TI: Lugano ZH: Zürich, Zollikon, Zollikerberg, Wettswil, Knonau, Knonauer Amt D: Hertingen, Bellingen GB: Oxford

9. März 2017

Wanderer durch die Zeit

Colin Fletcher: Wanderer durch die Zeit,
Diana, Zürich/München, 2001.
Dieser unprätentiöse Abenteuerbericht in der Tradition von Henry D. Thoreau ist in den Vereinigten Staaten ein Longseller, ein zeitloser Klassiker, der zum Urahn aller heutigen Naturerlebnisbücher wurde. Colin Fletcher berichtet davon, wie er als erster Mensch den Grand Canyon, das enorme Flusstal des tief eingegrabenen Colorado River, in zwei Monaten der Länge nach durchwandert. Sein oft anstrengender und psychisch herausfordernder Weg löst in ihm eine grosse Wandlung aus: Der schwergewichtige Mensch, der in den Canyon einsteigt, präsentiert sich am Ende als durchtrainiert und leistungsfähig. Am Anfang steht ein durchaus schmerzhafter Prozess der Loslösung von allem Gewohnten, eine mühsame Anpassung an das einfache Leben – seine Hauptnahrungsmittel sind Kartoffeln und Pemmikan –, am Schluss der Reise aber hat der Wanderer Angst vor der Wiederbegegnung mit der Zivilisation. Auf suggestive Weise erzählt Colin Fletcher von seinen Abenteuern, von Begegnungen mit Wildpferden und Klapperschlangen, von der Auseinandersetzung mit der «toten Natur» – Fels, Sand und Wasser – und von der unendlichen Stille, in der lediglich der Gaskocher überlaut zischt. Lesenswert ist dieses Buch nicht nur als Kultbuch vieler Besucher des Grand Canyon, sondern auch, weil es vor der Zerstörung eines der grössten Naturdenkmäler unserer Erde warnt. (Inhaltsangabe zum Buch)

Colin Fletcher gilt mit seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen in den USA als «Hohepriester» der Extremwanderer und Abenteurer. Er wurde 1922 in Wales geboren, wuchs in England auf und tat im Zweiten Weltkrieg Dienst bei den Royal Marines. Danach war er Farmer in Kenia, Strassenbauarbeiter im damaligen Rhodesien und später Goldsucher in Kanada. 1958 wanderte er einen Sommer lang 1000 Meilen von Mexiko bis Oregon durch die Wüsten und über die Berge Kaliforniens. Er lebte zuletzt in Kalifornien, wo er 2007 verstarb. Auf dem Weg zu Fuss an eine Veranstaltung in seiner Heimatstadt wurde Fletcher von einem Auto angefahren und tödlich verletzt.