9. Mai 2024

Wer sich der Liebe vertraut

Mary Lavater-Sloman: Wer sich der
Liebe vertraut, Artemis, Zürich/Stuttgart,
1960
In dem neuesten Werk Mary Lavater-Slomans wird der Leser in den Strahlungsbereich Goethes geführt. Mit subtiler Einfühlungsgabe zeichnet sie die Liebe des jungen Dichters zu Charlotte, der Frau des Oberstallmeisters von Stein in Weimar, lebendig nach und erfühlt die Höhen und Tiefen der Leidenschaft, die den Anstoss zu Goethes Flucht nach Italien gab. Das Erlebnis des Südens, das alle schöpferischen Quellen in ihm wieder zum Strömen brachte, wird in den wichtigsten Stationen dem Leser nahegebracht: Verona, Venedig, Rom, Neapel und Sizilien. Obgleich der Dichter alle belebenden Eindrücke mit der geliebten Freundin teilen möchte, fühlt sich Charlotte von ihm verlassen und verraten. Nach seiner Rückkehr an den Weimarer Hof erreicht die Entfremdung ihren Höhepunkt, denn der gewandelte Freund wendet sich Christiane Vulpius zu und nimmt das einfache Mädchen aus dem Volk schliesslich sogar ganz in sein Haus auf.

Mary Lavater-Sloman macht die Beglückung, aber auch die Tragik sichtbar, die sich hinter der bekannten und viel diskutierten Tatsache verbirgt, dass Goethe das einfache «Naturwesen», das jeder Bildung unzugänglich blieb, zur Lebensgefährtin wählte. In der Treue, mit der er trotz gegenteiliger Ratschläge an dieser Bindung durch Jahrzehnte hindurch, bis zum Tode Christianes, festhielt, offenbart sich seine tiefe Güte und Selbstlosigkeit. Diese Wesenszüge des grossen Dichters werden heute oft übersehen. Mary Lavater-Sloman, seit frühester Jugend unter dem Eindruck der Goetheschen Welt- und Lebensauffassung stehend, macht es sich darum zur Aufgabe, von der menschlichen Seite her die Brücke zu zeigen, auf der die junge Generation den Zugang zu Goethe finden kann. (Klappentext)

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