27. Mai 2020

Die Berliner Mauer

Hans-Hermann Hertle: Die Berliner Mauer,
Christoph-Links-Verlag, Berlin, 2011
Wo eigentlich stand die Berliner Mauer? Warum wurde sie gebaut? Wie gelang es immer wieder, sie zu überwinden – und wie viele Menschen kamen dabei zu Tode? Warum ist sie schliesslich gefallen? Was erinnert heute noch an das Symbol des Kalten Krieges? lm vorliegenden kompakten Gesamtüberblick wird der Auf- und Ausbau der Sperranlagen quer durch Berlin mit zahlreiche Fotos und Zeichnungen anschaulich dokumentiert. Spektakuläre Fluchtgeschichten und die Auswirkungen auf den Alltag in der Stadt werden ebenso dargestellt wie die dramatischen Ereignisse um den Fall der Mauer. (Klappentext)

26. Mai 2020

Zur Mündung

Franz Hohler: Zur Mündung, Luchterhand,
München, 2000
Am Ende seiner Wanderung an der Glatt entlang ist Franz Hohler um eine Erfahrung reicher. Eines morgens hatte er sich vorgenommen, solange an dem Fluss entlangzugehen, bis er an dessen Mündung in einen grösseren Fluss angekommen ist, doch als er dort endlich ankommt, steht er vor dem Eingang zu einem Tunnel und seine romantischen Vorstellungen gleiten mit der Glatt hinweg in ein Staubecken, das deren Wasser auffängt und an den nächsten Wasserwirtschaftsweg weitergibt, genannt Rhein.

Unterwegs ist in seinen Erzählungen nicht nur Franz Hohler, unterwegs sind auch die eigenwilligen Typen, denen er begegnet. Ein alter, hagerer Bassist mischt sich unter die Gäste bei der Geburtstagsfeier einer Frau, die mit einem Bassisten, der vor Jahren gestorben ist, verheiratet war und verschwindet wieder. Ein feixender Mann mit langen grauen Haaren läuft nackt um den Kölner Dom. In einem Berliner Lokal fragt ihn ein Mann, wo er sich befinde, und als er ihm antwortet, in Kreuzberg, steht dieser Mann auf und sagt: Dann gehe er wieder nach Spandau. Einige Menschen in Franz Hohlers Geschichten vom Leben und Tod sind tatsächlich am Ende ihres Lebens angelangt, wissen das und sind dennoch auf eine ganz grundlose Weise fröhlich, Dieses Gefühl kennt auch der Autor, als er nach der Besteigung des Eigers, einer Herausforderung, der er sich ohne ersichtlichen Grund gerne gestellt hat, auf dem Weg zurück über einen Abgrund hinwegspringen und mit seinen Füssen auf einem winzigen Absatz im Fels gegenüber landen muss: Wie leicht ist ihm dieser Sprung gelungen und wie sehr hatte er sich davor gefürchtet.
(Klappentext)

25. Mai 2020

Die Rückeroberung

Franz Hohler: Die Rückeroberung,
Luchterhand, Darmstadt + Neuwied, 1982
Was ist da eigentlich los? Zunächst fing alles ganz harmlos an. Ein Adler taucht in der Stadt auf und verschwindet wieder. Dann aber kommt dieser Adler, der eigentlich in den Bergen zu Hause ist, mit einem zweiten zurück. Wenig später finden Passanten auf einem belebten Platz ein mächtiges Hirschgeweih. Um unerklärliche Zufälle allein kann es sich nicht mehr handeln. Besonders, da nun ein ganzes Rudel Hirsche durch die Stadt trabt und jemand schon einen Wolf gesehen haben will. Aber auch das ist erst der Anfang. Den Stadtbewohnern bleibt nichts anderes übrig, als zuzusehen, was geschieht.

Am Ende der «Rückeroberung» lässt sich der Erzähler seine Lage durch den Kopf gehen: «Es ist ruhig geworden vor dem Fenster (…) und ich sitze da und denke nach, ob es jetzt noch einen Sinn hat, die Stadt zu verlassen oder ob alles nur der Anfang von etwas ist, das sich von hier aus undämmbar ausbreiten wird.» Von dieser Ratlosigkeit werden viele von Hohlers Helden ergriffen. üb es sich um den braven Musiker handelt, dem erklärt wird, wie er, ohne entdeckt zu werden, eine Bombe zünden kann, oder um den Mann, der sich vor langen Jahren ein Halstuch mit einem kleinen Elefanten als Emblem kaufte – sie werden, und können sich nicht dagegen wehren, in unvorhersehbare Ereignisse verwickelt.

Franz Hohler berichtet in seinen neuen Erzählungen von einem Alltag, dessen glatte und gewöhnliche Oberfläche Risse bekommen hat. Mit einer für ihn neuen Ausführlichkeit, auf Stimmungen, Hintergründe, weit verzweigte und verästelte Beziehungen eingehend, schildert er unheimliche und irritierende Begebenheiten, die so überzeugend klingen, als könnten sie täglich eintreten.
(Klappentext)

24. Mai 2020

Der Granitblock im Kino

Franz Hohler: Der Granitblock im Kino,
Ex Libris, Zürich, 1983
In diesen Geschichten treten Tausendfüssler, Regenwürmer, Schuhe und Schrauben auf, die sich anders verhalten, als man es von ihnen erwarten könnte: ganz anders. (Klappentext)

Mit Zeichnungen von Arthur Loosli.

23. Mai 2020

Das verspeiste Buch

Franz Hohler: Das verspeiste Buch,
Schöffling, Frankfurt, 1996
«Diese Geschichte begann damit, dass mein Urgrossvater, den ich selber noch gekannt habe, einmal nach Basel reiste.»

So begann Franz Hohler für den Almanach Von Büchern & Menschen eine Geschichte, die nach einigen Seiten mit den Worten Fortsetzung folgt endete. Nach sechs Fortsetzungen war der Urgrossvater wieder auf dem Rückweg und wir schrieben das Jahr 1994. Nachdem der Urgrossvater sich in der ersten Geschichte von seiner Familie verabschiedet hatte, treffen wir ihn in der zweiten nun richtig auf dem Weg nach Basel. Das war ein fünfstündiger Fussmarsch, bei dem er mehrfach einkehrte, denn es war heiss. Auf dem Markt schaute er sich alles Sehenswerte an, vor allem die dicke Berta, und beschloss dann, sich vor dem Rückweg noch ein wenig zu stärken. Nun muss man wissen, dass der Urgrossvater kurzsichtig war, aber nicht zum Optiker wollte, sondern immer, wenn im Dorf ein Brillenträger verstorben war, ins Trauerhaus ging und fragte, ob die Brille des Toten noch gebraucht würde. So sitzt nun der Grossvater in einem Gasthaus und versucht, die Speisekarte zu entziffern.

Schüblig mit Buchbrot bestellt er ein Jahr später, und fragt auch gleich, was denn ein Buchbrot sei. Das sei die Spezialität des Hauses antwortete ihm der Kellner, der als Spassvogel bekannt war. «Das Bein des grossen R hatte sich im Flimmern seines kurzsichtigen Blicks zu einem B gekrümmt, und wichtiger als das Brot war ihm ohnehin  der Schüblig …»

Der gespannte Leser musste damals ein Jahr lang warten, bis die Spezialität des Hauses vor dem Urgrossvater stand. «Jetzt fasste der Kellner mit einem grossen Servierlöffel und einer zweizinkigen Gabel in die Schüssel hinein, und was er nun heraushob und auf den Teller legte, so dass es appetitlich dampfend neben dem Schüblig zu liegen kam, konnte nur eines sein, nämlich ein Buch.»

Wie der Urgrossvater die Situation meisterte und doppelt siegreich daraus hervorging, kann nun, von Hans Traxler wunderbar illustriert, nachgelesen werden.
(Klappentext)

22. Mai 2020

Franz und René

Franz und René auf dem Auslfug, Zytglogge, Bern, 1978
Seit Jahren machen Franz Hohler und René Quellet Kindersendungen am Schweizer Fernsehen und sind den Kleinsten als «Franz und René» ein Begriff. In jede dieser Sendungen ist jeweils ein kleiner Stummfilm eingebettet, welcher die beiden in irgendeiner Situation im freien zeigt. Zwei dieser Stummfilme hat Eduard Widmer Phase für Phase fotografiert, so dass daraus zwei Fotogeschichten entstanden sind, die man jetzt in aller Ruhe anschauen kann. So wie im Film auf einen Begleittext verzichtet wird, wird auch im Buch auf einer; Text verzichtet, denn es sind tatsächlich Geschichten, die Kinder jeden Alters verstehen. (Klappentext)

Franz und René als Speiteure, Zytglogge, Bern, 1978

21. Mai 2020

Wo Türme sich erheben

Mein erster Beizenbesuch nach über zwei Monaten
Was für eine 18-Kilometer-Route vergangenen Samstag im Südosten Basels! Ich ging vom Bahnhof Dornach-Arlesheim, wo ich einst einen Teil meiner SBB-Lehre absolvierte, via Gempenturm zu den drei Burgruinen auf dem Wartenberg und von da hinab nach Muttenz. Und dies waren die Glanzlichter:
  • Ein Schulhausareal ist neuerdings ein «Cocon», wie ich, Coronavirus sei’s gedankt, auf einem Plakat beim Schulhaus Brühl in Dornach las.
  • Der Gratweg im Ramstelwald auf den Anstieg nach Gempen.
  • Das Restaurant Gempenturm auf der Schartenfluh, wo ich in der noch leeren aber heimeligen Gaststube einem gutgelaunten Wirt begegnete. Es war dies mein erster Beizenbesuch seit mehr als zwei Monaten.
  • Die Besteigung des Gempenturms, an dessen Drehkreuz ich beinahe stecken blieb, den ich ganz für mich allein hatte. Phänomenale Aussicht auf die Basler Agglomeration.
  • Herrliche Waldpartien mit blühendem Bärlauch auf dem Weg zum Wartenberg.
  • Die drei begehbaren Burgruinen auf dem Wartenberg oberhalb von Muttenz. Zwei dieser Befestigungen haben je einen Turm. Ich bestieg sie und wurde wiederum mit einem weitreichenden Panorama belohnt.
  • Das gratis benutzbare Fernrohr auf einem der Türme blendete die Beschriftung der Sehenswürdigkeiten zielgenau ein. Genial!
  • Die reformierte Kirche St. Arbogast in Muttenz war der kunsthistorische Brüller. Der Kirchenhof ist von einer burgähnlichen Mauer umgeben und wird durch einen Turmbogen betreten. In der Kirche und dem benachbarten ehemaligen Beinhaus befinden sich vorreformatorische Wandgemälde. Im hinteren Teil des Innenhofs steht eine Sammlung mit Dutzenden von alten Grenzsteinen aus dem Muttenzer Gemeindebann.
Eine ausführliche Bildstrecke dieses Maibummels gibt es hier.

20. Mai 2020

Poulet im Chörbli

Barbara Traber: Poulet im Chörbli,
Licorne, Bern, Langnau, Murten, 2002
Sechzehn Mundartgeschichten präsentiert uns die aus Thun stammende und in Worb bei Bern lebende Autorin Barbara Traber. Und eine jede dieser Geschichte fesselt den Leser vom ersten Satz an. Es ist dies das erste Mundartbuch von Barbara Traber, das mir in die Hände gekommen ist. Und was ich schon bei den Hochdeutschen Texten Trabers festgestellt habe, dass sie ein unglaubliches Erzähltalent besitzt, setzt sich nahtlos im vorliegenden «Poulet im Chörbli» fort: Ob sie nun als Putzfrau schreibt, die in der Berner Altstadt jeden Tag den Dreck der Drogen- und Partyszene vor dem Hauseingang auflesen oder wegfegen muss; oder ob sie ein Zwiegespräch mit Robert und Klara Schumann führt, die beide von einem Bild ins Küchenrund blicken; oder ob sie von ihrer Reise nach Berlin berichtet, dem indischen Jungschriftsteller aus Deutschland, für den sie in Bern eine Lesung organisiert, die schliesslich ins Peinliche abdriftet: Barbara Traber weiss, wie man die Leserschaft bei der Stange hält, und zwar in einem derart astreinen und unkompliziert niedergeschriebenen Berndeutsch, dass ich ewig hätte weiterlesen können.

Eine der Geschichten kam für mich indes völlig unterwartet: Jene des Schweizer Flugpioniers Ernest Failloubaz (*21. Juli 1892 in Avenches † 14. Mai 1919 in Lausanne). Failloubaz war der Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers und Gemeindepräsidenten von Vallamand. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog er mit seiner Mutter und einer Halbschwester nach Avenches, wo seine Mutter zusammen mit ihrer Mutter die elterliche Bäckerei führte. 1902 wurde er Vollwaise und erbte ein grosses Vermögen.



Am 10. Mai 1910 flog Failloubaz als erster mit einer Maschine Schweizer Bauart, die von René Grandjean konstruiert worden war. Aufgrund seines jugendlichen Alters nannte man Failloubaz «le gamin volant» (das fliegende Kind). Am 15. Mai 1910 unternahm Grandjean selber einen Flugversuch, bei dem die Maschine zerstört wurde. Am 28. September 1910 flog Failloubaz in sechs Minuten mit einer Blériot von Avenches nach Payerne. Mit diesem Hupfer gelang Failloubaz der erste innerschweizerische Flug von Stadt zu Stadt. Bereits am 2. Oktober folgte ein Flugtag auf dem neu gegründeten Flugplatz in Avenches und ein Flugmeeting vom 8.–10.Oktober in Bern, wo Failloubaz die erste Schweizer Pilotenlizenz erhielt.

Im September 1911 führte die Schweizer Armee die ersten Aufklärungsflüge durch. Beim fünften Einsatz mussten Failloubaz und Beobachter Gustave Lecoultre mit dem angemieteten Dufaux-Flugzeug notlanden. Der Versuch, die Vorzüge der Luftaufklärung aufzuzeigen, war damit vorerst gescheitert. Aus gesundheitlichen Gründen wurde Failloubaz im Ersten Weltkrieg nicht als Militärpilot rekrutiert. Nachdem Failloubaz sein gesamtes Vermögen in den Aufbau einer Flugschule und einer Flugzeugfabrik in Avenches investierthatte, starb er 1919 völlig verarmt im Kantonsspital Lausanne an Tuberkulose.


Seit 1942 steht im Hof des Schlosses von Avenches ein von der Societé de Développement d'Avenches errichtetes Denkmal. 1960 errichtete die Stadt Avenches auf dem Militärflugplatz Payerne ein Denkmal zur Erinnerung an den ersten Flug von Stadt zu Stadt. Am 4. März 2010 gab die Schweizer Post anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Schweizer Luftfahrt die Sondermarke Ernest Failloubaz im Wert von 85 Rappen heraus.

Die Autorin
Barbara Traber (*23. Februar 1943 in Thun) besuchte nach der obligatorischen Schulzeit die Wirtschaftsmittelschule in Bern, die sie mit dem Handelsdiplom abschloss. Anschliessend arbeitete sie in London als Privatsekretärin von Elias Canetti. In Lagos war sie als Sekretärin des Schweizer Botschafters tätig. Danach fing sie als Flight Attendant bei den Trans World Airlines in Paris an. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz arbeitete Traber als Sekretärin im Hallwag-Verlag sowie im Radio Studio Bern. Seit 1979 ist sie freie Schriftstellerin, auch als Lektorin, Korrektorin, Journalistin, Übersetzerin und Herausgeberin zahlreicher Mundart-Anthologien tätig. Sie ist Mitglied des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins (BSV) und des Vereins der Autorinnen und Autoren der Schweiz. Von 1993 bis 1999 war sie Generalsekretärin des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Barbara Traber war mit Markus Traber († 2010), dem bekannten Liedermacher und Mitglied der Berner Troubadours, verheiratet. Sie lebt mit ihrer Familie in Worb.

19. Mai 2020

Norwegens Fjordland

Merian – Das Monatsheft der Städte und
Landschaften, Norwegens Fjordland,
Hef 3/XXI
In den Tagen unserer Grosseltern, als die Kaiseryacht «Hohenzollern» alljährlich ihren Ferienkurs hierhersetzte, ein Reiseziel comme il faut – ist eine Wiederentdeckung wert: Nirgends sonst sind Meer und Gebirge so verschwistert, nirgends «entfällt soviel Natur auf den Kopf der Bevölkerung», jenes liebenswerten Menschenschlages, der Wikingertradition in einen eigenen Lebensstil zu übersetzen verstand. (Über dieses Heft, Seite 2)

18. Mai 2020

Und werde immer Ihr Freund sein

Eveline Hasler: Und werde immer Ihr Freund
sein, Nagel & Kimche, München, 2010
Alle drei haben eine schwierige Zeit hinter sich, als sie in der Tessiner Abgeschiedenheit aufeinandertreffen. Hermann Hesse, mitten ın der Arbeit an «Sidaharta», hat sich von seiner gemütskranken Frau und seinen drei Kindern getrennt. Hugo Ball verlor auf tragische Weise seinen geliebten Freund Hans Leybold. Und Emmy Hennings. frisch mit Ball verheiratet, hat eine unruhige Zeit voller Liebhaber und Drogen durchlebt. Dabei waren sie alle ungeheuer produktiv gewesen – in Zürich hatten die Balls mit Tristan Tzara, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck und Hans Arp das Cabaret Voltaire gegründet, die Wiege des Dada. Hesse war ein Jahr zuvor mit «Demian» ein grosser Erfolg geglückt. In der Tessiner Idylle werden sie von der eigenen Unruhe nicht verschont: Hesses Beziehung zu der Tochter des Messerfabrikanten Wenger wird zunehmend schwierig. Hugo Ball vertieft sich in Psychoanalyse und Mystik, Emmy Ball überlebt mit Bücherschreiben und einsamen Reısen.

Eine einfühlsame. faszinierende Annäherung an drei schöpferische Menschen in einer Zeit voll neuer Impulse – und die Geschichte einer grossen gegenseitigen Zuneigung.
(Klappentext)

17. Mai 2020

Zu Fuss bis Jerusalem

Hildegard Aepli: Zu Fuss bis Jerusalem,
Echter, Würzburg, 2012
Vom Sommer bis Weihnachten 2011 pilgerte , Hildegard Aepli zu Fuss von der Schweiz nach Jerusalem. Dieser 4300 km lange Weg führte sie zusammen mit Esther Rüthemann, Franz Mali und Christian Rutishauser durch insgesamt elf Länder mit mindestens neun verschiedenen Sprachen. Herausgefordert waren sie dabei auf vielfältige Weise: körperlich durch die Sommerglut auf dem Balkan; politisch durch die immer noch sichtbaren Spuren des Krieges in Kroatien und Serbien, die Spannungen im «heiligen» Land selbst und vor allem die Bürgerkriegssituation in Syrien. Herausgefordert waren die vier Pilger aber auch als Theoioginnen und Theologen, die in der katholischen Kirche arbeiten und sie damit vertreten, gingen sie doch den Weg der alten Kreuzfahrer. Diese Erfahrungen reflektiert und meditiert Hildegard Aepli in ihren Gedichten als ein überwältigendes spirituelles Abenteuer. (Klappentext)

Hildegard Aepli, geboren 1963, nach dem Theologiestudium als Pastoralassistentin, Exerzitienleiterin, geistliche Begleiterin und heute im Pastoralamt des Bistums St. Gallen tätig.

16. Mai 2020

Lokomotivführer Lombardi

Emilio Geiler: Lokomotivführer Lombardi,
Schweizer Volksbuch-Gemeinde, Luzern,
1970, (Original erschien 1944)
Emilio Geiler, dessen Eisenbahnerroman «Gotthard-Express 41 verschüttet» vor wenigen Jahren in der SVB erschienen ist, erzielte einen grossen Erfolg und war rasch vergriffen. Auch in diesem Buch greift der Verfasser ein Motiv aus dem Eisenbahnerleben auf, das er uns diesmal vom Führerstand der Lokomotive aus zeigt, auf dem er selbst Fachmann ist. – Battistino Lombardi, der Held dieses prächtigen Buches. wächst im Gotthardhospiz auf, das seit Jahrhunderten den Lombardis gehört. Battistino ist ein echter Gebirgler, zäh und tüchtig, und, im Gegensatz zu seinem Vater, für alles Neue aufgeschlossen. Daraus entsteht ein Konflikt zwischen Vater und Sohn, denn der alte Lombardi bringt wenig Sympathien auf für das Neue. Vergeblich hat er sich um den alten, stolzen Betrieb bemüht, in dem Ross und Wagen die führende Rolle spielen.

Das Fuhrwerk verliert mit dem Durchbruch des Gotthardtunnels an Bedeutung, da nun die Eisenbahn den Menschen- und Warentransport übernimmt. Ebenso vergeblich kämpft der alte Lombardi mit zäher Verbissenheit um den Sohn, als den Erben seines Lebenswerkes. – Battistino aber lässt sich nicht halten, denn ihn hat die Technik in ihren Bann gezogen. Diese ist ihm zuerst in den Autos begegnet. Als der Schulentlassene dem Vater mitteilt, er möchte Chauffeur werden, weist ihn der Vater aus dem Hause. Battistino ist auf sich selbst angewiesen. Bald lernt er die Welt der Eisenbahner kennen, die ihn so fesselt, dass er sich entschliesst, Lokomotivführer zu werden.

Und jetzt erfahren wir, dass das frühere Eisenbahnerleben noch viel härter war als das unsere. Eine zarte Liebesgeschichte und der vorsöhnende Ausgang prägen den spannenden Roman, und sorgen zugleich für eine gemütvolle Unterhaltung.
(Klappentext)

Emilio Geiler (*1900 in Bellinzona †1971 in Locarno) stammte aus einer Deutschschweizer Familie und arbeitete als Lokführer bei den SBB. In seiner Freizeit betätigte er sich als Schriftsteller und verfasste nebst dem autobiografischen Roman «Lokomotivführer Lombardi», den Roman «Echtes Falschgeld» sowie den oben erwähnten Roman «Gotthard-Express 41 verschüttet», für den er 1951 den «Prix Chatrian» erhielt. Als militanter Sozialist kämpfte er schon früh gegen den aufkommenden Faschismus der Nazis.

15. Mai 2020

Der Burgenweg von Zweisimmen

Eine von mehreren, leider nicht mehr vorhandenen Wehranlagen am Burgenweg von Zweisimmen: der Wehrturm Steinegg
Auf dem Weg von Boltigen nach Zweisimmen gelangte ich kürzlich unerwarterterweise auf den Burgenweg Zweisimmen–Grubenwald. Bei dieser Burgendichte rund um die Simmentaler Metropole einen Themenweg einzurichten, liegt auf der Hand. Diesen in seiner vollen Länge zu begehen, werde ich mir für später aufheben. Eine informative Website gibt indes einen repräsentativen Vorgeschmack auf das, was den am Mittelalter interessierten Wanderer erwartet. Fotos meiner Wanderung von Boltigen nach Zweisimmen gibt es zudem hier.

14. Mai 2020

Wenn der 14. Mai am 18. September stattfindet


In heutiger Zeit gibt es kaum einen Kalendertag, der nicht irgendeinem Thema gewidmet ist. Jährlich wiederkehrend. Unerbittlich. So gibt es in Deutschland jeweils am 14. Mai den «Tag des Wanderns». Dazu schreibt der Deutsche Wanderverband auf seiner Website:

Der Tag des Wanderns informiert bundesweit über die ganze Vielfalt einer der beliebtesten Freizeitaktivitäten in Deutschland: Das Wandern. An diesem Tag wird deutlicher als sonst, wie vielfältig das ehrenamtliche Engagement der unter dem Dach des Deutschen Wanderverbandes (DWV) organisierten Menschen für die Gesellschaft ist. Naturschutz, Infrastruktur für den boomenden Wandertourismus, Gesundheit, Gemeinschaft – Themen, die ohne ehrenamtliche Engagement kaum noch mit Leben zu erfüllen wären.

Der Tag des Wanderns steht allen Menschen offen. Auch die Angebote stammen keineswegs ausschliesslich von DWV-Mitgliedsvereinen. Auch Umwelt-, Tourismus- und andere Organisationen sowie Natur- und Nationalparke und sogar ganze Regionen laden bundesweit zu Aktionen rund um das Thema Wandern ein.

Der 14. Mai – Tag des Wanderns war auch im Jahr 2019 wieder ein voller Erfolg.  Mit rund 400 Veranstaltungen und ca. 13.000 Teilnehmern in allen Bundesländern hat der 14. Mai – Tag des Wanderns über eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen und eine der wichtigsten Tourismusbranchen in Deutschland informiert. Mitgliedsvereine des Deutschen Wanderverbandes (DWV), aber auch viele Unternehmen, Schulen, Naturschutz- und andere Organisationen sowie der Einzelhandel zeigten, was Wandern bedeutet und vor allem, wie viel Spass es macht.


Der 14. Mai wurde übrigens gewählt, weil es sich bei diesem Datum um den Gründungstag des DWV handelt: 14.5.1883. Und weil Wandern in Gruppen heuer im doppelten Sinn ansteckend wirken kann, musste der Anlass auf den 18. September 2020 verschoben werden. Es wird ein Freitag sein. Der 14.5. wäre ein Donnerstag gewesen. Statistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit um einiges grösser, dass der Tag des Wanderns auf einen Arbeitstag und nicht auf einen Wochenendtag fällt. Eigentlich schade, oder will der DWV das Klischee zementieren, dass das Wandern eher etwas für Ruheständler ist?

13. Mai 2020

Pfannenstiel

Albin Zollinger: Pfannenstiel, Ex Libris,
Zürich, 1983
1954, als dem Werk Albin Zollingers erstmals eine Dissertation gewidmet wurde, konnte man lesen: «In seinen vier Gedichtsammlungen breitet Zollinger vor uns seine Kostbarkeiten aus, und in seiner stark autobiographisch durchsetzten Prosa enthüllt er uns die Problematik seines Lebens.» – Wie wir heute wissen, bestand die Problematik unter anderem auch darin, dass Zollinger darunter litt, als formbewusster Lyriker, nicht aber als politisch engagierter Prosaist ernstgenommen zu werden. Wer Zollingers im erwähnten Sinne «problematischstes» Buch, den Künstlerroman «Pfannenstiel», heute unvoreingenommen liest, wird erkennen, dass nicht der Dichter, sondern seine Kritiker irrten.

Alle Achtung vor Zollingers Lyrik, aber diese unverkennbar autobiographische Erzählung von dem Künstler, der an der Liebe leidet und an der Verständnislosigkeit seiner Umwelt fast zugrunde geht, dann aber doch seinen Mann stellt, als das Land in Gefahr ist – diese Erzählung macht einen von Seite zu Seite stärker betroffen und überzeugt in ihrer ehrlich-poetischen Attitüde auch da, wo sie nicht zu hehrer Vollkommenheit ausgereift ist!

Die Neuausgabe, die erstmals auch Passagen enthält, die 1940 aus politischen Gründen gestrichen werden mussten, zeigt im übrigen das leidenschaftliche, aber weitsichtige Engagement Zollingers besonders deutlich auf. Doch nicht nur indirekt, auch direkt dokumentiert dieses Buch die Kriegsstimmung von 1938/39 in einzigartiger Weise. So liest man es als das Vermächtnis eines Dichters, dessen Leben in eine böse Zeit fiel. (Klappentext)

12. Mai 2020

Schönes Panorama

Ich war auf der Suche nach einer jahreszeitlich stimmigen Zweitagestour mit Zelt. Nach sechs Wochen selbstauferlegter Beschränkung auf das Bernbiet, sollte es etwas Ausserkantonales sein. Fündig wurde ich in der Ostschweiz, konkret im Obertoggenburg. Startend in Krummenau führte die Route an der östlichen Talseite vorerst stark ansteigend auf eine Höhe, die mir bei der Planung als ziemlich panoramaverdächtig erschien. Einmal die gewünschten Meter über Meer erreicht, war die Fortsetzung simpel: In leichtem Auf und Ab der Hanglehne entlang hoch über der Thur bis Wildhaus.

Krummenau – Wildhaus: Auf halber Höhe das volle Panorama.


Herausgekommen ist eine 24,3 km lange, auf zwei Tage verteilte Wanderung, die fürwahr als aussichtsreich bezeichnet werden kann. Selbst der Biwakplatz liess keine Wünsche offen, dies dank des freundlichen Einverständnisses des vor Ort anwesenden Älplers, meine Stoffhütte auf seinem Gelände aufbauen zu dürfen. Bilder des ersten Tages dieser Unternehmung gibt es hier und hier für die zweite Etappe.

11. Mai 2020

Das verlorene Tal

Hannes Taugwalder: Das verlorene Tal,
Verlag Glendyn, Aarau,
Das verlorene Tal ist mehr als eine Erzählung. Auch mehr als ein autobiographischer Bericht über ein Hirtendasein in den Zermatter Alpen. Das verlorene Tal ist ein Zeitdokument. In spannenden Abschnitten erleben wir den Alltag einer Bergbauernfamilie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, ihren harten Kampf, die langen Winter zu überleben, aber auch die vielen heiteren und fröhlichen Episoden eines gesunden Menschenschlages.

Wir müssen dem Autor dankbar sein, dass er in so offener und freimütiger Art von sich und seinen Eltern erzählt. Von der Mutter, die sich als Novizin aus dem Kloster stiehlt, vom Vater, der, nach erfolgreichen Expeditionen, als geschlagener Bergführer mit erfrorenen Gliedern aus den Anden nach Hause zurückkehrt.

Von ganz besonderer Dichte und eigenem Reiz sind die Erlebnisse, in denen der Autor aus eigenen Erinnerungen schöpft. Seiner ersten Jugendsünde begegnen wir im Beichtstuhl. Er holt den zechenden Vater aus der Pinte, verbringt mit einer mannstollen Sennerin den Sommer auf der Alp, muss in stockfinsterer Nacht durch einen sagenträchtigen Geisterweg, um einem kranken Tier Hilfe zu bringen, und besucht auf einem gefahrvollen Weg seine Mutter in der Matterhornhütte, die dort als Köchin die Bergsteiger betreut.

In der Einsamkeit des Hirtenlebens redet der Junge mit den Bergen, hört Laute, die vielleicht eine Quelle verplaudert, und betrachtet am Himmel seltsame Wolkengebilde. Die Fremden nennen ihn öfters «Geissenpeter», obwohl er mit Johanna Spyris Geissenpeter wenig Gemeinsames hat. Ein Armbruch bringt dem wilden Buben ein völlig anderes Dasein. Infolge Komplikationen sucht er Hilfe im Kinderspital in Bern. Es gelingt den Ärzten, den Arm vor einer Amputation zu retten. Der anschliessende Prozess gegen den Landarzt findet ein unrühmliches Ende. Um die Prozesskosten zu decken, müssen die Eltern eine der beiden Kühe hergeben. Als die Zukunftsaussichten recht düster aussehen, findet sich im Teehüttli Aroleid ein holländisches Ehepaar ein. Sie bauen dem Jungen eine Brücke in ein neues Leben. Seinen Traumberuf, Bergführer zu werden, muss er aber begraben. Er verlässt das Tal. – Das verlorene Tal. 


Hannes Taugwalder schreibt in einer ihm eigenen urchigen Sprache. Seine kritische Betrachtungsweise, die an vielem Althergebrachtem kratzt, reizt immer wieder zum Schmunzeln. Vom Schicksal des Knaben ist man gepackt. (Klappentext)

BE: Kinderspital Bern, Stadt Bern BS: Stadt Basel LU: Luthern VS: Zermatt, Turtmann, Sion, Alp Kalbermatten/Zermatt, Zumsee, Sierre, Hörnlihütte, Hotel Monte Rosa Zermatt, Stafelalp/Zermatt, Mattertal

Hannes Taugwalder (21.12.1910–8.11.2007) stammte aus dem Kanton Wallis. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Zermatt auf und erlitt eine Behinderung an der linken Hand. Trotzdem konnte er in Zürich eine Banklehre absolvieren und eine steile Karriere erklimmen: Er stand an der Spitze eines Warenhauses und einer Strickwarenfabrik. Bis in die 1980er Jahre fabrizierte er, mit seiner Firma Aroleid AG, selbst Damen- und Kinderkleider. Taugwalder schrieb Texte in Walliser Mundart und verfasste mit «Das verlorene Tal» (1979) und «Der verlorene Weg» (1982), «Einsamer Mond» (1990) und «Auf-Bruch» (1992) seine Autobiografie. Sein politisches Engagement führte ihn als Mitglied der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die 1971 in der SVP aufging, in den Einwohnerrat der Stadt Aarau, dem er von 1970 bis 1973 angehörte, und in die Paritätische Kommission der Schweizerischen Konfektionsindustrie. Später trat er der FDP bei, und in seinen letzten Jahren war er parteilos.

10. Mai 2020

Hausaufgaben

Jakob Arjouni: Hausaufgaben, Diogenes,
Zürich, 2004
War er seiner Familie, seinen Schülern nicht immer ein leuchtendes Vorbild? Und nun muss Deutschlehrer Joachim Linde «peinlichstes Privatleben» vor seinen Kollegen ausbreiten, um seine Haut zu retten. Denn alles in seinem Leben scheint die schlimmstmögliche Wendung genommen zu haben. (Klappentext)

«Man muss diesen Autor immer wieder dafür rühmen, wie er seine sympathischen Erzählwelten mit beiläufiger Könnerschaft gestaltet und mit leichter Hand auch die ganz grossen Themen in bescheidene Miniaturen lockt. Jedes dieser Zaubermärchen ist auch eine Parabel von der Macht der Welterfindung gegen alle Idiotie.» Tobias Däring, Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Das ist ein Buch für alle, für die gebildeten Dauerleser und für die etwas zögerlichen Einsteiger. Sie werden sich bestens unterhalten!» Elke Heidenreich, ZDF, Lesen!

9. Mai 2020

Sanduhren im Fels

Emil Zopfi: Sanduhren im Fels, Limmat,
Zürich, 1994
«Warum steigt ihr auf Berge?» Ludwig Hohl hat die Frage gestellt, und Emil Zopfi gibt immer wieder neue Antworten, seit er vor über dreissig Jahren zum ersten Mal eine Felswand erkletterte. Was ist der Sinn des scheinbar Sinnlosen? «Der Fels ist für mich wie ein Buch. Diese Bänder, Risse, Kamine, Dächer sind Wörter einer ganz besonderen Sprache.»

Emil Zopfi hat die Entwicklung vom traditionellen alpinen Bergsteigen zum modernen Sportklettern mitverfolgt und mitgemacht. Er erzählt von den «letzten Abenteuern unserer Zeit», von dem Versuch, dieser Zeit zu entrinnen. Für seine «gedankliche Auseinandersetzung mit dem heutigen Bergsteigen» wurde Emil Zopfi 1993 mit dem ersten Kulturpreis des Schweizer Alpenclub (SAC) ausgezeichnet.
(Klappentext)

8. Mai 2020

Nachtquartier

Alexander Heimann: Nachtquartier, Erpf,
Bern, 1987
Eigentlich suchte die junge Frau nur Unterschlupf vor dem Gewitter in den Bergen, Quartier für eine Nacht. Doch sie bleibt gefangen im Bannkreis dieses einsamen Hauses, dem geheimnisvollen Mann und seinem Hund. Aber hat auch sie ein Geheimnis zu verbergen? – Und während draussen die Jahreszeit wechselt und die Farbtöne der nahen Wälder und Flühe sich dauernd verändern, bleiben sie im Haus, belauern und umkreisen sich gegenseitig, hinter knarrenden Türen, auf der finsteren Treppe, in der verrauchten Küche … 

Mit «Nachtquartier» legt der Schweizer Buchhändler und Schriftsteller Alexander Heimann seinen vierten Roman vor. Brauchte er bei «Lisi» (1980) noch Hinterland für eine turbulente Flucht, bei «Die Glätterin» (1982) die trügerische Idylle eines Bauerndorfes und bei «Bellevue» (1984) zumindest die Kulisse einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung, so konzentriert sich die Handlung von «Nachtquartier» ausschliesslich auf die beklemmende Enge eines verwahrlosten Hauses in verlassener Gebirgslandschaft. Aus der Banalität alltäglicher Ereignisse steigert sich die Geschichte in rasantem Tempo hin zu einem entsetzlichen Finale … (Klappentext)

7. Mai 2020

Mein lieber Schwan

Es war zu Beginn der 1990er-Jahre, als ich mit einer jungen Frau, in die ich schauderhaft verliebt war, einen Spaziergang in der Umgebung von Mühleberg unternahm. Hierbei legten wir im Schwanen in Allenlüften eine Rast ein. Wir liessen uns auf der kleinen Terrasse nieder. Ich mit einer Stange, sie mit einem Rivella blau. Vor ein paar Wochen hatte ich in der Gegend fussgängerisch zu tun, indem ich vom besagten Mühleberg nach Thörishaus schrittelte. Und weil mich meine Route durch Allenlüften führte, war ich gespannt darauf, ob es diese Beiz noch gab.

Sie existierte noch, allerdings lediglich in Form des Gebäudes, an dessen Fassade ein verbleichtes Wirtshausschild hing. Ich zückte die Kamera und machte, in memoriam von Bier, Rivella und rosaroter Brille, ein paar Bilder. Zu Hause erfuhr ich im Web, dass der Schwanen im Mai 2013 von der siebten Generation übernommen worden war, die jedoch knapp ein Jahr später die Segel streichen musste. Ende, aus, fertig. Weshalb auch immer, der Schwanen zu Allenlüften ist kein Einzelschicksal in der Beizenlandschaft Schweiz. Dennoch fand ich es schade, dass in diesem kleinen Ort ein traditionsreiches Haus – über der Eingangstüre ist immerhin das Jahr 1679 eingekerbt – keine Gäste mehr bewirtet.

Gedankenverloren zog ich weiter südostwärts, geriet hierbei auf die aussichtsreiche Ledifluh und später durch den grossen Forstwald, in dem sich mitunter skurrile Landschaftseskapaden abspielten. So oder so, es war eine bombastische Frühlingswanderung durch grünendes Gehölz, die, wie schon ein paar Wochen zuvor, an der S-Bahn-Haltestelle Thörishaus Dorf endete, wo ein Idiot ins Wartehäuschen gekotzt und andere, nicht weniger statthafte Zeitgenossen, ihren Unrat hinzugegeben hatten, als ob es in diesen Corona-Zeiten nichts Besseres gäbe, sein Unvermögen im öffentlichen Raum zu manifestieren. Bilder dieser Tour, insbesondere vom Schwanen in Allelüften, gibt es hier (garantiert ohne das Gekotze von Thörishaus).

6. Mai 2020

Ahoi Polaroid

Sobo Swobodnik: Ahoi Polaroid, Heyne,
München, 2011
Plotek und Vinzi haben ein Ziel: den hohen Norden, genauer gesagt das Nordkap. Dorthin soll es mit einem Hurtigruten-Schiff gehen. Mit dem Erlös eines mehr oder weniger legal in seinen Besitz gelangten Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner will Plotek seinem Kumpel einen lang ersehnten Traum erfüllen. Urlaub machen, Seele baumeln lassen. Aber nichts da. Schon bei der Anreise im Nachtzug von Berlin nach Oslo werden beide mit einer Leiche im Zugabteil konfrontiert. Und kaum haben sie mit der MS Finnmarken den Hafen verlassen, verschwinden auf mysteriöse Art und Weise weitere Mitreisende: ein evangelischer Pastor aus Nordhessen, ein ehemaliger Fussballprofi aus Ostdeutschland und ein schwäbischer Bundestagsabgeordneter. Als Plotek und Vinzi kurz darauf heimlich Polaroids untergeschoben werden, auf denen die Leichen der drei Vermissten in unappetitlichem Zustand zu sehen sind, scheint der Urlaub dahin. Was hat es mit den Polaroids auf sich, und Was verbindet die drei Männer? (Klappentext)

D: München-Neuhausen, Lauterbach, ICE-Fahrt München–Jena–Berlin, Nachtzug Berlin–Malmö S: Nachtzug Berlin–Malmö, Bahnfahrt Malmö–Göteborg, Bahnfahrt Göteborg–Oslo N: Bahnfahrt Göteborg–Oslo, Busfahrt Oslo–Bergen, Bergen, Fahrt mit dem Hurtigrutenschiff MS Finnmarken Bergen–Alesund–Geirangerfjord–Trondheim–Engabreen-Gletscher (Svartisen)–Tromsö–Honingsvag, Busfahrt Honingsvag–Nordkap–Honignsvag, Hurtigroute Honingsvag–Kirkenes

Moors Fazit: Eine Geschichte, die stimmig in München beginnt, driftet in eine ziemlich unglaubwürdige und sexistisch-schmuddelige Schmierenkomödie ab. Schade.

5. Mai 2020

Schönes Schandfleckwandern

Vorgestern ging ich von Laupen nach Mühleberg. Und wer Mühleberg hört, denkt unweigerlich an das Kernkraftwerk. Nun, dieses steht glücklicherweise seit dem 19. Dezember 2019 still und wird in den kommenden Jahren komplett zurückgebaut. Noch weiss niemand, wo in der Schweiz der verbleibende radioaktive Abfall dereinst entsorgt werden wird, was einmal mehr beweist, wie hirnrissig das Geschäftsmodell KKW im Grunde genommen ist.

Frei nach dem Motto: «Wandert zum Kernreaktor, solange es ihn noch gibt», machte ich mich in Laupen auf den Weg, folgte dem Saanelauf bis zur seiner Einmündung in die Aare und unterquerte zuvor einen weiteren Schandfleck in dieser ansonsten wunderbaren Flusslandschaft mit ihren unvergleichlichen Auenwäldern: der Betonviadukt der Autobahn A1. Einmal beim KKW angekommen, war von aussen noch wenig von einem Rückbau zu sehen. Irgendwo zischte es ununterbrochen. Weit und breit keine Menschenseele. Der Korridor zwischen äusserem und innerem Sicherheitszaun erinnert unweigerlich an die Zeiten des Eisernen Vorhangs. Jeder zweite Lichtmast ist mit einer weitwinkligen Videokamera ausgerüstet. Ein Wunder, dass dem Gelände entlang ein frei begehbarer Wander- und Veloweg führt.

Gigantisch dann auch der Parkplatz für die Angestellten und Besucherströme. Wenige Meter weiter zeugen indes nur noch ein paar Hochspannungsleitungen von dem komatösen Stromerzeuger. Eine halbe Wegstunde später dann das Mühlebergwerk. Was nach Bergwerk klingt, ist freilich ein imposantes Stauwehr, betrieben von derselben Gesellschaft, die sich nun mit dem Rückbau ihres KKW beschäftigt – den Bernischen Kraftwerken BKW. Im Vergleich zum Kernkraftwerk hat das Stauwehr etwas Menschliches. Hier ist schnell mal erklärt, wie die Stromproduktion vonstatten geht. Beinahe jedem Kind ist klar, was geschieht, wenn ein Bach gestaut wird: Es entsteht ein See. In diesem Fall ist es der Wohlensee, den ich allerdings verliess und nach dem beschaulichen Dorf Mühleberg aufstieg, wo weder vom kurzlebigen KKW noch vom praktisch für die Ewigkeit gebauten Flusskraftwerk etwas zu sehen ist. Die umfangreiche Fotostrecke dieser knapp 18 Kilometer langen Wanderung gibt es hier.

4. Mai 2020

Zürich Paradeplatz

Armin Och: Zürich Paradeplatz, Scherz,
Bern, 1976
Auf Zürichs Paradeplatz laufen die geheimnisvollen Fäden zusammen, die schweizerische Geldkapitale wird zum Dickicht für Jäger und Gejagte. Da flieht eine biedere Hausfrau über die tschechische Grenze nach Österreich – und in Wien paktieren prompt Russen und Amerikaner. Da verlangt die Frau einen Ausländerpass – und Berner Beamte heften sich hektisch an ihre Fersen. Ein Arzt wird unverhofft wegen einer alten Geschichte erpresst, und ein Gastarbeiter mit dem Versprechen der Staatsbürgerschaft gefügig gemacht. Und eh sich der Leser versieht, ist sein Alltag, sein Milieu die Szenerie für eine Affäre, von der er sonst nur in der Zeitung liest – Spionage live.

Dieser Roman – angesiedelt in Zürichs internationaler Bannmeile – hat keine Superhelden à la James Bond. Seine Akteure sind Menschen wie du und ich – und deshalb faszinierender, wirklicher und gefährlicher. Die vertraute Welt wird doppelbödig. Warum schaut die Frau am Kiosk so gehetzt? Warum trägt der brave Bankmann im grauen Flanell seit gestern eine dunkle Brille? Warum steht das auffallend hübsche Mädchen einen halben Tag unabgeholt an der Normaluhr?

Was sonst immer nur anderen passiert, erlebt der Zeitgenosse im bedrohlichen Gedränge am Parade platz plötzlich in eigener Person: das Verhängnis ist so wirklich wie der Morgenkaffee. Armin Och verzichtet auf die phantastischen Sandkastenspiele der Super-Thriller-Schreiber. Er liefert Spionage live – aus der Welt, in der wir leben. Und die ist oft kälter, als sich ein James Bond träumen lässt.
(Klappentext)

3. Mai 2020

Der Wettermacher

Peter Weber: Der Wettermacher,
Suhrkamp, Frankfurt, 1993
Dies ist die unsägliche Geschichte des August Abraham Abderhalden, dem es grundsätzlich und endgültig die Sprache verschlägt, der zugeknöpft wird, wiederholt auf den Mund fällt, sich die Zunge abbeisst, den Kiefer bricht, an seinem zwanzigsten Geburtstag aber Wettermacher wird.

Dies ist die Geschichte des ersten Aprils neunzehnhundertneunzig, an dem das Wetter macht, was es will, mit der Sonne der Knopf aufgeht, der Wettermacher die Zeit zum Stillstehen bringt, der Welt den Kopf verdreht, zwischen Haus und Bahnhof seine Liebe sucht und findet.

Dies ist die Geschichte der wundersamen Landschaft Toggenburg, die am Himmel festgemacht ist, durch die der Erzählfluss fliesst, in die hinein die Brüder Freitag Melchior und August Abraham gepflanzt werden, aus der heraus die Familie Abderhalden kommt.
(Klappentext)

SG: Toggenburg, insbesondere Lichtensteig, Unterwasser, Wattwil ZH: Stadt Zürich

2. Mai 2020

Nachwuchs am Rücken

Sachen gibt's! Da publiziere ich seit Monaten ausschliesslich Covers von gelesenen Büchern mitsamt ihren Klappentexten und ringe mich für einmal durch, über ein anderes Thema zu bloggen, meinen neusten Rucksack nämlich (siehe Post von gestern), da erwartet mich tags darauf ein Paket vom Münchner Rother Verlag, für den ich den Wanderführer «Rund um Zürich» verfasst habe, und der 2019 erfreulicherweise in zweiter Auflage erschienen ist. Und waseliwas zeigt sich mir nach dem Öffnen der Schachtel? – Ein Rucksack! Weshalb verschickt nun ein Wanderbuchverlag ausgerechnet in diesen wirtschaftlich eher düsteren Zeiten jedem seiner Autoren einen Rucksack? Und dies notabene, nachdem der Verlagsleiter kürzlich per E-Mail mitteilen musste, dass der Pandemie wegen, der Druck von Büchern vorübergehend eingestellt worden sei. Der Grund ist so simpel wie einleuchtend: Der Rother Verlag feiert heuer sein 100-Jahr-Jubiläum!

Der erste Deuter-Rucksack in meiner Sammlung von mehr als 25 Exemplaren ist nicht irgendeiner!


Im vergangenen Jahr wurde ich zudem zur geplanten Jubelfeier auf der Zugspitze von Mitte Mai in diesem Jahr eingeladen. Im März kam dann wegen der Corona-Krise die Absage des Verlages. Man werde die Feier indes im kommenden Herbst nachholen, schrieb der Verlagsleiter Klaus Wolfsperger. Ob es in diesem Jahr noch zu diesem Anlass kommen wird, wissen die Götter. Zu hoffen ist es allemal, denn über eine Zeitspanne von 100 Jahren erfolgreich einen Buchverlag zu betreiben, ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr habe ich mich über diese Überraschung und den Nachwuchs für meinen Rücken aus Oberhaching bei München gefreut! Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch zu 100 Jahre Rother Verlag!

Ein äusserst funktionelles Bijou, dieser TRAIL 26 von Deuter mit dem schön gestalteten Jubiläumslogo des Rother Verlags.

Der neue Berg

Franz Hohler: Der neue Berg, dtv,
München, 1993
Die Anfänge sind eher harmlos. Ein lokales Erdbeben und einige Risse am Hügel über dem Keltengrab können niemanden einschüchtern. Auch als die Erdkruste weiter auseinanderbricht, vermag das die meisten Anwohner, die Politiker und auch die Fachmänner für Erdbeben nicht zu erschrecken. Routine und tägliches Einerlei haben alle Figuren fest im Griff. Die Fortschrittshörigen sind durch nichts zu erschüttern. Franz Hohler gibt ein Gefühl wieder, das ihn bei der Arbeit an diesem Roman begleitete: «Ich möchte ein Zeitgenosse sein, der dasselbe Augen- und Ohrenpaar zur Verfügung hat wie alle, die gerade leben, der aber vielleicht ausspricht, was andere nur denken. Einer, der auch Unbehagen artikuliert.» (Inhaltsangabe im Buch)

1. Mai 2020

Mein Arbeitstier am Rücken

Jede und jeder, der regelmässig draussen unterwegs ist, hat seine Lieblingsausrüstungsgegenstände. Einer davon ist für mich ein Rucksack der schwedischen Marke Fjällräven. «Abisko Friluft» nennt er sich. Und weil es ihn – löblich, löblich – in zwei verschiedenen Inhaltsgrössen, jedoch mit der jeweils gleichen Rückenlänge gibt, habe ich mir gleich beide Modelle angeschafft. Einmal in der 45-Liter-Version und zusätzlich in der 35-Liter-Ausgabe. Nebst dem für meinen Rücken optimalen Tragekomfort, besticht die Serie «Abisko Friluft» durch eine sehr gute Verarbeitungsqualität, einer wirklich genialen Fachaufteilung und -zugänglichkeit, sowie dem unwiderstehlichen Material «G 1000», bestehend aus einem Mischgewebe aus Baumwolle und Polyester, das sich seit Jahrzehnten prima bewährt hat. Hinzu kommt, dass Fjällräven ebenfalls seit Jahren auf dieselben dezenten Farben setzt, was die Produkte zu zeitlosen Klassikern macht, die man einfach gernhaben muss. Als Beispiele seien hier auch jene zwei Fjällräven-Jacken erwähnt, die ich mittlerweile seit beinahe 30(!) Jahren regelmässig trage, tadellos zu gebrauchen und betreffend Schnitt und Farbgebung nach wie vor en vogue sind. Das nenne ich im wahrsten Sinn des Wortes eine nachhaltige Produktion, von der sich so manches andere Outdoor-Label ein schönes Stück abschneiden kann. «Tack så mycket, Fjällräven!»

Kein Schnickschnack, kein Bändel zuviel: Das Modell «Abisko Friluft» von Fjällräven ist so etwas von durchdacht und qualitativ hochstehend, dass einer wie der Schrittler einfach mal eine Lanze für diese Marke und insbesondere für dieses Produkt brechen muss. Heja!

Richtig leben mit Geri Weibel

Martin Suter: Richtig leben mit Geri
Weibel, Diogenes, Zürich, 2001
Nach dem grossen Erfolg von Martin Suters «Business Class», Geschichten aus der Welt des Managements, nun auch seine Fortsetzungsgeschichten um den «Trendforscher» Geri Weibel erstmals in Buchform. Sie begeistern seit Mai 1997 die Leser des Schweizer NZZ-Folio. Seit ein paar Wochen die interaktive Kultstory!

Es gibt Leute, die werden das Gefühl nicht los, dass sie bei jedem neuen Trend hinterher hinken. Andere dagegen wissen erst gar nicht, was sie lifestylemässig bisher alles falsch gemacht haben. Beides sind optimale Kandidaten für «Richtig leben mit Geri Weibel». Denn Geri hat sich – nachdem er in so ziemlich alle Fettnäpfchen getreten ist – zu einer Art Trendseismograph in Fragen des derzeitigen Lifestyle herangebildet. Von A wie Alkohol, B wie Begrüssungsküsschen, F wie Fitness, K wie Kult, P wie Personality, S wie Szenelokal bis W wie Wohnung oder Weihnachtsrummel – Geri hat sie alle durchbuchstabiert und sich seine Gedanken dazu gemacht. (Klappentext)