31. Dezember 2016

Mein Blick zurück

Im Frühjahr 2016 startete ich mein Langzeitprojekt «Nordwärts»: Zu Fuss von Burgistein ans Nordkap!

Mein fussgängerischer Jahresrückblick besteht ausschliesslich aus positiven Meldungen: 79 sind es an der Zahl. Allen ein frohes Jahresende, geht mal nach draussen und wandert ein bisschen. Es lohnt sich!

Huttwil - Fritzenflue - Luthern
 Büro - Zollhaus
 Kleindietwil - Dürrenroth - Sumiswald
 Leimbach - Uto Kulm - Triemli
 Wichtrach - Oppligen - Heimberg
 Riedtwil - Bleuen - Kleindietwil
 Laufenburg - Cheisacherturm - Brugg
 Romanshorn - Amriswil - Muolen
 Lyss - Wengi - Schüpfen
 Lichtensteig - Köbelisberg - Brunnadern
 Muolen - Roggwil - Rorschach
 Zollikofen - Lindenthal - Vechigen
 Burgistein - Belp - Worb
 Le Landeron - Schernelz - Tüscherz
 Schmerikon - Kaltbrunn - Ziegelbrücke
 La Roche - Arconciel - Marly
 Thun Camping - Gwattegg - Thun Mösli
 Worb - Krauchtal - Schönbühl
 Schönbühl - Bätterkinden - Solothurn
 Thun Arena - Buchholz
 Solothurn - Hinter Weissenstein - Corcelles
 Büro - Thun Camping
 Deltapark (Gwattzentrum) - Seewinkel
 Ins - Erlach - St. Petersinsel
 Moskau - Stein am Rhein - Steckborn
 Corcelles - Vermes - Courchapoix
 Courchapoix - Welschgätterli - Zwingen
 Zwingen - Witterswil - Basel
 Sagno - Monte Bisbino - Muggio
 Muggio - Pianspessa - Mendrisio
 Sagno - Grenzstein 75 B - Stabio
 Sagno - Bruzella - Cabbio
 Brodhüsi - Obers Heiti - Oey
 Büro - Thun Bahnhof
 Grellingen - Meltingen - Büsserach
 Büro - Strättligenplatz
 Langenthal - Wolfwil - Murgenthal
 Rorschach - Rheineck - Rorschach
 Büro - Seewinkel
 Winterthur - Brütten - Dietlikon
 Lenk - Bummerenpass - Lenk
 Obermaad - Wendenalp
 Wendenalp - Alpiglen - Nessental
 Zürich HB - Stettbach - Kloten
 Köniz - Oberwangen - Neuenegg
 Jaunpass - Abländschen - Schönried
 Scuol - Sent
 Sent - Vnà - Martina
 Samnaun - Ravaisch
 Sent - Zuort - Sinestra
 Olten - Läufelfingen - Sommerau
 Mürren - Sefinental - Stechelberg
 Oeschseite - Rinderberg - Saanenmöser
 Belp Vehweid - Belpberg -Toffen
 Burgdorf - Bütikofen - Wynigen
 Kiental - Gorneren - Kiental
 Grotte de la Cascade (Môtiers)
 Niederrickenbach - Bristen - St. Jakob
 Renan - Les Savagnières - St-Imier
 Dietfurt - Oberhelfenschwil - Bazenheid
 Mattmark - Saas Fee - Saas Balen
 Burgdorf Steinhof - Lützelflüh - Zollbrück
 Grande Dixence - Pas de Meina - Evolène
 Evolène - St-Martin - Sion
 Thayngen - Büttenhard - Schaffhausen
 Büro - Thun Bahnhof
 Vernayaz - Salvan - Finhaut
 La Cibourg - La Chaux-d'Abel - St-Imier
 Simplon Hospiz - Simplon Dorf - Gono
 Lüderenalp - Schynen - Trub
 Wil - Balterswil - Aadorf
 Vernayaz - Evionnaz - St-Maurice
 St-Maurice - Choëx - Val d'Illiez
 Buus - Wenslingen - Buckten
 Cortébert - Métarie du Millieu de Bienne - La Neuveville
 Aadorf - Matzingen - Frauenfeld
 La Neuveville - Erlach - Ins
 Zäziwil - Schlosswil - Münsingen
Walchwil - Rossberg - Morgarten

29. Dezember 2016

Tauschbibliotheken – eine gute Sache!


Seit ein paar Jahren gibt es in der Schweiz in verschiedenen Städten sogenannte Tauschbibliotheken. An öffentlichen Plätzen – meist im Freien – sind Büchern bestückte Vitrinen aufgesteltt. Wer ein oder zwei Titel daraus haben möchte, bringt ein oder zwei Bücher mit und tauscht sie um. Eine tolle Idee! Ich bin bislang dank dieser Einrichtung zu wirklich toller Literatur gekommen. Gleichzeitig habe ich mich von Büchern getrennt, die weniger meinem Geschmack entsprechen, vielleicht aber eine andere Person glücklich machen. Eine klassische Win-Win-Situation also.

Heute bin ich wieder einmal fündig geworden und habe ein sensationell schönes und interessantes Wanderbuch eingetauscht. Es ist zwar bereits 1987 erschienen, doch die Idee, die Aufmachung und der Bildungswert finde ich nach wie vor bemerkenswert. Dieter Planck und Willi Beck haben einen Wanderführer zum Limes in Südwestdeutschland verfasst. Das Buch beschreibt nicht nur minutiös den Verlauf dieser römischen Grenzbefestigung sondern auch die ausgegrabenen Bauten und Relikte aus jener Zeit. Und obendrein enthält das Werk eine topografische Karte im Massstab 1:50.000, die den genauen Limesverlauf sowie die Lage aller römischer Baudenkmäler enthält. Selbstverständlich erklärt ein einleitendes Kapitel die Geschichte dieses grössten Bodendenkmals in Mitteleuropa mit seinen insgesamt 500 km Länge.

Dem unbekannten Tauscher sei hiermit herzlich gedankt, nicht zuletzt deshalb, weil das Buch wie neu ausschaut!

28. Dezember 2016

Publizistischer Jahresrückblick mit Vorschau

Das Jahr 2016 brachte zwei wesentliche Veränderungen: 1. schrieb ich keine Artikel mehr für Zeitungen oder Zeitschriften. 2. begann ich mit der Veröffentlichung von Büchern anderer Autoren. Den Anfang machten hierbei die «Wanderungen nach und in Graubünden» des völlig unbekannten Julius Albert. Der Reisebeschrieb stammt aus dem Jahr 1856 und dokumentiert auf beeindruckende Weise, wie es damals um den Tourismus in der Schweiz bestellt war. Fortgesetzt wurde die Reihe historischer Schriften mit Abraham E. Fröhlichs Erzählung «Der Brand in Glarus», gefolgt von Fridtjof Nansens «Im Eise begraben/Abenteuerlust».

Die Edition Wanderwerk nahm 2016 mit den ersten drei Ausgaben der historischen Reihe Fahrt auf.

Das Eintauchen in längst vergangene Tage begann mich mehr und mehr zu faszinieren, weshalb ich  die Herausgabe weiterer Texte aus der Zeit vor 1920 beschloss. Ende September erblickte dann Ernst Walter Trojans «Wanderkunst Lebenskunst» nach 1910 zum zweiten Mal das Licht der Welt. Das handliche Büchlein ist ein Muss für Menschen, denen entschleunigtes Reisen am Herzen liegt.

Anderthalb Jahre lang bestimmte die
Erschaffung dieses Wanderführers meine
Freizeit. Und noch fehlt jegliches Honorar.
Unbestrittenes Glanzlicht war indes die Publikation des von mir verfassten Wanderführers «Rund um Zürich», der Ende Juni im Bergverlag Rother, München, erschienen ist. Anderthalb Jahre habe ich dafür gearbeitet und dabei zwischen Gotthard und Rheinfall insgesamt 1000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt. Dass sich mit Thomas Widmer vom Tages-Anzeiger ein namhafter Journalist über mich und das Werk in Form eines Interviews annahm, hat mich besonders gefreut.

Weil die 1. Auflage meines Wanderlesebuches «Aargau rundum» vergriffen war, habe ich mich für eine neue Auflage entschieden. Diese in gewohnter Form zu drucken, war mir zu bescheiden, weshalb ich das Buch komplett überarbeitete und sowohl mit neuen Texten als auch mit farbigen Fotos versah. Herausgekommen ist ein lesenswertes Buch, das uns den Kanton Aargau und seine Nachbarn auf sympathische Weise näher bringt.
Für 2017 ist die Herausgabe weiterer Texte aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert geplant. Aus Anlass des 175. Geburtstags des Berner Journalisten, Schriftstellers und Theaterautors, Josef Viktor Widmann, erscheint am 20. Februar der ersten von drei Bänden. «Du schöne Welt» nennt es sich und enthält neun Reiseberichte des Autors von Fahrten nach Italien und der Schweiz. Die Erzählung «Wilds Hochzeitsreise» und der Reiseroman «Rektor Müslins italienische Reise» erscheinen im Sommer bzw. Herbst. Aus meiner Feder werden erst 2018 wieder Bücher entstehen. Ich werde das kommende Jahr intensiv für die Recherchen vor Ort nutzen und in gewohnter und ungewohnter Manier darüber berichten. Man beachte bitte die Website der Edition Wanderwerk, denn, liebe Leserin, lieber Leser, die Bücher können gekauft und gelesen werden!

«Wanderkunst Lebenskunst» erschien über 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung, «Aargau rundum» liegt nun bereits in der 2. komplett überarbeiteten Fassung vor und Josef Viktor Widmanns «Du schöne Welt» erscheint am 20. Februar 2017.

27. Dezember 2016

Fussgänger an die Leine!

Schloss Wyl in Schlosswil (BE) an einem beinahe schon frühlingshaften Stephanstag.

Gestern. Wanderung von Zäziwil nach Münsingen. Vom Emmental ins Aaretal. Am Schatten kalt und glatt. An der Sonne wohlig und trocken. En Route drei Schlösser. Zwei direkt am Weg (Schloss Wyl und Münsingen), eines in der Ferne (Worb). Pausenhalt beim Schloss Wyl, dem ehemaligen Sitz des Regierungsstatthalters des Amtes Konolfingen. Das Anwesen gehört seit 2011 – ein Jahr nachdem der Amtsbezirk aufgehoben worden ist – Matthias Steinmann bzw. seiner Firma Berakom. Die Steinmann Stiftung Schloss Wyl haucht seither dem historischen Gebäude neues Leben ein. Es kann unter anderem für private Anlässe gemietet werden. Neudeutsch z.B. «zum Heirätlen, Aperölen, Geburtstäglen, Businessmeetlen, Sitzunglen, Weihnächtelen, Dinierelen, Phantasilen» usw.

Der südliche Zugang zum Schloss Wyl.


Doch das Beste kommt, wie meist, zum Schluss. Der einst als barocker Park konzipierte Umschwung ist gemäss Infotafel nur für «Fussgänger und Hunde an der Leine!» zugänglich. Mir scheint, da hat das Mittelalter aber brutal durchgeschlagen.




26. Dezember 2016

Von Danzig bis nach Istanbul

Jason Goodwin: Von Danzig bis nach
Istanbul: Piper, München, 2008
«Auf unserer Wanderung haben Kate und ich jeden Tag miteinander geredet, undefinierbare Mahlzeiten geteilt und uns wochenlang nicht die Haare gewaschen. Wir sind gelaufen, bis unsere Schuhe auseinanderfielen. Und am Ende haben wir geheiratet.» Jason Goodwin und seine zukünftige Frau gingen nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs von Danzig bis zum Goldenen Horn. Sie kamen durch Polen und die Tschechoslowakei, zogen über die Hohe Tatra nach Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien und Bulgarien. Sie durchquerten endlose Sonnenblumenfelder, Flussauen und die Karpaten. Sie gingen mit Mönchen schwimmen, begegneten neugierigen Kindern, verblüfften Dorfbewohnern und müden Bauern. Sie wanderten untrainiert, aber voller Ambitionen und folgten einer Landkarte, die es heute schon nicht mehr gibt. (Klappentext)

25. Dezember 2016

Im Röstigraben haust der Biber

Gleich zu Beginn der fünften Etappe meines Projektes «Die Koordinate» erwartet mich in La Neuveville ein auffrischender Nordwestwind. Hochnebel und düster das Licht. Nichts Neues im Vergleich zum Ende der letzten Etappe. Der Jurasüdfuss bleibt im Winterhalbjahr eine meteorologische Tristesse.

Am Yachthafen machen die letzten Kapitäne ihre Schiffe winterdicht. Und wie immer um diese Tageszeit bevölkern Hundehalter Strassen und Wege. Entlang von Autobahn und Eisenbahn strebe ich der Nordwestecke des Bielersees zu. Ein wüster Strassenviadukt zwängt sich durch Wohn- und Freizeitgebiete. Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos ist trotz Lärmschutzwänden gut zu hören. Auf dem See schwimmen Hunderte von Enten. Am Horizont die Silhouette der St. Petersinsel und dem Städtchen Erlach. Auf ein Uferwäldchen folgt der nächste Yachthafen. Am nahen Zihlkanal frischer Biberfrass. Der Nager muss neu sein in der Gegend. Ein einziger Baum hat er sich bislang vorgenommen.

Mittlerweile habe ich den Zwei-Kilometer-Korridor verlassen. Die Binnenschifffahrtsverordnung lässt es leider nicht zu, den See mit einem Schlauchboot zu überqueren. Für einen Kilometer folge ich dem Kanal stromaufwärts, den steifen Wind nun von vorn. Die Justizvollzugsanstalt St. Johannsen rückt ins Blickfeld. Auf der Website des Kantons Bern lese ich zu Hause mit mulmigem Gefühl: «Willkommen in der Justizvollzugsanstalt St. Johannsen». Nach dem per Ende Oktober 2016 geschlossenen Jugenheim Prêles, ist dies die zweite Institution für aus der Norm gefallene Menschen, der ich begegne. Weitere Nachforschungen führen mich auf eine Website, die über das Museum St. Johannsen informiert:

«Im Jahr 1096 wurde auf dem Gebiet zwischen der Zihlbrücke, Erlach und Le Landeron die Benediktinerabtei St. Johannsen gegründet. Von 1528–1798 wurde die Abtei zum bernischen Landvogteisitz und diente ab 1883 als Strafanstalt für Männer und Frauen. Seit 1911 wird St. Johannsen als kantonales Massnahmenzentrum für Männer geführt. Die bewegte Geschichte der Anlage ist nicht ohne Spuren an ihr vorbeigezogen. Im historischen Teil des Zentrums wurde jedoch viel bewahrt. Im dort eingerichteten Museum werden Funde aus zahlreichen Ausgrabungen beherbergt. Hunderte von romanischen und gotischen Werkstücken sowie eine reiche Plan- und Bilddokumentation geben Einblick in das Bauwesen des Mittelalters.  Wer sich für das Bauwesen der romanischen und gotischen Epoche interessiert, ist hier am richtigen Ort.» Das Museum ist indes nur für Gruppen und auf Voranmeldung zugänglich.

Grün die Begrenzung des Zwei-Kilometer-Korridors. In der Mitte die Koordinate 574, der ich vom Pruntruter Zipfel bis ins Unterwallis folge.


Mit der Überquerung des Zihlkanals verlasse ich für den Rest dieser Etappe das französische Sprachgebiet, wechsle also über den vielzitierten Röstigraben in die Deutsschweiz. Kurz vor Erreichen des Bielersees hat mich mein Korridor wieder. Und beim Campingplatz von Erlach treffe ich auf die Koordinate 574, den roten Faden dieses Wanderprojektes. In Erlach ist dieses Jahr die 1962 gegründete Band Status Quo aufgetreten. Wenige Stunden nach meiner Erlacher Passage berichten die Medien, dass Rick Parfitt, der blondhaarige Gitarrist der Band, heute im Alter von 68 Jahren an einer Infektion gestorben ist.

Das im Sommer betriebsame Erlach ist wie ausgestorben. In einer Zick-Zack-Linie rücke ich in südlicher Richtung vor. Am Horizont sehe ich noch einmal die markante Silhouette des alten Ortsteils von Erlach mit dem Schloss. Leicht ansteigend nähere ich mich dem Aussichtspunkt St. Jodel. Ausgerechnet hier, auf dem höchsten Punkt der alten Strassen Ins–Erlach und Ins–Lüscherz–Biel, bläst der Wind am stärksten. Ums Jodeln ist mir also nicht zu Mute. Dafür erfahre ich, dass hier einst eine Wegkapelle stand, die an Theodorus aus Octodurus (Martigny) erinnerte, den ersten historisch fassbaren Bischof von Sion. Aus dem Namen Teodorus war Theodul geworden. Letzterer nennt man auch Joder oder eben Jodel. St. Jodel diente bis zum Ende des Alten Bern auch als Hochwacht. Der sogenannte «Chutz» wurde um 1800 entfernt.

In den Alpen herrscht noch Föhn, weshalb ich für einen kurzen Moment die Berner und Freiburger Voralpen sehe, ehe ich nach Ins gelange. Imposant die Kirchenanlage, vor allem weil sich das Pfarrhaus mitsamt den dazugehörigen Nebengebäuden mächtiger gibt als die eher bescheidene Kirche mit ihrem niedrigen Turm. Im Gotteshaus ist alles vorbereitet für den Weihnachtsgottesdienst. Beim Ausgang nehme ich mir «Ds Lukas-Evangelium bärndütsch». Das Büchlein ziert ein sitzender Junge. Gezeichnet hat ihn Albert Anker, der wohl berühmteste Inser aller Zeiten.

24. Dezember 2016

Alpöhi trifft auf Gletschermumie


Vergangenen Sommer küsste mich wieder einmal die Fantasie der Skihüttenbetreiber. Ich war indes weder im Südtirol noch im Tirol unterwegs. Diese Ötzibar fand ich am Metschberg im Skigebiet der Lenk. Abgesehen davon, dass sich die Örtlichkeit im Sommer mit seinem überdimensionierten Teerplatz nicht nur potthässlich gibt; dem Wanderer bleibt einzig das Studium der an der Fassade angeschlagenen Getränkekarte. Und die nimmt sich nicht weniger fantasievoll aus, als der Name dieses Pistenrestaurants.

Wir mögen uns über japanische Touristen lustig machen, die im Sommer bei 30 Grad am Schatten in Luzern ein Fondue essen, aber wie steht es um unsere Gastronomen in Sachen Ötzikult?

23. Dezember 2016

Klo des Monats

Zentrum Paul Klee, Bern

Seit nunmehr fünf Jahren fotografiere ich regelmässig Toiletten. Es gibt Menschen, die finden das anstössig, unpassend, daneben. Es konnte mir bislang niemand dieser Leute erklären, weshalb sie damit ein Problem haben. Die Fotos dokumentieren die Örtchen jeweils auf nüchterne Art. Immer ohne Menschen, denn es geht nicht um Voyeurismus. Manchmal lässt es sich nicht anders einrichten, so dass man mich auf einem Spiegel sieht, wie das Bild oben verdeutlicht. Kenner der Freud'schen Lehre mögen an mir vielleicht einen analen Komplex oder sonst einen zwanghaften Drang erkennen. Mir egal, denn es geht mir um Folgendes:

Toiletten sind in erster Linie innenarchitektonische Werke. Eine biologisch notwendige Einrichtung, in der wir uns in der Regel so kurz wie möglich aufhalten. Eine ganzer Wirtschaftszweig widmet sich der Herstellung und Ausstattung von Toiletten, ein anderer deren Reinigung und Unterhalt. Hunderttausende von Menschen weltweit verdienen ihr Brot mit der Reinigung von Gebäuden und somit auch von Toiletten. Was mich bei all dem interessiert: Wie gestaltet der Mensch das stille Örtchen? Welchen Stellenwert misst er ihm bei? Landauf, landab gilt das WC als Visitenkarte; sei es im privaten, halböffentlichen oder öffentlichen Bereich. Eine saubere und gestylte Toilette sagt ebenso viel über Besitzer, Betreiber und Nutzer aus, wie eine verlottert-unappetitliche.

Mit anderen Worten: Der Abort ist ein Kulturgut! Je schöner und sauberer, umso wohler fühle ich mich als dessen Benutzer. Die Toilette ist aber für viele auch ein Tabu, wie ich eingangs erwähnt habe. Dieses Tabu zu brechen ist mir ein Anliegen.

Der See als Spielverderber

Selten habe ich derart lange für die Durchführung einer Wanderetappe recherchiert. Dabei, stellt die Route von La Neuveville nach Ins beileibe keine technische Probleme dar, zumal die ganze Strecke von den Berner Wanderwegen ausgeschildert ist. In meinem Fall sieht die Sachlage indes ein wenig anders aus. La Neuveville–Ins ist die fünfte Etappe meines Projektes, die Schweiz entlang der Koordinate 574 von Nord nach Süd zu durchqueren. Und besagter Strich führt ausgerechnet durch den Bieler- und den Murtensee! Bereits beim Aushecken des Projektes war mir dies bewusst. Ich sagte mir damals, dass ich die zwei Gewässer ganz einfach per Kanu oder Schlauchboot paddelnd überqueren werde.

Also machte ich mich, da ich kürzlich in La Neuveville zu Fuss angelangt war, auf die Suche nach einem geeigneten Gefährt. Bedingung war, dass ich das Boot über Land im Rucksack oder gegebenenfalls in einem Anhänger mitführen konnte. Mein Herumsuchen im Internet trug tatsächlich Früchte. «Kajak Challenger K1» (Masse 274 x 76 x 33) hiess das Boot, brachte rund 6 Kilo auf die Waage und hätte im luftleeren Zustand gut im Trekkingrucksack Platz gehabt. Ich schaute mir YouTube-Filme an, die das handliche Gerät im Detail erklärten und über alle Massen lobten. Ich, die Nichtwasserratte frohlockte bereits. Ja, es begann ganz sachte nach Abenteuer zu riechen.
 
Mit diesem leicht zu transportierenden Einsitzer meinte ich, die zwei See-Passagen bewältigen zu können.
 
Doch dann kam mir der Gedanke, dass es bestimmt ein Gesetz geben müsse, das den Umgang mit Schlauchbooten, Kanus und dergleichen regelt. Fündig wurde ich in Gestalt der «Verordnung über die Schifffahrt auf schweizerischen Gewässern», kurz: «Binnenschifffahrtsverordnung» (BSV). Bei der Lektüre erfuhr ich unter anderem Folgendes:
  • Die Verordnung kennt insgesamt 23 verschiedene Fahrzeugarten. Vom Schiff mit Maschinenantrieb – dem sogenannten Motorschiff, über den Schleppverband, das Kursschiff, Segelschiff, Segelbrett, Ruderboot, Vergnügungsschiff, Drachensegelbrett, Schiff zu Wohnzwecken, bis hin zum Paddelboot, Vorrangschiff, Wassermotorrad, Tauchscooter und nicht zuletzt das Schlauchboot.
  • Ein Schlauchboot ist ein aus mehreren separaten Luftkammern mit oder ohne feste Bauteile bestehendes aufblasbares Schiff.
  • Ein Vergnügungsschiff ist ein Schiff, das zu Sport und Erholung verwendet wird und nicht ein Sportboot ist, denn …
  • … ein Sportboot ist ein Schiff, das dem Geltungsbereich der Richtlinie 2013/53/EU (EU-Sportboot-Richtlinie) untersteht, wobei die Definition des Wassermotorrades gemäss Ziffer 18 der BSV vorbehalten bleibt.
  • Das Schlauchboot zählt zur Kategorie der Strandboote.
  • Die zulässige Personenzahl für Schlauchboote wird mit der Formel P = S/0,45 berechnet, wobei S = die projizierte Fläche auf die Innenkante der Luftkammern in m² darstellt.
Der Artikel 42 führt unter dem Titel «Besondere Regeln» eine für mein Vorhaben entscheidende Bestimmung auf:
  • Schiffe, die kürzer sind als 2,50 m (Art. 16 Abs. 2 Bst. b), Strandboote und dergleichen (Art. 16 Abs. 2 Bst. c) dürfen nur in der inneren Uferzone (150 m) oder im Abstand von höchstens 150 m um sie begleitende Schiffe herum verkehren.
Und der erwähnte Artikel 16 besagt zum Thema «Kennzeichnung»:
  • Schiffe, die auf oder über einer Wasserfläche stationiert oder auf einem öffentlichen Gewässer eingesetzt werden, sind mit den von der zuständigen Behörde zugeteilten Kennzeichen nach Anhang 1a zu versehen. Davon ausgenommen sind:
  • a. Schiffe eidgenössisch konzessionierter Schifffahrtsunternehmen;
  • b. Schiffe, die kürzer sind als 2,50 m;
  • c. Strandboote und dergleichen;
  • d. Paddelboote, Rennruderboote, Segelbretter und Drachensegelbretter.
  • Schiffe nach Absatz 2 Buchstabe a tragen einen Schiffsnamen, der aus Buchstaben und Zahlen bestehen kann. Schiffe nach Absatz 2 Buchstaben b-d tragen gut sichtbar Namen und Adresse des Eigentümers oder Halters.
Das von mir ins Auge gefasste, aufblasbare Kanu ist zwar über 2,5 m lang, zählt aber nicht zu den Paddelbooten, wie z.B. das Kanu aus steifem Material, denn hier gilt:
  • Paddelboot: Ein von einem oder mehreren Doppel- oder Stechpaddeln mit menschlicher Kraft angetriebenes Schiff. Als Paddelboote gelten insbesondere Kanus, Kajaks, Kanadier, Faltboote und dergleichen. Sie gelten im Sinne dieser Verordnung als eine Untergruppe der Ruderboote. Ein Ruderboot ist demnach ein Schiff, das nur mittels Ruder, Tret- oder Handkurbel, Paddel oder auf ähnliche Weise mit menschlicher Kraft fortbewegt werden kann.
Mein Gefährt fällt folglich in die Kategorie der Strandboote:
  • Ein aus einer zusammenhängenden Luftkammer bestehendes Schlauch-, Vergnügungs- oder Badegerät, das aus einem trägerlosen, nicht verstärkten Werkstoff hergestellt ist. Luftmatratzen, Schwimmhilfen und dergleichen gelten im Sinne dieser Verordnung als Strandboote.
Der langen Rede kurzer Sinn: Eine Fahrt in direkter Linie (1,5 km) über den See, also von La Neuveville nach Erlach musste ich mir aus gesetzgeberischen Gründen aus dem Kopf schlagen. Eine Paddlerei in Ufernähe wäre die Alternative gewesen. Da ich in diesem Fall den von mir vorgegebenen Korridor dennoch hätte verlassen müssen, betrachtete ich es als sinnvoller, die Paddelübung abzublasen und die Strecke gänzlich zu Fuss zurückzulegen. Dasselbe gilt gleichsam für die übernächste Etappe von Ins nach Murten.

Der See als Spielverderber für die queren Ideen eines Fussgängers? Man mag vielleicht einwenden, dass nicht der See das Problem darstelle sondern der Gesetzgeber. Ich bin der Meinung, die Schuld trägt dennoch der See, denn ohne See keine Binnenschifffahrtsverordnung!

Wie dem auch sei: Das Vorgeplänkel auf die zwei anstehenden Abschnitte hat mir wenigstens die rechtliche Situation auf unseren Gewässern näher gebracht, ebenso ein interessantes Boot, das mir vielleicht bei anderer Gelegenheit doch noch dienen könnte. Mal schauen.

22. Dezember 2016

Das Freudenkind

Katharina Zimmermann: Das Freudenkind,
Zytglogge, Oberhofen, 2003
Katharina Zimmermann, die als Kind selber die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren hat, lebt in Gedanken mit Angelika und dem jungen Staš und sieht hinter den vordergründigen Bildern der Reise nach Siennów langsam die Liebesgeschichte entstehen, die im Winter 1942/43 in einem Truber Schulhaus bei einer Mozartsonate ihren Anfang nahm. Der Autorin gelingt es wiederum unnachahmlich, ein Geflecht von genau recherchierter Zeitgeschichte und einer persönlichen, grenzüberschreitenden Biografie herzustellen.

BE: Stadt Bern, Dürrenroth, Trub, Twärengraben GR: Tomülpass NE: Le Locle, Les Brenets

Anmerkung
Unter dem Label Schauplätze stelle ich in lockerer Folge belletristische Werke und die darin vorkommenden Schauplätze vor. Weshalb nach der Lektüre eines Romans nicht einmal den Schauplatz im Original besuchen? Es eröffnen sich einem unter Umständen neue Welten.

18. Dezember 2016

Am Ende einer Wanderung

Unweit von Aadorf (TG).

Da  gehst du nun 3½ Stunden von Aadorf nach Frauenfeld. Kanton Thurgau durch und durch. Hochnebel, kalt, düster. Rauhreif im Wald bei Aadorf beglückt die Sinne und weckt die Hoffnung, die Route würde, ohne Schnee zwar, zu einem Wintermärchen werden. Weit gefehlt! Kahle Felder, öde Waldstreifen entlang der entstellten Murg, wo der Biber zwar versucht, heimisch zu werden, indes mit mässigem Erfolg. Da gehst du also durch einen langweiligen Landstrich, der kurz vor dem Ziel mit der «Kontaktbar», einem Bordell an der Hauptstrasse, aufwartet, und du endest mitten in Frauenfeld in einer Jurte bei einem Kafi Luz. Am Boden der Jurte liegen Holzspäne, genau in der Art, wie sie der Biber beim Baumfällen hinterlässt. Die Jurte wird als Annex zu einem Tex-Mex-Restaurant betrieben. Nur der Thurgauerdialekt der Servierfrau passt kurioserweise nicht so recht in dieses amerikanisch-asiatische Ambiente.

Frischer Biberfrass an der Murg am Stadtrand von Frauenfeld.

In der Jurte mitten in Frauenfeld beim Kafi Luz.

13. Dezember 2016

Von Casanova bis Churchill

Barbara Piatti: Von Casanova bis Churchill,
Verlag Hier und Jetzt, Baden, 2016
Neulich zu Ende gelesen: Ein wunderbar geschriebenes Buch von Barbara Piatti: «Von Casanova bis Churchill». Das Werk gibt Aufschlüsse darüber, wie namhafte Persönlichkeit die Schweiz bereist haben und was sie dabei empfanden. Eine wahre Fundgrube an für mich bislang unbekannten Fakten. Das Buch wird mir zudem als Motivation für mein aktuelles Buchprojekt «Betäubt und von Schauern durchbebt» dienen, dessen Ergebnis im Frühjahr 2018 erscheinen soll und sich auf die Wanderspuren bekannter und weniger bekannten Schweizreisender begibt.

11. Dezember 2016

Faltenwandern

Gestern entsprach ich meinem Drang, quer zu gehen: Fortsetzung des Projektes, die Schweiz entlang der Koordinate 574 von Nord nach Süd zu bewandern. Etappe 4 führte mich von Cortébert im Vallon de St-Imier über die Chasseral-Krete und das Plateau de Diesse nach La Neuveville am Bielersee.

Raschellaub und knackende Buchnüsschen – die vorherrschende Kälte hatte sie steif gefroren – im verschatteten Aufstieg zu Beginn. Satte Sonne und himmlisches Blau nach der ersten Steilstufe. Was folgte, war ein stetes Auf und Ab bis zum Kulminationspunkt auf dem Chasseral-Grat. Der Tribut an das Quergehen im Faltenjura. Am südlichen Horizont zeigten sich die Alpen, davor überdeckte zäher Nebel das bedauernswerte Mittelland. Je höher ich stieg, umso wärmer wurde es. Windstille und Stille allenthalben. Kurz vor La Neuveville, eintauchen in den Nebel. Rebberge, französisch anmutendes Altstädtchen, der See grau in grau. Müde. Zufrieden.

In der Mitte die Koordinate 574, begrenzt von einem je 1 km breiten Korridor zu beiden Seiten.
Gepunktet die weglosen Abschnitte.




7. Dezember 2016

Dem eigenen Leben auf der Spur

Felix Bernhard: Dem eigenen Leben auf der
Spur, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M,
2008
Allen Widerständen zum Trotz pilgerte Felix Bernhard drei Mal auf dem Jakobsweg und machte das Unmögliche möglich: 2450 Kilometer hat er auf dem Pilgerweg inzwischen zurückgelegt. er überwand steile Pässe und endlose Ebenen unter sengender Sonne und in strömendem Regen. Alleine und – im Rollstuhl. Mit dieser Pilgerreise lässt sich Felix Bernhard jedoch nicht nur auf ein waghalsiges Abenteuer ein: Sie wird zur Reise seines Lebens. Klappentext

5. Dezember 2016

Unbekanntes Oberbaselbiet

Vorgestern war der erste Samstag im Monat. Traditionsgemäss wandert dann mein Grüppchen durch die unmöglichsten Gegenden der Schweiz. Routen und Orte, die kaum jemand kennt, es sei denn, man wohne dort ... Unser Augenmerk galt diesmal dem Oberbaselbiet. Wir zogen von Buus via Ormalingen–Wenslingen–Zeglingen–Häfelfingen nach Buckten am Unteren Hauenstein und gelangten mehrere Male durch traumhaft schöne Waldpartien im abgelegtem Herbstkleid. 

Die nächste Wanderung organisiere ich am 7. Januar 2017. Es geht rund um den schönen Sempachersee im Kanton Luzern. Interessiert? Hier gibt's die Informationen dazu.