29. Dezember 2017

Wie das Paradies in die Schweiz kam

Mit den Paradiesen ist es so eine Sache. Alleine in der Schweiz gibt es sie gleich mehrfach. Und doch gibt es sie nicht wirklich. Paradiese sind etwas aus längst vergangenen Zeiten. Wer indes im jetzigen Leben von einem real existierenden «Paradies» spricht, betrügt sich womöglich selber oder aber, er weiss mehr als der Rest der Menschheit zu wissen glaubt. Unbesritten ist jedoch, dass wir Menschen uns nach Örtlichekeiten und Zuständen sehnen, die unseren Vorstellungen vom Paradies bzw. vom Paradiesischen entsprechen, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Damit lässt sich ganz einfach begründen, weshalb es auch in der Schweiz Ortschaften oder Flurnamen mit der Bezeichnung Paradies gibt.

Dass ich ausgerechnet am Weihnachtstag an einem dieser Paradiese vorbeikam, scheint mir eher zufällig. Dennoch gerät der wunderfitzige Wandersmann bei derartigen Benamsungen ins Grübeln, nicht zuletzt deshalb, weil besagtes Paradies in Form eines ehemaligen Klosters auf thurgauischem Boden am Rhein bei Schaffhausen steht. Genau genommen hat dieses Klosterparadies seit längerem ausgedient, nennt sich die Örtlichkeit doch Altparadies, derweil sich das Neuparadies in einem Kilometer Entfernung befindet. Doch dort steht nicht etwa ein neues Kloster – weit gefehlt! Dort befindet sich der Bahnhof des Dorfes mit dem brachialen Namen Schlatt, darum herum gruppieren sich ein paar Industrie- und Wohngebäude. Wenn ich wählen könnte, mir wäre das Altparadies bedeutend sympathischer, allein schon der schönen und mit Bestimmtheit ruhigeren Lage direkt am Rhein wegen.

Blick durch die Gitterstäbe der Klosterpforte von Paradies (TG).


Wie aber kam es überhaupt zur Namensgebung Paradies zwischen Munot und Diessenhofen, unmittelbar an der Grenze zu Deutschland? – Recherche! Das vom Klarissen-Orden gegründete Frauenkloster in der Gemeinde Schlatt (TG) hat seinen Ursprung in Konstanz (D). Der Ort, wo sich das damalige Kloster befand, hiess ... Paradies. Als nun die gottestreuen Frauen um 1250 von Konstanz in die Schweiz übersiedelten, zügelten sie den Flurnamen Paradies gleich mit. Selbst der Reformation hielt das Kloster stand. Erst als zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Kanton Thurgau die Aufnahme neuer Novizinnen untersagte, begann der schleichende Untergang des Konvents. Als Anfang der 1830er-Jahre die Äbtissin starb, wurde das Kloster 1836 geschlossen. 1918 kaufte das Schaffhauser Industrieunternehmen, die Georg Fischer AG, das Klostergut. 1952 wurde die gesamte Klosteranlage umfassend restauriert. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten die sogenannte Eisenbibliothek, die einzige Fachbibliothek der Schweiz zum Thema Eisenverarbeitung, sowie ein Ausbildungs- und Seminarzentrum. Die ehemalige Klosterkirche wird als Pfarrkirche der katholischen Gemeinde Schlatt-Paradies genutzt. Seit 1975 ist das Klostergut im Besitz der Stiftung Paradies, die von der Georg Fischer AG gegründet wurde.

Die Kirche des ehemaligen Klosters Paradies wird heute wieder von der katholischen Pfarrgemeinde genutzt.


Mit diesem ehemals klösterlichen Paradies ist es selbst heute noch wie mit dem biblischen: Da dürfen nicht alle rein! Das Georg Fischersche Paradies ist einzig den (zahlenden) Gästen vorbehalten: «Das Klostergut Paradies ist mit Rücksicht auf unsere Auslidungs- und Tagungsgäste nicht öffentlich zugänglich», lese ich am Haupteingang. Das ist aber schade, denke ich und schnappe mir einen Prospekt mit dem Titel «Tagen und feiern im Paradies». Ein kleiner Vermutstropfen bleibt mir jedoch wenige 100 Meter weiter. Wer mit dem Auto vom Paradies her kommend auf die Hauptstrasse einbiegen will, geniesst keinen Vortritt. Fussgängern steht indes eine kleine Unterführung zur Verfügung, um so dem Paradies sicher und ungehindert, wenn auch leicht frustriert, zu entkommen.

Eine Bildstrecke der Wanderung von Schaffhausen via Truttikon nach Andelfingen ist hier zu betrachten.

Schönes Detail bei der südlichen Zufahrt zum Kloster Paradies: die Wappen der sechs Urkantone.


28. Dezember 2017

Malerweg


Anlässlich meiner Begehung sämtlicher Strassen, Wege und Pfade der Gemeinde Thun habe ich auch alle Strassenschilder fotografiert. In dieser Serie unter dem Label «Thun total» präsentiere ich das Resultat. Hinter einigen Strassennamen verbergen sich interessante Geschichten, auf die ich an dieser Stelle gerne näher eingehe.

26. Dezember 2017

Im wilden Westen wurden es 250

Der Kanton Genf ist ein sonderbarer Kanton. International, national und provinziell. Von allem hat er etwas zu bieten. Wohnstätten mit Hochhäusern, dass einem schlecht wird. Schlösser und Herrschaftssitze der Haute Volée, dass einem schlecht wird. Fluglärm über den An- und Abflugschneisen, dass einem Sehen und Hören vergeht. Strassen, Strassen, Strassen. Und so weiter und so fort. Dass es sich im westlichsten Schweizer Kanton auch anständig wandern lässt, habe ich bereits mehrfach erfahren. Neustes Beispiel ist mein Gang von Chancy nach Troinex. Zu drei Vierteln war die über 20-Kilometer-Route zwar nicht mehr als biederer Durchschnitt, dafür war der Rest ganz nach meinem Gusto.

Im südwestlichsten Zipfel folgte ich dem Bach Laire. Dieser bildet im Oberlauf die Grenze zu Frankreich. Ein schmaler Pfad wand sich den Mäandern entlang durch mitunter dicht bewachsenen Auenwald. Ich kam mir vor, als pirschte ich durch die sardische Macchia. Wildschweine hatten erst kürzlich massenweise ihre Wühlspuren hinterlassen. Vor jeder Geländebiegung machte ich mich daher auf eine Horde schnüffelnder Sangliers gefasst, wohl wissend, dass die Tiere in erster Linie des Nachts aktiv sind.

250 Gemeinden, die meinem Besuch harren.


Je weiter ich vordrang, desto schlechter und abenteuerlicher wurde der Pfad. Umgestürzte Bäume und abgerutschte Uferböschungen erforderten meine Turnkünste und einmal gar die zweifache Durchquerung des Bachs. Meine Route ging somit für 30 Meter ins französisches Territorium über. Als ich den Graben verliess, änderte sich das Ambiente abrupt. Sanft gewelltes Land unter einer düsteren Hochnebeldecke. Ab und zu ein Rebbaugebiet, kaum Wald, zwischendurch schläfrige Dörfer und Dörfchen im Vorweihnachtsmodus. Im Rücken der verhüllte Jura, vor mir die knapp erkennbaren Felswände des Salève. An der Landesgrenze zwischen St-Julien-en-Genevois und Perly ein Heidenverkehr. Der Abschluss bildete ein morastiger Pfad entlang des Flüsschens Drize, ehe ich die imposante Gemeindeverwaltung von Troinex erreichte. Die Wanderung brachte mit Avusy, Soral, Laconnex, Pérly-Certaux und besagtem Troinex fünf neu begangene Gemeinden. Summa summarum fehlen mir nun noch genau 250 Gemeinden bis zur Vollendung meines Gemeindebegehungsprojektes.

Fotos dieser Wanderung gibt es hier.

25. Dezember 2017

Weihnachtsblues


Der lange Abschied

Raymond Chandler: Der lange Abschied,
Diogenes, Zürich, 2013, erschienen in der
Reihe «Taschenbuch deluxe» und ideal
zum Mitnehmen im Rucksack.
Terry Lennox ist ein Säufer, und das ist nicht sein einziges Problem: Seine millionenschwere Frau wurde ermordet. Die Polizei hat ihn im Verdacht. Da wendet er sich an seinen einzigen Freund: Privatdetektiv Philip Marlowe. Der Freundschaftsdienst führt Marlowe nach Idle Valley, wo die Reichen von Los Angeles sich mit Affären und Alkohol die Zeit vertreiben. Bald steckt er tief in der Tinte. (Inhaltsangabe zum Buch)

Der Roman wurde Anfang der 1970er-Jahre verfilmt und erschien 1973 in den Kinos. Die deutsche Version trägt den Titel «Der Tod kennt keine Rückkehr».

USA: Hollywood, Los Angeles, Encino, Idle Valley MEX: Tijuana, Otatoclan

23. Dezember 2017

Mein Südamerikanischer Gewährsmann



Es geht einfach nichts über zuverlässige Korrespondenten, denn diese Woche erreichte mich dieses kunstvoll gestaltete Bild einer echten kolumbianischen Toilette, deren zusätzliche Besonderheit darin begründet liegt, dass sie gleichermassen beiden Geschlechtern zur Leerung von Darm und Blase dient. Es lebe dieses nicht abschliessbare Erleichterungskabäuschen in einer Cafeteria in Guatapé!

22. Dezember 2017

Eine Tibeterin im Tessin

Sie ist 270 Meter lang, 81–97 cm breit, hängt 130 Meter über Grund und wiegt rund 50 Tonnen. Bestückt ist sie mit Brettern aus Lärchenholz, sie weist einen Durchhang von 14 Metern auf, und ein 115 cm hohes Geländer aus Maschendrahtzaun verleiht ängstlichen Menschen zusätzliche Sicherheit. Die Rede ist von der am 1. Mai 2015 eröffneten Hängebrücke über der Valle di Sementina im Tessin. Die filigrane und dennoch äusserst robuste Konstruktion verbindet zwei Bergzonen, die nun zu Fuss um einiges bequemer erreicht werden können. Ohne Brücke wären nicht ungefährliche Umwege von mehreren Stunden in Kauf zu nehmen, denn die Durchquerung der wilden, tief eingeschnittenen und von Steinschlägen bedrohten Valle di Sementina ist in erster Linie unerschrockenen Berggängern vorbehalten.

Die 270-Meter-Attraktion unweit von Lago Maggiore und Bellinzona: Il ponte tibetano.


Die Kosten für den Bau des «Ponte Tibetano», wie das Werk vor Ort betitelt wird, beliefen sich auf 1.42 Mio. Franken. Die Wiederinstandsetzung sowie teilweise Neuschaffung der pedestrischen Zugänge schlugen noch einmal mit 200.000 Franken zu Buche. Finanziert wurde der Bau von den Gemeinden Monte Carasso, Sementina, Bellinzona und Giubiasco sowie dem Kanton Tessin, der Berghilfe, der Vontobel Stiftung, der Raiffeisenbank, dem Regionalentwicklungsverband Bellinzona e Valli sowie der Stiftung Curzútt-S.Barnard als Initiantin des Projektes.

Im Gegensatz zu anderen Hängebrückenprojekten, deren Notwendigkeit ich in einigen Fällen in Frage zu stellen wage, empfinde ich die Tibeter-Brücke der Valle di Sementina als ein sinnvolles Werk. Es verbindet nicht nur zwei Rebgebiete und ausgedehnte Kastanienselven sondern auch das sanft renovierte Bergdorf von Curzútt sowie weitere Maiensässe dies- und jenseits des Geländeeinschnittes miteinander. Die Stiftung Curzútt-S.Barnard rechnete 2015 mit bis zu 40.000 Touristen, die jährlich den Gang über die Brücke wagen würden. Inwiefern sich diese Zahlen in der Zwischenzeit bewahrheitet haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Entscheidend dürfte indes sein, ob sich die Besucherzahlen bei Beherbergern, Restaurateuren, Verkäufern von regionalen Produkten etc. positiv auswirken und wie gross letztlich die Nachhaltigkeit dieser Attraktion sein wird, die immerhin zu den Top-10 Tourismusangeboten im Tessin gezählt wird.

Welches Volk die Brücke unter anderem anzieht, wurde mir anlässlich einer kürzlich durchgeführten Begehung bewusst, wagten sich doch zahlreiche junge Männer und Frauen über die z.T. vereisten Wege und die schneebedeckte, von einem bissigen Nordwind umwehten Hängebrücke. Löblich, löblich, dachte ich, denn um zur Brücke zu gelangen, ist zu beiden Seiten ein längerer Fussmarsch über vereiste und mit bis zu 10 cm hohem Schnee belegten Wege nötig. Was mich freilich ein wenig schockierte war das Schuhwerk einiger dieser Leute und wie sie mit ihren Turnschuhen über die Tibeterin tänzelten. Aber vielleicht zählte diese Aufmachung mit zum «Adrenalinkick», den die Tourismusleute im Zusammenhang mit der Brücke nicht müde werden zu zitieren.
Bilder des Ponte Tibetano sowie der damit verbundenen Wanderung von Castione nach Giubiasco gibt es in zwei Teilen: Castione – Marn sowie Marn – Giubiasco

21. Dezember 2017

Marquard-Wocher-Strasse



Der 1760 in Deutschland geborene Marquard Wocher siedelte 1771 mit seinem Vater nach Bern über, ehe er sich 1782 in Basel niederliess. Mehrere Reisen führten ihn 1796, 1804 sowie 1809 ins Berner Oberland. Von dieser Landschaft fasziniert, schuf der gelernte Zeichner, Stecher, Aquarellist und Gemälderestaurator im Jahr 1814 das erste Panorama der Schweiz. Das Rundbild von 38 Metern Länge zeigt die Stadt Thun und deren Umgebung mit Blick auf die Berner Oberländer Alpen. Die detailreiche und ebenso detailgetreue Darstellung lässt den Betrachter immer wieder neue Einzelheiten und Szenen entdecken. Man spricht daher auch von einem sogenannten Wimmelbild.

Wocher verstarb am 20. Mai 1830 in Basel. Seine Ansicht von Thun stellt das älteste, noch erhaltene Rundbild der Welt dar und kann 2018 vom 4. März bis 25. November, von Dienstag bis Sonntag (11–17 Uhr) besichtigt werden. Das Gemälde befindet sich auf dem Parkgelände des Schlosses Schadau in Thun, wenige Meter vom See entfernt. Weitere Informationen gibt es hier. Die Website zeigt übrigens das Wocher-Bild in voller Breite mit einer Vergleichsfotografie der heutigen Situation. Sehenswert!

20. Dezember 2017

Widmann-Trilogie komplett!

Josef Viktor Widmann: Rektor Müslins
italienische Reise
, Roman – Mit einem
Nachwort und Anmerkungen des
Herausgebers, 252 S., Edition
Wanderwerk, 2017
Gut Ding will Weile haben. Einen Monat später als ursprünglich geplant, begibt sich Josef Viktor Widmanns Rektor Müslin auf seine Fahrt in den Süden. Nicht real, dafür in Buchform. 136 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist soeben «Rektor Müslins italienische Reise» in der Edition Wanderwerk erschienen. Es ist dies der dritte Band, den ich Anlass des 175. Geburtstages Widmanns in diesem Jahr publiziert habe. Die Gründe für die verzögerte Fertigstellung des Werks sind im Nachwort, in den Wiedergabe von Briefen und Notizen Widmanns, die er auf seiner tatsächlichen Reise durch Italien verfasst hat sowie den insgesamt 131 Anmerkungen zu suchen. Der Zusatzinhalt für die geneigte Leserschaft forderte mir mehr Zeit ab als vorerst vermutet. Gut Ding ...

Nach seinem entscheidenden Auftritt in «Wilds Hochzeitsreise» begleitet der Leser den liebenswürdig-kauzigen Protagonisten auf seiner Kulturreise ennet dem Splügen. Müslin ist indes nicht alleine unterwegs. Mit von der Partie ist ein Freund, aus dessen Optik die Reise erzählt wird. Die Beiden folgen den grossen Destinationen, die heute noch Bestand haben: Mailand, Venedig, Bologna, Florenz, Fiesole, Rom, Neapel und Pompeji. Hierbei besuchen sie zahlreiche Museen und historische Stätten. Dass sich Müslin und sein Trabant nicht immer grün sind, macht die Geschichte umso amüsanter und lebendiger. Italienliebhaber werden an der Lektüre dieser Reiseerzählung aus dem 19. Jahrhundert nicht herumkommen.

15. Dezember 2017

Blaue Mauer

Katharina Zimmermann: Blaue Mauer,
Zytglogge, Oberhofen, 1995
Angesichts der blutigen Folgen nationalistisch, religiös und ethnisch geprägter Kriege der Gegenwart fühlte sich Katharina Zimmermann, die Bernerin, gedrängt, in die Abgründe zu leuchten, welche Chauvinismus und Selbstüberhebung auch im eigenen schweizerischen Boden aufzureissen vermochten. Sie begibt sich bewusst auf einen riskanten Weg, wenn sie sich nicht an die altbernischen Markierungen hält, sondern ohne Vorurteile jurassischen Boden betritt, die Sichtweise und Empfindungen von Jurassiern sich zu eigen macht.

Das Risikoreiche dieses Unternehmens bestimmt nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form. Die Autorin lässt die Leserschaft von Anfang an am Entstehen des Werkes teilnehmen, lädt sie in ihre Schreibwerkstatt ein, nimmt sie mit zu ihren Recherchen im Jura. Im ersten Teil des Buches ist es ein Herantasten an Ereignisse, an Landschaften, an Menschen, Stimmungen und Gesinnungen. Im zweiten Teil dann nimmt sich die Schrifststellerin die Freiheit der Erfindung; romanhafte Figuren beherrschen die Szenerie und belegen erzählerisch, wie stark das Private von Konflikten öffentlicher Art beeinflusst, manipuliert, geschädigt wird. Und wie Versöhnung angebahnt werden kann. (Klappentext)

12. Dezember 2017

Militärstrasse


Was wäre die Stadt Thun ohne Waffenplatz? Ganz einfach: die Stadt Thun ohne Waffenplatz. Einzig die Militärstrasse und vielleicht nocht der Guisan-Platz würden darauf hindeuten, dass hier, am Eingang zum schönen Berner Oberland, die schweizerische Armee einmal einen Ableger hatte. Was soll's? Die Neolithiker waren bereits hier, die Römer und die gnädigen Herren von Bern, tätärää ... Und auch dieses Militär wird der Flecken am gleichnamigen See überleben. Mich beschäftigt indes vielmehr die Frage, was kommt danach?

11. Dezember 2017

257 Gemeinden

Amüsanter Auftakt zu dieser Wanderung im waadtländischen Teil des Broyetals. Im Zug von Bern nach Freiburg sitze ich nahe eines Trios aus dem Luzernbiet. Ihre Reise in die Romandie dient offensichtlich dem Besuch eines Weihnachtsmarktes, denn die Innerschweizer rekapitulierten mitunter, welchen Christkindelmärkten sie bereits die Referenz erwiesen haben: Stuttgart, München, Nürnberg, Strassburg. Als der Intercity  über das Saane-Viadukt fährt, kommt die Frage auf, ob dies immer noch die Aare sei. Die drei sind sich schnell einig: Dies ist die Aare! Der einzige Mann des Trüppchens doppelt gar nach: «Dort hinten ist doch die Aareschlucht, nicht?» Immerhin versucht sich nun die jüngere der beiden Frauen mithilfe ihres Smartphones schlau zu machen. Ich bin inzwischen aufgestanden und blicke auf ihr Display. «Ja, das ist die Saane», bestätigt sie. Ich bin drauf und dran zu intervenieren, doch dann geschehen zwei Dinge: 1. meint die Smartphone-Frau nun doch, dass es nicht die Saane sein könne. 2. ist der Zug inzwischen in Freiburg angelangt, und ich muss mit der Hoffnung aussteigen, dass dieses kleine Geografie-Lektiönchen doch noch sein glückliches Ende nehmen würde.

Nun aber zum Kern dieses Eintrags. Meine vorweihnächtlichen Destinationen lauten Villarzel, Henniez, Dompierre, Prévonloup. Alle garantiert ohne Christkindelmarkt – ganz im Gegenteil: Pampa-Dörfer, die vermutlich ihre besten Tage bereits hinter sich haben und sich nun mit Neuzuzügern über Wasser zu halten versuchen. Bei heftigem Schneetreiben verlasse ich in Granges-Marnand den Zug und schicke mich an, den Aufstieg nach Villarzel in Angriff zu nehmen. Das Strassendorf im Südosten von Marnand hat über Nacht etwas mehr Schnee erhalten, als der Talgrund. Die knapp 10 cm reichen den Kindern bereits zum «Füdliböpplen», wie die St. Galler zu sagen pflegen: Mit dem Hintern auf einem Schneeteller den Hang hinab rutschen.

Der Haupteingang zum ehemaligen Bad von Henniez (VD).

Besonders gespannt bin ich auf das ehemalige Bad Henniez, das über dem gleichnamigen Dorf am Rande einer kleinen Schlucht gelegen ist. Wer hier einen in die Jahre gekommenen Kurbadkomplex aus der guten alten Belle Époque erwartet, wird herb enttäuscht. Die nüchtern wirkenden Gebäude deuten auf den ersten Blick in keiner Weise auf den ehemaligen Badebetrieb hin. Vergeblich suche ich nach einer alten Anschrift «Bains d'Henniez» oder dergleichen. Die Quellen der Gegend wurden bereits zu römischer Zeit zu Heilzwecken genutzt. Im 17. Jahrhundert entstand ein erstes Bad, um 1880 wurde die Anlage zu einem Kurhotel aufgewertet. Ab 1930 erfasste der europaweite Niedergang der Heilbäder auch Henniez. Seit 1905 wird das Mineralwasser in Flaschen abgefüllt und ist schweizweit zum Inbegriff von Sprudelwasser geworden. Seit 2007 ist der einstige Familienbetrieb im Besitz von Nestlé. Noch immer figuriert das alte Heilbad auf der Flaschenetikette. Die Gebäude erinnern an ein schlossähnliches Anwesen; Heute dient die 1930 stillgelegte Liegenschaft als Wohnraum in sonderbarer Lage fernab jeglicher Zentren.

Das Bad ist gestorben, das Minerallwasser hat überlebt. Die Etiketten zeigen heute noch das ganz alte Bad.
Nachdem ich das Anwesen einmal umrundet habe, ziehe ich weiter südwestwärts nach Seigneux und von hier hoch nach Dompierre, wo ich in der Kirche Mittagsrast halte. Fünf Grad zeigt das Thermometer bei der Orgel, die nicht etwa auf einer Empore, sondern ebenerdig mit den Kirchenbänken im Rücken der Gemeinde steht. Im empfinde die Temperatur als äusserst angenehm, bin ich hier drinnen wenigstens vor dem auffrischenden Wind geschützt.

Unterhalb des ehemaligen Bades von Henniez durchquert der Wanderweg eine kleine Schlucht.

Der letzte Abschnitt hinüber nach Lovatens und hinab nach Lucens ist geprägt vom wechselhaften Winterweter. Mal peitscht mir der Schnee frontal ins Gesicht, dann reisst der Himmel plötzlich auf, und die Sonne bescheint für wenige Minuten die gleissende Landschaft. Kein Wunder bin ich auf der ganzen, knapp 15 km messenden Strecke der einzige Mensch en Route. Immerhin habe ich kurz vor den Henniez-Bädern das Glück, einen Fuchs beim Mausen auf offenem Feld zu beobachten. Mit der Begehung der vier ogbenannten Gemeinden verbleiben mir nun noch deren 257 von insgesamt 2395, was genau 10,73068893 Prozent entspricht.

Weitere Fotos dieser Wanderung finden sich hier

9. Dezember 2017

Neuer Wanderstoff

Christin Osterwalder: Die ersten
Schweizer, Scherz Verlag, Bern +
München, 1977 (vergriffen)
Ich habe soeben ein unglaublich spannendes Sachbuch gelesen: «Eine archäologische Entdeckungsreise durch die Ur- und Frühgeschichte der Schweiz», so der Untertitel zum Werk «Die ersten Schweizer» der leider viel zu früh verstorbenen Historikerin Christin Osterwalder (1943–2008).

Die Beschäftigung mit der Geschichte von Menschen und Kulturen aus jener frühen Zeit, die noch keine schriftliche Überlieferung kannte, hat ihren besonderen Reiz. Der reich illustrierte Band führt dem Leser anschaulich vor Augen, wie spannend das Finden und Auswerten der ältesten Zeugnisse menschlichen Lebens sein kann. Eine blosse Scherbe, eine auffällige Bodenverfärbung oder halbvermoderte Holzreste am Grabungsort können dem Prähistoriker schon wichtige Anhaltspunkte vom Leben und Treiben jener Menschen geben, die vor Urzeiten den Schweizer Raum besiedelten.

Die Autorin und einstige Kustodin am Historischen Museum in Bern, führt ihre Leser zu den wichtigsten Ausgrabungsstätten und prähistorischen Sammlungen der Schweiz, anhand der beduetendsten Funde erklärt sie, wie wir uns Leben und Arbeit der urgeschichtlichen Menschen vorzustellen haben. Dabei gibt sie gleichzeitig einen faszinierenden Einblick in die Arbeitsweise des Prähistorikers. Enge Zusammenarbeit mit der Geologie, der Anthropologie und mit vielen anderen Naturwissenschaften und naturkundlichen Fächern, eine gute Portion detektivischer Scharfsinn und der berühmte glückliche Zufall führen die Forscher zum Erfolg. Wie es zu all den Funden kam, welche Überlegungen angestellt werden müssen und welche interessanten Informationen über die Höhlenbewohner, Jäger, Pfahlbauern, Handwerker und Händler wir aus ihnen gewinnen, legt Christin Osterwalder mit ansteckender Begeisterung dar. (Klappentext)

Das Buch habe ich mir übrigens – einmal mehr – bei der Büchertauschbörsen am Bahnhof Thun geschnappt, vermutlich gegen einen dieser Dutzendkrimis, den ich unbedingt loswerden wollte. Mit ihrer geballten Ladung an prähistorischen Fundstätten inspiriert mich Christin Osterwalder zu zahlreichen neuen Wanderungen in Gegenden, die ich – man staune, man staune – noch nicht besucht habe.

5. Dezember 2017

Hamish's Mountain Walk

Hamish Brown: Hamish's Mountain Walk,
Paladin Books, London, 1980
No-one had ever climbed all 279 Scottish Munro peaks – mountains of 3000 feet or more – in a single journey, until Hamish Brown embarked upon his magnificent mountain walk. In fact, Hamish climbed 289 peaks on the walk, covering 1639 miles an a total ascent of 449.000 feet. But, amazing as it is, this record is far less important to Hamish than the affinity he feels for a land he has known all his life. This beautifully evocative book is not only an unforgettable account of one particular journey, but the result of a lifetime spent on the mountains, in contemplation of the scenery an in deep conversation with the people of the Highlands. With this fascinating blend of anecdote, observation and breathtaking description, Hamish Brown is set to take his place beside the classic authors of travel and mountaineering works.

1. Dezember 2017

Mövenweg



Der Mövenweg im Thuner Buchholzquarter beweist, dass sich Strassenschilder schlecht für den Deutschunterricht eignen. Die korrekte Schreibweise für diesen Vogel lautet seit dem Beschluss der Orthographischen Konferenz von 1901: Möwe. Im Buchholzquartier wurden seinerzeit noch weitere Vogelnamen zu Strassennamen: Adlerstrasse, Dohlenweg, Distelweg, Drosselweg, Fasanenweg, Meisenweg. Man beachte übrigens den Vogelschiss!