30. November 2013

Rosas Blut

Peter Hänni: Rosas Blut,
EMH Schweizerischer Ärzteverlag,
Basel, 2008
Als Luca Clemente, Chirurg an der Berner Aareklinik, mitten in einer OP ans Telefon gerufen wird, ahnt er bereits, dass etwas passiert sein muss. Was er jedoch nicht ahnt, ist, dass dieses Gespräch sein bisheriges Leben komplett verändern wird. «Nur Carlo, Gott sei Dank!», ist das Erste, was ihm durch den Kopf geht, als sein Vater ihm mitteilt, Onkel Carlo sei in Italien an einem Herzversagen gestorben. Schon am nächsten Tag reisen Vater und Sohn zur Beerdigung ins süditalienische Montella. Doch kaum dort angekommen, beginnt die ländliche Dorfidylle zu bröckeln – und Luca sieht sich plötzlich in einen rätselhaften Mordfall verstrickt.  Jede Menge Geld unbekannter Herkunft, eine Mauer aus Schweigen und scheinbar makellose Alibis lassen die Ermittlungen zunächst ins Leere laufen. Erst als ein lange gehütetes Familiengeheimnis nach und nach ans Licht kommt, spitzt sich die Situation – nicht nur für Luca – dramatisch zu. Die Ereignisse fordern weitere Opfer, und die Zeit wird allmählich knapp. (Klappentext)

BE: Hauptschauplatz: Stad Bern (Spitalgasse 2, Institut für Rechtsmedizin an der Bühlstrasse, Polizeikaserne am Waisenhausplatz, Rathaus Parking, Gerechtigkeitsgasse 29, Marktgasse 28, Laubeggstrasse, Rosengarten, Hotel Bellevue), Deisswil, Ostermundigen, Hahnenmoospass, Flughafen Bern-Belpmoos SG: Flughafen Altenrhein SO: Stadt Solothurn ZH: Stadt Zürich (General-Guisan-Quai 12), Zürich Flughafen, Herrliberg I: Hauptschauplatz: Montella (Provinz Avellino); Guardiaregia, Flughafen Capodichino Napoli

29. November 2013

Tor süssi wi as kari

Internationale Vereinigung für Walsertum:
Wir Walser – eine Anthologie, Brig, 2012
Es war der Aufsteller des Tages. Eine Walliser Arbeitskollegin übergab mir das nebenan abgebildete Buch. Ein 324 Seiten dicker Band mit Geschichten, Bildern und Gedichten in einer unglaublichen Fülle an Walseridiomen. Auf die Frage, wann sie denn das Buch zurückhaben möchte, meinte sie schlicht, dass sie es mir schenke. Ich war baff.

Als Liebhaber der Walsergegenden und der Wege, die sie miteinander verbinden, freute mich diese unverhoffte Gabe gewaltig, denn der Inhalt birgt linguistische Schätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, wobei vielmehr die Ohren auf ihre Rechnung kommen. Der 2012 aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums der Internationalen Vereinigung für Walsertum erschienenen Anthologie ist nämlich eine CD beigelegt. Die 129 nicht immer einfach zu lesenden Texte werden von deren Schöpferinnen und Schöpfern vorgetragen. Und weil auch hier nicht immer alles verständlich ist, liefert das grandiose Buch gleich noch die jeweilige deutsche Übersetzung mit. Als kleines Beispiel diene nachfolgendes Gedicht von Irene Alby Tregsch aus Eischeme (Issime) im Aostatal (I).

Dar Winn

Dar winn
Tor stoarchi wi a winn
Tor süssi wi as kari
Wüschpilljit tur d'liarchien grampi
As gsanh
Das schméckjt van liartschonu un schwitzini
Das chlöpft wi aksch in grünn rinni
Das zéllt van süttig chuchini
Van strawini bétti
Van moarvlljigi héntschini
Mit wüerter das lljitzenen
Wi triéni
Im volle moane.
Der Wind

Der Wind
Manchmal stark wie ein Wind
Manchmal süss wie ein Streicheln
Bläst zwischen den Ästen der Lärchen
Ein Gesang
Der nach Harz und Schweiss schmeckt
Der schlägt wie eine Axt in grüne Rinden
Der erzählt von heissen Suppen
Von Betten aus Stroh
Von steifen Händchen
Mit Worten die glänzen
Wie Tränen
Im Vollmond.

27. November 2013

Mord in Stein am Rhein

Jon Durschei: Mord in Stein am Rhein,
orte verlag, Oberegg, 1998
Wie in früheren Durschei-Krimis wird in «Mord in Stein am Rhein» mit der Umgebung des Untersees eine Landschaft ins Wort umgesetzt, die durch ihre Harmonie Leserinnen und Lesern gefallen dürfte. Aber ausgerechnet in dieser Ambiance ereignet sich Schlimmes. Gäste eines in den Rebbergen gelegenen wunderhübschen Garni-Hotels sind darin verwickelt und ebenso Menschen, die unten im von Touristen überfluteten Bilderbuchstädtchen leben. So die legendäre Wirtin Rösli Schwarzenegger, der Kauz Jim, ein junger Galerist oder die Honoratioren von Stein. Gerüchte beschäftigen über Tage hin nahezu alle Bewohner. Dem Benediktinerpater Ambrosius jedenfalls ist es mehr als recht, als er in sein Kloster nach Disentis zurückfahren kann; sein Abt freilich ist darüber kaum entzückt. Wiederum hat sein Pater gegen den eigenen Willen ein übles Verbrechen entwirrt — statt sich in Stein am Rhein von einer Operation zu erholen. (Klappentext)

SH: Stein am Rhein und Umgebung

26. November 2013

Nina 11



Der NINA (Niederflur-Nahverkers-Zug) Nummer 11 der S-Bahn Bern am 26. November 2006 in Burgistein-Wattenwil. Im Hintergrund links das Restaurant Bahnhof. Tagsüber fahren die Kompositionen jeweils in Doppeltraktion. Über dem hinteren Zugsteil das Lagergebäude der ehemaligen Landi (Landwirtschaftliche Genossenschaft Burgistein-Wattenwil und Umgebung).

25. November 2013

Wir basteln uns einen Zensurbalken

Seit ein paar Tagen tickt in diesem Blog der Countdown bis zum Tag meiner voraussichtlichen Pensionierung am 31. August 2028. Leserin Ursula fand das «witzig», wie sie in einem Kommentar schrieb. Nicht so Leser HU. aus O. (AG):

«Es macht mir nicht mehr die gleiche Freude wie noch vor ein paar Tagen, bei Dir bzw. bei Deinem Blog kurz hereinzuschauen. Mir sticht diese täglich wechselnde Zahl ins Auge. Tage bis zur Fussball-WM? Nicht so wichtig. Tage bis zum (nächsten) Weltuntergang? Uninteressant. Tage bis zur Pensionierung? In der Hoffnung, dann (noch) mehr zu Fuss unterwegs zu sein? Hat das Wandern mehr Bedeutung als das, wofür man sich täglich einsetzt, versucht weiter zu kommen (weiter als zu Fuss)?

Die Tage zählen? Für mich geht etwas verloren, wenn ich die Tage zu zählen beginne. Freue ich mich auf etwas und zähle ich die Tage, nimmt die Freude ab. Zähle ich die Tage, bis eine unangenehme Zeit vorbei ist, gewinnt das Unangenehme an Bedeutung.

Zählen, rückwärts, Rück-wärts, Ziel Null. Ende. Neubeginn? Ist nicht das Unterwegssein das Schöne und Interessante, beim Wandern wie im täglichen Leben? Vielleicht verrätst Du mir, wie ich den Zähler auf meinem PC ausschalten kann.»

Tja, lieber HU, dein philosophischer Ansatz hat etwas. Allein, mein Beweggrund, den Zähler ticken zu lassen, fusst auf anderen Überlegungen. Einerseits hat das Ganze galgenhumoresken Charakter und ist in Zeiten, wo sowieso alles und jedes gemessen, bewertet und ausgewertet wird, als Provokation zu verstehen. Wer auf die Zahl klickt, gelangt übrigens auf eine Website, wo der Countdown in seiner vollen Pracht betrachtet werden kann. Man ergötze sich an den rückwärtsrasenden Tausendstelsekunden!

Andererseits hat bekanntlich alles seine Endlichkeit. Ob ich indes tatsächlich am 31. August 2028 pensioniert werde, steht auf einem anderen Blatt, ebenso, ob ich überhaupt meine Pension erlebe. Auch bin ich mir nicht sicher, ob diese Countdown-Website noch 15 Jahre läuft. Und ja, was geschieht eigentlich mit all den Blogs, wenn deren Bearbeiter ableben und niemand, ausser der Verstorbenen, über den Zugang verfügen? Alleine diese Fragen machen den Rückwärtszähler zu einem spannenden Unterfangen.

Auf einen Punkt sei zudem noch hingewiesen. Es lohnt sich, früh genug Gedanken über die Zeit «danach» zu machen. Dies führt mir der Zähler nun regelmässig vor Augen. Nur soviel vorneweg: Als Pensionist immer nur wandern zu gehen, dürfte mit der Zeit auch langweilig werden, abgesehen davon, dass der Faktor Gesundheit eine zentrale Rolle spielen wird.

Damit also kein falscher Eindruck entsteht: Ich lebe sehr wohl im Hier und Jetzt, was meine Bloggereien hoffentlich beweisen mögen. Überdies freue ich mich auf die kommenden 15, 14, 13, 12, 11, ... Jahre, sei es beruflich oder privat. Und insgeheim hoffe ich natürlich, dass im Versteckten die Tage ab dem 1. September 2028 in gleichem Masse hochgezählt werden, auf dass ich mit 80 noch rüstig durch die Lande streife.

Deine Frage nach dem Ausschalten des Countdowns kann ich wie folgt beantworten: Es gibt zwei Möglichkeiten, sich dieser Anzeige zu entziehen. 1. Du betrachtest den Blog auf einem Smartphone. Dort fehlt der Zähler gänzlich. Weil sich am PC die Sache freilich nicht ausschalten lässt, kann 2. das Problem  mit einer kleinen Bastelei  perfekt behoben werden.

Man messe Höhe und Breite der Anzeige, nehme ein Stück Karton und schneide dieses entsprechend zu. Anschliessend suche man nach einem Stück dünnen Faden und klebe diesen mittig auf den Karton. Die zu überdeckende Position kann nun vom oberen Bildschirmrand abgemessen und der Faden daselbst angeklebt werden. Vor dem Aufrufen von www.schrittler.blogspot.ch wird nun der Zensurbalken – er lässt sich nach eigenem Gusto bemalen – hinter dem Monitor hervorgeholt und solange hängen gelassen, bis der Blog verlassen wird. Ich rate dringend davon ab, die vorgeschlagene Lösung mittels Tipp-Ex zu umgehen.

Ein Stück Karton, Faden und zwei Klebestreifen: Fertig ist der Zensurbalken.

24. November 2013

Die Innovationskraft des Durschnitts



Bereits vor anderthalb Monaten fielen mir in Herzogenbuchsee (BE) die weissen Bänkli auf. Und nun, bei einem erneuten Besuch im Oberaargau, stiess ich auf weitere Sitzgelegenheiten in dieser doch eher ungewohnten Aufmachung. Man mag diesem Herzogenbuchsee eine gewisse schweizerische Durchschnittlichkeit nachsagen, doch was die Kolorierung der Bänke anbelangt, hat Buchsi die Nase vorn.


23. November 2013

Von Quelle zu Quelle

Freitags ...


Heute, erste Winterwanderung der Saison. Von der Lenk via Fermeltal nach St. Stephan. Winterlich, ohne grosse Schneemengen. Also gerade richtig für einen Gang ohne Schneeschuhe. Dabei schneite es gleich doppelt. Himmlisch und künstlich. Die Lenker Wintersportbahnen liessen ihre Schneekanonen knallen, derweil das Göttliche sachte von oben hinab schwebte. Dem Lärm der Kanonen entschwand ich erst nach zwei Stunden, als ich ins abseitige Fermeltal einschwenkte. An der Lenk gelangte ich an der Brockenstube des Frauenvereins vorbei. Samstags leider geschlossen. Pech. Und in St. Stephan, wo einer der anderen Moor-Clans heimatberechtigt ist, die zweite Brockenstube für heute. Ebenfalls geschlossen. Pechpech. Gerne wäre ich eingekehrt in einem  dieser Flohmarkttempel, meiner Quelle für antiquarische Bücher. Egal. Zur Feier des Tages, eine Handvoll Eindrücke von der Route. Und zwar genau hier.

Heute war geschlossen. Wann ist heute, Leute?



22. November 2013

Tanner

Urs Schaub: Tanner,
Pendo, Zürich, 2003, neu aufgelegt
bei Piper, München, 2005
Die Spur eines ungewöhnlichen Verbrechens führt den suspendierten Kommissar Simon Tanner von Marokko ins romantische Grenzland zur französischen Schweiz: die grausamen Morde an kleinen Mädchen. Mithilfe des dicken Kommissars Michel und des zwergenhaften Butlers Honoré, der bei der reichen und verdächtigen Familie Finidori arbeitet, wühlt Tanner die Provinzidylle schnell auf und gerät dabei selbst in Lebensgefahr ... Ein Kriminalroman von hinreissender Üppigkeit und seltener erzählerischer Kraft. (Klappentext)

FR: Courgeveaux, Greng, Muntelier, Murten (Hauptschauplätze) BE: Stadt Bern ZH: Flughafen Kloten, Stadt Zürich

18. November 2013

Der Regimentsarzt

James Schwarzenbach:
Der Regimentsarzt, Thomas-Verlag,
Zürich, 1965
Dieser Rückblick in Romanform auf die Anfänge des Kurortes St. Moritz stützt sich auf zeitgenössische Briefe und Aufzeichnungen, Gästebücher, Zeitungsnotizen und mündliche Überlieferungen. Der Verfasser hat es sich zur Pflicht gemacht, durch die Fülle der belegten Begebenheiten und Details den mutigen Pionieren der St. Moritzer Hotellerie, den Kurärzten, sowie den ersten Gästen des Kurhauses und des Engadiner-Kulms ein sinnvolles Denkmal zu setzen.

Die markante Persönlichkeit des zielstrebigen Johannes Badrutt, der die Pension Faller aus bescheidensten Anfängen zum international bekannten Kulm-Hotel entwickelte, fand ihre Ergänzung in der Patrizierfamilie der von Flugi, die ihre ganze Initiative in die Nutzung der seit dem grauen Altertum bekannten Mauritius-Quellen legten. Nicht zuletzt aber gewannen die St.-Moritz-Bäder ihren internationalen Ruf dank der bewährten Tätigkeit ihrer ersten Kurärzte Dr. Brügger und Dr. Berry.

Im Mittelpunkt des Romans steht die faszinierende Persönlichkeit des Kurarztes Dr. med. Peter Berry aus Chur, der als junger Leutnant den Sonderbundskrieg miterlebte, als Regimentsarzt in der Swiss-British-Legion während des Krimkrieges diente, dann von seinem Schwager Badrutt nach St. Moritz gerufen wurde, wo er sich nach mehrjähriger Praxis als Bezirksarzt in Splügen endgültig als Kurarzt des 1865 eröffneten Kurhauses etablierte. Sein malerisches Talent, seine Liebe für Musik und Dichtung vererbten sich auf seinen Sohn der neben Segantini zu den bedeutendsten Malern des Engadiner-Hochgebirges zählt und dessen reiches Leben in einem kommenden Bande erzählt werden soll. (Klappentext)

GR: St. Moritz (Hauptschauplatz), Alp Giop, Alp Ober Alpina, Oberengadin, Julierpass, Chur, Splügen, Rheinwald, Lürlibad, Fahrt von St. Moritz via Lenzerheide nach Chur

16. November 2013

Die Postkarte


Die Aufnahme des ersten Burgisteiner Bahnhofgebäudes stammt aus der Zeit des 1. Weltkrieges. Nach Wattenwil fuhr damals offenbar noch die Pferdepost.


Auf der Rückseite eine Kurznotiz eines gewissen Wilhelms. Aus Einigen am Thunersee schreibt er seinem Bruder S. Wenger in die Fourrier-Rekrutenschule nach Bülach:

L. Br.
Besten Dank für Deine Karte.Gehe jetzt am 1. Sept. hier fort. 
Die besten Grüsse v. Wilhelm

Postkarte zur Verfügung gestellt von M. Stöckli 

15. November 2013

«Ein seltsamer, einsamer und eigensinniger Rebell»

Als ich am letzten Sonntag von Osten her auf Herzogenbuchsee zusteuerte, führte mich der Wanderweg auf ein Hügelchen mit Lindenbestand. Die Bäume liessen mich vermuten, dass es sich um einen ehemaligen Richtplatz, einen Galgenhügel also, handeln könnte. Dem war offenbar nicht so. Stattdessen erblickte ich einen Findling mit Plakette.

Die Berberitze neben dem Gedenkstein passt zum haudegenhaften Wesen Ulrich Dürrenmatts.


Diese Heraufbeschwörung des Stadt-Land-Grabens stammt, wie unschwer zu erkennen ist, aus dem Mund eines gewissen Ulrich Dürrenmatt. Zu Hause angelangt, fand ich im Internet meine Vermutung bestätigt, dass es sich bei Ulrich Dürrenmatt um einen Verwandten des legendären Friedrich Dürrenmatt handelt. Ulrich Dürrenmatt war der Vater von Hugo Dürrenmatt und dieser wiederum der Vater von Peter und Friedrich Dürrenmatt. Ha!

Doch wer war dieser Mann, dem man in einem kleinen Park an aussichtsreicher Stelle ein Denkmal gesetzt hat? Ulrich Dürrenmatt eblickte am 20. April 1849 im Schwandacker bei Guggisberg das Licht der noch jungfräulichen Eidgenossenschaft. Er besuchte das Lehrerseminar in Münchenbuchsee und war sodann als Lehrer in Rüschegg und Bern tätig. Nach der Weiterbildung zum Sekundarlehrer unterrichtete Dürrenmatt in Delsberg, Frauenfeld und Thun. Von 1880 bis 1908 war er Redaktor der konservativen Berner Volkszeitung. 1882 fungierte er als Mitbegründer und später gar als Anführer der konservativen Bernischen Volkspartei. Überdies amtete er als Gemeinderat von Herzogenbuchsee, als Grossrat und von 1902–08 gar als Nationalrat.

In Dürrenmatts konservativem Weltbild bildete der Antisemitismus eine feste Grösse. Er sah in den Juden eine «Race, ... die im Kleinsten wie im Grössten nur zwei Triebe kennt: den Christenhass und den Goldhunger». Dürrenmatt war zudem ein Vorkämpfer für den öffentlichen Gebrauch der berndeutschen Mundart und wurde bekannt für seine zum Teil in Mundart gehaltenen politischen Gedichte. Jede Nummer der «Buchsizeitung» (Berner Volkszeitung) versah er mit einem aktuellen Titelgedicht. Diese Gedichte trugen wesentlich zur Berndeutschbewegung nach der Wende zum 20. Jahrhundert bei.


Ulrich Dürrenmatt (1849–1908),
Grossvater des Schriftstellers
Friedrich Dürrenmatt
(Wikipedia Commons)
Ulrich Dürrenmatt wurde zum Mittelpunkt der konservativen Opposition gegen die freisinnige Vorherrschaft im Kanton Bern und auf Bundesebene. In diesem Sinne kämpfte er für den Ausbau der Volksrechte, bekannte sich aber im Übrigen zur «konservativen Demokratie» auf der Grundlage des Christentums und zu den traditionellen Wertvorstellungen des Bauernstandes. Gegenüber der materiellen Interessenpolitik des Schweizerischen Bauernverbands ging er indes auf Distanz. Als redegewandter Volkstribun vertrat er auf Föderalismus, Bauerntum, Familie und Christentum basierende Werte und wehrte sich vehement sowohl gegen die Wirtschaftsgläubigkeit der Freisinnigen wie gegen die Forderungen der Sozialisten.

Dem Geist des wilhelminischen Deutschen Reiches, der sich auch in der Schweiz breit zu machen begann, stellte er die ländlich-bernischen Tugenden entgegen. Entsprechend bekämpfte er den Vorschlag, Hochdeutsch als Verhandlungssprache des Berner Grossen Rats einzuführen und pries dafür das Berndeutsche als jene Sprache, welche die wahren Werte verkörpere. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt charakterisierte seinen Grossvater so:

Ein seltsamer, einsamer und eigensinniger Rebell: klein, gebückt, bärtig, bebrillt, mit scharfen Augen, ein Berner, der eine eigene Zeitung herausgab; der den Freisinn, den Sozialismus und die Juden hasste; auf den kein politisches Klischee passte und der für eine christliche, föderalistische, bäuerliche Schweiz kämpfte, zu einer Zeit, als sie sich anschickte, ein moderner Industriestaat zu werden, ein politisches Unikum, dessen Titelgedichte berühmt waren und von einer Schärfe, die man heute selten wagte.

Angesichts der antisemitischen und mitunter nationalistisch-frömmlerisch anmutenden Haltung, frage ich mich im Nachhinein, weshalb diesem Ulrich Dürrenmatt ein derartiges Denkmal gesetzt wurde. 

Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz, Wikipedia 
 

14. November 2013

Eiger, Mord & Jungfrau

Paul Wittwer: Eiger, Mord & Jungfrau,
Nydegg Verlag, Bern, 2004
Im azurblauen Wasser vor Nizza schwimmt eine Wasserleiche. Kurze Zeit später stirbt an der Côte d’Azur ein Assistenzarzt der renommierten Berner Parkklinik Eiger. Alles deutet auf einen Segelunfall hin. Frau Knecht, die Mutter des verstorbenen Arztes, glaubt nicht an einen Unfall. Sie vermutet einen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen. Sie bittet den ehemaligen Studienfreund ihres Sohnes, Dr. Franco Weber, viel versprechender und ehrgeiziger Herzchirurg des Berner Inselspitals, um Rat und Unterstützung. Gemeinsam mit einem Freund stellt Weber Frau Knecht zuliebe ein paar halbherzige Nachforschungen an.

Statt klare Antworten auf einfache Fragen zu bekommen, stossen die beiden auf komplizierte Widersprüche und dunkle Flecken – auch auf blendend weissen Arztkitteln. Dr. Franco Weber legt sein Skalpell aus der Hand und riskiert Kopf und Kragen, um die Todesfälle zu klären. Dabei stösst der unerwartet auf übelste Machenschaften in der modernen Spitzenmedizin. (Klappentext)

BE: Stadt Bern (Altstadt, Bärenplatz, Bremgartenfriedhof, Elfenau, Inselspital, Kirchenfeld) GE: Stadt Genf (Bahnhof, Unispital) F: Südfrankreich

13. November 2013

Billy und die fliegenden Bluthunde

Als ich mit Toni vergangenen August für die Zeitschrift Tierwelt im Tösstal auf Wanderreportage war, gelangten wir hinter Schmidrüti, nach einem Trinkhalt im altehrwürdigen Gasthaus Freihof, am Campus des UFO-Gurus Billy Meier vorbei. Wir rätselten über die seltsame Abkürzung F.I.G.U. und wunderten uns über allerhand exotisches Gehölz sowie skurrile Gestalten, welche einen terrassierten Garten bevölkerten. Um mich ein bisschen schlau zu machen, schnappte ich mir beim Zugang zum Meier'schen Reich ein paar Traktätchen. Auf der F.I.G.U.-Website holte ich mir zudem weitere Informationen und via Suchmaschine Zweit-, Dritt- und Viertmeinungen. Spannend, was sich alles an helvetischen Wanderrouten tummelt. Ein ufologisches Cape Canaveral – allerdings im umgekehrten Sinne – dürfte indes einmalig sein. Über den heute 76-jährigen Ufologen berichtete eben erst das Online-Portal der Zeitung 20 Minuten, weshalb ich an dieser Stelle gerne auf diese Besonderheit im Zürcher Hügelland hinweise, mit bestem Dank an Toni für den Tipp.

Hier scheiden sich nicht nur die Wege: Links geht es zum UFO-Meier, rechts nach Sitzberg.


A propos Cape Canaveral: Mit dem zur Gemeinde Turbenthal gehörenden Weiler Schmidrüti ist eine weitere Besonderheit verknüpft. Von 1968 bis 1999 betrieb die Schweizer Armee blosse 400 Meter von UFO-Meiers Hauptquartier und lediglich 200 Meter vom erwähnten Gasthaus Freihof entfernt eine damals streng geheime Flugabwehr-Raketenbasis. Auf der Fläche von 8,5 Hektaren waren 8 Lenkwaffenwerfer und 16 Lenkwaffen stationiert. Ein Tages-Anzeiger-Artikel vom 22. Juni 2011 sprach gar vom «Herzstück der Schweizer Luftraumverteidigung».

Während über 30 Jahren eine trügerische Idylle: 200 Meter vom Gasthaus Freihof in Schmidrüti entfernt, warteten 8 Lenkwaffenwerfer auf ihren Einsatz. Als streng gehütetes Geheimnis der Schweizer Armee und der Schmidrütener Einwohner.

Ob in Schmidrüti die sogenannten Bloodhound-Raketen jemals abgefeuert wurden, ist mir nicht bekannt. Ich hoffe es zumindest nicht, denn die nach einer belgischen Jagdhunderasse benannte Waffe hätte nicht nur einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht, sondern Herrn Meiers UFOs brutal den Garaus gemacht:

Der Antrieb der Lenkwaffe basierte auf einer Kombination von Feststoffmotor, bestehend aus vier Feststoffboostern, und zwei Staustrahlmarschtriebwerken. Die Feststoffbooster beschleunigten die Lenkwaffe innerhalb von 4,5 Sekunden auf eine Geschwindigkeit von Mach 2. Nach vier bis acht Sekunden wurden die Booster abgeworfen und die beiden Staustrahlmarschtriebwerke gezündet. Die Marschtriebwerke beschleunigten nun die Lenkwaffe auf rund Mach 2,6. Die maximale Einsatzreichweite lag bei über 160 km. Die Lenkwaffe konnte in einem Höhenbereich von 300 bis 24 500 m eingesetzt werden. (Quelle: Wikipedia)


12. November 2013

Albin Indergand

Ernst Zahn: Albin Indergand,
Huber, Frauenfeld, 1901,
neu aufgelegt bei Ex Libris, Zürich
1981
Albin Indergand sieht sich gezwungen, seinen Vater, der den Wildhüter ermordet hat, zu verraten. Der Verfemung durch die Dorfbewohner aber kann er dadurch nicht entfliehen. Tapfer bebaut der Ausgestossene ein steiniges Gütchen hoch über dem Dorf, bis er nach einer Erdrutschkatastrophe als mutiger Helfer gebraucht wird. Als die Franzosen das Land überfallen, wird Albin, dem die Tochter des Dorfvorstehers zur Seite steht, zum Anführer. Von den heranrückenden übermächtigen Truppen geschlagen, verliert Albin erneut das Vertrauen seiner Landsleute. Erst nach dem Kriege gelingt es ihm mit stetigem Fleisse einen geachteten Platz in der Dorfgemeinschaft zu erarbeiten.

In dieser wundervoll in die Urner Bergwelt eingebetteten Geschichte eines Aussenseiters, der sich trotz vieler negativer Voraussetzungen durchzusetzen vermag, ist dem Urner Volksdichter der Typus des Bauern- und Heimatromans, der ihn weit über die Schweiz hinaus berühmt gemacht hat, am reinsten und schönsten gelungen. (Klappentext)

UR: Wassen und Umgebung, Altdorf, Erstfeld, Seedorf

11. November 2013

Oh du sonnige Dunkelheit

Wasser und Wind waren die prägenden Elemente meines gestrigen Gangs von Murgenthal nach Herzogenbuchsee. Ich startete also an jenem Ort, wo ich mich im März 2012 auf die dritte Etappe meiner Aargau-Umrundung begab. Hierbei machte ich eine Entdeckung, die mir vor gut anderthalb Jahren verborgen blieb. Auf der alten Murgbrücke erspähte ich einen auffallend grossen Grenzstein. Es handelte sich um die Berner Gemarkung von 1818. Nachdem 1803 der Berner Aargau dem eigentlichen Aargau zugeschlagen wurde, nahm sich Bern 15 Jahre Zeit, die neue Kantonsgrenze vor Ort sichtbar zu gestalten.


Ein Grenzstein von Format: Auf der alten
Murgbrücke in Murgenthal (AG/BE).

Ich verliess die drittgrösste Gemeinde des Aargaus bei strömendem Regen und folgte dem Rotkanal. Zwischen 1640 und 1645 als Gemeinschaftswerk der katholischen Mönche von St. Urban und des reformierten Landvogts entstanden, diente er zur Bewässerung sowie den Murgenthaler Fabriken als Antriebskraft. Auf Berner Seite angelangt, durchwanderte ich bis zum Bahnhof von Roggwil-Wynau ein komplexes Kanalsystem. Ich mutmasste, dass es sich hier um ein industrie-historisches Relikt handeln könnte, welches in Roggwil einst den Betrieb der Weberei ermöglichte.

Zwischen Murgenthal und Roggwil. Links der Rotkanal von 1645, rechts die Murg.


Die Detailkarte von Roggwil-Wynau zeigt das vielarmige Gewässersystem.
Wasser überall, also. Immerhin liess der Regen hinter Aarwangen nach. Stattdessen kam nun stürmischer Westwind auf. Gierig sog ich in den Wäldern die letzte Buntheit des Laubes in mich auf. Erstaunlich, wie vielen Leuten ich begegnete. Meist waren es Menschen auf dem morgendlichen Spaziergang mit ihrem Hund. Den Vogel schoss eine zehnköpfige Gruppe ab, die mit rund 40 Windhunden durch den Wald stolzierte.

Hübsche Partie in einem Wäldchen zwischen den Weilern Haulimoos und Wältschland (BE).
Kurz vor Herzogenbuchsee setzte der Regen wieder ein. Im Zentrum daselbst angelangt, ereilte mich die Ironie des Schicksals in Form des Hotels du Soleil. Doch damit nicht genug. Auf dem Weg zum Bahnhof zeigten Wegweiser mit der Aufschrift Sonnensaal in die Richtung, wo ich her kam. Es folgte das Solarium Sunnestube und als finaler Höhepunkt ein Banner mit dem seltsamen Wortkonstrukt Sunny Darkness. Als Leser dieser idiotischen Schöpfung wurde ich gar aufgefordert, für diese sonnige Dunkelheit zu voten. Hinter der Paradoxie steckt eine Band, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit ihrem Song Cry of the Sunny Darkness den Eurovision Song Contest zu gewinnen. Eine Art abbaeskes Waterloo meinen die also erfunden zu haben ... Na ja ... Womit ich wieder beim Wasser wäre. Ende der Vorstellung. 

10. November 2013

Der Steinbaum

Herbert Squindo: Der Steinbaum,
Edition Hans Erpf, Bern-München, 1993
Leben am Berghang: Den einen ist es die Idylle schlechthin, den andern aber wird alles abgefordert. Karges, schroffes Land – und so sind auch seine Besiedler: Zäh, kantig, zornig. In dieser «hängenden Welt» wird Alois gross und schnell erwachsen. Und er beginnt zu träumen: Er will hinaus, ins Fernblau. Einige Erwachsene, allen voran, sein Lehrer und ein Kunstmaler, öffnen ihm die Augen, und Alois bekommt eine Vorstellung von seinem eigenen Leben, das nicht nur von Schulden und von Mühsal bestimmt sein würde. Alois ein in sich gekehrter Junge, der nichts so liebt wie seine Bäume, seine Tiere, seine Berge, entdeckt die Weite der Welt.

In ganz eigener, der Landschaft, dem Wesen der Bergler entsprungener Sprache schildert der Autor das Schicksal des heranreifenden Alois, dessen Liebe zu seiner Natur, die Not am Berg und den Hader unter den Menschen, den drohenden und unaufahltsamen touristischen Forschritt; er führt uns eine Welt vor Augen, die er selber gesehen und in der er gelebt und gearbeitet hat. Seine Erzählung ist geprägt vom Verständnis für die Menschen im Oberland, besonders aber für Alois, der es anders haben will und der jetzt schon dasteht wie sein geliebter Steinbaum: hart, trotzig, sich dem «Schicksal» entgegenstemmend. (Klappentext)

BE: Hasliberg

8. November 2013

Kalter Abschied

Roger Strub: Kalter Abschied
Pendragon, Bielefeld, 2007
Ein Polizeichef, kurz vor der Pension, kann nicht verwinden, dass er einen Fall nie aufklären konnte. Nun bittet er die junge Kollegin Lena Bellmann um Hilfe. 1976 hatte man in Bern die Leiche einer ertrunkenen Frau gefunden. Bei ihr zu Hause fand die Polizei ihre beiden toten Kinder und einen Abschiedsbrief. Der Fall wurde als erledigt zu den Akten gelegt. Aber war die Tote wirklich die Mutter? (Klappentext)

BE: Stadt Bern (Kleine Schanze), Eichholz bei Bern LU: IMAX-Kino im Verkehrshaus Luzern USA: Manhattan, Elmsford, Miami, Apalachicola, St-George-Island, Tallahassee, New Orleans Bahamas: Elbow Cay, Abaco Island (Hauptschauplatz)

7. November 2013

Bankenfusion

Das Jahr neigt sich unaufhaltsam dem Ende entgegen. Zeit, sich mit den letzten gut zehn Monaten ein bisschen zu befassen, damit dies noch vor Weihnachten erledigt ist. Dazu gehört auch das Aufräumen. Ich liebe das: Nützes von Unnützem zu trennen, zusammen zu fügen, was zusammen gehört und ganz einfach Ordnung zu schaffen. Geistig und materiell.

Bei einer dieser Aktionen ist mir unten stehendes Bild durch die Hände geglitten. Erhalten habe ich es im Sommer von Bänklisammlerin Monika. Aufgestöbert hat sie es im aargauischen Bremgarten. Das Monstrum muss das Resultat einer Fusion zweier Eisenhandlungen sein, welche nach erfolglosem Geschäftsgang und den darauf folgenden Liquidationsverhandlungen Jean Tinguely damit beauftragten, aus der Konkursmasse für die Nachwelt etwas Brauchbares zu kreieren; nicht zuletzt dem langjährigen Geldgeber wegen, der Aargauer Kantonalbank (im Bildhintergrund), welche jedoch auf die Platzierung der Bank vor der Bank verzichtete. Die Bank passe nicht in das Erscheinungsbild der Bank, liess das Bank-Marketing verlauten. Die Bank steht nun am Rande eines kleinen Pärkleins gegenüber der Bank. Über Mittag lassen sich ab und zu zwei Jünglinge in Schale und Kravatte auf der Bank nieder, fingern aus fetttriefenden Tüten ihren Döner und schweigen sich eisern an.


6. November 2013

Teufel und Beelzebub

Werner Schmidli: Teufel und Beelzebub,
Cosmos, Bern-Muri, 2002
Gunten wird siebzig, das Herz mag nicht mehr recht. Dem Wein abzuschwören, wie es der Arzt will, kommt ihn hart an. Doch möchte er noch ein wenig leben, nur schon wegen Eugenie, der Witwe, die er im Car kennen lernt und mit der etwas werden kann. Altmeister Schmidli führt den Melancholiker Gunten vom Murtensee bereits zum vierten Mal vor: mit dessen Selbstzweifeln, der Angst vor dem Tode, der beharrlichen Hoffnung auf neue Anfänge. Und mit dem detektivisch genauen Blick auf die Menschen rundum. (Thomas Widmer, Facts)

BE: Ins  FR: Galmiz, Kerzers, Môtier, Mont Vully, Muntelier, Murten, Ried BS: Stadt Basel

4. November 2013

Die Rückfahrt

E.Y. Meyer: Die Rückfahrt
Suhrkamp, Frankfurt, 1973
Der junge Lehrer und Schriftsteller Albin Berger leidet an einer schweren seelischen Krise, die durch einen Autounfall ausgelöst worden ist. Symptome der Krise: Er erinnert sich nicht mehr an den Hergang des Unglücks, und seine Hand ist empfindungslos geworden, so dass er sich nicht mehr schreibend zu äussern vermag. Im Sanatorium «Sonnmatt» versucht er sich von seinem seelischen Leiden zu kurieren. Er muss lernen, sich in seiner alten Umgebung, in der Realität «des reichsten landes der Erde» wieder zurechtzufinden, indem er mit sich selbst ins reine kommt.

Er forscht in sich selbst, um zu sich zurückzufinden. Was er an wirklichem Geschehen aufzeichnet, ist somit vor allem Spiegelbild von Vorgängen in seinem Innern. Eine äussere Handlung gibt es kaum; sie löst sich immer wieder auf in lange Gespräche, in Erinnerungen an Gespräche, in Reflexionen und in rekonstruierte Gedankenmonologe, die ein Freund, bevor er tödlich verunglückte, gehalten hatte. In allen diesen Erinnerungen und Gespächen wird immer wieder die Frage nach dem richtigen Leben gestellt. Dabei wird unsere Gesellschaft in der die Suche nach dem richtigen Leben für alle unabwendbar geworden ist, anhand vieler minutiös geschilderter Details kritisch dargestellt.

«Die Rückfahrt» führt in die eigene Vergangenheit, und nachdem sich Berger von seiner seelischen Krise erholt hat, vermag er seine Vergangenheit schreibend zu bewältigen. Zugleich gilt seine tiefste Besorgnis der von Zerstörung bedrohten Welt und unserer von Reglementierungen immer stärker eingeschränkten persönlichen Freiheit. (Klappentext)

BE: Stadt Bern, Gabelspitz, Jerisberghof, Kiesen, Mühledorf, Saanen, Schloss Landshut, St. Johannsen, Sumiswald, Trachselwald, Tschugg LU: Dietschiberg, Stadt Luzern TI: Carona und Umgebung, Lugano

3. November 2013

Eine perfide Sache

Die Wetterprognose für gestern versprach ein klimatologisches Spektakel. In der Tat entwickelte sich das meteorologische Geschehen vom trüben Novemberhimmel hin zu einem veritablen Martinisommer. Wir gingen von Oberiberg über die Ibergeregg nach Schwyz hinunter. In den versumpften Wiesen holten wir uns nicht nur dreckige Hosen; die Prügelwege verlangten volle Konzentration, wollte man nicht unbedarft ausgleiten und sich womöglich den Schenkelhals oder das Steissbein lädieren.

Der Absiteg in das Schwyzer Becken war purer Wandergenuss, garniert mit einem heimtückischen Abschnitt über einen belaubten Waldpfad, wo jeder Tritt mit Bedacht gesetzt werden wollte. Unter den Blättern warteten abgerundete Kalksteine und bei jedem Schritt lauerte ein Misstritt. Doch wir kamen alle heil durch und endeten am Fusse der dubiosen Rutschpartie in einer Örtlichkeit mit dem durchaus passenden Namen Perfiden. Als Belohnung tauchte unverhofft die Besenbeiz Perfidä-Höckli auf. Wir hielten an und bestellten eine Ladung Tranksame. Unsere Kehlen brannten mittlerweile wie im Hochsommer.

Auf dem Abstieg von der Ibergeregg (SZ), bei der Örtlichkeit Hand, hatten wir Perfiden zum ersten Mal auf dem Radar.

Der perfide Abstieg nach Perfiden: feuchte Blätter auf Kalkgestein und die Rutschpartie war perfekt.

Einmal in Perfiden angekommen, war die Besenbeiz nicht mehr zu verfehlen.

2. November 2013

Schattenberge oder Das gottverdammte Entlebuch

Jon Durschei: Schattenberge oder
Das gottverdammte Entlebuch,
orte-Verlag, Oberegg, 1996
Sechs Kriminalromane hat der Bündner Jon Durschei bereits veröffentlicht (alle im orte-Verlag). Mit «Schattenberge oder Das gottverdammte Entlebuch» erscheint sein erster «normaler» Roman. Aber Durschei wäre nicht Durschei, wenn er ohne Abstecher ins Kriminelle auskommen würde. «Ist alles fiktiv oder nicht?», muss sich allerdings der Leser, die Leserin immer wieder fragen. Und ob Gian Derungs, der Wanderer ins Unbekannte, tatsächlich jener Held sei, der er glaubt zu sein? Der Mode gewordene Begriff multipler Persönlichkeiten drängt sich jedenfalls bald auf. Die Spannung wird dadurch nicht geringer: Was soll die nahezu sinnlose Wanderung, was bringt der Tick, immer nach einem bestimmten Muster zu gehen, im Regen, im Nebel, im Sonnenschein, was ist mit dem Kunstmaler Stauffiger passiert? Landschaften werden zudem vor unsern Augen immer plastischer, hässliche Ortschaften bleiben hässliche Ortschaften und in den Kneipen und Wirtshäusern, die Derungs aufsucht, dominiert nicht nur Stumpenrauch, sondern auch Geschwätz, Intrigen, Neid und Begehren. Das Buch gibt nicht frei, bevor man weiss, wie alles endet. Und obwohl kein Pater Ambrosius (wie in den Kriminalromanen) die Lösung offeriert, werden die Rätsel allmählich gelöst; und im Schatten der Berge dürfte sich entscheiden, wie die Zukunft des Wanderers aussieht. (Inhaltsangabe im Buch)

AG: Sins LU: Inwil, Eschenbach, Rain, Hellbühl, Malters, Werthenstein, Entlebuch, Hasle, Schüpfheim, Heiligkreiz, Farneren ZG: Kloster Frauental ZH:  Stadt Zürich, Uetliberg, Stallikon, Affoltern a.A., Mettmenstetten

1. November 2013

Ungefähre Landschaft

Peter Stamm: Ungefähre Landschaft
Arche Verlag, Zürich-Hamburg,
2001, daselbst vergriffen jedoch im
Fischer Taschenbuchverlag
erhältlich.
Ein kleines norwegisches Dorf nördlich des Polarkreises. An diesem Rand der Welt lebt Kathrine. Sie ist achtundzwanzig, hat aus erster Ehe ein Kind und unterbricht nur selten das Einerlei ihrer Tage. Sie lernt Thomas kennen und heiratet ihn. Er ist das, was man eine gute Partie nennt, er gibt ihr Halt. «Sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens.» Doch dann macht Kathrine eine Entdeckung, die sie tief verletzt. (Klappentext)

Eine wunderbar erzählte Geschichte. Stamm wählte mit dem kleinen Fischerdorf Båtsfjord im höchsten Norden Norwegens einen speziellen Hauptschauplatz, der auf gekonnte Weise mit dem mondänen Paris kontrastiert. Wer die Melancholie Skandinaviens mag, ist mit diesem Roman bestens bedient, nicht zuletzt der aufwühlenden Handlung wegen.

N: Båtsfjord (Hauptschauplatz an der Nordküste), Tromsö, Bergen, Polarlys (Schiff der Hurtigroute), Narvik DK: Århus F: Paris, Boulogne