30. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 61

Im Dorf selbst schien alles wie ausgestorben, und die Leute, die wir in der umliegenden Gegend mit der Heuernte beschäftiget fanden, waren aus der Ferne hergekommene, Französisch sprechende Taglöhner, die unter dem Befehl der einheimischen deutschen Weiber die Güterarbeiten anstelle der im Ausland beschäftigten Männer verrichteten. Auf die Kunde hin, dass der Pfarrer des Ortes eine Spitze des Monterosa erstiegen habe, entschlossen wir uns, diesen Mann zu besuchen, um vielleicht mündlich einige nähere Auskunft über dieses merkwürdige, zu dieser Zeit dem Publikum noch nicht ausführlicher bekannte Unternehmen einzuziehen.
Fortsetzung folgt

29. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 60

Der Name des Tales ist Val Lesa oder Val de Lys (Val de Gressoney), und auch der Talstrom heisst die Lys oder Lesa (Lyso). In übereinstimmendem Verhältnis zu den schönen Sennhütten auf den nahen Alpen stehen die einzelnen, auf den grünen Abhängen des Tales zerstreut liegenden, schönen Häuser, wovon einige in ihrer Bauart viel Ähnlichkeit haben mit den schönen Bauernhäusern des Berner Oberlandes. Man kann sich kaum der Frage enthalten, zu welcher benachbarten Stadt diese schönen Landhäuser wohl gehören, da man nicht annehmen kann, dass einfache Hirten in einer Gegend, die durchaus nichts als Gras auf der dünnen Erdrinde hervorbringt, solche Häuser zu bauen vermögen; denn selbst das hierzu benötigte Holz wächst nicht etwa hier, sondern muss mit grossen Kosten aus den unteren Teilen des Tales heraufgeschafft werden. Wenn man aber erfährt, dass die meisten Besitzer dieser Alpenlandhäuser glückliche Spekulanten und Kaufleute im Ausland teils gewesen, teils jetzt noch sind, so kann man sich freilich nun erklären, wie diese Häuser hierher gekommen sind; weniger dagegen, wie aus dem Hirtenvolk dieser wilden, entlegensten Gebirgsgegend so viele wohlhabende Handelsleute hervorgehen konnten; obgleich sich in der Tat auch anderswo viele Beispiele dieser Art in den wildesten Gebirgsgegenden der Schweiz, wie in Bünden und Glarus ausweisen lassen.
Fortsetzung folgt

28. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 59

Auf dem Weg vom Col d'Olen hierher kommt man über talkigen Glimmerschiefer, der mit vielen Lagern, Klüften und Gängen durchsetzt ist, welche Serpentin und in Asbest übergehenden Talk, so wie auch glasigen Strahlstein und Hornblende enthalten. Von den schönen Hütten der Gabietalpe zieht sich der Pfad links, westlich am linkseitigen Gebirgsabhang herunter. Die vielen in dieser Gegend zerstreut herumliegenden, einzelne Hügel bildenden Massen von Felstrümmern, sind auffallend, teils durch ihre Grösse und Ausdehnung, teils durch ihre sonderbare Aufeinanderhäufung, welche ihnen das Ansehen von einzelnen, in Trümmer zerfallenen Bergen gibt. Zuletzt führt der Pfad über steile, grüne Rasenabhänge hinunter in das tiefe, ziemlich enge Tal zum obersten Dorf desselben, Ober-Gressoney, zwei Stunden unterhalb der Gabietalpe.
Fortsetzung folgt

27. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 58

Ganz gerade hinunter gehend, kamen wir in anderthalb Stunden an den, seinem Gletscher kaum entquollenen Talstrom. Tiefe Talschluchten verbargen uns den Anblick des Dorfes, so dass wir unseren Führer aussenden mussten, um in einer der nächstgelegenen Sennhütten den Weg auszukundschaften. Nach geraumer Zeit kehrte er zurück mit der Nachricht, dass wir uns mehr links hätten wenden sollen, nach den durch einen Gebirgsvorsprung unseren Blicken verdeckten Hütten der Gabietalpe, die wir indessen mit einem kleinen Umweg nun bald erreicht hatten. Diese gemauerten, weiss beworfenen, mit Fenstern versehenen Alphütten sind die grössten und schönsten, die wir je gesehen hatten und zeugen von Wohlstand und Reinlichkeit. Die mit kahlen Felsen unterbrochenen, ringsherum liegenden Weiden sind mit vielen Gräben durchzogen und scheinen sorgfältig bewässert zu werden. Auch hier fanden wir keine Männer, wohl aber mehrere schöne, grosse und starke Weiber von stolzem Ansehen.
Fortsetzung folgt

26. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 57

Die kahle Höhe des Col d'Olen, die etwas mehr als achttausend Fuss über Meer betragen mag, war ganz schneeleer. Die Aussicht rückwärts gegen Ost verdeckte lichtes Nebelgewölk; vorwärts aber, und besonders gegen Norden, war der Himmel hell, und wir erkannten, über eine unzählige Menge von Fels- und Schneekuppen hervorragend, die Spitze des Matterhorns, welche in dieser Richtung, von allen die wir sahen, bei weitem die höchste Gebirgsspitze zu sein schien. Nachdem wir uns auf der Höhe durch etwas mitgenommene Lebensmittel gestärkt hatten, suchten wir mit Hilfe unseres Führers, der hier zwar ebenfalls ganz fremd war, aber eine unglaubliche Fertigkeit und Sicherheit im Auffinden der schwierigsten und verborgendsten Gebirgspfade besass, den Weg jenseits hinunter nach der Trinita de Gressoney.
Fortsetzung folgt

25. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 56

Wir begnügten uns lieber auch diesmal mit einem oben schon beschriebenen Faxenlager. Auch auf dieser Alpe und deren Gebirgsrücken wird die Ansicht des Monterosa verdeckt durch dazwischen liegende hohe und schroffe Felshörner, die aber selbst einen majestätischen Anblick gewähren.

Am 25. Juli früh erreichten wir in zwei Stunden, nicht gar steil ansteigend, die Höhe des Col d'Olen, nachdem wir vorerst über grüne Weiden, nachher über Felstrümmer durch ein ziemlich flaches, muldenförmiges Tal gekommen waren. Die überstiegenen Gebirgsarten waren erstlich Glimmerschiefer, dann Gneis mit viel Serpentin, welcher letztere mächtige Lager im ersteren zu bilden scheint. Auch ein zu Tage ausgehendes Erzlager verriet sich durch den starken Grünspanbeschlag mehrerer Bruchstücke, die wirklich beim Zerschlagen Kupferkiese zeigten. Es könnte dieses das Ausgehende des mächtigen Kupfererzlagers von Alagna sein, mit dem es sich im Streichen und Fallen gleichförmig zeigt.
Fortsetzung folgt

24. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 55

Zu den früher schon gemachten Bemerkungen über die Lebensart dieser Gebirgsbewohner, verdient hier noch Folgendes nachgeholt zu werden: Die starken und tätigen deutschen Weiber der Gebirge von Macugnaga, Alagna und Gressoney besorgen nicht nur die ganze beträchtliche Alpwirtschaft, wobei wir sie auch viehärztliche Operationen verrichten sahen, sondern sie versehen auch noch zugleich die Stelle der Lasttiere. Über die rauen und unbesuchten Pässe des Montemoro, Turlo, Col d'Olen und andere mehr, bedient man sich keiner Saumtiere, und weil die Männer im Sommer abwesend sind, so ist niemand da, als diese Weiber, welche die zuweilen vorkommenden Transporte verschiedener Waren, besonders auch Contrebande[1] und namentlich die Alpenprodukte auf ihrem Rücken fortschaffen, und wobei sie nicht nur sehr schwere Lasten auf sich nehmen, sondern auch im Tragen derselben sehr sicheren Schrittes und ausdauernder als die Männer sein sollen. Diese harten, sonst männlichen Arbeiten müssen aber natürlich auch einen bedeutenden Einfluss auf den Körperbau, ja, und sie scheinen einen solchen namentlich auch auf die Gesichtszüge der Weiber zu haben. Denn dass dies nicht angeboren, sondern wirklich Folge der harten Arbeit sei, beweist der Umstand, dass die jüngeren Mädchen, gewöhnlich hübsch, rund und schlank sind, während dagegen, je älter sie werden, ihre Gesichtszüge und Stimme, männlicher werden und ihr Körperbau so ungewöhnlich knochig erscheint, dass man zuweilen in Weiber verkleidete Männer zu sehen wähnt. Ebenso hat ihre Kleidung etwas Eigenes, der sonst gewöhnlichen Weibertracht ganz Entgegengesetztes und gar nicht vorteilhaft sich Auszeichnendes: Sie binden nämlich bei der Arbeit ihre schweren Schürzen nahe unter den Armen so fest zusammen, dass dadurch nicht nur aller Reiz der weiblichen Bildung verloren geht, sondern die natürliche Wohlgestalt recht eigentlich verunstaltet wird und einen ebenso widerlichen als bedauerlichen Anblick gewährt. Übrigens waren unsere Wirtinnen hier auf der Alpe Olen sehr gefällig und gastfreundschaftlich; sie wollten uns sogar ihre Lagerstätten abtreten, was wir aber natürlich nicht annahmen; teils um sie nicht zu verdrängen, teils um nicht von dem gewöhnlich in solchen Lagerstätten hausenden Ungeziefer geplagt zu werden.

[1] Schmuggler.

23. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 54

Und was dann fürs Zweite, die Beschaffenheit der Talgründe selbst, betrifft, so kann, wie schon angedeutet, mit Recht gesagt werden, dass auch sie zu einer natürlichen Abscheidung der oberen und unteren Talbewohner vieles beitragen muss. Ja, es kann als wahrscheinlich angenommen werden, dass ursprünglich eine sehr lange Reihe von Jahren hindurch, die über den Alpenkamm in diese Talhintergründe eingedrungenen Deutschen hier gelebt haben mögen, ohne weder selbst die unteren Talbewohner zu kennen, noch auch von ihnen gekannt zu sein. Denn diese obersten, von Deutschen bewohnten Talgründe bilden gleichsam ein für sich bestehendes Ganzes, das von den unteren Wohnstätten der Italiener durch enge, wilde und stundenlange Talschlünde getrennt ist, welche früher, bevor die undurchdringlichen Wälder, die ihre steilen Hänge bekleiden, gelüftet und durch die Felsenpfade gesprengt worden waren, alle Verbindungen gänzlich gehemmt haben mussten. Wir finden diese Erscheinung auch noch in anderen Teilen der Hochalpen, z.B. in Graubünden, wo ebenfalls die obersten, zwischen der Schnee- und Waldregion abgeschlossen gelegenen, weiten, grünen Talgründe der Weideregion, wie ich sie zum Unterschied nennen möchte, von einem Stamm bevölkert sind, der in Sitte und Sprache von den tiefer liegenden Bewohnern des gleichen Tales ganz verschieden ist.
Fortsetzung folgt

22. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 53

In Bezug auf das Erstere, die Lebensart nämlich, ist zu bemerken, dass während des Sommers der grösste Teil der Männer und Jünglinge als Maurer, Steinhauer, Drechsler und Hausierer aller Art in Deutschland und der Schweiz sich aufhalten, währenddem die Weiber und Töchter die Herden in den Alpen besorgen, so dass die Dörfer in den Talhintergründen fast wie ausgestorben erscheinen. Im Winter aber, wenn die ganze Bevölkerung wieder in den Dörfern versammelt ist, sind diese Täler und ihre Verbindungen meist so tief unter Schnee begraben, dass auch dannzumal, wie im Sommer, der Verkehr mit dem tiefer liegenden italienischen Nachbarn sich nur auf das sehr geringe Bedürfnis beschränkt, und also schon deswegen die Verbindungen und Berührungen selten sind.
Fortsetzung folgt

21. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 52

Man darf sich auch hierüber gar nicht verwundern, denn bei dem frohen, offenen und geraden Wesen dieses kräftigen Volksstammes, äussert sich auch mehr Sinn für Freiheit und Aufklärung, als bei den feigeren, scheinheiligeren und falscheren italienischen Nachbarn, welche ihres Charakters und ihrer Unterwürfigkeit wegen weit besser taugen für das neu aufblühende Verfinsterungssystem der Jesuiten. Nach der Erzählung dieser einfachen, ehrlichen Alpenbewohner soll bei einem unlängst stattgefundenen Fest der Firmelung, der anwesende Bischof ihnen das Deutschsprechen verboten haben, mit der Androhung, ihnen in Zukunft keine deutschen Pfarrer mehr wie bis dahin zu geben. Hieraus lässt sich leicht die auffallende Erscheinung erklären, dass in den Dörfern, aus Furcht vor Verrat, die deutschen Bewohner auch unter sich meist italienisch sprechen, indessen ihre Weiber, Kinder und Verwandte ihr angeborenes Deutsch beibehalten und über den Befehl des Bischofs spöttelnd lachen. Die blinde Einfalt dieser guten, unschuldigen Älpler lässt sie nicht einsehen, wie durch solche und ähnliche Massregeln ihre heiligsten, durch die Geburt schon ererbten Rechte, durch die empörendesten Amassungen der Geistlichkeit ihnen geraubt, und sie auf diese Weise planmässig und mit Gewalt einer entehrenden Ausartung Preis gegeben werden sollen. Denn in der Tat ist es auffallend, wie auf beinahe allen Deutsch sprechenden Gesichtern mehr Ehrlichkeit sich ausdrückt, als auf den Italienisch sprechenden, und mit Grund kann man annehmen, dass bei gewalttätiger Unterdrückung des alten deutschen Ursprungs, auch der moralische Wert dieses braven Volkes verlieren wird. Immerhin ist es merkwürdig, dass ein seit vielen Jahrhunderten durch die höchsten Gebirge von seinem Stammort getrenntes deutsches Volk auf italienischem Boden und von Italienern umgeben, dennoch seine deutsche Sprache beibehalten konnte. Dies mag, nebst der ursprünglichen Anhänglichkeit an alles Angeborene, hauptsächlich noch der Lebensart dieses Volkes und zum Teil auch der schon früher erwähnten, besonderen Beschaffenheit dieser hohen Gebirgstäler zuzuschreiben sein.
Fortsetzung folgt

20. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 51

Der weite Grund dieses circa 7000 Fuss hohen Gebirgstals ist mit den schönsten, fettesten Weiden bedeckt, und die darin zerstreuten, grossen, gut gemauerten, reinlichen Sennhütten stimmen mit der Umgebung überein. Auch das Vieh ist grösser und schöner, als man es sonst in den piemontesischen Gebirgen anzutreffen pflegt; doch kommt es demjenigen in den besseren Schweizer Alpen lange nicht bei. Auch hier wurde die ganze Alpwirtschaft von Weibern besorgt, wie es grösstenteils in den Alpen von Macugnaga und in denjenigen von Gressoney der Fall ist, wo man in drei bis vier Sennhütten zusammen manchmal nicht einen einzigen Mann findet. Ebenso ist hier, wie in den genannten zwei Alpentälern, die deutsche Sprache zwar höchst verdorben, aber doch noch vorherrschend, obgleich die tiefere Fortsetzung dieser Täler ganz italienisch ist und besonders in den jüngsten Zeiten von Seite der höheren Geistlichkeit alles Mögliche getan wurde, um diesen letzten Überrest deutschen Ursprungs endlich ganz zu ersticken.
Fortsetzung folgt

19. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 50

Um aus dem Tal von Alagna in dasjenige von Gressoney zu kommen, hat man wieder eine hohe, vom Monterosa aus südlich fortlaufende Gebirgskette zu übersteigen. Der gewöhnliche Weg nach dem Hauptdorf Unter-Gressoney (Gressoney-St-Jean o. Òndrò Verdebiò) führt von Alagna talabwärts bis Riva, und dann rechts durch das Val Dobbia (Val Vogna) über den Colle Valdobbia (Spissiòcoll). Da wir aber immer die nächste Verbindung mit den obersten, dem Rosa nächst gelegenen Hintergründen der Täler suchten, so mussten wir uns nach Ober-Gressoney oder der sogenannten Trinita (Gressoney-la-Trinité), welche zwei Stunden höher im Tal liegt, wenden. Wir stiegen also gerade von Alagna aus, durch das westlich steil sich erhebende Val Olen hinan, zuerst durch lichtes Laubholz und hernach über fette Alpentriften in zwei Stunden bis zu den obersten Sennhütten diesseits des Col d'Olen, wo wir bei herannahendem Abend unser Nachtlager nehmen mussten.
Fortsetzung folgt

18. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 49

In der Nähe von Alagna wurde früher auch ein Topfsteinbruch stark betrieben, und ein grosser Teil der Bevölkerung soll sich noch vor wenigen Jahren mit der Drechslerei dieses Steins zu allerlei Geschirr ernährt haben. Nun ist aber dieser schöne Erwerbszweig ganz eingegangen, was besonders der Uneinigkeit der vielen und ungleichen Teilhaber am Steinbruch und ihrer verschiedenen Meinung über den Betrieb desselben zugeschrieben und von den Einsichtsvolleren sehr bedauert wird. Man zeigte uns noch alte, aus diesem Stein gedrechselte Kochtöpfe – von dreissig bis auf vierzig Mass haltend und nur zwei bis drei Linien dick – und dann wieder kleinere und feinere Waren, z.B. Schreibzeug, Streusandbüchsen etc. Wenn der grösste Topf gedrechselt war, so machte man aus der Ausfüllung desselben wieder einen kleineren und so fort, so dass eine Steinmasse von anderthalb Fuss Durchmesser einen Aufsatz von sechs bis acht Töpfen lieferte, die alle ineinander passten und wovon einer aus dem anderen herausgedrechselt worden war. Der mineralische Reichtum von Alagna ist unermesslich gross, kann aber wegen seiner hohen, meist über der Waldregion sich befindenden Lage nicht vorteilhaft benutzt werden. Auch scheint es ganz an sachverständigen Unternehmern und an zweckmässigen Bergwerksgesetzen und Verordnungen zu fehlen, die doch sehr notwendig wären, wenn nicht kommenden Geschlechtern ein grosser Teil dieses Reichtums durch jetzt stattfindenden Raubbau und Verschüttung der schönsten Anbrüche unnütz und unzugänglich gemacht werden soll.
Fortsetzung folgt

17. September 2019

Rund um Zürich – die Zweite

Gestern ist bei mir die 2. Auflage meines Wanderbuches «Rund um Zürich» eingetroffen. Ich hätte nicht gedacht, dass es die 53 Touren zwischen Schaffhausen und Gotthard in die zweite Runde schaffen. Henusodehaut, ich freue mich und bin obendrein grad ein bisschen stolz.

Zu kaufen gibt es den Führer in jeder Buchhandlung oder direkt bei der Edition Wanderwerk. Auf geht's!

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 48

Nicht weit unterhalb des Dorfes Alagna, am rechtsseitigen Talhang, liegt ein Kupferbergwerk mit einem grossen Hüttengebäude daneben, wo früher ein bedeutendes Quantum Kupfer soll produziert worden sein. Jetzt arbeiten hier nur noch wenige Mann, obschon die Erzmasse noch sehr bedeutend und ergiebig zu sein scheint. Die Erze brechen da nicht auf Gängen, sondern auf einem wohl zwanzig Fuss mächtigen, den Gebirgsschichten gleichlaufenden Lager, dessen Streichen von Ost nach West und die Einsenkung circa 45° nach Süd ist. Dieses mächtige, in einem Glimmerschiefergebirge enthaltene Lager, ist in seiner Streichung mehrere Stunden weit erschürft. Die reichen Kupferkiese bilden in der grossen Masse desselben wieder kleinere, nur einige Zoll mächtige, miteinander parallele, der Hauptstreichungslinie nach fortlaufende Lager, welche durch mehrere Fuss mächtiges, taubes Zwischengestein voneinander getrennt sind, das aus Glimmer- und Chloritschiefer bestehet, und vielen schönen, kubischen Schwefelkies enthält. Der Trennung und öfteren Auskeilung dieser bauwürdigen Mittel ist es wahrscheinlich zuzuschreiben, dass der Abbau so höchst unregelmässig betrieben wird. Beim Befahren dieser Grube glaubte ich mich in einem unterirdischen Labyrinth zu befinden. Ein alter, leider nur piemontesisches Patois sprechender Bergmann führte mich kreuz und quer, nach allen Stunden des Kompasses, auf und ab, über Fahrten und in den Fels gehauene Stufen, so dass er sich selbst bisweilen kaum mehr zu orientieren wusste. Auf solche Art herumschwärmend, sucht, verfolgt und gewinnt man die einzelnen, kleineren, in der ganzen grossen Lagermasse auf alle Seiten zerteilten bauwürdigen Kupferkiese. Nachdem die Erze gleich ausserhalb der Grube von den tauben Bergen geschieden sind, werden sie in einer Leitung zu der mehrere hundert Fuss tiefer gelegenen Pochhütte herabgerollt, hier dann die Kiese gepocht und zu feinem Schlich gewaschen, der wie Schreibsand aussieht. Diese Schliche aber, weil hier noch nicht viel Holz wächst, zur Verschmelzung dreieinhalb Stunden weit talabwärts nach den Schmelzhütten bei Scopello transportiert, wo im Durchschnitt auf den Zentner Erz, wie er aus der Grube kommt, ein Ertrag von circa zehn Pfund Kupfer herauskommt.
Fortsetzung folgt

16. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 47

Die weit abgelegene Goldgrube zu besuchen, hatten wir leider keine Zeit. Sie besteht, nach der Beschreibung des Inhabers, in einem vier bis fünf Fuss mächtigen, steil östlich abfallenden Gang, in dessen Quarz und Kalkstein führender Hauptmasse, goldartige Arsenik- und Schwefelkiese eingesprengt sind. Die reichsten dieser Erze sollen sich am Ende des Ganges befinden. Neben diesem Gang finden sich in der Nähe noch mehrere reiche Lagerstätten von Gold und Silbererzen, auf denen noch kein Abbau stattfindet. Die, den Sommer über gebrochenen und nach der Handscheidung vom tauben Gestein an einen Haufen gestürzten Erze werden erst im kommenden Frühjahr in Säcken auf der steilen Schneefläche hinunter transportiert zu den am Talstrom gelegenen Erzmühlen, welche aber wiederum nur in den drei wärmsten Sommermonaten gebraucht werden können, weil sie die übrige Zeit des Jahres in Schnee und Eis begraben liegen. Hier werden die Erze vorerst durch eine grobe Brechung zu der Grösse von Feldbohnen zerkleinert, und hernach wird in grossen, steinernen Trögen, in denen ein passender Reibstein zermalmend herumläuft, die feinere Mahlung und die Amalgamierung zugleich vorgenommen. Es wird nämlich einem Zentner Erz ein Pfund Quecksilber zugesetzt, und mit diesem sollen sich alle goldhaltigen Teilchen verbinden. Das so gewonnene Amalgam wird durch lederne Beutel gepresst, um es zu konzentrieren, und das durchgepresste Quecksilber dient sogleich wieder zu neuer Amalgamation. Vom zurückgebliebenen, konzentrierten Amalgam wird dann das Quecksilber durch die Destillation abgetrieben; das Gold bleibt in poröser Gestalt zurück und wird nachher durch wiederholte Schmelzung und Abtreibung möglichst rein dargestellt. So liefert es der Unternehmer der Gruben an die königliche Schatzkammer in Turin, wo es nach der Feinprobe gewertet und die Barbezahlung dafür nach Gutfinden dem Grubenbesitzer zugestellt wird. wobei jedoch der Staat einen bedeutenden Teil als Abgabe zurückbehält. Dieser nach Beschränktheit der Lage und Verhältnisse sehr einfache Amalgamationsprozess hat, bei aller seiner Zweckmässigkeit, doch den wesentlichen Nachteil, dass die mechanische Zerteilung oder Mahlung der Erze unter den Reibsteinen nicht fein genug bewerkstelligt wird, so dass in den gröberen Körnern doch noch viele Goldteilchen eingeschlossen bleiben, die mit dem Quecksilber nicht in Berührung und Verbindung kommen können und unausgeschieden in den Rückständen dem Schlammgraben zu fliessen. Eine vorhergehende Röstung der Erze, wozu es freilich oben in der Gletscherregion an Holz mangelt, und eine chemische Auflösung des Eisens und anderer beibrechenden Metalle, müssten das Goldausbringen bedeutend erhöhen und wären daher zur Vervollkommnung des Amalgamationsprozesses unumgänglich notwendig. Ungeachtet aber dieses mangelhaften Verfahrens werden dennoch aus dem Zentner Erz zwischen ein bis vier Lot Gold gewonnen, was auf grossen Reichtum der Erze schliessen lässt.
Fortsetzung folgt

15. September 2019

«Ist das jetzt der Urlaub?»

Christine Hutterer: «Ist das jetzt der Ulaub?»,
F.A. Herbig, München, 2013
Christine Hutterer hat sich mit ihrem Mann, der dreijährigen Tochter, dem elfmonatigen Sohn und einem liebenswerten, aber nichtsdestotrotz eigenwilligen Esel auf eine abenteuerliche Wanderung durch Korsika begeben. Blasen an den Füssen und Probleme beim Kartenlesen gehören beim Wanderurlaub dazu. Doch was tun, wenn sich der Esel weigert, Brücken zu überqueren, wilde Stiere am Wegesrand lauern und der Herbergsvater zwar den Esel, aber nicht die Kinder aufnehmen will? Die Autorin räumt mit der weitverbreiteten Meinung, dass man als junge Familie auf aussergewöhnliche Reisen verzichten muss, auf humorvolle und charmante Weise auf. (Klappentext)

Moors Fazit: Eine unterhaltsame Lektüre, die weniger auf historisch interessante Fakten der begangenen Route eingeht, dafür umso mehr Hinweise dafür liefert, wie es sich mit kleinen Kindern und einem Esel wandert. Die vielen Fotos nehmen den Leser mit in eine Gegend, die zum Wandern wie gemacht ist. Alles in allem ein lesenswertes Buch! Und wie es sich heute für einen Buchautor gehört, betreibt auch Christine Hutterer eine eigene Website: https://ist-das-jetzt-der-urlaub.de/

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 46

In ziemlich schnellem Lauf war ich in einer kleinen Stunde in die Hütten der Falleralp zurückgekehrt, wo ich meinen gefällig wartenden Reisegefährten und den Träger bereit fand. Wir stiegen miteinander steil hinunter und erreichten in einer Stunde den Talstrom, der wenig oberhalb dieser Stelle seinem Gletscher entquillt. Eine Stunde von da noch weiter abwärts im Tal erreicht man die Kirche von Alagna mit wenigen, ärmlich aussehenden Häusern umgeben, übrigens aber in einem freundlichen, grünen Alpental gelegen. Kaum hat man, von der Falleralp herunter gekommen, jenen oberen Talgrund erreicht, so stösst man noch oberhalb des Baumwuchses auf grosse gemauerte, aber verlassene Hüttengebäude, zu denen schöne Wasserleitungen führen und die in der Nähe der Gletscherregion einen überraschenden Anblick gewähren. Diese, dem König von Sardinien gehörenden Hüttengebäude sind zur Mahlung und Amalgamierung der in früherer Zeit hier reichlich gebrochenen, Gold- und Silbererze errichtet worden; die nahe liegenden Erzgruben aber, wahrscheinlich durch schlechten Betrieb und schlechte Verwaltung alle eingegangen, bis auf eine einzige, in welcher noch zwei Mann arbeiten; so wie auch die schönen Hüttengebäude allmählich in Verfall geraten. Vergebens sahen wir uns in dieser öden Wildnis nach einem Menschen um, der uns über die Gruben, von denen wir in der Nähe die offenen Stollen sahen, und über die Hütten nebst ihrem frühern Betrieb, an Ort und Stelle einige Auskunft hätte geben können. Es war hier alles wie ausgestorben. Erst im Dorf Alagna fanden wir, während des Mittagessens im Wirtshaus, einen Mann Namens Joseph de Paulis, welcher der Unternehmer und Pächter von einigen, zuoberst im Tal, nahe am Gletscher gelegenen, Goldgruben war, auf denen damals gerade fünfzehn Mann während sechs bis höchstens acht Monaten im Jahr arbeiten, da sie die übrige Zeit dem rauen Klima weichen müssen.
Fortsetzung folgt

14. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 45

Um nun die gestern durch Nebel und Dunkelheit verlorene Aussicht einigermassen nachzuholen, eilte ich schnell wieder auf den Turlo zurück und hatte in fünf Viertelstunden die nun ganz unbewölkte, kahle Höhe erreicht. Sobald ich den jetzt hart gefrorenen, mit einer schlüpfrigen Eiskruste bedeckten Schnee betrat, dankte ich der gütigen Vorsehung, die uns gestern noch bei weicher Beschaffenheit des Schnees die steile Wand glücklich hinaufgeführt hatte. Denn heute früh wäre es ein tollkühnes Unternehmen oder eine gänzliche Unmöglichkeit gewesen, die zu Eis gewordene, dreissig bis vierzig Grad geneigte Fläche zu erklimmen. Man konnte sich auf den obersten, flachsten Stellen derselben kaum halten, ohne auszuglitschen. Die Aussicht im Allgemeinen auf dem Monte Turlo steht derjenigen auf dem Montemoro weit nach; indem die nördliche, höhere Fortsetzung des Felsgrates vom Turlo den grössten Teil des dahinter verborgenen Monterosa verdeckt. Dagegen erblickte ich in tiefer Ferne südöstlich einen See und erkannte durch das Fernrohr einige scharf begrenzte Punkte auf seiner grünlichen Fläche, welche ich ihrer Lage nach, für nichts anders als für die Boromäischen Inseln auf dem Langensee halten konnte. Die kahlen Felsen dieser Höhe bestehen aus nordwestlich eingesenktem, granitartigem Gneis, und der ganze, vom Monterosa aus, weit südöstlich sich erstreckende, acht bis zehn tausend Fuss hohe Gebirgsgrat mit seinen vielen Verzweigungen, bildet die Wasserscheide zwischen den Gewässern, welche östlich durch das Anzascatal in der Tosa, dem Tessin, und denjenigen, welche südlich durch das Tal von Alagna, in der Sesia und Dora dem Po zuströmen.
Fortsetzung folgt

13. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 44

Zu einem höchst ersehnten Nachtlager konnte man uns weder Heu noch Stroh anweisen – an Betten muss man in einer Sennhütte nur gar nicht denken –, sondern diesmal waren es Faxen, auf denen wir schlafen sollten. Dieser uns zum ersten Mal vorgekommene Name eines Nachtlagers machte uns neugierig auf die Beschaffenheit desselben, und wir fanden, sobald wir uns auf diese Faxen hinstrecken wollten, dass sie ihren Namen, um der neckenden Eigenschaft willen, die sie besitzen, wenn auch nicht ursprünglich erhalten haben sollten, doch wirklich mit vollem Recht tragen; denn wo man sie berührt, dringt ihr leichter Stich durch die Kleider auf den Leib, so dass man glaubt, in ein Nadelbett geraten zu sein. Indessen erhohlt man sich bald wieder von seinem ersten Schrecken, wenn man gewahr wird, dass diese Stiche weder tief eindringend noch schmerzhaft sind. Es sind nämlich diese Faxen (Fachsen[1]), eine Art sehr dünnen Binsengrases, welches nur auf den höchsten, ein wenig befeuchteten Felsenköpfen, beinahe ohne allen erdigen Grund, in ziemlich trockenen Büscheln wächst und samt den Wurzeln, die auch nur einen trockenen, an dem Felsen klebenden Büschel bilden, zur Streue für Menschen und Vieh gesammelt wird. Die dünnen, nadelähnlichen Halmen dieses Grases, die in einer scharfen, dornartige Spitze enden, haben die Eigenschaft, durch dünnes Zeug auf die Haut eindringend zu stechen, dann aber nicht so viel Widerstand zu leisten, um die Haut selbst zu durchdringen, sondern auf dieser sich zu biegen oder abzubrechen. Man bemerkt daher bald und benutzt den Vorteil, auf solchem Lager sich nicht viel zu rühren; denn sobald man sich bewegt und seine Lage verändert, so wird man auch wieder von neuen Halmen gestochen. Wie aber der Hunger uns die Milch zum vortrefflichen Gericht gewürzt hatte, so machte uns die Müdigkeit auch diese Faxen zum vortrefflichsten Nachtlager, auf welchem wir besser schliefen, als so mancher im weichsten Flaum. Am folgenden Morgen hatten wir die unerwartete Freude, nach einem so trüben Abend den hellsten Himmel über uns zu erblicken; was hier sehr häufig der Fall sein soll.

[1] Nach Stalders Schweizerischem Idiotikon Thl. I. S. 348 ist das Wort Fachs, Fachsen auch im Berner Oberland gebräuchlich, wo es ebenfalls eine Art schlechten Bergheus bezeichnen soll, ob auch da mit dem Nebenbegriff jenes neckenden Stechens, wie bei den Hüttenbewohnern der Falleralp, ist mir unbekannt.

12. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 43

Nach anderthalbstündigem, sehr mühsamem Heruntertappen erreichten wir endlich in dunkler Nacht glücklich aber entkräftet, nach einer fünfzehnstündigen, höchst anstrengenden Tagesreise die obersten Hütten dieser zu Alagna gehörenden Alpe Faller. Ein junger, dicker Bursche mit einem schwarzen Krauskopf empfing uns, gleich einem geschäftigen Kellner, und führte uns gastfreundlich in seine Hütte, wo das ganze Weiberpersonal der umliegenden Sennhütten versammelt war, und er, die einzige männliche Person, wie der Hahn im Korb hauste. Die Sprache dieser Leute klingt so sonderbar, dass man sie kaum für Deutsch erkennen kann. Es stand uns alles in der Hütte zu Diensten, und man hätte uns nicht zuvorkommender behandeln können, wenn wir die Herren der Alpe gewesen wären; allein der ganze Vorrat von Lebensmitteln bestand aus Milch. In diesem Fall musste etwas Schokolade, die wir mitführten, das Brot und den Wein ersetzen.
Fortsetzung folgt

11. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 42

Wir hatten jetzt nur allzu fühlbar die Wahrheit der Versicherung unseres wackeren Führers empfunden, dass dieser Pass ebenso hoch und weit mühsamer und schwieriger sei als der Montemoro. Ohne eine Spur von Pfad folgten wir unserem voraneilenden Führer, dem die Richtung nach den obersten Hütten hin bekannt war. Lange suchten wir vergebens, durch Rufen und Jauchzen ein menschliches Wesen auf uns aufmerksam zu machen; wir wurden nur verspottet durch das Echo der umliegenden Felsen. Endlich schallte aus ferner Tiefe herauf der angenehme Ton einer menschlichen Stimme und etwas später wurde unser Auge durch den Schein eines Lichtes erfreut, das, wie wir nachher sahen, die guten Bewohner der nächsten Hütten, zum Leitstern für uns, auf einen über die Hütten emporragenden Platz gebracht hatten.
Fortsetzung folgt

10. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 41

Nach einer halben Stunde mühsamen Ansteigens, mit öfterem Zurückglitschen verbunden, fing das Schneefeld an, sich etwas zu verflachen, und in einer Viertelstunde von da hatten wir die in Nebel und Dunkelheit eingehüllte Höhe erreicht. Grosse, kahle Granittrümmer und schroffe Felszacken ragten Gespenstern ähnlich aus Eis und Schnee hervor. Keine Spur eines organischen Wesens, selbst kein Moos war hier zu finden, und die tiefe, dunkle Stille der eingebrochenen Nacht noch dazu, gab dieser Szene das schauerliche Bild einer ganz erstarrten, toten Natur. Kaum hatten wir den scharfen Grat des Gebirges erreicht, so ging es auf der anderen Seite wieder steil hinunter, zum Glück ohne Schneefelder, wohl aber über scharfkantige Gneis- und Granittrümmer, die in der Dunkelheit uns doppelt sorgfältig machten.
Fortsetzung folgt

9. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 40

Wir stiegen raschen Schrittes zwei Stunden, erst auf einem schmalen Pfad, dann über Trümmer von Gneis und Granit, deren scharfe Kanten und hohle Zwischenräume gar leicht gefährliche Misstritte veranlassen konnten, sehr steil bergan. Schon brach die Dämmerung, durch dunkeln Nebel noch vermehrt, herein, als wir, ziemlich müde, unten an einem endlos scheinenden Schneefeld anlangten, welches uns als eine jähe, unübersteigbare, glatte Wand den Weg zu versperren schien und uns bewogen hätte, sogleich wieder nach den Hütten zurückzukehren, wenn nicht der beinbrechende Weg über Felstrümmer, auf welchem einer von uns bereits einen drohenden Misstritt getan hatte, uns abgeschreckt hätte. Auf die ernstliche Mahnung unseres wackeren Franz Zurbrücken, unter den gegenwärtigen Umständen keine Zeit zu verlieren, sondern im Gegenteil möglichst zu eilen, um vor gänzlich einbrechender Nacht noch die Höhe und den jenseitigen Abhang zu erreichen, rafften wir unsere Kräfte zusammen und folgten seinen mit Gewalt für uns in den Schnee geschlagenen Fusstritten.
Fortsetzung folgt

8. September 2019

Der kauzige Künzle und die Kinder

Beat Frei: Wangs und sein Kräuterpfarrer,
Katholische Kirchgemeinde, Wangs,
2007
Gegenüber des Rathauses der Gemeinde Wartau im Ortsteil Azmoos war es, als ich mir neulich aus dem öffentlichen Bücherschrank eine in Leinen gebundene Ausgabe von Beat Freis «Wangs und sein Kräuterpfarrer» hervorzupfte. Das Buch erschien 2007 anlässlich des 150. Geburtstages von Johann Künzle, besser bekannt unter dem Namen Kräuterpfarrer Künzle. Ich las das Büchlein mit viel Amüsement, nicht zuletzt deshalb, weil dieser Künzle ein durch und durch kauziger, mitunter aber auch geschäftstüchtiger Zeitgenosse war, dessen Werk bis in die heutigen Tage Bestand hat. Als Müsterchen ein paar Worte über seinen Umgang mit den Kindern:

«Die Gofen führen, wie im ganzen Oberland, so ziemlich überall das Regiment in der Familie», schrieb Pfarrer Künzle in seinem «Pfarrbericht von Wangs» von 1914. Die Kinder gälten hier als «sakrosankt und unverletzlich», seien «ruch, ohne Spitzli und Girlanden». Aber es gelang dem Pfarrer schon bald, die Kinder zu bändigen. Der Geist sei «ein viel besserer, milderer und christlicherer geworden», heisst es im nächsten Pfarrbericht von 1918. Wenn er auf der Strasse spielenden Kindern begegnete, so erinnerte sich später ein Einwohner, habe der Pfarrer jeweils schon von weitem «Bibi, Bibi» gerufen. «Dann eilten die Kinder wie eine Schar Hühner zum Pfarrer, streckten ihm die Hände entgegen und grüssten laut und deutlich mit ‹Gelobt sei Jesus Christus›.»

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 39

Nachdem wir in Macugnaga, im ziemlich schmutzigen Wirtshaus, eine Suppe zu Mittag gegessen und uns für das Nachtquartier und den Turlopass mit Wein und Brot (mehr war nicht zu bekommen) verproviantiert hatten, setzten wir unseren Weg nach dem eben benannten Bergpass fort. Er führte uns zuerst eine Viertelstunde talabwärts und dann, über eine vorspringende Anhöhe am rechtsseitigen Talhang, in ein kleines, südwestlich ansteigendes Seitentälchen hinein. Dieses einsame, öde, mit wenig Nadelholz bewachsene, sogenannte Quarazza- oder Krazertälchen zieht sich zwei Stunden lang bis an den unmittelbaren Fuss des Turloberges hinan und endigt bei den obersten Alphütten diesseits des Berges, im Grunde[1] genannt. Es war Abends vier Uhr, als wir hier anlangten und beschlossen, unser Nachtlager hier aufzuschlagen; weil unser Führer versicherte, der Turlopass sei viel rauer und mühsamer, als der Montemoro, und es wäre zu anstrengend, beide in einem Tag zu passieren. Die Hütten waren nur mit älteren, ziemlich schmutzig aussehenden Weibern besetzt, welche nicht sehr geneigt schienen, drei Männern Nachtquartier zu geben, und uns den vorstehenden Turlopass viel weniger weit und beschwerlich schilderten, als unser Führer. Da sich überdies der Himmel stark zu bewölken anfing und auf den folgenden Tag schlechtes Wetter vermuten liess, wünschten wir sehr, aus dieser öden und traurigen Umgebung weg und wenn möglich, heute noch auf den jenseitigen Gebirgsabhang, gegen das Tal von Alagna hin zu kommen, um doch morgen, im Falle schlechter Witterung, einem in mineralogischer und bergmännischer Beziehung merkwürdigen Ort näher zu sein. Aus diesen mehrfachen Gründen machten wir uns erst abends gegen sechs Uhr auf den Weg über den Turloberg, von den Landleuten nur das «Türle» genannt.

[1] La Piana (1630 m)
Fortsetzung folgt

7. September 2019

Die Eiswand

Christopher Burns, Die Eiswand,
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 1992
Seit ihrer Kindheit sind der Schweizer Hansi Kirchner und der Engländer Ernest Tinnion die besten Freunde. 1936 wollen sie gemeinsam als erste eine als unbezwingbar geltende Nordwand in den Alpen durchsteigen. Ernest ist mit seiner Geliebten Jean in eine kleine Pension am Fusse des Berges gekommen. Jean versucht, ihn von der Klettertour abzuhalten, aber die Zeit drängt: Ein italienisches Team bereitet sich ebenfalls auf die Durchsteigung der Wand vor. Die beiden Männer brechen unverzüglich auf: Schlechtes Wetter lässt ihr Unternehmen zu einem Kamnpf auf Leben und Tod werden, den der englische Autor mit atemberaubender Spannung und geradezu grausigem Realismus beschreibt. (Klappentext)

CH: Fiktive Nordwand in einem katholischen Hochalpengebiet (Hauptschauplatz) BE: Eigernordwand D: München, Isar GB: Lake District

Moors Fazit: Spannend erzählte Story im Sinne der klassischen Bergsteigerliteratur, gekoppelt mit einer nicht ganz einfachen Beziehungsgeschichte. Etwas sonderbar ist die Nachbearbeitung des Todes des abgestürzten Hansi Kirchner: Null kriminalpolizeiliche Untersuchungen, obschon der Absturz willentlich herbeigeführt worden ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man damals so skrupellos mit diesem Thema umging. Und auch die Angehörigen Kirchners werden mit keinem Wort erwähnt ...

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 38

Herr von Saussure und, wahrscheinlich auf seine Angaben gestützt, auch neuere Alpenbeschreiber erwähnen eines möglichen, aber höchst selten gebrauchten, gefährlichen Passes von Macugnaga nach Zermatt im Wallis über den Weissgrat[1], welcher höher sein soll, als der Matterhornpass und vier Stunden über Gletscher nahe an den höchsten Kuppen des Monterosa vorbeiführe. Man soll auf diesem Passe elf Stunden von dem einen Dorf zum andern zu gehen haben. Es wäre uns merkwürdig gewesen, diesen Pass, der zehn bis zwanzig Stunden Umweg, auf ebenfalls mühsamen Gebirgspfaden, zwischen den benannten zwei Dörfern abschneiden würde, kennen zu lernen; aber, ungeachtet aller Nachforschungen, hier sowohl als im Wallis, konnten wir nichts über diesen Gebirgspass erfahren, der, wenn er existierte, der höchste in Europa wäre.

[1] Vermutlich ist damit das Schwarzberg Weisstor (3562 m) gemeint.
Fortsetzung folgt

6. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 37

Höchst selten aber übersteigt von hier aus ein Reisender, wenn er auch aus Italien nach der Schweiz reisen will, den Montemoropass, sondern alle kehren durch das Anzascatal wieder zurück und machen so einen Umweg von mehreren Tagen über den Simplon, oder einen anderen, bequemeren Alpenpass, nur aus übertriebener Furcht vor den Schwierigkeiten des Moropasses. Und doch bietet dieser Pass, bei günstiger Jahreszeit und Witterung, gar keine besonderen Schwierigkeiten, insofern man nur mit einem kundigen und zuverlässigen Führer versehen ist. Ein solcher freilich ist unentbehrlich notwendig und mag dagegen allerdings in Macugnaga noch viel schwieriger als in Saas zu erhalten sein. Denn bei so selten gebrauchten hohen Gebirgspässen tragen die nächsten Anwohner auf der Südseite ungleich mehr Bedenken und sehen sich weit seltener genötigt, in Geschäften der raueren Nordseite einen Besuch zu machen, als dies umgekehrt der Fall ist. Überhaupt aber verdient dieser Alpenpass als einer der merkwürdigsten und höchsten, der aus der Schweiz nach Italien führt, weit mehr gekannt und besucht zu werden, als es wirklich geschieht; und wenn diese flüchtige und nur unvollständige Beschreibung desselben den einen oder anderen Alpenwanderer dahin leiten sollte, so darf ich mich im Voraus freuen, dass das Angeführte nicht nur bestätigt, sondern mit vielen Zusätzen auch bereichert werden wird. In den unteren Teilen des Anzascatals, die ich leider nicht Zeit hatte zu besuchen, sollen viele Goldbergwerke betrieben werden, welche zwar jetzt nicht mehr so reiche Ausbeute liefern, wie in früheren Zeiten.
Fortsetzung folgt

5. September 2019

100 Jahre Verkehrsbetriebe STI (1913–2013)

Diverse Autoren: 100 Jahre Verkehrsbetriebe
STI AG, Schläfli + Maurer, Interlaken, 2013
Die Verkehrsbetriebe STI AG ist mit ihren rund 300 Mitarbeitenden die regionale Busbetreiberin in Thun und Umgebung. Mit 76 Kursbussen werden 29 Linien auf einem Streckennetz von 412 Kilometern betrieben und jährlich über 15 Millionen Passagiere befördert. Die STI betreibt zudem ein Nachtangebot mit sieben Moonliner-Linien, bietet Carreisen an und führt eine Werkstatt für die eigene Flotte und Kundenfahrzeuge. Die STI ist auch Geschäftsführerin der Thunersee-Beatenberg-Niederhorn-Bahnen sowie des Tarifverbundes Berner Oberland (BeoAbo). Im Jahre 2013 feiern die Verkehsbetriebe STI AG das 100-jährige Bestehen. Mit dem vorliegenden Buch wird die STI mit aktuellen Betrachtungen in Bild und Schrift in einer Momentaufnahme festgehalten. Ein kurzer geschichtlicher Abriss zeigt in groben Zügen, wie sich das Unternehmen seit der Gründung vor 100 Jahren verändert und entwickelt hat. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein mit schönen aktuellen und historischen Fotos aufgemachter Band, der textlich zu einem grossen Teil eher einem PR-Produkt als einer Rückschau auf die vergangenen 100 Jahre gleichkommt. Schade, denn die Geschichte der STI würde einiges mehr hergeben, als die paar wenigen Seiten. Dennoch darf sich die STI als Unternehmen wirklich sehen lassen, was die jährlich steigenden Fahrgastzahlen eindrücklich beweisen.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 36

Über Schnee und Felsen steil nun hinabsteigend, erreichten wir in anderthalb Stunden die erste piemontesische Alphütte, Galknere genannt, und von da in zwei kleinen Stunden das Dorf Macugnaga, im obersten, von den höchsten Gebirgen eng begrenzten Hintergrund des Anzascatals, dessen grüner Alpengrund sich unweit des Dorfes unter die herabstarrenden Gletscher des Rosa verliert. Viele Reisende kommen durch das zehn Stunden lange Tal herauf bis hierher, um den Bewunderung und Erstaunen erregenden Anblick des von dieser Stelle aus beinahe zehntausend Fuss hoch, fast senkrecht emporsteigenden Gebirgskolosses zu geniessen. Es ist dieses in der Tat auch ein Anblick, der einzig in seiner Art ist, und dem ich aus der Umgebung des Montblancs nichts so Ergreifendes an die Seite zu stellen wüsste, weil man dort dem senkrechten Abriss nirgends so nahe kommen kann, wie hier.
Fortsetzung folgt

4. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 35

Auf diesem sehr hohen Standpunkt war uns die Höhe des Monterosa weniger auffallend als seine gewaltige Masse. Beim Hinabsteigen aber, nach dem viertausend Fuss tiefer liegenden Dorf Macugnaga, wurde mit jedem Schritt auch die Höhe dieses Kolosses auffallender. Doch ehe wir uns von der Höhe dieses Passes trennen, ist noch zu bemerken, dass der Montemoro selbst keine beträchtlich über den Pass sich erhebende Spitze oder Kuppe bildet und auch in der weiteren, östlichen Fortsetzung dieses Gebirgsrückens ist nur eine einzige beträchtliche, in mehrstündiger Entfernung hervorragende Gebirgsspitze bemerkbar, welche vielleicht das Fletschhorn in der Nähe des Simplon sein könnte. Dagegen zieht sich, vom Rosa aus nördlich nach dem Wallis hin, eine sehr hohe, scharf ausgezackte, vergletscherte Gebirgskette, aus welcher die an Höhe dem Rosa selbst wenig nachstehenden Spitzen des Rothorns und der Mischabelhörner sich besonders hervorheben. Dieser hohe Grat scheidet die oberen Teile der Täler von Saas und Zermatt. Auf der Südseite des Rosa bemerkt man viele, strahlenförmig von ihm auslaufende Gebirgsgräte, die jedoch bei weitem nicht so hoch sind, wie der erwähnte einzige nach Norden auslaufende Grat. In blauer Ferne endlich lagen südlich vor unseren Blicken ausgedehnt die Ebenen der Lombardei, auf welchen aber mit einem kleinen Fernrohr die einzelnen Gegenstände nicht zu erkennen waren.
Fortsetzung folgt

3. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 34

Vom Tälliboden bis auf die Höhe des Passes hat man noch eine Stunde lang über kahle Felsen und Schnee zu steigen; je mehr man aber dem Rücken des Gebirges sich nähert, desto flacher wird die nördliche Schichtensenkung des granitartigen Gneises, wodurch das Hinansteigen auf den südöstlich zu Tage ausstreichenden Schichtenköpfen um vieles erleichtert wird. Auf der immer mit Schnee bedeckten, ungefähr neuntausend Fuss betragenden Höhe des Passes, oder der Grenze zwischen Wallis und Piemont, wurden wir gegen Westen plötzlich durch die herrlichste Ansicht der Südseite des ganz nahen Monterosa überrascht, dessen Höhen bis dahin durch Vorberge unseren Blicken entzogen worden waren. Von hier aus zeigt sich derselbe als eine kolossale, von West nach Ost sich ausdehnende Fels- und Schneemasse, auf deren breitem Rücken vier, an Höhe ziemlich gleiche Spitzen sich auszeichnen und an deren steil abgerissener Südseite, erst mehrere Tausend Fuss unter der Höhe, sich fünf bis sechs Gletscher bilden, welche breiten erstarrten Strömen gleich, herabhängen und in die, durch Vorberge unserem Blick entzogenen Hintergründe der anstossenden Täler sich verlieren.
Fortsetzung folgt

2. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 33

Eine Viertelstunde dann oberhalb der Distelalp steigt ein dritter Gletscherarm von der Ostseite des Monterosa oder seiner Umgebung wieder bis in den Talgrund herab. Bald hernach wird der Pfad etwas steiler als bis dahin, und man erreicht in Kürze die letzte kleine Ebene, mit wenigem Grün bekleidet, Tälliboden genannt. Gegen diese herab zieht sich von Südost, oder der eigentlichen Höhe des Montemoro, ein Gletscher, über den man bei grösserem Schnee gewöhnlich den Weg nach Macugnaga nimmt, dann aber zwei Stunden weiter hat, als über den so genannten Macugnagerberg oder den Sommerweg, welchen wir jetzt einschlugen, und der vor alten Zeiten als Saumweg muss gebraucht worden sein. Noch jetzt trifft man grosse, gut mit Granit gepflasterte Strecken dieses alten Weges an, obschon er an den meisten Stellen unter Felsschutt begraben liegt. Seit Mannsgedenken nämlich wurde gar nichts daran verbessert oder auch nur weggeräumt, weil man ihn nicht mehr mit Vieh passiert und seiner darum auch nicht mehr bedarf.
Fortsetzung folgt

1. September 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 32

Eine Viertelstunde hinter dem oberen Gletscher weichen die beiden Talhänge wieder mehr zurück und verflachen sich, so dass man aus einem nackten Chaos aus Felsen und Eis ganz unvermutet wieder von einer schönen, grünen Alp sich umgeben sieht, auf deren hügeligem Grund sechzehn bis achtzehn zerstreute Hütten und Ställe ein kleines Dörfchen zu bilden scheinen. Dieses ist die oberste Saaseralp, Distel genannt, wohin gerade jetzt 180 Stück kleines und grosses Vieh getrieben wurden, die während etwa sechs Wochen genug Sömmerung hier finden. Es muss aber hier bei nur etwas ungünstiger Witterung sehr rau und kalt sein; denn heute, an einem hellen Morgen, im höchsten Sommer eines ausserordentlich warmen Jahrgangs, war dennoch der Boden gefroren und das Gras voll Reif.
Fortsetzung folgt