30. November 2015

Oh Emmental, du Winterparadies!

Wir erinnern uns: Noch vor 14 Tagen stiegen wir in die Höhe, eingekleidet mit T-Shirt, eingeschmiert mit Sonnencreme. Die Skiliftbetreiber sangen bereits ihr alljährliches Klagelied: Zu warm, zu warm, bald sind wir arm. Und nun ist alles anders. Auf 1000 Meter lagen am Samstag zwischen 30 und 50 cm Schnee. So zumindest im oberen Emmental, wo es mich zu meinem Start in die Winterwandersaison hinzog. Und ich wurde reichlich belohnt, auf meinem Gang von Eggiwil via Schangnau ins Innereriz. Der Schneefall musste zuvor so intensiv gewesen sein, dass selbst die Nebensträsschen nicht schwarz geräumt waren. Wandern auf schneebedecktem Asphalt, ein Hochgenuss!

Besonders beeindruckend war die Einkerbung beim Sorbach hinter Eggiwil und der anschliessende Weg hoch über dem Schopfgraben durch märchenhaft anmutenden Wald. Einmal mehr war ich erstaunt über die Abgeschiedenheit der Bauernhöfe, die sich bei derartigen Witterungsverhältnissen unmissverständlich offenbart. Wie in einem Werbefilm der Post nahm sich der kleine gelbe 4-WD des Briefträgers aus, der an diesem Samstagmorgen all die kleinen Aussenposten der ländlichen Zivilisation bediente: Eine gelbe Ameise, die über unzählige Kurven um ebensoviele Hügel und Höger wuselte.

Traumhafter Weg über dem Schopfgraben bei Eggiwil (BE).


Oberhalb von Innereriz, am Fusse des Hohgants, sah ich mich auf der letzten halben Stunde mit knietiefem Schnee konfrontiert. Nach gut 16 Kilometern gab mir dieser Abschnitt den Rest. Für mich bewahrheitete sich die Erfahrung, dass der Hohgant als segensreiches Hindernis dient, an dem sich die Schneewolken in aller Ruhe ihrer Fracht entledigen können. Nach dieser traumhaft schönen Wanderung am Übergang vom Emmental in das Berner Oberland hat für mich der Winter endgültig Einzug gehalten, was die Bildstrecke verdeutlichen möge.

Bauernhübeli, hoch über der Emme

28. November 2015

Der norwegische Gast

Anne Holt: Der norwegische Gast, Piper,
München, 2009
Ein Schneesturm zwingt die Passagiere eines Zuges, in einem norwegischen Berghotel Zuflucht zu suchen. Unter ihnen ist die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen. Als das Hotel komplett eingeschneit wird, geschieht ein brutaler Mord. Panik macht sich unter den Eingeschlossenen breit, und die an den Rollstuhl gefesselte Kommissarin muss ihr Bestes geben, um den Mörder zu enttarnen. (Klappentext)

N: Bergenbahn, Finsenut-Tunnel, Bahnhof Finse, Hotel 1222 in Finse, Finsevatn, Finse

27. November 2015

Brugg baut auf Chromstahl


Sie haben etwas Kühles, Steriles; die Sitzbänke in der Stadt Brugg (AG). Ich stelle mir die Bänkli aus Chromstahl im Winter als arschkalte und im Sommer als glühend heisse Sitzunterlagen vor. Was insgesamt und überhaupt noch zu beweisen wäre.

26. November 2015

Röbi der Berg

Ab Februar 2016 in der
Edition Wanderwerk
erhältlich.
Im kommenden Februar wird in der Edition Wanderwerk ein historischer Reisebericht erscheinen, an dessen Bearbeitung ich derzeit bin. Wanderungen nach und in Graubünden lautet das Werk. Geschrieben hatte es anno 1856/57 ein gewisser J. Albert aus dem Norden Deutschlands. Besonders interessant sind die heute zum Teil noch kaum bekannten Orts- und Gipfelbezeichnungen. Weil das Buch auch ein Ortsregister enthält, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, alte Bezeichnungen mit den heute gebräuchlichen zu ergänzen. Hierbei gilt es manchmal, wahre Knacknüsse zu lösen. Eine davon hiess Röbi, bei der es sich um den Namen eines Gipfels handelte. Google brachte mir zwar andere Quellen näher, die den Röbi ebenfalls als Berg auswiesen, doch, weil es sich ebenfalls um historische Quellen handelt, ohne einen Bezug zu heutigen Bezeichnung. Und, geben Sie einmal bei Google Röbi + Gipfel ein! Sie werden Tausende von Röbis angezeigt erhalten, die irgendwann einen Gipfel bestiegen und sich im Internet verewigt haben.

Fündig wurde ich schliesslich auf genau jener Karte, die Herr Albert bei seiner Wanderreise mit sich führte: Leuthold's neueste Reisekarte der Schweiz. Da entdeckte ich, mit der im Text erwähnten Umgebung des Röbi, einen Gipfel namens Mot de Röbi. Der Blick auf die aktuelle Landeskarte der Schweiz verriet mir nun, dass es sich um den Muot da Rubi oder auf Deutsch, das Kistenstöckli (2748 m) handelt.

Die Leuthold'sche Karte von 1868 im Massstab von ca. 1:450'000 mit dem Mot da Röbi

Die aktuelle Landeskarte zeigt den Muot da Rubi erst ab dem Massstab 1:50'000

Der Berg liegt unweit der Bifertenhütte des Akademischen Alpenclubs Basel und bildet die Kantonsgrenze zwischen Glarus und Graubünden. Nun hatte ich eine Handhabe, um weitere Nachforschungen zu diesem Berg anzustellen, so unter anderem stiess ich auf einen Eintrag im Geographischen Lexikon der Schweiz von 1902 (Autorenkollektiv, Verlag von Gebrüder Attinger, Neuenburg, 1902-1910; 2. Band, Seite 749):

Kistenstœckli, romanisch Muot de Robi (Kt. Glarus und Graubünden). 2749 m. Schön und regelmässig geformter Felsspitz, nach allen Seiten hin steil abfallend; in der vom Bifertenstock gegen O. und NO. über die Muttenberge, den Ruchi und Hausstock ziehenden Kette und zwischen dem tief eingeschnittenen Limmernboden und dem Val Frisal; w. über dem Kistenpass. Besteht aus eocänen Schiefern mit Nummuliten, unter denen in normaler Lagerung verschiedene Stufen von Kreide und Jura (besonders Malm) folgen; im Limmernboden treten noch tiefer auch Dogger, Rötidolomit und Verrucano zu Tage. Gehört dem normalen Muldenschenkel der Glarner Doppelfalte an. Das Kistenstöckli kann von der Muttseehütte des S. A. C. aus über den Kistenpass und seine NW.-Flanke in 3½ Stunden bestiegen werden.

25. November 2015

Begegnung in Hemberg

Aller guten Dinge sind drei, deshalb noch ein letzter Eintrag aus und über Hemberg, von dem ich in den letzten zwei Posts berichtet habe. Diese schnuckelige Katze ist mir auf der Mauer der katholischen Kirche begegnet. Am liebsten würde man ein solches Tierchen doch gleich mit nach Hause nehmen, nicht wahr. Ich vermied die Umsetzung tunlichst, denn weder Katze noch Besitzer hätten wohl Freude gehabt, wenn ein dahergelaufener Wanderer sich des Tierraubs bemüht.


24. November 2015

Konfessionelles aus Hemberg II

Gestern schrieb ich über die katholische Kirche von Hemberg im Toggenburg. Widmen wir uns heute also dem reformierten Teil des Dorfes und wie er zu einer eigenen Kirche kam.

Johannes Dörig, von 1522–26 Pfarrer in Hemberg, war einer der eifrigsten Verfechter der Reformation im Toggenburg. Allerdings soll er auch alle andern an Grobheiten übertroffen haben. Äusserungen wie: «In einer Toilette könnt ihr grad soviel Ablass (Sündenerlass) erhalten wie in Einsiedeln und die dorthin gehen, sind des Teufels!», verärgerten die Katholiken so sehr, dass sie seine Inhaftierung forderten. Die Hemberger hingegen – fast alle Anhänger des neuen Glaubens – schützten ihren Pfarrer. Erst als die Schwyzer mit den Waffen drohten, befahl der toggenburgische Landrat dem streitbaren Pfarrer, das Land zu verlassen.

Auch die reformierte Kirche von Hemberg (SG) überragt die Skyline des Dorfes deutlich.


Nachdem die damalige Kirche, ja sogar das Pfarrhaus, von beiden Konfessionen gemeinsam benutzt worden waren, beschlossen 1778 die Evangelischen eine eigene Kirche zu bauen. Vier Bürger der Gemeinde standen mit 12‘000 Gulden für die Finanzierung ein, unter der Bedingung, dass jedes Gemeindeglied bereit war, sechs Tage Fronarbeit zu leisten. Der Baumeister Jakob Haltiner von Eichberg kam im März 1779 mit 76 Arbeitern und zwei Wagen voll Arbeitsgeschirr an. Zehn Tage vor Weihnachten konnte das Gebäude samt den vier Glocken bereits eingeweiht werden.

Die Kirche der Reformierten von Hemberg steht punktgenau mitten im Dorf.

23. November 2015

Konfessionelles aus Hemberg I

Das Toggenburg ist kirchengeschichtlich eine interessante Gegend. Vor Jahren, auf meiner Wanderung von Schaffhausen ins Bergell, kam ich im Ort Mogelsberg vorbei und lernte dort den Begriff paritätische Kirche kennen. Hierbei handelt es sich um die gemeinsame Nutzung des Kirchgebäudes, sowohl von Katholiken als auch von Reformierten, jedoch jeweils zeitlich so versetzt, dass sich die Messen und Gottesdienste nicht in die Quere kommen: die infrastrukturelle Oekumene. Eine meiner letzten Wanderungen führte mich nun in das schön gelegene Toggenburger Dorf Hemberg. Bereits von weitem fielen mir die zwei Kirchtürme auf, und ich wusste, was dies zu bedeuten hatte. Gespannt machte ich mich auf die Suche nach den Hintergründen. Ich musste nicht lange suchen, denn vor jedem Gotteshaus stand eine Tafel, die ein wenig über die Historie berichtet.

Die Turmspitze der katholischen Kirche in Hemberg (SG).


Das heutige Gebäude der katholischen Kirche wurde 1871/82 von Ferdinand Beer erbaut. Es ist ein im Kern gotischer Spätbarockbau mit Chorfrontturm. Die Fresken von Jakob Josef Müller kamen zum Teil erst bei der Restauration 1972/73 wieder zum Vorschein. Eine besondere Geschichte hat die Statue der heiligen Anna hinter sich. Einzug in Hemberg hielt sie vermutlich im Jahre 1460, ein Jahr nach dem Brand der ersten Kirche aus dem Jahr 1240. Innerhalb eines Jahres hatten die Hemberger die Kirche wieder aufgebaut und fügten dieser nun die St. Annakapelle hinzu. Als 62 Jahre später die Reformation samt Bildersturm auch das Toggenburg erschütterte, «floh» St. Anna gleichsam ins Exil Ein St. Peterzeller Katholik hielt sie in seinem Hause verborgen. Sie kehrte auch nicht zurück, als im Jahre 1618 wieder ein katholischer Priester sein Amt in Hemberg antrat. Wohl zu ihrer Rettung, denn 1623 wurde die Kirche durch Blitzschlag zerstört. Sie wurde wiederum sofort aufgebaut und zwar von den Evangelischen und den Katholischen gemeinsam, denn das gebäude, ja sogar das Pfarrhaus wurden paritätisch genutzt. erst im Jahre 1649 wurde die heilige Anna in feierlicher Prozession in ihre Kapelle zurückgebracht. 1779 erbauten die dann die evangelisch Gläubigen ihre eigene Kirche. Mehr darüber im Blog von morgen.

Das nicht allzu überladen wirkende Innere der katholischen Kirche von Hemberg.

22. November 2015

Deutschland umsonst reloaded

Harald Braun: Deutschland umsonst
reloaded,
Rowohlt, Reinbeck, 2011
Harald Braun bezeichnet sich selbst als Warmduscher – und doch lässt ihn die Frage nicht los, wie es sich anfühlt, auf Geld und komfortable Fortbewegungsmittel zu verzichten und einfach loszulaufen. Er macht sich auf den Weg, mit seinem Hund an der Seite und 20 Euro Notreserve (für Hundefutter!) im Rucksack. Worauf er nicht verzichtet, ist sein Smartphone – denn er möchte ausprobieren, wie tragfähig die sozialen Netzwerke im echten Leben tatsächlich sind. Wird ihn einer seiner Facebook-Freunde auf dem Sofa schlafen lassen, und wird eine Blogleserin ein warmes Essen spendieren? (Klappentext)

Der Titel des Buches lehnt sich an den Wanderreportage-Klassiker Deutschland umsonst von Michael Holzach (1947–1983), dessen Werk 1982 erschienen ist. Auf Holzach und sein Unterfangen werde ich in diesem Blog zu einem späteren Zeitpunkt näher eingehen.

20. November 2015

Die dunkle Seite des Mondes

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes,
Diogenes, Zürich, 2000
Starwirtschaftsanwalt Urs Blank, fünfundvierzig, Fachmann für Fusionsverhandlungen, hat seine Gefühle im Griff. Doch dann gerät sein Leben aus den Fugen. Ein Trip mit halluzinogenen Pilzen führt zu einer gefährlichen Persönlichkeitsveränderung, aus der ihn niemand zurückzuholen vermag. Blank flieht in den Wald. Bis er endlich begreift: Es gibt nur einen Weg, um sich aus diesem Alptraum zu befreien. (Klappentext)

ZH: Stadt Zürich, Zürcher Oberland

19. November 2015

Im Banne des Bibers

Vorerst wollte ich in die Berge. Dann stand mir der Sinn auf einmal nach Flachland. Kilometer statt Höhenmeter. Also tauschte ich die bereits eingepackten Karten aus. Statt nach Gstaad reiste ich nach Gümmenen. Statt Zweisimmen hiess das Ziel nun Täuffelen. Was in Gümmenen von Gstaad noch blieb, war die Saane. Doch nicht für lange. Nach wenigen Kilometern verheiratete sie sich mit der Aare und somit auch mit der Simme. Kurz vor dem Niederried-Stausee gelangte ich in das Naturschutzgebiet Niederried–Oltigenmatt, das ziemlich vom Biber in Beschlag genommen worden ist. Der Kerl hatte massige Bäume gefällt, die nun quer über dem Wanderweg lagen. Andere Stämme wurden derart heftig angeknabbert, dass sie jeden Moment umzufallen drohten. Mir gefällt das Treiben von Castor fiber, gestaltet er doch sein Habitat so, wie es ihm passt und übernimmt hierbei eine wichtige Funktion als Wasserbauingenieur. Schade, kommt er hierbei immer wieder mit dem Menschen in Konflikt.

Vom Biber gefällte Eiche kurz vor Erreichen des Niederried-Stausees (BE).


Zum Glück hatte ich kurz vor der Abreise meine Absicht, für heute einmal keine Fotos zu machen, über den Haufen geworfen. Wie sonst hätte ich die beeindruckende Arbeit der Biber festhalten können, schlechter Zeichner, der ich bin. Vom Niederried-Stausee folgte ich der Aare bis Aarberg, wo ich mich in der Folge an den Hagneck-Kanal hielt, um schliesslich in Täuffelen nach über 24 Kilometern die schöne Route zu beenden.

Biberfrassspuren an gefällter Eiche.

Rechts der Bildmitte führt die Biberstrasse direkt in die Aare.

Hier fehlt nicht mehr viel!

Derselbe Stamm wie oben aus anderer Perspektive.

Biber am Werk!

Der Wanderweg kurz vor dem Niederried-Stausee ist zum Bauplatz der Biber geworden.

18. November 2015

Auf dem Pilgrims' Way nach Canterbury

Ueli Brunner: Auf dem Pilgrims' Way
nach Canterbury
, Ultreïa Verlag, Zürich,
2003
Bis zur Reformation war Canterbury einer der wichtigsten christlichen Wallfahrtsorte. Heerscharen von Pilgern kamen zur Stätte, an der Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, im Jahre 1170 erschlagen worden war. Berichte über Wundertaten des heiligen Märtyrers waren in aller Munde und verbreiteten sich über diese Pilger in die ganze Welt.

Auf seiner Wanderung durch Südengland geht Ueli Brunner in den Fussstapfen der mittelalterlichen Canterbury-Pilger einen Weg von über 500 Kilometern. Auf dem englischen Pilgrims' Way bewundert er die historischen Kulturdenkmäler, geniesst Natur und Landschaft und ruft das Leben und Wirken der Märtyrer wie Thomas Becket, Thomas More und Jeanne d'Arc in Erinnerung. (Klappentext)

17. November 2015

Die Sache mit dem Patriotismus

Gute Nacht über der Stockhornkette mit Chrummfadenfluh, Nünenenfluh, Gantrisch, Bürglen, Ochsen.


Vergangene Woche. Nachmittagswanderung von Niedermuhlern (das gibt's!) nach Riggisberg. Abgesehen davon, dass mich der doofe Hund beim Gehöft Ratzenberg (ja, es war einer dieser Appenzeller Mischlinge) nervte und mit ihm sein Meister und dem Ich-kann-ihn-nicht-mehr-hören-Satz «dä macht nüüt»! Ich mache ja auch «nüüt», aber der Tag wird kommen, wo ich einem dieser «Dä-macht-nüüt»-Hundehalter eins runterhaue. Vielleicht finde ich irgendwo im Web eine Statistik von Menschen, die von «Dä-macht-nüüt-Viechern» gebissen worden sind. Vielleicht sind sogar Sie, liebe Leserin, lieber Leser Opfer von nichts machenden Hunden geworden. Wenn ja, melden Sie sich doch bitte bei mir! Damit nun nicht der Eindruck entsteht, ich sei ein Hundehasser, muss ich erwähnen, dass ich Hunde extrem gerne habe. Mit ihren Chefs hingegen, tue ich mich in Fällen wie dem genannten schon etwas schwerer.

Also, abgesehen vom Ratzenberger Wadenbeisser, war diese Tour eine von der Sorte Eigermönchundjungfrau und Niesen und Stockhorn und Chrummfadenfluh und Nünenenfluh und Gantrisch und Bürglen und Ochsen, (holdrio!) im Herbstlichtglanz. Und auch das Schwarzenburgerland, im Herbstlichtglanz. Chrächen und Gräben und Eggen und Höger und Blätze, allesamt im Herbstlichglanz. Im Flachland herrscht zarter Dunst, doch darüber besticht die Sicht. Es ist einer jener Momente, wo selbst der trotzigste Antipatriot zum Patrioten wird, ja, zum Berner Patrioten sogar. Er denkt an Gotthelf, von Tavel und Gfeller. Das «bluemete Trögli» gewinnt für Stunden seine Unschuld zurück. Am liebsten hörte man nun einen Jutz oder ein Alphorn oder einen Hudigääggeler. Selbst die Kühe und Rinder erwecken den Eindruck, für nichts Anderes auf dieser Welt zu sein, als Gras zu fressen und irgendwann eines natürlichen Todes zu sterben (dülidüüü!). Und wem das nun etwas zu schwülstig daher kommt, der mache einen Selbstversuch und schaue sich die kleine Bildstrecke von diesem denkwürdigen Nachmittag zwischen Bundeshaus und Schreckhorn an.

16. November 2015

Saumpfade sind Traumpfade

Wie im Beitrag vom 11.11.2015 erwähnt, hier noch ein kleiner Nachtrag. Es betrifft den Saumweg, der von Betten hinab nach Mörel führt. Wer ihn begeht, fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Die Trockenmauern zur Rechten und die Stützmauern zur Linken mögen dazu beitragen. An einzelnen Stellen weist der rund 2½ Kilometer lange Abschnitt sogar eine Pflästerung mit grösseren Rundsteinen auf. Die Wegbreite beträgt zum Teil stolze zwei Meter. Was für die ehemals wirtschaftliche Nutzung des Weges zusätzlich spricht, ist das mässige Gefälle. Die Flanken, die er indes quert, sind zum Teil sehr steil, was die Begehung umso attraktiver macht. An zwei Stellen befinden sich Bildstöcke. Als sogenannte Wegbegleiter untermauern sie die ehemalige Bedeutung der Verbindung ins Tal. Durch den Bau der Fahrstrasse von Mörel nach Betten bzw. Goppisberg, wurde der Weg leider auf einer Länge von 360 Metern unterbrochen.

Was erstaunt ist die Tatsache, dass der Saumpfad im Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) nicht aufgeführt ist. Ich hege die Vermutung, dass dies hier nicht der einzige Fall einer fehlenden Inventarisierung darstellt. Auf der Dufourkarte von 1854 ist der Weg bereits eingezeichnet. Die Siegfriedkarte von 1882 führt die Verbindung von Betten nach Mörel ebenfalls auf. So oder so: Meine Erfahrung, dass Saumpfade Traumpfade sind, hat sich einmal mehr bewahrheitet, was die Bildstrecke hoffentlich zu bestätigen weiss.

Der Saumpfad Betten–Mörel ist bereits auf der Dufourkarte im Massstab 1:100'000 von 1854 vermerkt.

Auch die 1882 erstmals erschienene Siegfriedkarte im Massstab 1:50'000 zeigt den Saumpfad.

Die Situation auf der aktuellen Landeskarte von swisstopo im Massstab 1:50'000.

14. November 2015

Wander Woman

Jana Thiele: Wander Woman, Ullstein,
Berlin, 2013
Jana Thiele verbringt die meiste Zeit im Sitzen. Und dann das: Rücken. Ein Bandscheibenvorfall legt sie lahm. Erst die verordnete Bewegungslosigkeit weckt in der Couch-Potato den unbändigen Wunsch zu wandern. Sie träumt vom Himalaya und reist in den Harz, um Laufen zu lernen. Leider ist sie nicht allein mit ihrem Wunsch. Outdoor, also draussen, wimmelt es nur so von hochgerüsteten Wanderern. Aber auch fanatische Hobby-Botaniker, Busladungen von stramm marschierenden Frührentnern oder der legendäre Brocken-Benno können Wander Woman nicht aufhalten. Mit Nordic-Walking-Stöcken und jeder Menge Power-Riegeln bewaffnet, erkämpft sie sich die Kilometer. (Klappentext)

13. November 2015

Wie Betten zu seinem Namen kam

Holz ist nicht immer heimelig. Blick über den Friedhof von Betten (VS) zum Ortsteil Egga..
Geschichtlich ist über das Gommer Dorf Betten sehr wenig bekannt. Die zahlreichen Feuersbrünste haben beinahe alle Dokumente zerstört. So brach am späten Abend des 16. April 1676 in einem Wohnhaus ein Feuer aus, dem schliesslich alle Gebäude im Dorf, ausser der Kapelle und einem alten Speicher am unteren Dorfrand, zum Opfer fielen. Eine Feuersbrunst ähnlichen Ausmasses zerstörte das Dorf in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 1853. Wenn den Walliser Sagen glauben geschenkt wird, so hiess Betten früher Rotdorf. Inwiefern dieser Name mit den im Dorf häufigen Feuersbrünsten zusammenhing, ist nicht überliefert. Erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde Rotdorf in Betten umbenannt. Damals litt das gesamte Wallis unter einer fürchterlichen Pest. Die todbringende Krankheit wütete in Rotdorf derart stark, dass die Bevölkerung keinen anderen Ausweg wusste, als zu beten. Die Gebete waren dabei offenbar so laut, dass man sie sogar in Grengiols und Bister auf der gegenüberliegenden Talseite hören konnte. Aus Rotdorf wurde deshalb kurzerhand Betten.

Kleines Geschichtchen am Rande: Ursprünglich gehörte Bettten zur Pfarrei Mörel. Erst 1910 kaufte es sich für 500 Franken los und wurde zur eigenen Pfarrei erhoben. Klingt irgendwie mittelalterlich.

12. November 2015

Drei Häuser

Maria Colombo: Drei Häuser, Limmat Verlag,
Zürich, 2003
«Polentaköpfe» werden sie gerufen, die Borgeser. Sie sind über den Berg nach Puntraglia gekommen, nur grad aus dem benachbarten Tal. Aber sie sprechen nicht deutsch, sondern italienisch. Der Roman spielt im Pontresina der Dreissigerjahre. Die Borgeser sind aus dem italienischsprachigen Bündnertal Puschlav gekommen, um bei der Bahn zu arbeiten. Sie wohnen in drei Häusern beim Bahnhof, zwanzig Minuten vom Dorf entfernt. Der Vater der Ich-Erzählerin aber hat viel vor. Der Tourismus hat Fuss gefasst, und er beginnt Zimmer zu vermieten. Er übernachtet mit den Kindern im Estrich, wo sie sich still halten müssen, um die Ruhe der Gäste nicht zu stören.

In einer Sprache von eigenwilliger Schönheit beschreibt Maria Colombo liebevoll eine Kindheit im Engadin und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Sie erzählt von Alltag und Festen, von Arbeit und Spiel, von allerlei Leuten an allerlei Orten, von kindlichem Glück und erster Liebe, von Behütetsein und Sehnsucht, aus der Enge auszubrechen. (Klappentext)

GR: Berninabahn, Pontresina, Poschiavo, Val Roseg

11. November 2015

Weisshorn im Visier

Das umwerfend schöne Herbstwetter führte mich gestern ins Goms, wo noch ein paar Gemeinden der Begehung harren. Vom Bahnstatiönchen Fürgangen-Bellwald stieg ich auf eine ehemalige Gletschermoräne hoch und folgte dieser bis kurz vor Fiesch. Die Fortsetzung spielte sich am Südhang ab und erstreckte sich via Betten nach Mörel und war ein absolutes Schmankerl. Nebst einer glasklaren Sicht, wobei ich stets das betörende Weisshorn vor Augen hatte, bestachen die Lärchen mit ihren goldfarbenen Nadeln. Ziemlich krass war die Durchquerung des Deischbachtobels zwischen Lax und Martisberg. Auf meiner Karte von 1985 ist noch kein Weg vermerkt. Meine DVD-Karte von swisstopo gibt einen markierten Bergweg an. Die aktuelle Online-Karte des Bundes zeigt zwar den Weg, zeichnet ihn jedoch nicht als markierte Route aus. Die Situation vor Ort präsentierte mir einen tipptopp Instand gehaltenen, als Bergweg markierten Pfad über schauerlichen Abgründen. Ein weiterer wegtechnischer Höhepunkt war der Saumpfad von Betten nach Mörel. Mehr über diesen Abschnitt in einem der nächsten Blogeinträge.

Fürgangen-Bellwald–Mörel: 15.0 km, 745 m Auf- und 1190 m Abstieg bei gut 5 Stunden Wanderzeit.


Die Wanderroute entstand übrigens im Rahmen meines Projektes, sämtliche Gemeinden der Schweiz zu begehen. Heute waren dies Lax, Martisberg, Betten, Mörel. Was Martisberg betrifft, so fusionierte die Gemeinde am 1.1.2014 mit Betten, die sich seither Gemeinde Bettmeralp nennt. Zum Zeitpunkt der Fusion zählte Martisberg gerade mal 16 Einwohner. Bei der Kapelle in Martisberg hielt ich Mittagsrast und kam mit einer betagten Walliserin ins Gespräch. Sie war gerade daran, die Blumen zu bewässern, als sie sagte, dies sei nun das letzte Mal, dass sie «bschütte». Vor ein paar Wochen lagen hier auf 1350 Meter über Meer 30 cm Schnee, erzählte sie mir, währenddem die Sonne angenehm warm an die Kapellenmauer schien. Was mich indes am meisten erstaunte: Während der fünf Wanderstunden begegneten mir nur drei Spaziergänger mit Hunden sowie ein Rennradfahrer. Henu, die Route sei dennoch all jenen empfohlen, die der Bettmeralp, der Riederalp und der Belalp aus dem Weg gehen und sich dennoch reichlich beschenken lassen wollen.

Unweit von Fiesch zeigte sich mir das Weisshorn zum ersten Mal (ganz klein rechts der Bildmitte).

Traumhafte Landschaft kurz vor Martisberg. Blick hinüber Richtung Binntal (rechts).



9. November 2015

2222 oder ein Appenzeller auf dem Hohgant

Wasser, Alkohol, Zuckerarten, französischer Weinbrand, Süssweine, Auszüge und Destillate von 42 Kräutern und Gewürzen, Caramel. Hätten Sie's gewusst? Aus diesen Ingredienzen besteht ein Appenzeller. Nüchtern betrachtet. Alles andere ist Geschmacksache. Ich liebe dieses Getränk, denn schon als Kind durfte ich jeweils ein Schlückchen verkosten, wenn die Gelegenheit sich bot. Brisant: Das klebrig-süsse Gebräu weist immerhin einen Alkoholgehalt von 29 Volumenprozenten auf!

So, nun ist also das Geheimnis meiner in einem der letzten Blogeinträge erwähnten Wanderbegleitung  gelüftet. Und damit nun keine falschen Vermutungen aufkeimen, muss ich festhalten, dass ich auf Wanderungen in der Regel auf den Konsum von Alkohol verzichte. Im vorliegenden Falle gestand ich mir indes eine Ausnahme zu, denn es gab etwas zu feiern.

Titelten Tages-Anzeiger und Der Bund am 16.09.2010 «René P. Moors 1747. Wanderung», so steht der Zähler mittlerweile auf 2222! Zu diesem Zwecke hatte ich mir einen Siebenstünder in einer meiner Lieblingsgegenden des Berner Oberlandes ausgedacht. Von der Bus-Endstation Innereriz Säge stieg ich via Rotmoos die Chrinde zum Westgipfel des Hohgant hoch (2062,7 m – mein Gipfel des Jahres, wenn ich 100 werde!). Hier also genehmigte ich mir im Sinne eines Mittagsapéro einen Schluck Appenzeller mitsamt zwei Feigen und – der kulinarischen Ausgewogenheit gerecht werdend – ein Stück Diemtigtaler Käse von der Alp Obergestelen.

Aperitiv auf dem Gipfel des Hohgant West. Im Hintergrund, als kleiner geografischer Bezug zum Appenzellerland, das Trogenhorn. Trogen ist nebst Herisau der zweite Verwaltungssitz der Ausserrhoder Kantonsregierung.


Historischer Moment: Mein Eintrag im übrigens wunderschönen Gipfelbuch auf dem Hohgant West.


Hernach stieg ich weglos und vorerst sehr steil zum Innerbergli ab, von wo ich via Haglätsch–Alp Spycher–Winterröscht zur Lombachalp zog. Zum Nachtisch gab's umwerfendes Herbstlicht bis hinunter nach Habkern. Alles in allem eine Route, die ich hiermit wärmstens empfehle, nicht zuletzt der traumhaft schönen Aussicht wegen, die man, einmal auf dem Hohgant-Grat angelangt, permanent vor Augen hat. Die Strecke misst 19,3 km bei 1350 m Auf- und 1320 m Abstieg. Einzelne Passagen in der Chrinde sind T3, verlangen Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und den Einsatz der Hände. Die reine Wanderzeit beträgt 7 Stunden und 20 Minuten.

Innereriz–Habkern: Traumhafte Tour mit allem, was das Bergwandererherz begehrt.

8. November 2015

Vor der Raiffeisenbank in Burgdorf


«Das wohl skurrilste Bänkli, das mir je begegnet ist», schrieb mir neulich mein langjähriger Wanderkumpel Toni zum oben gezeigten Bild und mutmasste: «Die beiden versetzt angeordneten Rückenlehenen sollen wohl dazu führen, dass man sich auf derselben Bank gegenüber sitzen kann.» Als Bänkliexperte in spe, kann ich Dir leider noch nicht mit Sicherheit bestätigen, ob dies des Erfinders Absicht war, lieber Toni. Dazu fehlen mir noch ein paar Vorlesungen im Studiengang für angewandtes Sitzen. Ich kläre auf, sobald ich Gewissheit habe und bedanke mich einstweilen für das Zusenden der für zwei Blickrichtungen verwendbaren Bänklis.

PS. Eine Spontanvermutung: Legt man sich auf die Bank, verhindern die beiden Lehnen, dass ich im Schlaf ungewollt auf den Boden kullere. So betrachtet, könnte der Schöpfer ein Herz für Penner haben.

7. November 2015

Fremde Hände

Petra Ivanov: Fremde Hände, Appenzeller
Verlag, Schwellbrunn, 2005
In einer Kehrrichtverbrennungsanlage in Zürich Nord wird in einer Auto-Dachbox die Leiche einer jungen Frau gefunden. Bezirksanwältin Regina Flint und Kriminalpolizist Bruno Cavalli machen sich auf die Suche nach den Tätern. Im Zürcher Rotlichtmilieu kommen sie Frauenhändlern auf die Spur, die vor nichts zurückschrecken. Je verworrener die Spuren werden, desto klarer das Motiv: Geld. Bis ein zweiter Mord geschieht. Und dieser hat viel mit dem Fall, aber gar nichts mit Geld zu tun.

Gleichzeitig kämpfen Flint und Cavalli gegen eine Liebe an, die sie in der Vergangenheit bereits einmal an den Abgrund geführt hat und nun droht, sie erneut aus dem Gleichgewicht zu werfen. «Fremde Hände» erzählt von Beziehungen, die unbezahlbar sind, und von Liebe, die käuflich ist. Der Schluss des spannenden Krimis hinterlässt die Hoffnung, dass Cavalli und Flint schon bald gemeinsam ihren nächsten Fall lösen werden. (Klappentext)

BS: Stadt Basel ZH: Dübendorf, Gockhausen, Stadt Zürich, Schwamendingen

5. November 2015

Der Appenzeller in meinem Rucksack

Mein Lieblingsrucksack, der Exos 46 von Osprey,
beherbergt einen währschaften Appenzeller.
Ich weiss nicht, wann Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, jeweils Ihren Rucksack packen, wenn es auf Wanderung geht. Für einmal habe ich bereits gestern mit den Vorbereitungen für das kommende Wochenende begonnen. Die Prognosen sprechen von schönem Bergwetter. Einmal mehr scheint sich meine Beobachtung zu bewahrheiten, dass der November wettermässig nicht der schlimmste Monat im Jahr darstellt; im Gegenteil! Geglaubt hat es mir bislang noch keiner. Item, zurück zum Rucksack. Weil ich nicht nur eine bombastische Wanderung am Aushecken bin, sondern gleichzeitig etwas Kleines feiern werde, habe ich mich nach einer passenden Wanderbegleitung umgeschaut. Fündig geworden bin ich kürzlich im Appenzellerland, wo ich am Fusse der Hundwiler Höhe einen kleinen Appenzeller mit dem Angebot nach Hause gelockt habe, dass ich ihn einen Tag lang in den Bergen herumtrage, auf dass er einmal etwas anderes zu Gesicht bekomme als dieser Alpstein mit den 37 Bergbeizen, den ungehörnten Ziegen und dem Käse, der partout sein doofes Geheimnis nicht preis geben will.

So harrt mein Appenzeller, er heisst übrigens Seppetoni, stammt aus der Hugenwees bei Gonten und hat noch nie einen Appenzeller Witz erzählt, in meinem Lieblingsrucksack. Zwischendurch füttere ich ihn, den Seppetoni, mit Appezöller Biberflade, einem Stück eben dieses Käses und gebe ihm literweise Flauder hin. Selbstverständlich bleibe ich an der Geschichte dran und berichte nach unserem Ausflug, wie es dem Appenzeller mit seinem Träger in den Westalpen gefallen hat.

4. November 2015

Ein perfekter Kellner

Alain Claude Sulzer: Ein perfekter Kellner,
Suhrkamp, Frankfurt, 2006
Monsieur Erneste ist Kellner in einem Schweizer Grandhotel. Aufmerksam, unauffällig, tadellos – eben ein perfekter Kellner. In den 35 Jahren seiner Laufbahn hat er nur ein einziges Mal die Stelle gewechselt. Lediglich zwei einschneidende Ereignisse unterbrachen die Monotonie eines jahrzehntelangen Aufwartens, Auftischens, Abräumens: seine grosse Liebe zu dem 19jährigen Lernkellner Jakob, die nach einem Jahr des Glücks zerbrach, und die Ankunft eines Briefes aus Amerika dreissig Jahre später, der die lange Zeit dazwischen zusammenschrumpfen liess, als seien «dreissig Jahre hingegangen wie ein Tag». Darin bittet ihn Jakob, der ihn so schmählich verlassen hatte und einem ehemaligen Hotelgast, dem berühmten Schriftsteller Julius Klingler, als Sekretär und heimlicher Geliebter nach New York gefolgt war, um einen dreisten Gefallen. (Klappentext)

BE: Grandhotel Giessbach (Hauptschauplatz), Interlaken BS: Bahnhof Basel SBB USA: New York

3. November 2015

Hübsche Passagen

Weshalb die BLS an einem Prachtssonntag wie dem 1. November 2015 morgens die mögliche Transportkapazität nicht voll ausschöpft, weiss, wenn überhaupt, nur die BLS. Umso schöner und menschenleerer gab sich dann meine Route von der Haltestelle Weissenburg nach Erlenbach im Simmental. Nein, ich ging ihn nicht, den legendären Simmentaler Hausweg. Vielmehr wählte ich die Variante eine Etage höher, hatte dadurch die umfassendere Aussicht und zudem ein paar verkehrshistorische Leckerbissen von regionaler und lokaler Bedeutung.

Stattlicher Waldweg im Steilwald oberhalb des ehemaligen Bad Weissenburg, kurz vor den Edelkastanienbäumen.


Raschelndes Waldlaub und knallige Farben paarten sich mit einer Fernsicht, die schärfer kaum sein kann. Nach einem Schluck vorzüglichen Wassers aus dem Brunnen der Mineralquelle Weissenburg, ging es im Kurzarmhemd jäh bergauf. Links der gähnende Abgrund und vor mir ein Pfad, der einst als Fussweg zum Weissenburg Bad angelegt wurde. An fünf prächtigen Edelkastanienbäumen vorbei stieg ich weiter hoch zur beeindruckend in den Fels gehauenen Fahrstrasse, die vom Weissenburgberg ins Buuschental führt. Die nun folgenden Abschnitte waren leider mit überdurchschnittlich viel Asphalt versehen, so dass mir einzig noch die kurze Passage zwischen der Örtlichkeit Moos und dem Weiler Tal zu erwähnen bleibt. Das IVS (Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz) stuft sie als Weg von regionaler Bedeutung ein:

Die Strecke zwischen den beiden Orten ist ein Teilstück der ehemaligen Saumwegverbindung zwischen den Höhensiedlungen von Allmenden bis Balzenberg. Es ist das Teilstück, das am wenigsten ausgebaut wurde und am meisten historische Bausubstanz aufweist. Die Strecke ist auf der ganzen Länge befahrbar: Zu Beginn und am Schluss besteht sie aus einem asphaltierten 4. Klass-Fahrweg, die mittlere Partie ist ein Feldweg mit Naturbelag. Substanziell ist vor allem eine 300 Meter lange Stützmauer auf der Bergseite des Feldweges zu erwähnen. Das Mauerwerk ist 1 Meter hoch. Auf der Talseite wird der Weg von einer 500 Meter langen Baumreihe und weiteren Einzelbäumen und Büschen gesäumt.

Ach, gäbe es doch mehr an derartiger Wegsubstanz in unserem Ländle. Ich würde glatt meine Schlagzahl an Schritten verdoppeln.

Sieht aus wie eine Alpenpassstrasse in den 1920er-Jahren, ist aber das Strässchen vom Weissenburgberg ins Buuschental. 

Beginn der traumhaften Passage zwischen Moos und Tal.

Die 1 Meter hohe Stützmauer auf dem Abschnitt Moos–Tal, gesäumt von Ahorn-Bäumen.

Blick zurück auf dem genannten Abschnitt. Schönes Detail rechts mit der in der Trockensteinmauer eingelassenen Steinbank.

Die Wegverbindung vom Weiler Allmenden nach Erlenbach ist vom IVS als Strecke von lokal-historischer Bedeutung eingestuft worden. Oben rechts der Niesen.