8. Juli 2020

Auch sonntags etwas Kleines

Beat Sterchi: Auch sonntags etwas Kleines,
Rotpunktverlag, Zürich, 1999
In diesen Texten herrscht der Ausnahmezustand: Einmal dürfen sich Apfelküchlein mit Vanillesauce literarischer Behandlung erfreuen. Die Gratiszeitung und das Sonderangebot bleiben nicht länger unerwähnt. Und endlich kommt auch die Liste zu ihrem Recht: Das einfache Aufzählen der Dinge – als einzige dem mittelklassigen ÜBERFLUSS angemessene Form – tritt an die Stelle des Ordnungsprinzips Plot. Geschichten, so klein, sie sträuben sich sogar, erzählt zu werden. (Klappentext)

7. Juli 2020

Aperwind

Flavio Steimann: Aperwind, Benziger,
Zürich/Köln, 1987
Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der junge Aloys Neff, Sohn ausgewanderter Hinterländer, kommt durch Vermittlung eines verwandten Pfarrers als Hausknecht in das Kur- und Heilbad Grüsch.

Der Käufer des heruntergekommenen Badehotels erhofft sich durch eine projektierte Eisenbahnlinie Anschluß an die großen internationalen Verbindungen und damit neue Blüte für den Badebetrieb. Einstweilen aber lebt man allein von der Hoffnung. Badegäste zeigen sich keine. Eine adelige Polenfamilie mit gelähmter Tochter soll der hiesigen Heilquelle zu neuem Renommee verhelfen, doch reisen die Polen nach ein paar exorzistisch unterstützten Heilversuchen überstürzt wieder ab.

Eine europäische Wirtschaftskrise kündigt sich an, nach Kursstürzen an der Börse wird der Bau der Eisenbahnlinie eingestellt. Die Baderin stirbt an einem Seuchenvirus, der immer mehr um sich greift. Ein letztes Mal flackert eine makabre Konjunktur auf: Die verängstigte Bevölkerung sucht in der Heilquelle Rettung vor der Epidemie. Auf Anordnung der Behörden wird das Badehotel als vermuteter Seuchenherd geschlossen und abgebrannt. Aloys Neff geht, wie er gekommen ist.
(Klappentext)

LU: Altbüron und Umgebung, Sursee, Ebersecken und Umbebung

6. Juli 2020

Ähren im Wind

Friedrich Walti: Ähren im Wind, Gyr-Verlag,
Baden, 1968
Der Roman «Ähren im Wind» darf als das bisher reifste Werk aus der Feder des bekannten Bauerndichters angesprochen werden. Der Autor versteht es, ein gewiss nicht alltägliches Bauernschicksal in packender Weise darzustellen. Darüber hinaus aber stellt er sich unerschrocken den Totengräbern des Bauernstandes entgegen und unternimmt gleichzeitig den Versuch, vor allem dem nichtbäuerlichen Leser einen unverfälschten Einblick in das Leben und den damit verbundenen Existenzkampf einer Bauernfamilie unserer Tage zu vermitteln.

Friedrich Walti weicht der harten Realität unserer Zeit nicht aus. Er, der selbst mit Leib und Seele Bauer ist, zählt sich mit zu den schwankenden Ähren des Kornfeldes, um welches er bangt. Nach wie vor kämpft er gegen die um sich greifende Resignation. Wohl wissend, dass die Zeit gegen die Bauern steht, ruft er diesen ungebrochen zu: «An die Ähren müsst ihr glauben und nicht an den Wind!»

Wir sind überzeugt, dass dieser sich bereits am Rande der Zukunft bewegende Gegenwartsroman einen kraftvollen Beitrag zur Erhaltung eines heute in Frage gestellten wahren Bauerntums leisten wird. Und stellt uns nicht gerade die akute Gefahr einer zunehmenden Landflucht vor Probleme, die nicht nur den Bauern, sondern uns alle angehen?
(Klappentext)

AG: Aargauer Mittelland GR: Klosters VD: Waadtländer Mittelland ZH: Stadt Zürich

5. Juli 2020

Der Schullehrer von Essert

Alfred Siegfried: Der Schullehrer von Essert,
Schweizer Volks-Buchgemeinde, Luzern, 1953
Wo innere Erfahrung wichtiger ist als äusseres Geschehen, da tut der Ort der Handlung recht wenig zur Sache. Ob Essert ausser im Herzen des Verfassers auch auf der Landkarte zu finden ist oder nicht: es ist der Schauplatz eines kulturpolitischen und eines menschlichen Konfliktes und ihrer Lösung.

Markus Emmenegger, der sich vom Bauernbuben zum Gymnasiallehrer emporgearbeitet hat, fühlt sich nach dem Tode seiner Gattin innerlich gezwungen, seinem Lebenskreis zu entfliehen. An der deutschen Schule von Essert, mitten im welschen Sprachgebiet des Berner Juras, nimmt er die Stelle als Gesamtschullehrer an, einen wahrhaftig nicht leichten und daher auch nicht begehrten Posten. Doch führen ihn die Schwierigkeiten zu sich selbst zurück und damit auch zu seinen Mitmenschen.

Eng verbunden mit dieser Krise der Persönlichkeit Emmeneggers harrt eine nationale Frage ihrer gerechten und sinnvollen Antwort. Eine mehrsprachige Volksgemeinschaft trägt naturgemäss Spannungen in sich, die fruchtbar, aber auch verhängnisvoll werden können. Das zeigt sich immer wieder an der welsch-alemannischen Sprachgrenze, die mitten durch die Schweiz verläuft, in ausgeprägter Form im Berner Jura, wo sich in den letzten Jahren die Konflikte mehrten. Hier findet Emmenegger an einem kleinen Abschnitt der Front seine Aufgabe. Was Missverständnis und Eigensinn anrichten können, hat er während seiner unglücklichen Ehe an sich selbst erfahren. Ruhig, sachlich und bestimmt tritt er nun für das ein, was er als recht erkannt hat. Später wird er einsehen müssen, dass sich die kulturelle Entwicklung nicht um Rechte kümmert. Sein selbstloses Wirken aber hat ihn von seinen persönlichen Schwierigkeiten erlöst.

Das Anliegen des Verfassers in dieser stillen, versöhnlichen Erzählung ist echt schweizerisch, verwandt mit der Geisteshaltung eines Pestalozzi und eines Gotthelf und überstrahlt von der einmaligen patriotischen Tat eines Bruder Klaus. (Klappentext) 


BE/SO: Le Chaluet (Tal zwischen Court und Gänsbrunnen)

4. Juli 2020

Schwelbrand

Ursula von Allmen: Schwelbrand
Appenzeller Verlag, Herisau, 1999
Lucie setzt sich durch. Sie verlässt das Altersheim und kehrt in ihr Häuschen zurück. Es ist das erste Mal, dass Lucie in den 83 Jahren ihres Lebens eine Entscheidung getroffen hat. Bis anhin hatte sie ihre eigenen Bedürfnisse immer den Interessen anderer untergeordnet: Den Verhaltensnormen der bürgerlichen Familie in St.Gallen am Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Nutzen des elterlichen mittelständischen Gewerbebetriebes und der Hilflosigkeit ihrer behinderten Schwester. Ohne grossen Widerstand liess sie sich vom Alltag klein machen.

Behutsam und präzise zeichnet Ursula von Allmen die Geschichte von Lucie nach. Es geschieht viel Gewöhnliches, kaum Spektakuläres. Vieles, das geschehen könnte, geschieht nicht. Im Keller ihres Häuschens erinnert sich Lucie beim Stöbern in alten Sachen an die unerfüllten Sehnsüchte. Hier ist’s ihr wohl, zusammen mit all den Zeugen ihrer ungelebten Träume. Und das Ende ihres Lebens ist gleichermassen erschütternd wie naheliegend, es musste so kommen. (Klappentext)


AI/AR: Appenzellerland

3. Juli 2020

Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht

Otto F. Walter: Das Staunen der
Schlafwandler am Ende der Nacht,
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1983
Thomas Wander, Schriftsteller und Kolumnist einer grossen Zeitung, hat vor wenigen Tagen seinen jüngsten Roman veröffentlicht: «Ein Wort von Flaubert» – ein engagiertes Buch, zugleich die Liebesgeschichte zwischen dem Journalisten Winter und der jüngeren Frau Ann aus Frankfurt.

Jetzt erlebt Wander, wie seine Umwelt reagiert. Seine Freunde in der Redaktion verlangen von ihm Solidarität in ihrem Kampf gegen die Zensur. Umweltbewusste Rüstungsgegner fordern seine Mitarbeit an. Seine Tochter zeigt ihm empört, wie er in seinem Roman mehr von seinem Wesen preisgegeben hat, als ihm lieb sein kann. Seine geschiedene Frau Lisbeth macht ihm lächelnd die Differenz deutlich zwischen dem, was er schreibend vertritt, und dem, was er lebt. Wie verbindlich ist Schreiben für den, der schreibt?

Wie sein Romanheld Winter verliebt er sich. Und verreist mit der Freundin Ruth Moll in Richtung Süden. Zusammen werden Wander und Ruth in ein Hochtal der Innerschweiz verschlagen, und sie geraten in die rätselhaften Zonen des Alptraums, des Ursprungs, des Mythischen. Was sie da staunend erleben, führt auf einen neuen Ansatz von Befreiung, von Hoffnung, von solidarischem Handeln hin. Und Wander beginnt auch zu begreifen, dass ein Mann schwerlich von menschengemässer Liebe schreiben kann, ohne dass es Folgen hätte für seine eigenen Männermuster.

Wander wollte sich zurückziehen. Er wollte sich endlich seinen eigenen Ängsten, seinen Wünschen und der Erforschung seiner eigenen Kindheitstraumata widmen. Doch allmählich, einer Furie gleich, verfolgt ihn seine eigene Fiktion. Holt sie ihn ein? In ihr wird er mit sich selbst konfrontiert. Gewiss, noch wehrt er sich. Er erzählt Lügengeschichten. Er beteuert, seine Wahrheit sehe anders aus. In diesen Widersprüchen zwischen seiner erfundenen Romanfigur und seiner gelebten Wirklichkeit, zwischen Resignation auch und Widerstand, wird Wander beim Wort genommen. Beim Wort seines Romans.

Ob in Zürich oder Jammers, ob in Frankfurt, auf der Italienreise oder im phantastischen Kurhotel im Lande Uri: immer wieder verbindet sich – in diesem persönlichen Buch des Autors – intim Privates mit den brennenden öffentlichen Dingen. Und Wander und Ruth werden in bewegender Liebesgeschichte zu Sinnbildfiguren der Zeit.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern FR: Cudrefin SO: Olten UR: Altdorf, Amsteg, Bristen, Maderanertal, Kurhaus Hotel SAC auf der Balmenegg

2. Juli 2020

Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang
von Rostock nach Syrakus, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 1995
«In der Mitte seines Lebens, im Sommer 1981, beschliesst der Kellner Paul Gompitz aus Rostock, nach Syrakus auf der Insel Sizilien zu reisen. Der Weg nach Italien ist versperrt durch die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt, und Gompitz ahnt noch keine List, sie zu durchbrechen. Er weiss nur, dass er die Mauern und Drähte zweimal zu überwinden hat, denn er will, wenn das Abenteuer gelingen sollte, auf jeden Fall nach Rostock zurückkehren.» So beginnt F. C. Delius' Chronik einer modernen Schwejkiade.

Im Juni 1988 gelingt es Gompitz, mit einer Jolle von Hiddensee nach Dänemark zu segeln. Delius erzählt von der Mühsal der Vorbereitungen, von der Hartnäckigkeit, wie Gompitz das Segeln lernte. sein Boot tarnte. Geld in den Westen schaffte, wie er gegen jede Gefahr eine List fand, immer etwas schlauer als die Staatssicherheit. Einfach auf sein Recht auf eine Bildungs- und Pilgerreise pochend, auf den Spuren Johann Gottfried Seumes, dessen «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802» er seit Jugendzeiten im Kopf hat. Doch zunehmend irritiert ihn die Frage: «Wie kommst du am besten wieder zurück?»
(Klappentext)

Moors Fazit: Eine wunderbare Erzählung mit einem liebenswürdigen Deserteur in der Hauptrolle. Die Geschichte beruht auf der wahren Begebenheit eines gewissen Klaus Müllers.

1. Juli 2020

Schwarze Röcke trag ich nicht

Heidy Gasser: Schwarze Röcke trag ich
nicht, Orte, Wolfhalden, 1997
Nach den beiden von den Medien äusserst positiv aufgenommenen Titeln «Saure Suppe» und «Das Mägdli», die dem bisherigen Leben von Heidy Gassers Mutter galten, schenkt uns die Obwaldner Dichterin mit «Schwarze Röcke trag ich nicht» die Fortsetzung der Lebens- und Leidensgeschichte von Friederike Elisabeth Gasser. Und wie im Falle seiner «Vorgänger» kann auch dieses Buch ohne Kenntnis der andern Bücher gelesen werden. Gleichwohl schliesst es die Trilogie über ein Schicksal ab, das wohl keinen Leser, keine Leserin kalt lassen kann. In den Kriegsjahren in grösster Armut in der Steiermark aufgewachsen, dann im obwaldnerischen Lungern als Magd verpflichtet, hat sich die kleine und doch grosse Frau Gasser damit zurechtgefunden, in der Schweiz letztlich immer eine Fremde zu bleiben.

Davon berichtet das Buch, einmal aus der Perspektive des Kindes, von ihrer Tochter also, dann wieder aus jener der Frau, die - auch wenn sie trauert – keine schwarzen Röcke trägt. Und dass zudem Männer auftauchen, die scharf auf die zwei ererbten Bauernhäuser sind, versteht sich von selbst. Gauner gibt's überall. Aber eher selten ein derart in sich ausgewogenes, hin und wieder trotz all dem Schwermütigen humorvolles und sehr präzises Buch. Es berichtet von Geschichten und wird so, nicht zuletzt, zum geschichtlichen Dokument.
(Inhaltsangabe zum Buch)

30. Juni 2020

Dreizehn ist meine Zahl

Alice Schmid: Dreizehn ist meine Zahl,
Nagel & Kimche, München, 2011
Das Leben auf dem Napf im Entlebuch, zwischen den Kantonen Bern und Luzern, ist rauh und streng. Kinder nehmen in der Werteordnung die Stelle direkt hinter dem Vieh ein. Lilly versucht sich in einer Mischung aus Trotz und Sehnsuche dem Zugriff ihrer Mutter und der älteren Geschwister zu entziehen. Zusammen mit ihren Freunden träumt sie davon, als Mutprobe und Befreiung, in die nahegelegene Schlucht, das sagenumwobene Änziloch hinabzusteigen. Der Abstieg ist verboten, und der einflussreiche Pfarrer im Dorf sorgt mit den überlieferten Schauergeschichten dafür, dass die Furcht der Kinder vor den Geistern aus der Tiefe nicht nachlässt. Lilly hat einen Verbündeten, ihren schweigsamen und machtlosen Vater, den sie zwar unwillentlich fast um sein Erbe bringt; der sie aber durchzuhalten lehrt. Alice Schmid ist mit viel Liebe zum Detail ein Erstling von Gotthelfscher Wucht gelungen, anrührend, beklemmend und von grosser Glaubwürdigkeit. (Klappentext)

LU: Napfgebiet im Entlebuch

29. Juni 2020

Rumpelbuch

Mani Matter: Rumpelbuch, Diogenes,
Zürich, 1982
Mani Matter: sein Name ist gleichsam zum Inbegriff des Berner Chansons geworden ... Unter den vielen «modern-mundart»-Autoren schrieb Matter fraglos die geschmeidigsten und «selbstverständlichsten», die (im besten Sinne des Wortes) volkstümlichsten Gedichte. Er besass einen eminent ausgeprägten Sinn für sprachliche und inhaltliche Alltagsdetails – eine Eigenschaft, die ihn bei der Lektüre seiner Vorgänger Morgenstern und Ringelnatz stets wieder faszinierte. Dieter Fringeil/Die Weltwoche

Eine unterhaltsame Vielfalt von Aufsätzen, Gedichten und Stücken. Auffallend ist die Genauigkeit und lückenlose Folgerichtigkeit jedes Textes, ohne Scheu vor Langatmigkeit. Oft wird der Leser an Robert Walser erinnert, den die gleiche Sprachkontinuität charakterisiert.
Die Texte sind Bewußtmachungen. Dem Autor fällt etwas auf, etwas ganz Alltägliches. Plötzlich präsentiert es sich in neuem Licht, so daß untersucht werden muß, wie es sich mit dieser Alltäglichkeit verhält.
Dorothea Salvini/Zürichsee-Zeitung .

Der ganze Mani Matter wird im Rumpelbuch lebendig, sein geistreicher Humor, unter dessen Decke sich wehmutsgedämpfte Ahnung birgt. Die Tat

28. Juni 2020

Binnenwelten

Diverse Autoren: Binnenwelten, Pendo,
Zürich/München, 1998
Der Band versammelt die prominentesten Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Schweiz. Ihre eigenwilligen Stimmen sind aus der Gegenwartsliteratur nicht mehr wegzudenken. Der Themenbogen, der aufgespannt wird, ist weiter als die Landesgrenzen.

Zoe Jenny schildert eindringlich eine fatale Familienkonstellation aus der Sicht der jüngeren Schwester, Christina Buchmüller fasst die latenten Machtspiele einer Liebe in schmerzliche Bilder, bei Klaus Merz kann man das, was in einer Beziehung jahrelang nicht gesagt wird, zwischen den Zeilen lesen. Die Auseinandersetzung mit der Entwicklung im eigenen Land, die für die Schweizer Literatur oft als charakteristisch bezeichnet wird, findet auch hier statt: in parabelhafter Form bei Monica Cantieni und Flurin Spescha, aus historischer Perspektive bei Ulrich Knellwolf oder in sehr deutlichen Worten bei Peter Bichsel und Franz Hohler. Und dazwischen gibt es schräge Menschen wie bei Helen Meier und Andrea Simmen, Phantasten wie bei Gion Mathias Cavelty und Urs Widmers verirrtem Orpheus, der den Abstieg in die Unterwelt ein zweites Mal antreten muss.
(Klappentext)

27. Juni 2020

Wenn sie morgen kommen

Arthur Honegger: Wenn sie morgen kommen,
Ex Libris, Zürich, 1979
Arthur Honegger ist auch mit seinem dritten Buch ein Zeitdokument von grosser Eindrücklichkeit und Glaubwürdigkeit gelungen. Engagiert, aber nie wertend, lässt er in farbigen Szenen das Kriegsjahr 1940 wieder lebendig werden. Mit der Mobilmachung am 10. Mai setzt der Roman ein. Die ungute Stimmung, die an diesem Morgen im Hause des Fabrikbesitzers Hilber herrscht, lastet auf vielen Schweizern: gereizte Spannung, Unschlüssigkeit und das unbehagliche Gefühl, doch irgendwie hilflos zu sein. Wie die einen und die anderen auf diese Bedrohung von aussen reagieren und wie sie mit den Opfern, die ihnen der Aktivdienst abverlangt, fertigwerden , stellt Honegger durch seine differenzierte, wirklichkeitsnahe Schilderung am Beispiel des kleinen Dorfes Gyrwil glaubhaft dar.

Um Helden und Verräter geht es dabei nicht in erster Linie. In der grauen Realität des permanenten Alarms bestimmen vielmehr die Durchschnittsbürger den Alltag. Da gibt es die Zweifler und Kleinmütigen, die Mutigen und die Unbeirrten. Und da gibt es vor allem auch solche, die – wie eben Major Hilber – für alle Fälle vorsorgen und, bevor sie einrücken, die Hakenkreuzfahne in Sicherheit bringen.

Schillernde Figuren sind in allen Lagern zu finden. Schwache und Feige, Gerüchtemacher, Anpasser und Zuträger gibt es auch im Dorf. Wie schwer es ist, sich ohne sichere Informationen gegen die feige Willfährigkeit zu behaupten, zeigt sich am Schicksal der Familie Hilber. Honeggers Porträt eines Dorfes erzählt auf packend ehrliche Weise ein Stück Zeitgeschichte, das nicht vergessen werden darf.
(Klappentext)

SG: Rüti, Tann, Obertoggenburg ZH: Bachtel, Zürcher Oberland

26. Juni 2020

Schweizer Geschichte im Schnelldurchlauf

Volker Reinhardt: Geschichte der Schweiz,
C.H. Beck, München, 2010 (4. Auflage)
Direkte Demokratie und aussenpolitische Neutralität, der Zusammenhalt unterschiedlicher Sprachgruppen, wirtschaftliche Modernität, Wohlstand, Weltoffenheit, Sauberkeit: Das sind nur einige der Tugenden, für die die Schweiz weltweit bewundert wird. Die Gründe für das «Phänomen Schweiz» werden immer wieder in der geographischen Lage – in der Mitte Europas und doch durch das Hochgebirge abgeschottet – gesucht. Am besten aber lassen sich die Besonderheiten im historischen Rückblick verstehen.

Dieses Buch schildert knapp und kenntnisreich die Geschichte der Eidgenossenschaft vom Bundesschluss der «Urkantone » am Vierwaldstätter See im Jahr 1291 über die schrittweise Erweiterung des Bundes, seine Unabhängigkeit vom Deutschen Reich und die Wirren der Napoleonischen Zeit bis hin zur politischen Neutralität, Industrialisierung und allmählichen europäischen Integration der modernen Schweiz. Dabei fragt der Autor immer wieder nach dem Selbstverständnis der Schweiz als auf sich selbst gestellte wehrhafte Nation, für das der Mythos um Rütlischwur und Wilhelm Tell konstitutiv ist und das in den letzten Jahren durch die Offenlegung wirtschaftlicher Verflechtungen mit dem Dritten Reich sowie die zunehmende Einwanderung und europäische Integration in eine Krise geraten ist.
(Klappentext)

Moors Fazit: Dicke Wälzer über die Geschichte der Schweiz stehen schon lange ungelesen in meiner Bibliothek herum. Genau so ein Büchlein, wie jenes des Freiburger Geschichtsprofessors Volker Reinhard, hatte ich mir schon lange gewünscht. Fündig wurde ich zufälligerweise und einmal mehr bei der Bücherbörse im Bahnhof Thun. Und ja, dank seiner Dünnheit von humanen 128 Seiten habe ich es auch tatsächlich gelesen.

25. Juni 2020

Oje Olympus!

Wie gestern bekannt wurde, will sich der japanische Olympus-Konzern von seinem traditionsreichen Kamerageschäft trennen, nachdem Smartphones die Branche umgepflügt haben. Die Sparte soll von dem Finanzinvestor Japan Industrial Partners übernommen werden.

Aussen Retro, innen Hightech: Die PEN F ist das unbestrittene Flaggschiff in Sachen Ästhetik.

Das Kamerageschäft von Olympus war in den vergangenen Jahren stetig geschrumpft und brachte zuletzt nur noch gut fünf Prozent der Konzernerlöse ein. Olympus konzentriert sich inzwischen fast ausschliesslich auf medizinische Ausrüstung. Die Entscheidung, bei Kameratechnik aufzugeben, wurde getroffen, nachdem der Bereich auch nach harten Sanierungsmaßnahmen drei Geschäftsjahre in Folge rote Zahlen verbuchte.
Olympus verwies ausdrücklich darauf, dass die Verbesserung der Smartphones den Kameramarkt rapide schrumpfen liess. Vor allem Topmodelle bieten inzwischen dank der Kombination aus mehreren Objektiven und der Bearbeitung per Software immer bessere Bildqualität. Der Deal soll Ende September abgeschlossen werden. Japan Industrial Partners hatte bereits vor einigen Jahren Sony das Notebook-Geschäft abgekauft und weitergeführt.

Sieht aus wie eine echte Spiegelreflex, ist aber eine nette kleine Spiegellose: die OM-D 10 Mark II
 Als Nutzer von Olympus-Kameras und -Objektiven betrübt mich diese Nachricht, selbst wenn sie nicht unerwartet kommt. Es bleibt letztlich nur zu hoffen, dass die neuen Machthaber mit Vernunft zu regieren wissen, denn im Micro-Four-Third-Bereich gibt es nichts Besseres als eben Olympus. Und: So gut die Bildqualität von Smartphones mittlerweile ist, an die praktischen und technischen Vorteile von «echten» Fotokameras werden sie nie anknüpfen können.

Klein, schön und oho! Die Olympus PEN E-PL 8

24. Juni 2020

Moor hoch Chaltebrunne

Am Aufstieg zum Chaltebrunnen-Hochmoor. Blick zum Wellhorn und zum Wetterhorn

Heute vor genau 15 Jahren stieg ich im Rosenlauital aus dem Postauto und machte mich auf den Weg zum Chaltebrunne Hochmoor. Zusammenfassend schrieb ich damals in mein Wanderjournal:

«Endlich die Begehung des Chaltebrunne Hochmoors. Einmalig schöne Landschaft mit  herrlichen Ausblicken. Leider etwas dunstig. Flora nicht so üppig wie in der Ostschweiz*. Besuch des Hochmoors im Herbst vermutlich noch lohnender, Winter auch möglich! Wiederum sehr heiss. Langer aber nicht unangenehmer Abstieg nach Meiringen. Alte Falcheren-Strasse in desolatem Zustand und nicht ungefährlich. Offiziell gesperrt, aber von Falcheren her nicht eindeutig zu erkennen. Viele Felsstürze. Insgesamt nur 6 Wanderer getroffen. Alpen sind noch nicht bestossen.»

Und nun bin ich endlich dazugekommen, die Fotos von damals zu bearbeiten. Hier sind sie!

*Die Tage zuvor ging ich von Wildhaus nach Sargans und bewegte mich in ähnlichen Höhenlagen.

23. Juni 2020

Martini

Urs Pilgrim: Martini, Edition Hans Erpf,
Bern, 1994
Am 11. November, dem Martinstag, wird Annemarie Kohler Opfer eines Verkehrsunfalls; der Fahrer ist flüchtig. Stefan Mosimann, ein lebensfroher Vikar, wird verdächtigt, diesen Tod verschuldet zu haben. Doch auch sein Gegenspieler, der Kirchenpflegepräsident Jakob Nietlisbach, verhält sich auffällig. Die Spuren indes führen bald zum Arzt Hans Jörg Staubli, zur Tatzeit auf Krankenvisite. Die Ermittlungen sind noch in vollem Gang, als ein weiteres Verbrechen Polizei und Bevölkerung aufschreckt: Staublis Tochter Sonja sei entführt worden. Zwar wird das Versteck gefunden, aber die Entführer entkommen. Mosimann weicht dem Druck im Dorf und verlässt Muri. Kurz darauf wird Nietlisbach erschossen …

Das wechselhafte Schicksal eines Arztes, das erfolgreiche Wirken eines Anwalts, der einsame Weg eines Vikars: in ihrer Verstrickung vor der Kulisse einer scheinbar heilen dörflichen Welt erleben wir die Höhen und Tiefen menschlicher Leidenschaften mit. Martini, der 11. November, markiert dabei nicht nur den Anfang eines undurchsichtigen, gar tödlichen Intrigenspiels, sondern wird auch zum Angelpunkt zweier feingewobener Liebesgeschichten.
(Klappentext)

AG: Muri, Bremgarten, Geltwil, Isenbergschwil, Schlattwald SG: Sarganserland ZH: Stadt Zürich

22. Juni 2020

Mit meinen Augen

Kathrin Rüegg: Mit meinen Augen, Müller, Rüschlikon, 1981
Das erste und einzige Buch, das ich von Kathrin Rüegg gelesen habe. Dabei hatte die umtriebige Geschäftsfrau aus dem Verzascatal unzählige Bücher veröffentlicht, die vornehmlich von Frauen geradezu verschlungen wurden. Rüegg verkörperte in den 70er- und 80er-Jahren den Aussteigertraum vieler Menschen, die nördlich des Gotthards täglich im Hamsterrad ihren Lebensunterhalt bestritten. Dass Kathrin Rüegg im Tessin freilich auch nicht von der Luft alleine lebte, verdeutlicht die Vermarktung ihres Lebensentwurfs, nachdem sie den Beruf als Direktionssekretärin und später als Inhaberin eines Einrichtungsgeschäftes an den Nagel gehängt hatte.

Kathrin Rüegg (bürgerlicher Name Doris Schmid) wurde am 7. März 1930 als Tochter eines Bergbauerns und Hoteliers in Arosa geboren. Nach der Scheidung der Eltern im Jahre 1941 zog sie gemeinsam mit Mutter und Bruder nach Basel. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Bürofachfrau und war anschliessend in der Chemie-Industrie tätig, wo sie sich zur Fremdsprachenkorrespondentin und Direktionssekretärin hocharbeitete. 1960 eröffnete sie in Basel das Einrichtungsgeschäft «Bottewage», das sie erfolgreich bis ins Jahr 1971 führte. Danach zog sie ins Tessin, um im Verzascatal einen Bauernhof mit Kleintieren aufzubauen und sich der Schriftstellerei zu widmen. Nebenbei betrieb sie den kleinen Boutiqueladen «El Boteghin» für Tessiner Spezialitäten und bot viele praktische Kurse an.

Rüegg war Mitbegründerin der Kochsendung «Was die Grossmutter noch wusste», die von 1982 bis 2006 in über 350 Folgen ausgestrahlt wurde. Nach dem Tod des Co-Moderators Werner O. Feisst im April 2006 wurde die Sendung nicht mehr fortgeführt. Kathrin Rüegg lebte bis zu einem schweren Sturz, dessen gesundheitliche Folgen sie zum Umzug zwangen, in Gerra im Verzascatal. Danach lebte sie im Altersheim und Pflegeheim in Gordola am Lago Maggiore. Nachfolgend alle Bücher Katharina Rüeggs:

1974: Kleine Welt im Tessin
1976: Dies ist mein Tal – dies ist mein Dorf
1977: Mit herzlichen Tessiner Grüssen
1978: Nach jedem Winter kommt ein Sommer
1979: Von Lämmern und Leuten in Froda
1980: Grosser Stall kleines Haus
1981: Mit meinen Augen
1981: Lauter schöne Jahreszeiten
1982: Ein Dach überm Kopf
1984: Was die Grossmutter noch wusste: Gesunde und natürliche Haushaltsmethoden und -weisheiten. (Band 1)
1985: Was die Grossmutter noch wusste: Als die Grossmutter noch jung war. (Band 2)1986: vom Morgen bis zum Abend
1987: Was die Grossmutter noch wusste: Vom Apfel bis zur Zwiebel. (Band 3)
1988: Was die Grossmutter noch wusste: Essen wie damals. (Band 4)
1990: Hinter den Kulissen / Kein Tag wie der andere: Abenteuer bei der Fernseharbeit
1992: Begegnungen
1992: Brotbackstube
1993: Guetzlibäckerei
1993:. Was die Grossmutter noch wusste: Winterrezepte und Geschichten. (Band 5)
1994: Lieblingskuchen
1994: Was die Grossmutter noch wusste: Gemüse nach Grossmutterart: Rezepte und Geschichten. (Band 6)
1995: Kartoffelküche
1996: Süsse Einmachküche
1996: Was die Grossmutter noch wusste: Grossmutters Küche zwischen Elsass und Engadin. (Band 7)
1996: Die besten Geschichten und Rezepte aus Grossmutters Küche (Jubiläumsausgabe)
1997: Pikante Einmachküche
1997: Was die Grossmutter noch wusste: Grossmutters Mittelmeer-Küche: kochen wie im Urlaub. (Band 8)
1997: Was die Grossmutter noch wusste: Grossmutters Kräuterküche. (Band 9)
1997: Grossmutters immerwährender Kalender
1998: Käsespezialitäten
1998: Was die Grossmutter noch wusste: Gewürze von Anis bis Zimt. (Band 10)
1999: So kocht man – ein Kochbuch für Anfänger
1999: Was die Grossmutter noch wusste: Gute Küche ohne Fleisch. (Band 11)
2000: Was die Grossmutter noch wusste: Zu Gast bei Kathrin und Werner. (Band 12)
2001: Das Jahr in Kathrins kleiner Welt
2001: Was die Grossmutter noch wusste: Einfache Küche von Kathrin und Werner. (Band 13)
2002: Mit Kathrin Rüegg durchs Gartenjahr
2002: Was die Grossmutter noch wusste: Kathrin, Werner und die Schweizer Küche. (Band 14)
2002: Was die Grossmutter noch wusste: Das Beste von Kathrin und Werner: ihre liebsten Rezepte und Geschichten aus 20 Jahren «Was die Grossmutter noch wusste» (Jubiläumsausgabe 2)
2003: Gesundheit aus meinem Garten
2003: Was die Grossmutter noch wusste: Kathrin, Werner und die ländliche Küche. (Band 15)
2004: Was die Grossmutter noch wusste: Backen. (Band 16)
2005: Glücksgefühl
2006: Weihnachtsbuch
2006: Katzengeschichten
2006: Geschichtenbuch

21. Juni 2020

Mein Name ist Eugen

Klaus Schädelin: Mein Name ist Eugen,
Flamberg Zürich/Stuttgart, 1955
«Mein Name ist Eugen. Das sagt genug, denn eine solche Jugend ist schwer. Im nächsten Juli bin ich dreizehn Jahre alt, und der Eduard behauptet, das sei ein Geburtsfehler, der sich leider nur sehr langsam korrigiere. Am nächsten Neujahr in acht Tagen wird er vierzehn, und das sei doch ein ganz anderes Gefühl.»

So beginnt Klaus Schädelins Schweizer Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1955. Eugen hat nicht nur Schwierigkeiten mit seinem Namen, sondern auch mit seinen Eltern und seinen Lehrern. Deshalb heckt er Streiche aus, die ihm und seinem Freund Wrigley, und darüber hinaus jedem Leser und jeder Leserin in der Seele gut tun. (Klappentext)

Klaus Schädelin wurde 1918 in Bern an der Herrengasse geboren. Er absolvierte ein Theologiestudium in Bern, war Pfarrer in Attiswil (Kanton Bern), in Hünibach am Thunersee und danach neun Jahre in Bern an der Petruskirche. Er wurde schliesslich als Gemeinderat der Stadt Bern gewählt, wo er 16 Jahre lang als städtischer Fürsorge- und Gesundheitsdirektor amtierte. 1973 erlitt er einen Herzinfarkt und wurde darauf frühzeitig pensioniert. Er war verheiratet und Vater von drei Kindern. Klaus Schädelin verstarb am 13. Dezember 1987 im Alter von 69 Jahren.

20. Juni 2020

Vrenelis Gärtli

Tim Krohn: Vrenelis Gärtli, Eichborn,
Frankfurt, 2007
Das Vreneli ist nicht wie andere Kinder. Schon über seine Eltern kursieren im Tal die seltsamsten Gerüchte, und als die Mutter früh stirbt, heisst es, der Vater habe mit bösen Mächten paktiert. Das Vreneli soll fort von ihm und auf die Schule, doch lernt es lieber das zwielichtige Handwerk des Zauberns und streicht in Gestalt eines roten Fuchses über die zerklüfteten Berge und Gletscher.

Nachdem es die Tochter eines reichen Fabrikanten aus der Gefangenschaft eines Hexers gerettet hat, verfolgt der es mit Wut und Ausdauer. Bald darauf trifft das Vreneli den Waisenknaben Melk, einen jungen Sennen, ein Quatemberkind wie es selber – und spürt ein Sehnen, das es bis dahin nicht gekannt hat. Doch bringt der Fluch des Hexers auch den Melk in Gefahr …

Wie in Ovids Metamorphosen die klassischen Mythen, so tauchen in Tim Krohns Roman die schweizerischen Sagenstoffe auf und gewinnen in der poetischen Verwandlung neue Gestalt. In einer faszinierenden schwiizertüütsch-hochdeutschen Kunstsprache Glarner Prägung erzählt er ohne Moralisieren und jenseits aller Folklore seine wilden, anrührenden und «meineidig schönen» Geschichten.
(Klappentext)

GL: Glarus, Fessis Alp, Glärnisch, Linthal, Sool, Brunnalpeli, Chamer Alp, Dräcklochalp, Bächifirn, Beglinger Alp UR: Urnerboden

19. Juni 2020

Anny

Walter Alvares Keller: Anny, Schweizer
Verlagshaus, Zürich, 1965
Der Schweizer Schriftsteller Walter Alvares Keller, dessen Peter-Stäubli-Trilogie von Hunderttausenden gelesen wurde, wagt in seinem neuen Roman eine ehrliche Gesellschaftskritik, die der Leser mit Spannung und Anteilnahme verfolgt. Das Buch schildert den Lebensweg eines Mädchens, das infolge einer Verkettung tragischer Umstände schon in frühester Jugend die Geborgenheit des elterlichen Heims verliert und bei fremden Leuten aufwächst, ohne zu wissen, wer seine wahren Eltern sind. Trotz ihrer Tüchtigkeit und ihres redlichen Wollens hat Anny schwere Anfechtungen zu bestehen.

Mit grosser psychologischer Feinheit ist das Zusammentreffen der Tochter mit ihrer wirklichen Mutter, die sie erst nach Jahren findet, geschildert. Mit Interesse verfolgen wir ihre aufkeimende Liebe zu einem sympathischen jungen Mann, der sich aber durch Ungeschicklichkeit selbst den Weg zu ihrem Herzen verbaut. Sie heiratet einen nicht zu ihr passenden Bewerber, was zu weiteren Verwicklungen führt. Von ihrem Mann veranlasst, gerät sie in die Hände eines rücksichtslosen Politikers, der sie ausnützt und dann beiseite schiebt. Sehr anschaulich wird dabei das politische Treiben und seine Selbstsucht geschildert. Als sie die Charakterlosigkeit des «grossen Politikers», den sie geliebt hat, erkennt, erleidet sie einen Zusammenbruch. Aber sie überwindet auch diese Krise, und es gelingt ihr, ihrem Schicksal eine glückliche Wendung zu geben.
(Klappentext)

SG: Rheintal bei Buchs, St. Gallen, St. Gallen-Bruggen, St. Gallen-St. Fiden, St. Gallen-Winkeln, Rorschach ZH: Stadt  Zürich, Zürich-Enge

18. Juni 2020

Der Weg zum Glasbrunnen

Sam Jaun: Der Weg zum Glasbrunnen,
Ex Libris, Zürich, 1984
In Sam Jauns erstem, mit dem «Krimipreis der deutschen Autoren» ausgezeichneten Kriminalroman geht es um die Aufklärung eines von der Polizei als Unfall bezeichneten Todesfalls. Aus diesem scheinbar nüchternen Stoff hat der Berner Schriftsteller eine raffinierte und komplizierte Suche gemacht, hat eine lange Reihe von Akteuren eingeführt – Polizisten, Künstler, Nebenfiguren, die plötzlich wichtig werden, Kreuz- und Querverbindungen, die alle zu wichtigen Spuren werden könnten, aber samt und sonders im Sand verlaufen oder zu weiteren Verwirrungen führen. Schauplatz der turbulenten Ereignisse ist die Stadt Biel und ihre Umgebung. (Klappentext)

BE: Bern, Biel, Leubringen, Tessenberg

17. Juni 2020

Fräulein Stark

Thomas Hürlimann: Fräulein Stark,
Ammann, Zürich, 2001
Der Stiftsbibliothekar, ein hochwürdiger Prälat und Gelehrter, hat während eines langen Sommers seinen Neffen zu Besuch. Um den kostbaren Boden des barocken Büchersaals zu schützen, soll der Nepos an die Besucher Filzpantoffeln austeilen. Der Junge merkt bald, dass sich ihm neue Welten öffnen – die Welt der Bücher und des andern Geschlechts. Fasziniert beginnt er zu lesen und wagt es, scheue Blicke unter die Röcke der Besucherinnen zu werfen, die bei ihm in die Pantoffeln schlüpfen müssen. Das Fräulein Stark, die Haushälterin des Stiftsbibliothekars, misstraut dem Fleiss des Jungen. So entsteht zwischen ihr und dem «Pantoffelministranten» ein leiser Kampf, der sich zum Sommerende hin in eine heimliche Liebe verwandelt. (Klappentext)

AI/AR/SG: Alpstein, Stiftsbibliothek St. Gallen, Uznach, St. Gallen, Kaltbrunn, Linthebene

16. Juni 2020

Sturmwarnungen

Ulrich Knellwolf: Sturmwarnungen,
Nagel & Kimche, München/Wien, 2004
Daniel Defoe, der berühmte Autor des Robinson Crusoe, erzählt diese Geschichte dem Lordkämmerer der britischen Majestät, um ihn zu warnen: Der berüchtigte Seeräuber Lovecraft, der jahrelang erfolgreich Handelsschiffe plünderte und die britische Marine an der Nase herumführte, will seinen nicht weniger gefürchteten Kumpan Ashman aus dem Gefängnis befreien. Ihre Freundschaft reicht weit zurück: Ursprünglich waren sie Geistliche aus Bern, der eine ein Wiedertäufer, der wegen fortgesetzter Ketzerei verurteilt wurde und entkam, der andere ein Prediger, der seinem Freund aus Liebe zu einer Generalstochter folgte. Als Ashman nach einer spektakulären Jagd von einem britischen Admiral gefangen wird, beschliesst Lovecraft, ihn um jeden Preis zu retten. Die Zeit drängt, denn Lovecrafts Männer sind schon in London. Immer verführerischer, immer drängender wird Defoes Ton – der Kämmerer aber antwortet ihm nicht. (Klappentext)

15. Juni 2020

Die Brandnacht

Sam Jaun: Die Brandnacht, Benziger, Zürich,
1986
Der Exilschweizer Peter Keller, ein verkrachter Kunstmaler mit illustrer Vergangenheit, lebt in Berlin. Eines Tages erreicht ihn der Brief des Emmentaler Knechts Balsiger, mit dem er vor vielen Jahren im Schweizer Militär gedient hatte. Balsiger sitzt wegen Vergewaltigung und Mord an einer jungen Frau in Untersuchungshaft und beteuert seine Unschuld – er bittet Keller um Hilfe. Dieser entscheidet sich, an den Ort des Geschehens zu reisen und Nachforschungen anzustellen.

Je mehr sich jedoch Keller in den Fäden dieses anfänglich so klaren Falls von Lustmord verheddert, desto deutlicher zeigen sich Risse in der scheinbar harmlosen Dorfidylle. Kellers Odyssee wird zur gefährlichen Mission. Der 1989 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Roman von Sam Jaun bildet die Grundlage des gleichnamigen Spielfilms von Markus Fischer. (Klappentext)

BE: Emmental

14. Juni 2020

Konfliktstoff für Jahrzehnte

Marcel Schwander: Jura – Konfliktstoff für
Jahrzehnte, Benziger, Zürich/Köln, 1977
Der Jurakonflikt ist seit Jahrzehnten eines der wichtigsten innenpolitischen Probleme für die Schweiz. Ein neuer Kanton ist im Entstehen begriffen, den die Schweizer Stimmbürger durch Revision der Bundesverfassung gutheissen oder ablehnen können. Doch es fragt sich, ob die Schaffung eines neuen Kantons das Juraproblem wirklich löst: Ein neuer und möglicherweise noch härterer Konflikt hat im bei Bern verbleibenden Südjura begonnen. Manche Beobachter sprechen in diesem Zusammenhang sogar von einer «lrlandisierung» des Jura. Das Buch «Jura. Konfliktstoff für Jahrzehnte» möchte die notwendigen Grundlagen zur Beurteilung der Jurafrage vermitteln. Zugleich sieht es den Jura im weltweiten Zusammenhang der regionalistischen Bewegungen und stellt die Frage nach dem Wesen des schweizerischen Föderalismus. (Klappentext)

13. Juni 2020

Kaufen Sie noch ein Los, bevor wir abstürzen


Julia November: Kaufen Sie noch ein Los,
bevor wir abstürzen, riva Verlag, München,
2014
Billig-Airlines haben sich mit diversen Eigenheiten einen eher zweifelhaften Ruf erarbeitet. Eine Überschreitung des Gepäckgewichts im Grammbereich führt zu Dramen am Check-in-Schalter. Passagiere werden über das Rollfeld gescheucht und wie Vieh in die Maschine getrieben. Dort stehen dann schäbige Sandwiches für teures Geld bereit. Im Cockpit des Fliegers sitzt möglicherweise Julia November, eine der wenigen Pilotinnen Deutschlands. In diesem Buch erzählt sie unglaubliche Geschichten vom alltäglichen Wahnsinn bei einem Low Cost Carrier. Willkommen an Bord – bereiten Sie sich mit der Lektüre intensiv auf Ihren nächsten preisgünstigen Flug vor. Wiedererkennungswert garantiert. (Klappentext)

Die Autorin auf YouTube.

12. Juni 2020

Honolulu

Alexander Heimann: Honolulu, Cosmos,
Muri b. Bern, 1990
Fritz Prisi sitzt friedlich im Bus, den Walkman über den Ohren. Draussen ist es noch dunkel, die schlafzimmerbleichen Fahrgäste starren in sich hinein oder in die Zeitung. Da hält der Bus mitten auf der Strecke, und zwei lederbemantelte Männer steigen ein. Fahrausweiskontrolle. Fritz Prisi lehnt sich im Sitz zurück, verschränkt die Arme über seiner Jeansjacke und bereitet sich moralisch auf das Tête-à-tête mit den beiden Kontrolleuren vor. Buchseiten später steht Fritz Prisi, Einwohner von Bern-Bümpliz, auf der Strasse, noch bevor der Tag richtig begonnen hat, wieder einmal zur Sau gemacht. Und den halben Walkman hat er auch verloren. Grimmig blickt er gegen die Beamtenstadt Bern, knirscht mit den Zähnen und schüttelt die erhobene Faust.

Wie Fritz Prisi es der Beamtenwelt in diesem Land, «in dem man nicht einmal mehr davonrennen konnte», heimzahlt, ist eine äusserst vergnügliche und zugleich spannende Sache. In weiteren Hauptrollen: Murr, der eigentlich Maximilian von Raffenweid heisst, ein Salonaussteiger ist, der bis zum Tag, an dem er Prisi aufgegabelt hat, keine grösseren Sorgen kannte, als seinen Anteil der von Raffenweidschen Millionen irgendwie durchzubringen; Omar Rüdisühli, früher Arbeiter in der Batteriefabrik in Schattenhalb, jetzt sozialdemokratischer Bundesrat und Vorsteher des Militärdepartements; eine Läuferin des Grand Prix von Bern mit der Startnummer 768.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern, Guggershörnli, Guggisberg

11. Juni 2020

Fast ein bisschen Frühling

Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling,
Hanser, München, 2012
Zwei arbeitslose junge Burschen wollen 1933 aus Nazideutschland fliehen. Um sich das Reisegeld zu beschaffen, überfallen sie in Stuttgart eine Bank und erschiessen versehentlich den Filialleiter. Auf der Flucht in den Süden kommen sie nicht weit: In Basel verliebt sich der eine in eine Schallplattenverkäuferin. Tag für Tag kauft er eine Tango-Platte, bis das Geld aufgebraucht ist und der nächste Banküberfall nötig wird. Abend für Abend gehen die drei am Rhein spazieren. Mit von der Partie ist eine junge Sportartikelverkäuferin, die dreissig Jahre später die Grossmutter des Erzählers sein wird und sich entscheiden muss zwischen einem Bankräuber und ihrem Verlobten.

Alex Capus hat diese authentische Bonnie und Clyde-Geschichte um Freundschaft und Treue, Liebe und Verrat akribisch recherchiert in Polizei- und Zeitungsarchiven, in Gesprächen mit Überlebenden, auf langen Wanderungen an den Orten des Geschehens. Entstanden ist ein Roman wie ein Tango: leicht und schwermütig, frisch und elegant und voller Trauer um verpasste Möglichkeiten und zerronnenes Glück.
(Klappentext)

BL: Ergolztal, Sissach, Laufental, Laufen BS: Stadt Basel D: Wuppertal, Stuttgart F: Paris, Marseille

10. Juni 2020

Am Rande einer kleinen Stadt

Walter Hottiger: Am Rande einer kleinen
Stadt, Friedrich Reinhardt, Basel, 1950
Walter Hottiger führt uns diesmal mitten ins Geschehen von heute. Am Rande einer kleinen aufstrebenden Stadt liegt der heimelige Gasthof, und zu ihm gehört eine gefreute Landwirtschaft. Der Sonnenwirt und Grossrat Vonflüh ist ein Mann von altem Schrot und Korn, und er weist das Angebot eines Baumeisters, ihm für das Land eine Million zu bezahlen, um darauf Spekulationsbauten zu errichten, kalt lächelnd zurück. Anders sein Sohn, der nach einem Autounfall des alternden Vaters Gasthof und Landwirtschaft übernimmt und letztere verkauft. Die Million kommt ins Rollen und greift ins Schicksal dieser Menschen tief ein. Im Gegensatz zum Gasthof zur Sonnestehen die Bauersleute vom Bifang. Auch auf ihr Schicksal wirft die Million, vor allem auf das der Tochter Lena, schwere Schatten; aber es wird hier am Alten festgehalten. In dieser Lena, die ihr Leben immer wieder selbstlos und ohne Aufsehen in den Dienst der andern stellt und auf eigene Wünsche verzichtet, ist Walter Hottiger eine ganz prächtige Frauengestalt geraten. – Der überaus handlungsreichen, bewegten Erzählung fehlt es auch nicht an gesundem Humor und gütigem Verstehen. (Klappentext)

Im Aargau, in der Gemeinde Oftringen liegt, zurückgeschoben in ein enges Tal, eingebettet zwischen dem Engelberg und der Hohwacht, die Winterhalde. Dort wurde am 3. März 1902 der Baurnsohn Walter Hottiger geboren. Er lernte in seiner Jugend das einfache, gesunde ländliche Leben kennen und lieben und ist ihm bis heute verbunden geblieben, obschon ihn das Leben weit in die Welt hinausführte und er auch nicht Bauer geworden ist.

Er besuchte vielmehr in Deutschland ein Seminar, hielt sich drei Jahre dort auf, war dann in Italien, Griechenland und Ägypten, auch in Palästina. Aber die Ferne lehrte ihn die Heimat nur heisser lieben. Er lebte dann lange Zeit in der Haltenegg ob Thun und wirkte dann in Aarburg als Redaktor einer Familienzeitschrift.

Jahrelang hatte er geschrieben, ohne den Versuch zu wagen, etwas zu veröffentlichen, bis ihm eines Tages Rudolf von Tavel dringend riet, seine «Erzählung vom Hubelhof» einem Verleger anzubieten. Sein schriftstellerisches Bemühen zielte darauf ab, das bäuerliche Leben in seiner schlichten Geradheit zu schildern, wie er es in seiner Jugend kennen gelernt hatte. Stets hob ein Klingen in seinem Gemüt an, wenn er sich erinnerte, wie er daheim am Lauterbach die Kühe hütete, und wies ihm seine Berufung, das Landleben in all seiner naturverbundenen Schönheit, seiner einfachen, klaren und harten Wahrheit zu schildern. Walter Hottiger starb am 12. Oktober 1971.

9. Juni 2020

Vom Obertoggenburg ins Rheintal

Wildhaus–Rüthi SG: Wanderung der Gegensätze in fotogener Landschaft.

Vor ein paar Wochen habe ich über eine selber zusammengestiefelte Panoramawanderung im Obertoggenburg berichtet. Diesem Vorhaben habe ich nun eine Fortsetzung angefügt, die mich in zwei Tagen von Wildhaus nach Rüthi im Rheintal brachte. Übernachtet wurde im Zelt auf der Alp Igadeel, die auch unter dem schönen Namen Gadöl bekannt ist. Die Route führte über wunderbar gelegene Maiensässe und durch üppig-grünen Wald am Fusse der ungemein steilen Abhänge des Alpsteins, die von den legendären Kreuzbergen gekrönt werden. Im Gegensatz dazu dann der letzte Abschnitt in der Ebene des Rheintals, wo der Weg durch den mystisch anmutenden Schlosswald und hernach entlang dem Werdenberger und dem Rheintaler Binnenkanal führte.

Die Bilder dieser Wanderung gibt es hier für den ersten und hier für den zweiten Tag.

8. Juni 2020

Dezemberföhn

Alexander Heimann: Dezemberföhn, Cosmos,
Muri, 1996
Herbst 1955: Louis Armstrong ist auf Schweizer Tournee, in den Kinos läuft Jules Dassins «Rififi », in den Buchhandlungen verlangen die Leute nach Klaus Schädelins «Mein Name ist Eugen». Und in Hinterzünen, einem Dorf im hügeligen Gelände des bernischen Mittellandes, braut sich ein Unheil zusammen. Vorerst kursiert das Gerücht, ein fremder Mann schleiche mit einem schwarzen Automobil auf Natursträsschen und Feldwegen der Gemeindegrenze entlang und parke irgendwo in einer Waldschneise oder in der Nähe einer Kiesgrube. Dann berichtet die Lehrtochter Senta Gerber, im Birchiwald habe ihr einer aufgelauert. Dadurch kommt Josi, Hilfsarbeiter in der Druckerei Twerenbold, wieder ins Gerede. Seit seiner Kindheit gilt er im Dorf als hinterhältiger Zurückgebliebener, als ein Tunichtgut, dem jede Schandtat zuzutrauen ist. Ende November findet der Bauer Huber beim Hengstschlund eine auf grausame Weise getötete Katze. Und es kommt der Samstag, der 17. Dezember. An diesem fast sommerlich warmen Tag macht sich die Seminaristin Verena Andrist in Krälligen auf den Weg zur Bahnstation Hinterzünen. (Klappentext)

7. Juni 2020

Weil das Gute so nahe liegt

Das Privileg, direkt nach der Arbeit in einer halben Stunde mit dem Bus an den Fuss der Stockhornkette zu fahren, daselbst vorerst sanft und hernach zunehmend steiler in den Mikrokosmos Gantrisch aufzusteigen, an einem schönen Fleck auf 1550 Meter über Meer mit Blick auf das Thuner Westamt, inklusive Stadt und See, das Zelt aufzustellen. Im Windschatten einer kräftigen Bise ein Nudelsüppchen kochen, Katzenwäsche und dabei die Abendstimmung in sich aufsaugen, ehe es ins Minizelt und somit zum hoch willkommenen Aufwärmen geht.

Blumenstein–Schwefelbergbad: Auch als Tageswanderung gut machbar.


Anderntags bei beinaher Windstille und erhoffter Sonne den Tag begrüssen, beglückenden Tee trinken und alles zusammenräumen. Im Morgenlicht das Panorama bestaunen, vorbei an schmatzenden, glotzenden, bimmelnden Kühen, die erst wenige Tage hier oben sind. Nach wenigen Wanderminuten als erster Gast in der Alpwirtschaft einen Kaffee schlürfen und derweil dem Bläss das Fell kraulen. Mit der Bäuerin reden und gemeinsame Bekannte ausfindig machen. Gestärkt, mit der Sonne im Rücken und gemütlichen Schrittes, sich dem Trubel der Wasserscheide nähern. Autos, Töffs, Velofahrer, Spaziergänger, Wanderer, Quengelkinder, Jubel, Trubel, Zigarettenrauch.

Am Gantrischseeli pausieren und den gemeinen Touristen studieren. Sich ärgern über Leute, die im Naturschutzgebiet haufenweise Blumen pflücken. Sich auf der Alp Bireberg an den Kühen und Ziegen erfreuen. Gemächlich den Abstieg zum Schwefelbergbad unter die Füsse nehmen, den Ausflugszirkus hinter sich lassend, mit Mühe nur das Dröhnen der Motorräder ignorierend. Am Ziel feststellen, dass das Schwefelbergbad seit 2014 geschlossen ist und die Natur langsam die Oberhand über den Umschwung der beachtlichen Hotelanlage gewinnt. Um 13.30 Uhr ins leicht verspätete Postauto nach Schwarzenburg steigen und durch eine wunderschön-vorsommerliche Landschaft kurven.

Fotos zu all dem gibt es hier für den ersten und hier für den zweiten Tag.

6. Juni 2020

Der Ausbrecher

Georges Simon: Der Ausbrecher, Diogenes
Zürich, 1982
Jean-Paul Guillaurne, genannt J.P.G., ist seit achtzehn Jahren Deutschlehrer am Gymnasium von La Rochelle. Er ist pünktlich, zuverlässig, nicht zu streng mit seinen Schülern; er hat eine Frau und zwei Kinder und ein Haus, und sonntags geht er regelmäßig zur Messe. Da plötzlich, von heute auf morgen, benimmt er sich unerhört. Er schlägt einen Schüler, er raucht in der Klasse, er redet ironisch mit dem Rektor, er hebt Geld vom Bankkonto seiner Frau ab, trinkt Bier zum Mittagessen – man könnte meinen, er sei verrückt geworden. Gäbe es da nicht eine gewisse Mado, die seit kurzem in der Stadt lebt und seine Vergangenheit wieder hochsteigen läßt … (Klappentext)

«Die eine Person, um die jeder Roman kreist, ist fast immer ein Mann. Was ihm widerfährt, hat jeweils mit dem ungewollten Übergang von Ritus und Routine zu Schicksal zu tun, das - es sei wiederholt – auch bei Verbrechen nicht als Schuld wirkt, denn Simenon selber verurteilt nie.» François Bondy/Schweizer Monatshefte

F: La Rochelle (Hauptschauplatz), Paris, Lüttich, Marans, Luçcons, Niort, Versailles

5. Juni 2020

Ein Schatten zuviel

Robert Stalder: Ein Schatten zuviel,
Lenos, Basel, 1995
Richard Röthlisberger, 53, geschieden, Single, hat diesen «etwas polternden Humor der Ehemaligen der St. Galler Hochschule» und wird immer verlegen, wenn er nach seinem Beruf gefragt wird. Eigentlich sei er eine Nichtexistenz, sagt er dann ausweichend, und er lebe davon, dass die Leute nicht dumm sein wollen. In seiner früheren Tätigkeit als Berater hat er sich ein kleines Vermögen erschlichen; jetzt ist er Privatdetektiv mit Spezialgebiet Observationen. Wenn es um Honorare geht, kennt er nichts – ausser das Vokabular natürlich.

Sein neuster Auftraggeber ist genau der Typ, dessen Verdacht auf Ehebruch sich meistens bestätigt. Eine leichte Aufgabe, stellt sich doch heraus, dass die attraktive Paula Affolter, 43, gleich mehrere Liebhaber hat.

Und dann passiert Röthlisberger – vielleicht weil es Sommer ist und im Sommer alles viel leichter wird –, was ihm nicht passieren dürfte: Er verlieb sich in Paula. Und sie sich in ihn. Doch das Glück findet ein jähes Ende: Eines Nachmittags liegt Paula tot in seiner Wohnung – zu der sie keinen Schlüssel hatte.
 

Robert Stalders raffiniert gebuater, aus der Psyche der Hauptfigur entwickelter Roman ist voller Witz un Ironie. (Klappentext)

4. Juni 2020

Friss oder stirb

Hermann Hossmann: Friss oder stirb,
Albert Müller Verlag, Rüschlikon/Stuttgart/
Wien, 1942
Es ist der unbestrittene Lieblingsroman meiner Kindheit: Hermann Hossmanns «Friss oder stirb». Die Geschichte öffnete mir endgültig die Augen für das viel zitierte «Kopfkino». Ich hatte das Buch zwei- oder dreimal gelesen, ehe ich es, weshalb auch immer, irgendwann weggab. Jahre später, ich war längst zum bibliophilen Liebhaber mutiert, erinnerte ich mich an Hossmanns Werk ... und entdeckte es am 12. Juli 2000 tatsächlich in einem Buchantiquariat wieder. Klar doch, dass ich es kaufte und ein drittes oder viertes Mal – wenn auch mit anderen Augen – las. Doch worum geht es denn eigentlich in diesem Jungendroman? Dies sagt der Klappentext:

«Hermann Hossmann ist Lehrer – aber ein Lehrer besonderer Art! Als er mit 20 Jahren sein Diplom in der Tasche hatte, fand er, dass er zunächst die Welt und das Leben besser kennen lernen sollte, ehe er daran ging, Kinder in der Schulstube für den Lebenskampf zu rüsten. Er wanderte nach Amerika aus und verdiente sich dort sein Brot mit den verschiedensten Arbeiten, – jawohl: als Tellerwäscher und dann als Nachtwächter, als Taxichauffeur, Bauarbeiter, Filmschauspieler, Geschäftsmann und Zeitungsredakteur! Was ihm da begegnete, das lässt er in seinem Buch Peter Hitzig, den Helden der Erzählung, erleben.

«Friss oder stirb» ist kein braves, sanftes Buch; es ist rauh und hart wie das Leben, das es schildert. Peter zeigt im Laufe seiner Amerika-Jahre, dass auch die ärgsten Hindernisse und Schwierigkeiten mit Mut und Tatkraft überwunden werden können. Friss oder stirb! hiess es für ihn, als er nach Amerika kam, um das gepriesene Wunderland zu erleben und sich stattdessen mit wenig Geld und ohne Sprachkenntnisse im Hexenkessel von New York fand. Das Amerika des «Lederstrumpf» und Karl Mays gehörte längst zur Vergangenheit. Hart packte ihn das Leben an und rüttelte ihn aus seinen Träumen. Was er kennen lernte, war das Amerika von gestern und heute, das Land der Industrie, des Handels, der Riesenfabriken und der Wolkenkratzer, das aber dennoch das Land der tausend Möglichkeiten geblieben ist. Was er kennen lernte, war nicht das phantastische Abenteuer romantischer Träume, – es war das Abenteuer der Wirklichkeit, das jeder erleben kann, der es nur will!»

Doch wer war dieser Hermann Hossmann eigentlich? Bürger von Gerzensee war er und wurde am 17. September 1900 als Sohn des Lehrers Friedrich Hossmann in Kriechenwil bei Laupen geboren. Sein Vater beschäftigte sich in seinen Mussestunden mit der Schriftstellerei, gab einige Gedichtbände, einen Entwicklungsroman und zahlreiche Erzählungen heraus. Der Sohn Hermann wuchs in Bern auf, besuchte dort Primar- und Sekundarschule und kam danach ins Lehrerseminar Hofwil-Bern.

Nach vollendetem Studium wanderte er nach Amerika aus, wo er sechs Jahre lang, vom Leben hart gezwackt, in den verschiedensten Berufen seinen Lebensunterhalt verdiente: als Tellerwäscher, Nachtwächter, Taxichauffeur, Bauarbeiter, Filmschauspieler, Geschäftsmann und Zeitungredaktor. Danach schloss er seine US-Lehrjahre ab und kam in die Schweiz zurück, wurde erst Lehrer in der Gesamtschule Möriswil bei Wohlen, später an der Länggass-Schule in Bern, wo er während Jahren amtete.

Früh schon verfasste er – zu seiner Freude und sozusagen zum Hausgebrauch – Dialektverse und Mundarttheaterstücklein, die an Schulfeiern und bei öffentlichen Anlässen aller Art zum Vortrag kamen. Später zog man ihn zur Mitarbeit an Jugendbüchern und -zeitschriften heran. Seine Lehrtätigkeit, besonders aber der Umgang mit gefährdeten und kriminellen Jugendlichen, überzeugten ihn davon, dass die beste Art, die verhängnisvollen Einflüsse der Schundliteratur auf die heranwachsende Jugend zu bekämpfen, die sei: Spezifisch «rassige» Jugendbücher zu veröffentlichen, die dabei lebenswahr gestaltet, aufklärend und erzieherisch wirken. Aus dieser Einsicht heraus begann Hermann Hossmann zu schreiben. Dass es auch bei Erwachsenen Anklang fand, war ihm eine erfreuliche, wenn auch unbeabsichtigte Nebenerscheinung.