9. Dezember 2019

Der andere Weg

Otto Zinniker: Der andere Weg, Schweizer Druck-
und Verlagshaus, Zürich, 1955
Otto Zinniker lebt in Biel, der Grenzstadt zwischen Deutsch- und Welchschweizertum, und die Vitalität dieser beiden ineinanderfliessenden Elemente, verbunden mit einem tiefen und echten Naturgefühl, das ihn im Ungebändigten der Berge immer wieder bleibende Werte finden lässt, befruchtet den innerlich aufgeschlossenen Schriftsteller und regt ihn zu stets neuem Schaffen an.

Im «Anderen Weg» lässt Zinniker einen Ingenieur erzählen, der am Bau der grossartigsten aller Alpenstrassen, am Sustenpass, mitarbeitet, wobei sich die schöpferische Kraft und Phantasie glücklich mit der Wirklichkeit dieses Strassenbaus verbindet, zu dem sich der Autor von massgeblicher Seite die notwendigen Unterlagen verschafft hat. Doch hier wird nicht nur eine neue Verbindung zwischen zwei Tälern geschaffen, nein, der Held geht einen ungleich schwereren Pfad, in dem er die Wirnisse seines Lebens durchschreitet, bis er sich in tiefster Not auffängt und schliesslich den einen Weg findet, der ihn zum inneren Glück des wahrhaften und einfachen Daseins führt.

Zinniker erzählt uns die Geschichte eines Menschen unserer Zeit und dringt dabei zur Erkenntnis vor, dass das Leben eines jeden von uns nach strenger Gesetzmässigkeit und innerer Notwendigkeit verläuft. Diese Gesetzmässigkeit entwickelt er am Schicksal des Menschen Martin Schoch, für den dieses Wissen auch in der grössten Bedrängnis Trost bedeutet. Und darin liegt der Sinn dieses Romans, der den Leser reich beschenkt. (Klappentext)

BE: Biel, Berner Jura, Bielersee, Twann, Gadmental, Sustenpass, Gadmen, Guttannen, Meiringen, Fussreise: Meiringen–Brünig–Luzern–Entlebuch–Bern–Biel, Himmelrank am Sustenpass, Sanetschpass, Gsteig LU: Fussreise: Meiringen–Brünig–Luzern–Entlebuch–Bern–Biel OW: Fussreise: Meiringen–Brünig–Luzern–Entlebuch–Bern–Biel USA: Manitoba

8. Dezember 2019

Wanderchronik 2019

Murzelen – Oberruntigen – Kallnach • 15,6 km • Fotos
Eggiwil – Grosshorben – Eggiwil • 18,4 km • Fotos
Bürglen – Haldi – Altdorf • 12,9 km • Fotos
Gurnigel Wasserscheide – Sangernboden – Zollhaus • 14,5 km • Fotos
Ferreyres – Canal d'Entreroches – Corcelles-sur-Chavornay • 20,3 km • Fotos
Gossau (SG) – Niederglatt – Bischofszell • 20,1 km • Fotos
Elgg – Neubrunn – Dussnang • 18,4 km • Fotos
Heimberg (Lädeli) – Brenzikofen – Kiesen • 9,4 km • Fotos
St. Pelagiberg – Hudelmoos – Amriswil • 10,3 km • Fotos
Gossau – Tannenberg – St. Pelagiberg • 17,3 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #13 • 7,3 km • Fotos
Cossonay-Penthalaz – Cuarnens – La Sarraz • 21,0 km • Fotos
Marena – Spin – Maggia • 6,9 km • Projekt OstwärtsFotos 
Rifugio Alpe di Masnee – Maiasco – Marena • 8,7 km • Projekt OstwärtsFotos
Brione – Scimarmòta – Rifugio Alpe Masnee • 6,4 km • Projekt OstwärtsFotos
Ochsenstall – Forbach • 20,3 km • Projekt NordetterFotos
Sandkopf (Zuflucht) – Ochsenstall • 22,2 km • Projekt Nordetter Fotos
Littweger Höhe – Sandkopf (Zuflucht) • 18,2 km • Projekt Nordetter Fotos
Kreuzberghütte (Hausach) – Littweger Höhe • 21,8 km • Projekt Nordetter Fotos
Blindenhäusle – Kreuzberghütte (Hausach) • 22,1 km • Projekt Nordetter Fotos
Hohwald (Kaltenherberg) – Blindenhäusle • 20,8 km • Projekt Nordetter Fotos
Titisee – Hohwald (Kaltenherberg) • 21,9 km • Projekt NordetterFotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #12 • 7,3 km • Fotos
Burgdorf – Bickingen – Wynigen • 9,3 km
Thun Martinstrasse – Uetendorf #11 • 7,5 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #10 • 8,3 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #9 • 6,5 km • Fotos
Saas (FL) – Kulm – Triesen • 14,4 km • Fotos
Steg (FL) – Riethötta – Sass • 14,2 km • Fotos
Gurnigel Wasserscheide – Walalp – Erlenbach • 18,1 km
Kotnecker – Spicher – Schwägalppass • 10,2 km • Fotos
Schönengrund – Unterchapf – Kotnecker • 11,9 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #8 • 8,0 km • Fotos
Schaner Alp – Malbun – Buchs (SG) • 13,4 km
Trübbach – Kurhaus Alvier – Schaner Alp • 8,6 km • Fotos
Pas de Cheville – Solalex – Gryon • 9,9 km
Ardon – Derborence – Pas de Cheville • 18,9 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #7 • 7,4 km • Fotos
Malanseralp – Heidelpass – Weisstannen • 9,6 km • Fotos
Vättis – St. Martin – Malanseralp • 13,6 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #6 • 7,6 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #5 • 8,4 km • Fotos
Bad Ragaz – Bad Pfäfers – Bad Ragaz • 12,6 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #4 • 6,8 km • Fotos
Grosse Scheidegg – First – Grindelwald • 12,6 km • Fotos
Dietfurt – Alplisattel – Wattwil • 16,7 km
Bière – St-Oyens – St-George – Bière • 23,7 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #3 • 6,1 km • Fotos
Rietwis – Fuchsacker – Schönengrund • 17,1 km
Sumiswald – Schwarzenegg – Zollbrück • 10,7 km • Fotos
Riein – Pitasch – Peiden Bogn • 12,7 km • Fotos
Rueun – Ilanz – Riein • 13,6 km • Fotos
Eggiwil – Blapbach – Trubschachen • 11,9 km • Fotos
Busswil – Grossaffoltern – Dieterswil • 13,2 km • Fotos
Schüpfen – Wiler – Worben • 18,1 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #2 • 8,8 km • Fotos
L'Isle – Cottens (VD) – Morges • 19,0 km • Fotos
Thun Martinstrasse – Uetendorf #1 • 7,1 km • Fotos
Montpreveyres – Villars-Mendraz – Bercher • 20,5 km
Thun Bahnhof – Rabenfluh – Thun Bahnhof • 8,5 km • Thun total
Münchenbuchsee – Jetzikofen – Hinterkappelen • 15,3 km • Fotos
Lucens – Hermenches – Mézières • 20,7 km • Fotos
Fey – Donjon des Brigands – Lucens • 21,4 km • Fotos
Thun Bahnhof – Obere Wart – Thun Bahnhof • 7,8 km
Horgen – Sihlbrugg – Edlibach • 13,9 km • Fotos
Eigerplatz – Thun Bahnhof • 7,8 km • City Ticket ThunFotos
Wil – Chranzebärg – Kirchberg • 15,0 km • Fotos
Lerchenfeld – Thun Bahnhof • 8.5 km • Thun totalCity Ticket Thun

Niederbauenstock (NW) von Seelisberg aus betrachtet. Tour vom 27.01.2019.


  Frick – Effingen – Thalheim • 20,0 km • Fotos
Steffisburg Flühli – Thun Bahnhof • 4,2 km • City Ticket Thun
Le Bois Blanchard – Chêne-Bourg – Troinex • 17,8 km
Hermance – Foncenex – Le Bois Blanchard • 15,5 km
Gwatt Deltapark – Thun Bahnhof • 4,8 km • City Ticket Thun
Weinfelden – Napoleonturm – Ermatingen • 18,6 km
Locarno – Contra – Tenero • 10,4 km
San Nazzaro – Magadino – Gudo • 15,2 km
Giumaglio – Maggia – Gordevio • 9,1 km
Intragna – Verscio – Locarno • 11,6 km
Orbe – Romainmôtier – L'Isle • 22,2 km • Fotos
Trübbach – Rechtes Rheinufer – Haag • 19,4 km • Fotos
Wabern – Dählhölzli – Belpmoos • 8,8 km • Fotos
Allmendingen RAZ – Thun Bahnhof • 4,0 km • City Ticket Thun
Rüthi (SG) – Ruggeller Riet – Haag • 16,3 km • Fotos
Staffelbach – Schmidrued – Beinwil am See • 19,3 km • Fotos
Yvonand – Nuvilly – Granges-Marnand • 23,1 km • Fotos
Grandcour – Cugy – Granges-Marnand • 22,0 km • Fotos
Morges – Lussy-sur-Morges – Allamand • 15,0 km • Fotos
Erlenbach – Witikon – Stettbach • 17,0 km • Fotos
Yverdon – Valeyres-sous-Rances – Orbe • 21,2 km • Fotos
Seelisberg – Bauen – Flüelen • 15,2 km • Fotos
Eggiwil – Chapf – Signau • 14,8 km • Fotos
Riethüsli – Sturzenegg – Gossau • 13,1 km • Fotos
Arvigo – Castaneda – Cama • 13,0 km • Fotos
Nennigkofen – Leuzigen – Rüti b. Büren • 13,8 km • Fotos

Rätselhafter Tod in Zähringen

Handruedi Gehring: Rätselhafter Tod in
Zähringen,
Orte, Zürich, 2001
Nachdem der Psychoanalytiker Josef Weingart durch den Biss einer Schlange im Spital stirbt, muss Marlis Merz den Fall untersuchen. War es ein Unfall? Oder ein Selbstmord? Hatten Dritte die Hand im Spiel? Der Krimi beginnt wie eine klassische Detektivstory im Geiste Sherlock Holmes'. Doch nicht allein, weil die sensible Kommissarin das Opfer gekannt hat, bedrücken ihre Ermittlungen sie; ebenso werden diese zu einem Abstieg in Vergessenes und Verdrängtes der eigenen Vergangenheit. Sie muss erkennen, dass Unheimliches gerade dort lauern kann, wo man Zuflucht sucht, etwa am Stammtisch mit alten Freunden. Was sich hier zuträgt in den verwinkelten Gassen der Zähringer Altstadt, im Seeland und in den Bündner Bergern, wird keine Leserin, kein Leser so bald vergessen. (Klappentext)

BE: Stadt Bern BS: Stadt Basel FR: Murten, Estavayer-le-Lac GE: Puplinge, Cara b. Puplinge, Stadt Genf GR: Poschiavo, Val da Camp JU: Lucelle NE: Neuenburgersee VD: Bière, Grandvaux, Rivaz, Neuenburgersee F: Evian-les-Bains I: Mailand


7. Dezember 2019

Der Zug

Georges Simenon: Der Zug, Diogenes,
Zürich, 1986
Marcel Féron lebt als glücklicher Gatte und Familienvater, bis der Einmarsch der Deutschen ihn aus den französischen Ardennen nach Süden fliehen lässt. Während seine schwangere Frau und seine kleine Tochter erster Klasse reisen dürfen, wird Marcel zusammen mit anderen «Gesunden» in einen der Viehwagen verfrachtet, die unterwegs vom Rest des Zuges abgehängt werden. In seinem Wagen befindet sich auch die schöne Anna, die im letzten Augenblick aus dem Gefängnis von Namur zu ihnen gestossen ist. (Klappentext)

Der Roman wurde 1973 mit Romy Schneider und Jean-Louis Trintignant in den Hauptrollen verfilmt.

6. Dezember 2019

Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen

Christoph Simon: Franz oder Warum Antilopen
nebeneinander laufen
, Bilgerverlag, Zürich, 2001
In der Hauptrolle: Franz, der ewig bekiffte Gymnasiast, der die Oberstufe lieber bis zum Umfallen wiederholt, als - Gott bewahre - erwachsen zu werden und sich der fürchterlich komplizierten Welt da draussen zu stellen. Mit im Gepäck sein Dachs MC, der ideale beste Freund. In den Nebenrollen: Franz' Kumpel Rambo Riedel, der unvergleichliche und dezent alkoholabhängige Hausmeister Eryilmaz, die Ex-DDR-Lehrerin Doro Apfel - ach, und dann ist da natürlich noch Venezuela, das Mädchen aus der Nachbarschaft, heissblütig, militant und andauerndes Thema aller Tag- und Nachtträume von Franz.

AR: Urnäsch BE: Thun (namentlich Lerchenfeld, Gymnasium Schadau, Regionalspital, Schorenfriedhof, Lauitor, Bushaltestelle Kaserne, Schwäbis, Waisenhausplatz, Bälliz, Burgstrasse, Obermattweg, Bahnhof, Rathausplatz), Oberhofen, Gürbetal, Weissenbach i.S. Müntschemier, Stadt Bern BE/NE/FR/VD: Neuenburgersee  SG: Rorschach, Buchs 

5. Dezember 2019

Mit Nik National über Stock und Stein – 3

Nik Hartmann: Über Stock und Stein 3, Fona,
Lenzburg, 2011
Nik Hartmanns drittes Bild-Tagebuch verrät, was Hund und Mann hinter den Kulissen erleben und was den begegnungsfreudigen Naturburschen bewegt, während die Kamera läuft. Hartmann kann eindeutig genauso gut schreiben wie reden. Am allerbesten aber kann er den Lesern die Augen öffnen für eine erlebenswerte, wunderschöne Schweiz jenseits aller Klischees. Diesmal wandern Nik und Jabba von Appenzell auf die Dufourspitze. Noch nie haben sie so viele Zuschauer vor den Bildschirm gelockt. Die Wanderung des unzertrennlichen Paars und die Geschichten, die ihnen ihre unbekannten und prominenten Weggefährten unterwegs anvertrauen, bewegen die Zuschauer. Oft spielt auch das Schicksal seine Rolle. Ein Stück Schweizer Alltag aus der etwas anderen Perspektive, das Lust macht auf eigene Entdeckungen – und sei es einfach bei der Lektüre dieses erfrischenden Buches!

Nik Hartmann ist ein echter Zuger. Nach ein paar Semestern Jusstudium wurde er Radiomoderator bei Radio24. Seit 1999 ist er einer der Charakter-Moderatoren bei DRS3 und entdeckt für die Sendung «SF bi de Lüt» seit 2007 die Schweiz, unter anderem in der Sendung «Über Stock und Stein». Er lebt mit Jabba, Carla und drei Kindern am Zugersee. Jabba wurde am Fusse des Gubels in der Nähe von Menzingen (ZG) 1999 geworfen. Vater unbekannt – mit grosser Wahrscheinlichkeit ein räudiger Berner Sennenhund. Die Mutter eine lautstarke, kleine Appenzellerin. Die braune Mischlingshündin wandert gern, mag Wurst, Knochen genauso gern wie Äpfel und Sellerie und passt dank ihrer Fellfarbe besten zu jedem Parkettbelag. Jabba ist Single und lebt seit 12 Jahren bei Nik und seiner Familie.

4. Dezember 2019

1197 Tage in DDR-Haft

Matthias Bath: 1197 Tage als Fluchthelfer
in DDR-Haft, Verlag Haus am Checkpoint
Charlie, Berlin, 1987
Im April 1976 versucht der West-Berliner Student Matthias Bath, Ostdeutschen zur Flucht aus der DDR zu verhelfen. Das Fluchthilfeunternehmen scheitert, Matthias Bath wird verhaftet und in die Untersuchungshaft nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Dort bleibt er mehrere Monate, bis es zum Prozess kommt. Nach 40 Monaten in DDR-Haft wird Bath im Zuge einer Austauschaktion freigelassen. Matthias Baths Hafterlebnisse, aufgeschrieben nach seiner Freilassung aus der DDR-Haft 1979, sind der seltene Bericht eines Menschen aus Westdeutschland, der in den DDR-Strafvollzug geriet. Der Autor schildert die Umstände seiner Verhaftung, Verurteilung und Inhaftierung und bescheibt präzise die Vorgehensweisen der Vernehmer und Vollzugsbeamten. Der Bericht vermittelt zugleich einen Einblick in den Häftlingsalltag, den Zusammenhalt und das Misstrauen zwischen den Gefangenen, die täglichen Schikanen, das Hin- und Hergerissensein zwischen Hoffnung und Verzweiflung. (Klappentext)

3. Dezember 2019

Der Salzpfad

Raynor Winn: Der Salzpfad, Dumont,
Ostfildern, 2019
Raynor und Moth, seit 32 Jahren ein Paar, verlieren durch zwei Schicksalsschläge in kürzester Zeit beinahe alle. Sie geben ihre Farm in Wales auf und machen sich, nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet, auf den Weg zu einer rund 1000 Kilometer langen Wanderung auf dem längsten und wildesten Küstenweg Englands, dem South West Coast Path. Von Sommerset über Devon und vornwall nach Dorset, mit einem Budget von nur 50 Euro pro Woche. Bei ihrem Abenteuer, das als spontane – in den Augen ihrer Kinder komplett verrückte – Idee begann, finden sie ungeahnten Reichtum an den überraschendsten Orten; in der morgendlichen Tasse Tee vor dem Zelt, in der Stille der kleinsten Kirche Englands in Culbone, im wilden Heidekraut am Wegesrand, im Flug eines Wanderfalken, beim Schwimmen im Mondlicht und im Salz der Küstenluft, das ihnen zum vertrauten Begleiter wird. Und schliesslich finden sie sogar ein neues Zuhause, dort, wo sie es am wenigsten erwartet hätten. (Klappentext)

Moors Fazit: Die unzertrennlichen Raynor und Moth beweisen nach ihrem doppelten Schicksalsschlag, wie eine Weitwanderung zwei Menschen moralisch, materiell und gesundheitlich über Wasser halten kann. Und wie sich ihre Situation, obdachlos zu sein, buchstäblich im letzten Moment und innert kürzerster Zeit änderte, passt ins Ensemble dieser spannend erzählten Geschichte. 

2. Dezember 2019

Notlandung im Entlebuch

Dominik Brun: Notlandung im Entlebuch,
Benziger, Zürich, 1982
Johannes Schöpfer, Bundesbeamter in Bern, vorsichtig, zuverlässig, etwas gelangweilt, und Hugo Emmenegger, Student, spontan, offen und unbekümmert: Bei der Notlandung eines Militärhelikopters im Entlebuch begegnen sie einander. Eine Begenung, die Unruhe in Schöpfers Leben bringt. Durch Hugo lernt er die unheile Welt der Bauern im Entlebuch kennen, deren Alltag von industriellen Fertigungsmethoden und Erwerbssinn bestimmt wird: Geflügelbatterien, Ferkel und Kälber auf engstem Raun, ein der Natur völlig entfremdetes Leben.

Ein Heimatroman», der nicht in der Heimat gelesen wird, ein Schelmenroman mit ernstem Hintergrund, voller Ironie, Wortwitz und überraschenden Einfällen. (Klappentext)

BE: Stadt Bern GL/SG: Walensee LU: Entlebuch (Dorf), Lustenberg, Rengg

1. Dezember 2019

Svizzero!

Niklaus Bolt: Svizzero!, Friedrich Reinhardt,
Basel, 1913
In diese spannende Erzählung ist das kühne Werk der Jungfraubahn verflochten. Ein kantiger, eigensinniger Junge aus dem Berner Oberland, angezogen durch den rauen Zauber der Arbeit in Fels und Eis des Eigerjochs, gesellt sich zu den italienischen Tunnelarbeitern der Jungfraubahn als fast einziger Schweizer. Er erdulet Hohn und Krankheit, kämpft ritterlich die Verbitterung gegen seine italienischen Kameraden nieder und arbeitet sich zum Vorarbeiter herauf. Etwas von dieser Art ist kaum je geschrieben worden: Alles ist Tat, alle Personen sind Kraftmenschen. (Basler Nachrichten)

Dieses berühmteste Jugendbuch von Niklaus Bolt hat von seiner Frische im Laufe der Jahre nichts eingebüsst, ebensowenig von seiner meisterlichen Darstellung und Vielseitigkeit. Auf dem Büchertisch der Jugend sollte dieses Werk der Tat nicht fehlen. (Neue Helvetische Gesellschaft)

BE: Interlaken, Jungfraubahn, Kleine Scheidegg, Lauterbrunnen, Wengen, Wengernalp, Unterseen SZ: Muotathal, Schwyz TI: Chiasso UR: Altdorf

30. November 2019

Lob der guten Buchhandlung

Mark Forsyth: Lob der guten Buchhandlung,
S. Fischer, Frankfurt/Main, 2015
Was gibt es Schöneres, als unverhofft auf die grosse Liebe zu stossen? Oder auf ungeahnte Lesefreuden?

Über das grosse Glück, das zu finden, wonach man nicht gesucht hat, schreibt Mark Forsyth in seinem charmanten und witzigen Essay, der zugleich eine Liebeserklärung an die gute Buchhandlung ist. Denn nur dort kann man zufällig genau das Buch entdecken, von dem man noch gar nicht wusse, wie sehr man es lieben wird. (Klappentext)

Moors Fazit: 20 vergnüglich-philosophische Leseminuten, die ich hiermit gerne weiterempfehle.

29. November 2019

Liebe in Deutschland

Doris Dörrie: Love in Germany, Diogenes,
Zürich, 1992, (vergriffen)
Liebe, mehr Liebe, noch mehr Liebe! Doris Dörrie geht das Thema dokumentarisch an. Dreizehn Fotos und dreizehn Gespräche über heisse Themen wie Eifersucht, Vertrauen, Fremdgehen, Partnersuche, Nähe, Freiräume glück, Wut, Illusionen und Phantasien … ein Buch zum Lachen und zum Weinen, aber auch ein Buch, in dem man sich wiedererkennen kann. (Klappentext)

Moors Fazit: Das Beruhigende an dieser Lektüre ist, dass es anderen Menschen ebenso geht, wie einem selbst. Was heisst anderen Menschen? Allen Menschen! (Vermutlich.)

28. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 119

Der Weg von einem Tal ins andere, über die Höhen von Grächen, soll reich sein an den schönsten Aussichten und besonders dem Botaniker eine reiche Ausbeute liefern. Es müsste auch für den Mineralogen sehr belohnend sein, auf der Höhe dieses Grates so weit als möglich gegen den Rosa vorzudringen, um da, auf einem der höchsten Durchschnittsprofile der Hauptstreichungslinie der Alpen, ihre Formationen zu untersuchen. Überhaupt bieten alle die nächsten, zugänglichen Umgebungen des Rosagebirges, dem Mineralogen, als Sammler im Kleinen, und dem geognostischen Beobachter im Grossen, eine unerschöpfliche Quelle zu den reichhaltigsten Nachforschungen dar, deren genaueren Resultate sowohl für die Oryktognosie[1], als für die Geognosie[2], wichtige Beiträge und Erweiterungen liefern würden.

Die in vier Tagen gemachte Rückreise von Visp über Leuk, die Gemmi usw. nach Zürich, geschah so schnell und flüchtig, und berührte überdies meistens so allgemein bekannte Gegenden, dass ihre Beschreibung hier weggelassen wird.

[1] Veralteter Begriff für die Mineralogie.
[2] Vorgängerbegriff der Geologie.
Ende des Berichts

27. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 118

Wenn man von den erwähnten sechs überstiegenen Höhen die beiden, der Zentralkette oder dem Hauptgebirgsrücken angehörenden zwei Scheidecken des Moro und Matterhorns abrechnet, so liegen die vier übrigen alle auf der Südseite der Zentralkette und laufen gleichsam strahlenförmig von ihrem höchsten Mittelpunkt, dem Rosagebirge, aus und teilen sich, weiter südlich, in eine Menge kleinere Äste und Zweige, die sich dann endlich in die Ebenen der Lombardei verlieren. Herr von Saussure führt in seiner nicht ganz ringsherum gemachten Tour um dieses Gebirge fünf Gebirgsketten an, die er nur auf der Südseite desselben, also die Höhen der Zentralkette nicht dazu gezählt, habe übersteigen müssen. Die Ursache davon ist, weil er nicht den kleinstmöglichen Zirkel beschrieben, sondern sich mehrere Stunden weiter von dem Mittelpunkt entfernt hat. Auf diese Weise war für ihn diejenige Kette, die wir mittels des Turlopasses zwischen Macugnaga und Alagna auf einmal überstiegen, schon in zwei Äste zerteilt. Auf der Nordseite der Zentralkette läuft ein einziger Gebirgsgrat vom Rosagebirge aus, der aber so hoch und gar nicht in die Länge fortsetzend ist, dass man ihn in kürzerer Zeit umgeht als übersteigt. Es ist jener schon mehr erwähnte Grat, welcher das Niklaustal von dem Saastal trennt und bei Stalden ausläuft. Seine ganze Länge beträgt höchstens sechs Stunden, und die obere, gegen den Rosa hin gelegene Hälfte, ist wegen Höhe, Steilheit und vergletscherter Beschaffenheit, beinahe ganz unzugänglich. Näher gegen Stalden hin aber senkt er sich beträchtlich und trägt auf seinem Rücken schöne Weiden, so wie auch das Dorf Grechen (Grächen), berühmt als Geburtsort des grossen Thomas Platter[1], der hier zuerst Ziegenhirt gewesen war und nachher, als einer der berühmtesten Professoren zur Zeit der Reformation, in Basel einen ausserordentlichen Wirkungskreis hatte.

[1] Thomas Platter wurde 1499 (oder später) in Grächen geboren. Nach einer strengen Kindheit als Ziegenhirt begab sich Platter 12-jährig mit einem Verwandten auf Wanderschaft, u.a. nach Sachsen und Schlesien, und besuchte 1517 in Schlettstadt (Elsass) eine Schule. An der Zürcher Fraumünsterschule lernte er bei Myconius Latein und Griechisch und liess sich zum Seiler ausbilden. Dort traf er Huldrych Zwingli und trat zur Reformation über. Später war Platter in Basel Seilergeselle und Lehrer, nahm 1529 am 1. Kappelerkrieg teil und wirkte als Lehrer in Visp sowie als Arztgehilfe in Pruntrut. 1531 liess er sich erneut in Basel nieder. Er gründete eine eigene Druckerei, in der er u.a. Johannes Calvins «Christianae religionis Institutio» (1536) druckte, arbeitete als Lehrer, war 1544-78 Rektor der Lateinschule auf Burg und betrieb daneben eine Kostgeberei (Pension) für 40 Schüler. Für seinen Sohn Felix verfasste Platter 1572 in kürzester Zeit seine Lebensbeschreibung, voll Sinn für Spannungsmomente und kernigen Ausdruck, die als eine der bedeutendsten Autobiografien des 16. Jh. gilt. Platter starb am 26.1.1582 in Basel.
Fortsetzung folgt

26. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 117

Den 28. Juli früh stiegen wir im engen, bewaldeten Talgrund weiter abwärts und kamen in zwei Stunden nach Stalden, dem Vereinigungspunkt des Saaser- und Nikolaitals, von wo diese vereinten Täler den Namen des Visptals annehmen und sich durch dieses zwei Stunden weiter unten, mit dem Haupttal der Rhone vereinigen. Somit war nun der ganze Zirkel um den mächtigen Gebirgsstock des Rosa herum in sechs Tagen geschlossen, und diese nächstmögliche Tour, um die an Umfang grösste Masse des Alpengebirges, erfordert demnach einen Kreis von sechzig Stunden Weges auf den rauesten, mühsamsten, mit Gefahr verbundenen Fels- und Gletscherpfaden, wobei man sechs hohe Gebirgsrücken übersteigen muss, von denen der niedrigste, der Colle Bettaforca über achttausend Fuss und der höchste, der Matterhornpass oder Matterberg (Col du Montcervin)[1] über zehntausend Fuss absolute Höhe hat.

Es wäre freilich beim Zusammentreffen der günstigsten Umstände nicht nötig gewesen, von der Höhe der Cimes Blanches noch in das Tournenchetal nach Breuil hinunterzusteigen; denn wenn es uns von dort aus gelungen wäre, über den Gletscher zu kommen, so hätten wir die ganze Tour um einen Tag früher, freilich nur mit Ersparung von fünf bis sechs Stunden Umweg, vollendet; aber die Ersteigung der Cimes Blanches wäre dessen ungeachtet unvermeidlich gewesen, und da die damalige Beschaffenheit des Gletscherpasses von hier aus, auch bei der günstigsten Witterung, mit den grössten Gefahren verbunden ist, so nehme ich an, es sei einstweilen für jeden, der nicht sein Leben aufs Spiel setzen will, bei dieser Tour notwendig, nach Breuil hinunterzusteigen und von dort aus den Gletscher auf weniger gefährlichem Pfad und mit zuverlässigen Führern zu passieren.

[1] Heute Theodulpass.
Fortsetzung folgt

25. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 116

Da das enge und tiefe Zermatttal gegen Nordost geöffnet ist, so geniesst es nur in den höchsten Sommermonaten einigen anhaltenden Sonnenschein, im Winter aber an den meisten Stellen gar keinen. Dem Dorf Zermatt wird schon im Herbst nachmittags die Sonne entzogen durch den zwei bis drei Stunden langen Schatten des Matterhorns. An den steilen Talhängen wächst nicht überall mehr Holz; sie sind an vielen Stellen ganz kahl, teils wegen der Verheerungen der Lawinen, teils wegen unvorsichtigen Wegschlagens des Holzes. Von Fruchtbäumen ist im ganzen Tal keine Spur, wenigstens bis weit über St. Niklaus herab. Auch sieht man in diesem grossen, rauen Tal nicht den zehnten Teil der Sommerfrüchtepflanzungen, wie in seinem höchsten Nebental von Saas. Der Weg führt immer am rechtseitigen Talhang hin, bis eine Viertelstunde oberhalb St. Niklaus, wo er sich auf die linke Seite hinüberzieht, auf der auch dieses Hauptdorf liegt, dessen Umfang aber nicht gross ist, und in dem es der wohlgebauten Häuser nur wenige gibt.
Fortsetzung folgt

24. November 2019

Das Café am Rande der Welt

John Strelecky: Das Café am Rande der Welt,
dtv, München, 2007
Ein kleines Café mitten im Nirgendwo wird zum Wendepunkt im Leben von John, einem Werbemanager, der stets in Eile ist. Eigentlich will er nur kurz Rast machen, doch dann entdeckt er auf der Speisekarte neben dem Menü des Tages drei Fragen:

– Warum bist du hier?
– Hast du Angst vor dem Tod?
– Führst du ein erfülltes Leben?

Wie seltsam – doch einmal neugierig geworden, will John mithilfe des Kochs, der Bedienung Casey und eines Gastes dieses Geheimnis ergründen.

Moors Fazit: Endlich ein Buch, das sich auf eine spielerische Art mit der Sinnfrage des persönlichen Lebens auseinandersetzt. Kein philosophisch trockenes Gebrabble, keine hochkomplizierten Sätze, kein psychologisches Herumgetue sondern eine einfach verständliche, handfeste und wirkungsvolle Lektüre.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 115

Dieses Zermatt- und Niklaustal ist auf beiden Seiten von den höchsten Gebirgen begrenzt, deren oberste vergletscherte Höhen aber vom Talgrund aus nicht sichtbar sind, weil die höchsten Talhänge zu nahe und zu steil sich emporheben, und, wie gewöhnlich bei diesen regelmässig eingeschnittenen, tiefen Tälern, über der Holzregion eine Verflachung der Talhänge zu beiden Seiten stattfindet, deren immer schwächer werdende Vegetationsbedeckung sich allmählich an die steilen, kahlen, dann bald mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Felswände hinan zieht. Die näheren Erklärungen der Ursachen dieser häufig in den Alpen anzutreffenden Talform werde ich später, bei der Beschreibung des Kalfeusertales (Calfeiesntal), aus der Bildung der Täler durch Verwitterung und Auswaschung, etwas weitläufiger zu entwickeln suchen.
Fortsetzung folgt

23. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 114

Das ganze, vier Stunden lange Tal von Zermatt bis St. Niklaus ist ziemlich eng, so dass die weitesten Stellen des Talgrundes keine Viertelstunde breit sind. Diese Beschaffenheit, die ganz mit der Bildung der Täler durch Auswaschungen in Verbindung steht, rührt daher, weil sich in dieser ganzen Strecke kein beträchtliches Seitental gegen den Talgrund herabzieht. Man kann, und dies gibt vielen Aufschluss über die Talbildungen, als Grundsatz aufstellen, dass jedes gerade verlaufende Gebirgstal, in welches sich kein Nebental ausmündet, und dessen beide Flanken mit starker Vegetation, also mit Waldungen, bekleidet sind, auch gleichförmig eng und tief eingeschnitten ist; dass hingegen allemal der Mündung eines Talzweiges gegenüber eine, im Verhältnis zu der Grösse dieses letzteren stehende Erweiterung des Talgrundes sich zeigen wird. Auch werden die Talhänge zurückweichen und der Talgrund sich erweitern und verflachen, wo erstere seit Langem her nur mit schwacher Vegetation, z.B. Rasen oder noch mehr, wo sie gar nicht bedeckt sind, sondern ganz nackt und kahl den Einflüssen der wegfressenden Verwitterung blossgestellt liegen.
Fortsetzung folgt

22. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 113

Eine kleine Stunde unterhalb von Randa kommt man durch das Dörfchen Herberig (Herbriggen), wo man allenfalls beim Herrn Pfarrer ein Nachtlager findet. Da aber das Äussere nicht sehr einladend war, legten wir, ungeachtet der Müdigkeit und eingetretener Dämmerung, noch die starke Wegstunde bis in das Hauptdorf des Tals, nach St. Niklaus, zurück und fanden da ebenfalls bei dem Herrn Pfarrer ein gutes Nachtquartier. Auf dieser letzten Strecke Weges rollte der hoch und trüb angeschwollene Vispachstrom (Mattervispa), in seinem reissend schnellen Lauf, mit donnerndem Getöse, sehr grosse Felsblöcke mit sich fort und drohte an mehreren Stellen, seine Ufer zu verschlingen. Man kann sich, ohne Augenzeuge gewesen zu sein, keinen Begriff machen von der Gewalt eines solchen dicktrüben Stromes mit so starkem Fall, dessen Masse, wegen der darin aufgelösten Erd- und Steinarten vielleicht die doppelte Schwere des klaren Wassers hat. Nach kurzer Betrachtung der auswühlenden und den härtesten Fels allmählich durchfressenden Wirkung solcher Ströme, überzeugt man sich besser, als nach langer Durchlesung ganzer Bände voll der sonderbarsten Hypothesen über Berg- und Talbildungen, dass auf dem ganz natürlichen Weg eben dieser, noch täglich stattfindenden Auswaschungen während vieler Jahrtausenden das grösste Tal gebildet worden sein kann. Und wenn die Talbildung auf solche Art einleuchtend erwiesen ist, so sind die Berge, als Überreste dieser Wirkungen, von selbst stehen geblieben, ohne dass man sie erst noch, gleich dem steinernen Gast, aus der Tiefe des Erdbodens oder gar des Meeres herauf sich erheben lassen muss. Auch die zahlreichen, überall den grossen Alpentälern, aus denen ihr Ursprung nachzuweisen ist, gegenüberliegenden Alpenfelsblöcke kamen, auf ganz natürlichem und begreiflichem Weg an ihre jetzigen Stellen. Man denke sich bei ihrer Hinflutung vor Jahrtausenden die zwischenliegenden Täler noch nicht so tief wie jetzt ausgewaschen und nehme den leicht erweislichen Satz an, dass zu jener Zeit weit grössere und nicht in so viele tausend Rinnen, wie jetzt, zerteilte und dadurch in ihrer Kraft geschwächte, sondern einzelne wenige, aber desto kräftigere Ströme, von den hohen Alpen gegen die weit niedrigeren Rücken des Jura hin sich gestürzt haben: Wie, und es hätte ihnen, bei einer durch Schlamm und Sand doppelt schweren Masse der Flüssigkeit und einem ausserordentlich starken Fall, nicht ein Leichtes sein müssen, den nur noch um einen Drittel schwereren Felsblock an die Stelle hin zu bewegen, an der wir ihn nur so lange als ein Rätsel anstaunen, bis wir uns durch eigene Anschauung von denjenigen Kräften der Natur überzeugt haben, die allein im Stande sind, solche Rätsel auf ganz einfache und klar einleuchtende Art zu lösen!
Fortsetzung folgt

Mit Nik National über Stock und Stein – 2

Nik Hartmann: Über Stock und Stein 2, Fona,
Lenzburg, 2010
Und weiter geht's! - Diesmal von Nordwest nach Südost. Nik Hartmann und Hündin Jabba pilgern durch die Schweizer Alltagsgegenden. Das Schöne daran ist, dass sie durch die Augen des kommunikationsfreudigen Radio- und Fernsehmannes ihren Reiz enthüllen, den man normalerweise gestresst oder gedanklich abwesend kaum wahrnimmt. Nik Hartmanns Tagebuch-Kommentare kommen gewohnt leichtfüssig, scharfzüngig und witzig daher. Ungewohnt ist immer wieder der Tiefgang des genauen Beobachters, die Poesie des emotional bewegten, staunenden Medienmachers. Einmal mehr: Entdeckenswert! Mit Wanderrouten, Kartenausschnitten, Adressen und Schweizer Kochrezepten. (Klappentext)

21. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 112

Oberhalb und unterhalb dieses Dorfes Randa hatten wir mit Mühe und Gefahr einige hoch angeschwollene Gletscherwasser, die von der rechten Talseite herunterstürzten, zu passieren. Sie waren durch einen warmen Gewitterregen der letzten Nacht so angewachsen, dass sie alle Stege und Brücken fortgerissen und den Weg beinahe ganz unbrauchbar gemacht hatten. Wir mussten daher auf einzelnen hinübergelegten Latten balancierend diese reissenden Ströme passieren und kamen auf diese Weise glücklich über drei derselben.
Fortsetzung folgt

20. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 111

In einer Stunde kommt man durch das kleine Dörfchen Tesch (Täsch), und von da in einer kleinen Stunde nach Randa, auf einer anmutigen, grünen Erweiterung und Erhöhung des Talgrundes gelegen. Hier war es, wo 1820[1] um Weihnachten vom gegenüberliegenden, steilen Gebirgsabhang herunter eine Gletschermasse stürzte, welche ungeachtet des dazwischenliegenden breiten Talgrundes und der erhöhten Lage des Dorfes, dennoch zwanzig Häuser desselben zu Grunde richtete, teils durch den verursachten, gewaltigen Luftdruck, teils aber auch durch wirkliche Verschüttung von hinübergeschleuderten Eis- und Felsmassen. Die Ursache zu diesem Sturz bestand wahrscheinlich darin, dass vom äusserst hoch und steil gegenüberliegenden Gletscher des Weisshorns ein Teil seiner felsigen Unterlage sich losriss und mitsamt der darauf ruhenden Eismasse plötzlich ins Tal herabstürzte. Nach den Aussagen mehrerer, über diese Begebenheit befragten Augenzeugen soll, vom Dorf aus betrachtet, die Stelle am Gletscher, welche diese für das Tal so verderbliche Masse herab geschleudert hat, für das Auge nur kaum bemerkbar gewesen sein. Daraus kann man sich einen Begriff machen von der unglaublichen Höhe dieser drohenden Fels- und Eistürme.

[1] Hier irrt der Autor, der Gletscherabbruch fand am 27.12.1819 statt und zerstörte 113 Gebäude und tötete 2 Menschen.
Fortsetzung folgt

19. November 2019

Kein Schritt umsonst

Philipp Fuge: Kein Schritt umsonst, Books on Demand,
Norderstedt, 2018
Zu Fuss von Berlin zum Nordkap, 3325 km in 150 Tagen. Anfangs ist das nur eine spinnerte Idee, aber sie lässt Philipp Fuge nicht mehr los. Ohne so recht an sich zu glauben, fängt er an zu planen und zu organisieren – Auszeit auf der Arbeit, nächtelanges Brüten über Landkarten, das Reisebudget zusammensparen und vieles mehr. Am 13. März 2016 ist es endlich so weit. Bei frostigem Vorfrühlingswetter bricht er auf, mit 25 kg auf dem Rücken. Schon kurz hinter Berlin kommen die ersten Zweifel – Kälte, Hunger, Erschöpfung, Einsamkeit. Doch Schritt für Schritt wird er sich seiner Sache sicherer. Ob Sonne, Regen, Sturm, Nebel, Hagel oder Gewitter, Morgen für Morgen schultert er den Rucksack und geht weiter zum nächsten Schlafplatz – meistens das eigene Zelt, hin und wieder ein Unterstand oder eine kleine Hütte, selten mal ein Hostel und in klaren Nächten direkt unterm Sternenhimmel. Ein Leben nur mit dem Allernötigsten und ganz langsam. Oft ist er selbst erstaunt, dass ihm nichts fehlt. Im Gegenteil, er fühlt sich unendlich reich. Er nimmt uns mit auf eine Reise voller farbenprächtiger Sonnenuntergänge, tiefblauer Seen, rauschender Wälder, karger Hochebenen und schroffer Gebirgslandschaft. Er kraxelt über Blockfelder, schlägt sich mit Heerscharen von Mücken herum, überquert eiskalte Flüsse und wandert durch tiefen Schnee. Mit jedem Tag fühlt er sich draussen in der Natur ein bisschen mehr zu Hause. Er schildert sein demütiges Staunen angesichts der Herrlichkeit der Schöpfung. Doch er schwärmt nicht nur, er kritisiert auch – sich selbst und uns alle für unseren energiehungrigen, profitorientierten und zerstörerischen Lebensstil, mit dem wir uns und künftigen Generationen ein Überleben auf diesem Planeten immer schwerer machen. Wiederholt kommt er auf die vielfältigen und verworrenen Probleme unserer Zeit zu sprechen, nicht schulmeisterlich, sondern selbst ratlos. Aber eines hat er gelernt auf seiner Reise: Nicht den Mut verlieren, denn jeder Schritt zählt! (Inhaltsangabe zum Buch)

Moors Fazit: Philipp Fuges Bericht lässt einem vom ersten bis zum letzten Satz nicht mehr los. So unermüdlich wie Fuge die unglaublich lange Strecke von 3325 Kilometern bewältigt hat, so unermüdlich schreibt er über jeden Tag seines Abenteuers. Die bildhafte Sprache des 35-jährigen Arztes aus Berlin kommt ohne grosse Effekthascherei aus. Und genau dies macht den Text stark. Fuge ist kein Mann der lauten Worte, dennoch hat er einiges zu sagen, das uns zum Nachdenken und Handeln anregen sollte, ja muss. Seine jeweils kurzen Einschübe über das Wesen und Wirken des Menschen auf unserem Planeten sind glaubhaft und nachvollziehbar. Hier ist einer Zugange, der es ernst meint und auch danach handelt. Hinzu kommt die wirklich phänomenale Leistung, lückenloss zu Fuss – die Fährfahrt nach Schweden ausgenommen – und mit allem, was ein campender Nordlandwanderer zum Leben und Überleben benötigt, von Berlin durch ganz Schweden, einen kleinen Teil Finnlands und die schier endlose Weite von Norwegens Norden zu gehen. Chapeau! Und was mir ganz am Ende seiner Wanderung besonders gut gefallen hat: Der Mann war sich nicht zu schade, nebst dem «falschen» Nordkap auch noch das echte zu erwandern: die Landzunge mit dem zungenbrechenden Namen Knivskjelloden.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 110

Vom Rand des Matterhorngletschers (Furggelgletscher) über die Gartfattalpe herunter bis in das Dorf Zermatt hat man drei kleine Stunden. Es war noch nicht spät nachmittags, als wir da ankamen. Da es hier kein eigentliches Wirtshaus gibt, so meldeten wir uns beim Herrn Pfarrer an und erhielten ein ordentliches Mittagessen. Die zwei Führer, welche wir auf dem Gletscher angetroffen hatten, und die in der ganzen umliegenden Gegend gut bewandert zu sein schienen, heissen: Johann Baptist Brantschen und Anton Binner, beide aus Zermatt. Sie hätten mich als Mineraliensammler gerne dazu überredet, ein nahe gelegenes Gebirgstal, im Findeley (Findelen) genannt zu besuchen, wo hübsche Mineralien aller Art sich finden sollen. Zu diesem Umweg hatten wir aber keine Zeit mehr. Die Führer wurden daher verabschiedet und wir wanderten weiter talabwärts.
Fortsetzung folgt

18. November 2019

Weltquell des gelebten Wahnsinns

Henry Glass: Weltquell des gelebten
Wahnsinns,
Kein & Aber, Zürich, 2008
Muss Wissenschaft staubtrocken sein? Keineswegs, meinte Henry Glass. Mehr als zwanzig Jahre lang berichtete der Spigel-Redakteur über allerlei verblüffende Entdeckungen und Erkenntnisse. So vergleicht Glass mit Schalk und britischem Humor die Zeichensprachen der europäischen Völker. Er präsentiert neue alte Ergebnisse zum Thema «Frau am Steuer», porträtiert Exzentriker und die dümmsten Feldherren der Geschichte, und er geht der Frage nach, wie der Geschmack in den Malt Whisky kommt. In einer Zugabe wendet sich der Heimweh-Ire Henry Glass an seine Herzensstadt Dublin – eine Hommage an eine Stadt der Träumer, Säufer und Dichter, wie es sie heute nicht mehr gibt. (Klappentext)

Moors Fazit: Glass ist krass im allermöglichsten positiven Sinne. Ich habe mich selten mit einem Buch so amüsiert wie mit diesem. Und Henry Glass (1951–2000) verstand es meisterhaft, skurrile Themen wie die Furzforschung, Flugzeugabstürze, Murphys Gesetz, das Sexleben der Päpste und vielem mehr zu Papier zu bringen. Köstlich, einfach köstlich. Hier ein Beispiel vom rückseitigen Buchumschlag:

Männer neigen im ehelichen Miteinander dazu, beschränkte Einsicht mit grossem Widerspruchsgeist zu verbinden; dazu kommt ihre geradezu stupende Unfähigkeit, sich des Hochzeitstages zu erinnern, wozu nur knapp 35 Prozent regelmässig in der Lage sind. Offenbar verstehen die Männer von Partnerschaft ungefähr so viel wie die Vögel von der Ornithologie.

Henry Glass, 1951 als Sohn einer rumänisch-deutschen Mutter und eines nordirischen Vaters in München geboren, arbeitete von 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 im Wissenschaftsressort des «Spiegel». Er war ein liebenswürdiger Chaot, der seinen angelsächsischen Spleen mit dem Tragen von knielangen Shorts, James-Joyce-Brillen und Capes darzutun pflegte. 

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 109

Ich möchte daher in dieser Hinsicht die Gletscher mit ihren Armen, in Ermangelung einer würdigeren Vergleichung, mit ungeheuren, stets in Bewegung sich befindenden Polypen vergleichen, deren Hauptkörper im nämlichen Verhältnis abnimmt, in welchem die sich ausbreitenden Arme zunehmen, oder umgekehrt, und von denen der eine Arm wieder im nämlichen Verhältnis zunimmt, in dem der nächstliegende abnimmt; wobei jedoch nicht zu befürchten ist, dass die Gesamtmasse jemals eine bedeutende und bleibende Zu- oder Abnahme erleiden werde. Im Durchschnitt von Jahrhunderten wird sie sich ziemlich gleich sein und bleiben; nur grössere Zeiträume von Jahrtausenden können, und müssen auch, eine allmähliche geringe Abnahme der Gletscher zur Folge haben. Immer nämlich geht eine, wenn auch noch so geringe und langsame Verwitterung und Schwindung ihrer Unterlage vor sich, welche nicht wieder ersetzt wird, und die auf den hohen, flachen Rücken, unter tiefem Eis und Schnee verborgen, ganz unbeträchtlich, an den steilen Abhängen aber, von der Last der Gletscher und der damit nachgedrückten Schuttmasse abgerieben, weit bedeutender ist, und wahrscheinlich schon manchen Gletscherpass im Verlauf von wenigen Jahrhunderten durch vermehrte Steilheit der Abhänge verschlimmert hat und noch mehr verschlimmern wird. Hieraus erklärt sich auch am natürlichsten, warum seit einigen Jahrhunderten so mancher Gletscherpass gänzlich unbrauchbar geworden ist, und warum sich manche solche Pässe gegenwärtig noch alle Jahre verschlimmern.
Fortsetzung folgt

17. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 108

Übrigens wird diese Wechselwirkung des unteren Zunehmens und des oberen Abnehmens der Gletscher, und umgekehrt, nicht immer stattfinden, sondern nur in denjenigen Perioden, wo eine Reihe von besonders nassen und kalten Jahren gar schnell mit einer Reihe von besonders trockenen und warmen abwechselt, wie solches von 1816 bis 1822 der Fall gewesen ist. Treten nachher wieder längere Perioden von gemässigter oder gewöhnlicher Witterung ein, so wird bei dem immerwährenden, gewöhnlichen Vorrücken der Gletscher, im Sommer so viel von ihrer Masse wegschmelzen, als sich im Winter vorher angehäuft hat, und sich dabei kein besonderes Zu- oder Abnehmen der Gletscherarme in den Tälern zeigen. Die Gletscher in den Tal gründen nenne ich darum nur Arme, Zweige oder Ausflüsse, weil sie wirklich nur kleine Teile oder Verzweigungen des grossen, auf der Höhe viele Stunden lang und breit sich ausdehnenden, Gletscherstammes oder der Hauptmasse desselben sind. Zwar werden diese Zweige, wegen ihrer näheren Berührung und grösseren Einwirkung auf die kultivierten Talgründe, in der Regel als die Hauptteile der Gletscher angesehen, weil allerdings durch sie nicht selten grosse Viehweiden bedeckt, Talströme gehemmt und zu Seen, deren plötzlicher Durchbruch unersetzlichen Schaden stiftet, angeschwellt; weil Dörfer durch ihre vorgeschobenen und plötzlich abgerissenen Teile überstürzt werden und dergleichen mehr; aber dessen ungeachtet sind und bleiben sie doch nur kleine Teile des grossen, über den ganzen Rücken der Gebirge sich weit verbreitenden Gletscherstammes, von dessen Zu- oder Abnehmen auch ihr Zu- oder Abnehmen, meistens freilich im umgekehrten Verhältnis, abhängt. Nicht selten ereignet sich ferner der Fall, dass bei einem Gletscher, von welchem mehrere Arme oder Ausflüsse nahe beisammen liegen, der eine dieser Ausflüsse durch einen Felsbruch vergrössert und vermehrt wird, wodurch der andere dann im gleichen Masse sich verkleinert und zurückzieht. Ja, es finden sich sogar Beispiele, dass durch den Druck der Eismasse ganze Felsdämme auf der Höhe durchbrochen wurden und, indem auf diese Weise der Gletscher einen ganz neuen Ausfluss erhielt, ein alter, nahe liegender, jahrhundertelang bestandener Gletscherarm, sich zurückzog, und am Ende ganz aus dem Talgrund verschwand.
Fortsetzung folgt

16. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 107

Andere Gletscherarme, weniger hohen Ursprungs und mit breiteren, weniger tief eingeengten Mündungen, werden sich viel stärker in ihren Bewegungen zeigen. Und auch bei den grössten, jetzt noch vorrückenden Gletscherarmen wird sich bald nicht nur das Gleichgewicht einstellen zwischen der vorwärts drängenden Eismasse und der Kraft ihres Abschmelzens, sondern es wird bald auch der Zeitpunkt kommen, wo der Gletscherarm anfangen wird, zu schwinden und sich zurückzuziehen. Doch geschieht dieses erst, nachdem die grosse Masse von Schnee und Eis, welche sich in einer gewissen Reihe von kälteren Jahrgängen auf den Höhen angehäuft hat, durch wärmere Jahre wieder von dort herab, sowohl an Eis als an Wasser in das Tal gedrängt wird, und nachher das verminderte Nachdrängen von oben durch das vermehrte Abschmelzen von unten nicht nur aufgehoben wird, sondern überwogen worden sein. Dieses Zurückziehen der Gletscherarme aus dem Talgrund wird während der Dauer einer ganzen Reihe von Jahrgängen mittlerer Temperatur stattfinden, und selbst dann noch fortdauern, wenn auch die Eis- und Schneemasse in folgenden kälteren Jahren auf den Höhen sich wieder anhäufen wird, bis noch später dann aufs Neue, die den Gletscher von oben herab weit stärker in Bewegung setzende Wärme eintreten, und die Eismasse unten wieder anhäufen wird.
Fortsetzung folgt

15. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 106

Die Führer versicherten uns, dass früher alle Jahre gegen Ende August oder Anfang September etwas Kaufmannsgüter auf Saumtieren über den Gletscher gebracht worden seien; dass aber solches in diesem Jahr wohl nicht ganz unmöglich, doch mit grosser Schwierigkeit und Gefahr verbunden sein werde wegen der vielen und grossen, erst in diesem Sommer wieder zum Vorschein gekommenen Spalten, über welche man für die Lasttiere allemal erst Brücken schlagen müsse. Diese seit den wärmeren Sommern von 1819 bis 1822 allgemein beobachtete Erscheinung, dass, besonders die nördlich in die Talgründe auslaufenden Gletscherarme bedeutend vorrücken und an ihren tiefsten Stellen, hauptsächlich in beschatteten Talgründen, an Länge, Breite und Höhe auffallend zunehmen, während dass ihre Hauptmasse auf den Höhen abnimmt und sich immer mehr zerspaltet. Diese häufige Erscheinung liefert den Beweis, dass in den wärmeren Jahren, durch jenes Abschmelzen der zusammenhaltenden Schneedecke auf dem Rücken der Gletscher und das damit verbundene Öffnen vieler Spalten, der Zusammenhang der Gletschermasse in Folge der hereingedrungenen Wärme bedeutend geschwächt, die Masse in viel lockerere Verbindung gebracht und dadurch dann eben in den Stand gesetzt wird, auf den ihr zur Unterlage dienenden, steilen Gebirgshängen viel leichter und schneller sich gegen die Talgründe hinab in Bewegung zu setzen, als bei Umhüllung mit einer starken und fest sie verbindenden Schneedecke. Ist nun der Talgrund, in welche diese grossen Gletscherarme auslaufen, von einer solchen Beschaffenheit, dass er wegen seiner nördlichen, oder sonst eingeschlossenen, weder den warmen Winden, noch dem Einfluss der Sonne geöffneten Lage, viel kälter ist, als die höheren, von der Sonne beschienenen Rücken und Abhänge der Gletscher; so kann unter diesen Umständen die häufig und schnell herab sich bewegende Eismasse, im engen, kalten Talgrund angelangt, nicht im Verhältnis dieser Anhäufung auch wieder wegschmelzen, sondern muss sich am tiefsten Punkt, wie die Erfahrung zeigt, zum Schaden der Umgebung, vermehren und ausdehnen. Hierbei leuchtet von selbst ein, dass, je höher und ausgedehnter die Gebirge sind, von denen diese Gletscherarme herabhangen, desto länger andauernd und stärker auch das Wachstum dieser letzteren sein muss, und umgekehrt. Und hierin gerade liegt der Grund, warum die Klagen über ganz neue Gletscherbildungen auf niedrigeren Teilen der Alpen während der nasskalten Jahre von 1816 bis 1818, schon nach dem ersten, recht warmen Sommer von 1819 wieder verstummten; da doch gerade zu dieser Zeit die Klagen erst anfingen über das Anwachsen der Gletscherarme, die von etwas höheren (10.000 bis 12.000 Fuss hohen) Gebirgen herabkommen, z.B. die Grindelwaldgletscher, die dann aber bald nachher, 1822, ebenfalls schon wieder abzunehmen anfingen, als das Anwachsen der grössten Gletscherausflüsse in der Umgebung des Montblanc und Rosa im höchsten Grad fühlbar wurde. Und ebenso muss noch länger andauernd als am Montblanc, das Gletscherwachsen am Rosa, besonders auf dessen Nordostseite sein, weil letzteres Gebirge auf seinen höchsten Punkten eine weit grössere Ausdehnung hat, als der Montblanc. Bei den südlich gelegenen, den warmen Winden und der Sonnenwirkung geöffneten Gletscherausflüssen ist die oben beschriebene Erscheinung lange nicht so auffallend, weil da alle Sommer die grösseren Anhäufungen von Schnee und Eis auf den Höhen weit regelmässiger wieder wegschmelzen, und weil auch die, durch stärkeres Herabdrängen vermehrte Gletschermasse im Talgrund, hier ebenfalls verhältnismässig weit schneller durch Abschmelzen sich vermindert, als an der Nordseite. Doch trifft man auch auf der Südseite der Alpen Talgründe an, in denen die Gletscher während der wärmeren Sommer von 1819 bis 1822 bedeutend mehr vorgerückt sind, als früher in den kälteren Jahren; z.B. die gewaltigen, von der Südseite des Montblanc herabhängenden, Miage- und Brenvagletscher im unteren Teil der Alleeblanche (Val de l’Allée blanche[1]). Hier tritt aber eben im höchsten Grad der oben erwähnte Fall ein, dass der Grund dieser tiefen Talschlucht mit dem Gletscherende, von hohen und steilen Gebirgen eingeengt, beinahe immer im Schatten und im kältesten Luftstrom liegt, während der obere Teil der Gletscher, an einem steilen, südlichen Abhang, den ganzen Tag über der heissen Sonne ausgesetzt ist. Dadurch wird der Zusammenhang der Eismasse viel lockerer, und das Abwärtsdrücken derselben geht viel heftiger und schneller vonstatten, als das Wegschmelzen im engen, schattigen Talgrund. Auf diese Weise habe ich mir die sonderbare Erscheinung erklärt, dass in den wärmsten Sommern einige Gletscherausflüsse am meisten wachsen und durch ihr Vorrücken in fruchtbare Talgründe Schaden verursachen, währenddem sie auf den Höhen an Masse und Umfang bedeutend verlieren. Diese Erscheinungen zeigen sich jedoch in so auffallendem Masse nur bei Gletscherarmen, die ihren Zufluss von den höchsten Gebirgen erhalten, und deren Auslauf im engen und tiefen Tal in gar keinem Verhältnis steht mit der weit grössern Ausdehnung nach oben.

[1] Heute Val Veny.
 Fortsetzung folgt

14. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 105

Merkwürdig und mit der ähnlichen Erscheinung im Saastal auffallend übereinstimmend ist die Tatsache, dass der grosse Gorner- oder Rosagletscher, der am weitesten in das Tal herabhängt, auch jetzt noch so ausserordentlich darin vorrückt, gerade wie der früher beschriebene Gletscher im Saastal; während doch die Gletschermasse auf der Höhe, hier wie dort, bedeutend abnimmt, und, besonders durch das weit tiefere Abschmelzen des Schnees, auf dem Rücken und an den oberen Hängen der Gletscher sich jetzt Spalten zeigen und öffnen, die seit einer langen Reihe von kälteren Jahrgängen dem Reisenden niemals gefährlich geworden, weil sie tief unter dem Schnee begraben gewesen waren.
Fortsetzung folgt

13. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 104

Nachdem man eine Viertelstunde auf diesen kahlen Felsmassen herabgestiegen ist, kommt man auf begrasten Alpengrund, der den Namen Gartfattalpe[1] trägt, und auf dessen steilen Abhängen man in den Talgrund hinuntersteigt. Die Aussicht von dieser Alp ist bewundernswürdig, da sie einen Gebirgsvorsprung bildet zwischen den zwei grossen Vertiefungen, in welchen die ungeheuren Gletscher, auf der einen Seite vom Rosa[2] und auf der andern vom Matterhorn[3] her, bis weit in das Tal hinab sich erstrecken, obschon sie auf den oberen Höhen, von denen wir soeben herkamen, als ein grosses Ganzes zusammenhängen. An dem in eine Spitze auslaufenden Fuss der Gartfattalp vereinigen sich die beiden grossen Gletscherwasser[4], nachdem sie zuvor in den schönsten Wasserfällen von den Gletschern herabgestürzt waren. An diesem Punkt findet sich überhaupt so viel Grosses und Ausserordentliches zu einem Schauspiel vereinigt, dass man sich kaum an demselben sattsehen kann, und dass das allein schon den Besuch dieser Stelle aus weiter Ferne her, lohnen würde.

[1] Später «Gartfad» und heute «Garten» (2450–2600 m) genannt.
[2] Bodengletscher, der sich von dieser Stelle längst zurückgezogen hat.
[3] Furggletscher, der hier seit langer Zeit nicht mehr existiert.
[4] Gornera und Furggbach.

Fortsetzung folgt

12. November 2019

Der Ketzer ist da

Gerhart Hauptmann: Der Ketzer von Soana,
Edition Wanderwerk, Burgistein, 2019,
154 Seiten, Broschur.
Etwas Werbung in eigener Sache: «Der Ketzer von Soana» ist heute aus der Druckerei eingetroffen. Gerhart Hauptmann erzählt uns in seinem Werk von den Tücken eines Priesters, der sich in eine junge Frau verliebt und was der gute alte Eros mit dem Gottesmann alles anstellt. Ort des Geschehens ist Rovio (Soana) am Fusse des Monte Generoso im schönen Tessin. Das Buch kann ab sofort auf der Website meines Verlages bestellt werden.

Die Erzählung wird ergänzt mit einer Kurzbiografie Gerhart Hauptmanns, zahlreichen Anmerkungen, vier Fotos sowie mit zwei Wandervorschlägen zu den Schauplätzen zwischen Luganersee und Monte Generoso.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 103

Übrigens zweifle ich sehr, dass die mannigfachen, oft sehr verwittert und einzeln da herumliegenden Mineralkörper alle auf diesem kleinen Raum anstehend zu finden seien. Das Chaotische ihres Beisammenliegens am Rand des Gletschers lässt vielmehr mit grosser Wahrscheinlichkeit vermuten, dass ein bedeutender Teil derselben als Gletscherstoss auf dem immer vorwärts schiebenden Eis von den verschiedenen Felshörnern hergetragen worden ist. Von den gefundenen Seltenheiten zeichnet sich besonders der gerad- und krummschalige Diopsid aus, der hier in beträchtlichen Lagern und Nestern bricht. Die ganz kahle Oberfläche der Felsen, auf welchen in weitem Umfang nicht die geringste Vegetation spriesst, ist zur Untersuchung derselben besonders günstig, und ich bin überzeugt, dass ein Sammler, der sich hier und am Rand der vielen grossen, in den Hintergrund dieses Tales sich herabsenkenden Gletscher, einige Zeit aufhalten könnte, mit reicher Beute zurückkehren würde.
Fortsetzung folgt

11. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 102

Unsere gestrigen zwei Führer von Rysen hatten auch etwas von dieser Geschichte erzählt und uns versichert, dass ihre zwei pflichtvergessenen Mitbürger, als an dem Unglück schuldig erkannt wurden, ihre Strafe dafür zu erwarten hätten. Wie leicht wäre es möglich gewesen, dass beide Freunde miteinander versunken wären, und kaum je ein Mensch erfahren haben würde, wo und wie sie ihren Tod gefunden hätten! Diese Begebenheit zeigt warnend, wie sorgfältig man in der Wahl seiner Führer in so wenig besuchten Gebirgen sein muss, und dass man dieselben nie entlassen darf, bis man seines Weges ganz sicher ist, besonders aber auf Gletschern niemals sich selbst vertrauen soll.

Die nächsten Umgebungen des Gletschers, so wie das erwähnte Felsenriff in demselben, zeigen ein Chaos von allerlei Steingeröll in mehr und minder verwittertem Zustand, wobei ein Sammler tagelang verweilen und sich schöne Suiten auslesen könnte. Die Talkerde enthaltenden Gesteinsarten sind vorwaltend; doch finden sich auch viele andere und metallische Fossilien. Die Hauptgebirgsmasse ist dünnschiefrig mit den mannigfaltigsten Schichtenbiegungen, wobei im Grossen sowohl der Gebirgsmasse, als im Kleinen des Gesteins , die wellenförmigen Biegungen in konzentrisch-schalenförmige übergehen, und sich gleichsam in Knoten verwickeln, die öfters einen festeren, kieseligen Kern einschliessen. Diese Gebirgsarten bestehen aus Hornblende-, Talk-, Ton- und Glimmerschiefer, die unbestimmt ineinander übergehen. So mannigfach verschieden wie die Hauptgebirgsarten, sind auch die darin enthaltenen Gänge, Lager, Klüfte, Nester und noch andere Lagerstätten, die einen grossen Reichtum verschiedener seltener Mineralien enthalten, wie z.B.: Diopsid, Strahlstein, Pistazit, Idokras, Kalkspath, schöne kubische Eisenkiese, nebst einer Menge Färbungen von verschiedenen Metalloxiden, vermutlich von Kupfer, Braunstein und Titan herrührend, nebst noch vielem anderen, was aber weit mehr Zeit zur Untersuchung erfordern würde, als eine einzige mir dazu vergönnte Stunde.

Fortsetzung folgt

10. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 101

Diese erwähnten zwei Führer sollten nämlich zwei piemontesische Edelleute auf dem gleichen Weg, den wir gestern angetreten hatten, über diesen Gletscher ins Wallis bringen, und brachten sie auch glücklich bis auf die Höhe bei St. Theodul, wo dann den Fremden die Spur früherer Reisenden, als ein nun leicht zu findender Weg ohne alle Gefahr, gewiesen wurde. Die nachlässigen Führer kehrten wieder zurück, und die beiden Freunde verfolgten die ihnen im Schnee angewiesene Spur, welche sich aber weiter unten, wo der Schnee viel schneller wegschmilzt als oben, ganz verlor. Hier wichen die Reisenden nur wenig links ab, auf die Seite, wo der Gletscher viele verdeckte Spalten hat, und nicht mehr weit von dem festen Felsgrund am Ende des Gletschers entfernt, versank plötzlich der Eine vor den Augen des Anderen in einen solchen Unglück bringenden Spalt, aus dem er auf das laute Rufen seines bestürzten Begleiters keine Antwort mehr hören liess. Dieser eilte zu den nächsten Alphütten und fand auch bald die gesuchte Hilfe. Unter den Herbeieilenden war einer unserer Führer, der sich an Seilen in den Spalt hinunterliess, ohne jedoch, wegen allzu grosser Tiefe, den Grund erreichen zu können. Man holte nun aus dem Dorf herauf längere Seile und eine lange Stange mit einem Haken versehen. Mit dieser liess sich der Führer noch einmal in den Spalt hinunter, an dessen Grund er endlich einen weiten Raum mit einem stillstehenden Wasser von bedeutender Tiefe entdeckte, in dessen Eiskälte ohne Zweifel der Verunglückte bald erstarrt sein musste. Bevor jedoch der Leichnam gefunden werden konnte, musste der Freund des Verstorbenen sich von der unglücklichen Stelle trennen, hinterliess aber die Versicherung, dass der Verunglückte eine bedeutende Barschaft an Gold bei sich trage. Dieses lockte die Kühnsten von denjenigen, welche früher vergebene Rettungsversuche gemacht hatten, zu wiederholten späteren Versuchen, und zuletzt gelang es unserem jetzigen Führer, bei noch tieferem Herablassen, mit der langen Hakenstange den Leichnam in der Tiefe des unterirdischen Gletschersees aufzuspüren. Aber in der unbequemen Lage, an Seilen hängend und über dem schauerlichen Abgrund schwebend, konnte er die Last niemals weiter als bis zur Oberfläche des Wassers bringen, wo sie dann an Schwere bedeutend zunahm und seine Anstrengungen unnütz machte. Er versicherte jedoch, nächstens mit noch besseren Hilfsmitteln den Versuch zu wiederholen. Möge die Begierde nach dem Gold ihn nicht allzu verwegen machen!

Fortsetzung folgt

9. November 2019

Gericht im Lager

René Gardi: Gericht im Lager, Sauerländer, Zürich,
1964
Das Lager, Lebensgemeinschaft junger Menschen, verlangt von jedem die Zurücksetzung seines Eigenwollens. Kameradschaft wird zur Notwendigkeit, deren Bedeutung auch den Kleinsten erfüllen muss. Was in der Schule zum Alltäglichen gehört: Das Bemühen, die gute Bewertung der Leistung um jeden Preis zu erlangen, ist im Lager eine Unmöglichkeit, wenn es gegen das für alle gültige Gesetz verstösst. Gegen dieses Gesetz der Kameradschaft hat sich Fritz, das ehrgeizige Vatersöhnchen, im Schullager am See vergangen. Es wird die Aufgabe nicht nur seines Gegenspielers Res, sondern aller, den Schuldigen zu überführen, um dem Recht und der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen und das schwer gestörte Gemeinschaftsleben neu entstehen zu lassen.

Die Szene der Ereignisse, in die uns René Gardi in packenden Bildern führt, ist die Ried- und Auwaldlandschaft des südlichen Bielerseeufers, jene köstliche letzte Wildnis, wo jeder Bub zum naturverbundenen Praktiker werden muss – ist das sommerliche Wasser und die lockende Petersinsel, hinter welcher sich die Waldberge des Juras erstrecken. Herrliche Lagerszenen erleben die Buben und vorallem den Bau eines stolzen Seglers, auf dem sie zu grossen Taten die Wasser durchfurchen. (Klappentext)

BE: Südliches Bielerseeufer, Bielersee, St. Petersinsel

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 100

Mit zwei kräftigen deutschen Walliser Führern ging nun die Reise auf dem langen, blendenden Schneefeld weiter abwärts, indem wir mit jedem Schritt fast bis an die Knie und zuweilen bis an die Hüften in den Schnee eintraten, was sehr ermüdend war. In einer Stunde, von der Höhe des Passes an, erreichten wir ein mitten aus dem Gletscher wie eine Insel hervorragendes Felsenriff mit Hornblende und Strahlstein bedeckt, bei dem ich, wenn es möglich gewesen wäre, gerne länger verweilt hätte, um seltenere Mineralien zu sammeln, deren verwitterte Überreste sich in mannigfachen Verschiedenheiten auf der Oberfläche fanden. Kälte und Nässe, von denen wir durchdrungen waren, trieben uns aber dem Ende des Gletschers zuzueilen, welches von dem Felsenriff an in einer halben Stunde erreicht war. Auf dieser letzten Wegstrecke zeigten uns die Führer im Vorbeigehen einen links ganz nahe liegenden offenen Gletscherspalt, der vor kurzer Zeit noch mit Schnee bedeckt gewesen war, und worin erst vor zwei Wochen durch die Gewissenlosigkeit zweier Führer aus St-Jacques d'Ayas, ein vornehmer piemontesischer Edelmann, als Flüchtling wegen politischer Verfolgung, nachdem er glücklich bis hierher gekommen war, so nahe am Ende des Gletschers noch sein Leben einbüssen musste.
Fortsetzung folgt

8. November 2019

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 99

Unterdessen langten die von unten heraufkommenden Personen bei uns an und waren ebenso erfreut über unseren Anblick, wie wir über den ihrigen; denn beide Teile konnten nun, mitten auf dem gefährlichen Pass, mit viel mehr Sicherheit auf eine glückliche Zurücklegung desselben schliessen. Die Hauptperson dieser aus vier Männern bestehenden Gesellschaft, war Herr Paul Vincent aus Gressoney, der in Gressoney selbst ein Goldbergwerk und in Konstanz ein Handelsetablissement besitzt, von wo er beinahe jeden Sommer diesen oder einen ähnlichen Weg nach Hause nimmt. Wir erfuhren von ihm, dass er die nämliche Spitze des Monterosa bestiegen habe, welche der oben erwähnte Herr Pater Bärenfaller aus Obergressoney erstiegen hat. Auch jetzt führte er alle nötigen Apparate zu grossen Gletscherreisen, wie Seile, Fusseisen usw. mit sich und hatte vor wenigen Tagen von Zermatt aus, einige der hohen, nordöstlichen Umgebungen des Rosa besucht, so dass es mir sehr interessant gewesen wäre, von diesem Bewohner und Kenner der nächsten Umgebung eines der unbekanntesten Gebirgsstöcke ausführlichere Erkundigungen darüber einzuziehen. Dazu war aber fatalerweise der Ort unsers Zusammentreffens gar nicht geeignet; denn wir standen beide tief im Schnee, waren davon durchnässt und zitterten vor Frost. Nachdem er mir einige Grüsse und Aufträge an angesehene Bekannte, die er in Zürich hat, mitgegeben hatte, mussten wir uns leider schon wieder trennen. Seine beiden Führer aus Zermatt kehrten mit uns und der unsrige mit ihm nach ihrer Heimat zurück, wodurch nicht nur sie, sondern auch wir viel gewannen, weil nun jede Partei Führer bei sich hatte, die soeben den stündlich sich verändernden Gletscherweg zurückgelegt und genau kennen gelernt hatten.
Fortsetzung folgt

7. November 2019

Ein Mann, ein Mord

Jakob Arjouni: Ein Mann, ein Mord,
Diogenes, Zürich, 1991
Ein neuer Fall für Kayankaya. Schauplatz Frankfurt, genauer: der Kiez mit seinen eigenen Gesetzen, die feinen Wohngegenden im Taunus, der Flughafen. Kayankaya sucht ein Mädchen aus Thailand. Sie ist in jenem gesetzlosen Raum verschwunden, in dem Flüchtlinge, die um Asyl nachsuchen, unbemerkt und ohne Spuren zu hinterlassen, leicht verschwinden können. Was Kayankaya dabei über den Weg und in die Quere läuft, von den heimlichen Herren Frankfurts über korrupte Bullen und fremdenfeindliche Beamte auf den Ausländerbehörden bis zu Parteigängern der Republikaner mit ihrer Hetze gegen alles Fremde und Andere, erzählt Arjouni klar, ohne Sentimentalität, witzig, souverän. (Klappentext)

D: Frankfurt und Umgebung

Moors Fazit: Arjounis Werk zu kritisieren grenzt schon fast an Blasphemie. Schade, weilt der Gott unter Deutschlands Krimiautoren nicht mehr unter uns.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 98

Als wir nach kurzem Verweilen auf dieser frostigen Höhe im Begriff waren, über den nördlichen Abhang gegen das Wallis hinunterzusteigen, sahen wir zu unserer Verwunderung und Freude, über das vor uns liegende, unermessliche Schneefeld hin, von weitem einen Trupp Menschen gegen uns heransteigen. Dem Führer, der schon wiederholt einige Sorge verraten hatte wegen des Hinuntersteigens im aufgeweichten, tiefen Schnee, machte diese Erscheinung besonders grosse Freude; indem er daraus schloss, dass die Arbeit viel besser vonstatten gehe, als er sich eingebildet hatte, und dass er viel früher als er glaubte, den Rückweg nach seiner Heimat wieder antreten könne. Im Augenblick dieser Freude aber vergass und vernachlässigte er ein wenig seine gewöhnliche Sorgfalt, wodurch die Freude bald in grosses Leid sich verwandelt hätte. Denn nach wenigen Schritten zu eiligen Bergablaufens, lag er plötzlich vor unseren Augen bis unter die Arme versunken und hatte grosse Mühe, sich mit aller Anstrengung aus einem Loch herauszuarbeiten, in welchem seine Füsse keinen Grund erreichen konnten. Zum Glück hatte er sich sogleich, als er den Unterleib hineinsinken fühlte, mit dem Oberleib vorwärts, auf den jenseitigen festen Rand einer Gletscherspalte geworfen und sich durch diese schnelle Vorsicht vor dem gänzlichen Versinken verwahrt. Kaum war es ihm gelungen, sich wieder herauszuarbeiten, so warnte er uns, nicht zu nahe zu treten; denn erst jetzt bemerkte er eine schwache, fortlaufende Vertiefung im Schnee als Zeichen einer darunter verborgenen Gletscherspalte. Da diese rechts und links sich weit ausdehnte, blieb uns nichts anderes übrig, als mit den Stöcken an der Stelle, wo der Führer eingesunken war, den Schnee bis auf beide feste Ränder der Spalte wegzustossen, um die Weite der Höhlung zu prüfen, und als diese nicht mehr als drei Fuss betrug, darüber hinwegzuspringen.

Fortsetzung folgt

6. November 2019

Frei. Luft. Hölle.

Are Kalvø: Frei. Luft. Hölle. Dumont,
Ostfildern, 2019
Alle Menschen lieben es, in der Natur zu sein. Alle? ... Nein! Ausgerechnet ein Norweger hat ihn verpasst, den Zug ins Freie. Are Kalvø zog in die Stadt und blickte nie zurück. Doch dann kommt der Tag, an dem er zu seinem Entsetzen feststellt: Er hat alle seine Freunde an die Natur verloren. Früher kamen sie mit ihm in den Pub, um Unsinn zu reden, jetzt gehen sie plötzlich in die Berge und posten Bilder von Skispuren, tragen Klamotten mit zu vielen Taschen und sagen humorfreie Sätze wie «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung». Zum ersten Mal, seit er auf der Schule zu so etwas gezwungen wurde, geht Kalvø deshalb auf Tour, zu Fuss, auf Skiern und im Auto, um seine Freunde zu finden. Und um herauszufinden, was eigentlich mit uns los ist. (Klappentext)

Moors Fazit: 360 Seiten gespickt mit zu vielen running Gags und wenig lustigen Wahrheiten über das Wandern und Skiwandern in Norwegen. Vom «bekanntesten Entertainer und Comedian Norwegens» hätte ich etwas mehr Witz und Abwechslung erwartet. Gerne hätte ich mir einen selbstironischen Text über den «Outdoor-Wahnsinn» zu Gemüte geführt. Nun, vielleicht verstehe ich den norwegischen Humor nicht, oder aber das Buch ist schlecht übersetzt, oder aber ich bin zu abgebrüht. Are empfehle ich, sich eine lebenslange Mitgliedschaft in einem trendigen Fitnessstudio zuzulegen, die Mitglieschaft im DNT aufzukündigen und den Hüttenschlüssel in der Osloer Zentrale persönlich vorbeizubringen.

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 97

Ungeachtet unseres hohen Standpunktes konnten wir von den Schweizergebirgen nördlich dem Rhonetal nicht viel sehen, einige wenige Felshörner ausgenommen, die sich, wahrscheinlich aus dem Lötschental, erhoben; denn östlich standen vor unserem Gesichtskreis die hohen und spitzen, in einer ziemlich langen Kette nordöstlich vom Monterosa auslaufenden Hörner, welche zwischen den beiden Tälern von Zermatt und Saas sich erheben. Vom Matterhorn aus zog sich, unseren Gesichtskreis gegen die Schweiz hemmend, von West nach Ost eine Kette hoher, vergletscherter Gebirge, die das Zermattertal von seinem westlich gelegenen Nebental, dem Turtmanntal, trennen. In dieser letzteren Gebirgskette zeichnet sich besonders eine hohe und scharfe, beschneite Spitze aus, die, späteren Erkundigungen zufolge, dass Weisshorn ist, von dessen steilen Gletscherabhängen herab, das Dorf Randa im Niklaustal, zwei Jahre früher durch einen Gletschersturz[1] so sehr beschädigt worden ist. Die anstehende Felsart auf der Höhe dieses Passes ist Gneis mit viel Hornblende, so dass er in Hornblendeschiefer übergeht; alles in flach, nordwestlich eingesenkter Schichtung.

Fortsetzung folgt

[1] Am 27.12.1819 lösten sich vom Bisgletscher 13 Mio m³ Eis und Schnee, die bis ins Tal hinabstürzten und deren Druckwelle in Randa 113 Gebäude zerstörte und 2 Menschen tötete.

5. November 2019

Wie wir älter werden

Ruth Schweikert: Wie wir älter werden,
S. Fischer, Frankfurt/Main, 2015
Wie spät ist es? Draussen liegt Schnee. Drinnen bereitet der 87-jährige Jacques wie jeden Morgen das Mittagessen für sich und seine Frau Friederike vor. Neun Jahre lang lebte er zwischendurch mit Helena zusammen, seiner Jugendliebe; dann kehrte er in seine Ehe zurück. Jacques und Friederike, Helena und ihr Mann Emil sind untrennbar miteinander verbunden durch den Pakt des Schweigens, den sie vor langer Zeit miteinander geschlossen haben. Dieser Pakt prägt das Leben der Kinder und Enkel. Doch irgendwann beginnt er brüchig zu werden ...

In wechselnden Perspektiven umkreist «Wie wir älter werden» die Geschichten mehrerer Generationen, die vom Zweiten Weltkrieg bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ein grosser Roman über Liebe und Verrat und die Frage, wie unser Blick sich im Lauf des Lebens verändert.
(Klappentext)

AG: Aarau BE: Bern-Bümpliz, Biel BS: Stadt Basel FR: Châtel-St-Denis GE: Stadt Genf GR: Sils-Maria, St. Moritz LU: Schüpfheim SZ: Grosser Mythen, Stadt Schwyz TI: Comologno, Locarno, Spruga, Centovalli, Intragna, Pizzo Centrale ZH: Stadt Zürich, Winterthur RUS: Grozny D: München, Stuttgart, Berlin, Dresden I: Bagni di Craveggia USA: San Francisco, Albuquerqe F: Provence


Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 96

Als wir auf der Höhe des Passes, auf dem nackten Felsen hin und her spazierend, unseren Atem und Puls beobachteten, bemerkten wir auch nicht im Geringsten eine vermehrte Beschleunigung oder irgendein beängstigendes Gefühl, wie solches schon viele Bergsteiger, selbst auf geringeren Höhen bemerkt haben wollen. Die Aussicht von dieser Höhe ist ganz einzigartig und lässt sich mit keiner der früher überstiegenen Scheidecken vergleichen. Östlich und westlich erblickt man über die Schneefelder hinweg einen weit entfernten Kreis von nackten, kahlen Felshörnern und Schneegebirgen, alle von so beträchtlicher Höhe, dass kein grünes Plätzchen darauf zu bemerken ist. Alle näher liegenden, tieferen Gebirge und Täler sind dem Auge durch den hohen Vordergrund entzogen. Südlich erheben sich terrassenförmig bis an den Rosa hinauf mehrere, mit ewigem Schnee bedeckte, einzeln stehende Bergspitzen und Kuppen, deren blendendes Weiss in sonderbarem Kontrast mit dem schwärzlichen Blau des Himmels steht und von deren hehr emporragenden Häuptern die spielenden Lüfte stets, einem luftigen Schleier ähnlich, den Schnee nach allen Seiten abwechselnd wegtragen, und dann den schönen, reinen Formen wieder anlegen. Nördlich, ganz nahe, ragt aus eisiger Hülle die kolossale, dreiseitig spitze Pyramide des Matterhorns empor, an deren steilen Seitenwänden der Schnee und das Eis sich nur stellenweise halten können. Diese Ansicht eines, aus einem weiten Eismeer drei- bis viertausend Fuss hoch sich erhebenden, ganz isoliert dastehenden Felskolossen ist zum Erstaunen und vielleicht im ganzen Alpengebirge das einzige Beispiel dieser Art.
Fortsetzung folgt

4. November 2019

Erlebtes Wandern

Christoph Müller: Erlebtes Wandern, Verlag Bündner
Monatsblatt, Chur,
Christoph Müller, geboren 1933, verbrachte seine Jugendzeit in Basel. Nach Abschluss des Studiums als Bauingenieur an der ETH Zürich folgten vierzig Jahre Berufstätigkeiten im In - und Ausland. Mit 63 Jahren entschloss sich der Autor, dem beruflichen Alltagsleben vorzeitig ein Ende zu setzen, um seine Kreativität auf musischem Gebiet zu entfalten.

Auf einer Vielzahl von Bergwanderungen im Sommer 1996 erlebte er seine Heimat auf eine neue, intensive Art. Die daraus resultierenden Texte sind persönliche Wanderbeschreibungen und Beobachtungen von Landschaft und Natur, Flora und Fauna. Diese nachhaltigen Eindrücke finden auch ihren Niederschlag in den Aquarellen, mit denen Christoph Müller die Aufzeichnungen illustriert und bereichert hat. (Klappentext)

Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz – 95

Der Führer fand es ziemlich bedenklich, dass der Schnee, der sonst fast immer gegen die Höhe des Passes hin gefroren, heute so ganz ungewöhnlich erweicht sei, was besonders für das jenseitige Hinabsteigen nach dem Wallis, auf der von der Morgensonne erwärmten Ostseite, noch in weit grösserem Masse der Fall sein werde. Nach beinahe anderthalbstündigem Ansteigen auf dem Gletscher langten wir glücklich auf der Höhe des Passes, und zugleich bei den höchsten Fortifikationswerken in Europa, ja vielleicht des ganzen Erdbodens an; denn man wird in einer Höhe von 10.416 Fuss über Meer, wie Herr von Saussure das Fort St. Theodul bestimmt, wenig Mauerwerk mit Schiessscharten antreffen, wie dieses hier, freilich nur in trockener Mauerung und ziemlich in Ruinen, der Fall ist. Doch zählt man, in der noch acht bis zehn Fuss über die Oberfläche sich erhebende Mauer, sechs bis acht, den Pass gegen das Wallis hin bestreichende Schiessscharten. Es sollen diese Verschanzungen, vor etwa dreihundert Jahren, von den Piemontesern errichtet worden sein, als sie einen Einfall der Walliser befürchteten.[1] Es ist fast unbegreiflich, dass Menschen in diesen, vom Frost starrenden Eis und Schneeregionen, wo der Sturm beständig so stark braust, dass der Schnee auf der Höhe selbst, wo die Schanze steht, niemals liegen bleiben kann, an kriegerische Massregeln gegen ihre Nebenmenschen nur noch denken, geschweige denn solche ausführen können. Selbst heute, bei dem hellesten Himmel, blies der Wind so stark und kalt aus Süden, dass wir auf der obersten Höhe nicht lange verweilen konnten, sondern uns in eine Felsenkluft unter den Wind verbargen. Es ist auch leicht zu erklären, warum auf diesem hohen Scheideck, das noch dazu zwischen den, zu beiden Seiten um mehrere Tausend Fuss höher sich erhebenden, Gebirgen liegt, stets ein so starker und kalter Luftstrom herrschen muss. Während nämlich bei Sonnenschein immer an einem oder mehreren der nahen, steilen Abhänge oder an den grossen Eis- und Schneewänden, die Sonnenstrahlen eine bedeutende Erwärmung der Atmosphäre verursachen, herrscht auf den anderen, beschatteten Stellen so eisige Kälte, dass eine stete und heftige Gegen- oder Auseinanderströmung dieser Luftschichten von verschiedener Schwere stattfinden muss.

[1] Der Theodulpass (3301 m), führt von Zermatt zwischen Theodulhorn und Testa Grigia hindurch über den südlichen Hauptkamm der Alpen ins italienische Breuil-Cervinia im Valtournenche. Der Pass scheint seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. begangen worden zu sein. Das günstige Klima des Hochmittelalters ermöglichte im 1. Viertel des 13. Jahrhunderts die Besiedlung des Valle d'Ayas und des Lystals (Gressonay-Tal) durch die über den Theodulpass gezogenen Walser. Damals entstanden die noch heute im Aufstieg zum Pass vorhandenen gepflästerten Saumwege. Durch die Gletschervorstösse der Kleinen Eiszeit wurde der Weg vom 16. bis ins 19. Jh. zunehmend gefährlicher. Im 20. Jh. wurde der Pass für den ganzjährigen Skitourismus von beiden Seiten her mit zahlreichen Seilbahnen erschlossen.

Fortsetzung folgt