21. Mai 2016

The Hairy Hikers

David Le Vay: The Hairy Hikers,
Summersdale, Chichester, 2012
Fuelled by a degree of midlife crisis and the need to escape from routine, armed with rusty schoolboy French and plenty of schoolboy humour, friends David and Rob set out to walk the fabled GR10 hiking trail. It will take them from the Hendaye on the Atlantic coast to Banyuls-sur-Mer on the Mediterranean, through beautiful scenery and one of the most spectacular mountain ranges in Europe. Just about perfect – if you can put aside the inevitable snoring-induced conflict and bad habits that result from two men spending over seven weeks in each other’s company. (Klappentext)

Amüsant zu lesender Bericht und very british, indeed! Wer sich für einmal aus den Alpen entfernen und neue Berge kennen lernen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. In der Schweiz bei www.dodax.ch erhältlich.

15. Mai 2016

Die Telefonnummer von Norwegen

Barockes Wechselbad der Gefühle beim Start zur 7. Etappe meines Nordkap-Projketes. Nicht himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, sondern zu Tode betrübt und himmelhoch jauchzend. Über den Depro-Bahnhof von Zwingen habe ich mich bereits bei der letzten Etappe geäussert. Was dann heute darauf folgte war ein erstes Glanzlicht: das Schloss Zwingen. Heimatland, weshalb habe ich davon noch nie gelesen oder gehört? Ich, der immerhin vier Monate lang im benachbarten Laufen einen Teil meiner Lehrzeit verbracht habe. Gut, wer interessiert sich mit 19 schon für kulturgeschichtlich relevante Bauten?

Zwingen überraschte mich also, weshalb ich nebst der Bahnhoftristesse und der auf das Schlossareal folgenden Katastrophe entlang der Kantonsstrasse dennoch eine gute Erinnerung behalten werde. Ich erfreche mich, hier ein paar Stellen der Website des Zwingener Schlossvereins wiederzugeben:

Das Schloss Zwingen ist eine eindrückliche, einmalige Wasserburg, die auf den Felsbänken von zwei natürlichen Birsinseln errichtet wurde. Der Kernbau entstand 1248 und war früher über Zugbrücken erreichbar. Nach neueren Vermutungen war die Vorburg möglicherweise als Burgstädtchen vorgesehen.

Drei Brücken bilden noch heute die Verbindung der beiden Inseln mit der Umwelt. Am Ramsteinerturm gegen die Dorfseite war ehemals ein gedeckter Übergang mit Zugbrücke. Die heutige Steinbrücke wurde 1766 erstellt. Im Westen diente die Fallbrücke gegen Laufen hin als Verbindung. Auch dort ist die ursprüngliche Holzkonstruktion durch einen Steinbau ersetzt worden. Dagegen ist die Holzbrücke aus dem Jahre 1472 zwischen den beiden Inseln stehen geblieben. Sie ist die einzige noch bestehende Holzbrücke im Birstal. Die währschafte Zimmermannsarbeit mit den guten Proportionen ist eine Besichtigung wert. Sie wurde im Jahre 2001 renoviert.

Der Zugang zum Schloss Zwingen (BL) mit dem Ramsteinerturm.
Auf der kleinen Mittelinsel befindet sich der runde Bergfried mit dem rekonstruierten Kegeldach, dem Hexenturm. Er ist auf drei Seiten vom Palas umbaut. Ursprünglich war dieser Kernbau (Bergfried/Palas) durch einen Wassergraben abgetrennt. Der Graben wurde nach der französischen Revolution mit dem Schutt der abgerissenen Tortürme aufgefüllt. Der gegenwärtige Eingang zum Palas ist erst angelegt worden, nachdem der Graben zugeschüttet war. Über dem Eingang ist eine ursprüngliche Cheminéeplatte mit der Jahrzahl 1744 eingelassen. Sie trägt das Wappen des Bischofs Joseph Wilhelm Rinck von Baldenstein.

Der frühere Zugang führte durch einen gewölbten Gang über den Graben ins obere Geschoss. Der Palas umfasst drei Stockwerke. Die Mauern sind im Erdgeschoss sehr stark, die Räume teilweise überwölbt. Die Grundrisse geben ein übersichtliches Bild der damaligen Einteilung. Aus geschichtlichen Darlegungen ergibt sich, dass sie zu einem guten Teil nicht ursprünglich ist, sondern wiederholt verändert wurde, insbesondere noch nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nicht ursprünglich ist die Befensterung. Die einst schmalen Fenster wurden später erweitert. Nur das Erdgeschoss enthält noch alle Fensternischen.

Auf der Südseite des Schlosses Zwingen, nahe der Birs in der Richtung Nord-Süd und innerhalb der Tore und Ringmauern, steht die dem heiligen Oswald geweihte Kapelle. Der heutige Bau stammt aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts und besteht aus Schiff und Chor. Darüber lag eine Wohnung für den Kaplan. Vermutlich wurde sie mit dem Schloss erbaut. Die Kaplanei war eine Stiftung der Herren von Ramstein, die in mehreren benachbarten Dörfern Zinsgüter spendeten.

Schon im Jahre 1359 erhält die Kapelle einen von 18 Bischöfen in Avignon unterzeichneten Ablassbrief. Nach diesem wurde den Besuchern und Wohltätern ein Ablass von 40 Tagen gewährt, welchen der Bischof von Basel noch 40 hinzufügte.

Das Sonderbare an der Schlossanlage: Unmittelbar nach dem Wirtschaftsgebäude beginnt ein Industrieareal und damit ein brachialer Kontrast, der mir auf dieser Wanderung gleich mehrere Male zuteil werden sollte. Wie erwähnt folgte auf das malerische Zwingen der Abschnitt entlang der Kantonsstrasse Richtung Nenzlingen. Jysk, Lidl, Coop, Sherpa, Tankstellen und Garagen, Industrie- und Gewerbebetriebe en masse und eben: jede Menge Strassenverkehr. Immerhin war da ein Trottoir, auf dem ich mich in Sicherheit wiegend aus der Zwingener Hölle befreien konnte. Kaum hatte ich in den alten Weg nach Nenzlingen eingeschwenkt, betrat ich eine andere, bedeutend friedlichere Welt. Das Schlafdorf über der Hochwasser führenden Birs läutete den letzten Jura-Abschnitt meines Vorhabens ein. In einem Vorgarten hing eine FCZ-Fahne schlaff am Mast herunter. Kein Wunder bei der aktuellen Misere. Ein Wunder indes, dass in den Stammlanden des FCB ein derartiges Religionssymbol überhaupt geduldet wird. – Stundenhalt bei der kleinen Pfarrkirche am oberen Dorfrand.

Ich stieg weiter bergan, blickte die letzten Blicke auf das Laufental, begleitet von unglaublich schönen Baumbeständen. Freistehende Eichen von mächtiger Statur dominierten die obligaten Kirschbäume, ehe die Route im Wald verschwand. Kurz vor dem Blattenpass sah ich zum ersten Mal die Basler Agglomeration. Rechter Hand das Goetheanum von Dornach, am Horizont der Antennenturm auf der St. Crischona. Auf dem Blattenpass ein grosser Rastplatz mit überdimensionierter Sitzbank, gestiftet von der Basler Kantonalbank aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums 2014. Mein Bänklisammlerherz schlug hoch!

Schwüle Luft trieb mir schon seit gut einer Stunde den Schweiss aus den Poren. Nach den verregneten letzten zwei Tagen dennoch eine Genugtuung, auch im Wissen darum, dass es zu Hause im Gürbetal pausenlos regnete. Vom Osthang des Blauen wechselte ich im Wald auf die Nordseite und stieg über den aussichtsreichen Amselfels, die Kantonsgrenze BL/SO überschreitend, nach Witterswil hinab. Kurz zuvor holte mich eine kühle Regenzelle ein, die mich für ¾ Stunden zwang, die Regenkluft zu montieren. Der Jura lag bereits hinter und das Birsigtal vor mir, als die Sonne wieder hervortrat und ich die Regenmontur wieder ablegen konnte. Ich näherte mich unweigerlich der komplett bebauten Basler Agglo, beginnend mit Therwil, wo es zwischen der naturbelassenen Birsig und Schrebergärten im Samstagsmodus weiter nordwärts ging. Auf Fusswegen und Quartierstrassen erreichte ich schliesslich das Wasserschloss Bottmingen. Ich war sogleich hin und weg.

Das Schloss aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den wenigen erhaltenen Wasserschlössern in der Schweiz. Erstmalige Erwähnung fand es 1363 als Besitz der Kämmerer, eines bischöflichen Dienstadelsgeschlechts, das als mutmassliche Erbauer gilt.

Trotz der Barockisierung ist der mittelalterliche Charakter vor allem durch den Grundriss zu erkennen. Im Gegensatz zu den Wasserschlössern Schloss Hallwyl oder Hagenwil fehlt dem Schloss ein Bergfried. Daraus ergibt sich eine Verwandtschaft zu dem burgundisch-savoyischen Burgentypus mit turmbewehrtem Viereck. Johannes Deucher verwandelte 1720 das Schloss Bottmingen in einen Landsitz des französischen Frühbarocks, der beinahe vollständig erhalten blieb. Neben der Aussenarchitektur zeugt auch das Treppenhaus von diesem Baustil. Unter Martin Wenk setzte sich 1780 das Rokoko durch, das am kostbaren Stuck im Steinsaal ersichtlich ist. Wenk liess auch den Südostwinkel bis auf das Hofniveau abtragen. Er dient heute als Gartenterrasse. Heute wird das Schloss Bottmingen als Restaurant und für Bankette, Hochzeiten und andere festliche Anlässe verwendet.

Schloss Bottmingen. Stich von Daniel Meisner, 1625.


Wegen des eher zweifelhaften Wetters war der als Gartenrestaurant genutzte Innenhof komplett menschenleer, sodass ich freie Fotoschussbahn hatte. Wenig später, die Stadt Basel lag nun nur noch wenige Gehminuten entfernt, spielte eine Blaskapelle einen munteren Marsch. Wow, welch eine Begrüssung für den Nordkap-Wanderer! Nun, die Musik spielte leider nicht zu meinen Ehren. Ich war bei der römisch-katholischen Kirche von Binningen mitten in eine Hochzeitsgesellschaft geraten. Eine schräge Begegnung: Ich, verschwitzt und mit dreckigem Beinzeug; die Hochzeitler, allesamt schick gekleidet, bis auf den jungen Dirigenten. Er trug giftig-grüne Turnschuhe und eine Lederjacke aus der unten das offene Hemd hervorlugte.

Mein Ziel war nun nicht mehr weit. Am Freibad «Sonnenbad» vorbei senkte sich der Weg in einen Park hinab, nach dessen Durchquerung ich den Kanton Basellandschaft verliess und auf der Gundeldingerstrasse endgültig in der Stadt Basel angelangt war. Zum Bahnhof war es bloss noch einen Katzensprung. In der Sempacherstrasse gelangte ich an einer Kleiderreingung vorbei. An der Schaufensterscheibe las ich NORGE 061 361 74 52. Norge ist der norwegische Namen für Norwegen. Dass das Land auch über eine Telefonnummer verfügt, fand ich sehr sympathisch.

Fotos von dieser Etappe gibt es hier.

Mord in Wald AR

Jon Durschei: Mord in Wald AR, orte
Verlag, Schwellbrunn, 2010
Die sieben bisherigen Kriminalromane des zurückgezogen in Graubünden lebenden Schweizer Autors Jon Durschei sind Kult: Unzähligen Leserinnen und Lesern ist der darin ermittelnde Pater Ambrosius mit seinem menschlichen Mitgefühl und seinen Selbstzweifeln ans Herz gewachsen, ebenso die eigenwilligen, oft etwas randständigen Figuren, mit denen er es zu tun bekommt. Und nicht zuletzt sind die Durschei-Krimis berühmt für die Genauigkeit, mit der sie die Atmosphäre und die Lokalitäten reizvoller, oft wenig bekannter Schweizer Gegenden beschwören. Nach mehreren Jahren liegt nun endlich ein neuer Roman der beliebten Serie vor: Darin verschlägt es Pater Ambrosius wieder dahin, wo er schon in seinen Anfängen als Detektiv einmal war, ins Appenzellerland, genauer nach Wald AR. Dort wird er in eine Geschichte verwickelt, in der eigenwillige Wirte und kuriose Frauen ebenso eine Rolle spielen wie zugewanderte deutsche Politikberater und liebeshungrige Ehegattinnen – und vieles andere mehr. (Klappentext)

AI: Rütegg, St. Anton AR: Wald (Girtannen, Rechberg, Hofguet, Erbsacher), Trogen, Heiden SG: Altstätten

14. Mai 2016

Die Vertriebene


Etwas verschüchtert blickt sie von ihrem temporären Versteck in die Linse. Kein Wunder, ich habe sie zuvor von ihrem Wachtposten in einer Quartierstrasse in Thuns Süden vertrieben. Hübsche Mieze!

13. Mai 2016

Abenteurerin um des Abenteuers Willen

Sarah Marquis: Allein durch die Wildnis,
Piper Verlag, München, 2015
Ein Abenteuer der Extreme. Im Mai 2010 bricht die Schweizerin Sarah Marquis zu einer gigantischen Tour auf: zu Fuss von Sibirien nach Südaustralien. Ein Abenteuer, das die zierliche Frau durch die karge mongolische Steppe, den üppigen Dschungel von Laos und den heissen australischen Busch führt – und das ihr alles abverlangt. Marquis kämpft sich durch Schnee und Sand, begegnet Wölfen und Schneeleoparden, erträgt Hunger, Kälte, Schmerzen und die Einsamkeit. Doch in der völligen Abgeschiedenheit erlebt sie zugleich eine bislang unbekannte, intensive Verbindung zur Natur, die alle Strapazen aufwiegt. (Klappentext)

Eine Expedition mit sonderbarem Plot. Sarah Marquis ist nicht, wie es der Text oben vermuten lässt, in einem Stück von Nord nach Süd gewandert. Vielmehr hat sie ihr Unternehmen in mehreren Abschnitten unternommen. Gestartet ist sie in der Mongolei, ging dann in China von Süd nach Nord, um dann erst nach Sibirien zu fliegen und dort die geplante Strecke zurückzulegen. Hernach flog sie nach Laos, durchquerte das Land nach Süden und sodann auch Thailand. Per Schiff gelangte Marquis nach Australien, um im Norden eine für den Leser nicht nachvollziehbare Route zu gehen. Dasselbe spielte sich im Südwesten Australiens ab, als sie von Perth in die Nullarbor-Ebene ging, wo die Reise beim angeblich einzigen Baum weit und breit endete, den sie Jahre zuvor bereits besucht hatte.

Eine verwirrende Reise, die uns Sarah Marquis hier auftischt. Dies wiederspiegelt sich auch in den Kapitellängen: Den Abschnitt durch Sibiriern hakt die Autorin in bloss acht Seiten ab, Thailand wird mit gut sechs Seiten bedacht. Und für Australien müssen 40 Seiten reichen. Als Leser erfahre ich zudem herzlich wenig über die Kultur der Länder. Das Wichtigste am ganzen Unterfangen ist Sarah Marquis selbst. Nach der Lektüre fragt sich der Leser, weiss ich nun wirklich mehr über die von der Frau durchwanderten Gegenden? Nicht wirklich, dafür habe ich einen vertieften Einblick in diese Berufsabenteurerin erfahren, die auch nur ihre Brötchen verdienen muss.

Sarah Marquis, geboren 1972 in einem 500-Seelen-Bergdorf im Schweizer Jura*, unternimmt seit zwanzig Jahren extreme Touren durch vielfach einsame Gebiete auf der ganzen Welt. Mit siebzehn durchquerte sie Zentralanatolien auf einem Pferd, reiste nach Australien und Neuseeland, wo sie das Laufen für sich entdeckte, wanderte in Patagonien und Französisch-Polynesien, fuhr Kanu in Kanada und brach im Jahr 2000 schließlich zu ihrem ersten grossen Abenteuer auf: der Durchquerung der Vereinigten Staaten von Amerika von Nord nach Süd, eine Strecke von 4260 Kilometern, die sie zu Fuss in vier Monaten bewältigte. Und weitere Touren folgten: In den Jahren 2002 und 2003 war sie siebzehn Monate lang in Australien und legte dort insgesamt 14 000 Kilometer zu Fuss zurück. 2006 wanderte sie in acht Monaten von Chile über Bolivien nach Peru (7000 Kilometer) durch die Anden. Alles in allem hat sie mittlerweile die Welt einmal zu Fuss umrundet.

* Es handelt sich hierbei um Montsevelier im Val Terbi, durch das ich vergangenen Mittwoch auf meiner Wanderung ans Nordkap gestreift bin.

12. Mai 2016

Über den Gipfel des Röstigrabens

Bevor sich allenthalben die Wolken ihrer Fracht entledigen, wollte ich die 6. Etappe meines Nordkap-Vorhabens unter die Füsse nehmen. Die Episode vom Montag hatte mich zusätzlich motiviert, dem Jura vor der angekündigten Sintflut die Aufwartung zu machen. Nun, ganz so psychedelisch ging es gestern auf dem Abschnitt von Courchapoix nach Zwingen im Laufental nicht zu und her.

Das Streckenprofil war dementsprechend banal: ein ziemlich flacher und monotoner Anmarsch nach Montsevelier, gefolgt von einem steilen und mitunter traumhaft anmutenden Aufstieg zum Welschgätterli, einem bewaldeten Übergang zwischen Jura und Solothurn, zwischen Deutsch und Welsch, nicht aber zwischen katholisch und reformiert. Als Fortsetzung wartete ein Abstieg in typischer Hügellandschaft à la Schwarzbubenland. Den Schluss bildete wiederum eine eher triste Hatscherei durch die skurrilen Industrieanlagen von Breitenbach und Büsserach. Im Gegensatz zu der als Monokultur verkommenen Landschaft, zeigte die Industriezone wenigstens einen Hauch kafkaesker Züge. Man beachte die Fotos!

Auf der Juraseite des Welschgätterli haben sich die Touristiker dieses Denkmal gesetzt.
Das Tagesziel Zwingen hatte auch nicht mehr zu bieten als depressive Bahnhoftristesse. Hallo SBB, hier wäre ein gröberer Relaunch dringend nötig. Gegen den Abriss des Bahnhofgebäudes wird der Heimatschutz bestimmt nicht intervenieren, genauso wenig wie gegen eine Neugestaltung des Bahnhofplatzes.

Fazit: Diese Etappe wird nicht als Burner in meine Wander-Annalen eingehen, immerhin habe indes ich die Sprachgrenze endgültig überschritten und werde mich bis Schleswig-Holstein mit der deutschsprachigen Kultur ausgiebig befassen können. Neu hinzugekommen ist nun auch der Kanton Basellandschaft, dies trotz des Berner Bären, der immer noch die Kantonsgrenzsteine ziert. Und selbst der Himmel hat artig dicht gehalten. Mann dankt.

10. Mai 2016

Jura psychedelisch

Auf dem Plain Fayen, hoch über der Klus Tiergarten (JU) werden psychedelische Reize aktiviert.


Es gibt Tage, da nimmt man sich viel vor, wacht am Morgen auf und dann fehlt auf einmal die Kraft, die Motivation, der Wille. Ein solcher Tag war gestern. Geplant war eine Dreitagestour mit Zelt. Geworden ist eine Tageswanderung. Immerhin blieb ich spurtreu und ging von Corcelles (BE) über den Raimeux ins Val Terbi. Ich ging also nordwärts, nordwärts Richtung Nordkap.

Müden Körpers und Geistes schritt ich in Corcelles den Berg hinan und wurde von der Natur auf eine wundersame Weise wach- und starkgerüttelt. Im Frühlingswald fiel rechter Hand einer der seltenen Jurabäche talwärts. Le Gore Virat nennt er sich. Noch nie davon gehört und doch erregte das Wässerchen meine Aufmerksamkeit. Weiter oben, der Weg führte über einen Holzsteg, kaskadierte der Bach über mehrere Stufen, in der Art einer grandiosen Touristenattraktion. Doch da waren keine Touris – nur ich und der Bach. Der Pfad zickzackte weiter den Steilwald hoch und die pittoreske Szene wollte und wollte kein Ende nehmen. Der krönende Abschluss bildete ein für Jura-Verhältnisse typischer Felsriegel – Wanderpapst Widmer würde von einem «Karl-May-Feeling» sprechen –, wo ich unter einem Überhang Stundenrast hielt.

Nur wenige Höhenmeter später der pure Kontrast. Eine Hochebene mit Wettertannen und weidendem Vieh. Das andere Gesicht des Jura: Viel Weide mit dem Blick auf die verföhnten Alpen und davor die erste Kette mit dem Hinter Weissenstein. Himmel, wie schnell der Wanderer doch vorrückt!

Auf dem höchsten Punkt des Mont Raimeux hielt ich erneut Rast. Immerhin befand ich mich auf über 1300 Metern über Meer und damit auf dem Kulminationspunkt des Schweizer Abschnitts meines gewagten Vorhabens. Daselbst befindet sich ein lächerlich klein scheinender Aussichtsturm, dessen Ersteigung mittels Leiter alles andere als lächerlich ist. In der Tat erweitert sich die Sicht – einmal hochgekraxelt – nicht unerheblich, insbesondere Richtung Westen zum Chasseral hin.

Im langgezogenen Abstieg nach Vermes – ich hatte inzwischen den Kanton Bern endgültig verlassen – erregte das an völlig unerwarteter Stelle gelegene Schloss Raymontpierre* meine Aufmerksamkeit. Ein mystischer Ort! Im Gegensatz dazu das Dorf Vermes – es nennt sich auf Deutsch Pferdmund –, das an diesem Montagnachmittag in Dämmerschlaf verfallen schien. Das Glanzlicht hier: die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Freskenmalereien in der Kirche. Der anschliessende Aufstieg zur Erhebung Plain Fayen war geprägt von einem Wald- und Naturlehrpfad, der mit unglaublich viel Herzblut seines Schöpfers entstanden sein muss. Keine kühlen Alutafeln beschreiben die Wunder der Natur, nein, individuell gestaltete Holztafeln und -täfelchen sind es! Und es sind deren viele! Hat man je so etwas im Lande der invasiven Themenwege gesehen? Hat man nicht, bin ich der felsenfesten Überzeugung. Hingehen und staunen!

Was nach Erreichen des Bergplateaus folgte war ein psychedelisches Schaulaufen durch Pink-Floyd'sche Waldpartien. Was die Natur hoch über der Klus mit dem sonderbaren Namen «Tiergarten» inszeniert, gehört eigentlich in jeden Baedecker oder Lonely Planet. Zum Glück verhält sich der Tourismus aber ziemlich mainstreamy, so dass meiner Wander-Trance nichts im Wege stand. Wenn das bis zum Nordkap so weiter geht, werde ich spätestens in Skagen, an der Nordspitze Jütlands, das Nirvana geküsst haben. Ein paar optische Eindrücke dieser Wanderung habe ich hier bereitgestellt.

* Der Nachkomme eines alten Delsberger Geschlechts, Georg Huge (†1608), liess dieses herrschaftliche Haus bauen: Er wollte sich der Verwaltung der Wälder und der umliegenden Weiden widmen, die er als Lehen vom Fürstbischof Jakob Christoph Blarer von Wartensee erhielt und wünschte, sich dem Vergnügen der Jagd widmen zu können. Man muss daran erinnern, dass die Fürstbischöfe aus Basel, die seit der Reform in Exil in Porrentruy lebten, gezwungen waren, ihren Vasallen mit der Pflege um ihre politische und wirtschaftliche Kraft zu betrauen. Somit war der Herr von Raymontpierre beauftragt worden, den guten Verlauf des Baumfällens auf dem Raimeux zu gewährleisten, dessen Holz die Giessereien des Bischofs im Birs- und Sornetal versorgte. In 1609, heiratete Anna Huge, Tochter des obgenannten Georg, Hans Jakob von Staal (1589-1657), ein Ereignis, das den Verkauf der Domäne an die Solothurner Dynastie der von Staal ankündigte. Hans Jakob von Staal, zukünftiger Banneret und Schultheiss, der die bedeutendste Persönlichkeit von Raymontpierre bleiben wird, zog sich viele Feinde in seiner Geburtsstadt Solothurn heran, da er seine feindselige Haltung gegen Frankreich verteidigte, was erklärt, weshalb er sich gerne in seinem Juraschloss oder in Delsberg zurückzog. Der Fürstbischof indes meinte, in Raymontpierre einen vorgeschobenen Posten gefunden zu haben, der bereit war, sich den Expansionisgelüsten des reformierten Bern zu stellen. 1623 gelangte die Gesamtheit des Gebiets an Hans Jakob von Staal und seinem Bruder Justus. Der Name der von Staal blieb mit ihm verbunden bis 1809. Im Jahr 1944 schliesslich, nach mehreren Besitzerwechseln, wurde das Schloss von der Fabrik Dozière AG von Delsberg erworben, die es erneuerte.

Das Schloss setzt sich aus dem herrschaftlichen Haus, der Kapelle und den gemeinsamen Räumen innerhalb eines viereckigen Bereichs zusammen, der an den Ecken durch kleine Rundtürme verteidigt wurde. Durch seine Form verbindet sich Raymontpierre mit den herrschaftlichen Häusern zeitgenössischer Konstruktion – wie z.B. das Schloss A Pro in Seedorf oder Greifenstein im Kanton St. Gallen – bei dem der Verteidigungscharakter weniger Wert zukam als das Symbol der allgemeinen Bekanntheit und des hohen Rufs seines Besitzers. Die zwei Rundtürme, die an den Ecken der Mauer an der Hofeseite stehen, sind ein Wiederaufbau auf alten Grundmauern. Ins Innere gelangt man durch ein gewölbtes Tor, welches das Datum von 1596 trägt sowie die Wappen, die das Symbol des Steinmetzes einrahmen. Man erkennt beim ersten Blick die Kleeblätter und das Band der Familie Huge de Raymontpierre und auf dem anderen die Tanne der Familie Nagel. Beim Eingang bemerkt man zudem links eine kleine durchbrochene Arkadenkonstruktion und rechts in der Ecke der Mauer die kleine zeitgenössische Kapelle mit ihrem Glockenturm. Das Fenster weist einen gotischen Fries auf, denselben Stil der verdoppelten Fenster: die Drillinge wie auch die die Rangfenster, die die südliche Seite des herrschaftlichen Hauses charakterisieren. Zwischen zwei Fenstern des Stockwerkes steht ein Relief von 1623 mit den Wappen der Raymontpierre und der von Staal mit zwei in Latein verfassten Inschriften:

Unser Schicksal ruht in Gotteshand

Die Edelleute, Johann Jakob und Justus Staal, Brüder, Solothurner von Geburt an, wurden Erben und zum Teil die Erwerber von Raymontpierre.

Diese Plakette erinnert an die Übertragung der Herrschaft von Raymontpierre an die Familie von Staal. Ein Korridor geht vom Eingang im Süden weg und führt zur anderen Fassade, wo ein Treppenturm in Hufeisenform zum darüber gelegenen Stockwerk führt. Beiderseits versorgt der Gang im Erdgeschoss die Küche und den Keller und im ersten Stockwerk die Zimmer und die Appartements, die unter anderen Zimmern den «Rittersaal» mit einem geschmückten Kamin von 1595 und doppeltem Wappen des Konstrukteurs und seiner Frau Aloysia Nagel enthalten.

7. Mai 2016

Treppab





Beim Runtersteigen entdeckt der Fotograf die Katze und die Katze den Fotografen. Beide halten inne. Die Katze sitzt ab und ich drücke ab.

5. Mai 2016

M&M

Ob sich die beiden Frauen kennen? Da ist Marianne aus Urdorf, dort ist Monika aus dem benachbarten Schlieren. Beide senden sie mir regelmässig Fotos von Sitzbänken zu, die dann ab und zu in diesem Blog auftauchen. Ich finde das süss: M&M, die Bänklisammlerinnen aus der Zürcher Agglo.

Von Monika stammen diese zwei im Toggenburg entdeckten Sinnsprüche.


Marianne stiess vor der Bäckerei Gehr in Herisau auf dieses originelle Exemplar.

4. Mai 2016

Ein Kanal von der Broye an die Aare?

Vor über 350 Jahren geisterte eine Idee durch die Köpfe von Wasserbauingenieuren und Schiffsleuten: Ein direkter Wasserweg zwischen Nordsee und Mittelmeer. Der Einfall ist bestechend. Der Neuenburgersee ist via Aare (früher mit dem Abschnitt Meienried bis Nidau über die Zihl) und Rhein direkt mit der Nordsee verbunden. Und vom Genfersee aus erreicht man über die Rhone das Mittelmeer. Mit einer Konzession der Berner Regierung in der Tasche, nahm sich Elie Gouret (1586 –1656), ein hugenottischer Baron aus der Bretagne, der Sache an und wollte zwischen Neuenburger- und Genfersee einen Kanal bauen. Die Arbeiten wurden 1638 aufgenommen – und blieben 1648 stecken. Der Canal d’Entreroches wurde nie fertig gestellt. Dabei fehlten lediglich 13 Kilometer bis zum Genfersee hinunter. Um die 59 Höhenmeter zu überwinden, wären aber 40 Schleusen nötig gewesen. Dies überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Barons. Das beendete Kanalstück von Entreroches bis Yverdon diente immerhin bis 1829 dem regionalen Verkehr.

Besagter Kanal war mir schon seit Jahren ein Begriff. Am 11. April 1991 wanderte ich von Eclépens nach Yverdon und folgte hierbei dem ehemaligen Bauprojekt. Dass Mitte des 17. Jahrhunderts durch das Grosse Moos ebenfalls ein Kanal gebaut und tatsächlich auch betrieben wurde, habe ich erst kürzlich entdeckt. Die Rede ist vom sogenannten Aarberger-Kanal. Als die Berner Regierung noch an den Erfolg des Entreroches-Projekts glaubte, gab sie einen weiteren Kanalbau in Auftrag. Der Aarberger-Kanal sollte die Verbindung zwischen der Stadt Bern und der damals bernischen Westschweiz und – dank dem Entreroches- Kanal – zum Mittelmeer verkürzen. Der übliche Weg über Aarberg und Meienried, dann zihlaufwärts Richtung Bielersee und durch die Obere Zihl in den Neuenburgersee, war sehr umständlich; die Strecke zwischen Aarberg und Meienried galt zudem wegen des sich dauernd ändernden Flussbetts als gefährlich. Zwischen 1645 und 1647 wurden in der Folge zwischen Aarberg und der Broye vor deren Einmündung in den Neuenburgersee ein 15 Kilometer langer Kanal gegraben und fünf Schleusen gebaut. Zum Zug kam wiederum Elie Gouret, der Promoter des Canal d’Entreroches. Schon sehr bald entwickelte sich der Kanal aber zum Sorgenkind. Bereits zwei Jahre nach seiner Fertigstellung war er aufgrund des schlechten Baugrunds vom Zerfall bedroht. An den Schleusen mussten teure Unterhaltsarbeiten und Reparaturen vorgenommen werden. 1697 wurde die bis dahin wenig benutzte Anlage endgültig ausser Betrieb gesetzt. Heute sind davon kaum noch Spuren auffindbar.

Der «Aarberg Canal» auf der Dufourkarte von 1860 (vor der 1. Jura-Gewässer-Korrektion). Da war er noch eingezeichnet, obschon seit mehr als 150 Jahren nicht mehr in Betrieb (der besseren Lesbarkeit wegen in Rot).

Der Aarberger-Kanal auf der aktuellen Karte im Massstab 1:100 000, zum Vergleich nachgezeichnet.

2. Mai 2016

Da ist kein Weg

Einmal musste es ja soweit kommen, dass mir ein Landbesitzer den Durchgang verweigert. So geschehen anlässlich meiner letzten Wanderung. Vom ehemaligen Gwatt-Zentrum – es nennt sich seit der Gesamterneuerung nun Deltapark – widmete ich mich weiteren, noch nicht begangenen Wegen in der Gemeinde Thun. Die Route oberhalb des Glütschbachtals hatte etwas Verwirrendes und verlangte nach einer subtilen Planung. Auf der Südseite des Strättlighühels – ich war gerade dabei, in einen Feldweg abzubiegen – rief mir ein Mann hinterher, ob ich etwas suche. Nein, gab ich zurück, ich sei am Wandern, hätte soeben die Fortsetzung meiner Route entdeckt und zeigte auf den gut sichtbaren Wiesenweg.
«Das ist kein Weg», gab mir der Mann zu verstehen.
«Das ist doch ein Weg», beharrte ich auf meiner Wahrnehmung. 
«Da war noch nie ein Weg», nun wieder der Mann.
Über unseren Köpfen begann sich eine Sprechblase zu bilden mit der Aufschrift «Karl Valentin».
«Aber auf meiner Karte ist ein Weg eingezeichnet, und man sieht ja, dass das ein Weg ist», versuchte ich mein Glück.
«Da war und ist kein Weg.»
«Dann melden Sie es doch bei Swisstopo, damit die den Weg aus der Karte entfernen», riet ich meinem Gegenüber. 
«Das bringt nichts.»
«So so.»

Die gesamte Route der Wanderung. Roter Pfeil: der Weg, der keiner ist. Schwarzer Pfeil: Weg, den ich gegangen bin und auch keiner ist.

Luftaufnahme von Swisstopo. Roter Pfeil = kein Weg, schwarzer Pfeil = kein Weg

«Und übrigens, auf der Weide, über die Sie gekommen sind, ist auch kein Weg.»
«Ist aber auf der Karte vermerkt, dass da ein Weg ist.»
«Kein Weg!»
Dann wollte der Mann wissen, weshalb ich überhaupt hier sei, ob von der Stadt oder gar vom Kanton. Ich sei in privater Mission unterwegs, was er mir prompt nicht glaubte, es sich dann aber anders überlegte.
«Ach ja, um diese Zeit, können Sie nicht von einer Behörde sein», begann er zu kombinieren. Es war 17.40 Uhr ...
Ich erklärte ihm mein Projekt in der Hoffnung, er würde ein Einsehen haben und mich den Feldweg gehen lassen. Ich fragte deshalb noch, wie er denn einen Weg definiere. Er zeigte auf das nicht asphaltierte Zubringersträsschen, das von seinem Gehöft weg führte.
«Das hier ist ein Weg. Auf dem kann man fahren. Das dort aber ist kein Weg.»
«Dann ist es halt ein Pfad», sagte ich. Genau so gut hätte ich ihn in den Hintern treten und dann behaupten können: «Das war kein Tritt in den Arsch.»
Man sehe doch, dass dieser Weg, der keiner sei, ab und zu benutzt werde, monierte ich. Er würde mit dem Traktor das geschlagene Holz aus dem nahen Wald heranführen, erklärte er nun. Aber ein Weg sei das keineswegs. 
Er solle doch diese Nichtwege auf seinem Hoheitsgebiet mit einem Durchgangsverbot beschildern, empfahl ich ihm. Das sei zwecklos, antwortete er mir. Die Leute würden das sowieso missachten, namentlich die Biker. Dann folgten ein paar Müsterchen über unflätige Biker, die ihm offenbar das Leben besonders schwer machen. Ich war aber zu Fuss hier und wollte bloss den auf einer amtlichen Karte verzeichneten Feldweg in friedlicher Absicht begehen. Die Situation war indes buchstäblich ausweglos. Wo kein Weg ist, scheint auch kein Wille, dachte ich und verabschiedete mich höflich von Herrn Griesgram.

PS1: Zu Hause angekommen ging ich der Situation noch einmal nach. Auf der neusten Ausgabe der Landeskarte 1:25 000 ist besagter «Weg» tatsächlich nicht mehr eingezeichnet. Der Feldherr ist also selbst nicht mehr ganz im Bilde. Auf der Luftaufnahme ist der «Weg» jedoch noch bestens zu erkennen. Der Weg, welcher vom Strättligturm zum Gehöft führt und auf dem ich hergekommen war, ist jedoch nach wie vor aufgeführt.

PS2: Ich bin mir bewusst, dass es ein öffentliches und ein privates Wegrecht gibt. Selbst wenn der Weg mit nicht öffentlichem Wegrecht im Grundbuch niedergeschrieben sein sollte, finde ich, dass der Landbesitzer in meinem Fall eine Ausnahme hätte machen können, denn dann, ja dann ... wäre diese Geschichte hier ganz anders heraus gekommen.

Die aktuelle Ausgabe der Karte 1:25'000. Hier ist der Weg (roter Pfeil) tatsächlich nicht mehr vorhanden,wohingegen der Weg vom Strättligturm nach wie vor existiert (schwarzer Pfeil).