22. November 2021

Betsy Berg

Christine Kopp: Betsy Berg, Eigenverlag, 2012
Nach dem 2009 erschienenen Buch «Schlüsselstellen» liegt nun ein neuer Band mit Kurzgeschichten aus den Bergen von Christine Kopp vor. Frech und frisch erzählen sie, wie Betsy Bern zu den Bergen kommt, was sie dort und unten im Tal erlebt und mit welchen Fragen sie sich auseinandersetzt.

«In den Bergen sucht Betsy Ablenkung und erlebt Freude und Ängste. Dort findet sie Gleichgesinnte, ja auch die Liebe. Sie stolpert, scheitert, steht auf und geht weiter. Schritt für Schritt. Ganz nach dem Zitat von Ingmar Bergman: ‹Älter werden ist wie auf einen Berg steigen: Je höher man kommt, desto mehr Kräfte verbraucht man, aber desto weiter sieht man›». (Klappentext)

19. November 2021

Die Broschüren

Sie liegen in Kirchen, in Museen oder in Tourismusinformationen auf: Broschüren zu lokalen Themen, zur Geschichte, zu Gebäuden, zu Ortschaften, Talschaften, Eisenbahnstrecken usw. usf. Ich liebe sie, diese handlichen und leicht in den Rucksack zu packenden Imprimate mit Inhalten, die oft nirgendwo im Internet zu finden sind. Hier eine Auswahl von Gelesenem.

Diverse Autoren: Eriz – zwischen Emmental und
Oberland, Fischer, Münsingen, 1981

Diverse Autoren: Burgistein, Gemeinde
Burgistein, Burgistein, 1991

Diverse Autoren: Die Öle in Münsingen,
Verein Freunde der Öle, Münsingen, 1995
Fridtjof Nansen: Mein Glaube, Hans Pfeiffer,
Hannover, 1970


 

 

Caroline Calame, Orlando Orlandini: Die unterirdischen
Mühlen des Col-des-Rochers, Fondation des Moulins
souterrains du Col-des-Rochers, undatiert


Tobias + Hans Tomamichel: Bosco/Gurin, das
Walserdorf im Tessin, Gesellschaft Walserhaus, Gurin

 

Werner Neuhaus: Aus der Geschichte der Gürbetalbahn, Selbstverlag, Belp, 1990

 

Heinz Baumann, Stefan Fryberg: Der
Sustenpass, Raststättegesellschaft N2 Uri AG
1996
Karl Ludwig Schmalz: Der berühmte Block
auf dem Luegiboden, 1986

Walter Zeitler: Die Bayerische Waldbahn,
Neue Presse, Passau, 1991


17. November 2021

Hundeherz

Kerstin Ekman: Hundeherz, Piper,
München, 2009
Die Luft ist schneidend, und die Fjällgipfel hüllen sich in Grau. In der einsamen Stille des nordschwedischen Winters verirrt sich ein junger Welpe und ist ohne seine Mutter und seine Menschen hilflos der Natur ausgeliefert. In seinem unterkühlten Körper flattert sein Herz gegen die Kälte und die Nässe wie ein Vogelflügel. Glück und Zufall verhindern, dass er schon in den ersten Tagen verhungert. Bald lernt er Gefahren besser einzuschätzen. Sein Jagdinstinkt erwacht, und es gelingt ihm, den Frühling und den Sommer zu überstehen. Bis er zu Beginn des nächsten Winters einem Menschen begegnet. Ist es vielleicht sein Mensch? «Hundeherz» ist eine mitreissende kurze Geschichte über die Natur, die Einsamkeit und das Leben. (Klappentext)

15. November 2021

Katzenbach

Isabel Morf: Katzenbach, Gmeiner,
Messkirch, 2012
Valerie Guts Hund fischt eine Babyleiche aus dem Katzenbach in Zürich. Es ist Luzia Attinger, die unter dem Ambras-Syndrom litt, ihr ganzer Körper ist von dunklen Haaren bedeckt. Das Kind ist aus dem Kinderwagen, der im Garten der Familie stand, verschwunden. Beat Streiff und Zita Elmer ermitteln. Hat die Mutter das Kind in den Bach geworfen, weil es den Anblick der Kleinen nicht mehr ertragen konnte? Als noch ein zweijähriger Junge verschwindet, geraten die Kommissare an ihre Grenzen. (Klappentext)

GR: Sils-Maria, Silsersee SG: Buchs, Stadt St. Gallen SZ: Einsiedeln ZH: Zürich-Seebach (Hauptschauplatz), Katzenbach, Stadt Zürich A: Innsbruck

12. November 2021

Vom Rebbau in Innertkirchen

Kürzlich drehte ich im Haslital eine prächtige Wanderrunde. Ausgehend von Meiringen besuchte ich als Erstes den Restiturm, ein mittelalterliches Relikt aus dem 13. Jahrhundert. Anschliessend folgte ich der orografischen rechten Tallehne, stieg auf dem alten Grimselweg kontinuierlich bergan, bis ich plötzlich hinter Bäumen einen kleinen Weiher entdeckte. Ich verliess den Weg und kam an ein idyllisch gelegenes Gewässer, bestückt mit Seerosen und einem Schilfgürtel. Im Hintergrund erhoben sich schneebedeckte Berge und davor, unmittelbar hinter dem Seelein ... Das kann nicht sein, dachte ich. Das sind doch nicht etwa ...? Doch! Es waren Rebstöcke. Also nichts wie hin, das musste ich sehen. 

Ging ich bislang davon aus, dass im Berner Oberland in Faulensee und Oberhofen die Rebbaugrenze erreicht war, musste ich mich hier eines Besseren belehren lassen. Ich tat es indes gerne, denn 1. befand ich mich hier an einem wunderbar gelegenen Ort, an dem es 2. ein Forsthaus mit Brunnen gab, und 3. war der Zeitpunkt für eine Pause gerade richtig. Wie aber kommt es, dass man ausgerechnet hier, mitten im Bergwald auf immerhin 850 Meter über Meer, Rebbau betrieb?

Der Weiher beim höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern.
Das Ganze ist einem Naturereignis der unerfreulichen Sorte zu verdanken. Anno 1990 fegte der Sturm Vivian durch die Lande und richtete im Wald der Gütergemeinde verheerende Schäden an. Im Anschluss an die Aufräumarbeiten wurde auf der Bodenfluh ein Fest veranstaltet, und weil an diesem Tag die Sonne so richtig auf die kahle Fläche brannte, machte die Idee die Runde, dass hier in diesem Föhntal eigentlich auch Reben gedeihen könnten. Bereits 1991 wurden dann die ersten 80 Stöcke Blauburgunder (Pinot noir) gepflanzt. Und nur zwei Jahre später konnten 80 Flaschen Aeppiger Wein an die Mitglieder des Weinbauvereins verteilt werden. In der Folge kamen weitere Rebstöcke hinzu, so dass heute 850 Stöcke das kleine Plateau hoch über der Aareschlucht bevölkern. Der Ertrag liegt im Schnitt bei rund 600 Flaschen, je nachdem, wie Frost und Hagel den Schösslingen jeweils zusetzen. Der mittlere Öchslegrad beträgt 78. Jene Trauben mit dem geringsten Zuckergehalt gehen in die Brennerei und werden zu Grappa verarbeitet. Und noch etwas: Der Innertkircher Weinbauverein Aeppigen darf für sich in Anspruch nehmen, den höchstgelegenen Rebberg im Kanton Bern zu bewirtschaften.

Ein Hauch von Wallis im Haslital: der 850 Stöcke zählende Rebberg oberhalb Innertkirchens.
Die Fortsetzung meiner Wanderung führte mich in Richtung Gadmertal nach Wiler, von wo ich über Innertkirchen und dem schattigen Geissholz zurück nach Meiringen fand. Wohltuend waren nicht nur das Begehen der mitunter urtümlichen Fusswege, wohltuend war auch die Stille am Sustenpass und in Innertkirchen.

6. November 2021

Mit Volldampf nach Festiniog

Hansrudolf Schwabe: Mit Volldampf nach
Festiniog, Pharos, Basel, 1978
Die Festiniog-Bahn (Festiniog Railway, Rheilfford Ffestiniog) in Nord-Wales, eine der ältesten Schmalspurbahnen der Welt, führt vom Meerhafen Porthmadog 20 km weit nach Tan-y-Grisiau ins Waliser Schieferminengebiet hinauf. Der Ausbau der ursprünglichen Strecke nach Blaneau Ffestiniog ist in Arbeit. Die Bahn mit der Spurweite von 1 Fuss 11½ Zoll (rund 60 cm) wurde 1832 gegründet, 1836 eröffnet und seit 1863 mit Dampflokomotiven befahren. Seit 1954 ist der Wiederaufbau durch jugendliche Freiwillige im Gang. Unser Buch beschreibt ihn in der Geschichte des Heizers und Lokführers Tom und seiner Kollegen. Ist es ein Jugendbuch oder ein Eisenbahnbuch? Wir möchten sagen: beides! Es ist allen jungen und junggebliebenen Eisenbahnfreunden gewidmet.

Hansrudolf Schwabe, der Verfasser dieses Buches, ist von Beruf Verleger, Buchhändler und Druckereibesitzer in Basel. Daneben ist er begeisterter Eisenbahnfreund und hat schon mehrere Bücher über seine Vorliebe geschrieben. 1942: Die Sissach–Gelterkinden-Bahn. 1948: Der Staatsbetrieb der Schweizer Eisenbahnen. 1954: Die Entwicklung der schweizerischen Rheinschifffahrt. 1954: Die Basler Rheinhäfen. 1974: Schweizer Bahnen damals – neue Folge. 1978: Lokomotivmodelle unter Dampf. Die Festiniog-Bahn hat ihn vor allem wegen des grossen Aufbauwerkes durch junge Volontäre fasziniert. (Klappentext)

Moors Fazit: Ich habe das Buch zu Beginn der 1980er-Jahre gelesen und war von dieser Bahn so begeistert, dass ich 1987, anlässlich einer viermonatigen Fahrradtour von der Schweiz nach Irland und zurück, in Porthmadoc Halt machte und die Strecke nach Blaneau Ffestiniog mit dem romantischen Züglein befuhr.

4. November 2021

Im Fürstentum vom Winde verweht

Was tun, wenn du am Wochenende mit dem Zelt in den Bergen wandern möchtest und der Wetterbericht einzig für das St. Galler Rheintal passables Wetter vorsieht? – Ab ins Ländle!

Von der Walsersiedlung Steg machte ich mich an den Aufstieg in Richtung Rappasteinsattel. Je höher ich kam, umso gelber die Lärchen, umso stärker aber auch der Föhn. Bei der Alphütte von Gapfahl verkroch ich mich in ein halboffenes Nebengebäude, um einigermassem vor dem Wind geschützt zu sein.

Der Schlussaufstieg zum Sattel nahm der Windböen wegen zunehmemd Expeditionscharakter an. Die Föhnstösse waren derart ungestüm, dass ich mehrere Male zu Boden geworfen wurde. Zwanzig Höhenmeter unterhalb des Übergangs legte die Windkraft noch einmal an Stärke zu. Ich schaffte es dennoch bis hoch zum Grat. Hier hielt ich mich am Pfosten eines Weidezauns fest und spähte mit einem ziemlich unguten Gefühl hinab ins 1600 Meter tiefer gelegene Rheintal.

Der anstehende ausgesetzte Pfad liess mich nicht zweimal überlegen: Ich drehte mich um und stieg zum Obersäss der Alp Gapfahl ab. Mit derart widerlichen Bedingungen hatte ich bei der Planung nicht gerechnet, also musste spontan ein Plan B her. Weil ich nicht mehr allzuweit gehen wollte, stellte sich die Frage nach dem Wasser. Das meist aus Kalk bestehende Liechtensteiner Alpenland ist relativ wasserarm und auf praktisch allen Alpen sind die Brunnen mit einem Schild «Kein Trinkwasser» versehen. Ich hielt mich an einen auf der Landeskarte eingezeichneten Bachlauf, der tatsächlich etwas Wasser führte. Ich folgte ihm in Richtung seiner Quelle und fand einen Rundschacht, der als Quellfassung dient. Welch ein Glück!

Schöne, wenn auch etwas kurze Runde im oberen Saminatal (FL)
Vorerst galt es indes, einen geeigneten Biwakplatz für mein Ganzjahreszelt zu finden. Ich stieg ein paar Höhenmeter ab und wurde auf 1790 Meter fündig. Eine Stelle, die sowohl flach als auch einigermassen windstill war, wäre hier oben einem Lottosechser gleichgekommen! In aller Ruhe und peinlich darauf bedacht, nichts von meinem Hab und Gut dem tobenden Föhn zu überlassen, machte ich mich ans Aufstellen der Stoffhütte. Kaum sass ich drinnen, drückte eine Böe das Zelt derart zu Boden, dass ich um das Karbongestänge fürchtete. Es folgten weitere Angriffe auf mein Nachtlager, diesmal aus einer leicht anderen Richtung. Ob ich die Nacht in einem intakten Zelt beenden würde?

Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Hightech-Material zu vertrauen. Und so stieg ich also noch einmal zur Quellfassung hoch, wo ich mir 6½ Liter für Abend- und Morgenessen und den folgenden Tag holte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: 2½ Liter hätten füglich gereicht, denn ein Kochen war unter diesen Umständen schlicht unmöglich, da selbst im Zeltinnern viel zu gefährlich. Das Abendessen bestand dann lediglich aus einem Sandwich, ebenso das Frühstück. 

Vom späten Nachmittag an lag ich also im warmen Schlafsack und lauschte dem Wind. Ich versuchte herauszufinden, ob eine sich nahende Böe erahnen liess, was ich an dieser Stelle verneinen kann. Beeindruckend war jedoch, wie sich eine solche Böe in den über mir stehenden Lärchen auswirkte: als ohrenbetäubendes Orgeln! Zwischenzeitlich kam ich mir vor, als läge ich am Anfang einer Startbahn für grosse Düsenjets und käme die volle Ladung des Startschubes ab.

Nachdem es draussen Nacht geworden war, konzentrierte ich mich auf die Intervalle der Böen. Und siehe da, die Kadenz nahm tendenziell ab. Ich muss dann eingeschlafen sein, denn als ich einmal kurz aufwachte, war viertel nach Mitternacht und der Wind nur noch ein sehr laues Lüftlein. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir immerhin 7° Celsius Innentemperatur. Föhn sei Dank! Ich döste dann schnell wieder weg und verbrachte eine ungeahnt ruhige und komfortable Nacht, ehe anderntags der Föhn von einer Minute auf die andere seine Arbeit erneut aufnahm.

Langsam kletterte die Sonne über den Berg und erhellte meinen Abstieg zum Untersäss. Es bahnte sich ein wunderbarer Herbsttag an. Auf einem formidablen Fussweg, wie es sie im Ländle zuhauf gibt, wanderte ich dem Abschluss des Saminatals entgegen. Mein Plan B sah vor, via Alp Gritsch zur Tälihöhe zu traversieren und von dort nach Malbun abzusteigen. Hierbei gelangte ich für eine halbe Stunde auf einen mir vertrauten Abschnitt. Ich beging ihn am 11. Oktober 2010 anlässlich der 11. Etappe meiner Wanderung vom Kanton Schaffhausen ins Bergell, die ich später in Buchform unter dem Titel «Südwärts» beschrieb. Auch damals windete es ziemlich stark und zwar so, dass mir mein Sonnenhut vom Kopf gefegt und in den unerreichbaren Steilhang verfrachtet wurde. Klar doch, dass ich den Sonnenhut nun aus Sicherheitsgründen in der Hosentasche verstaut hatte.

Bei der sogenannten «Hötta» der Alp Gritsch fand ich eine windstille Nische. Stundenhalt. Skurrile Szene dann, als vor meinen Augen plötzlich ein Fahrradhelm über den Hüttenvorplatz kullerte. Er stammte von einer grusslosen E-Bikerin, die es sich bei diesen Bedingungen nicht nehmen liess, hier hoch zu fahren ... Henu, jedem und jeder das Seine. Dem Wanderer seinen Hut, der Bikerin ihr Helm.

Die Fortsetzung gestaltete sich als genussreiche Höhenwanderung im Rückenwindmodus. Am gegenüberliegenden Grat erkannte ich den Rappasteinsattel, die Stelle meiner gestrigen Umkehr. Im Nordosten zeigte sich der Alpstein mit Säntis, Altmann und den Kreuzbergen. Und kurz vor der Tälihöhe erblickte ich am Horizont den Glärnisch und rechts daneben das imposante Massiv des Mürtschenstocks.

Vom Übergang hinab durch das sogenannte Vaduzer Täli hatte ich einen schönen Tiefblick nach Malbun, dem Gstaad Liechtensteins, das sonderbarerweise zur Gemeinde Vaduz gehört. Fegte es mich am Pass oben noch einmal beinahe weg, war es nur wenige Meter unterhalb der Scharte komplett windstill. Was für eine Erlösung! Und was für ein schöner Weg entlang des Nospitz; dies trotz der Tatsache, dass hier ein Sessellift hochführt, der das Vaduzer Täli wintersportmässig erschliesst.

In Malbun angekommen machte ich mich sogleich auf die Suche nach dem Bus. Noch einmal blies mir der Föhn um die Ohren, indes nicht mehr lange, denn die Haltestelle lag gleich um die Ecke und ein abfahrbereiter Bus stand auch schon da. Unvermittelt stieg ich ein. Trotz der zwei kurzen Wanderetappen war ich ziemlich erschöpft und liess mich nun durch die schöne Herbstlandschaft des halben Fürstentums kutschieren, ehe mich in Sargans die Schweiz wieder hatte. – Eines sei indes gewiss: Ich werde wieder kommen in dieses kleinste Land weit und breit, denn es ist in vielerlei Hinsicht sehens- und begehenswert.

Eine Bildstrecke vom ersten Tag gibt es hier, und vom zweiten hier.

Nachtrag: Wie lustig das Fürstentum mitunter tickt, erlebte ich auf der Busfahrt zurück in die Schweiz. Als ich in Malbun mein Handy einschaltete, wies mich eine Meldung darauf hin, dass ich keine Daten empfangen könne, da ich die Roamingfunktion deaktiviert hätte. Aha! Mobiltelefonietechnisch war ich also im Ausland – ausgerechnet im Fürstentum Liechtenstein, einem Land, wo der Schweizer Franken als offizielles Zahlungsmittel gilt, einem Land, dessen Fussballiga in den Schweizer Ligen mitspielt, dann aber ein eigenes Nationalteam stellt; einem Land, dessen Wanderrouten nach den Normen der Schweizer Wanderwege ausgeschildert und markiert sind; einem Land, in dem das schweizerische GA gültig ist; einem Land, in dem Migros und Denner vertreten sind und zudem mit einem Zollvertrag an die Schweiz gebunden ist. Wie dem auch sei, ich wollte mich bis in Trübbach, wo wieder heimischer Boden erreicht sein würde, gedulden. Doch dann geschah ... nichts. Mein Handy blieb hartnäckig mit Sunrise-FL verbunden. In Sargans half dann nur noch ein Neustart des Gerätes, um auch telekommunikationstechnisch wieder im Land der begrenzten Möglichkeiten angekommen zu sein.

2. November 2021

Auf Wanderschaft mit Herrn Hirzel

Soeben von der Druckerei angeliefert worden: «Wanderungen in weniger besuchte Alpengegenden der Schweiz und ihrer Umgebungen». Alleine die ungewohnte Länge des Titels und die heute kaum mehr verwendete Pluralform von Umgebung verraten, dass es sich hier um ein älteres Werk handeln muss. In der Tat!

Im Jahr 1822 unternimmt Hans Caspar Hirzel mit einem Weggefährten eine Wanderung von Zürich zum Monte-Rosa-Massiv, dessen Umrundung sie sich zum Ziel gesetzt haben. Im Folgejahr zieht es den naturwissenschaftlich interessierten Hirzel in die Glarner und Schwyzer Alpen, wo er mehrere Gipfel besteigt. Was der Schwiegersohn des grossen Hans Conrad Escher von der Lindt zu berichten weiss, stellt in den heutigen Tagen von Gletscherschwund und alpinem Massentourismus ein wertvolles Zeitdokument dar.

Die zwei lesenswerten Berichte habe ich sprachlich behutsam überarbeitet, mit einem Vorwort und ein paar Ergänzungen versehen. Bestellt werden kann das Büchelchen in meinem kleinen Verlag, der Edition Wanderwerk.

26. Oktober 2021

Meine schönste Wanderung in diesem Jahr

Man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend und das Jahr nicht vor dem Silvester loben. Ich tue es an dieser Stelle trotzdem, denn ich wage zu bezweifeln, dass meine Wanderung vom 7. Oktober 2021 in den verbleibenden Wochen bis zum Jahresende noch zu toppen ist, (lasse mich indes jederzeit vom Gegenteil überraschen).

Die Tour fand im Rahmen einer Ferienwoche im Puschlav statt, die wettertechnisch nicht gerade unter einem guten Stern stand. Aber ist das Hotel einmal gebucht, so fährst du hin und machst das Beste draus. Und so regnete es also an Tag 1, an Tag 2 und auch an Tag 3, wo es oberhalb von 1700 Metern gar schneite. Für Tag 4 war dann die Überschreitung des Berninapasses geplant. Von der Lagalb ging es auf der rechten Talseite in erhöhter Lage Richtung Süden. Es lagen knapp 10 cm Neuschnee, und es wehte ein auffrischend starker Nordwestwind.

Auf der 12,7 km langen Strecke von Bernina Lagalb nach Sfazù gab es allerhand Wetter- und Landschaftsspektakel.
Alleine schon die Fahrt mit der Bahn von 1021 auf 2253 m über Meer war ein eisenbahntechnisches Schmankerl sondergleichen. In Lagalb angekommen stapften wir bei arktischen Verhältnissen über vereiste Wege bergan, derweil unten im Tal die roten Züge der Rhätischen Bahn über die kurvenreiche Strecke zwischen Inn und Adda krochen. Was für ein Bild! Dass bei solchem Wetter kaum jemand nach draussen geht, hatte unweigerlich zur Folge, dass wir uns den Weg durch den Schnee selber bahnen durften. Die ab und zu durchbrechenden Sonnenstrahlen setzten mal da und mal dort den einen oder anderen Berg ins Rampenlicht. Am Hangfuss lagen die berühmten Seen vom Berninapass: Lej Pitschen (der Kleine), Lej Nair (der Schwarze) und Lago Bianco (der Weisse). Von den Bergen beeindruckte am meisten der überzuckerte Sassal Mason, dieser gut 3000 Meter hohe Eckpfeiler zwischen Oberengadin und Puschlav, den bereits die Reisenden vor 200 Jahren in ihren Notizbüchern vermerkten.

Der garstigen Bedingungen wegen herrschte beim Hospiz etwas unterhalb der Passhöhe kaum Betrieb. Äusserst gespannt war ich auf den Abstieg ins Puschlav. Als erstes verschlug es mir bei der Geländekante, die den Blick in Richtung Süden frei gab, beinahe die Sprache. Was für eine erhabene Landschaft im Vorwintermodus! Ein guter Weg führte hinab zu Hochmooren und an die Baumgrenze. Innerhalb von wenigen Höhenmetern nahm die Schneehöhe derart ab, dass wir bald einmal auf aperem Weidegelände gingen. Erste Lärchen zeigten, etwas verhalten zwar, ihr goldenes Herbstkleid.

Die Alpensüdseite machte sich auf eine wohltuende Art bemerkbar, und der Unterschied zwischen dem beissenden Schneegestöber vom Morgen und der nachmittäglichen Sonne im Val da Campasc hätte nicht grösser sein können. Wir hatten uns eine Pause redlich verdient und machten es uns im Gras bequem, als es vom Gegenhang aus dem Lärchenwald pausenlos zu röhren begann. Mehr Bündnerland geht nicht, dachte ich mir, kaute mein Brötchen zu Ende und weiter ging's.

Dass die «Show Grischun» noch nicht zu Ende war, bewiesen dann die Ebene von Campasc, die unvermittelt auftauchende Schlucht im Val Becal und die massigen Gebäude von La Rösa, von wo es auf einer Mulattiera die nächste Geländestufe hinab nach Sfazù, unserem Tagesziel, ging. Eine wirklich gute Show hat in der Regel auch das passende Bühnendekor. Und selbst dieses fehlte nicht. Hoch über dem von Nordosten einmündenden Val da Camp (genau – jenes Tal mit dem weltberühmten Saoseosee) ragte im Hintergrund die Gipfelnadel des Piz dal Teo in den italienisch-schweizerischen Herbsthimmel, flankiert von schroffen Felsgräten. Eine Szenerie, die dieser denkwürdigen Wanderung einen unvergesslichen Abschluss bescherte, einmal abgesehen vom Feierabendbier auf der sonnigen Piazza in Poschiavo. Viva la Grischa!

Eine verständlicherweise ziemlich viele Fotos umfassende Bildstrecke befindet sich hier.


17. Oktober 2021

Jakobs Wanderungen

Jeremias Gotthelf: Jakobs Wanderungen,
Ex Libris, Zürich, 1982
Gotthelfs Roman Jakobs Wanderungen erschien 1846/47 in zwei Teilen und dem Titel «Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» und schildert das Schicksal eines wandernden Gesellen aus Deutschland, der in der Schweiz in den Strudel einer hoch politisierten Atmosphäre und politischer Unruhen gerät. Währenddem deutsche Handwerksvereine und exilierte Frühsozialisten unter den Gesellen agitieren, machen sich Schweizer Radikale die Berufung der Jesuiten an das Priesterseminar und die Höhere Lehranstalt des Kantons Luzern propagandistisch zunutze, um für den Bundesstaat zu werben. Der Roman ist der Versuch eines Panoramas der politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte der 1840er-Jahre. 

Anlass zum Roman war eine Anfrage Gotthilf Ferdinand Döhners (1790–1866), des Vorsitzenden des Zwickauer Volksschriftenvereins. Döhner suchte nach geeigneten belehrenden Volksschriften und erhoffte sich wohl einen typischen Handwerksroman, in welchem ein Junge durch Fleiss, Geduld, Ausdauer und christlichen Glauben zum Meister wird. Gotthelf lieferte dagegen eine Bekehrungsgeschichte. Im Zentrum steht nicht ein fleissiger Handwerksgeselle, sondern der lebensunerfahrene, leichtgläubige und hochmütige Handwerksgeselle Jakob, der auf seiner Wanderung über Basel, Zürich, Bern und Freiburg bis nach Genf gelangt. Schritt für Schritt zeichnet Gotthelf das Bild einer sittlichen Verrohung unter dem Einfluss der Agitatoren seiner Zeit, bis Jakob schliesslich in die Genfer Unruhen von 1843 verwickelt wird.

Erst hier verwandelt sich der satirische Roman über die Folgen politischer Agitation in einen Handwerksroman mit Aufstiegsmuster. Mit dem Tiefpunkt der moralischen Entwicklung der Romanfigur ist zugleich der Wendepunkt erreicht: Der Deutsche Jakob wendet sich vom politischen Geschehen im Gastland ab und kann, nachdem sich ihm die höhere Sittlichkeit (und Gott) in der Bergwelt des Oberlandes offenbart hat, allmählich sittliche Reife erlangen.

Schliesslich muss Jakob lernen, dass sein Bestimmungsort in der eigenen Heimat liegt. Die erwünschte Heirat im Haslital bleibt ihm verwehrt. So kehrt Jakob am Ende des Romans zu seiner Grossmutter nach Deutschland zurück, um dort gereift und geläutert ein sittliches Leben als Meister zu führen.

Während sich so der Roman im zweiten Teil dem Gattungsmuster des Handwerksromans annähert, bleibt das Erzählte doch über weite Strecken das Vehikel für eine politische Grundsatzdebatte, in welcher Gotthelf klarer als in irgendeinem anderen Text seine christliche Position gegen den politischen Radikalismus und gegen den Frühsozialismus bezieht. Zentrales Thema des Romans «Jakobs Wanderungen» sind die politischen Entwicklungen der 1840er-Jahre, die Gotthelf aus seiner kritischen Perspektive schildert. Dabei geht es – auch wenn Jakob teils in den Strudel der Ereignisse gerät – weniger um die tagespolitischen Verwicklungen als um die politische Grundsatzauseinandersetzung zwischen dem Christentum einerseits und den sich auf die Bibel berufenden neuen Ideologien des Sozialismus und Kommunismus. Einen kritischen Blick wirft er insbesondere auf die Mechanismen der politischen Meinungsbildung in deutschen Handwerksvereinen und stellt den in den 1840er-Jahren unter Zeitgenossen diskutierten Konzepten von «Kommunismus» und «Sozialismus» das Menschenbild einer christlichen Weltanschauung entgegen. Damit reiht sich der Roman in eine breite Auseinandersetzung mit dem Frühsozialismus ein.

Dies schien umso gebotener, als nicht wenige frühsozialistische Theoretiker ihre Gesellschaftsutopien als Verwirklichung der in der Bibel vertretenen Prinzipien verstanden. Gotthelfs Roman nimmt dabei Teil an einer Auseinandersetzung mit dem Sozialismus und Kommunismus um die Deutungshoheit in Fragen der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie in der Schweiz von zahlreichen Theologen in Reden und Schriften geführt wurde.

12. Oktober 2021

Montecristo

Martin Suter: Montecristo, Diogenes,
Zürich, 2015
Eigentlich möchte Jonas Brand nur sein Filmprojekt «Montecristo» verwirklichen. Doch dann gerät der Journalist immer tiefer in eine Sache, die grösser ist als jeder Blockbuster – mit immensen Folgen für unser Finanzsystem. (Klappentext)

BE: Stadt Bern  BS: Stadt Basel  GR: Prättigau  ZH: Stadt Zürich (Hauptschauplatz) Thailand: Bangkok

10. Oktober 2021

Alle meine Gemeinden

Geschafft! Mit der Durchquerung der Gemeinde Brusio (GR) stattete ich der letzten von 2395 Schweizer Gemeinden einen fussgängerischen Besuch ab.

Es war ein denkwürdiger Tag, dieser 5. Oktober 2021. Wenige Meter nach dem Wanderstart in Miralago, am Südende des Lago di Poschiavo, betrat ich den Boden der Bündner Gemeinde Brusio. Es war dies die letzte von insgesamt 2395 Kommunen, die ich im Rahmen meines Projektes «Alle Gemeinden der Schweiz» zu begehen hatte. Die knapp 12 Kilometer lange Route führte mich durch den untersten Teil des Puschlavs und für die letzte Stunde gar über italienisches Terrain hinab nach Tirano im Veltlin.

Dass ausgerechnet das für meine Verhältnisse abgelegene Brusio als Schlusspunkt des Projektes diente, war reiner Zufall. Ich fand indes, dass es ein würdiges Ende eines Unterfangens war, das immerhin 39 Jahre lang andauerte. So habe ich nun mehr oder weniger jede Ecke der Schweiz fussgängerisch besucht, doch angesichts der in den vergangenen 20 Jahren stattgefundenen Gemeindefusionen, bestehen nach wie vor weisse Flecken auf meiner Wanderkarte, insbesondere im Kanton Wallis oder in einzelnen Gegenden Graubündens. Und das ist gut so. Denn: Kommt Zeit, kommen neue Wanderfahrten in von mir bislang unerforschte Regionen.

2. Oktober 2021

Gehen, weiter gehen

Erling Kagge: Gehen. Weiter gehen, Insel,
Berlin, 2018
Er ist einer der grössten Abenteurer unserer Zeit. Er war am Nordpol und am Südpol, hat den Mount Everest bestiegen, aber er war auch tagelang zu Fuss in Los Angeles unterwegs und ist hinabgestiegen in die Unterwelt Manhattans. Er hat die Juan Fernández Insel vor Chile aufgesucht, um dort den höchsten Berg zu erklimmen – weil er in die Fussstapfen von Robinson Crusoe treten wollte. Aber auch als Städter ist er ständig unterwegs. Wochentags läuft er zu Fuss zur Arbeit, am Wochenende bricht er auf in die Natur, die gleich hinter der Haustür beginnt.

«Das Leben ist ein langer Fussmarsch», sagt Kagge. Dies kann ein riskanter Marsch über Gletscherspalten, aber auch ein Spaziergang durch einen städtischen Park sein. Der Effekt ist derselbe: Ein Glücksgefühl stellt sich ein, unsere Gedanken beginnen zu fliessen, unser Kopf wird klar, äußere und innere Welt gehen ineinander über, wir werden eins mit der Welt – im Gehen. Denn «der Kopf braucht Bodenhaftung, die bekommt er durch die Füsse».

Der Abenteurer und Weltenwanderer Erling Kagge hat sich auf eine meditative Reise begeben, Philosophen, Autoren und Weggefährten befragt und mit seinen Füßen die Welt ausgeschritten und vergrößert. Das können wir auch. Denn «alle Menschen sind geborene Entdecker».
(Klappentext)

20. September 2021

Die Spirale – Etappe 8

In 19,6 km von Belp-Steinbach nach Bern-Brünnen Westside.

Plötzlich knackte es im Unterholz. Es war viertel nach acht und ich im Cholholz oberhalb Belps, als der Orientierungsläufer auftauchte. Ich stand zufälligerweise bei einem Posten, den der Frühsportler nun aus dem Boden zog. Er hätte ihn falsch gesetzt und andere Posten auch. Der Alptraum eines jeden OL-Veranstalters, als den sich der Läufer nun entpuppte, ehe er sich von dannen machte.

Ich ging indes weiter bergan, kämpfte gegen feuchtes Gras und hoffte, bald dem Nebel entkommen zu können. Und in der Tat, bald schon drangen die ersten Sonnenstrahlen durch das Geäst und zauberten ein mystisches Bild in die Landschaft. Im Weiler Englisberg angelangt, wurde ich von freundlicher Wärme empfangen. Doch das Glück dauerte nicht lange. Eine halbe Stunde später erhielt der Wasserdampf wieder die Oberhand; und zwar bis ich kurz nach Mittag an meinem Ziel in Bern-Brünnen Westside eintraf.

Der 918 Meter hohe Zingghöch markierte den höchsten Punkt der knapp 20 Kilometer langen Route. Über eine triefendnasse Weide stieg ich ab in Richtung Schlatt. Meine Leichtwanderschuhe erwiesen sich als nicht mehr so wasserdicht, wie sie es einmal waren. Grummel.

Die unverhofft am Wegrand stehende Kirche der Evangelisch-methodistischen Kirche in Schlatt erinnerte mich daran, dass das in meinem Verlag erschienene «Zu Fuss von Frauenfeld nach London» des Methodisten-Pfarrers Jörg Niederer demnächst eine dritte Auflage erfahren wird. Vom Gotteshaus zum Fussballplatz des FC Sternenberg waren es nur ein paar Schritte. Der Viertligaklub nennt seine schattig gelegene Sportstätte nicht unbescheiden «Schlatt-Arena». Das stirnseitig zum Fussballplatz gelegene Beizli mit grosser gedeckter Terrasse verspricht fröhlichen Kickgenuss. Irritiert hatte mich jedoch ein Plakätlein, das auf ein Zuschauerverbot bei Trainings und Spielen von Kinder- und Jugendmannschaften hinweist. Echt jetzt?

Gasel als nächstes Zwischenziel. Wie an anderen Orten auch, haben hier liebe Menschen einen Bücherschrank aufgestellt. Ich konnte einmal mehr nicht widerstehen und unterbrach meinen Schritt. Die Ausbeute: Alex Capus' «Königskinder» sowie Ingrid Nolls «Hab und Gier» in der gebundenen Ausgabe von Diogenes. Himmlisch!

In Mengesdorf entdeckte ich gleich mehrere schmucke Häuser und Nebengebäude, die nur wenige Jahre vor dem Einmarsch der Franzosen anno 1798 erbaut wurden. Es folgte die Überschreitung des Mengesdorfbergs nach Herzwil und der anschliessende Abstieg ins Wangental. Welch ein Kontrast innerhalb einer halben Stunde! Moosiger Waldboden und landwirtschaftlich geprägtes Ambiente wichen brachialen Industriezonen, einer lärmigen Autobahn und unmittelbar angrenzenden Wohngebieten. Ein lebensfeindliches Revier, garniert mit Bauprofilen, die den letzten Grünflächen unmissverständlich den Kampf ansagen.

Zügigen Schrittes flüchtete ich aus dieser pedestrischen Enge an den scharfen Rand zwischen Urban und Agrar. Am Horizont zeichnete sich bereits mein Ziel ab: Der 2008 eröffnnete und von Daniel Liebeskind entworfene Konsum-, Schwimmbad- und Hoteltempel «Westside». 69 Ladengeschäfte beherbergt die architektonisch bemerkenswerte Baute, der ich einen Besuch nicht verwehren konnte. Mei war das skurril! Wo auf meiner Landkarte noch unverbautes Land eingezeichnet ist, tummelt sich heute das shoppingwütige Volk. Vom Nagelstudio über den Tiershop, den Gameshop, Denner, Migros, Decathlon, SportXX, Restaurants, Dutzende von Kleidergeschäften und -boutiquen bis hin zu Schickimicki-Parfümshops, ist alles da, was auch in der Berner Innenstadt zu haben wäre.

Nachdem ich auf allen vier Etagen meine Runde gedreht hatte, fehlte mir die Orientierung komplett. War ich von Belp bis zur Tempelpforte ohne einen einzigen Kartenlesefehler gelangt, wusste ich nun nicht mehr, wo der für mich relevante Ausgang war. Immerhin schaffte ich es beim zweiten Anlauf, zurück zum Vorplatz zu finden, wo ich mich schleunigst zur abfahrbereiten S-Bahn begab, um dem Grauen so schnell wie möglich den Rücken kehren zu können. Doch keine Angst: Westside, ich werde wiederkommen, und sei es bloss, um die 9. Etappe meiner zirkularen Forschungsreise rund um Bern in Angriff zu nehmen. Fotos zur 8. Etappe gibt es hier.

Der Projektstand (grün) nach 8 Etappen.


17. September 2021

Berner Affären

Hans Suter: Berner Affären, Emons,
Köln, 2016
Der Nationalrat einer Rechtspartei verliebt sich während der Frühjahrssession in eine Kollegin aus dem gegenrischen Lager. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht wird er in den Lauben der Marktgasse überfallen. Anderntags wird dort ein Junge tot aufgefunden. War es ein Unfall oder Mord? Fahnder Max Freuler, eben erst von Basel nach Bern gezogen, ermittelt im Farbnebel von Graffiti, Erpressung, Mord und Brandstiftung. (Klappentext)

BE: Stadt Bern und Umgebung (Hauptschauplatz) BS: Stadt Basel ZH: Stadt Zürich

10. September 2021

Niedergang

Roman Graf: Niedergang, btb, München,
2015

Ein junges Paar bricht zu einer Tour in die Schweizer Berge auf. André und Louise wollen hoch hinauf und scheinen für ihr Abenteuer gut gerüstet. Doch je näher sie dem Gipfel kommen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Als Louise aufgibt, ist das für André kein Grund, es ihr gleichzutun. Denn er will, ja er muss zu Ende bringen, was er einmal angefangen hat. (Klappentext)

Moors Fazit: Was ich nicht verstehe: Weshalb schafft es ein solcher Roman mit Platitüden, unrealistischen Landschaftsbeschreibungen, einer lapidaren Handlung sowie einem Ende, das der Titel schon vorgibt, in die Nomination für den Schweizer Buchpreis? Bin ich zu anspruchsvoll, oder ist das literarische Niveau nicht mehr dasselbe wie vor 10 oder 20 Jahren?

9. September 2021

Achtung Baby!

Michael Mittermeier: Achtung Baby!
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010
Jahrelang hat Michael Mittermeier auf der Bühne Spässe über junge Eltern gemacht. Vor Kurzem ist er selbst Vater geworden. Wie seine Tochter sein Leben verändert und worüber er jetzt lacht, erzählt er in diesem Buch.

«Achtung Baby!» ist ein wunderbar selbstironischer und herzzerreissend ehrlicher Bericht über eine Zeit im Leben, in der sich Gefühle von Stolz, Unsicherheit und Glück rasant abwechseln. Eins ist danach klar: Das Leben mit Kindern ist anders als man denkt, nämlich viel lustiger. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein mitunter zum Brüllen lutiges Buch. Wäre ja auch gelacht, wenn der Mittermeier bei diesem Thema nicht aus dem Vollen geschöpft hätte. Daher: beste Unterhaltungsliteratur für alle, egal ob Kindermuffel oder Kinder-Nerd.

8. September 2021

Die Spirale – Etappe 7

Mit der Rucksackfähre über die Aare: von Boll-Utzigen nach Belp-Steinbach.

Über fünf Monate sind es nun her, seit ich die letzte Etappe meiner Wanderspirale absolviert habe. Nicht, dass mir das Projekt etwa verleidet wäre, ganz im Gegenteil, doch die Route der Etappe 7 bedingte die Überquerung der Aare mit einem Boot, was angesichts der Wetter- und Hochwasserverhältnisse der vergangenen Monate ein Ding der Unmöglichkeit war.

Am vergangenen Sonntag waren die Gegebenheiten indes perfekt, so dass ich die Fortsetzung der Spirale an der Haltestelle von Boll-Utzigen in Angriff nehmen konnte. Unter einem Himmelblau der Superlative zog ich Richtung Dentenberg, den es zum zweiten und letzten Mal im Rahmen dieses Projektes zu überschreiten galt. Oben angekommen zeigten sich vor der splendiden Aussicht auf die Alpen ein in Weiss gedeckter Tisch mit Rednerpult, daneben ein Abendmahlskelch, eine Kerze und eine Vase mit Blumenbukett. Auf der Wiese hinter der pfarrherrlichen Anordnung mehrere Reihen Festbänke und ganz rechts ein aus Bläserinnen und einem Bläser bestehendes Kirchenorchester. Noch waren kaum Gottesdienstbesucher anwesend. Die Musikusse nutzten die Gunst der Stunde und übten noch das eine oder andere Stück.

Die Heile-Welt-Idylle wurde leider durch zunehmenden Autoverkehr getrübt. Alle wollten sie auf den Dentenberg, in die Beiz, zum Gottesdienst, zum Spazieren, zur Erholung. Da kam für mich der Ruf der Ebene gerade recht. Gemütlichen Schrittes stieg ich durch eine Wohnlage für Mehrbessere nach Rüfenacht hinab, überquerte daselbst einmal mehr die Geleise des «Blauen Bähnlis» und verschwand im morgenkühlen Hüenliwald. Das erfrischende Waldbad war nur von kurzer Dauer und der Asphalt des «Bahnhofsträssli» hatte mich wieder. Welch seltsamer Name einer Strasse, wo sich doch weit und breit kein Bahnhof befand. Nun, die Bezeichnung dürfte wohl aus früheren Zeiten stammen, wo das nahe Allmendingen über eine abseits des Dorfes gelegene Haltestelle an der Bahnstrecke Bern–Thun verfügte. Mitten im Ort dient heute eines der beiden ehemaligen Wartehäuschen als Unterstand für Buspassagiere. Auf dem Dach prangt das alte Emailschild der SBB-Haltestelle in weisser Schrift auf blauem Grund.

Hinter Allmendingen senkte sich der Weg hinab zur Autobahn A6, deren Lärm permanent auf die nähere und weitere Umgebung brandete. Ein letzter Abstieg führte mich an einen Seitenarm der Aare, diesem folgend ich schliesslich zur eigentlichen Aare gelangte. Mit leicht erhöhtem Puls nahm ich einen Augenschein der Szenerie, insbesondere von der Fliessgeschwindigkeit der Aare. Würde ich mit meinem Mini-Packraft das andere Ufer erreichen, ohne gleich kilometerweit abgetrieben zu werden?

Kribbelig wie ich war, begann ich auf einem Sporn das Raft von Hand aufzublasen. Dann noch kurz der wasserdichte Rucksack auf dem Bug festgezurrt, die Schwimmweste montiert und los ging's! Die Strömung hatte im Nu meine Nussschale gepackt, so dass ich mich mit dem Doppelpaddel hart ins Zeug legen musste. Ich gebe es gerne zu, am liebsten hätte ich das gegenüberliegende Ufer sausen und mich bernwärts treiben lassen. Die Vernunft gewann freilich die Oberhand, und ehe ich mich's versah, kam der Sporn, den ich zum Anlanden ins Auge gefasst hatte, in Griffnähe. Nach rund drei Minuten war der Spuk vorüber und schon lagen meine Siebensachen zum Trocknen an der Sonne.

Zurück auf der Spiralwanderstrecke gelangte ich strammen Schrittes in die Industriezone von Belp. Mei, was herrschte hier für ein Verkehr! Ich fragte mich, ob dies am Sonntagmittag immer der Fall sei, oder ob dies lediglich eine der vielen Auswirkungen des an diesem Tag stattfindenden Ironman-Switzerland-Rennens darstellte. Wenige Minuten vor meinem Ziel in Belp-Steinbach überquerte ich bei einem mit mehreren Verkehrspolizisten bestückten Kreisel die Rennstrecke und war glücklich, meinen seit langem fälligen «Duathlon» siegreich bestanden zu haben. Auf den kommenden sechs Etappen der Wanderspirale wird das Packraft indes zu Hause bleiben, ehe dann über den beschaulichen Wohlensee gepaddelt wird. Eine ausführliche Bildstrecke dieser 12,3 km langen Etappe gibt es hier.

In Grün das Ergebnis von 7 Etappen auf der Wanderspirale.

7. September 2021

Der zweite Nansen

Es ist an der Zeit, dass hier wieder einmal über meinen kleinen Verlag, die Edition Wanderwerk, berichtet wird. In letzter Zeit sind nämlich – von der Lokal-, National- und Weltpresse einmal mehr schnöde ignoriert – weitere Bücher erschienen. Es waren dies einerseits Neuauflagen, so zum Beispiel «Gehzeiten», «Rucksacktage» oder «Aargau rundum» als auch eine neue Publikation mit dem schönen Titel «Freiluftleben». Stammen die ersten drei Bände von mir selbst, handelt es sich beim letztgenannten Buch um ein Werk des legendären Norwegers Fridtjof Nansen:

 «Am nächsten Morgen ging es über das Filefjell weiter nach Bjöberg. Gerade als ich von Breistölen aufbrach, ging die Sonne auf und ergoss ihre Röte über das Nebelmeer und die Berggipfel, die wie weissrote Zelte aus dem Nebel aufragten. Das Tal, aus dem ich kam, lag ganz unter den Nebelwogen verborgen. Über der Berglandschaft aber spaltete sich der Nebel immer mehr und mehr, so dass die Sonne in breiten Streifen durchdrang, während einzelne warmgetönte Nebelfetzen um die Gipfel krochen.»

Fridtjof Nansen, der Mann der Tat, der zähen Energie, der Sieger über die Gewalten des Polareises, weist uns den Weg zur Gesundheit und Freiheit. Er ist ein Erzähler, dem man sich mit Freuden anvertraut. In seinen Reiseschilderungen aus Norwegen, Island und Jan Mayen, führt der Friedensnobelpreisträger den Leser zurück zur Natur. Nansens Erlebnisse werden ergänzt mit einem Aufsatz von mir zum Thema «Friluftsliv» (Freiluftleben) und einem Gedicht von Henrik Ibsen. Nach dem im Jahr 2016 erschienenen «Im Eise begraben / Abenteuerlust» ist «Freiluftleben» der zweite Titel, der in der Edition Wanderwerk veröffentlicht wird. Hier kann er auch direkt bestellt werden.

6. September 2021

Jaun im Greyerzerland

Diverse Autoren: Jaun im Greyerzerland,
Deutschfreiburger Heimatkundeverein,
Freiburg, 1989
Jaun ist in vielfacher Hinsicht einzigartig, eine Gemeinde und Pfarrei der Rekorde! Ist es da verwunderlich, dass auch die vorliegende Monographie einen Rekordumfang aufweist? Trotz des Umfangs wird vieles nur angedeutet, manches überhaupt nicht erwähnt. So müsste etwa die Geschichte Jauns, die hier nur in Ansätzen dargestellt wird, erst noch aufgearbeitet, die sprachliche Entwicklung zusätzlich untersucht werden und vieles weitere mehr. 

Ist Jaun ein Sonderfall? Ja und Nein! In Jaun leben wie überall Menschen, die sich im Alltag behaupten müssen, ihre Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freuden kennen. Doch trifft für Jaun und seine Bewohner vieles zu, das im Kanton einmalig und einzigartig ist : Jaun ist das höchstgelegene Dorf des Kantons und die einzige deutschsprachige Gemeinde im sonst französischsprachigen Greyerzbezirk. Die Jauner sprechen einen eigenen, nur ihrer Gemeinde vorbehaltenen Dialekt, der – auch dies einmalig im Kanton – klar erkennen lässt, dass die Alemannisierung Jauns aus dem Simmental erfolgt ist. Die alte kulturelle Verbundenheit mit dem Simmental und dem Saaneoberland wirkt auch im Hausbau, in der Siedlungsart und – im Fall der Alten Kirche – beim Kirchenbau nach.

Jaun hat einen Wasserfall, wie es im Kanton keinen zweiten gibt, und nützt die Wasser des Jaunbachs im einzigen privaten Elektrizitätswerk des Kantons zur Stromerzeugung aus. In
Jaun führte man Auto- und Motorradrennen zu einer Zeit durch, als man andernorts Autos noch kaum zu Gesicht bekam (und schaffte die Rennen wieder ab, als man andernorts erst damit anfing!). Aus Jaun stammen Schweizermeister im Skilanglauf und die ersten Eigernordwandbezwinger Deutschfreiburgs!

Pfarrei und Gemeinde Jaun haben bis heute die Gütertrennung nicht vollzogen. Gemeinde- und Pfarreiversammlun finden jeweils nacheinander am gleichen Abend statt. Der Kampf ums Überleben in einer Umwelt, die in ihrer Kargheit keine Geschenke macht und gar oft zum Feind wird (Lawinen!), prägte das Volk, kittete es zusammen und liess es in der Religion Halt finden. Ist es da verwunderlich, dass es in Jaun-Im Fang drei Kirchen und ebenso viele Mariengrotten gibt und die Pfarrei Priester, geistliche Brüder und Schwestern in einer Menge hervorgebracht hat, die ihresgleichen im Kanton sucht? Wohl aus dem gleichen Geist des Sichbehauptenmüssens heraus stellte Jaun immer wieder .auch. in Politik und Wirtschaft überdurchschnittlich viele Persönlichkeiten. 

Schon diese paar Hinweise mögen genügen, um aufzuzeigen, wie sehr Jaun einer Monographie würdig ist. Zwischen der Idee des Jaunbuches und der Verwirklichung vergingen allerdings mehrere Jahre. Das Festlegen der Themen und die Wahl der Autoren – wobei möglichst viele Einheimische zu Wort kommen sollten –, die Bereitstellung und Durchsicht der zahlreichen Manuskripte, die Redaktion und Drucklegung waren sehr aufwendig und arbeitsintensiv. Ich danke deshalb allen Autoren und Mitarbeitern nicht nur herzlich für den Beitrag, den sie an das Jaunbuch geleistet haben, sondern auch für die Geduld, die sie bis zur Herausgabe des Buches mit dem Redaktor hatten beziehungsweise haben mussten.

Beim vorliegenden Jaunbuch handelt es sich um einen Sonderdruck aus den gleichzeitig erscheinenden «Deutschfreiburger Beiträgen zur Heimatkunde», die vom Deutschfreiburger Heimatkundeverein herausgegeben werden. Allen, die zum guten Gelingen dieses Werkes beigetragen und mit ihrer finanziellen Unterstützung den Druck und die Herausgabe des Jaunbuches ermöglicht haben, sei ganz herzlich gedankt. (Vorwort von Moritz Boschung, Ehrenpräsident des Deutschreiburger Heimatkundevereins)