17. Januar 2022

Die Frau in den Dünen

Kobo Abe: Die Frau in den Dünen,
Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1984
Kobo Abe, Jahrgang 1924, erhielt für seinen Roman «Die Frau in den Dünen» 1960 den Yomiuri-Preis, die Verfilmung wurde 1965 in Cannes mit dem Kritiker-Preis ausgezeichnet. Als gebürtiger Tokioter, aufgewachsen in der Mandschurei, studierte Abe zunächst Medizin, um sich später ganz der Literatur zuzuwenden. Einflüsse von Poe, Dostojewski, Nietzsche, Heidegger, Kafka und Jaspers lassen sich in seinem Werk nachweisen.

Die ans Existentielle rührende Parabel von der Frau in den Dünen, die ebenso namenlos bleibt wie der Mann, der sich in ihre Welt aus Sand und Wind verirrt, kann auch als Schlüsselroman für die Bedingungen des Einzelnen in der japanischen Gesellschaft gelesen werden. Der westliche Leser fühlt sich unweigerlich an den Mythos des Sisyphos erinnert, wenn Abe den täglichen Kampf gegen eine nicht zu bezwingende Natur und ein nicht zu begreifendes Schicksal schildert. (Klappentext)

10. Januar 2022

Der Vergleich

Vergleicht eine zementierte Autostrasse mit einem Feldweg, eine asphaltierte Strasse mit einem Bergpfad: sie sind die Abbider verschiedener Kulturen, verschiedener Welten. Auf der einen Seite eine tiefe Lebensweisheit: ein den Weg begleitendes Bächlein, ein niedriges Mäuerchen, das Bildstöcklein, kühlender Schatten; auf der anderen Seite unbarmherzig harabbrennende Sonne, die Tankstelle, das heisere Geheul dahinsausender Autos, die Hast, die Ungeduld, unbarmherziger Egoismus.

Piero Bianconi, 1940

5. Januar 2022

Die Spirale – Etappe 10

Heute vor einem Jahr startete ich das Projekt «Die Spirale» am Zytglogge-Turm in Bern . Lagen damals etliche Zentimeter Neuschnee, so präsentierte sich mir an diesem 1. Januar 2022 ein komplett anderes Bild: Die Sonne schien vom stahlblauen Himmel auf eine komplett apere Landschaft. Frühlingshafte Temperaturen bis 15°C trugen dazu bei, dass ich auf dieser bislang längsten Etappe zeitweise arg ins Schwitzen kam. Waren diese drei mit Schnee gesegneten Dezemberwochen alles, was uns der Winter 21/22 zu bieten hatte?

Dabei begann der Tag bei eisigen Temperaturen und wie üblich an diesem Datum mit menschenleeren Strassen. Ich liebe das! Von Münchenbuchsee zog ich los, schaute als erstes bei der Büchertauschbörse am Bhnhof vorbei, wo ich mir ein ungelesenes Reclam-Büchlein mit Goethes Leiden des jungen Werther schnappte. Am Schloss verliess ich den Agglomerationsgürtel und tauschte diesen gegen den nahe gelegenen historischen Badweier Hofwil ein.

Die 20-Kilometer-Route von Münchenbuchsee nach Utzigen.
 Am Anfang des 19. Jahrhunderts schuf der Berner Philipp Emanuel von Fellenberg in Hofwyl unter anderem sein Bildungsinstitut für die Söhne höherer Stände. Auch die Leibeserziehung hatte für die künftigen Regenten Europas einen grossen Stellenwert im Bildungsangebot. Nachdem der Sohn eines bayrischen Generals beim Schwimmen im Moossee ertrunken war, liess von Fellenberg an dieser Stelle in den Jahren 1822/23 ein Schwimmbecken mit Sprungturm bauen. Es war das erste künstliche Schwimmbad in der Schweiz. In ganz Europa gab es vorher nur in Hamburg eine solche Anlage. Mit einer eigenen Quelle diente der Badweiher später auch dem Seminar Hofwil als Schwimmbad. 1971 genügte er aber den hygienischen Anforderungen nicht mehr. Der Kanton Bern als Eigentümer entschloss sich, die Anlage als Denkmal zu erhalten. Das bedingte eine Renovation des Badhauses und später auch der Sandsteinstufen, die aus finanziellen Gründen durch Betonelemente ersetzt wurden.

Es folgte der Golfplatz, wo ebenfalls tote Hose herrschte, was mir sehr zupass kam, konnte ich mich bei dessen Durchquerung sicher sein, nicht von herumfliegenden Golfbällen getroffen zu werden. Unweit dieses Areals, wo Menschen sich unbewusst der Lächerlichkeit hingeben, indem sie kleine Bälle in Löcher zu schlagen versuchen, unweit davon dann der Moossee, ein naturgeschütztes Überbleibsel, das wir einem Walliser zu verdanken haben: dem Rhonegletscher, der in der letzten Eiszeit bei Urtenen-Schönbühl einen Moränenwall zurückliess und sich so ein See, der Moossee eben, bilden konnte. Ein Kleinod und gleichsam Naherholungsgebiet mit Spazierwegen und einer schön gelegenen Badeanstalt. Die Idylle wird einerseits vom Lärm der nahen Autobahn arg getrübt, andererseits ist der Seegrund arg mit Pestiziden belastet. Tja.

Mit Schönbühl erreichte ich das zweite, nicht eben hübsche Agglodorf im Nordosten Berns. Ich erhöhte die Gehkadenz, um so schnell wie möglich an den Ortsrand und somit in die bewaldeten Ausläufer des Grauholzes zu gelangen. Welch wohltuender Gegensatz dann der schattige aber friedliche Forst! Ich schritt weiter zügig voran, um möglichst bald auf die besonnte Seite des Hügels zu gelangen. Hier empfing mich ein lichtdurchfluteter Laubwald in dem die Buche dominierte. Die rostbraunen Blätter bedeckten den Boden und malten so einen Teppich in die Landschaft, der seinesgleichen sucht.

Im Örtchen Hueb hiess mich ein grosses Plakat im Emmental willkommen. Emmental! So weit war ich also schon spiralgewandert. Auch wenn ich an meinem Ziel heute das Emmental wieder werde verlassen haben, bei der nächsten Umdrehung gelange ich wieder in dieses topografisch komplett zerfurchte Land usw. usf.

Langsam ging es nun ans Eingemachte. Auf einem steilen und glitschigen Karrweg arbeitete ich mich im Wald den Hügelzug empor, der das Krauchtal vom Lindental trennt. Oben angelangt, eine komplett andere Welt, in der tatsächlich das ganze Jahr über Menschen leben. Klosteralp nennt sich der idyllisch gelegene Flecken, wo ein paar Schafe unaufgeregt vor dem Hof herumgrasen. Ab hier führte ein schmaler und teilweise äusserst glitschiger Pfad auf dem Hügelgrat weiter, ehe eine scharfe Rechtsbiegung den steilen Abstieg zu den Höhlenwohnungen von Krauchthal markierte. An diesen für heutige Verhältnisse sonderbaren Behausungen bin ich mehrsmals schon vorbeigekommen und habe vor einiger Zeit in meinem Blog über die Entstehungsgeschichte der Wohnstätten berichtet.

Der heikle Abstieg hatte sich indes gelohnt, denn kurz vor der ersten Höhlenwohnung zeigte sich mir ein wunderbarer Blick auf das Dorf Krauchthal und die auf einem Felssporn gelegene Strafanstalt Thorberg. Unten an der Lindentalstrasse begann der letzte Abschnitt. Und ja, es ging wieder bergauf, ging in den Wald, südwärts. Südwärts der Aussicht entgegen, vorerst noch ein wunderbarer Pfad im Steilwald, an dessen Ende es mir beinahe die Sprache verschlug. Der Blick über den Rosshubel hin zu den Alpen, zuvor das, in leichten Dunst gehüllt, sich ausbreitende Mittelland. Und keine Menschenseele weit und breit.

Getoppt wurde die Schau einen Kilometer weiter, als ich auf den Rücken der Gumihöhe gelangte. Meine Kamera schluckte Megapixel um Megapixel. Vom Wetterhorn über das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau bis zur Stockhornkette, die Freiburger Voralpen und schliesslich dem Chassral: alles da! Alles in atemberaubender Schärfe. Selbst die Häuser der Stadt Bern zeigten sich von hier oben in einer erstaunlichen Klarheit. Da können mir sämtliche Silvester-Feuerwerke mit dem dummen Geknalle gestohlen bleiben. Was ich hier an diesem ersten Tag im neuen Jahr sah, erfüllte mich derartigem Glück, dass ich mich auf einmal fragte, ob dies ein gutes oder schlechtes Omen für die restlichen 364 Tage bedeutete.

Wie dem auch war und sei: Zwanzig Minuten nach dieser Panorama-Orgie wartete ich in Utzigen zufrieden auf das Postauto, das anschliessend in einem Höllentempo den Berg hinab nach Boll donnerte, wo mich das S-Bähnchen und somit der ganz normale Neujahrstag wieder hatte. Die Fotos zu all dem gibt es hier.

Die Spirale: In Grün die bislang absolvierte Strecke.


3. Januar 2022

Gefährliche Ferien – Die Alpen

Diverse Autoren: Gefährliche Ferien –
Die Alpen, Diogenes, Zürich, 2017
Ein Buch fürs Handgepäck oder für die Reise im Kopf – zu den höchsten Gipfeln und in die tiefsten Abgründe, die die Alpen zu bieten haben.

Die schwindelnden Höhen verführen zu riskanten Kletterpartien, zu Mordphantasien und zu Hochgefühlen, von denen man sich nur schwer erholt. Dabei werden Sie begleitet von Meistern krimineller und seelischer Abgründe wie Donna Leon, Wolfgang Herrndorf, Benedict Wells, Martin Suter, Alex Capus, Veit Heinichen, Jörg Maurer und vielen anderen. Mit einer Exklusivgeschichte von Thomas Meyer. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein 278-Seiter, der sich bestens eignet, neue oder alte Autorinnen und Autoren kennenzulernen. Wolfgang Herrndorf war für mich in diesem Fall eine Entdeckung!

2. Januar 2022

Albin

Peter Sarbach: Albin, Iszapfe Verlag,
Koblenz, 2003 (vergriffen)
Der Mundartroman «Albin» des Berners Peter Sarbach handelt von Liebe und Abenteuer, Verlieren und Finden, Seejungfrauen und dunklen Gestalten. Erstmals veröffentlicht der «freakige» Künstler Geschriebenes in einem Verlag, was ihn nicht zum Dilettanten, aber doch zu so etwas wie einem Anfänger macht. Mundart und ein oft burschikoser Ton machen das Lesen nicht immer einfach. Trotzdem nimmt einen die phantasievolle, märchenhaft naturalistische Erzählung für das im «Berner Barock» gestaltete Büchlein ein.

31. Dezember 2021

2021 retrospektiv

Das Jahr 2 im COVID-19-MODUS war wandermässig trotz aller Widerwärtigkeiten ziemlich ergiebig. Wenn auch nicht alle Vorhaben wie gwünscht vorangetrieben werden konnten, so darf der Schrittler mit der heurigen Ausbeute in grosso modo zufrieden sein. Und: Was nicht geworden ist, wird hoffentlich bald noch werden, wenn auch – nüchtern betrachtet – die virologische Lage ein Andauern der mühsamen Situation verspricht.

2021 unternahm ich insgesam 82 Wanderungen. Diese führten mich in die Kantone Waadt, Wallis, Bern, Freiburg, Neuenburg, Solothurn, Luzern, Jura, Aargau, Schaffhausen, Zürich, St. Gallen und Graubünden. Mit zwei Wanderungen im Fürstentum Liechtenstein und ein  paar wenigen Kilometern in Italien wagte ich gar den Schritt ins europäische Ausland. Nebst 4 Nächten in einem Hotel verbrachte ich deren 9 im Zeltbiwak. Insgesamt legte ich auf diesen 82 Wanderungen 1084,9 Kilometer zurück.

Alle 82 Wanderungen im Überblick. Um die Karte zu vergrössern, bitte anklicken

Die Projekte
Nach 39 Wanderjahren habe ich am 5. Oktober in Brusio die letzte noch verbleibende Gemeindebegehung vollzogen. Somit war ich in sämtlichen der 2395 Gemeinden (Stand 31.12.2012) zu Fuss unterwegs!

Weiter vorangetrieben habe ich die Besteigung sämtlicher Aussichtstürme der Schweiz. Hierbei sind 24 neue Begehungen hinzugekommen, dies, jeweils in Verbindung mit einer Wanderung. Und auch in diesem Jahr hat sich gezeigt, dass dieses «Turmsammeln» durchaus seinen Reiz hat, ist es doch weit mehr als ein profanes Abhaken künstlicher Objekte.
 
Ein vermutlich nie enden wollendes Vorhaben ist die Begehung aller Wanderrouten der Berner Wanderwege. Dennoch habe ich auch heuer nicht locker gelassen, nicht zuletzt deshalb, weil es sich einfach lohnt! Insgesamt war ich an 22 Tagen auf bislang unbeschrittelten Abschnitten unterwegs.
 
Gänzlich im Stich lassen musste ich mein Vorhaben, zu Fuss in Richtung Nordkap zu gehen. Was anno 2019 in Forbach, im nördlichen Schwarzwald endete, blieb auch heuer wegen der «Seuche» nicht weitergeführt.
 
Weil Not bekanntlich erfinderisch macht (siehe unmittebar oben), habe ich mir im vergangenen Jahr vier neue Projekte ausgedacht, die ich 2021 in Angriff genommen habe. Am 1. Januar ging es bereits los mit dem Projekt Wanderspirale. Ausgehend vom Zytgloggeturm in Ben drehe ich im Abstand von jeweils zwei Kilometern eine Spirale um die Landeshauptstadt. Anvisiertes Ziel ist mein Wohnort Burgistein. Bislang sind 9 von 48 Etappen und 152 von 816 Kilometern absolviert worden.
 
Das zweite neue Vorhaben verfolgt die Idee, die Schweiz vom Genfer- zum Bodensee im Wald zu durchqueren. Da es zwischen diesen beiden Seen keinen durchgehenden Wald gibt, habe ich eine Route ausgeknobelt, die so oft, wie es irgendwie geht, in bewaldetem Gebiet verläuft. Start des Projektes war am 24. April in Lausanne, von wo ich es in zwei Tagen – Zeltübernachtung im Wald inbegriffen – nach Lucens im Broyetal schaffte.

Seit der Umrundung der Kantone Aargau und Zug hege ich eine spezielle Verbindung zu Land und Leuten dieser Gegenden. Um nun einmal einen französischsprachigen Kanton mit der Bewanderung seiner Grenze zu beehren, habe ich das Projekt Neuchâtel lanciert. Ausgehend von der Stadt Neuenburg umrunde ich den schönen Jurakanton im Gegenuhrzeigersinn. Die erste Etappe von Neuenburg nach Le Landeron ist bereits vollbracht, und ich habe im Zuge meiner Recherchen bereits viel über den einst unter preussischer Herrschaft stehenden Kanton erfahren.

Der Start zum vierten neuen Vorhaben stellte gleichzeitig die letzte Wanderung in diesem Jahr dar. «Das Wanderrad von Langenthal» nennt sich das Projekt und beinhaltet insgesamt 16 Wanderungen. Die Hälfte davon führen vom Langenthaler Bahnhof in alle gängigen Windrichtungen, also N, NO, O, SO, S etc. Jede dieser 8 Wanderungen ist ungefähr gleich lang und bilden somit die Speichen dieses Wanderrades. Die zweiten 8 Wanderungen bilden die Felge und verbinden alle 8 Endpunkte der ersten 8 Wanderungen. Auf der Karte sieht dies dann so aus:


29. Dezember 2021

Das Wanderrad von Langenthal

Die Idee kam mir neulich auf meiner Spiralwanderung rund um Bern: Acht mehr oder weniger gleich lange Wanderungen von einem zentralen Punkt aus. Die Wanderrouten richten sich nach der Windrose von N, NO, O, SO, S, SW, W bis NW. Also quasi das Gegenteil einer Sternwanderung, bei der in der Regel von verschiedenen Punkten an einen zentralen Ort gegangen wird. Sofort war für mich auch klar, dass ich nicht von einer Sternwanderung sondern von einer Strahlenwanderung sprechen würde.

Wieder daheim, machte ich mich umgehend an die Planung. Von entscheidender Bedeutung war der zentrale Punkt. Dieser musste zwangsläufig im Mittelland liegen, wollte ich mich doch nicht mit unwegsamem und steilem Gelände befassen. Und auch stehende oder fliessende Gewässer sollten das Unternehmen nicht zu stark einschränken. Diese minimalen Anforderungen brachten mich bald einmal zur Lösung: Langenthal sollte den Ausgangspunkt darstellen. Die von hier ausgehenden, in die genannten Windrichtungen führenden Luftlinien bemass ich mit 10 km Länge. Am Ziel sollte selbstverständlich eine Anbindung an den öffentlichen Verkehr bestehen.

Die exakte Festlegung der acht Routen erfolgte dann mit Hilfe der digitalen Landeskarte SwissMap 25. Die Strecken sollten möglichst nahe der Luftlinie verlaufen. Mit wenigen Ausnahmen liessen sich eine Bahn- oder Bushaltestelle am Ende der jeweiligen Strecke finden. Wo dies nicht der Fall war, verkürzte oder verlängerte sich das Ganze. Am Ende hatte ich folgende Etappen elaboriert:

  1. Langenthal – Oberbuchsiten • 15,7 km
  2. Langenthal – Gländ • 14,5 km
  3. Langenthal – Richenthal • 16,8 km
  4. Langenthal – Gondiswil • 15,3 km
  5. Langenthal – Walterswil • 15,2 km
  6. Langenthal – Hermiswil • 12,6 km
  7. Langenthal – Wangenried • 11,9 km
  8. Langenthal – Niederbipp • 12,0 km

Dies ergab auf der Karte folgendes Bild:


Da fehlt noch etwas, dachte ich, als ich mir diese «Strahlen» zum ersten Mal im Gesamtüberblick besah. Und was lag näher, als die Enden noch miteinander zu verbinden, so dass aus den Strahlen Speichen und dem Ganzen schliesslich ein Rad wurde. – Also habe ich noch einmal acht Etappen geplant:

  1. Oberbuchsiten – Niederbipp • 11,2 km
  2. Niederbipp – Wangenried • 12,6 km
  3. Wangenried – Hermiswil • 12,9 km
  4. Hermiswil – Walterswil • 14,4 km
  5. Walterswil – Gondiswil • 12,0 km
  6. Gondiswil – Richenthal • 14,6 km
  7. Richenthal – Gländ • 13,8 km
  8. Gländ – Oberbuchsiten • 13,2 km

Und somit war das «Wanderrad von Langenthal» geboren!



Aus wandertechnischer Sicht fällt auf, dass alle 16 Wanderungen mehr oder weniger gleich lang sind. Zeitliche Unterschiede ergeben sich durch die unterschiedliche Topografie. In geografischer Hinsicht werden mit die Touren in die Kantone Bern, Aargau, Luzern und Solothurn führen. Hierbei durchstreife ich nicht nur die Ausläufer des Emmentals sondern auch das Mittelland und selbst ein kleines Stück Jura. Anhand der beiden Etappengruppen (Speichen und Felge) ist ersichtlich, dass sich die Reihenfolge der Speichenwanderungen (total 114 km) nach dem Uhrzeigersinn und die Felgenwanderung (total 114,7 km) gegen den Uhrzeigersinn richtet.

An einem düsteren 27. Dezember 2021 machte ich mich nun zum ersten Mal auf den Weg und ging von Langenthal nach Oberbuchsiten. Über meine optischen Eindrücke berichtet eine ausführliche Bildstrecke mit viel Schmunzel- und Kopfschüttelpotenzial.

17. Dezember 2021

Bestseller

Isabelle Flükiger: Bestseller, Rotpunkt,
Zürich, 2013
Die Ich-Erzählerin träumt davon, einen Bestseller zu schreiben, muss fürs Erste aber noch einem Job im Kulturbetrieb nachgehen. Während ihr Freund als angehender Lehrer gerade in seinem Idealismus von der harten Realität ausgebremst wird. Zusammen warten sie darauf, dass das richtige Leben beginnt – und ahnen doch, dass sie sich anpassen und fortpflanzen werden, wie alle anderen auch.

Bis Gabriel vom Himmel fällt, sprich ein reizender kleiner Hund eines Morgens in ihrem Garten sitzt. Mit seiner schier ansteckenden Lebensfreude stellt er nicht nur ihr mittelmässiges Leben infrage, sondern scheint fortan auch ihr Schicksal zu beeinflussen. Jedenfalls überstürzen sich die Ereignisse, und was mit grossen treuen Hundeaugen begann, läuft auf eine erste veritable Lebenskrise hinaus, die dem jungen Paar nicht nur ganz neue Perspektiven beschert – sondern auch ihr eigenes Leben zum Bestseller macht.

Isabelle Flükiger erweist sich in ihrem ironisch-verzweifelten Roman als Seismografin unserer Zeit. In ihrer hinreissend komischen Sprache beschreibt sie die Lebenswelt der Dreissigjährigen, die sich nichts erkämpfen mussten. Dort herrscht Panik vor dem langweiligen Dasein in einem Land, in dem nichts passiert. Aber wenn die seichte Ruhe erst einmal gestört ist, tritt deren ungeheures Potenzial zutage. (Klappentext)

15. Dezember 2021

Der Wanderer

von Friedrich Nietzsche

Es geht ein Wand'rer durch die Nacht
Mit gutem Schritt;
Und krummes Tal und lange Höhn –
Er nimmt sie mit.
Die Nacht ist schön –
Er schreitet zu und steht nicht still,
Weiss nicht, wohin sein Weg noch will.

Da singt ein Vogel durch die Nacht.
«Ach Vogel, was hast du gemacht!
Was hemmst du meinen Sinn und Fuss
Und giessest süssen Herz-Verdruss
Ins Ohr mir, dass ich stehen muss
Und lauschen muss –
Was lockst du mich mit Ton und Gruss?»

Der gute Vogel schweigt und spricht:
«Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht
Mit dem Getön.
Ein Weibchen lock' ich von den Höhn –
Was geht's dich an?
Allein ist mir die Nacht nicht schön –
Was geht's dich an? Denn du sollst gehn
Und nimmer, nimmer stille stehn!
Was stehst du noch?
Was tat mein Flötenlied dir an,
Du Wandersmann?»

Der gute Vogel schwieg und sann:
«Was tat mein Flötenlied ihm an?
Was steht er noch?
Der arme, arme Wandersmann!»

13. Dezember 2021

Das Mädchen, das gehen wollte

Barbara Schaefer: Das Mädchen, das gehen
wollte, Diana Verlag, München, 2009
Als Barbara Schaefer erfährt, dass ihre Freundin Katja am Hohen Dachstein tödlich verunglückt ist, packt sie das Nötigste in einen Rucksack und verlässt Berlin in Richtung Süden. Sie geht in zwei Etappen insgesamt fast sechs Wochen, geht rund 25 Kilometer am Tag und kommt so über Dresden und Theresienstadt nach Prag und schliesslich durch Böhmen und den Bayerischen Wald in die Berge. Schon immer konnte Barbara Schaefer durch das Gehen Energie tanken, jetzt hilft es ihr, der Trauer nachzuspüren und Abschied zu nehmen.

Eine Reise, auf der die Autorin zurück ins Leben findet. Sechs Wochen im Leben einer Frau, die um einen geliebten Menschen trauert und dafür 900 Kilometer von Berlin nach Österreich geht. (Klappentext)

Moors Fazit: Ein wunderbar geschriebenes Buch über eine Fernwanderung durch drei Länder, über eine Frauenfreundschaft und nicht zuletzt über das Leben selbst.

11. Dezember 2021

Im Stillen klagte ich die Welt an

Dora Stettler: Im Stillen klagte ich die
Welt an, Limmat, Zürich, 2009
Im Sommer 1934 werden zwei Mädchen aus der Stadt Bern auf einen abgelegenen Bauernhof in Pflege gegeben. Auf dem Hof herrscht ein harsches Regiment, die beiden werden als Gratismägde ausgenutzt und wegen Kleinigkeiten verprügelt, der Bauer stellt ihnen nach.

Dann kommen die Missstände aus, die Kinder werden umplatziert. Aber wieder verrichten sie harte Arbeit, wieder werden sie geschlagen. Als der Alptraum nach vier Jahren ein Ende hat, sind die Elf- und Zwölfjährige für ihr Leben geprägt: vom Gefühl, nichts wert zu sein. (Klappentext)

Moors Fazit: Erschütternd, traurig und alles andere als die heile Schweiz darstellend. Nach der Lektüre erscheint mir das in den vergangenen Monaten zelebrierte öffentliche Gejammere und Getrychle gewisser Kreise als vergleichsweise lächerlicher Aktionismus spätpubertierender Möchtegernrevoluzger.

9. Dezember 2021

Banken, Blut und Berge

Peter Zeindler: Banken, Blut und Berge,
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1995
Der Schweizer Nationalrat Jean Ziegler gilt seit seinem Sachbuchbestseller «Die Schweiz wäscht weisser) als Nestbeschmutzer. Die saubere Schweiz als «Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens» zu bezeichnen, bleibt auch in der helvetischen Gesellschaft nicht ohne Folgen. So sublimiert der Zürcher Peter Zeindler in seiner Anthologie das Image vom AIpenland der «Banken und Banditen»: «Nein, nichts von all dem. Keine Klischees! Das zeichnet den Schweizer Krimi aus. Seine Geschichten wachsen aus düsteren Zimmern mit tiefhängenden Decken, nisten im Ehebett unter gemütlich rot-weiss-kariertem Federbett, steigen wie Dampf aus den Suppentellern auf blankgescheuerten Tischen in der guten Stube und in Wirtshäusern, motten in Aktenschränken von Amtsräumen.» Denn diese eidgenössischen Autoren loten nicht die Abgründe des Bankgeheimnisses, sondern die Untiefen seelischer Deformationen aus.

Neben einer Geschichte von Friedrich Glauser vereinigt diese Anthologie Erzählungen von Roger Graf, Paul Lascaux, Jürg Acklin, Ulrich Knellwolf, Felix Mettler, Peter Höner, Christa Weber, Werner Schmidli, Milena Moser, Verena Wyss, Marcus P. Nester, Cristina Achermann, Peter Zeindler und Jürg Weibel. (Inhaltsangabe zum Buch)

7. Dezember 2021

Die Spirale – Etappe 9

Die Route der 9. Etappe der Wanderspirale.
18,3 Kilometer lang war sie, diese von etwas Sonne und mehrheitlichem Nassschneefall geprägte Etappe von Bern-Brünnen Westside nach Münchenbuchsee. Und einmal mehr entpuppte sich eine vermeinlich unspektakuläre Wanderung als äusserst zufriedenstellendes, geistiges und körperliches Unterfangen.

Es begann um 8.10 Uhr mit der dadaistischen Düsterstimmung auf dem menschenleeren, mit mickrig wirkenden Designersitzen ausgestatteten Vorplatz des vorweihnächtlich beleuchteten Konsumtempels «Westside». Auf der Westseite von «Westside» wurde die Szenerie noch skurriler: Die Autobahn, die vom Gebäudekoloss verschluckt wurde, daneben quellte aus der Fassade ein dickdarmartiges Röhrengebilde in provozierendem Rot hervor. Der weit und breit einzige Farbtupfer in einer von Menschenhand brutal umgekrempelten Landschaft.

Das Grauen dauerte indes nicht lange. Über eine Hügelkuppe gelangte ich auf den Wohleiberg. Rechterhand ragten die Antennenmasten der 2016 stillgelegten Sendeanlage der einst einzigen Küstenfunkstelle eines Binnenstaates in den Himmel. Auf leicht vereistem Strässchen schritt ich vorsichtig-gemütlich hinab zum Wohlensee, wo urplötzlich die Sonne durch die Wolken schien. Ich frohlockte. Allerdings nur bis etwas oberhalb von Oberwohlen, also eine gute halbe Stunde. Vom inzwischen bleiern gewordenen Himmel fielen die ersten Schneeflocken.

In einem Waldstück setzte ich meinen Regenhut auf, trank einen Schluck und stopfte mir ein paar Datteln in den Mund. Das Schneetreiben wurde dichter. Glücklicherweise blieb es auf der gesamten Etappe windstill, was mir, der perfekten Winterbekleidung sei es gedankt, ein wohliges Voranschreiten ermöglichte. Die Gemütlichkeit erlitt indes einen zeitweiligen Dämpfer, als vor mir ein grösseres Waldstück auftauchte, wo eigentlich kein Waldstück hätte auftauchen sollen. Kurz: Ich hatte in Schüpfenried einen falschen Weg eingeschlagen und ging statt nach Osten Richtung Norden. Der Fehler entpuppte sich jedoch als wenig gravierend. Die «falsche» Route war problemlos zu korrigieren und zudem gänzlich mit einem Naturbelag versehen, was an diesem Tag eher die Ausnahme darstellen sollte.

Im Weiler Weissenstein war ich dann wieder auf Kurs und pflügte mich durch hügeliges Gelände weiter durch den fallenden Nassschnee. Beim Hof Husmatte landete ich mitten in einem Weihnachtsbaumverkauf. Ein etwa sechs Meter hoher, aufgeblasener Samichlaus machte die vorbeifahrenden Fahrzeuge auf den Anlass aufmerksam. Wer kauft denn jetzt schon ein «Bäumli», fragte ich mich. Zum Glück nicht mein Problem, sind wir doch zu Hause seit Jahren mit einem künstlichen Baum zufrieden.

Vom nahen Jetzikofen stieg ich den sanft geneigten Hügel hoch. Oben angekommen verschwand ich für längere Zeit in einen Wald. Auf einer grösseren Waldlichtung gelangte ich am Hof Kohlholz vorbei. Dieser hiess vor ein paar Jahren noch Herrencholholz. Natürlich würde mich interessieren, was es mit dieser Verkürzung auf sich hat, und ob nun auch Flurbezeichnungen gendermässig einer Korrekur – oder, wie im vorliegenden Fall, einer Zensur – unterzogen werden.

Als ich oberhalb von Diemerswil aus dem Wald trat, liess der Schneefall nach und machte innerhalb von zehn Minuten ein paar Sonnenstrahlen Platz. Ich blickte hinab nach Münchenbuchsee und war erstaunt, wie schnell ich die Strecke von Berns Westen in Berns Norden zurückgelegt hatte. Spannend dann auch der Wechsel vom äusserst ländlichen Weiler Diemerswil – Diemerswil bildet mit 203 Einwohnern nach wie vor eine eigene politische Gemeinde, derzeit sind Fusionsverhandlungen mit der Gemeinde Münchenbuchsee im Gange – in das dicht bevölkerte Münchenbuchsee. Dabei beträgt die Distanz zwischen den beiden Siedlungen lediglich 500 Meter. 

Die letzte Viertelstunde ging ich also durch dieses Münchenbuchsee, gelangte am Geburtsort des Malers Paul Klee vorbei, bestaunte die etwas überdimensioniert wirkende Kirche und machte am Ziel eine Foto des im Laubsägelistil gebauten, aber längst nicht mehr mit Bahnpersonal besetzten Bahnhofgebäudes, ehe ich mich – vorfreudig auf die nächste Etappe – mit der Bahn nach Hause chauffieren liess, wo ich mich genüsslich über die geschossenen Fotos hermachte.

Die Wanderspirale von Bern: In Grün die absolvierte und in Rot die geplante Route.



5. Dezember 2021

400 Kilometer Heimat

Charly Wehrle: 400 Kilometer Heimat, Panico,
Köngen, 2018
In 12 Tagen ist Charly Wehrle um seine oberschwäbische Heimat gewandert und hat dabei seine Erlebnisse, Eindrücke und Gedanken aufgeschrieben. Mit spannenden Einschüben zu Wissenswertem und Unterhaltsamem rund um Oberschwaben hat er die einzelnen Wegabschnitte untermalt. Eine eigenwillige Wanderung zum Lesen, Nachmachen und selber Erleben. (Klappentext)

3. Dezember 2021

Wallanders erster Fall

Henning Mankell: Wallanders erster Fall,
dtv, München, 2004
Als Kurt Wallander seinen ersten Fall löst, ist er Anfang Zwanzig, ein junger Polizeianwärter und bis über beide Ohren in Mona verliebt. In einer Zeit, da die Polizei mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgeht, wird seine Berufswahl nicht nur von seinem Vater kritisiert. Eines Abends findet er seinen Nachbarn Hålén erschossen auf dem Küchenboden. Die Kriminalpolizei tippt auf Selbstmord, doch Wallander zweifelt an dieser Erklärung, umso mehr, als Håléns Wohnung in Flammen aufgeht und man wenig später auf eine weitere Leiche stösst. Am Ende dieser Ermittlung hat Wallander eine Menge Fehler gemacht und leichtsinnig sein leben riskiert, doch sein ausserordentliches kriminalistisches Talent gilt als erwiesen. – Von Wallanders erstem Fall bis zu einem ausgewachsenen Kriminalroman, «Die Pyramide», reicht das Spekrum dieser Geschichten, die alle vor dem 8. Januar 1990, dem Beginn der Wallander-Romane, spielen. (Klappentext)

Moors Fazit: Henning Mankell hätte auch das Telefonbuch von Stockholm in Prosa verfassen können, seine Leserinnen und Leser hätten Seite um Seite gierig verschlungen.

1. Dezember 2021

Der Mohr von Flumenthal

Naturschutzgebiet trifft auf reanimierte Industriebrache: ehemalige Cellulosefabrik von Attisholz (SO).
Am vergangenen Sonntag gingen wir nicht nur an die Urne, meine Wenigkeit ging auch von Gerlafingen nach Flumenthal. Die Route führte mich entlang von Emme und Aare, hart an der Grenze zu mehr oder weniger intakten Industriezonen der gröberen Sorte. Ja, das Solothurner Wasseramt hatte in den vergangenen 25 Jahren einiges an wirtschaftlichen Verlusten zu verkraften, so unter anderem – mit etwas grosszügiger geopolitischer Auslegung – auch die 2008 endgültig geschlossene Cellulose-Fabrik von Attisholz, dessen Areal seit 2018 für die Bevölkerung wieder zugänglich ist. Was für die Stadt Thun einst das Selve-Areal war, ist für Riedholz nun die ehemalige Cellulose-Fabrik: Eine kulturelle Begegnungsstätte an der Aare, die vom gegenüberliegenden Flussufer aus betrachtet, eine für meine Begriffe eher apokalyptische Ausstrahlung hat.

Geht es nach den heutigen Eigentümern, so sollte bis 2045 eine Vision umgesetzt werden, wo sich gemäss Webseite «das Areal in einem auf das Umfeld abgestimmten, politisch tragbaren und organischen Transformationsprozess wandelt. 2045 wird sich das Attisholz-Areal zu einem eigenständigen, lebendigen Ort mit eigener Identität und Historie entwickelt haben. Vielfältige Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, Gastronomie, Kultur und Bildung stehen allen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen in verschiedenen Lebensphasen offen.» Na, da sind wir doch mal gespannt, was sich in unmittelbarer Nähe des kantonalen Naturschutzgebietes in den nächsten Dekaden so tun wird.

Demokratie sei Dank!
Aber ich lenke ab, denn eigentlich wollte ich an dieser Stelle darüber berichten, wie mich der Abstimmungssonntag auf einen Mohrenkopf im Wappen von Flumenthal brachte. Das kam so: Als ich durch den besagten Ort wanderte, sah ich ein Plakat mit der Aufschrift «Dieses Wochenende Abstimmung». Hierbei entdeckte ich ein kleines Wappen, das den Kopf eines Mohren zeigt. Natürlich konnte es sich nur um das Gemeindewappen Flumenthals handeln, was mir die nachträglich konsultierte Website des Fleckens auch bestätigte. Bloss: Wie kommt ein Dorf, dessen Name in keiner Weise einen Bezug zu einem Mohren herstellen lässt, zu einer derart exotischen Heraldik? – Ich fragte mich dies, weil in meinem Familienwappen ein Moor abgebildet ist, ebenso im Wappen der Aargauer Gemeinde Möriken (okay, hier wäre auch eine Möhre plausibel). – Aber Flumenthal?

Der Mohr im Wappen von Flumenthal.
Weil ich selbstverständlich nicht der Erste bin, der sich mit dieser Frage befasst, hat das clevere Dorf auf seiner Internet-Präsenz eine ganzseitige Abhandlung publiziert. Darin erfuhr ich nicht nur, dass es in der Schweiz noch weitere Gemeindewappen mit Mohrenköpfen gibt: Avenches, Mandach, Cornol und Oberweningen. Klar doch, dass hierüber schon jene Debatten geführt wurden, ob es sich hier allenfalls um eine Form von rassistischer Heraldik handelt. Im Fall Flumenthals sei indes auf folgende Herkunft verwiesen, die jedoch nicht zu 100 Prozent verbürgt ist.

Das erst seit 1940 offiziell gültige Wappen geht auf das ehemalige Vogteiwappen zurück. Es weist eventuell auf ein früheres Patrozinium hin; das heutige ist den Aposteln Peter und Paul geweiht. Vermutlich ist der Dargestellte der Heilige Mauritius, der Anführer der Thebäischen Legion, der auch die Solothurner Stadt- und Landpatrone St. Urs und St. Viktor angehörten. Die Dorfkirche wurde am 22. September 1514 am Mauritzentag von Bischof Aymon de Montfalcon geweiht, der in der Kathedrale von Lausanne eine eigene Thebäerkapelle erbauen und ausstatten liess. Ungeklärt ist nach wie vor, weshalb Mauritius als Schwarzafrikaner Eingang in die Kirchengeschichte gefunden hat, wäre er doch von seiner geografischen Herkunft eher als Nordafrikaner und somit etwas hellhäutiger zu skizzieren. 

So oder so: Einmal mehr war ich meinem wachen Auge dankbar, dass es meine Chuzpe befeuert und der Leserschaft diesen Beitrag ermöglicht hat.

Schweizer Gemeindewappen mit Mohrenköpfen (von oben links nach unten rechts): Möriken (AG), Flumenthal (SO), Avenches (VD), Mandach (AG), Cornol (JU), Oberwenigen (ZH).


29. November 2021

Die Kellerkinder von Nivagl

Sie stehen schon seit einigen Jahren in meinem Bücherregal: «Die Kellerkinder von Nivagl». Neulich machte ich mich an die Lektüre und wollte natürlich gleich wissen, wo denn dieses Nivagl liegt. Als ich es auf der Karte lokalisierte, stockte mir kurz der Atem. An Nivagl kam ich am 27. Juli 2018, anlässlich einer Wanderung von Alvaschein nach Thusis, vorbei und hatte sogar eine Foto gemacht, auf der das Haus abgebildet ist, in dem die Autorin Jeannette Nussbaumer aufgewachsen war. Schade, habe ich das Buch nicht früher gelesen, denn dann hätte ich mir die Örtlichkeit bewusster und genauer angeschaut. So oder so: Weil ich den Gang von Alvaschein nach Thusis noch heute in sehr guter Erinnerung habe, wurde die Lektüre der «Kellerkinder» zu einem besonderen Erlebnis. Aber auch für Menschen, die die Umgebung zwischen der Lenzerheide und Tiefencastel nicht kennen, ist das Lesen dieser Lebensgeschichte ein beeindruckende Angelegenheit.

Die Häusergruppe Nivagl bei Zorten. Jeannette Nussbaumer ist im Haus links im Erdgeschoss aufgewachsen.


Während die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg den Wirtschaftsboom Europas mitmacht und sich endgültig den Wohlstand sichert, lebt in einem Weiler Graubündens eine Familie mit neun Kindern (zwei weitere sterben kurz nach der Geburt) in einem feucht-kalten Kellergeschoss in bitterster Armut. Keines der Kinder hat ein eigenes Bett, die jüngeren tragen Kleider und Schuhe der älteren nach, die Kost bleibt einseitig und ungenügend, jedes Extra an Süssigkeiten und Spielzeug wird zum gemeinsamen Fest oder zum hart umkämpften Zankapfel, und ein Spitalaufenthalt bedeutet Luxusferien.

Jeannette Nussbaumer: Die Kellerkinder von
Nivagl, Friedrich Reinhardt, Basel, 1995
«Schuld» an dieser Misere ist der überforderte, von Jenischen abstammende Vater, den es in keiner regelmässigen Arbeit hält und der ausserdem das wenige Geld vertrinkt. Einzig der «Neni» als Erbauer und Mitbewohner des Hauses hält alles einigermassen zusammen, obwohl er noch wörtlich ein Fahrender ist, der sein Geschirr in den umliegenden Dörfern verkauft. Ihm hat sich besonders die Viertälteste angeschlossen, ein aufgewecktes Mädchen, das durch Schule und frühe Haushaltjobs seinen Weg macht und in diesem Buch mit spontaner Frische das Schicksal der ungewöhnlichen Familie erzählt.

Ihr Bericht gibt uns das Bild einer «anderen» Schweiz, aber nicht als soziale Anklage, sondern als menschliches Zeugnis. Und als stumme Aufforderung, unseren Konsumbedarf zu überdenken und den von materiellem Beiwerk verstellten Blick für die wirklichen Werte des Lebens zu schärfen.

27. November 2021

Hinter Gittern

Marlise Pfander: Hinter Gittern, Wörterseh,
Gockhausen, 2014
Arbeiterkind, kaufmännische Angestellte, Ehefrau, Mutter und mit 54 Jahren Quereinsteigerin in ein ganz anderes Metier und somit späte Karrierefrau: Marlise Pfander, 1950 in Bern geboren, amtete bis zu ihrer Pensionierung 2013 neun Jahre lang als Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB). Damit drang sie gleich doppelt in eine Männerdomäne ein: Zum einen beäugten die übrigen Gefängnisleiter der Schweiz die Ankunft einer weiblichen Kollegin mehr als kritisch. Zum anderen galt das RGB, in das auch ein Ausschaffungsgefängnis integriert ist, als schwieriger «Männerknast». Die harten Bedingungen in der Untersuchungshaft (das RGB ist kein Vollzugs-, sondern ein Untersuchungsgefängnis) konfrontierten Marlise Pfander mit menschlichen und organisatorischen Problemen, die jahrzehntelang als unlösbar galten. Mit viel Herz und grossem Verstand krempelte sie, die bald schon «s Chischte-Mami» genannt wurde, den als «Pulverfass» bezeichneten Betrieb um. Sie entwickelte neue Strategien, schuf damit bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeitenden und optimierte den Alltag der Inhaftierten, die der ungewöhnlichen Chefin bald Vertrauen und Respekt entgegenbrachten. (Klappentext)

Moors Fazit: Äusserst lesenswertes und von Franziska K. Müller wunderbar verfasstes Buch.

22. November 2021

Betsy Berg

Christine Kopp: Betsy Berg, Eigenverlag, 2012
Nach dem 2009 erschienenen Buch «Schlüsselstellen» liegt nun ein neuer Band mit Kurzgeschichten aus den Bergen von Christine Kopp vor. Frech und frisch erzählen sie, wie Betsy Bern zu den Bergen kommt, was sie dort und unten im Tal erlebt und mit welchen Fragen sie sich auseinandersetzt.

«In den Bergen sucht Betsy Ablenkung und erlebt Freude und Ängste. Dort findet sie Gleichgesinnte, ja auch die Liebe. Sie stolpert, scheitert, steht auf und geht weiter. Schritt für Schritt. Ganz nach dem Zitat von Ingmar Bergman: ‹Älter werden ist wie auf einen Berg steigen: Je höher man kommt, desto mehr Kräfte verbraucht man, aber desto weiter sieht man›». (Klappentext)

19. November 2021

Die Broschüren

Sie liegen in Kirchen, in Museen oder in Tourismusinformationen auf: Broschüren zu lokalen Themen, zur Geschichte, zu Gebäuden, zu Ortschaften, Talschaften, Eisenbahnstrecken usw. usf. Ich liebe sie, diese handlichen und leicht in den Rucksack zu packenden Imprimate mit Inhalten, die oft nirgendwo im Internet zu finden sind. Hier eine Auswahl von Gelesenem.

Diverse Autoren: Eriz – zwischen Emmental und
Oberland, Fischer, Münsingen, 1981

Diverse Autoren: Burgistein, Gemeinde
Burgistein, Burgistein, 1991

Diverse Autoren: Die Öle in Münsingen,
Verein Freunde der Öle, Münsingen, 1995
Fridtjof Nansen: Mein Glaube, Hans Pfeiffer,
Hannover, 1970


 

 

Caroline Calame, Orlando Orlandini: Die unterirdischen
Mühlen des Col-des-Rochers, Fondation des Moulins
souterrains du Col-des-Rochers, undatiert


Tobias + Hans Tomamichel: Bosco/Gurin, das
Walserdorf im Tessin, Gesellschaft Walserhaus, Gurin

 

Werner Neuhaus: Aus der Geschichte der Gürbetalbahn, Selbstverlag, Belp, 1990

 

Heinz Baumann, Stefan Fryberg: Der
Sustenpass, Raststättegesellschaft N2 Uri AG
1996
Karl Ludwig Schmalz: Der berühmte Block
auf dem Luegiboden, 1986

Walter Zeitler: Die Bayerische Waldbahn,
Neue Presse, Passau, 1991