24. September 2022

Tödliche Gewissheit

Roger Graf: Philip Maloney –
Tödliche Gewissheit, Haffmans, 
Zürich, 1995
Philip Maloney, Privatschnüffler von zweifelhaftem Charakter, würde eigentlich viel lieber ein Nickerchen unter seinem Schreibtisch machen oder über das Nichtdenken nachdenken. Statt dessen stochert er im kalten Zürcher Nebel nach den Hintergründen eines Selbstmordes, an den er nicht glaubt, und in Jahre alten Wunden, die eine nie ganz aufgeklärte Verbrechensserie hinterlassen hat, der drei Knaben zum Opfer fielen. Ein vierter wurde nie gefunden. Maloney geht der eiskalten Spur der Täter und Opfer von damals mit seiner schnörkellosen Schnüfflermethodik nach, und er muss so manchem auf die Zehen treten, bis der Richtige endlich eine falsche Bewegung macht. (Klappentext)

BE: Stadt Bern ZH: Stadt Zürich

20. September 2022

Die Spirale – Etappe 15

Endlich kühlere Temperaturen! Und endlich wieder zurück auf der Spirale, die mich an diesem herbstlich anmutenden Samstag von Schönbrunnen bei Münchenbuchsee nach Krauchthal führte. Bei zaghaftem Sonnenschein widmete ich mich vorerst der Autobahn A6, ehe ich in Richtung ruhigere Gefilde abbog. Auf dem waldreichen Abschnitt von Moosaffoltern nach Ballmoos erwartete mich der Woolibach, den es steglos zu überqueren galt. Ein grosser Schritt reichte, und ich war drüben.

Spätestens an der Peripherie von Jegenstorf hatte mich die Berner Agglo mit all ihren Gegensätzen wieder. Auf den zwischen den Dörfern gelegenen Feldern wurden eifrig Kartoffeln geerntet. Selbstfahrende Traktoren zogen im Schritttempo ein Ernteungeheuer, auf dem eine Handvoll Leute die maschinell aus dem Boden geholten Kartoffeln aussortierte. Kurz vor dem Ende des Ackers schwang sich der Bauer auf den Traktor, übernahm das Steuer und wendete das Ensemble, um sodann eine neue Fuhre in Angriff zu nehmen.
 
Die Route der 15. Etappe der Wanderspirale.

An der grossen Dorfkreuzung in Mattstetten überraschte mich ein historischer Brunnen beachtlicher Grösse. Und nur wenige Schritte weiter gelangte ich an einem kleinen Schloss vorbei, das ein Kleinkunsttheater beherbergt. Vis-à-vis des schmucken Gebäudes befindet sich das Areal des Platzgerklubs Schlössli. – Platzgen? Hier ein kleiner Exkurs:

Platzgen ist ein alter Zielwurfsport, von dem die Chroniken erzählen, dass er schon im Mittelalter in fast allen Gebieten unseres Landes betrieben wurde. Heute wird dieser Sport vorwiegend im Kanton Bern ausgeübt. Die Wurfgeräte nennen sich – nomen est omen – Platzgen und bestehen meist aus gehärtetem Stahl. Jeder Spieler besitzt seine eigene Platzge, die ihm gut in die Hand passen muss. Form und Gewicht sind nicht vorgeschrieben, der Höchstdurchmesser darf jedoch 18 cm nicht überschreiten. Die meisten heutigen Platzgen sind handförmig, mit fünf Zacken, einem Ahornblatt ähnlich. Das Gewicht liegt zwischen 1 und 3 Kilogramm.

Die Wurfdistanz beträgt 17 Meter. Das Ziel («Ries») ist ein mit Lehm («Lätt») gefüllter Stahlring, hat einen Durchmesser von 1,40 m und ist nach hinten um rund 25 cm erhöht. Dieser muss immer gut gepflegt und behandelt werden, darf nicht zu nass, aber auch nicht zu trocken sein. Zur Erzielung guter Resultate muss der Lehm unbedingt in bester Ordnung sein. Für den Platzger spielen der Zustand und die Beschaffenheit des «Lätts» eine wichtige Rolle. In der Mitte des Rieses steckt ein eiserner Stock («Schwirren»), der 35 bis 40 cm aus dem Lehm ragt und leicht nach vorne geneigt ist.

Zum Bewerten eines Wurfes benötigt man einen Meter und ein Messer. Das Messer wird dort in den Lehm gesteckt, wo die Platzge liegen bleibt, und zwar beim nächstgelegenen Punkt der Platzge zum Stock. Zum Messen des Abstandes wird das Ende des Meters (100cm/200cm) an den «Schwirren» gesetzt. Berührt die Platzge den Stock, dann gilt der Wurf 100 Punkte. Pro cm, die die Platzge vom Stock entfernt liegt, gibt es einen Abzug von 1 Punkt. Ein Abstand von 13 cm ergibt beispielsweise 87 Punkte.

Alljährlich finden drei grosse Wettkämpfe statt. Das Frühlingsfest, die Meisterschaft und das Verbandsfest. An einem dieser Anlässe wird seit 2017 auch der Titel eines Schweizermeisters vergeben. Gute Resultate im Einzel- wie auch Vereinswettkampf werden mit schönen Auszeichnungen und wertvollen Ehrengaben belohnt. Während der gesamten Saison (April bis Oktober) werden auch eine Wettspielmeisterschaft mit vier Stärkeklassen sowie Vereins- und Einzelcup ausgetragen. Schliesslich organisieren zahlreiche Vereine für Platzger und Nichtplatzger eigene Wettkämpfe (Volks-, Gönner- oder Passivplatzgen).

Mit der neuen Erkenntnis, dass dieses kleine Mattstetten masslos unterschätzt wird, unterquerte ich die Bahnlinie Bern–Burgdorf, die A1 und unmittelbar danach ging ich am Portal des Grauholztunnels vorbei. Südöstlich von Mattstetten herrscht brutales Verkehrsaufkommen, ergänzt von der alten Bern-Zürich-Strasse. Ich war deshalb nicht unfroh, bald einmal im Wald verschwinden zu können, wo ich mich in Ruhe im Stile eines Orientierungsläufers auch auf weglosen Abschnitten austoben konnte. So war es denn nach dem Verlassen des Waldes nur noch einen Katzensprung ins Ortszentrum von Krauchthal, dem versteckt gelegenen Dorf am Fusse mächtiger Sandsteinhügel und in Sichtweite der Strafanstalt Thorberg. Eine Bildstrecke dieser knapp 16 km langen Etappe gibt es hier zu sehen.

Der aktuelle Stand: In Grün die zurückgelegte Strecke, in Rot die geplante Route.

18. September 2022

Populärmusik aus Vittula

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula,
btb, München, 2004 
Matti und sein schweigsamer Freund Niila wachsen auf in einem kleinen Dorf im äussersten Norden Schwedens, fernab der wirklichen Welt. Es sind die wilden sechziger Jahre, doch das Leben im Tornedal wird weniger durch Rebellion als durch die unwirtliche Landschaft, den kauzigen Eigensinn seiner Bewohner und der religiösen Bewegung des Laestadianismus geprägt, die durch extreme Strenge und Lustfeindlichkeit besticht. Kein Wunder, dass die beiden Kinder schon früh nichts anderes im Kopf haben, als sich wegzuträumen von diesem Ort, der zwar vie le Geschichten zu erzählen hat, aber auch unvermutete Gefahren in sich birgt. Als der Rock'n'Roll Einzug hält im kleinen Tal, ist ihre Zeit gekommen ...

Ein grossartiges, eindringliches Buch mit einer unverwechselbaren Handschrift: Niemis Sprache ist so wild und zärtlich wie die Menschen aus dem hohen Norden, die er beschreibt - seine Geschichte so rasant, ausgelassen und dramaturgisch geschickt, dass einem Hören und Sehen vergeht.
(Klappentext)

10. September 2022

Eljascha

Yvonne Léger: Eljascha, Pendo,
Zürich, 1990
Eljascha ist eine leidenschaftliche, innige Liebesgeschichte voller Poesie und Träume, vor dem düsteren Hintergrund der Besatzung, des Chaos, des mörderischen Krieges – die gros se Liebe zweier Menschen auf der Flucht quer durch ganz Frankreich, und die Autorin, Yvonne Léger, reiste im Bauch ihrer Mutter Eljascha mit.

Nachdem Joschi als Jude von den Nazis ausgebürgert worden war, verliess er 1938 seinen Heimatort Mainz, um sich in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Eljascha stammte aus Luzern. Als Schweizerin wusste sie, dass sie, bei der Vermählung mit einem Ausländer, ihr Bürgerrecht verlieren würde. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, am 14. August 1939, heirateten Eljascha und Joschi dennoch in Paris, und sie wurde, wie ihr Ehemann, staatenlos.

Schon vor seiner Heirat war Joschi in die französische Armee eingezogen worden. Als Hitler am 14. Juni 1940 Paris besetzte, konnte Eljascha die Hauptstadt noch mit einem der letzten Züge verlassen. Sie erreichte Mayenne, wo Joschi stationiert war. Frankreich war im Chaos. Joschi desertierte, und das Paar floh durch das besetzte und unbesetzte Frankreich, oft ohne zu wissen, in welchem Teil sie sich gerade befanden. Als die Reise ins Ungewisse begann, war Eljascha im zweiten Monat schwanger. Im Dezember 1940 kam die staatenlose «Schweizerin» Eljascha bei Annemasse über die Grenze in die Schweiz. Am 9. Januar 1941 gebar sie ihre Tochter Yvonne, die Autorin dieses Buches.
(Klappentext)

7. September 2022

Abschalten

Martin Suter: Abschalten, Diogenes,
Zürich, 2012
Sie arbeiten im mittleren Management mehr oder minder bedeutender Unternehmen, sie tragen so klingende Namen wie Hunold, Huber, Lindner oder Glaser, und sie sind schrecklich erschöpft von all den Hierarchien, Synergien, Strategien, Gehaltsforderungen, Terminkollisionen und Verteilungskämpfen am Kaffeeautomaten. Dann ist es so weit: endlich Ferien! Und was machen sie daraus? Tja, manchmal stresst abschalten wollen doch mehr als nicht abschalten können.

Was ist das Schlimmste für den Manager? Kein Bonus. Das Zweitschlimmste? Ferien. Zur Untätigkeit gezwungen zu sein, zu wissen: Die Firma wird untergehen, weil er nicht da ist. Oder, noch schlimmer: Die Firma wird nicht untergehen, obwohl er nicht da ist. Und am allerschlimmsten: Die Firma wird wachsen und gedeihen, gerade weil er nicht da ist. Was bleibt dem Manager also übrig? Die Ferien managen oder die eigene Familie oder das Hotelpersonal, bis schliesslich allen der Kragen platzt. Oder einen Weg finden, nicht in die Ferien zu fahren. (Klappentext)

4. September 2022

Mein Luftschloss auf Erden

Katharina von Arx: Mein Luftschloss auf
auf Erden, Edition Erpf, Bern, 1981
Mit Ihrer Unterschrift auf dem Verkaufskontrakt werden die Schriftstellerin Kathrin von Arx und Ihr Mann, der Schriftsteller und Journalist Frédéric Drilhon, Besitzer des alten Schlosses von Romainmôtier. Ein Traum, der in Erfüllung ging?

Ungeheuerlich gross, gespenstisch drohend beinahe steigt das zukünftige Zuhause vor den neuen Besitzern aus der Nacht ins ungewisse Morgengrauen. Was haben sie sich da bloss angeschafft? Suchten sie nicht vor kurzem noch ein kleines «pied-à-terre»?

Aber da war die bemalte Balkendecke und im Halbdunkel, eingepfercht zwischen grauen Wänden mit aufgemalten Steinen, eine dicke gotische Säule. Grund genug für die Abenteurerin und passionierte Bewohnerin Kathrin von Arx, sich in die versteckten Möglichkeiten der alten, verfallenden Mauern festzubeissen.

Feste Mauern bedeuten Heimat Und seit ihrer Kindheit träumte Kathrin von Arx vom Wiederfinden ihrer Heimat Geborgenheit in festen Mauern!

Träume sind dazu da, Wirklichkeit zu werden. Jedenfalls bei Kathrin von Arx. Sie ist nicht die Frau, die Träume begräbt und zur Tagesordnung übergeht. Und so ist aus ihrem Traum, dem Luftschloss auf Erden, Wirklichkeit geworden. Es besitzt feste Mauern und manche Kostbarkeit, die sie mit eigenen Händen mitgeholfen hat, aus jahrhundertealtem Verfall herauszuretten. Heute steht das Schloss in alter Pracht im Zentrum von Romainmôtier und ist eines der schönsten mittelalterlichen Bauwerke der Schweiz.

Mittelalterliche Mauern nur als zeugen der Vergangenheit wiederherzustellen widerspricht dem Naturell der Kathrin von Arx. Ihr Schloss ist heute ein offenes Haus, wo unzählige Menschen ein- und ausgehen, Künstler ihre Arbeitsstätten eingerichtet haben, Handwerker ihr Wissen weitergeben und Besucher auch einfach zur Ruhe kommen können. Schloss Romainmôtier ist eine lebenssprühende Oase geworden.

Mit der gleichen Geduld und Feinfühligkeit mit der sie Schloss Romainmôtier zu neuem Leben erweckte, hat Kathrin von Arx die Geschichte eben dieses Schlosses und der Menschen seiner Umgebung zu Papier gebracht Und Romainmôtier, das kleine Dorf am Jurafuss, ist nicht der Ort, der farblose Charaktere hervorbringt! Manche Kämpfe galt es auszufechten mit Nachbarn und Dorfgenossen, die der «spinnigen» Zuwanderin reserviert, ja feindlich gegenüberstanden. «Mein Luftschloss auf Erden» ist daher nicht nur der spannende Bericht eines architektonischen Abenteuers, sondern auch ein mal liebevolles, mal ironisches Porträt einer Landschaft und ihrer Bewohner.

Darüber hinaus auch ein kraftvolles «Ja» zum Leben und eine Aufforderung an den Leser, Spontaneität, Freude und Abenteuerlust nicht in festgefahrenen Geleisen abzutöten.
(Klappentext)

31. August 2022

Life Hacks

Keith Bradford: Life Hacks – 1000 Tricks,
die das Leben leichter machen, Rowohlt,
Reinbek b. Hamburg, 2015
Mundgeruch loswerden, sich vor Gewittern retten, Drinks umsonst bekommen und T-Shirts richtig zusammenlegen: alles kein Problem mit den «Life Hacks». Keith Bradford sammelt die 1000 lustigsten und cleversten Tricks, die das Leben erleichtern – und erstaunlich einfach sind. Sie bekommen Antworten auf Fragen, die Sie sich schon immer gestellt haben, und Hilfe für jede Lebenslage. Die verblüffendsten Ideen und originellsten Tipps für den Alltag. (Klappentext)

26. August 2022

Wie ich beinahe seekrank wurde

Werter Bundesrat, hier hätte die Schweiz in Sachen Stromverbrauch ein gewisses Reduktionspotenzial.

Unaufhaltsam pocht der Wind ans Gebälk. Es ist kurz vor zwei, als ich in 40 Metern über Boden aufwache. Mein Magen rebelliert sanft in finsterer Nacht. Mir ist schlecht. Der Blick über die Balustrade in Richtung Norden. Ein Lichtermeer zu nachtschlafender Zeit. Politik und Wirtschaft orakeln derzeit über zu erwartende Strommangellagen und wie damit umzugehen sei. Ja mei, dann hört doch endlich auf, die nachmitternächtlichen Strassen derart opulent zu illuminieren, wirbelt es mir durch den Kopf, ehe sich der latente Brechreiz wieder meldet.

Ich trinke einen Schluck Wasser, verdrücke einen Getreideriegel und lege mich wieder hin. Der Magen beruhigt sich überraschend schnell, derweil das windige Gerüttle am Aussichtsturm bis in die Morgenstunden weitergeht. Ein Gerüttle, das an schnell wogende Wellen oder an ein lang andauerndes Erdbeben erinnert. Kein Wunder, werde ich beinahe seekrank.

25. August 2022

Stein bedeutet Liebe

Eveline Hasler: Stein bedeutet Liebe,
dtv, München, 2012
Im Schwabinger «Café Stefanie» trifft sich Münchens Boheme. Der libertine Psychiater Otto Gross und seine Behandlungsmethoden sind hier Tagesgespräch, bei Roda Roda, Gustav Meyrinck, Erich Mühsam, der Gräfin Reventlow und der Fabrikantenwitwe Ullmann mit ihrer 22-jährigen Tochter Regina. Diese beginnt nicht nur eine Analyse bei Gross, der sie in ihrem literarischen Schreiben bestärkt, sondern lässt sich auch auf eine leidenschaftliche Affäre mit ihm ein. Als sie, zeitgleich mit zwei anderen Frauen, ein Kind von ihm erwartet, verweigert er seine Hilfe. Kurz darauf wird Gross, zur Heilung seiner Kokainsucht, bei Carl Gustav Jung ins Zürcher Burghölzli eingewiesen. Regina bekommt heimlich auf dem Land eine Tochter. Hin- und hergerissen zwischen ihren starken Gefühlen für Gross und ihrer dominanten Mutter, findet sie ihren eigenen Weg und ihre Kraft im Schreiben. Kenntnisreich und bewegend erzählt Eveline Hasler die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau und einer tragischen Liebe.
(Inhaltsangabe zum Buch)

22. August 2022

Vom Wandern

Ulrich Grober: Vom Wandern, Rowohlt,
Reinbek b. Hamburg, 2011
Immer mehr Menschen, junge wie ältere, wandern – wieder. Eine alte Leidenschaft wird neu entdeckt, die Beine bewegen sich, «der Kopf wird frei und mit ihm der ganze Mensch». Die alte Kunst des Wanderns ist heute der Einspruch gegen das Diktat der Beschleunigung. Der Autofahrer steht im Stau, der Wanderer geht neue Wege. Er sucht die Exotik der Nähe – und findet sich selbst.

Ulrich Grober erzählt von seinen eigenen Wanderungen. Allein. Mit Kindern. Mit Freunden. Auf dem Kolonnenweg an der ehemaligen Grenze der DDR oder den Rhein entlang. Über die Alpen. Auf Heideggers und Hesses Spuren u.a.m. Er berichtet über das innere Echo eines nächtlichen Zikadengesangs, über den süßen Geruch von Heu, über die Anstrengungen einer winterlichen Schneeschuhpartie.

Und Grober schlägt den Bogen von Ötzi bis zu den Neonomaden mit Laptop und Isomatte. Sein Buch ist ein philosophisches Brevier: Wie gewinnen wir unsere Zeitsouveränität zurück? Werden die «nomadischen Fähigkeiten» zu einer Schlüsselkompetenz des neuen Jahrtausends? Und auch praktisch: Aus welchen Bächen lässt sich noch trinken? Was braucht man an Ausrüstung und Proviant, wie orientiert man sich?

Ein kluges Buch, ebenso meditativ wie nützlich. Das Motto: «Ohne Schritte kein Fortschritt. Ohne Bewegung: Stillstand.» Wer gern wandert, wird dieses Buch lieben. Wandern als Lebenskunst und Selbsterfahrung.
(Inhaltsangabe zum Buch)

20. August 2022

Die Blaumeise

Werner Niederer: Die Blaumeise,
Grünkreuzverlag, Freiburg i.Br.
Alfred, ein 48-jähriger Programmierer, Hacker und seit kurzem Grossvater, erlebt zahlreiche Herausforderungen. Seine Reaktionen haben überraschende Folgen für die Zürcher Softwarefirma, in der er arbeitet, für seine Familie und sogar für die Weltpolitik. (Klappentext)

BE: Mürren, Silberhorn ZH: Stadt Zürich, Meilen, Rüschlikon, Greifensee, Uster, Dübendorf

18. August 2022

Das Gruselwasser vom Schimbrig

Unermüdlich summt der Geschirrspüler sein Arbeitslied. Mit von der Partie ist auch eine meiner Trinkflaschen, die vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung im Entlebuch zum Einsatz kam. Das Besondere daran: In der Nähe des ehemaligen Schimbrigbades plätschert eine Schwefelquelle ein paar Meter unterhalb des Wanderweges. Und weil man solchen Quellen nicht jeden Tag begegnet, stieg ich hinab, nahm ein paar Schlucke vom Gesundbrunnen und füllte die bereits halbleere Flasche mit dem seltenen Nass auf. Zwei Aktionen, die ich schon wenig später bereuen sollte. Schwefelhaltiges Wasser trinken ist das Eine, mit dem nach faulen Eiern stinkenden Geschmack im Gaumen umzugehen, das Andere.

Beim ehemaligen Bad angekommen – fünf Minuten nach der Schwefelquelle – entdeckte ich einen weiteren Brunnen, der normales Trinkwasser hergab. Ich leerte umgehend meine soeben nachgefüllte Trinkflasche aus und befüllte sie mit «neutral» schmeckender Trinksame. Wie sich im Verlaufe der Wanderung zeigen sollte, war der ekelerregende Schwefelgeruch immer noch in der Flasche. Und selbst eine zweite Füllung am Bahnhofbrunnen von Entlebuch, kurz vor der Heimfahrt, vermochte dem Gruselgeruch nicht den Garaus zu machen. Ich setze daher meine ganze Hoffnung auf die Wirkungskraft der Abwaschmaschine und tröste mich derweilen damit, dass dieses schaurige Medizinalgesöff meiner Gesundheit ein Upgrade – wenn auch ein kurzfristiges – verpasst hatte.

Der unscheinbare Schwefelwasserbrunnen am Fusse des Schimbrig.



Und wem dieses Schimbrigbad nichts sagt, dem sei noch folgender Text nachgeschoben,  den ich von der Informationstafel bei der Schwefelquelle abgekupfert habe:

Geschichtlich erstmals erwähnt sind die Eisen- und Schwefelquellen am Schimbrig von Joseph Xaver Schnider von Wartensee, Pfarrer in Schüpfheim in «Geschichte der Entlebucher» 1781. Dr. med. Walter Birrer, Entlebuch, schrieb damals in einem geschichtlichen Beitrag: «Von den drei Mineralquellen, die am nordwestlichen Abhang des Schimbrig entspringen, hat die Natrium-Schwefelquelle, die als solche die stärkste in der Schweiz ist, entschieden das Interesse behauptet und die Entwicklung des Kurbetriebes auf Schimbrigbad begründet.» Das erste Kurhaus von 1860 verfügte nach einer Erweiterung über 93 Zimmer mit 160 Betten und einem Badehaus mit zwölf Badezimmern und zehn Gästezimmern. Mit Zweispännern fuhren die Gäste nach Finsterwald, von dort zu Fuss, zu Pferd, aber auch mit Sänften getragen. Am 6. Juni 1885 wurde das ganze Gebäude ein Raub der Flammen. 1888/89 erfolgte ein Neubau mit 87 Zimmern für 110 Gäste. Leider wurde am 16. November 1933 auch das zweite Kurhotel durch ein Feuer zerstört und nicht wieder aufgebaut. So wurden die Glanzzeiten des Kurortes jäh beendet.

Diese Etikette zierte einst die Trinkflaschen.



Heute erinnert am Ort selber praktisch kaum noch etwas an den Kurhotel-Betrieb. Was aber blieb, ist die Schwefelquelle, welche international mehrmals entsprechend ausgezeichnet worden ist. Die Anreicherung an Calcium, Magnesium, Nitraten etc. zeichnet das Wasser aus.

Von der früheren Bedeutung der Schwefelquelle können wir heute also nur noch träumen. Eine bestimmte zielgerichtete Nutzung ist auch künftig sicher wertvoll und nun wieder sichergestellt. Für Wanderer und Ausflügler im Gebiet Schimbrig lohnt es sich, wenn das Quellwasser direkt an der Trinkstelle genossen wird oder wenn man eine Flasche mit dem heilsamen Wasser abfüllt und zu Hause trinkt. Das Schwefelwasser regt den Stoffwechsel im menschlichen Organismus kräftig an.

Schimbrig Bad zu seiner Blütezeit im im 19. Jahrhundert. Hinter dem Kurhaus baut sich der Schimbrig auf.
Die Quellfassung wurde durch das starke Unwetter im Sommer 2005 verschüttet und ist nun wieder fachmännisch erneuert worden. Und das Wichtigste: Die Wasserqualität ist attestiert und garantiert. Die Ergebnisse der durchgeführten Analysen entsprechen hinsichtlich der Fremd- und Inhaltstoff-Verordnung den lebensmittelrechtlichen Anforderungen. Visionäre Gedanken, dass das Wasser in absehbarer Zukunft in einem beschränkten Rahmen als Heilwasser vermarktet werden kann, sind nicht unrealistisch.

15. August 2022

Zu Fuss über die Alpen

Ludwig Grassler: Zu Fuss über die Alpen, Süddeutscher
Verlag, München, 1977
Dieses Buch ist für alle Freunde des Bergwanderns eine Sensation. Rechtzeitig zum 75. Jubiläumsjahr des Isartalvereins stellt Ludwig Grassler seinen «Traumpfad» über die Alpen von der Isar bis an den Piave in Wort und Bild vor. Der Wanderweg vom Münchner Marienplatz bis zum Markusplatz in Venedig ist etwa 515 Kilometer lang, kann in 28 Wandertagen in einzelnen Etappen bewältigt werden und führt im Bereich der Alpen über insgesamt 33 Jöcher, Scharten und Pässe. Die Stationen dieser Etappen sind: München, Wolfratshausen, Bad Tölz, Leger, Vorderriss, Wattens, Lizum, Tuxerjoch, Pfunders, Lüsen, Grödnerjoch, Marmolada, Masare, Pramperet, Belluno, Priula, Bocca Callalta, Jesolo, Venedig .

Für jeden bergerfahrenen Wanderer ist der hier vorgestellte Weg von München nach Venedig ein «Erlebnis fürs Leben»! Wer für dieses Erlebnis vier Wochen Abschied nimmt von den Bequemlichkeiten der modernen Zivilisation, der wird durch die zahllosen stillen oder gewaltigen Naturschönheiten und die einmaligen Begegnungen abseits von lärmenden Autostrassen reichlich entschädigt. 

Die vielen Bilder in diesem Buch, während der Wanderung vom Autor selbst aufgenommen, bestätigen solche Eindrücke. Die ausführliche Beschreibung des Weges und seiner Besonderheiten sowie die Vermittlung der kulturhistorisch en Daten über die zahlreichen erwanderten Stationen unterwegs durch das Isartal entlang den weissen Kalkwänden des Karwendel, den firnglänzenden Höhen der Zillertaler Berge, über die lieblichen Matten zwischen den roten Felsburgen in den Dolomiten und durch die Wildflusslandschaft am Piave bis zum Meer bei Jesolo  lassen uns darauf besinnen, wie weit die Zersiedelung unserer Landschaften und der hektische Ausbau eines immer dichteren Strassennetzes die Fussgängerfreiheiten in unserer modernen Welt beschränkt haben: Durchgehende Fusswege über weite Strecken sind heute immer weniger auszumachen. Nur noch entlang den Flüssen und im Gebirge finden wir sie, und der «Traumpfad» von Münchens «Guter Stube» über die Alpen bis zum «schönsten Salon der Welt», wie Napoleon den Markusplatz in Venedig nannte, ist wohl der verlockendste unter ihnen, weil er den aktiven Wanderer herausfordert, aber auch reichlich belohnt.

Doch selbst den Nur-Leser, der diesen Pfad lediglich mit Hilfe des Buches nachvollzieht, bereichert die Lektüre mit einem anregenden und aussergewöhnlichen Erlebnis, mit der Teilhabe an einem Abenteuer, wie es in unserer technisierten Welt nicht mehr möglich schien. (Klappentext)

13. August 2022

Über die nasse Grenze

In Rot die Rot.

Neulich widmete ich mich dem siebten Abschnitt meines Wanderrad-Projektes von Langenthal. Also zog ich von der Ammann-Metropole genau nach Osten und landete nach viereinhalb Stunden im Örtchen Richenthal. Bereits bei der Planung der Route gab es einen kleinen Knackpunkt zu lösen: das Flüsschen Rot, das im zu begehenden Korridor partout keine Brücke aufweisen wollte. Aufgrund der Landkarte stufte ich das Gewässer so ein, dass dessen Überquerung ohne Packraft zu bewerkstelligen sein sollte. Ich packte daher bloss ein Paar Strandschuhe sowie ein Frottiertuch in den Rucksack und schritt in gespannter Vorfreude dem natürlichen Hindernis entgegen.

Der Feld-, Wald- und Wiesenbach präsentierte sich mir als seichtes und wenig breites Gewässer. Der Durchwatung stand also nichts im Wege, einzig das gegenüberliegende Steilufer bereitete mir etwas Kopfzerbrechen. Wie sollte ich da hochkommen? Und würde ich die oben an der Klippe wachsenden Brennnesseln schmerzfrei hinter mich lassen können? – Der langen Rede kurze Antwort: Das Steilufer überwand ich dank einem halb abgerutschten Wurzelbereich einer Esche, an deren Ästen ich mich schliesslich auf den abbröckelnden Klippenrand hievte. Und von den befürchteten Nesseln waren just an meinem Ankunftsort keine zugegen.

Der Flusslauf der Rot ist eher ein grüner. Die rote Signatur zeigt die Stelle meiner Bachdurchquerung.




Mit dieser kurzen Abenteuereinlage wechselte ich nicht nur von einem Ufer ans andere, ich wechselte auch vom Kanton Bern in den Kanton Luzern. Nur dass ich statt über die grüne über die nasse Grenze ging. Und diese Rot ist fürwahr ein veritabler Grenzfluss. Ihren Ursprung hat sie lustigerweise im Kanton Bern. Hier fliesst sie 50 Meter rein bernisch, ehe sie auf die Grenze Luzern/Bern stösst und dieser bis St. Urban folgt. Hierbei verläuft sie – aus welchen Gründen auch immer – im obersten Bereich auf einem Abschnitt von 800 Metern gänzlich auf Berner Boden. Von St. Urban bis zur Aaremündung bei Murgenthal mimt sie dann die Grenze zum Kanton Aargau, allerdings nennt sie sich auf den letzten anderthalb Kilometern nicht mehr Rot sondern Murg. Die Namensänderung tritt dort ein, wo die Langete mit der Rot zusammentrifft. Die Rot selber weist von ihrer Quelle bis zum Zusammenfluss mit der Langete eine Länge von circa 17 Kilometern auf. Und ehe diese Zeilen enden, sei noch auf die weiteren Rot-Zuflüsse hingewiesen. Man betrachte die Aufzählung als Ode an die bernisch-luzernische Landschaftsliteratur:

Brüggeweidbächli
Buechwaldbächli
Dorfbach
Fischbächli
Haldenbach
Mülibach
Rickebach
Schwändibach
Schwarzebach
Seijumattbächli
Stäckholzergräbli
Stampfibach
Wässerbach
Ziegelwaldgräbli

Eine Fotostrecke der Wanderung von Langenthal nach  Richenthal befindet sich hier

10. August 2022

Schachteltraum

Walther Kauer: Schachteltraum, Benziger,
Zürich/Köln, 1978
Schachteltraum: Der Titel bezieht sich zunächst auf die Schreibtechnik. Auf drei nebeneinander verschachtelten Ebenen erzählt Kauer die spannende, in überraschenden, mitunter kriminalistischen Wendungen verlaufende Biografie von Georges Knecht und gibt zugleich ein Bild schweizerischer Geschichte zwischen 1930 und 1970. Schachteltraum heisst das Buch aber auch, weil der Erzähler Knechts Aufzeichnungen in Schachteln verpackt findet, aus ihnen, aus Briefen und Dokumenten Knechts Leben rekonstruiert.

Georges Knecht ist Sohn eines von der Wirtschaftskrise betroffenen Arbeiters, der im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Antifaschisten fällt. Als Verdingbub kommt Knecht zu einem reichen Bauern, erlebt im Zweiten Weltkrieg Schwarzhandel und Schiebereien, die Ausbeutung der internierten, Polen. Knecht, ein Heller, Aufgeweckter, darf die Mittelschule besuchen, entwickelt Gerechtigkeitssinn, zuviel Gerechtigkeitssinn, wie sich später erweist. Nach dem Krieg verwandelt sich das Dorf, das Zweigwerk einer Maschinenfabrik wird aus Italien kommen die ersten Fremdarbeiter. Um ihnen zu helfen, lässt sich Knecht von Hinrichsen, dem Firmeninhaber, als Sozialarbeiter anstellen. Doch nur für kurze Zeit. Dann entspinnt sich ein Kampf der beiden ungleichen Gegenspieler, und Hinrichsen, in Personalunion Unternehmer, Politiker und Militär, stellt Knecht auf seine Weise kalt.
(Klappentext)

8. August 2022

Die Studentin

Christian Schünemann: Die Studentin,
Diogenes, Zürich, 2009
Der Alptraum eines jeden Starfrisörs: Kurz bevor die Show der weltweit besten Frisöre in London beginnt, fällt das Supermodel aus. Tomas Prinz weiss sich zu helfen. Kurzerhand engagiert er Rosemarie, das englische Au-pair-Mädchen, das bereitsteht, um ihn nach München zu begleiten. Dort wird sie in der Familie seiner Schwester Regula erwartet. Zuvor aber muss sie Prinz mit einer ganz besonderen Qualität aushelfen: ihren wunderschönen roten Haaren.

Rosemarie ihrerseits führt ihn ins Münchner Uni-Milieu ein, in dem Prinz herumstreunt wie ein neugieriger Tourist. Von den akademischen Debatten versteht er wenig, aber die menschlichen Abgründe – Intrigen und Karrierepläne – erfasst er auf den ersten Blick. Und prompt hat er einen neuen Fall am Hals. Wo die Polizei mühsam Fakten zusammenträgt, braucht sein visuell geschultes Auge Sekunden, um kriminelle Zusammenhänge zu erkennen.
(Klappentext)

D: München (Hauptschauplatz) GB: London

5. August 2022

Zu Fuss durchs wilde Kurdistan

Achill Moser: Zu Fuss durchs wilde Kurdistan, Pietsch,
Stuttgart, 1990
Achill Moser hat sein Leben schon in vielen Extremtouren gewagt. Er kämpfte sich zu Fuss durch die Wüste Gobi, bezwang in Westafrika den Niger mit dem Kanu und durchquerte das trostlose Odadahraun-Lavafeld in Island. Seine Expedition durch Kurdistan, jene wilde Felsregion in der Osttürkei, stellte ihn vor ganz neue Anforderungen. 300 Kilometer marschierte Moser durch das rauhe Bergland an der Grenze zum Irak, der UdSSR, Syrien und dem Iran. In diesem Pulverfass der Emotionen und der Gewalt, der behördlichen Willkür und dem Widerstand der Bergnomaden, erschliesst sich dem Leser eine grandiose Natur, wie sie atemberaubender nicht sein könnte. Achill Moser lässt den Leser hautnah mit dabei sein … (Klappentext)

29. Juli 2022

Es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte

Die 135 Meter lange Holzbrücke von Sevelen von der Liechtensteiner Seite aus gesehen.
Vor gut zwei Wochen überquerte ich vom Fürstentum Liechtenstein her kommend den Rhein auf einer bemerkenswerten Holzbrücke zwischen Vaduz und Sevelen. Bis ins 19. Jahrhundert war der Rhein im Grenzgebiet zwischen Liechtenstein und der Schweiz bis auf wenige Ausnahmen nicht reguliert und konnte deshalb weitestgehend frei fliessen. Der Personen- und Warentransport erfolgte daher durch Rheinfähren, die zwischen Liechtenstein und der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts an fünf Stellen unterhalten wurden.

Der Beginn der Rheinkorrektion Mitte des 19. Jahrhunderts legte den Grundstein für den Brückenbau: Die ersten Rheinbrücken zwischen Liechtenstein und der Schweiz wurden 1867/1868 zwischen Bendern und Haag sowie zwischen Schaan und Buchs SG erstellt. Jene, die Vaduz mit Sevelen verbindet entstand in den Jahren 1870/71, musste aber wegen ihres schlechten Zustandes 1901 durch eine neue ersetzt werden. Und über dieses 135 Meter lange Bauwerk war ich also neulich gegangen. Der Zufall wollte es, dass ich in meiner aktuellen Lektüre über das Leben des Kapuzinerpaters Matthäus Keust (1840–94) auf eine Textpassage stiess, in der er die abenteuerliche Überquerung des Rheins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Trübbach, also nahe Sevelens, beschreibt:

Von Wallenstadt erlöst, ging es nun wieder überall hin auf Mission, nach Ragaz, Vilters, Weisstannen, Gams, Flums, Quarten, Mels, wo ich lange Pfarrerverweser sein musste, Berschis, Murg, Schaan im Liechtensteinischen, Vaduz, Triesen, Triesenberg und Balzers etc.

Die Missionen ins Liechtensteinische liefen mitunter nicht ganz glatt ab und zwar wegen dem Rhein, über welchen damals noch keine einzige Brücke führte. Wer den Rhein nur gesehen hat, wenn er so still und ruhig, wenn auch etwas schäumend, von Ragaz her ins Rheinthal fliesst, der kann sich keinen Begriff bilden, was das für ein wilder, schrecklicher Gesell ist, wenn in den Bündtnerbergen der Föhn den Schnee schmilzt oder ein schweres Ungewitter über dieselben hinzieht. Ich selber habe eine Erfahrung gemacht, die mir zeitlebens in Erinnerung bleiben wird.

Pater Ephraim und ich befanden uns im Liechtensteinischen auf der Mission, er in Triesen und ich in Vaduz. Er erwartete mich in Triesen, und von dort gingen wir miteinander über den Damm nach Trübbach. Der Föhn stürmte fürchterlich, und wir sahen, wie der Rhein fast von Minute zu Minute anschwoll und grösser wurde. Das ganze weite Bett des Stromes war ausgefüllt mit dem Wasser; pfeilschnell eilten und schnellten die wilden Wellen vorüber, es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte, dass uns fast Sehen und Hören verging. Und in Trübbach sollten wir in einem Schiff über dieses empörte Element setzen! Aber ob es noch möglich sein wird? Ob der Hans Saxer, so hiess der besorgte und erfahrene Fährmann, uns noch abholen wird? Können wir nicht hinüber, so müssen wir über den Luziensteig drei volle Stunden weit nach der Zollbrücke im Cant. Graubündten, und dann von dort wieder 3 Stunden nach Mels, also 6 oder eher mehr Stunden gehen, bis wir daheim sind.

Als wir bei der Fähre in Trübbach ankamen, waren Saxer und sein baumstarker Sohn am diesseitigen Ufer gerade damit beschäftiget, die nöthigen Laden, um bequem ins Schiff steigen zu können, an jenseitige Ufer in Sicherheit zu bringen. Es standen noch mehr Personen da, die auch noch hinüberbefördert werden wollten. Auf die Frage, ob wir noch mitgenommen werden könnten, meinte Saxer, er wolle auch noch hinüber, wenn wir mitkommen wollten, sei es ihm schon recht, aber heissen wolle er uns nicht. So wenig Vertrauen erweckend diese Einladung lautete, wollten wir uns doch von Frauenspersonen, die auch mit hinüber zu gehen sich getrauten, nicht beschämen lassen.

Blick von der Schweizer Seite hinüber ins Ländle mit dem fürstlichen Schloss.


Um nun, da die Laden, welche eine Brücke bildeten, weg waren, zum Schiff zu gelangen, mussten wir uns von den Männern auf den Schultern hintragen lassen, die Frauen wurden auf den Armen hinbefördert. Saxer Vater hielt mit den Händen das über den Rhein gespannte Seil, und Saxer Sohn stund mit einem scharfen Beil, das er immer in den Händen bereit hielt, am Seil, welches das Schiff mit dem gespannten in Verbindung brachte und festhielt, um auf das gegebene Zeichen des Vaters, wenn es nöthig sein sollte, dasselbe zu zerschneiden. «Nun, in Gottes Namen vorwärts!» sprach der Vater, und das Schiff befand sich in den schrecklich brausenden und tobenden Wellen. Zur Vorsorge hielt ich mit beiden Armen einen Laden umschlungen, auf dem ich, wenn es fehlen sollte, die schreckliche Fahrt den Rhein hinab machen wollte, bis Erlösung käme, sei's durch Menschen oder durch den Tod.

Kein Wort wurde gesprochen, und furchtbar lang währte es, bis wir nur in der Mitte der tobenden Fluthen waren, obschon es rasch ging. Doch endlich langten wir am Ufer an, aber jetzt sagte Saxer: «Das ist, bis das Wasser wieder abgenommen hat, die letzte Fahrt! Danket Gott, dass es so gut ablief.» Hätten wir die Grösse der Gefahr erkannt, wir hätten uns schwerlich getraut, die Fahrt zu wagen. Wir dankten wirklich Gott, dass wir so glücklich davongekommen sind. Gegenwärtig wissen die jüngern Capuciner nichts mehr von solchen Strapazen und Gefahren, welche die ältern einst bestehen mussten.

Und einmal mehr wird einem bewusst, welchen Kulturwandel das Verkehrs- und Transportwesen in den vergangenen 175 Jahren in unseren Längen- und Breitengraden vollzogen hat. Eine Bildstrecke der Wanderung von Steg (FL) nach Sevelen (SG) befindet sich hier.

23. Juli 2022

«Indirettissima» ist da!

Reto Küng: Indirettissima, Edition
Wanderwerk, Burgistein, 2022
Inspiriert von der 1983 landesweit legendär gewordenen «Direttissima Schweiz» unternimmt Reto Küng fast 40 Jahre später eine ähnliche Reise: zu Fuss vom nordwestlichsten Zipfel des Kantons Waadt zur südöstlichsten Ecke des Bündnerlandes. Anders als seine Vorgänger sucht der Autor nicht den möglichst direkten Weg. Seine Absicht ist es vielmehr, bislang weniger begangene Gegenden von Jura, Mittelland und Alpen zu bewandern.

An 43 Tagen legt Küng weit über 900 Kilometer zurück. Begleitet vom Wetterglück durchstreift er fantastische Landschaften und fotografiert diese gekonnt. In seinem Erlebnisbericht erzählt er von Begegnungen mit Wildtieren, Beherbergern und mitunter gewalttätigen Einheimischen. Er berichtet aber auch von den Sorgen und Nöten des Fernwanderers, seinen Glücksmomenten und vielem mehr.

Der mit 140 meist grossformatigen Fotos reich bebilderte Band lädt dank einer Etappenübersicht sowie den zur Verfügung gestellten GPS-Tracks zum Nachwandern der wunderbaren Route ein.

Das Buch ist ab sofort in der Edition Wanderwerk erhältlich. Hier steht auch eine Leseprobe und ein kurzes Autorenporträt zur Verfügung.

22. Juli 2022

Im Land der grünen Ameisen

Sarah Murgatroyd: Im Land der grünen
Ameisen, Verlag das Beste, Stuttgart/Zürich/
Wien, 2004
Von seiner Entdeckung im Jahr 1770 an wehrte sich der australische Kontinent hartnäckig dagegen, seine Geheimnisse preiszugeben, und über sein «totes Herz» kursierten abschreckende Geschichten.

Um 1860 waren nicht mehr als zwei Drittel Australiens erforscht. Erst nachdem es in Victoria, der kleinsten Kolonie Australiens, reiche Goldfunde gegeben hatte, wurde der Ehrgeiz dieser Kolonie geweckt: Zum ersten Mal sollte der Kontinent von Süd nach Nord durchquert werden. Somit wurde in Melbourne ein Organisationskomitee gegründet, das eine geeignete Expeditionsmannschaft zusammenstellen sollte. Schliesslich war es soweit: Am 19. August 1860 brachen der exzentrische irische Polizist Robert O'Hara Burke und der bescheidene Landvermesser William John Wills mit einer Karawane von schwer beladenen Kamelen, Pferden, Planwagen und abenteuerlustigen Männern auf ins Unbekannte. Niemand wusste genau, was sie erwartete, und niemand ahnte, welch triumphales und zugleich tragisches Ende diese Expedition, die so glorreich begann, nehmen würde. (Klappentext)