10. August 2020

Armut

Arthur Honegger: Armut, Huber, Frauenfeld,
1994
Armut und Überlebenskampf, Demütigung und Stolz, Hass und Begierde sind die tragenden Elemente dieses grossen Romans, dessen Erzählfluss von der Krise der Dreissigerjahre bis zur neuen Armut der Gegenwart reicht. Erlebt wird diese Zeitspanne von der Familie Knecht, deren Vater die existenziellen Nöte und sozialen Gegensätze der Vor- und Nachkriegszeit durchleidet und die in einer Fabrik gefundene Arbeit schliesslich mit der Gesundheit und dem Leben bezahlt. Zurück bleibt eine Mutter mit vier Kindern, die tapfer dem Schicksal und dem Drängen der Behörden trotzt, ihren Kindern eine Zukunft schafft und spät ein eigenes kleines Glück erleben darf. Für die nächste Generation scheint es keine wirtschaftliche Not zu geben. Auch Ruedi Knecht und seine Frau glauben an die baldige Erfüllung ihrer Vorstellungen von Wohlstand und Glück. Doch die Arglist der Zeit und die Arbeitslosigkeit der Gegenwart werden auch für sie zu einer harten Bewährungsprobe. «Armut» ist ein Roman, der vor einem geschichtlichen Hintergrund handelt, ohne bloss dem Zeitgeist zu entsprechen. Honegger moralisiert nicht, lässt aber keine Zweifel an seinen Sympathien für die sozial Benachteiligten. (Klappentext)

ZH: Region Oetwil am See – Bubikon

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

9. August 2020

Sperrsitz

Konrad Pauli: Sperrsitz, Edition Erpf,
Bern, 1984
Herbert ist zwanzigjährig und hat soeben die Matur hinter sich gebracht. Es ist Frühling, im Herbst will er ein Studium anfangen. Den Sommer durch darf er in der Stadt und in seiner Mansarde bleiben. Zum erstenmal in seinem Leben verfügt er über einen ausgedehnteren, frei zu gestaltenden Zeitraum. Schritte und Gedanken kann er lenken wohin er will, dennoch hat er bald den Eindruck, stehen zu bleiben. Auf fremde Hilfe ist nicht zu hoffen, Veränderung und Aufbruch sind nur möglich aus eigener Kraft. Aber in der Stadt geht er im Kreis herum, auch sehnt er sich nach einem Mädchen. Als unfreiwilliger Zuschauer der Lebensszene ist er ein umso genauerer Beobachter. Er ist unfähig, in den Tag hineinzuleben, muss immerfort sich Rechenschaft geben über das, was ihm begegnet, was er entbehrt. So stapelt sich ein Bilder-Vorrat, den es, gleichwie, zu überblicken und zu ordnen gilt. Eine Ausstellung über Wols verhilft ihm zu deutlicherer Wahrnehmung. Was Wols fotografiert hat, will Herbert nun an Ort und Stelle suchen. So geht er nach Paris, in der unklaren aber fiebrigen Hoffnung, dem Leben näherzurücken … Konrad Paulis Roman ist das präzise Psychogramm des Aufbruchs eines jungen Menschen in die ungewisse Welt der Erwachsenen. (Klappentext)

BE: Stadt Bern F: Paris

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

8. August 2020

Zellers Geflecht

Werner Schmidli: Zellers Geflecht, Benziger,
1979
«Zellers Geflecht» ist die Geschichte eines Schriftstellers, der mit Beklemmung spürt, wie er jegliche Spontaneität des Empfindens verliert, wie ihm jedes Erlebnis, jede Erfahrung sofort zu Literatur wird. Und doch ist Schreiben für ihn die einzige Art, sich zu wehren; zu wehren gegen den Zorn und die Verzweiflung, die er empfindet über das Leben, das die meisten Menschen heute zu führen gezwungen sind: Ein Leben in genormter Enge, bestimmt durch Arbeit, Leistung, durch Gewöhnung, die abstumpft und auch das Besondere durch Wiederholung zum Banalen werden lässt.

Zugleich ist «Zellers Geflecht» der Roman einer Ehe. Er erzählt von der Sehnsucht, die Spontaneität einer Beziehung zu bewahren, «nichts anderes zu empfinden als damals», und von der Trauer über die Vergeblichkeit solcher Wünsche. «Jedesmal haben wir etwas zurückgelassen! hätte er sagen können; aber er liess es … Er war betroffen, wenn er sagte: Früher! Er verstummte, wenn er das Wort selber gebrauchte!»

Zellers Geflecht ist ein von persönlicher Erfahrung geprägtes Buch. Doch ist die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbsterfahrung auch in einer Zeit, da Psychologie als Wissenschaft lernbar geworden ist, eine Kunst. Und dem risikoreichen und unbequemen Unterfangen, sich seinem eigenen Ich und dieses der Öffentlichkeit auszusetzen, verdanken wir nicht wenig von unserem Wissen über den Menschen, über uns selber.
(Klappentext)

AG: Birrfeld BL: Allschwil GR: Trun, Zignau

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

7. August 2020

Elchspur

Kurt Hutterli: Elchspur, Zytglogge, Bern,
1986
Der Zoologe Robert Jöhr reist für längere Zeit nach Finnland. Er will dort sein Buchprojekt über Elche verwirklichen. Zumindest vordergründig ist das seine Absicht.

Tiefer und nachhaltiger beschäftigen ihn persönliche Probleme: Nach der Trennung von seiner Frau stimmt für Jöhr die eigene, biedere Welt nicht mehr. Er hofft, in finnischer Einsamkeit mit sich selbst ins reine zu kommen. Doch was sich zusammenfügt, sind lediglich Schatten seiner Vergangenheit.

Irritiert verlässt Robert J. den eingeschlagenen Weg. Dass seine Spur schliesslich über die gewohnte Wirklichkeit hinausführt, wird all die Leserinnen und Leser nicht wundern, die selbst schon die magische Ausstrahlung nordischer Landschaft erlebt haben. Der Autor Kurt Hutterli kennt Finnland von mehreren Reisen und Aufenthalten her. Er zeichnet Jöhrs finnischen Alltag, sein Vertrautwerden mit den Nachbarn, sein Eintauchen in die Natur, mit einer Genauigkeit nach, die äussere und innere Landschaft plastisch werden lässt.
(Klappentext)

6. August 2020

Barbarswila

Gerold Späth: Barbarswila, Ex Libris,
Zürich, 1989
Den Ort der Handlung «O stilles Kaff! O schmuckes Nest!« kennt der Leser aus Späths Roman «Balzapf» (1977) – damals hiess er auch noch «Spiessbünzen» und «Molchgüllen». Seitdem hat sich der Erzähler in der Welt herumgetrieben und kehrt nun, nach «Commedia» (1980) und «Sindbadland» (1984), heim: «Es ist nicht einfach, jahrelang fort zu sein. Es ist aber auch nicht einfach, nach Barbarswil und doch nicht heimzukommen …»

Eines Morgens trifft er an seinem Heimatort am See ein und beobachtet, nahezu allgegenwärtig, was die einzelnen Bewohner an diesem Tag so treiben. Er erzählt uns unter anderem: Warum Signor Casagrande zwar gekommen ist, um die Jahresmiete einzutreiben, aber keine Wohnung betritt. Warum der Fischer Beck das Fischen vergisst. Weshalb die grosse Hochzeit platzt. Wie der schönen und irren Helen ihr Einkaufsgeld abhanden kommt. Warum der Bademeister Haug so gar nichts für den ertrunkenen Sportfischer Leutenegger tun kann. Was die Flugschüler des Siegfried Tobler über Barbarswil so alles treiben. Weshalb der Apotheker Rüegg jeden Morgen zum Friedhof geht. Warum Britta Amsteg erst ihren Kater erschlägt und dann Geige spielt. Was wie vereinzelte Lebensläufe beginnt, lässt bald das dichte Gewebe von Menschlich-Allzumenschlichem dieser Kleinstadt entstehen, die gar nicht still und auch nicht schmuck ist. Der Erzähler deckt schonungslos auf, was die Feigenblätter in Barbarswilas Stadtwappen nur zu gerne verdecken möchten. Und der Leser hat seinen Spass an diesen Geschichten, die Späth genau, lakonisch und immer auf den Punkt hin erzählt.
(Klappentext)

SG: Rapperswil

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

5. August 2020

Botz Heiterefahne

Christian Schmidt: Botz Heiterefahne,
Cosmos, Muri b. Bern, 2007
Was ist eine Schlottergotte? Ein Häftlimacher? Was hat der Käse im Fleischkäse zu suchen? Warum ist es höchste Eisenbahn? Seit vielen Jahren fragen Hörerinnen und Hörer in den Sendungen Schnabelweid und Mailbox auf Schweizer Radio DRS 1 nach der Herkunft und der Bedeutung von Wörtern und Ausdrücken aus den Mundarten und dem Hochdeutschen. Christian Schmids Wortgeschichten gehen von diesen Fragen aus, sind aber nie nur nackte Herkunfts- und Bedeutungserklärungen, sondern Geschichten, die diese Bezeichnung verdienen. (Klappentext)

«Wissen Sie, woher das Wort Frässzedel kommt?» Radioredaktor Christian Schmid weiss es. Vergnügt streift man durch diese Wortgeschichten, staunt über das verästelte Wissen des Sprachforschers, über seine Erzählkünste. Er schildert Herkunft und Bedeutung, dass es eine Lust ist. Franziska Schläpfer Buchjournal

Christian Schmid kann als Sprachwissenschaftler bei seinen Büchern aus dem Vollen schöpfen. Dass er das mit viel Witz, Sinn für skurrile Zusammenhänge und auch abseits ausgetretener Wissenschaftspfade tut, erklärt wohl zum grossen Teil den Erfolg seiner Bücher. Schmid ist nicht nur ein Sprachforscher, sondern darüber hinaus ein amüsanter Erzähler. Bernadette Reichlin, Zürcher Oberländer

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Berner Mundartliteratur»).

4. August 2020

Allmend

Konrad Pauli: Allmend, Edition Erpf, Bern,
1986
Daniel, ein achtzehnjähriger Bäckerlehrling, hat nach dem ersten, konfliktgeplagten Lehrjahr im elterlichen Betrieb zu einem Lehrmeister in die Stadt gewechselt. Kaum aus Neigung, vielmehr aus Ratlosigkeit hat Daniel diesen Beruf ergriffen; sein Unbehagen kommt aber nicht bloss aus der Lustlosigkeit an der Arbeit: aus dem Abstand des Ortswechsels erscheint auch das Elternhaus, seine Kindheit in einem andern Licht. Erstmals denkt er darüber nach, wie alles gekommen war; Klarheit versucht er sich zu verschaffen im Verhältnis zu den Eltern, ebensosehr drängt es ihn zu eigenen Schritten und Lebensentwürfen. Er ahnt, dass Zukunft sich dort einstellt, wo immer Abschied genommen wird. Als Vater nach einiger Zeit, aufgrund des eigenen, verpassten Lebens, diese Ansätze zur Selbstbestimmung zerstören will, zieht Daniel die einzige ihm verbliebene Trumpfkarte. (Klappentext)

BE: Stadt Bern, Berner Allmend, Gurten, Thunersee, Interlaken, Beatenberg

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

3. August 2020

Auftürmen

Bellevue-Turm auf der Rigi um 1870

Als ich 2014/15 bei den Recherchen für meinen Wanderführer «Rund um Zürich» vermehrt auf Türme zu steigen begann, kam ich endgültig auf den Geschmack: Türme haben was, und zwar nicht alleine der Aussicht wegen. Türme erzählen auch Geschichte und Geschichten. Und: Jeder Turm ist anders, einzigartig. Es lag deshalb nahe, dass ich als Jäger und Sammler das Thema systematisch und strukturiert anzupacken begann. Eine Liste sämtlicher besteigbarer Türme in der Schweiz musste her. Ich fand sie – wo denn sonst – auf Wikipedia.

Uetliberg mit den Glarner Alpen im Hintergrund.


Schnell waren alle Objekte auf der digitalen Landeskarte eingetragen: Hellblau jene, die ich bereits bestiegen habe, orange die Unbestiegenen. Zudem begann ich, mich mit der Geschichte des touristischen Aussichtsturms zu befassen; ein Thema, das in der Literatur eher spärlich vertreten ist. Grund genug also, diesem weiter auf den Zahn zu fühlen. Somit bleibt mir im Moment nicht viel mehr übrig, als auf die separate Seite meines Blogs hinzuweisen, der besagtes Turmverzeichnis beinhaltet, das ich laufend ergänzen werde – sei es mit neuen Besteigungen, fehlenden Daten oder neuen Türmen.

Der heute nicht mehr existierende Napoleonturm auf dem Seerücken südlich von
Ermatigen (TG). An seiner Stelle steht heute ein 2017 errichteter neuer Aussichtsturm.

2. August 2020

Boxloo

Heinrich Kuhn: Boxloo, Lenos, Basel, 1989
Durch einen Zufall geraten zwei Männer, Vater und Sohn, in eine ähnliche Situation. Eines Abends, am Familientisch, überlegt sich Michael, ein 18jähriger Seminarist, ob er von seiner Freundin Nicole erzählen soll. Da wird Georg, Mitte vierzig und Berufsschullehrer, am Telefon verlangt. Zu seiner Überraschung meldet sich Anna, vor über 30 Jahren seine erste Liebe.

An den folgenden Tagen nimmt äusserlich alles seinen gewohnten Gang. Sobald Arbeit und Umgebung es aber zulassen, versinkt Georg in Erinnerungen und Phantasien, Michael überlässt sich seinen Träumereien. Georg steigert sich täglich mehr in seine Vorstellungen von Anna und beschliesst, sie – heimlich – zu treffen. Michael ist in einer heiklen Lage: Einerseits hat er Nicole versprochen, sie zu besuchen, wenn ihre Eltern verreisen, andererseits würde er eine wichtige Prüfung versäumen. Trotz des drohenden Provisoriums entschliesst er sich, sein Versprechen zu halten. Ohne es voneinander zu wissen, haben Vater und Sohn ihre Abmachungen auf denselben Tag getroffen …
(Klappentext)

SG: Boxloo (Weiler bei Wil), Wil, Stadt St. Gallen

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

1. August 2020

Modelleisenbahn

Burkhard Spinnen: Modell-Eisenbahn, dtv,
München, 1998
Was treibt den grossen Mann zu den kleinen Lokomotiven? Den Autor Burkhard Spinnen führt die Recherche für eine Erzählung in ein Spielwarengeschäft; und dort verfällt er – nach dem «klassischen» Fehlstart als Fünfjähriger – mit Haut und Haaren der Modelleisenbahn. Allerdings gerät er durch seine Leidenschaft in etliche Krisen. Und daher schildert er nicht nur seine Begeisterung für die kleine Bahn und ihre grossen Vorbilder, die Dampflokomotiven, sondern auch seine mal tragischen, mal komischen Kämpfe mit der Raumnot, seine philosophische Suche nach dem rechten Massstab und seine Flucht vor der Idylle.

Zudem beschreibt er die Höhepunkte des Modellbahnerjahres, und er entwirft das Szenario eines wiedervereinigten deutschen Modellbahnvereins. Mit ganz besonderer Aufmerksamkeit geht er schliesslich dem Phänomen nach, dass «die anderen» ausgerechnet für seine Passion bestenfalls Unverständnis hegen – besonders, wenn «die anderen» weiblich sind.
(Inhaltsangabe im Buch)

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Eisenbahn»).   

31. Juli 2020

Das Feld

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Berlin,
München, 2018
Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Eine erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte siebenundsechzig Männer, doch nur einen hat sie geliebt. Und einer dachte: Man müsste mal raus hier. Doch dann blieb er. In Robert Seethalers neuem Roman geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz. (Klappentext)

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

30. Juli 2020

Högerland

Kurt Marti: Högerland, Luchterhand,
Frankfurt/Main, 1990
Kurt Martis Fussgängerbuch ist ein Plädoyer für eine aus der Mode gekommene Fortbewegungsart. Zeit bedeutet Geld, wer hastet, hat den Eindruck, er würde seinen Alltag sinnvoll verbrauchen. Kurt Marti, pensionierter Pfarrer, hat sich in die überlebte Rolle des Spaziergängers und Wanderers hineinbegeben. Knapp vier Jahre hat er beobachtet, was jemandem widerfährt, der Schritt vor Schritt setzt. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das ein Leben in seinen Melancholien und glücklichen Augenblicken zeigt und, geschürt durch die Musse beim Ausschreiten, gnadenlos den Blick für die Schäden schärft, die wir Landschaft und Natur beibringen.

Aber zunächst und zuerst Idylle: Wolken, der Gang der Sonne über den Himmel, Bäume, Berge – Kurt Marti ist ein Wanderer, der sich den Wonnen des Schauens mit Freude hingibt. Er wird nicht satt, in Bern, im Berner Oberland, im Emmen- und Simmental die Wege abzuschreiten, die Berge hinauf- und hinabführen. Ein «Sammler von Aussichten» ist unterwegs.

Doch diesen aus Spass Fliehenden holt die Zivilisation ein. Kein Wanderweg, der nicht von Lärm, Gestank beeinträchtigt wäre. Autostrassen durchziehen das Land. Selbst wenn Kurt Marti auf einem harmlosen Feldweg angekommen ist, wird seine Stimmung nicht heiterer: Überdüngung, geklonte Getreidesorten, Tiere, die wie Maschinen nach Kosten-, Nutzenüberlegungen behandelt werden. Der Fortschritt hat, woran der Wanderer vorbeistreift, nach seinem Ungeist geformt.

Die Wanderungen rühren auch an die Person des Autors. Beim Gehen vergeht Zeit. Rückblicke auf das eigene Leben setzen der unsteten Gegenwart haltbarere Biographiefragmente entgegen. Die Wehmut eines in die Jahre gekommenen Mannes lässt sich ein wenig vertreiben. Überhaupt entwickelt Kurt Marti im Gehen ein ungewöhnliches Gerechtigkeitsempfinden, das sich gegen die Achtlosigkeit der Geschichte wehrt.
(Klappentext)

29. Juli 2020

Die Fertigmacher

Arthur Honegger: Die Fertigmacher,
Ex Libris, Zürich, 1977
Dieser Roman ist ein verschlüsselter authentischer Lebensbericht Arthur Honeggers, der in der Krise der dreissiger Jahre als Pflegekind von fremden Menschen aufgenommen und gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in die Freiheit entlassen wurde. Es ist Berni Oberholzer, der das erlebt, was der Autor als Pflegesohn, Schuler, Anstaltszögling und Bauernknecht durchgemacht hat. Ein unfähiger Vormund, eine bigotte Pflegemutter, der Direktor einer Erziehungsanstalt, für den die Zöglinge die Feinde sind: Ihnen ist dieser junge Mensch anvertraut, sie sind seine « Fertigmacher».

Seine Schuld: Er ist ein uneheliches Kind; für die Pflegemutter ist darum der Knabe das Böse schlechthin. Bubenstreiche genügen, dass der Vormund sagt: «Wenn du so weitermachst, kommst du ins Zuchthaus.» Er wird ins Erziehungsheim abgeschoben, und es beginnt das Martyrium in verschiedenen Anstalten, in einer Atmosphäre der Bespitzelung, der Drohungen und Prügel. Berni arbeitet hart, aber er lernt nichts. Als der Neunzehnjährige aus der Anstalt entlassen wird, hat er keine Schulung, keine Lehre hinter sich. Bauern werden ihn anstellen, wieder arbeitet er um der Arbeit willen. Aber er wird zumindest am Tisch essen, «und Schläge werde ich auch nicht bekommen, das ist schon viel». – Seine Erlebnisse reduziert Honegger auf das Wesentliche, er gibt typische Szenen gerafft wieder. Vor allem gelingt es ihm, die Gewissensqualen, die Ängste, die trostlose Einsamkeit eines Verstossenen und Misshandelten erlebbar zu machen.
(Klappentext

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

28. Juli 2020

«Giggerig» auf dem Aussichtsturm

Nebikon–Menznau: 21 Kilometer, die zu gehen sich lohnen.
Vergangenen Samstag beging ich eine ungeahnt schöne Route im Luzerner Hinterland: Nebikon–Menznau. Bei Streckenhälfte wartete auf einem Hügel der Kastelenturm. Hierbei handelt es sich um eine 2006 sanierte mittelalterliche Burgruine in dessen ehemaligen Wohnturm ein 20 Meter hoher Stahlturm gestellt wurde, damit die Öffentlichkeit an der Rundumsicht von dort oben teilhaben kann. Begegnete ich während dem 2½ Stunden dauernden Anmarsch keinem einzigen Wanderer oder Spaziergänger, war auf der Aussichtsplattform von Kastelen ziemlich was los. Elf einheimische Jungmänner und eine einzige Frau, klammerten sich je an ein Fläschli Bier und gaben permanent ihre Sprüche zum Besten. Aus einem als Rucksack getarnten Getto-Blaster erklang Ländlerpop vom feinsten. «Du machsch mi giggerig» von Polo Hofer selig oder Artur Beuls «Nach em Räge schynt d Sunne». Ehrlich gesagt, es hätte schlimmer sein können.

Nach dem Abzug der Landjugend kehrte im weiten Rund die Ruhe ein. Der zweite Teil der Wanderung führte mich am Schloss Kastelen vorbei hinab in die Ebene von Alberswil und von da über einen bewaldeten Hügelrücken südwärts ins Ostergau mit seinen zahlreichen Weihern, die in der Folge des Torfabbaus entstanden und seit Jahren schon unter Naturschutz sind. Was für ein landschaftliches Glanzlicht! Von hier war es dann nicht mehr weit nach Menznau, wo es im Denner fünf Minuten vor Ladenschluss noch dringend benötigte Tranksame zu kaufen gab. Die Fotos zu dieser nachahmenswerten Tour gibt es hier.

27. Juli 2020

Nagelprobe am Col du Bastillon – 2

Die am Vorabend aufgezogenen Wolkenbänder hatten sich über Nacht aufgelöst. Entsprechend frisch wurden die frühen Morgenstunden; schliesslich lag ich in meinem Zelt auf weit über 2500 Meter über Meer. Um zehn Minuten vor sieben wurde meine Behausung auf einen Schlag von den Sonnenstrahlen erfasst. Ich zögerte keine Sekunde und wuchtete mich aus dem Schlafsack. Über dem beinahe spiegelglatten Grand Lé erhoben sich der Grand Combin (4314 m) und, rechts von ihm, der Mont Vélan. Gibt es ein schöneres Ambiente für ein Frühstück?

Die Fortsetzung der gestrigen Wanderung gestaltete sich äusserst angenehm. Gut zu begehende Bergwege mit mässigem Gefälle führten mich vorerst in die Nähe der Betonorgie von Bourg-St-Bernard. Hier stiess ich auf die Via Francigena, die Pilgerroute nach Rom. Hoch über dem Stausee von Toules schritt ich talauswärts, ehe ich die nächste Geländestufe bewältigte, von der es nicht mehr weit nach Bourg-St-Pierre war, dessen alter Dorfkern auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Und auch am zweiten Tag meiner Unterwalliser Bergwandertat bewährte sich die Kleinkamera auf wunderbare Weise, wie die Fotos beweisen mögen.

26. Juli 2020

Mäandertal

Markus Ramseier: Mäandertal, Cosmos,
Muri b. Bern, 1994
Der Flurnamenforscher und Patroulleur Hitz ist unterwegs, eingerückt zu seinem letzten Ergänzungskurs ins frisch reformierte Schweizer Militär. Von einem vorchristlichen Refugium über dem Rhein aus bewacht er mit dem Scherenfernrohr die Grenze, doch sein Drahttelefon hat keinen Kontakt – zu niemandem. Steinzeit.

Hitz schlägt sie tot, indem er an einem Vortrag arbeitet. Immer wieder entfernt er sich zu diesem Zweck von der Truppe. Dabei bleibt ihm nicht erspart, all die Schlaufen auszuschreiten, die ihm die Sprache durch die Fluren vorgibt. In diesen leiernd-umschweifigen Bogen sammeln sich heitere und todtraurige Geschichten an, die einfliessen in den Fluss der Geschichte – das aerr oek oek eines Gen-Unikums im Weiher, die blutüberströmte Fremde auf der Krete, der Sack im Wrack.

Das Ergänzen und Patrouillieren nimmt unerwartete Formen an. Hitz gerät in die Fremde. Altarme tun sich auf. Schlingen. Umlaufberge. Langsam gleicht sich der Forscher der Landschaft seines Forschens an, und immer stärker geraten Anfang und Ende, Erinnerung und Wiederholung, Leben und die Idee vom Leben aneinander, bis dieses Leben im Mäanderhals zwischen Prall- und Gleithang verflacht und – scheinbar? – steckenbleibt.

Der Autor folgt seinem «Helden» mit einem feinen Sinn für Humor. Er erzählt ohne abzuschnüren und zu begradigen, weist auf Beziehungen, die weit auseinander liegen, häufig auch zwischen den Zeilen – und ausserhalb der Sprache. Und nebenbei bringt er viel Originelles ein über das literarisch unverbrauchte Thema «Flurnamen».
(Klappentext)

AG: Möhlin, Mumpf, Önsberg, Zunzgen, Buus BL: Maisprach, Oberdorf, Wintenberg

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

25. Juli 2020

Wahre Lügengeschichten

Emil Steinberger: Wahre Lügengeschichten,
Kein & Aber, Zürich, 1999
«Wer eine Lüge auftischt, ist noch lange kein Kellner», behauptet Emil ca. 2000 n. Chr. und lügt dabei wie gedruckt. Denn in seinen Wahren Lügengeschichten berichtet er u.a. über die kürzeste Schiffskellnerkarriere aller Zeiten, nämlich seiner. Emil will auch einen Schweizer Pfarrer als Schnapsnase entlarvt und mit Emils Apfelrösti Baden-Baden erobert haben. Und er erzählt lauter unglaublich wahrscheinliche Geschichten übers Taxifahren in New York, verirrte Bettmümpfeli oder Lachnotfälle. «Lügen haben kurze Beine. Wer das sagt, der lügt, denn meine haben keine», schreibt Emil Steinberger – und antwortet damit dem Heiligen Augustinus, der schon um 400 n. Chr. feststellte, das «fast alle Spassmacher lügen». (Klappentext)

«Ich habe 30 Geschichten geschrieben und konnte leider nicht immer bei der Wahrheit bleiben. Ich gebe also zu, geschwindelt zu haben. Wie oft? Sagen wir einmal, dass die fünf Finger einer Hand nicht ausreichen, um die erfundenen Geschichten zu zählen. Sie müssten schon noch einen Finger von der zweiten Hand rüberholen.»  Emil Steinberger

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Lebensgeschichten»). 

24. Juli 2020

Nagelprobe am Col du Bastillon – 1

Vergangene Woche habe ich über meine neue Kompaktkamera berichtet, und dass ich sie auf die anstehende Wanderung mitnehmen würde. Gesagt, getan, ich packte also den Winzling ein, und er kam bereits auf dem Weg an den Bahnhof zum Einsatz. Das Ergebnis einer sonderbaren Herbststimmung mitten im Hochsommer ziert seit gestern den Kopf meines Blogs.

Die Fahrt ging ins Unterwallis nach La Fouly im Val Ferret, wo ich Ende August 2008 von Orsières her kommend zu Fuss anlangte. Mein Plan war, in zwei Tagen vom Val Ferret über den 2754 Meter hohen Col du Bastillon nach Bourg-St-Pierre an der Strasse des Grossen St. Bernhards zu wandern. Am See Grand Lé (2554 m) fand ich einen sehr schönen Biwakplatz, wo es zwar von Stechmücken nur so wimmelte, der mässigen Bise sei es indes gedankt, dass sich die Viecher nicht gross an mich heranmachen konnten.

Die Landschaft war, gelinde gesagt, nicht übel, und die Wege waren es ebenso. Mein Kameräli hatte dementsprechend viel zu tun. Hier die Ergebnisse des ersten Tags dieser Tour, auf der sich die Olympus XZ-10 zum ersten Mal richtig zu bewähren hatte.


23. Juli 2020

Magischer Jura

Pier Hänni: Magischer Jura, AT-Verlag, Baden/
München, 2008
Der Jura, eine geologische Insel aus uraltem, emporgehobenem und gefaltetem Meeresboden, besitzt eine aussergewöhnliche Schwingung und eine landschaftliche Vielfalt mit aussichtsreichen Gipfeln, engen Schluchten, weiten Hochebenen, idyllischen Tälern und wuchtigen Bergrücken. Kulturgeschichtlich reicht die Spanne von den ältesten Steinzeithöhlen der Schweiz über bronzezeitliche Höhensiedlungen, keltische Naturheiligtümer, frühchristliche Kirchen und Klöster, mittelalterliche Burgen und Städtchen bis in die Neuzeit. Sagen erzählen von der Tante Arie, der Drachenschlange Vuivre, dem Geistpferd Gauvin oder von vielen gänsefüssigen Feen und Erdleutchen.

29 Jura-Wanderungen lassen uns in die magische Welt der Kulthügel, Feengrotten, Grossmutterbäume, der ruhigen Moorseen, wilden Schluchten, sagenhaften Quellen und heiligen Berge, der kraftvollen Felskämme und Klusen, der stillen Einsiedeleien, mystischen Kapellen und mittelalterlicher Burgruinen eintauchen. Die Wanderungen von 2½ bis 4 Stunden Gehzeit sind mit allen praktischen Angaben zu Anreise, Wanderzeit, Wegbeschreibung und Kartenskizzen versehen.
(Klappentext)

22. Juli 2020

Die Bergwanderung

Susy Schmid: Die Bergwanderung, Cosmos,
Muri b. Bern, 1999
Das Grauen schleicht in diesen vierzehn Geschichten nicht um schottische Burgruinen – das Grauen klopft an die Tür einer SAC-Hütte, geht im Supermarkt um oder fällt vom Himmel über dem «tief verschneiten Waldrand ob Minggisrieden, wo die Angestellten der Gemeindeverwaltung gerade Waldweihnacht feierten». Der Schweizer Alltag bekommt Sprünge, bricht auf und verschlingt glücklose Protagonisten, ahnungslose Heidinnen, die eigentlich bloss auf einer Bank am Bahnhof eine Bratwurst essen wollten.

Frauen spielen in diesen Geschichten die Hauptrolle. Sie sind Täterinnen, sie sind Opfer, und oft verwischt sich die Trennlinie dazwischen, etwa wenn ein freundliches Grosi, das ein Leben lang ausgenutzt worden ist, unvermutet zum Vergeltungsschlag ausholt. Raureif hängt in den Wimpern einer toten Frau, Reliquien schwimmen in Spiritus, und rot sind nicht nur die Wandersocken. Susy Schmid legt die Requisiten des Kriminalromans und der Schauergeschichte mit besonderem Vergnügen in die Hände ihrer mal abgebrühten, mal zartbesaiteten Frauen. Die grauenvollsten Geschichten erzählt die Autorin in einem Ton, als wären es Liebesgeschichten.
(Klappentext)