18. August 2022

Das Gruselwasser vom Schimbrig

Unermüdlich summt der Geschirrspüler sein Arbeitslied. Mit von der Partie ist auch eine meiner Trinkflaschen, die vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung im Entlebuch zum Einsatz kam. Das Besondere daran: In der Nähe des ehemaligen Schimbrigbades plätschert eine Schwefelquelle ein paar Meter unterhalb des Wanderweges. Und weil man solchen Quellen nicht jeden Tag begegnet, stieg ich hinab, nahm ein paar Schlucke vom Gesundbrunnen und füllte die bereits halbleere Flasche mit dem seltenen Nass auf. Zwei Aktionen, die ich schon wenig später bereuen sollte. Schwefelhaltiges Wasser trinken ist das Eine, mit dem nach faulen Eiern stinkenden Geschmack im Gaumen umzugehen, das Andere.

Beim ehemaligen Bad angekommen – fünf Minuten nach der Schwefelquelle – entdeckte ich einen weiteren Brunnen, der normales Trinkwasser hergab. Ich leerte umgehend meine soeben nachgefüllte Trinkflasche aus und befüllte sie mit «neutral» schmeckender Trinksame. Wie sich im Verlaufe der Wanderung zeigen sollte, war der ekelerregende Schwefelgeruch immer noch in der Flasche. Und selbst eine zweite Füllung am Bahnhofbrunnen von Entlebuch, kurz vor der Heimfahrt, vermochte dem Gruselgeruch nicht den Garaus zu machen. Ich setze daher meine ganze Hoffnung auf die Wirkungskraft der Abwaschmaschine und tröste mich derweilen damit, dass dieses schaurige Medizinalgesöff meiner Gesundheit ein Upgrade – wenn auch ein kurzfristiges – verpasst hatte.

Der unscheinbare Schwefelwasserbrunnen am Fusse des Schimbrig.



Und wem dieses Schimbrigbad nichts sagt, dem sei noch folgender Text nachgeschoben,  den ich von der Informationstafel bei der Schwefelquelle abgekupfert habe:

Geschichtlich erstmals erwähnt sind die Eisen- und Schwefelquellen am Schimbrig von Joseph Xaver Schnider von Wartensee, Pfarrer in Schüpfheim in «Geschichte der Entlebucher» 1781. Dr. med. Walter Birrer, Entlebuch, schrieb damals in einem geschichtlichen Beitrag: «Von den drei Mineralquellen, die am nordwestlichen Abhang des Schimbrig entspringen, hat die Natrium-Schwefelquelle, die als solche die stärkste in der Schweiz ist, entschieden das Interesse behauptet und die Entwicklung des Kurbetriebes auf Schimbrigbad begründet.» Das erste Kurhaus von 1860 verfügte nach einer Erweiterung über 93 Zimmer mit 160 Betten und einem Badehaus mit zwölf Badezimmern und zehn Gästezimmern. Mit Zweispännern fuhren die Gäste nach Finsterwald, von dort zu Fuss, zu Pferd, aber auch mit Sänften getragen. Am 6. Juni 1885 wurde das ganze Gebäude ein Raub der Flammen. 1888/89 erfolgte ein Neubau mit 87 Zimmern für 110 Gäste. Leider wurde am 16. November 1933 auch das zweite Kurhotel durch ein Feuer zerstört und nicht wieder aufgebaut. So wurden die Glanzzeiten des Kurortes jäh beendet.

Diese Etikette zierte einst die Trinkflaschen.



Heute erinnert am Ort selber praktisch kaum noch etwas an den Kurhotel-Betrieb. Was aber blieb, ist die Schwefelquelle, welche international mehrmals entsprechend ausgezeichnet worden ist. Die Anreicherung an Calcium, Magnesium, Nitraten etc. zeichnet das Wasser aus.

Von der früheren Bedeutung der Schwefelquelle können wir heute also nur noch träumen. Eine bestimmte zielgerichtete Nutzung ist auch künftig sicher wertvoll und nun wieder sichergestellt. Für Wanderer und Ausflügler im Gebiet Schimbrig lohnt es sich, wenn das Quellwasser direkt an der Trinkstelle genossen wird oder wenn man eine Flasche mit dem heilsamen Wasser abfüllt und zu Hause trinkt. Das Schwefelwasser regt den Stoffwechsel im menschlichen Organismus kräftig an.

Schimbrig Bad zu seiner Blütezeit im im 19. Jahrhundert. Hinter dem Kurhaus baut sich der Schimbrig auf.
Die Quellfassung wurde durch das starke Unwetter im Sommer 2005 verschüttet und ist nun wieder fachmännisch erneuert worden. Und das Wichtigste: Die Wasserqualität ist attestiert und garantiert. Die Ergebnisse der durchgeführten Analysen entsprechen hinsichtlich der Fremd- und Inhaltstoff-Verordnung den lebensmittelrechtlichen Anforderungen. Visionäre Gedanken, dass das Wasser in absehbarer Zukunft in einem beschränkten Rahmen als Heilwasser vermarktet werden kann, sind nicht unrealistisch.

15. August 2022

Zu Fuss über die Alpen

Ludwig Grassler: Zu Fuss über die Alpen, Süddeutscher
Verlag, München, 1977
Dieses Buch ist für alle Freunde des Bergwanderns eine Sensation. Rechtzeitig zum 75. Jubiläumsjahr des Isartalvereins stellt Ludwig Grassler seinen «Traumpfad» über die Alpen von der Isar bis an den Piave in Wort und Bild vor. Der Wanderweg vom Münchner Marienplatz bis zum Markusplatz in Venedig ist etwa 515 Kilometer lang, kann in 28 Wandertagen in einzelnen Etappen bewältigt werden und führt im Bereich der Alpen über insgesamt 33 Jöcher, Scharten und Pässe. Die Stationen dieser Etappen sind: München, Wolfratshausen, Bad Tölz, Leger, Vorderriss, Wattens, Lizum, Tuxerjoch, Pfunders, Lüsen, Grödnerjoch, Marmolada, Masare, Pramperet, Belluno, Priula, Bocca Callalta, Jesolo, Venedig .

Für jeden bergerfahrenen Wanderer ist der hier vorgestellte Weg von München nach Venedig ein «Erlebnis fürs Leben»! Wer für dieses Erlebnis vier Wochen Abschied nimmt von den Bequemlichkeiten der modernen Zivilisation, der wird durch die zahllosen stillen oder gewaltigen Naturschönheiten und die einmaligen Begegnungen abseits von lärmenden Autostrassen reichlich entschädigt. 

Die vielen Bilder in diesem Buch, während der Wanderung vom Autor selbst aufgenommen, bestätigen solche Eindrücke. Die ausführliche Beschreibung des Weges und seiner Besonderheiten sowie die Vermittlung der kulturhistorisch en Daten über die zahlreichen erwanderten Stationen unterwegs durch das Isartal entlang den weissen Kalkwänden des Karwendel, den firnglänzenden Höhen der Zillertaler Berge, über die lieblichen Matten zwischen den roten Felsburgen in den Dolomiten und durch die Wildflusslandschaft am Piave bis zum Meer bei Jesolo  lassen uns darauf besinnen, wie weit die Zersiedelung unserer Landschaften und der hektische Ausbau eines immer dichteren Strassennetzes die Fussgängerfreiheiten in unserer modernen Welt beschränkt haben: Durchgehende Fusswege über weite Strecken sind heute immer weniger auszumachen. Nur noch entlang den Flüssen und im Gebirge finden wir sie, und der «Traumpfad» von Münchens «Guter Stube» über die Alpen bis zum «schönsten Salon der Welt», wie Napoleon den Markusplatz in Venedig nannte, ist wohl der verlockendste unter ihnen, weil er den aktiven Wanderer herausfordert, aber auch reichlich belohnt.

Doch selbst den Nur-Leser, der diesen Pfad lediglich mit Hilfe des Buches nachvollzieht, bereichert die Lektüre mit einem anregenden und aussergewöhnlichen Erlebnis, mit der Teilhabe an einem Abenteuer, wie es in unserer technisierten Welt nicht mehr möglich schien. (Klappentext)

13. August 2022

Über die nasse Grenze

In Rot die Rot.

Neulich widmete ich mich dem siebten Abschnitt meines Wanderrad-Projektes von Langenthal. Also zog ich von der Ammann-Metropole genau nach Osten und landete nach viereinhalb Stunden im Örtchen Richenthal. Bereits bei der Planung der Route gab es einen kleinen Knackpunkt zu lösen: das Flüsschen Rot, das im zu begehenden Korridor partout keine Brücke aufweisen wollte. Aufgrund der Landkarte stufte ich das Gewässer so ein, dass dessen Überquerung ohne Packraft zu bewerkstelligen sein sollte. Ich packte daher bloss ein Paar Strandschuhe sowie ein Frottiertuch in den Rucksack und schritt in gespannter Vorfreude dem natürlichen Hindernis entgegen.

Der Feld-, Wald- und Wiesenbach präsentierte sich mir als seichtes und wenig breites Gewässer. Der Durchwatung stand also nichts im Wege, einzig das gegenüberliegende Steilufer bereitete mir etwas Kopfzerbrechen. Wie sollte ich da hochkommen? Und würde ich die oben an der Klippe wachsenden Brennnesseln schmerzfrei hinter mich lassen können? – Der langen Rede kurze Antwort: Das Steilufer überwand ich dank einem halb abgerutschten Wurzelbereich einer Esche, an deren Ästen ich mich schliesslich auf den abbröckelnden Klippenrand hievte. Und von den befürchteten Nesseln waren just an meinem Ankunftsort keine zugegen.

Der Flusslauf der Rot ist eher ein grüner. Die rote Signatur zeigt die Stelle meiner Bachdurchquerung.




Mit dieser kurzen Abenteuereinlage wechselte ich nicht nur von einem Ufer ans andere, ich wechselte auch vom Kanton Bern in den Kanton Luzern. Nur dass ich statt über die grüne über die nasse Grenze ging. Und diese Rot ist fürwahr ein veritabler Grenzfluss. Ihren Ursprung hat sie lustigerweise im Kanton Bern. Hier fliesst sie 50 Meter rein bernisch, ehe sie auf die Grenze Luzern/Bern stösst und dieser bis St. Urban folgt. Hierbei verläuft sie – aus welchen Gründen auch immer – im obersten Bereich auf einem Abschnitt von 800 Metern gänzlich auf Berner Boden. Von St. Urban bis zur Aaremündung bei Murgenthal mimt sie dann die Grenze zum Kanton Aargau, allerdings nennt sie sich auf den letzten anderthalb Kilometern nicht mehr Rot sondern Murg. Die Namensänderung tritt dort ein, wo die Langete mit der Rot zusammentrifft. Die Rot selber weist von ihrer Quelle bis zum Zusammenfluss mit der Langete eine Länge von circa 17 Kilometern auf. Und ehe diese Zeilen enden, sei noch auf die weiteren Rot-Zuflüsse hingewiesen. Man betrachte die Aufzählung als Ode an die bernisch-luzernische Landschaftsliteratur:

Brüggeweidbächli
Buechwaldbächli
Dorfbach
Fischbächli
Haldenbach
Mülibach
Rickebach
Schwändibach
Schwarzebach
Seijumattbächli
Stäckholzergräbli
Stampfibach
Wässerbach
Ziegelwaldgräbli

Eine Fotostrecke der Wanderung von Langenthal nach  Richenthal befindet sich hier

10. August 2022

Schachteltraum

Walther Kauer: Schachteltraum, Benziger,
Zürich/Köln, 1978
Schachteltraum: Der Titel bezieht sich zunächst auf die Schreibtechnik. Auf drei nebeneinander verschachtelten Ebenen erzählt Kauer die spannende, in überraschenden, mitunter kriminalistischen Wendungen verlaufende Biografie von Georges Knecht und gibt zugleich ein Bild schweizerischer Geschichte zwischen 1930 und 1970. Schachteltraum heisst das Buch aber auch, weil der Erzähler Knechts Aufzeichnungen in Schachteln verpackt findet, aus ihnen, aus Briefen und Dokumenten Knechts Leben rekonstruiert.

Georges Knecht ist Sohn eines von der Wirtschaftskrise betroffenen Arbeiters, der im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Antifaschisten fällt. Als Verdingbub kommt Knecht zu einem reichen Bauern, erlebt im Zweiten Weltkrieg Schwarzhandel und Schiebereien, die Ausbeutung der internierten, Polen. Knecht, ein Heller, Aufgeweckter, darf die Mittelschule besuchen, entwickelt Gerechtigkeitssinn, zuviel Gerechtigkeitssinn, wie sich später erweist. Nach dem Krieg verwandelt sich das Dorf, das Zweigwerk einer Maschinenfabrik wird aus Italien kommen die ersten Fremdarbeiter. Um ihnen zu helfen, lässt sich Knecht von Hinrichsen, dem Firmeninhaber, als Sozialarbeiter anstellen. Doch nur für kurze Zeit. Dann entspinnt sich ein Kampf der beiden ungleichen Gegenspieler, und Hinrichsen, in Personalunion Unternehmer, Politiker und Militär, stellt Knecht auf seine Weise kalt.
(Klappentext)

8. August 2022

Die Studentin

Christian Schünemann: Die Studentin,
Diogenes, Zürich, 2009
Der Alptraum eines jeden Starfrisörs: Kurz bevor die Show der weltweit besten Frisöre in London beginnt, fällt das Supermodel aus. Tomas Prinz weiss sich zu helfen. Kurzerhand engagiert er Rosemarie, das englische Au-pair-Mädchen, das bereitsteht, um ihn nach München zu begleiten. Dort wird sie in der Familie seiner Schwester Regula erwartet. Zuvor aber muss sie Prinz mit einer ganz besonderen Qualität aushelfen: ihren wunderschönen roten Haaren.

Rosemarie ihrerseits führt ihn ins Münchner Uni-Milieu ein, in dem Prinz herumstreunt wie ein neugieriger Tourist. Von den akademischen Debatten versteht er wenig, aber die menschlichen Abgründe – Intrigen und Karrierepläne – erfasst er auf den ersten Blick. Und prompt hat er einen neuen Fall am Hals. Wo die Polizei mühsam Fakten zusammenträgt, braucht sein visuell geschultes Auge Sekunden, um kriminelle Zusammenhänge zu erkennen.
(Klappentext)

D: München (Hauptschauplatz) GB: London

5. August 2022

Zu Fuss durchs wilde Kurdistan

Achill Moser: Zu Fuss durchs wilde Kurdistan, Pietsch,
Stuttgart, 1990
Achill Moser hat sein Leben schon in vielen Extremtouren gewagt. Er kämpfte sich zu Fuss durch die Wüste Gobi, bezwang in Westafrika den Niger mit dem Kanu und durchquerte das trostlose Odadahraun-Lavafeld in Island. Seine Expedition durch Kurdistan, jene wilde Felsregion in der Osttürkei, stellte ihn vor ganz neue Anforderungen. 300 Kilometer marschierte Moser durch das rauhe Bergland an der Grenze zum Irak, der UdSSR, Syrien und dem Iran. In diesem Pulverfass der Emotionen und der Gewalt, der behördlichen Willkür und dem Widerstand der Bergnomaden, erschliesst sich dem Leser eine grandiose Natur, wie sie atemberaubender nicht sein könnte. Achill Moser lässt den Leser hautnah mit dabei sein … (Klappentext)

29. Juli 2022

Es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte

Die 135 Meter lange Holzbrücke von Sevelen von der Liechtensteiner Seite aus gesehen.
Vor gut zwei Wochen überquerte ich vom Fürstentum Liechtenstein her kommend den Rhein auf einer bemerkenswerten Holzbrücke zwischen Vaduz und Sevelen. Bis ins 19. Jahrhundert war der Rhein im Grenzgebiet zwischen Liechtenstein und der Schweiz bis auf wenige Ausnahmen nicht reguliert und konnte deshalb weitestgehend frei fliessen. Der Personen- und Warentransport erfolgte daher durch Rheinfähren, die zwischen Liechtenstein und der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts an fünf Stellen unterhalten wurden.

Der Beginn der Rheinkorrektion Mitte des 19. Jahrhunderts legte den Grundstein für den Brückenbau: Die ersten Rheinbrücken zwischen Liechtenstein und der Schweiz wurden 1867/1868 zwischen Bendern und Haag sowie zwischen Schaan und Buchs SG erstellt. Jene, die Vaduz mit Sevelen verbindet entstand in den Jahren 1870/71, musste aber wegen ihres schlechten Zustandes 1901 durch eine neue ersetzt werden. Und über dieses 135 Meter lange Bauwerk war ich also neulich gegangen. Der Zufall wollte es, dass ich in meiner aktuellen Lektüre über das Leben des Kapuzinerpaters Matthäus Keust (1840–94) auf eine Textpassage stiess, in der er die abenteuerliche Überquerung des Rheins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Trübbach, also nahe Sevelens, beschreibt:

Von Wallenstadt erlöst, ging es nun wieder überall hin auf Mission, nach Ragaz, Vilters, Weisstannen, Gams, Flums, Quarten, Mels, wo ich lange Pfarrerverweser sein musste, Berschis, Murg, Schaan im Liechtensteinischen, Vaduz, Triesen, Triesenberg und Balzers etc.

Die Missionen ins Liechtensteinische liefen mitunter nicht ganz glatt ab und zwar wegen dem Rhein, über welchen damals noch keine einzige Brücke führte. Wer den Rhein nur gesehen hat, wenn er so still und ruhig, wenn auch etwas schäumend, von Ragaz her ins Rheinthal fliesst, der kann sich keinen Begriff bilden, was das für ein wilder, schrecklicher Gesell ist, wenn in den Bündtnerbergen der Föhn den Schnee schmilzt oder ein schweres Ungewitter über dieselben hinzieht. Ich selber habe eine Erfahrung gemacht, die mir zeitlebens in Erinnerung bleiben wird.

Pater Ephraim und ich befanden uns im Liechtensteinischen auf der Mission, er in Triesen und ich in Vaduz. Er erwartete mich in Triesen, und von dort gingen wir miteinander über den Damm nach Trübbach. Der Föhn stürmte fürchterlich, und wir sahen, wie der Rhein fast von Minute zu Minute anschwoll und grösser wurde. Das ganze weite Bett des Stromes war ausgefüllt mit dem Wasser; pfeilschnell eilten und schnellten die wilden Wellen vorüber, es sauste, tobte, rauschte, krachte und knirschte, dass uns fast Sehen und Hören verging. Und in Trübbach sollten wir in einem Schiff über dieses empörte Element setzen! Aber ob es noch möglich sein wird? Ob der Hans Saxer, so hiess der besorgte und erfahrene Fährmann, uns noch abholen wird? Können wir nicht hinüber, so müssen wir über den Luziensteig drei volle Stunden weit nach der Zollbrücke im Cant. Graubündten, und dann von dort wieder 3 Stunden nach Mels, also 6 oder eher mehr Stunden gehen, bis wir daheim sind.

Als wir bei der Fähre in Trübbach ankamen, waren Saxer und sein baumstarker Sohn am diesseitigen Ufer gerade damit beschäftiget, die nöthigen Laden, um bequem ins Schiff steigen zu können, an jenseitige Ufer in Sicherheit zu bringen. Es standen noch mehr Personen da, die auch noch hinüberbefördert werden wollten. Auf die Frage, ob wir noch mitgenommen werden könnten, meinte Saxer, er wolle auch noch hinüber, wenn wir mitkommen wollten, sei es ihm schon recht, aber heissen wolle er uns nicht. So wenig Vertrauen erweckend diese Einladung lautete, wollten wir uns doch von Frauenspersonen, die auch mit hinüber zu gehen sich getrauten, nicht beschämen lassen.

Blick von der Schweizer Seite hinüber ins Ländle mit dem fürstlichen Schloss.


Um nun, da die Laden, welche eine Brücke bildeten, weg waren, zum Schiff zu gelangen, mussten wir uns von den Männern auf den Schultern hintragen lassen, die Frauen wurden auf den Armen hinbefördert. Saxer Vater hielt mit den Händen das über den Rhein gespannte Seil, und Saxer Sohn stund mit einem scharfen Beil, das er immer in den Händen bereit hielt, am Seil, welches das Schiff mit dem gespannten in Verbindung brachte und festhielt, um auf das gegebene Zeichen des Vaters, wenn es nöthig sein sollte, dasselbe zu zerschneiden. «Nun, in Gottes Namen vorwärts!» sprach der Vater, und das Schiff befand sich in den schrecklich brausenden und tobenden Wellen. Zur Vorsorge hielt ich mit beiden Armen einen Laden umschlungen, auf dem ich, wenn es fehlen sollte, die schreckliche Fahrt den Rhein hinab machen wollte, bis Erlösung käme, sei's durch Menschen oder durch den Tod.

Kein Wort wurde gesprochen, und furchtbar lang währte es, bis wir nur in der Mitte der tobenden Fluthen waren, obschon es rasch ging. Doch endlich langten wir am Ufer an, aber jetzt sagte Saxer: «Das ist, bis das Wasser wieder abgenommen hat, die letzte Fahrt! Danket Gott, dass es so gut ablief.» Hätten wir die Grösse der Gefahr erkannt, wir hätten uns schwerlich getraut, die Fahrt zu wagen. Wir dankten wirklich Gott, dass wir so glücklich davongekommen sind. Gegenwärtig wissen die jüngern Capuciner nichts mehr von solchen Strapazen und Gefahren, welche die ältern einst bestehen mussten.

Und einmal mehr wird einem bewusst, welchen Kulturwandel das Verkehrs- und Transportwesen in den vergangenen 175 Jahren in unseren Längen- und Breitengraden vollzogen hat. Eine Bildstrecke der Wanderung von Steg (FL) nach Sevelen (SG) befindet sich hier.

23. Juli 2022

«Indirettissima» ist da!

Reto Küng: Indirettissima, Edition
Wanderwerk, Burgistein, 2022
Inspiriert von der 1983 landesweit legendär gewordenen «Direttissima Schweiz» unternimmt Reto Küng fast 40 Jahre später eine ähnliche Reise: zu Fuss vom nordwestlichsten Zipfel des Kantons Waadt zur südöstlichsten Ecke des Bündnerlandes. Anders als seine Vorgänger sucht der Autor nicht den möglichst direkten Weg. Seine Absicht ist es vielmehr, bislang weniger begangene Gegenden von Jura, Mittelland und Alpen zu bewandern.

An 43 Tagen legt Küng weit über 900 Kilometer zurück. Begleitet vom Wetterglück durchstreift er fantastische Landschaften und fotografiert diese gekonnt. In seinem Erlebnisbericht erzählt er von Begegnungen mit Wildtieren, Beherbergern und mitunter gewalttätigen Einheimischen. Er berichtet aber auch von den Sorgen und Nöten des Fernwanderers, seinen Glücksmomenten und vielem mehr.

Der mit 140 meist grossformatigen Fotos reich bebilderte Band lädt dank einer Etappenübersicht sowie den zur Verfügung gestellten GPS-Tracks zum Nachwandern der wunderbaren Route ein.

Das Buch ist ab sofort in der Edition Wanderwerk erhältlich. Hier steht auch eine Leseprobe und ein kurzes Autorenporträt zur Verfügung.

22. Juli 2022

Im Land der grünen Ameisen

Sarah Murgatroyd: Im Land der grünen
Ameisen, Verlag das Beste, Stuttgart/Zürich/
Wien, 2004
Von seiner Entdeckung im Jahr 1770 an wehrte sich der australische Kontinent hartnäckig dagegen, seine Geheimnisse preiszugeben, und über sein «totes Herz» kursierten abschreckende Geschichten.

Um 1860 waren nicht mehr als zwei Drittel Australiens erforscht. Erst nachdem es in Victoria, der kleinsten Kolonie Australiens, reiche Goldfunde gegeben hatte, wurde der Ehrgeiz dieser Kolonie geweckt: Zum ersten Mal sollte der Kontinent von Süd nach Nord durchquert werden. Somit wurde in Melbourne ein Organisationskomitee gegründet, das eine geeignete Expeditionsmannschaft zusammenstellen sollte. Schliesslich war es soweit: Am 19. August 1860 brachen der exzentrische irische Polizist Robert O'Hara Burke und der bescheidene Landvermesser William John Wills mit einer Karawane von schwer beladenen Kamelen, Pferden, Planwagen und abenteuerlustigen Männern auf ins Unbekannte. Niemand wusste genau, was sie erwartete, und niemand ahnte, welch triumphales und zugleich tragisches Ende diese Expedition, die so glorreich begann, nehmen würde. (Klappentext)

19. Juli 2022

Wandern

Diverse Autoren: Wandern in Dichtung
und Farbaufnahmen, Verlag C.J. Bucher,
Luzern/Frankfurt a.M., 1981
Die Fussreise ist die älteste und unmittelbarste Art menschlicher Fortbewegung, naturgegebenes Mass erlebbarer Geschwindigkeit und der Wahrnehmung der weiteren Umgebung. Die Geheimnisse der Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen und die von ihren Bewohnern über Generationen hinweg gestaltete Kulturlandschaft enthüllen sich uns in ihrem eigentlichen Wesen erst beim Wandern. Doch führt uns das nicht nur zur Neuentdeckung der Umwelt, sondern auch unseres Ichs. Diesen Weg der Selbstfindung kannten schon die antiken Denker; Jean-Jacques Rousseau pries ihn; und ihm folgten die Wanderburschen, die nach erlerntem Beruf ihren Platz, ihre Stellung in der Welt suchten.

Das Gehen ist in unserer Zivilisation nicht mehr massgebend. Umso bewusster suchen heute jedoch viele den Zugang zur Natur, zu Feld und Wald und Flur wie zum eigenen Körper. Zur Freizeitbeschäftigung geworden, bleibt dem Wandern immerhin die eine ursprüngliche Bedeutung: die Seele zu entkrampfen und die Gedanken zu läutern.
(Vorwort von Xaver Schnieper)

16. Juli 2022

Huber spannt aus

Martin Suter: Huber spannt aus,
Diogenes, Zürich, 2005
Business as usual, auch in Krisenzeiten: Von der Selbstbedienungsmentalität im Topmanagement. Von der enormen Anstrengung, einmal richtig auszuspannen. Vom Stylen der Personality. Von der Bereitschaft, sich sexuell belästigt zu fühlen. Von Managern im Lotussitz.

Martin Suters satirischer Karriere-Leitfaden, mittlerweile eine Institution und wohl das beste Mittel, um sich nach einem anstrengenden Arbeitstag den Stress von der Seele zu lachen. (Klappentext)

6. Juli 2022

Sonnenwende

Katharina Hess: Sonnenwende, Terra
Grischuna, Chur + Bottmingen, 1992
Der Roman einer Frau, der Entwurf eines Lebens in sieben Bildern, auf 260 Seiten, lebendig und hautnah. Eine Frau von heute, eine Frau in den Gegensätzen unserer Zeit: verrückt und verhalten, engagiert und zurückgezogen, weltoffen und versponnen. Die Geschichte einer Liebenden und einer Einsamen, die Geschichte eines Lebens. Vielleicht der Roman, auf den die bisherigen literarischen Arbeiten von Katharina Hess angelegt waren. Graubünden und Italien sind die Schauplätze, gemeint aber ist die unausmessbare Seele dieser unvergleichbaren Frau, ihre Begeisterung, ihr Schmerz, ihr schrittweises Reifen, ihre Stille. (Klappentext)

GR: Fiktives Bündnerland, Fiktiver Ofenpass (Hauptschauplatz) I: Fiktives Valdidentro

3. Juli 2022

100% Jugendsprache

Diverse: 100% Jugendsprache 2016,
Langenscheidt, München
Bist du'n Alpha-Kevin, voll die Antikompetenz oder doch mega bambus? Einwegtussi oder Tinderella? Omni oder Swaggetarier? Dann wirst du dieses Wörterbuch krass feiern. Hier gibt's Enterbrainment, bei dem auch die Fliegenficker steil gehen.

Also bloss nicht merkeln! Gönn dir über 600 Wörter und Ausdrücke, die Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit #geilon getaggt haben. No shit, Sherlock – suchten inklusive! In 100% Jugendsprache 2016 gibt's Augenkrebs von stabil vielen neuen Wörtern und Sonderthemen. Auch die Übersetzung ist upgedated.

Vintage und Newtage Style: Nur Jugendslang kommt ins Jugendwörterbuch. Wenn keine Übersetzung angegeben ist, gibt es keine. Gerafft? Leider geil: Das Buch 100% Jugendsprache 2016 enthält nur eure Wörter. Seit der letzten Ausgabe habt ihr über jugendwort.de, unsere Facebook-Seite und per Mail neue Begriffe eingereicht. Nice! Und klar: Einige der Ausdrücke werden nur regional, andere deutschlandweit und darüber hinaus benutzt. Nicht alle haben überall den Swag, manche nur in bestimmten Regionen.

Also, sei kein Party Pooper und tagg deine Facebook-Freunde mit #jugendwort, du Smombie! Okö?

tlidr? Wayne!

Have fun!

(Aus dem Vorwort)

Moors Fazit: Selten so oft und herzhaft gelacht! Der sprachschöpferischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und genau dies macht Sprache derart faszinierend.

30. Juni 2022

Sterben

Karl Ove Knausgård: Sterben, btb
München, 2013
Das eigene Leben offen, schonungslos und radikal zum Gegenstand des Schreibens zu machen – dies ist das Konzept, zu dem sich Karl Ove Knausgård in einem furiosen Mammutprojekt entschlossen hat. Radikal ehrlich und mit unglaublicher sprachlicher Kraft nähert er sich in «Sterben», dem ersten Roman einer sechsbändigen Serie, seinem schwierigen Verhältnis zum Vater, das ihn grundlegend geprägt hat. Als dieser stirbt und er sich mit seinem Bruder daran macht, den Nachlass zu ordnen, bietet sich beiden ein Bild des Grauens. So sehr hat dieser Vater einen Schatten auf das Leben der Brüder geworfen, dass sie den Bestatter bitten, die Leiche sehen zu dürfen. Erst dann, so sind sich beide einig, werden sie glauben können, dass er wirklich tot ist. Der Sog, der von Knausgårds direkter Art des Erzählens ausgeht, macht seinen Roman zu einer faszinierenden und erschütternden Lektüre. Gerade weil er so radikal persönlich schreibt, gewinnt sein Text eine schmerzliche Allgemeingültigkeit. (Inhaltsangabe zum Buch)

N: Kristiansand (Hauptschauplatz), Bergen, Stavanger, Oslo S: Stockholm

Moors Fazit: Knausgårds Geschichte macht spätestens nach den ersten 20 Seiten süchtig. Schön zu wissen, dass die restlichen fünf Bände dieses gross angelegten Schreibprojektes in meiner Bibliothek lagern und geduldig auf den Süchtigen warten. Ein dickes Lob geht auch an Paul Berf, der den Text aus dem Norwegischen hervorragend ins Deutsche übersetzt hat.

28. Juni 2022

Damals …

Damals war es ein anderes Reisen als jetzt, wo man nur so von einem Ort zum andern fliegen kann, ohne ein müdes Bein zu bekommen. Jetzt ist das Reisen ein Kinderspiel, ein Vergnügen, wenn man will; damals war es mit Strapazen verbunden, aber wie wohl hat es einem dann getan, wenn man todmüde und lahm in ein Kloster kam, gut aufgenommen, wohl verpflegt und besorgt wurde und nach einem oder zwei Tagen Ruhe neu gestärkt wieder weiterziehen konnte! Es war viel freundlicher und gemütlicher als jetzt, und man lernte auch viel besser Land und Leute kennen.

Aus: P. Matthäus Keust, Kapuzinerleben, Erinnerungen eines törichten Herzens 1840–1894, Limmat Verlag, Zürich, 1999

26. Juni 2022

Kater (43), 1.80 m, sucht …

Fatima Vidal: Kater (43), 1.80 m, sucht …,
Vidal Verlag, Winterthur, 2015
Ausgerechnet sie, die nichts mehr von der Liebe wissen will, soll einen Onlinekurs für Singles testen – Flirtübungen inklusive. Leonie Löv ist richtig gefordert. Ella, ihre beste Freundin, die gleichzeitig Stellenvermittlerin ist, hilft Leonie, Jobs zu finden. Die Auswahl (Hundesitterin, Testerin, Weihnachtsengel) ist alles andere als berauschend. Eusebius Löv, Leonies Vater, hat neuerdings andere Interessen und lässt seine Tochter links liegen. Yasmina Roth, Sachbuchautorin und Kupplerin der Nation, leitet diesen Kurs für Singles, der bei manch einer Leserin mächtige Aha-Erlebnisse auslösen wird. (Klappentext)

23. Juni 2022

Losgehen, um anzukommen

Diverse: Losgehen, um anzukommen,
Piper, München 2008
«Ich bin dann mal weg!» Viel mehr hatte Hape Kerkeling zum Abschied eigentlich nicht gesagt, als er zu seinem Fussmarsch auf dem Jakobsweg aufbrach. Mit elf Kilo im Gepäck, einem neuen Paar Wanderschuhen und einem Ziel vor sich, das 800 Kilometer entfernt lag und ihn verändern sollte. Und mit dem er an eine jahrhundertealte Tradition anknüpft, die doch heutzutage lebendiger als je zuvor ist. Schon im Mittelalter gab es solche spirituell motivierten Reisen zu wichtigen Stätten des Glaubens in Jerusalem , Rom oder Nordspanien; heute ziehen Wallfahrtsziele wie Santiago de Compostela, Altötting, Mariazell, Fatima oder Lourdes jedes Jahr Hunderttausende Gläubige an.

In diesem Buch ist eine Auswahl der schönsten historischen wie modernen Pilgerberichte versammelt – von Geoffrey Chaucer oder Robert Louis Stevenson bis Bettina Selby und Shirley Maclaine, Brigitte Riebe oder Carmen Rohrbach. Eindrucksvoll spiegeln sie die Intensität der körperlichen, vor allem aber der seelischen Erfahrungen beim Pilgern.

18. Juni 2022

Stille Nacht

Alexander Rieckhoff, Stefan Ummenhofer:
Stille Nacht, Piper, München, 2012
Die Schwarzwaldbahn kämpft sich durch das dichte Schneetreiben zwischen Triberg und St. Georgen. Unter den Fahrgästen sind auch Oberstudienrat Hubertus Hummel, ErmittIer wider Willen, und sein Freund, der Journalist Klaus Riesle. Auf einmal wird die Zugfahrt jäh gestoppt: Und ausgerechnet Riesle findet den Vorstandsvorsitzenden der Schwenninger Bären-Brauerei ermordet auf. Hat die Tat etwas mit der drohenden Übernahme der Brauerei zu tun? Beim Weltcup-Skispringen in Neustadt hoffen die Freizeitdetektive auf die Lösung des Falles und den Erfolg der Schwarzwald-Adler. Es gibt viel zu ermitteln für den neugierigen Lehrer, der eigentlich bis zur «Stillen Nacht» sein zerbrochenes privates Glück mit Ehefrau Elke wiederherstellen will. Doch dann geschieht ein zweiter Mord – und auch Hummel ist in Gefahr … (Inhaltsangabe zum Buch)

D: Villingen-Schwenningen, Titisee-Neustadt, Offenburg, Donaueschingen, Tannenbronn, Schwarzwaldbahn

10. Juni 2022

Die Apothekerin

Ingrid Noll: Die Apothekerin, Diogenes,
Zürich, 1994
Hella Moormann liegt in der Heidelberger Frauenklinik – mit Rosemarie Hirte als Bettnachbarin. Um sich die Zeit zu vertreiben, vertraut Hella der Zimmergenossin die abenteuerlichsten Geheimnisse an. Von Beruf Apothekerin, leidet sie unter ihrem Retter- und Muttertrieb, der daran schuld ist, dass sie immer wieder an die falschen Männer gerät – und in die abenteuerlichsten Situationen: eine Erbschaft, die es in sich hat, Rauschgift, ein gefährliches künstliches Gebiss, ein leichtlebiger Student und ein Kind von mehreren Vätern sind mit von der Partie. Und nicht zu vergessen Rosemarie Hirte in der Rolle einer unberechenbaren Beichtmutter
… (Klappentext)

5. Juni 2022

Gourrama

Friedrich Glauser: Gourrama, ex Libris,
Zürich, 1977
Friedrich Glauser führte ein abenteuerliches Aussenseiterleben; das spürt man allen seinen Romanen und Erzählungen an, denn nichts Provinzielles haftet ihnen an, obschon in ihnen Menschen und Zustände in der Schweiz genau gezeichnet sind. Erst bei der Lektüre seiner biographischen Schriften erleben wir jedoch unmittelbar, was für ein gefährliches und hartes Leben am Rande oder ausserhalb der Gesellschaft Glauser geführt hat. Dank seinem autobiographischen Fragment «Mensch im Zwielicht» verstehen wir, warum es ihn aus dem bürgerlichen Leben hinausgeworfen hat. Er erzählt von seinem zwiespältigen Verhältnis zum starren, äusserst strengen Vater, vom frühen Tod seiner Mutter und den Erfahrungen, die er während seiner psychoanalytischen Behandlungen gemacht hat.

In zwei Geschichten unter dem Titel «Im Dunkel» erzählt er, was er in der Zeit nach der Fremdenlegion als Casserolier in Paris und darnach als Arbeiter in den belgischen Gruben und als Krankenwärter in Charleroi erlebt hat. Den Legionsroman «Gourrama», eines seiner lebendigsten Hauptwerke, schrieb Glauser 1928 und 1929, also sechs Jahre, nachdem er aus der Fremdenlegion zurückgekehrt war. Umso erstaunlicher ist es, dass der Roman atmosphärisch so dicht wirkt, als hätte ihn Glauser als Tagebuch geschrieben. Allerdings zeugt das Hauptthema davon, dass der Autor aus Distanz erzählt. Er schildert, wie der Herausgeber Hugo Leber schreibt, «die Flucht in einen Ort, wo es eine Flucht vor sich selber nicht mehr gab». 

Ein junger Schweizer erlebt im Lager der Legionäre sich selbst. Er ist umgeben von gescheiterten Existenzen, die sich gegenseitig vorgaukeln, was für eine filmromantische Vergangenheit sie hätten. Man kennt sich; jeder weiss, dass der andere lügt. Man hat Sehnsucht nach Zärtlichkeit und befriedigt wie unter sich auf rührend dürftige Art. Glausers Roman ist voll von echten Details; darum und wegen der Kunst der Charakterisierung und wegen der Sprachkraft ist er so spannend und mitreissend. (Klappentext)