27. Juni 2016

«Kisch mir im tuches!»

Thomas Meyer: Wolkenbruchs
wunderliche Reise in die Arme einer
Schickse,
Diogenes, Zürich, 2014
Der junge orthodoxe Jude Mordechai Wolkenbruch, kurz Motti, hat ein Problem: Die Frauen, die ihm seine mame als Heiratskandidatinnen vorsetzt, sehen alle so aus wie sie. Ganz im Gegensatz zu Laura, seiner hübschen Mitstudentin an der Universität Zürich – doch die ist leider eine schikse: Sie trägt Hosen, hat einen wohlgeformten tuches, trinkt Gin Tonic und benutzt ungehörige Ausdrücke. Zweifel befallen Motti: Ist sein vorgezeichneter Weg wirklich der richtige für ihn? Sein Gehorsam gegenüber der mame mit ihren verstörenden Methoden schwindet. Dafür wächst seine Leidenschaft für Laura. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Und Motti kann schon bald einen vorläufigen Schluss ziehen: Auch schiksn haben nicht alle Tassen im Schrank.

Ein herrlich schräger Entwicklungsroman, der dem Leser nicht nur die jüdische Kultur sondern auch das Jiddische näher bringt. Meyer versteht es zudem gekonnt, sich in die Gefühls- und Rollenwelt von Mann und Frau zu denken, wenn es um das nie enden wollende Thema lieben und geliebt werden geht. Lesen!

Und Gott sei Dank beinhaltet das Buch auch ein Glossar mit den im Roman verwendeten jiddischen Vokabeln: kisch = küssen, tuches = Hintern!

ZH: Stadt Zürich IL: Tel Aviv

Wohlhausenweg


22. Juni 2016

Z wie Zuberweg

Nachdem ich mittlerweile beinahe sämtliche Wege, Strassen und Pfade auf dem Gemeindegebiet von Thun zu Fuss gegangen bin und hierbei von jedem Strassennamensschild mindestens eine Foto gemacht habe, gestatte ich mir, das Ergebnis in den nachfolgenden 362 Posts stolz zu präsentieren. Die Reihenfolge ist so gewählt, dass die Schilder in rückwärts laufender, alphabetischer Reihenfolge publiziert werden, sodass am Ende die Aarefeldstrasse den Anfang macht, falls man sich das Werk Tag für Tag rückblickend anschauen möchte.

Thun ist zwar nicht die schönste Stadt der Schweiz, das wussten bereits die Reisenden im 18. und 19. Jahrhundert zu berichten, aber, so mein Fazit nach den über 260 Wanderkilometern anlässlich dieses Projektes, Gemeinde und Stadt verfügen über ein paar bemerkenswerte Ecken, denen ich vermutlich sonst nie ansichtig geworden wäre. Nun aber WWW frei für Thun total. Den Anfang des blauen Reigens macht der Zuberweg in Allmendingen.


21. Juni 2016

Willkommene Gabe für die reifere Jugend

Fridtjof Nansen, Freiluftleben,
F.A. Brockhhaus, Leipzig, 1920 (vergriffen)
Wie hat sich doch das Publikationswesen bei Büchern gewandelt! Noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts waren zum Beispiel Buchumschläge mit Angaben über Inhalt und Autor äusserst selten. Stattdessen gab es meist am Ende des Bandes Hinweise zu andern Büchern und deren Inhalten. Nach der Lektüre von Fridtjof Nansens Freiluftleben machte ich mich auf die Suche nach einer derartigen Vorschau. Fündig wurde ich im Expeditionsbericht Spitzbergen desselben Autors:

Freitluftleben.
Geb. 10 M. Vorzugsausgabe: 300 numerierte Exemplare auf Büttenpapier von Van Gelder Zonen*, mit einem Bildnis des Verfassers in Kupferdruck, in Halbleder gebunden 80 M.

Nansen, der Mann der Tat, der zähen Energie, der Sieger über die feindlichen Gewalten des Polareises, weist uns den sicheren Weg zur Gesundheit und Freiheit. Er ist ein Führer, dem man sich mit Freuden anvertraut, an der Hand prächtiger Reiseschilderungen, in denen er als Meister bekannt ist. Zurück zur Natur! so tönt es aus diesem Buche, das eine Erquickung ist für jeden, der den Glauben an die Zukunft noch nicht verloren hat. Insbesondere unter den Bergsteigern und Schneeschuhfahrern hat das Buch viele Freunde gefunden; auch für die reifere Jugend ist es eine willkommene Gabe.

*Van Gelder Zonen war ein holländischer Papierhersteller. Der Betrieb wurde 1685 gegründet und 1982 eingestellt.

20. Juni 2016

Bern ist erledigt. Ausserrhoden auch.

Vorletzten Sonntag beging ich einen Routenabschnitt auf dem Gemeindegebiet von Schwarzhäusern. Damit war ich mindestens einmal in jeder der 379 Gemeinden des Kantons Bern zu Fuss unterwegs. Vergangenen Samstag drehte ich nun eine Runde ab Rorschach und zwar so, dass ich durch die sonderbar strukturierte Gemeinde Lutzenberg gelangte. Es war dies die noch ausstehende letzte Kommune im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Das Spezielle an Lutzenberg ist die Zweiteilung des Gemeindegebietes. Wer von einem Teil in den andern will, muss zwangsläufig über fremdes Territorium. Als ob es bei den Appenzellern nicht schon genügend geopolitische Anomalien gibt.

Die Gemeinde Lutzenberg (AR) ist nicht nur zweigeteilt, sie grenzt auch an den Kanton St. Gallen, wie hier nördlich des Ortsteils Wienacht-Tobel.

Historischer Grenzstein AR/SG im östlichen Gemeindeteil von Lutzenberg, nördlich vom Weiler Haufen.


Und nun noch ein wenig Statistik: Mein Gemeindebegehungsprojekt sieht vor, sämtliche der 2395 Gemeinden der Schweiz mindestens einmal zu Fuss durchschritten zu haben. Bis heute habe ich 1911 Gemeinden besucht. Nebst den genannten Bern und Appenzell Ausserrhoden sind in folgenden Kantonen alle Gemeinden bereits begangen worden: Appenzell Innerrhoden, Basel-Stadt, Glarus, Nidwalden, Obwalden und Zug. Mit 379 Gemeinden weist Bern die grösste Anzahl an Gemeinden auf, gefolgt von Waadt (318), Aargau (215) und Zürich (171). Basel-Stadt und Glarus weisen mit lediglich 3 Gemeinden die kleinste Dichte auf, wobei mit Glarus Süd die mit Abstand grösste Gemeinde besteht (430.09 km²), gefolgt von Davos (284 km²) und Bagnes (282.23 km²). Als flächenmässig kleinste Gemeinden gelten Kaiserstuhl (AG), Gottlieben (TG) und Rivaz (VD) mit je 0.32 km². Am meisten Einwohner zählt die Gemeinde Zürich mit 380'777 Personen, gefolgt von Genf (189'033) und Basel (165'566). Am wenigsten Menschen wohnen in Corippo (TI) mit 12 Einwohnern, Martisberg (VS) mit 19 und Pigniu (GR) mit 25. Alle Zahlen beziehen sich auf den für das Projekt relevanten Stand vom 01.01.2013.

19. Juni 2016

Im ZPK ohne Klee

Paul Klee 1892 im Alter von 16 Jahren.

Neulich war Betriebsausflug. Zentrum Paul Klee in Bern. Einen Tag lang Kunstaktivismus. Malen, Pinseln, Zeichnen, Kleckern, Klecksen, Tupfen, Tüpfeln, Föhnen. Aber auch Museum: «Chinese Whispers» – zeitgenössische Chinesische Kunst. Bis zum Erbrechen grausige Videos, in Elektro-Rollstühlen stundenlang herumkreisende Greise, abstrakte Drachengebilde aus altem Bauholz eines gewissen Ai Weiwei. Derselbe lag etwas weiter hinten tot auf dem Boden, den Kopf aufs Museumsparkett gedrückt. Zudem: Schockierende Fotos aus dem chinesischen Alltag, ein Lederetui für einen Panzer in Originalgrösse. Schräges, abgefahrenes Zeug aus dem wohl verrücktesten Land der Welt, wo sich die westliche Kunstform längst etabliert aber politisch noch nicht durchgesetzt hat.

Und Paul Klee? Der sei langweilig meinte unserer Führer und schleuste uns in die Sonderausstellung «Chinese Whispers». Brisant, brisant! So kam es, dass ich zwar in Klees Mekka war, indes keines seiner Bilder zu Gesicht bekommen habe. Nicht dass ich enttäuscht gewesen wäre, denn am meisten hat mir nämlich die Architektur des ZPK gefallen. Die Bilder dazu und zu «Chinese Whispers» gibt es hier.

18. Juni 2016

Ohne einen Pfennig und was daraus geworden ist

Heike Böning: Ohne einen Pfennig,
Fackelträger, Hannover, 1986
(vergriffen)
Im regenreichen Sommer 1984 ging Heike Böning von Göttingen nach Füssen – zu Fuss und ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, lediglich begleitet von ihrem Schäferhund Tarras. Sie ist nicht die erste, die sich auf ein solches Abenteuer einliess – aber sie ist die erste Frau. Acht Wochen dauerte ihre Wanderung. Beinahe täglich galt es, dieselben Probleme zu überwinden: Wo bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Die meiste Kraft kostete freilich die Überwindung der Angst – die Angst vor der Einsamkeit, vor der eigenen Hilflosigkeit, vor Vergewaltigung ...

Nach Tagebuchaufzeichnungen und Tonbandprotokollen entstand dieses Buch. Es erzählt von den Menschen, die Heike Böning traf, von der Fremdheit im scheinbar Vertrauten und von der Stärkung von Mut und Selbstbewusstsein. Eine Wanderung über den Horizont – die Wanderung einer Frau.

Und was ist aus dieser Heike Böning geworden? Das Web weiss einmal mehr die Antwort: 1989 begann sie ein Volontariat beim Fernsehen, wo sie das RTL-Frühstücksfernsehen moderierte aber auch als Reporterin live vor der Kamera arbeitete. Nach 15 Jahren, beendete Böning ihre journalistische Tätigkeit und nahm 2003 nahm das Studium für Angewandte Psychologie auf, dass sie mit der staatlichen Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie abschloss. Danach hat sie zahlreiche Fortbildungen besucht, unter anderem NLP, Hypnotherapie, Gesprächstherapie nach Carl Rogers, Lösungsorientierte Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer, Katathymes Bilderleben, eine imaginative Psychotherapie. Auch hat sie sich in Familientherapie nach Virginia Satir und in Kognitive Verhaltenstherapie weitergebildet. Darüber hinaus absolvierte sie eine Zusatzausbildung zur Burnout-Beraterin und Eheberaterin. Ihre Spezialgebiete in der eigenen Praxis sind vor allem Eheberatung, Individuelles Coaching, Berufungscoaching, Behandlung von Ängsten im Job vor allem Reden vor Gruppen. Aber auch Konfliktberatung im Allgemeinen. Böning betreibt ihre Praxis in Meerbusch. Zusätzlich arbeitet sie regelmäßig als Dozentin an einer Heilpraktikerschule in Düsseldorf und bildet dort Interessenten zum Heilpraktiker für Psychotherapie aus. Heike Böning ist Mutter von drei Kindern.

17. Juni 2016

Was den Moléson mit dem Melchtal verbindet

Der im Freiburgischen gelegene Moléson ist urkundlich als Moleisun, Moleyson (1237), montes de Moleyson (1247) Molleson (1319) erwähnt. Der Name bedeutet Berg, wo Milchspeisen bereitet werden. Der zweite Teil des Wortes kommt auch in Lioson vor, einem Berg der Ormonds-Alpen  und entspricht den Melcken, Milchgaden der deutschen Alpen, wie dem obwaldnerischen Melckthal oder eben Melchtal.

15. Juni 2016

Der Koala vom Klöntal

Lukas Bärfuss: Koala, btb, München, 2016
Ein ganz gewöhnlicher Mensch, sein ganz gewöhnliches Leben und sein ganz gewöhnliches Ende. Aber nichts an Lukas Bärfuss‘ neuem Roman will uns gewöhnlich erscheinen. Denn das Ende ist ein Suizid, und der ihn verübt hat, ist sein Bruder. Bärfuss spürt dem Schicksal des Bruders nach und begegnet einem grossen Schweigen. Das Thema scheint von einem grossen Tabu umstellt. Und von einem Geheimnis. Warum nannten seine Freunde ihn Koala? Wie kam er zu diesem Namen? Die Spurensuche wird zum Versuch der Selbtsvergewisserung. Über die Frage, warum jemand willkürlich den Tod gesucht hat, dringt Bärfuss zu einer anderen vor: Welche Gründe gibt es, sich für das Leben zu entscheiden? (Klappentext)

Was der Klappentext verschweigt: Koala beinhaltet auch ein Stück australische Besiedlungs- und Naturgeschichte. Und witzig: Auf dieses Buch bin ich im hintersten Glarnerland aufmerksam geworden. Am Ende einer zweitägigen Zelttour über die Zeinenfurggel gelangte ich im Klöntal in die Richisau. Das Gasthaus war proppenvoll. Am Eingang eine Tafel mit dem Hinweis, dass Lukas Bärfuss an diesem Sonntagmorgen eine Lesung hält. Interessant das Volk: Ich sah ihm den Literatendünkel selbst in meinem verschwitzten Zustand an. In der Richisau wimmelte es von Bärfuss-Jüngern, insbesondere von Jüngerinnen. Die meisten hielten ein Büchlein in der Hand, auf dessen Umschlag ich «Koala» las. Und irgendwo mitten drin erkannte ich einen eingeschüchtert und verstört wirkenden Lukas Bärfuss, den ich nur Wochen später in einem Radio-Interview zu hören bekam. Bärfuss' klarer Geist wollte so gar nicht zu dem eher schwächlich wirkenden Mann passen. Dennoch überzeugten mich die Aussagen des in Thun aufgewachsenen Schriftstellers und ich besorgte mir diesen «Koala», den ich an dieser Stelle sehr gerne zur Lektüre empfehle. Ob ich mich indes je an die skurrilen Literatenszene werde gewöhnen werde, steht freilich in einem anderen Buch.

BE: Thun (Rathaus, Rathausplatz, Restaurant Zu Metzgern, Scherzligkirche, Pfadfinderheim Enzenbühl) AUS: Blue Mountains

14. Juni 2016

Uf eigete Wääge

Paul Eggenberg: Uf eigete Wääge, Fischer,
Münsingen, 1996, erhältlich bei Licorne
Mit däm Buech si bekannti bärndütschi Gschichte vom Autor neu überarbeitet und für d Läserinne u Läser ändlech wieder gryfbar. Die Erzählige hei nüt vo ihrere Farbigkeit und Nöchi zum Läbe verlore. Heitiri Episode wächsle sech mit Bsinnlechem ab. Immer stöh der Mönsch u ds Mönchleche im Mittupunkt. Aui euf Gschichte eigne sech beschtens zum Vorläse.

Paul Eggenberg, geboren am 27.11.1918 Heiligenschwendi, gestorben am 30.9.2004. Lehrerseminar Muristalden in Bern. Bis 1961 Lehrer in Heimisbach, Heiligenschwendi und Bern. 1961-62 Geschäftsführer des ACS Bern, 1962-69 und 1972-81 Direktor der Schilthornbahn in Mürren. 1969-71 freier Schriftsteller und Korrespondent versch. Schweizer Zeitungen in London. Verfasser von Jugendbüchern (u.a. Hans der Bergbub 1946, Ohne Kopf durch die Wand 1962), berndt. Erzählungen (u.a. Kurlig Lüt 1955, Heimlichs 1971) und Sachbüchern (u.a. Skibüchlein für junge Leute 1950, Oberhofen 1989, Leben und Wirken des Bergmalers Gustav Ritschard 1986). Präsident des Berner Schriftsteller-Vereins 1955-62 und 1973-81.

13. Juni 2016

Das Pelztier vom Wasserschloss


Als wäre es der 13. Juni 1816: Zufrieden und vom Fotografen wenig beeindruckt döst sie auf dem Sitz einer Kutsche gegenüber dem Wasserschloss von Hagenwil (TG).

12. Juni 2016

Zu Fuss aus der Atomrepublik

Hans-Jürgen Haug: Zu Fuss aus der
Atomrepublik, Knesebeck & Schuler,
München, 1988 (vergriffen)
Wackersdorf – Gorleben, das steht für den Weg in den Atomstaat. Doch der Widerstand wächst. Immer mehr Menschen – nicht nur in den betroffenen Regionen – wehren sich gegen eine Entwicklung, die ihre Gesundheit, ihre Heimat und die Demokratie bedroht. Mit einem neun Wochen dauernden Demonstrationszug, einem «Kreuzweg für die Schöpfung», haben christliche Gruppen mit Unterstützung von Bürgerinitiativen erneut auf die Gefahren der Atomtechnik hingewiesen. Die Strecke führte mehr als 900 Kilometer von der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage zum vorgesehenen Endlager.

Der Reporter Hans-Jürgen Haug schildert die Erfahrungen, die Ängste und die Hoffnungen der Menschen, die 1988 an diesem «Kreuzweg» teilgenommen haben. Er beschreibt, wie traditionell konservativ eingestellte Oberpfälzer zu aufmüpfigen, selbstbewussten Bürgern geworden sind, wie sie den Beschwichtigungsformeln der Politiker nicht mehr glauben, wie brutale Polizeieinsätze ihr Vertrauen in staatliche Gerechtigkeit erschüttert haben, und er lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen. ehemals treue CSU-Wähler zeigen plötzlich Verständnis für sogenannte Chaoten, wie es auch der erfolgreiche Dokumentarfilm «Spaltprozesse» überzeugend vorführt, ein zusätzliches Kapitel widmet Haug dem Film und seinen Machern, ein weiteres dem Prozess gegen Robert Jungk in Hanau.

Eine beeindruckende Reportage, die schonungslos aufzeigt, mit welchen Mitteln die Atomlobby im Gleichschritt mit der machthabenden Politik die Atomgegner kriminalisiert, ignoriert und manipuliert.

11. Juni 2016

Der Keiler

Felix Mettler: Der Keiler, Ammann, Zürich,
1990 (vergriffen)
Lungenkrebs und nur noch wenige Monate zu leben: Gottfried Sonder, sechzig Jahre, Pathologie-Assistent am Universitätsspital, kurz vor der Pensionierung, ist fassungslos. Er als Nichtraucher? Diese Krankheit muss für einen anderen bestimmt gewesen sein, und er weiß auch, für wen. Ärzte und Freunde geben ihm gute Ratschläge: Nicht aufgeben!, sagen sie. Aufgeben ist Sonders Sache nicht, doch sein Kampf sieht anders aus, als man es von ihm erwartet hätte. Kommissar Häberli vertraut seinen Eingebungen mehr als der peniblen Suche nach Hinweisen. Auch als er den Auftrag erhält, den Mord an einem Pathologen aufzuklären ...

Felix Mettlers erster Roman ist ein spannendes Ringen um Alibis, Tatmotive und Verdächtige abseits vom gewohnten Schema der Verbrecherjagd und abseits herrschender Moralvorstellungen. Hier darf der Leser der Verbrechensausführung genüsslich folgen und der Aufdeckung entgegenzittern – weil er sie fürchtet, nicht ersehnt. Feinsinnig zieht «Der Keiler» in seinen Bann und wirft Fragen von grösster Tragweite auf. Ist ein Mord verzeihlich?

ZH: Stadt Zürich, Forch, Hirzel, Sihl ZG: Sihlmätteli

9. Juni 2016

Urwil (AG)

Ernst Halter: Urwil (AG), Artemis,
Zürich, 1975 (vergriffen)
Urwil, irgendwo im aargauischen Mittelland, einst Bauerndorf, heute von Industriebauten und Wohnblöcken geprägt, der Dorfbach brav in seiner Zementröhre fliessend: scheinbar ein durchschnittlicher Ort – Schauplatz dieses Buches. Urwils Bewohner: sie würden so durchschnittlich wie ihr Dorf wirken, beobachtete man sie nur von aussen. Der Autor ernst Halter (* 1938) aber bildet nicht bloss ab, sondern er durchleutet seine Menschen, schlüpft gewissermassen in ihre Haut, schaut mit ihren Augen, erlebt mit ihren Sinnen, teilt ihre Ängste und Lüste: er wird Zeuge von Geburt und Sterben, beobachtet ein Verbrechen und seine Aufklärung. Aus einem harmlosen Dorf mit harmlosen Leuten wird, so erlebt, ein mächtiges Stück Welt. Wie viele Möglichkeiten menschlicher Existenzformen werden in Urwil gelebt: da ist der in heiterer Dumpfheit vegetierende Landstreicher und Mauser Mispelhahn, der im Wald die grosse Entdeckung macht, welche die Polizei auf den Rothänsel Bolli, seine Tochter Brige und ihren Freund, den Mittelschüler Roman Clavadetscher, aufmerksam werden lässt; oder das Pfarrerehepaar Lüthi, dem beim gemeinsamen Abwasch zuzuschauen ergötzliche ist; da sind die Lehrer um ihren amtsältesten Kollegen Berner, der – ebenso wie Gemeindepräsident Steiner – beschlagen ist in den Methoden biedermännisch verkleideten Terrors; da ist der Musiker Bert May, Herr im Schloss Roosegg; da sind die Klatschbasen des Dorfes, die Arbeiter aus den Betrieben von Urwil, oder Vre, die Kellnerin aus der unnachahmlich gezeichneten Wirtschaft …

Ernst Halter spricht eines jeden Sprache, beobachtet mit Präzision und nie nachlassender Intensität des Erlebens und beweist beim scharfsichtigen wie mitleidenden Blick auf Oberflächen und in Tiefenschichten menschlichen Daseins eine Kunst, die seinem Buch einen festen Platz in der deutschschweizerischen Romanliteratur sicher.

AG: Fiktives Dorf im Aargauer Mittelland

8. Juni 2016

Nach Rom zu Fuss

Christian Jostmann: Nach Rom zu Fuss,
C.H. Beck, München, 2007 (vergriffen)
Lange Zeit hat Christian Jostmann davon geträumt, zu Fuss nach Rom zu gehen. Als sich die Gelegenheit plötzlich ergab, ist er nach wenigen praktischen Vorbereitungen von München aus aufgebrochen, auf dem Rücken das Lebensnotwendige, vor sich die Alpen und zwei Monate Zeit. Was er auf seiner Reise zu einem uralten Ziel, mit Hilfe von mittelalterlichen Karten, auf alten, aber längst vergessenen Wegen erfahren hat, erzählt er in diesem Buch. Er berichtet von Vorläufern und Gefährten, von großen Schlachten und verschwundenen Sprachen, von singenden Mönchen und verkannten Propheten, von Gastfreundschaft und Fremdheit, kurzum: von anrührenden Begegnungen mit Geschichte und Gegenwart Italiens, wie sie nur ein Wanderer erlebt.

7. Juni 2016

Mättmi fiiret

Mettmenstetten, ein Dorf im Zürcher Säuliamt, blickt heuer auf 900 Jahre seit seiner Gründung zurück. Aus diesem Anlass finden unzählige Anlässe und Aktionen statt. Mättmi, wie die Eingeborenen ihren Flecken liebevoll nennen, feiert sich quasi selber. Einen wichtigen Bestandteil des Jubeljahres bilden Sitzbänke. Wer dieser Tage durch Mättmi schlendert, findet eine hübsche Zahl an mehr oder weniger originellen Bänkli. Die rasende Reporterin Marianne fuhr hin und knipste drauflos. Ein paar Kostproben:







6. Juni 2016

Doppelschlucht und Hammergrat

Mein Projekt, sämtliche Gemeinden der Schweiz zu begehen, gebiert nicht selten Routen, die ich wohl kaum je begangen hätte. Für die noch fehlenden Kommunen Fehren und Meltingen im Solothurner Jura, konzipierte ich eine Wanderung von Grellingen nach Büsserach. Bei regnerischen Bedingungen zogen wir an der Birs los und schwenkten noch vor dem Chessiloch in den Graben des Chastelbachs ein. Diesem folgend standen wir plötzlich vor einem Schild mit Durchgangsverbot. Dahinter lagen umgestürzte Bäume wirr über dem Pfad. Wir gingen dennoch durch, in der Vermutung, dass sich die Gemeinde Grellingen rechtlich vor irgendwelchen Ungemächern absichern wollte. Die behördlich untersagte Fortsetzung bot, nebst ein paar Kraxeleien durch besagte Bäume hindurch, keinerlei Probleme. 

Der Chastelbach.
Was indes folgte, war ein sensationell schöner Abschnitt durch eine schluchtartige Flusslandschaft. Kleine Wasserfälle, mit Moos üppig bewachsene Kalkblöcke, vermodernde Baumstämme, grün, grün, grün schillernder Wald mit einem sich durch die Pracht hindurchschlängelnden Pfad. Der Chastelenbach zeigte sich von der besten Seite, präsentierte quasi die andere Seite der Regenmedaille. Den inzwischen unbeliebt gewordenen Regenfällen war es zu verdanken, dass das birswärts stürzende Gewässer richtig was her gab. Ich war verzückt, begeistert, glücklich. Nicht zuletzt deshalb, weil der Chastelbach im touristischen Schatten des Ibachs steht. Der Ibach durchfliesst das deutlich bekanntere und nicht minder schöne Chaltbrunnental. Letzterem fehlt der mangelnden Steilheit wegen genau das, was die Schlucht des Chastelbachs zu bieten hat: dieses verspielte Niederfallen zwischen mystisch anmutenden Felsblöcken.

Der Ibach im oberen Teil des Chaltbrunnentals.


Nach Verlassen des Chastelbachs wechselten wir hinüber zum erwähnten Ibach, an dessen Oberlauf wir uns Meltingen näherten. Hier noch einmal Juraschlucht-Feeling par excellence. Das Wetter hatte inzwischen auf eine sonderbare Betriebsart umgeschaltet. Regen und Sonne gleichzeitig. Der Schirm war heute mit Abstand die beste Waffe gegen die pubertierenden Launen der Meteorologie. In Meltingen gingen wir vom Schlucht- in den Gratmodus über, stiegen steil den Mettenberg hinan und wechselten alsbald auf den langgezogenen Rücken des Lingenbergs. Was sich auf der Landeskarte als schmaler Grat zeigt, entpuppte sich vor Ort zu einem Abschnitt allererster Güte. Ein an Abwechslung kaum zu überbietender Pfad zog sich vorerst südlich, wenig unterhalb der Gratschneide, Richtung Westen, um dann auf der Verschneidung, zum Teil leicht ausgesetzt, seine Fortsetzung zu finden. Hierbei galt es, den durchnässten Boden auf Schritt und Tritt aufmerksam zu beurteilen. Wurzeln waren der Rutschigkeit wegen vollkommen tabu, und der Kalk war mal so und mal so. Konzentration war oberstes Gebot. Wir pendelten permanent zwischen Begeisterung über die Szenerie und der Vorsicht vor dem Ausgleiten hin und her. Ein Nervenspiel. Ein emotionales Auf und Ab. Unter dem Strich blieb dennoch die Begeisterung über diesen Gratweg, der lediglich an einer einzigen Stelle – auf der Chemmiflue –, den Blick hinunter nach Büsserach, Breitenbach und das restliche Laufental frei gab.

Auf dem Grat des Lingenbergs.


Item. Nach Überwindung einer kurzen Holzleiter und dem steilen Abstieg zum Schloss Thierstein, kamen wir allesamt heil in Büsserach an. Ich fragte mich indes, was nun objektiv betrachtet gefährlicher war: der wegen Erdrutschgefahr gesperrte Weg entlang dem Chastelbach oder die lediglich als gelb markierte Wanderroute (T3–) über den Lingenberg? So oder so: Eine im Vorfeld als eher wenig spektakulär eingestufte Wanderung wurde zu einer der schönsten Touren im Solothurner Jura, mit Bestimmheit zur schönsten im Schwarzbubenland. Fazit der Tour: Brutal viel Grünfutter für die Seele!

5. Juni 2016

Von oben herab


Dieses sonnige Gemüt sonnt sich auf der Stauffenalp bei Heimenschwand. Niedlich, wie sie das Zünglein zwischen Ober- und Unterkiefer platziert hat.

4. Juni 2016

Fünfmal Mendrisiotto

Das Mendrisiotto, die südlichste Ecke der Schweiz. Schwarz das Dorf Sagno, farbig die vier Wanderungen, von denen hier die Rede ist.


1
Das Dörfchen Sagno, 700 Meter über Meer, 450 Meter über dem dicht besiedelten und vom Verkehrslärm geplagten Agglomerationsraum Mendrisio–Chiasso, ein ruhiger Ort des Rückzugs.

2
Wanderung von Sagno via Monte Bisbino nach Muggio, dem Hauptort des gleichnamigen Tals. Auf alten Wegen, zum Teil als Mulattiera gepflästert, über aussichtsreiche Grate und durch traumhaft schöne Laubmischwälder mit flächendeckenden Farnbeständen. Inmitten des dicht bewaldeten Tals die Haufendörfer als Wohn- und Lebensoasen, vor Jahrhunderten entstanden und beinahe so authentisch wie damals.

3
Die Fortsetzung der Wanderung von Sagno nach Muggio (siehe Album Mendrisiotto II) widmet sich der gegenüberliegenden Talseite: von Muggio hoch zur Alpe Piansessa und über das Maiensäss Cragno hinunter nach Mendrisio. Auch hier wiederum Wegabschnitte mit historischer Substanz, leider aber auch verfallene oder halb verfallene Alpgebäude. Letztere werden, wie das Beispiel der Alpe Piansessa zeigt, sogar noch genutzt.

4
Die südlichste Südschweiz, zu drei Seiten umzingelt von Italien und im Norden der Ceneri als natürliche Barriere. Wer im Mendrisiotto wandert ist meist auf Tuchfühlung mit Europa. Da oben Sagno, das kleine Nest, dort unten Chiasso, wo sich alles im schmalen Korridor drängelt: Autobahn, Eisenbahn, Stadt und Industrie. Kein Ausufern indes, an den Talflanken beginnt die andere Welt. Laubwald, aufgelassene Kastanienselven und eben: die Landesgrenze. Beim Grenzstein 75B der südlichste Punkt der Schweiz. Ein besonderer Moment. Auf den Traumwald folgt die Industrie- und Logistikunternehmenszone. Es stinkt nach Chemie, eine Fabriksirene heult, Lastwagen brummen zu ihren Terminals oder verlassen diese. Dazwischen etwas Landwirtschaft und die Sicht auf frisch verschneite Berge im Norden.

5
Ein letzter Gang in dieser Maiwoche. Von Sagno über die schön gelegene Kapelle von San Martino hinein ins Valle di Muggio. Wie bereits auf dem Monte Bisbino ist diesem Santuario ein Grotto angegliedert, das an Wochenenden geöffnet ist. In Lattecaldo – heisse Milch – beginnt die Talwanderung. Wald, Wald und noch einmal Wald. Dazwischen Caneggio und Bruzella, zwei Dörfer, elegant an die mässig steile Berglehne gebaut. Bei Bruzella der Abstieg zur wieder in Betrieb genommenen Mühle unten an der Breggia. Zweimal die Woche wird hier gemahlen. Die Produkte werden regional vermarktet. Ein Ort, an dem vergangenes Leben spürbar wird. Ein Handwerker ist mit Instandhaltungsarbeiten an Strasse und Mühle beschäftigt. Auf breitem Weg nach Cabbio aufgestiegen. Die Sonne brennt.

Fotos des fünftägigen Aufenthaltes im südlichsten Zipfel der Schweiz sind hier ersichtlich.

3. Juni 2016

Sterbebegleitung mit Oscar

David Dosa: Oscar, Knaur, München, 2010
Was uns ein Kater über das Leben und das Sterben lehrt

Wenn sich Oscar, der Stationskater, zu einem Patienten auf das Bett legt, dann wissen Doktor Dosa und die Schwestern des Pflegeheims für Demenzkranke, dass es so weit ist. Denn Oscar spürt, wann ein Mensch sterben wird. Er bleibt bei ihm bis zum letzten Atemzug und schenkt, was wir Menschen oft vergessen: tröstenden Beistand. (Klappentext)

David Dosa ist Juniorprofessor an der Warren Alpert Medical School der Brown University in Providence, Rhode Island, und praktiziert als Geriater. Neben etlichen Fachpublikationen hat er im Juli 2007 im New England Journal of Medicine einen Artikel über den Kater Oscar veröffentlicht, der in den internationalen Medien große Beachtung fand. Dr. Dosa lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Providence, Rhode Island.