31. Juli 2014

19

Auf der Karte entdeckte ich eine Bahnlinie, die vom Ort ziemlich genau gegen Westen führte. Maubrac war Endstation der Strecke, die in St-Dizier-le-Haut ans Netz der französischen Staatsbahnen andockte. Parallel zur Trasse verlief die Nationalstrasse, welche sich wegen des vermutlich hohen Verkehrsaufkommens nicht zum Gehen eignete. Ich beschloss, nach dem Abendessen den Bahnhof genauer unter die Lupe zu nehmen.
    Was ich dort antraf hatte freilich nichts mehr mit einer betriebsfähigen Eisenbahn zu tun. Das Bahnhofgebäude sah aus, als ob die Armee darin ab und zu Gefechtsübungen abhielt. Zerschlagene Scheiben, herausgerissene Fensterrahmen, zerfallene Simse, abbröckelnder Verputz und dergleichen mehr verunzierten das einst stolze Gebäude. Alle Fassaden waren mit meist unleserlichen Parolen verschmiert. Eine proklamierte in grellem Giftgrün «Non à la merde, votez pour Pippi». Natürlich fragte ich mich, wer diese oder dieser Pippi war, grübelte jedoch nicht mehr länger. Stattdessen wandte ich mich an eine Frau mit Hund und fragte, ob der Bahnhof schon seit längerem aufgegeben worden sei. Sie zog die Schultern hoch und befahl ihrem Fiffi, bei Fuss zu bleiben. 
    «Die Strecke ist schon seit über zwanzig Jahre ausser Betrieb. Heute hat doch jeder ein Auto, da braucht es die Bahn nicht mehr», sagte sie. Paris spare eben überall. Was nicht rentiere werde liquidiert. Und dann folgte ein nicht enden wollender Redeschwall. Die Frau zog über alles her, was im öffentlichen Leben in ihren Augen falsch lief. Ich war mir nicht sicher, ob sie meine gelegentlichen Oui-Oui-Einschübe überhaupt zur Kenntnis nahm. Erst als Fiffi einen Artgenossen daherkommen sah und Anstalten machte, die befohlene Position aufzugeben, unterbrach sie ihre Tirade und schnarrte: «Tu reste ici!»
   

30. Juli 2014

18

Meine Stoffhütte war glücklicherweise unversehrt geblieben. Einzig die Schnecken hatten sich über das Innenzelt hergemacht und schleimten nun über das luftdurchlässige Nylon. Ich kroch ins Innere, zog mich aus und machte es mir im halboffenen Schlafsack bequem. Langsam war es an der Zeit, die Fortsetzung meiner Wanderung zu planen. Als erstes kramte ich den kleinen Transistorradio hervor und suchte nach einem lokalen Sender, der über die Wettersituation zu berichten wusste. Ich fand einen hochtourig parlierenden Reporter, der die Lage aus einem etwa 15 Kilometer entfernt gelegenen Ort schilderte. Soweit ich dem Mann folgen konnte, sah es dort um einiges schlimmer aus. Ganze Quartiere stünden unter Wasser, ebenso der kleine Flugplatz ein wenig ausserhalb, japste der Journalist. Die nachfolgend ausgestrahlte Wettervorhersage sprach von weiteren Regenfällen in den kommenden Tagen, was meiner Stimmung nicht gerade zuträglich war. Ich griff dennoch nach der Landkarte, faltete sie auf und überlegte, wie ich am besten aus Maubrac fort kam.

Small World

Martin Suter: Small World,
Diogenes, Zürich, 1999
Erst sind es Kleinigkeiten: Konrad Lang legt aus Versehen seine Brieftasche in den Kühlschrank. Bald vergisst er den Namen der Frau, die er heiraten will. Je mehr Neugedächtnis ihm die Krankheit – Alzheimer – raubt, desto stärker kommen früheste Erinnerungen auf. Und das beunruhigt eine millionenschwere alte Dame, mit der Konrad seit seiner Kindheit auf die ungewöhnlichste Art verbunden ist. (Klappentext)

GR: Pontresina, Spital Samedan, Stazer Wald TG: Basadingen TI: Autobahn A3 bei Bellinzona ZH: Stadt Zürich

29. Juli 2014

Stalden – Visperterminen – Visp

Am Sonntag ging ich im Wallis eine schöne Route. Mit der Bahn fuhr ich via Visp nach Stalden-Saas, folgte auf dem alten Talweg hinab zur Vispa und stieg am gegenüberliegenden Hang nach Staldenried hoch. Von hier wandte ich mich nordwärts Richtung Visperterminen und stiess auf einen wunderbaren Hangweg, der hoch über dem Talgrund durch magisch anmutenden Bergwald führte. In einer Lichtung mit Wiese sah ich einen Feldhasen friedlich äsen. Nur wenige Schritte weiter erblickte ich mitten auf dem Weg einen kapitalen Gamsbock. Der Pfad machte mit seinem geschmeidigen Waldboden das Gehen zum Hochgenuss. Das Glück steigerte sich, als die Route in den imposanten Graben des Beiterbachs mündete. Am Gegenhang zeigte sich über bedrohlichem Abgrund die Fortsetzung des Weges (siehe Bilder 1 + 2). Die Wildheit dieses Schlitzes begeisterte mich. Eine gute halbe Stunde später stand ich im Zentrum von Visperterminen, wo ich an einem Brunnen meinen Wasservorrat erneuerte.

Das Tobel des Beiterbachs, darüber der wunderbare Pfad Richtung Visperterminen.

Auf dem Pfad von Bild 1 hoch über dem Beiterbach.

Blick zurück nach Visperterminen. Hinten rechts die Gegend des Weisshorns.


Hernach hielt ich Richtung Hotee, was mundartlich für Hohtenn steht. Dieses hat indes nichts gemein mit jenem Hohtenn an der alten Lötschberglinie. Bis Hotee ging ich wiederum einen traumhaften Pfad durch Föhrenwald. Für ein paar Momente folgte ich gar einer Wasser führenden Suone. Das Wallis-Feeling erreichte nun endgültig seinen Höhepunkt. Der Abstieg nach Visp war der Inbegriff eines Knie und Gelenke schonenden Steigs. Seine Erbauer hatten eine durchgehend konstante Sanftneigung gewählt, die durchaus für manch zu steil gebaute Rampe Modell stehen könnte. War das ein Bergablaufen! Himmlisch. Bei circa 1100 Metern über Meer kam ich an den ersten Edelkastanienbäumen vorbei, umgeben von Birken, Föhren, Lärchen und später auch Buchen. An einer einzigen Stelle erblickte ich die Stadt Visp in ihrer ganzen Grösse (siehe Foto). Der Rest war reines Schaulaufen bis an den Rand der besiedelten Zone. Ich empfehle diese durchgehend ausgeschilderte Premium-Wanderung wärmstens zur Nachahmung.

Distanz: 16,9 km; Aufstieg: 1180 m; Abstieg: 1330 m; Wanderzeit: 6½ Std.; Schwierigkeit: T2; Karten: Swisstopo 1288 Raron, 1308 St. Niklaus; 274T Visp.

Der einzige Blick auf Visp beim Abstieg von Hotee.

Die Route auf der Karte 1:100 000 von Swisstopo.

27. Juli 2014

17

Das Gewitter artete zum Unwetter aus und dauerte vier Biere, drei defekte Schirme und einen abgebrochener Bleistiftabsatz. Das Spektakel auf der Place Centrale war besser als jede noch so perfekt konzipierte TV-Quiz-Show. Vielleicht auch, weil der Quiz-Master fehlte. Egal. Ich amüsierte mich freilich köstlich. Allerdings nur, bis ich mich zum Campingplatz begab. Auf dem Weg dorthin wurde mir das Ausmass der Perturbation bewusst. Die Lienne führte braunes Hochwasser. Etliche Hauseingänge und Autogaragen standen unter Wasser. Wild gestikulierende Anwohner rannten vor den Liegenschaften herum und schrien nach der Feuerwehr. Jetzt, wo man sie einmal bräuchte, seien sie nicht da, les pompiers, beklagte sich ein älterer Mann in kurzen Hosen, Badeschlappen und einer halb abgebrannten Gauloise im linken Mundwinkel. Auf dem Camping, er hiess «Au petit Lac», war ebenfalls der Teufel los. Windböen hatten zahlreiche Zelte zerfetzt. Die am Fusse eines kleinen Hügels platzierten Behausungen standen in einem kleinen See. Der eigentliche kleine See, «Le petit Lac» eben, war über sein Ufer getreten. Holländer in hellgrünen Kunststoff-Klumpen, eine Imitation der traditionellen Holzschuhe, staksten umher und fluchten in ihrem lustigen Ch-Laut-Idiom über das verdammte Wetter. Gespannt schritt ich meinem Tunnelzelt entgegen.

Deutschland solo

Axel Braig: Allein und zu Fuss durch
Deutschland, Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt/Main, 2006, vergriffen
Anno 2004 verwirklicht Axel Braig einen langgehegten Traum: Er legt seine Arbeit als Arzt nieder und zieht alleine und zu Fuss von zu Hause los. Von Tübingen startet der Autor seine Reise Ende Februar. Das ist beachtlich, denn zu dieser Zeit ist der Winter noch nicht ganz vorüber. Für entsprechende Wetterkapriolen ist also gesorgt. Dass es sich bei Braig um einen äusserst kulturbeflissenen Wandersmann handelt, wird schnell einmal klar. Seine Vorlieben gelten eindeutig der Muse. Da wird keine Gelegenheit ausgelassen, dieses Dichtermuseum oder jenes Geburtshaus eines berühmten Musikers zu besuchen. Braigs Wanderroute berührt denn auch die grossen Städte unseres Nachbarlandes: Stuttgart–Heidelberg–Mannheim–Mainz–Koblenz–Köln–Düsseldorf–Dortmund–Hamburg–Berlin–Dresden–Leipzig–Nürnberg, um nur die wichtigsten zu nennen. Wer sich für Persönlichkeiten wie Goethe, Schubert, Bach, Nietzsche, Adenauer etc. interessiert, kommt in diesem sprachlich und gestalterisch äusserst schlicht aber nicht banal gehaltenen Taschenbuch voll auf seine Kosten. Von der Wanderung über mehrere Tausend Kilometer erfährt man erstaunlich wenig, weshalb man sich mehr als Zugreisender denn als lesender Mitwanderer vorkommt, scheinen doch die Distanzen zwischen den Städten im Katzensprung gemeistert zu sein. Das ist schade, denn hier hätte uns der Autor bestimmt noch einmal dutzendweise spannende Seiten bescheren können.

An geschichtlichen Hintergründen kommt der Lesende ebenfalls nicht zu kurz. Mal wird über das unsägliche Spekulantentum in den neuen deutschen Bundesländern berichtet, oder dann entsetzt sich Braig (zurecht) über fragwürdige «historische» Kircheninschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Alles in allem bringt uns das Werk ein kulturell spannendes Deutschland näher, das mit Bestimmtheit Lust auf Entdeckungsreisen zu Fuss macht, wenn nicht im Westen des Landes, dann zumindest in der ehemaligen DDR. Drei Punkte sollten sich aber die Buchgestalter noch zu Herzen nehmen:
  1. Wenn einer beinahe ganz Deutschland zu Fuss abklappert, dann gehört ein Kärtchen mit Routenverlauf abgedruckt.
  2. Die zum Teil sehr stimmungsvollen Fotos dürften ruhig mit einer Bildlegende versehen sein.
  3. Wenn wir schon bei den Fotos sind: Ein Bild des Autors wäre doch auch noch was. Am besten mit dem oft zitierten, schwer beladenen Rucksack.

26. Juli 2014

16

Nun, was konnte ich nach Harrys Tod noch tun? Ich wurde mir schnell einmal bewusst, dass mich die Gewissensbisse über eine allfällig verpasste Gelegenheit, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, auf die Dauer zermürben würden. Und Selbstvorwürfe machten ihn auch nicht wieder lebendig. Ich beschloss indes, einmal im Jahr an Harrys Grab zu gehen und ihm einen Stein auf den Grabstein zu legen, als Zeichen, dass ich da war. Den Stein brachte ich jeweils von einer meiner Bergwanderungen mit. Einmal war es gar ein kleiner Kristall, den ich im Grimselgebiet zufälligerweise etwas abseits des Weges gefunden hatte. Das war vor zwei Jahren. Beim nächsten Besuch lag der Stein immer noch dort. Das freute mich, denn selbst Friedhöfe sind bekanntlich vor den dunklen Seiten des Menschen nicht mehr sicher.
Ich las noch ein paar Seiten und stockte meinen Klopapiervorrat weiter auf, ehe mich ein nahendes Gewitter in den Ort trieb, wo ich es mir in einem Bistro bequem machte. Ich liebte es, Blitz und Donner aus sicherer Warte zuzuschauen und dazu ein Bierchen zu kippen. Kaum hatte ich mir mit der Zunge den Schaum vom ersten  Schluck aus der Oberlippengegend weggeleckt, knallte es über Maubrac, sodass die Frontscheibe des Bistros und mit ihr die Weingläser über dem Tresen erzitterten.

Eistod

Michel Theurillat: Eistod,
List, München, 2011
Eine Leiche in der Limmat, ein verschwundener Assistent und ein Professor unter Mordverdacht. In seinem zweiten Fall gerät Kommissar Eschenbach in einen Sumpf aus Intrigen und tödlichem Ehrgeiz. Hat sein alter Schulfreund biochemische Substanzen zur Folterung islamischer Terroristen entwickelt? Und wem kann Eschenbach selbst in höchsten Polizei- und Politikerkreisen noch trauen? (Klappentext)

In diesem eisigen Winter wundert sich zunächst niemand, als in Zürich immer mehr Obdachlose erfroren aufgefunden werden. Doch dann entdeckt ein Gerichtsmediziner bei den Toten Reste eines rätselhaften Giftes. Die Ermittlungen führen Kommissar Eschenbach an das Biochemische Institut zu Professor Winter, der als Anwärter auf den Nobelpreis gilt. Hat sein alter Schulfreund tatsächlich etwas mit den Toten zu tun? Eschenbach werden Hinweise zugespielt, dass Winter womöglich biochemische Substanzen zur Folterung islamischer Terroristen entwickelt hat. Und wo steckt Winters Assistent, der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist? Je weiter Eschenbach mit seinen Nachforschungen in die besseren Kreise vordringt, desto tiefer gerät er in einen Sumpf aus Intrigen, Lügen und Korruption. Nach dem Debüterfolg «Im Sommer» sterben der zweite atemberaubende Kriminalroman des Schweizer Autors Michael Theurillat. (Inhaltsangabe im Buch)

BE: Jassbach, Zimmerwald, Gwatt BS: Stadt Basel GR: Thusis, Celerina SZ: Hoch Ybrig, Feusisberg ZH: Stadt Zürich (Hauptschauplatz), Horgen, Schwerzenbach

25. Juli 2014

pandemie

au
auau
auauau
auauauauauauto
auto auto auto auto auto
autoautoautoautoautoautoautod


tod tod tod tod tod tod tod tod tod tod tod tod

tot

kremieren
oder 
beerdigen?

24. Juli 2014

Wassernot in Burgistein

Heute Morgen weckte mich der Starkregen. Und als ich nach dem Frühstück einen Blick nach draussen warf, wälzte sich ein braunes Bächlein durch die Strasse vor dem Haus. Kein gutes Zeichen, dachte ich, denn so etwas habe ich an meinem unmittelbaren Wohnort bislang noch nie gesehen. Ich schnappte mir die Kamera und huschte raus. Die nachfolgenden Eindrücke entstanden in den Ortsteilen Rothmettlen und Burgiwil. An der Gürbe unten wurde wacker an der neuen Brücke gebaut, derweil der Bach Hochwasser führte. Nach meiner Rückkehr ins Quartier war die inzwischen angerückte Feuerwehr daran, weitere Schäden zu verhindern. Eine halbe Stunde später zeigte sich die Sonne am Himmel und die vom Berghang durch Gärten fliessenden und in Häuser eindringenden Wassermassen liessen glücklicherweise nach. Dass es zu diesem Ereignis kommen konnte, ist mitunter in den von den Niederschlägen der vergangenen Tagen komplett gesättigten Böden zuzuschreiben. Bleibt zu hoffen, dass die betroffenen Land- und Hausbesitzer von weiteren Überschwemmungen verschont bleiben.

Am Rande vermerkt: Gestern lud ich mir die neue, viel gelobte Wetter-App von SRF Meteo herunter. Für Burgistein waren heute Morgen max. 0,1 mm Niederschlag prognostiziert. Auch von einer Wetterwarnung keine Spur. Tja, was soll man dazu noch sagen?















Oh Arvigrat, oh Arvigrat

Es war am Tag nach dem französischen Nationalfeiertag, als ich mich in den Kanton Nidwalden begab, um daselbst ausnahmsweise eine Rundwanderung zu zelebrieren. In Dallenwil bestieg ich die Kabinenbahn und schwebte dem Nebel entgegen zum Wirzweli. Drei Stunden täppelte ich im Wasserdampf herum, ehe sich am Gräfimattstand so was wie eine Aussicht ins Grosse Melchtal auftat. In dieser Konstellation – links ein wenig Panorama, rechts die Nebelwand – beschritt ich den Arvigrat Richtung Ächerlipass. Den schmalen Pfad säumten Alpenblumen en gros. Männertreu, Enziane, Anemonen, Alpenrosen, Arnika und und und. Der Weg war teilweise ausgesetzt, verlief also auf dem Grat, der zu beiden Seiten steil abfiel. Einmal wand sich der Steig um Felsentürme, dann schlängelte er sich der Schrofenflanke entlang. Gegenanstiege wechselten sich in lockerer Folge mit steileren Abstiegen ab. Irgendwann fehlten die Markierungen, obschon die Route als offizieller Bergweg klassiert ist. Die Karte bestätigte mir indes die Richtigkeit meines Kurses. Auf das offene Gelände folgte ein nicht enden wollender Abschnitt im Föhrenwald. Immer noch auf schmalem Grat galt es, sich vor den feuchten Wurzeln in Acht zu nehmen. Dennoch beschloss ich spontan, den Arvigrat – er bildet übrigens die Grenze zwischen Ob- und Nidwalden und die Route verläuft meist auf Obwaldner Seite – also, ich beschloss, den Arvigrat zu meinem Lieblingsgrat zu küren. Die Bildstrecke vermag hoffentlich, meinem Entscheid Nachdruck zu verleihen.

Die Route, ausgehend vom Wirzweli, beging ich im Uhrzeigersinn. Rot der wunderbare Abschnitt Gräfimattstand–Arvigrat, von dem die Bildstrecke handelt.


23. Juli 2014

Sommer im Züri Oberland

Vergangenen Dienstag war Wanderkumpel Toni mit Gummistiefeln und Regenschirm in der Umgebung von Wetzikon spazieren. Und was er mir abends per E-Mail zukommen liess, fasst auf wunderbare Weise zusammen, welchen Sommer wir derzeit erleben. Die Bilder zeigen das Kemptner Tobel und das Südufer des Pfäffikersees bei Wetzikon. Na dann: schöne Ferien allerseits!






Der Podestplatz



Auch 1997, nach der Gebäuderenovation des Bahnhofs Burgistein, erstrahlt der Blumenschmuck in alter Frische. Für die floristischen Bemühungen des Stationsvorstandes wurde der Bahnhof von der Betriebsleitung mit einem Podestplatz im BLS-internen Bepflanzungswettbewerb belohnt. Foto: Hans-Ueli Biei

15

Ratsch! Ich riss eine weitere gelesene Seite aus dem Wendehals und versorgte sie in einen wasserdichten Flachbeutel. So reduzierte sich das Gewicht meines Rucksacks; allerdings erst endgültig, nachdem mein Allerwertester das Papier noch zu spüren bekam. Dies ersparte mir den Klau von Klopapier in Restaurants und auf Campingplätzen. Ein Trick, den ich einst von Harry mitbekommen habe, ehe er mit 28 von der Sittertobelbrücke bei St. Gallen sprang. Wir sind uns fünf Jahre zuvor beim Trecken in den peruanischen Anden über den Weg gelaufen, spannten für zwei Wochen zusammen, trennten uns dann, weil ein jeder andere Reisepläne verfolgte. Wir blieben freilich in Kontakt und trafen uns ein paar Mal nach der Rückkehr in die Schweiz. Eines Tages erhielt ich die Todesanzeige. Die Trauerfeier habe im engsten Familienkreis stattgefunden, hiess es. Später fuhr ich an den Bodensee, wo Harry auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes ruhte. Was ihn genau in den Tod getrieben hatte, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Wie auch? Ich hatte ja nur ihn gekannt. Da war offenbar auch keine Freundin, und seine Eltern waren mir unbekannt, obschon sie mir die Anzeige zukommen liessen. Einige Male war ich drauf und dran, mich bei den Möhls zu melden, doch dann versagte jeweils mein Mut. Die Ungewissheit, wie ich mich in dieser Situation korrekterweise verhalten sollte, liess mich kapitulieren. Der Umgang mit dem Tod, wurde mir bewusst, ist schwieriger als jener mit dem Leben, selbst wenn dich das Leben zur Selbsttötung verleitet. Mich beschäftigte Harrys Tod nicht nur, weil ich den unkonventionellen Ostschweizer gut leiden mochte, sondern auch wegen der Frage, ob ich allenfalls etwas hätte beitragen können, seinen Schritt zu verhindern.

22. Juli 2014

21. Juli 2014

14

Eine Ameise krabbelte an meinem Bein hoch. Das offene Buch ins Gras legend schickte ich mich an, das Insekt zu entfernen. Leichter gesagt als getan. An den Baumstamm lehnend entledigte ich mich des linken Hosenbeins. Unangenehmes Brennen auf der Innenseite des Oberschenkels war die Folge. Von der Ameise jedoch keine Spur. Und erst jetzt bemerkte ich, wieviele dieser Tierchen um mich herum fuhrwerkten. Auf der Rückseite des Baumstamms führte eine Ameisenstrasse ins Geäst hoch. Weil ich in Ruhe weiterlesen wollte, zog ich es vor, den Platz zu verlassen. Ein paar Schritte flussaufwärts wurde ich fündig.

20. Juli 2014

Der Tunnel

Friedrich Dürrenmatt: Der Hund / Der
Tunnel / Die Panne
, Diogenes,
Zürich, 1980
Stellen Sie sich vor, der Zug, in dem Sie sitzen, fährt in einen 500 Meter langen Tunnel. Und statt dass Sie nun nach einer Minute wieder das Tageslicht erblicken, donnert der Zug unermüdlich im Tunnel weiter. Dieses Szenario beschreibt Friedrich Dürrenmatt in seiner 1952 erstmals erschienenen Erzählung Der Tunnel. Die Geschichte spielt auf der Strecke zwischen Bern und Olten. Als Tunnel kommt als einziger in diesem Abschnitt jener nach Burgdorf infrage. Wer Der Tunnel gelesen hat, denkt jedes Mal, wenn er mit dem Schnellzug bei Burgdorf im Loch verschwindet an Dürrenmatts apokalyptisch anmutenden Einfall und dass dieser doch bitte nicht gerade jetzt eintreffen möge.

BE: Bahnhof Bern, Bahnlinie Bern–Olten, Burgdorfer Tunnel

19. Juli 2014

13

Hammerschlags Roman erschien 2005 und handelt von Fortunat Kempf, einem Luzerner, der mit zwanzig die Achtundsechziger Bewegung in Zürich mitgeprägt hatte. Sein militantes Auftreten brachte ihn damals für acht Monate hinter Gitter. Der über 700 Seiten starke Band vermittelt nicht nur ein präzises Gesellschaftsbild jener Zeit, er zeigt in minutiösen Schritten auf, wie sich Kempf im Laufe der Zeit vom Aufmupf zum spiessbürgerlichen Bankier mit neoliberaler Wirtschaftsgesinnung wandelt. Hammerschlag deckt hemmungslos die Verflechtungen zwischen Politik, Geheimlogen und Wirtschaft auf und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Machenschaften der Mächtigen und grauen Mäuse in diesem Land geht.

18. Juli 2014

Die patentierte Base Fit-Technologie

Diese Woche kaufte ich mir ein neues Paar Wanderschuhe. Das Modell aus dem Hause Mammut nennt sich Mount Cascade GTX und muss, wenn ich den Herstellerangaben glaube, ein wahres Geh- und Klettersteigwunder sein. Dies verspricht auf jeden Fall die Firmenwebsite:

Der leichte Bergschuh für anspruchsvolle Touren und Via Ferrata ist aus robustem Dropstop-Textil mit Verstärkungen aus Veloursleder gefertigt. Die elastische GORE-TEX®-Zungenkonstruktion erleichtert den Ein- und Ausstieg und verhindert Faltenbildung. Die asymmetrische Schnürung berücksichtigt die Anatomie des Fusses und verstärkt den Druck auf die grosse Zehe, was zu erhöhter Präzision führt. Die patentierte Mammut® Base Fit-Technologie überträgt die Kraft der Schnürung via frei gleitenden Bändern auf die Sohle. Die wasserdichte GORE-TEX® Performance® Comfort Footwear-Membran und die multifunktionelle vibram® Maton-Sohle mit integrierter Climbing Zone sowie der technische Keil aus Dual Density-PU sind die zusätzlichen Features.

Besonders gut gefällt mir, dass der Schuh auch der Faltenbildung entgegenwirkt. Vielleicht stecke ich vor (!) dem Gebrauch mal meinen Kopf für ein Weilchen rein und schaue, ob's funktioniert. Selbstverständlich werde ich über die mit diesen Nonplusultra-Tretern zurückgelegten Kilometern genaustens Buch führen. Wie lange die Nähte halten, die Membrane dichtet und das Leder mitmacht, interessiert mich nämlich mehr als all der technische Schnickschnack des Produkte-Marketings.

Das graue Wunder? Die anstehenden Wanderungen werden es zeigen.
 

17. Juli 2014

Fussangel

René Regenass: Fussangel, Edition
Hans Erpf, Bern/München, 1991
vergriffen
Peter Affolter, die Hauptfigur des Romans, ist erprobter Junggeselle und hat als Universitätsdozent eine gesicherte Position. Eine durch und durch bürgerliche Existenz, getragen von den Konventionen, wenn auch ab und zu angekränkelt von Selbstzweifeln. Wie dünn der Lack ist, der seine Psyche schützt, muss er bei einer zufälligen Begegnung mit einem Mädchen erfahren. Er wird mehr und mehr aus der Lebensbahn getragen. Das fremdartige Mädchen übt einen Sog aus, gerade weil es Affolters Ansichten kontrastiert, ihm zeigt, dass es jenseits der täglichen Norm noch etwas anderes gibt. 

Dieses Andere ist für Affolter der schreckliche Dämon namens Fetischismus. Er verfällt nicht dem Mädchen, begehrt es nicht einmal; seine Sinne fordern die Hingabe an die Füsse dieses Mädchens. Scham und Angst, Opfer einer Perversion zu sein, einer Begierde, die ihn und seine Existenz in Frage stellt, gar vernichtet, lähmen und demütigen ihn. Er verliert die Selbstachtung. Alle seine Bemühungen, sich von dieser Leidenschaft zu befreien, misslingen. Er ist seinem Trieb ausgeliefert – und damit auch dem Mädchen. Er wird ihm hörig. Sein Verhalten nimmt zusehends groteske, wahnhafte Züge an, wobei er bis zuletzt versucht, sein Laster zu kaschieren.

Affolter ist zwar hochintelligent, aber unfähig, sich aus dem Denkschema der Gesellschaft zu lösen. (Klappentext)

BS: Stadt Basel F: Elsass

15. Juli 2014

12

Seit meinem Grenzübertritt nach Frankreich war ich nun eine Woche unterwegs. In Maubrac schaltete ich deshalb einen Ruhetag ein. Der Zeltplatz bot einiges an Komfort und war nur mässig belegt. Dusche und Launderette kamen mir zudem sehr gelegen. Ich nutzte den frühen Morgen, mich und meinen bescheidenen Haushalt in Ordnung zu bringen. Währenddem die Wäsche in der Maschine ihre Runden drehte, kaufte ich im überteuerten Camping-Laden das Frühstück ein. Den Rest des Tages verbrachte ich etwas ausserhalb des Orts unter einer mächtigen Ulme am Ufer der Lienne. Ich las ausgiebig in Kurt Hammerschlags Roman Wendehals.

Herr Gott der armen Seelen

Felice Filippini: Herr Gott der armen
Seelen
, Huber, Frauenfeld, 1991
Es erregte nicht geringes Aufsehen, als der 25jährige Felice Filippini 1942 für seinen Romanerstling «Signore dei poveri morti»/«Herr Gott der armen Seelen» den renommierten «Premio Lugano» erhielt, und von klerikaler Seite sprach man offen von einem «Affront gegen jegliche dem tessinischen Menschen innewohnende Religiosität». Doch das Buch, das für die Trauerarbeit eines kleinen Jungen um seinen toten Bruder hinreissend visionäre Bilder findet, erwies sich schon bald als ein Schlüsselwerk der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts und brachte dem Tessin auf einen Schlag den Anschluss an die moderne italienische Literatur der Silone, Pavese und Vittorini. Der Roman, der hier in der neu überarbeiteten Übersetzung von Adolf Saager und mit einem reich illustrierten Nachwort von Giovanni Bonalumi erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder auf Deutsch vorliegt, ist, typographisch gestaltet von Max Caflisch, mit 52 zum Teil noch unpublizierten Zeichnungen von Felice Filippini illustriert. (Klappentext)

TI: Bellinzona, Lugano

14. Juli 2014

Entdeckung im Kiental

Boah, jetzt bin ich aber geschafft. Nach zwei Tagen als Reporter am 12. Natural Sound Openair in Kiental schrieb ich nicht nur ein Textlein für die Zeitung sondern machte über 2100 Fotos von Bands wie Span, Fäbs, Trummer, Lamine M'Boup & The Foul Fayda, Still, Manillio oder Chica Torpedo. Vor halb zwei Uhr in der Früh gab es keine Nachtruhe, denn, nicht wahr, die besten Gigs beginnen selten um acht Uhr abends.

Item.

Der Freitag war wettermässig noch ganz passabel, aber der Samstag ... Es begann zwar ganz artig, bloss spielte da noch niemand. Und als es dann einmal zu regnen begonnen hatte, war's den Leuten eigentlich auch egal. Nur für den leid geplagten Fotografen ist das nicht gäbig. Der steht nämlich alleine mit dem Regenschirm am Bühnenrand und nervt womöglich die Groupies, weil die Sicht zu den Angebeteten auf der Bühne um eine halbe Beinlänge eingeschränkt wird.

Item.

Die eigentliche Entdeckung war für mich die aus Basel stammende Veronika Stalder mit ihrer Band Veronika's Ndiigo. Heieiei gab das Hühnerhaut. Der Mix aus Worldmusic, Folk und ein wenig New Age (aber nur ein wenig) betörte mich. Und zwar so, dass ich trotz Schlafmanko zu Hause das liebe YouTube aufsuchte, um noch einmal den Hühnerhaut-Generator anzuwerfen. Weil diese hervorragend bestückte Truppe, u.a. mit Oli Hartung an der Gitarre, auf dem oben erwähnten Line-up fehlt, sei noch nachgeschoben, dass auch hier der Abzug meiner Kamera locker sass.

PS. Gänsehaut, liebe Deutsche, heisst bei uns Hühnerhaut. Ihr wisst ja nun, wie sich dies nach dem gestrigen Abend anfühlt. Gratulation!


Tolle Stimme zu Hühnerhaut-Klängen: Veronika Stalder

Veronika's Ndiigo am Natural Sound Openair Kiental (BE). Der Mann links spielt eine Kora.

13. Juli 2014

Der Blumenschmuck



Das Stationsgebäude von Burgistein (BE) vor der Renovation. Sommer 1996. Foto: Hans-Ueli Bieri

12. Juli 2014

Fluchtrouten

Urs Berner: Fluchtrouten, Steinhausen,
München, 1980
Urs Berner erzählt eine Liebesgeschichte. Die Welt der Halbwüchsigen, in der sie spielt, ist mit einer bemerkenswerten Authentizität dargestellt, die Charaktere sind in ihrem Erleben und Denken mit einer wunderbaren Intensität geschildert, die an Sailingers Jugendliche in «Der Fänger im Roggen» erinnert.

Der Hintergrund bildet ein Dorf im Bannkreis einer Grossstadt, dessen Eigenart durch ein modernes Einkaufszentrum und durch Trabantensiedlungen zerstört wird: ein Beispiel für viele. Das häusliche Milieu, aus dem Rocky kommt, kennt keine Autorität; es ist geprägt durch eine gutverdienende, arbeitende Mutter mit ihrem «Verhältnis», die ihr schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Sohn kompensiert: durch Verwöhnen an falscher Stelle. In dieser unwirklichen Welt beginnen die Fluchtrouten, die Rocky sucht und die ihn zu einem jugendlichen Delinquenten werden lassen, der sein Verhalten an Film-Idolen orientiert. Als Ausbruchsmanöver fängt seine Beziehung zu Marianne an – die Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des Romans steht. (Klappentext)

AG: Baden, Spreitenbach TI: Ascona ZH: Rangierbahnhof Limmattal, Stadt Zürich

11. Juli 2014

Gäbig

Das Tragen eines Kopftuchs hat auch Vorteile. Beim Telefonieren mit dem Smartphone zum Beispiel. Muslima klemmt das Handy einfach zwischen Ohr und Stoff und fertig ist die Freisprecheinrichtung.

10. Juli 2014

11

Das Schicksal von Georges und Natalie beschäftigte mich den ganzen Tag. Bei jedem Auto, das an mir vorbei fuhr zuckte ich zusammen. Eine Regung, die ich bislang nicht kannte. Für mich war immer klar, dass die Lenker mich sehen und dementsprechend reagieren würden. Dass ich mich einer potenziellen Gefahr aussetzte, wurde mir erst mit der von Georges geschilderten Tragik bewusst.
    War ich ein Naivling?
    War ich zu unbekümmert?
    War ich zu gutgläubig?
    Ich wusste es nicht, doch es machte mir zu schaffen. Nicht zuletzt die Geschwindigkeit, mit der einem das Schicksal unverhofft ereilen konnte, fand ich brutal. Und dann diese Fahrerflucht. Was geht in einem Menschen vor, der einen Radler über den Haufen fährt und dann einfach abhaut?
    Kann das unbemerkt bleiben?
    Kann jemand so ignorant sein?
    Kann ein Gewissen so etwas unterdrücken?
    Und wenn ja, für wie lange?
Es sollte für mich eine Warnung sein, eine zwar nicht selber gemachte Erfahrung – bewahre! –, aber immerhin ein Denkanstoss. Ich beschloss, der Landstrasse inskünftig vorsichtiger zu folgen. Maubrac erreichte ich um zehn Uhr abends, als der Platzwart seinen Laden bereits dicht gemacht hatte. Ich stellte mein Zelt in der hintersten Ecke des Campings auf, kochte mir ein dünnes Süppchen und holte mir beim Getränkeautomaten eine Cola. Vom nächtlichen Gewitter bekam ich nichts mit. Zu müde waren Kopf und Beine.

Neulich in 3600


Thun (BE), Mühleplatz

9. Juli 2014

Das Verschwinden

Andrea Fazioli: Das Verschwinden,
btb, München, 2012
Elia Contini ist seines Jobs als Privatdetektiv überdrüssig. Seit kurzem verdingt er sich als Journalist bei einer Lokalzeitung und frönt seinem alten Hobby: Füchse fotografieren. Doch dann läuft ihm bei einem seiner Streifzüge durch den Wald ein Mädchen in die Arme. Natalia ist offensichtlich orientierungslos, sprachlos und völlig verängstigt. Contini bringt sie in Sicherheit und findet heraus, dass Natalia Zeugin eines schrecklichen Verbrechens wurde. Gelingt es Contini herauszufinden, was sie im Ferienhaus der Eltern gesehen hat? Denn längst schwebt Natalia selbt in höchster Gefahr. (Inhaltsangabe im Buch)

GE: Stadt Genf TI: Massagno, Lugano, Bellinzona, Castione-Arbedo, Monte Ceneri, Chiasso, Gandria (Hauptschauplätze)

8. Juli 2014

10

Die gelben Strassenkarten von Michelin dienten mir seit dem Verlassen der Schweiz als zuverlässige Orientierungshilfen. Die Route hatte ich ausschliesslich anhand des dichten Netzes an Departementsstrassen geplant. Auf den wenig befahrenen Strassen kam ich gut voran. Vor allem gelangte ich so des Öfteren durch Dörfer, was mich der Bevölkerung bedeutend näher brachte, als wenn ich stur den Markierungen eines Weitwanderwegs gefolgt wäre. Den Nachteil des Asphalts nahm ich gerne in Kauf. Spätestens am dritten Tag hatten sich die Füsse an den harten Grund gewöhnt. Bei Regen blieben überdies die Schuhe sauber und trocken. Am meisten beelendeten mich die ausgestorben wirkenden Dörfer. Verstaubte und vermutlich kaum mehr benutzte Kirchen, geschlossene Kneipen, verrammelte Dorfläden: Sie alle passten zum obligaten Denkmal für die in den grossen Kriegen gefallenen Soldaten, das jeden Dorfplatz ziert. Stattdessen mühten sich die Menschen in anonymen Einkaufszentren am Rande der nächsten Kleinstadt mit prall gefüllten Chariots und endlos langen Warteschlangen vor den Kassen ab. Ich machte mir jeweils einen Sport daraus, nur soviele Artikel einzukaufen, dass ich mich an der Expresskasse einreihen konnte, aber dennoch alles hatte, was ich für die nächste Tage benötigte.

7. Juli 2014

9

Auf der Zeltplane hatten Schnecken ihre Schleimspuren hinterlassen. Immerhin war das Kondenswasser verdunstet. Ein paar Spinnen krabbelten vondannen, als ich das Überzelt entfernte. Die Mittagshitze machte sich bemerkbar. Normalerweise war ich um diese Tageszeit bereits mehrere Stunden unterwegs und suchte mir für die Siesta einen Schattenort. Ich hatte mir gestern vorgenommen, heute bis Maubrac zu gehen, wo es einen Zeltplatz geben soll. Haut und Haare lechzten seit Tagen nach einer Dusche. Dreissig Kilometer und noch hatte ich keinen einzigen absolviert. Das konnte ja heiter werden. Ich wuchtete den Rucksack auf das angewinkelte rechte Knie und von dort an meinen Rücken. Eine Technik, die man mir im Trekking-Geschäft gezeigt hatte, als ich mich für dieses Ansinnen ausrüstete. Wie oft schon hatte ich den schweren Sack verflucht, als ich meinte, demnächst unter den über zwanzig Kilogramm Last zusammenzubrechen. Besonders schlimm war es nach unruhigen Nächten mit wenig Schlaf. Doch mit dem unverbrüchlichen Ziel vor Augen, aus eigener Kraft den Atlantik erreichen zu wollen, überdauerte ich bislang jede physische Krise. 

Zunehmendes Heimweh

Die Welt, die in diesem Roman abgebildet wird, ist geographisch wie historisch eindeutig auszumachen: sie wurzelt in einer Landschaft, dem katholischen Freiamt, einem fruchtbaren Hügelland im südöstlichen Teil des schweizerischen Kantons Aargau, die wie kaum eine andere innerhalb der Grenzen der Eidgenossenschaft von Raubzügen, Unterdrückung, Religionszwist und Krieg heimgesucht worden ist.

Silvio Blatter: Zunehmendes Heimweh,
Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1978,
vergriffen
«Zunehmendes Heimweh» wird zum sinnlichen Leitmotiv einer äusseren und gemeinsamen Geschichte von Personen, die mehr oder weniger zufällig während einer kalten Januarwoche des Jahres 1976 miteinander beziehungsreich verknüpft werden. Sieben Tage, von Sonntag bis Samstag, geht diese äussere Geschichte und erzählt von einer jungen Frau, die ihr erstes Kind erwartet, von Einsamkeit und Tod einer älteren Frau, vom Ausbruch eines Rockers aus dem Gefängnis, seiner Flucht und seiner neuerlichen Verhaftung, und von einem jungen Lehrer, der an einer historischen Arbeit schreibt.

Margrit Fischer, eine junge Frau, erwartet ihr erstes Kind und bereitet sich in Gedanken intensiv auf die unmittelbar bevorstehende Geburt vor. Dabei ertappt sie sich immer wieder, dass sie der Zukunft des noch nicht geborenen Kindes ihre eigene Vergangenheit, ihre Kindheit und Jugend beistellt. In Gesprächen mit ihrem Mann Herbert, dessen vordergründiges Lebenshziel der berufliche Aufstieg und das Weiterkommen ist, versucht Margrit ihrer Ehe eine tragende Heimat zu geben, ihn von rücksichtslosem Karrieredenken abzubringen und sich mit ihm zusammen, ohne dass einer seine Eigenständigkeit aufzugeben braucht, auf ein Leben zu Dritt einzurichten.

Anna Villiger, Margrits Tante, ist eine 62jährige, alleinstehende Frau. Sie lebt, eingeschlossen in ihre Einsamkeit, mit sehnsüchtigen Erinnerungen an ihr Elternhaus: Erinnerung wird ihr immer mehr zur Wirklichkeit, und aus solchem Erinnern wächst ein eigenständiger innerer Erzählstrang in ihre Geschichte, der die Zeit des Ersten Weltkriegs erstehen lässt. Grenzbesetzung, das heisst für den Vater Anna Villigers, einen Bauern und einfachen Soldaten, Hof und Familie zurücklassen, Wachtdienst irgendwo an der Grenze schieben, militärischer Drill und endlose Ertüchtigungsmärsche; das heisst aber auch Konfrontation mit menschlichen, mit sozialen Problemen und mit sozio-politischen Entwicklungen.

Hans Villiger, ein 30jähriger Lehrer, wohnt abseits von grösseren Ortschaften in einem alleinstehenden Bauernhaus. Hier sitzt er über einer historischen Arbeit, die den «Freiämtersturm von 1841» zum Thema hat. Hans Villiger wird, ohne dies zu wollen, zur Kontaktperson und einbezogen in die Schicksale der übrigen Romanfiguren: von ihm erwarten sie Ruhe und hoffen auf Antworten, die immer auch Lösungen ihrer Probleme sein sollen.

Lur, Pep und Anita, das sind die jungen, kaum 20jährigen Menschen, die sich mit sich selbst und der Zeit, mit der kleinbürgerlichen Gesellschaft nicht zurechtfinden können.

Was sich während sechs Tagen aufeinander zubewegt hat, findet am siebten Tag, in der Nacht von Samstag auf den Sonntag, seine Lösung. (Klappentext)

AG: Freiamt, namentlich: Bremgarten, Fischbacher Moos, Merenschwand, Muri, Murimoos, Oberentfelden, Waltenschwil, Wohlen

6. Juli 2014

8

Seit Natalies Tod deckt Moustaki immer für zwei Personen auf. Man könne nie wissen, meinte er hoffnungsvoll. Die Sonne stand hoch über dem Horizont, als ich mich anschickte, den Weg zurück zum Zelt unter die Füsse zu nehmen. Der Witwer wünschte mir beim Abschied alles Gute auf meiner Reise ans Meer. Wir gaben uns die Hände und er sagte: «Adieu, je m'appelle Georges.» Ich schluckte einmal leer und sagte: «Adieu, Georges et merci.»

3. Juli 2014

7

Unwiderstehlicher Kaffeeduft erfüllte den Raum. Moustaki tischte lecker aussehende Ware auf und setzte die Geschichte von Natalie fort. Drei Kaffees und unzähige Baguette-Schnitten später kannte ich die Lebensgeschichte der Beiden. Natalie wurde vor gut zwei Jahren von einem Auto angefahren, als sie mit dem Fahrrad unterwegs zum Einkaufen war. Der Lenker beging Fahrerflucht und konnte nicht ausfindig gemacht werden. Das Einzige, was der kriminaltechnische Dienst herausfand war, dass Natalie von einem blauen Peugeot buchstäblich abgeschossen wurde. «Suche in Frankreich einmal nach einem blauen Peugeot», sagte Moustaki mit verbittertem Unterton. Die Polizei hatte in sämtlichen Autogaragen im Umkreis von 100 Kilometern persönlich nach einem blauen Unfallauto Ausschau gehalten. Ohne Erfolg. Selbst ein landesweiter Aufruf förderte keine brauchbaren Ergebnisse ans Tageslicht. 

2. Juli 2014

6

Ich war peinlich berührt. Vermutlich sass ich nun dort, wo sonst seine Frau zu sitzen pflegte. Ich erlaubte mir die Frage, woran sie denn gestorben sei. Moustaki hantierte an der Kaffeemaschine herum und begann zu erzählen.
Natalie sei eine aussergewönliche Frau gewesen. «Une femme extraordinaire.» Sie hätten sich in der Bretagne an einem Festival für keltische Musik kennen gelernt. Sie stammte aus der Normandie und er sei in der Auvergne aufgewachsen. Sie hätten sich noch während des Festivals so etwas wie ewige Liebe geschworen. Ja, es sei ein wahrer «coup de foudre» gewesen. Liebe auf den ersten Blick. Mit allem Drum und Dran, mit sämtlichen Verrücktheiten, die zwei Menschen in diesem Zustand begingen. «La vraie folie» sei es gewesen, der reine Wahnsinn. Selbst das feucht-kalte Sommerklima hätte ihnen nichts anhaben können, auch wenn sie meistens nicht viel angehabt hätten.

5

Vom Korridor gingen vier Türen ab, je zwei zu beiden Seiten. Am Ende des Gangs erkannte ich im spärlich vorhandenen Licht die untersten Absätze einer nach oben führenden Treppe. Mitten in der geräumigen Küche stand ein rustikaler Holztisch, mit einem Gedeck für zwei Personen. Ich dachte, Moustaki würde nun eine dritte Garnitur hervor holen, doch er hiess mich Platz nehmen, sodass ich mit dem Rücken zur Küchenkombination zu sitzen kam.
    «Et votre femme?», fragte ich.
    «Natalie est morte», sagte er mit gepresster Stimme.

1. Juli 2014

4

Statt dass er nun zu einem verbalen Donnerwetter anhob, weil ich verbotenerweise auf seinem Grund und Boden biwakierte, fragte er, ob ich schon gefrühstückt hätte. 
    «Non, monsieur», antwortete ich verdutzt. 
    «Alors viens avec moi, mon petit cygane», forderte er mich auf.
    «Et la tente?», fragte ich. 
    «Après, après!»
In Windeseile schnürte ich meine Wanderstiefel und nahm den Wertsachenbeutel aus dem Rucksack. 
Moustaki hatte es offenbar eilig. Schlaftrunken hechelte ich hinter ihm her. Sein Hof lag hinter einem kleinen Hügel versteckt. Zwei Eichen und eine Linde umgaben das stattliche Bauernhaus. Der Vorhof war blitzblank sauber und ordentlich aufgeräumt, was nicht recht zur wilden Erscheinung des etwa sechzigjährigen Franzosen passen wollte. 
Vor der Hauptfassade hatte er einen Gemüse- und Beerengarten angelegt. Steinplattenwege säumten das Dutzend Beete. In einer Ecke stand ein filigraner, mit Efeu umrankter Stahlpavillon. Daneben befand sich ein monumentaler Grill, den er vermutlich selber gezimmert hatte.
Ich staunte nicht schlecht und folgte Moustaki unter dem steinernen Türbogen hindurch ins Innere.

Paarbildung

Urs Faes: Paarbildung, Suhrkamp,
Frankfurt/Main, 2010
Eines Tages stösst Andreas Löscher auf die Krankenakte einer Patientin, deren Namen ihm vertraut ist: Mit Meret Etter hat ihn vor Jahren eine intensive Liebe verbunden, sie ist eine Frau, die mitmischte bei den Zürcher Jugendunruhen, eine Juristin, die mit Leidenschaft gegen das Unrecht kämpfte. Jetzt liegt sie auf der Krebsstation und es steht ihr ein Kampf ganz anderer Art bevor. Und es ist die Frage, ob eine Wiederbegegnung mit Andreas Lüscher, nach sechzehn Jahren des beiderseitigen Schweigens, ihr ihre Lage erleichtert. Und ob es klug ist, wenn sich die beiden mit den Gründen ihres Schweigens auseinandersetzen.

Suggestiv, leicht und präzise erzählt Urs Faes in seinem Roman vom Kampf mit einer Krankheit, vor allem aber von der Auseinandersetzung zweier Menschen mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit.
(Klappentext)


AG: Aarau (Kantonsspital, Aare, Altstadt, Bahnhof), Schöftland, Baden GR: Bergell (u.a. Casaccia, Soglio, Vicosoprano, Val da Cam, Durbegia [Maiensäss oberhalb Vicosoprano]) TI: Bissone ZH: Stadt Zürich D: Kloster Beuron an der Donau F: La Réunion I: San Feliciano, Lago Trasimeno, Isola Polvese (Umbrien) Madagaskar: Morondava Bay