31. Juli 2020

Das Feld

Robert Seethaler: Das Feld, Hanser Berlin,
München, 2018
Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Eine erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte siebenundsechzig Männer, doch nur einen hat sie geliebt. Und einer dachte: Man müsste mal raus hier. Doch dann blieb er. In Robert Seethalers neuem Roman geht es um das, was sich nicht fassen lässt. Es ist ein Buch der Menschenleben, jedes ganz anders, jedes mit anderen verbunden. Sie fügen sich zum Roman einer kleinen Stadt und zu einem Bild menschlicher Koexistenz. (Klappentext)

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

30. Juli 2020

Högerland

Kurt Marti: Högerland, Luchterhand,
Frankfurt/Main, 1990
Kurt Martis Fussgängerbuch ist ein Plädoyer für eine aus der Mode gekommene Fortbewegungsart. Zeit bedeutet Geld, wer hastet, hat den Eindruck, er würde seinen Alltag sinnvoll verbrauchen. Kurt Marti, pensionierter Pfarrer, hat sich in die überlebte Rolle des Spaziergängers und Wanderers hineinbegeben. Knapp vier Jahre hat er beobachtet, was jemandem widerfährt, der Schritt vor Schritt setzt. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das ein Leben in seinen Melancholien und glücklichen Augenblicken zeigt und, geschürt durch die Musse beim Ausschreiten, gnadenlos den Blick für die Schäden schärft, die wir Landschaft und Natur beibringen.

Aber zunächst und zuerst Idylle: Wolken, der Gang der Sonne über den Himmel, Bäume, Berge – Kurt Marti ist ein Wanderer, der sich den Wonnen des Schauens mit Freude hingibt. Er wird nicht satt, in Bern, im Berner Oberland, im Emmen- und Simmental die Wege abzuschreiten, die Berge hinauf- und hinabführen. Ein «Sammler von Aussichten» ist unterwegs.

Doch diesen aus Spass Fliehenden holt die Zivilisation ein. Kein Wanderweg, der nicht von Lärm, Gestank beeinträchtigt wäre. Autostrassen durchziehen das Land. Selbst wenn Kurt Marti auf einem harmlosen Feldweg angekommen ist, wird seine Stimmung nicht heiterer: Überdüngung, geklonte Getreidesorten, Tiere, die wie Maschinen nach Kosten-, Nutzenüberlegungen behandelt werden. Der Fortschritt hat, woran der Wanderer vorbeistreift, nach seinem Ungeist geformt.

Die Wanderungen rühren auch an die Person des Autors. Beim Gehen vergeht Zeit. Rückblicke auf das eigene Leben setzen der unsteten Gegenwart haltbarere Biographiefragmente entgegen. Die Wehmut eines in die Jahre gekommenen Mannes lässt sich ein wenig vertreiben. Überhaupt entwickelt Kurt Marti im Gehen ein ungewöhnliches Gerechtigkeitsempfinden, das sich gegen die Achtlosigkeit der Geschichte wehrt.
(Klappentext)

29. Juli 2020

Die Fertigmacher

Arthur Honegger: Die Fertigmacher,
Ex Libris, Zürich, 1977
Dieser Roman ist ein verschlüsselter authentischer Lebensbericht Arthur Honeggers, der in der Krise der dreissiger Jahre als Pflegekind von fremden Menschen aufgenommen und gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in die Freiheit entlassen wurde. Es ist Berni Oberholzer, der das erlebt, was der Autor als Pflegesohn, Schuler, Anstaltszögling und Bauernknecht durchgemacht hat. Ein unfähiger Vormund, eine bigotte Pflegemutter, der Direktor einer Erziehungsanstalt, für den die Zöglinge die Feinde sind: Ihnen ist dieser junge Mensch anvertraut, sie sind seine « Fertigmacher».

Seine Schuld: Er ist ein uneheliches Kind; für die Pflegemutter ist darum der Knabe das Böse schlechthin. Bubenstreiche genügen, dass der Vormund sagt: «Wenn du so weitermachst, kommst du ins Zuchthaus.» Er wird ins Erziehungsheim abgeschoben, und es beginnt das Martyrium in verschiedenen Anstalten, in einer Atmosphäre der Bespitzelung, der Drohungen und Prügel. Berni arbeitet hart, aber er lernt nichts. Als der Neunzehnjährige aus der Anstalt entlassen wird, hat er keine Schulung, keine Lehre hinter sich. Bauern werden ihn anstellen, wieder arbeitet er um der Arbeit willen. Aber er wird zumindest am Tisch essen, «und Schläge werde ich auch nicht bekommen, das ist schon viel». – Seine Erlebnisse reduziert Honegger auf das Wesentliche, er gibt typische Szenen gerafft wieder. Vor allem gelingt es ihm, die Gewissensqualen, die Ängste, die trostlose Einsamkeit eines Verstossenen und Misshandelten erlebbar zu machen.
(Klappentext

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

28. Juli 2020

«Giggerig» auf dem Aussichtsturm

Nebikon–Menznau: 21 Kilometer, die zu gehen sich lohnen.
Vergangenen Samstag beging ich eine ungeahnt schöne Route im Luzerner Hinterland: Nebikon–Menznau. Bei Streckenhälfte wartete auf einem Hügel der Kastelenturm. Hierbei handelt es sich um eine 2006 sanierte mittelalterliche Burgruine in dessen ehemaligen Wohnturm ein 20 Meter hoher Stahlturm gestellt wurde, damit die Öffentlichkeit an der Rundumsicht von dort oben teilhaben kann. Begegnete ich während dem 2½ Stunden dauernden Anmarsch keinem einzigen Wanderer oder Spaziergänger, war auf der Aussichtsplattform von Kastelen ziemlich was los. Elf einheimische Jungmänner und eine einzige Frau, klammerten sich je an ein Fläschli Bier und gaben permanent ihre Sprüche zum Besten. Aus einem als Rucksack getarnten Getto-Blaster erklang Ländlerpop vom feinsten. «Du machsch mi giggerig» von Polo Hofer selig oder Artur Beuls «Nach em Räge schynt d Sunne». Ehrlich gesagt, es hätte schlimmer sein können.

Nach dem Abzug der Landjugend kehrte im weiten Rund die Ruhe ein. Der zweite Teil der Wanderung führte mich am Schloss Kastelen vorbei hinab in die Ebene von Alberswil und von da über einen bewaldeten Hügelrücken südwärts ins Ostergau mit seinen zahlreichen Weihern, die in der Folge des Torfabbaus entstanden und seit Jahren schon unter Naturschutz sind. Was für ein landschaftliches Glanzlicht! Von hier war es dann nicht mehr weit nach Menznau, wo es im Denner fünf Minuten vor Ladenschluss noch dringend benötigte Tranksame zu kaufen gab. Die Fotos zu dieser nachahmenswerten Tour gibt es hier.

27. Juli 2020

Nagelprobe am Col du Bastillon – 2

Die am Vorabend aufgezogenen Wolkenbänder hatten sich über Nacht aufgelöst. Entsprechend frisch wurden die frühen Morgenstunden; schliesslich lag ich in meinem Zelt auf weit über 2500 Meter über Meer. Um zehn Minuten vor sieben wurde meine Behausung auf einen Schlag von den Sonnenstrahlen erfasst. Ich zögerte keine Sekunde und wuchtete mich aus dem Schlafsack. Über dem beinahe spiegelglatten Grand Lé erhoben sich der Grand Combin (4314 m) und, rechts von ihm, der Mont Vélan. Gibt es ein schöneres Ambiente für ein Frühstück?

Die Fortsetzung der gestrigen Wanderung gestaltete sich äusserst angenehm. Gut zu begehende Bergwege mit mässigem Gefälle führten mich vorerst in die Nähe der Betonorgie von Bourg-St-Bernard. Hier stiess ich auf die Via Francigena, die Pilgerroute nach Rom. Hoch über dem Stausee von Toules schritt ich talauswärts, ehe ich die nächste Geländestufe bewältigte, von der es nicht mehr weit nach Bourg-St-Pierre war, dessen alter Dorfkern auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Und auch am zweiten Tag meiner Unterwalliser Bergwandertat bewährte sich die Kleinkamera auf wunderbare Weise, wie die Fotos beweisen mögen.

26. Juli 2020

Mäandertal

Markus Ramseier: Mäandertal, Cosmos,
Muri b. Bern, 1994
Der Flurnamenforscher und Patroulleur Hitz ist unterwegs, eingerückt zu seinem letzten Ergänzungskurs ins frisch reformierte Schweizer Militär. Von einem vorchristlichen Refugium über dem Rhein aus bewacht er mit dem Scherenfernrohr die Grenze, doch sein Drahttelefon hat keinen Kontakt – zu niemandem. Steinzeit.

Hitz schlägt sie tot, indem er an einem Vortrag arbeitet. Immer wieder entfernt er sich zu diesem Zweck von der Truppe. Dabei bleibt ihm nicht erspart, all die Schlaufen auszuschreiten, die ihm die Sprache durch die Fluren vorgibt. In diesen leiernd-umschweifigen Bogen sammeln sich heitere und todtraurige Geschichten an, die einfliessen in den Fluss der Geschichte – das aerr oek oek eines Gen-Unikums im Weiher, die blutüberströmte Fremde auf der Krete, der Sack im Wrack.

Das Ergänzen und Patrouillieren nimmt unerwartete Formen an. Hitz gerät in die Fremde. Altarme tun sich auf. Schlingen. Umlaufberge. Langsam gleicht sich der Forscher der Landschaft seines Forschens an, und immer stärker geraten Anfang und Ende, Erinnerung und Wiederholung, Leben und die Idee vom Leben aneinander, bis dieses Leben im Mäanderhals zwischen Prall- und Gleithang verflacht und – scheinbar? – steckenbleibt.

Der Autor folgt seinem «Helden» mit einem feinen Sinn für Humor. Er erzählt ohne abzuschnüren und zu begradigen, weist auf Beziehungen, die weit auseinander liegen, häufig auch zwischen den Zeilen – und ausserhalb der Sprache. Und nebenbei bringt er viel Originelles ein über das literarisch unverbrauchte Thema «Flurnamen».
(Klappentext)

AG: Möhlin, Mumpf, Önsberg, Zunzgen, Buus BL: Maisprach, Oberdorf, Wintenberg

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).  

25. Juli 2020

Wahre Lügengeschichten

Emil Steinberger: Wahre Lügengeschichten,
Kein & Aber, Zürich, 1999
«Wer eine Lüge auftischt, ist noch lange kein Kellner», behauptet Emil ca. 2000 n. Chr. und lügt dabei wie gedruckt. Denn in seinen Wahren Lügengeschichten berichtet er u.a. über die kürzeste Schiffskellnerkarriere aller Zeiten, nämlich seiner. Emil will auch einen Schweizer Pfarrer als Schnapsnase entlarvt und mit Emils Apfelrösti Baden-Baden erobert haben. Und er erzählt lauter unglaublich wahrscheinliche Geschichten übers Taxifahren in New York, verirrte Bettmümpfeli oder Lachnotfälle. «Lügen haben kurze Beine. Wer das sagt, der lügt, denn meine haben keine», schreibt Emil Steinberger – und antwortet damit dem Heiligen Augustinus, der schon um 400 n. Chr. feststellte, das «fast alle Spassmacher lügen». (Klappentext)

«Ich habe 30 Geschichten geschrieben und konnte leider nicht immer bei der Wahrheit bleiben. Ich gebe also zu, geschwindelt zu haben. Wie oft? Sagen wir einmal, dass die fünf Finger einer Hand nicht ausreichen, um die erfundenen Geschichten zu zählen. Sie müssten schon noch einen Finger von der zweiten Hand rüberholen.»  Emil Steinberger

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Lebensgeschichten»). 

24. Juli 2020

Nagelprobe am Col du Bastillon – 1

Vergangene Woche habe ich über meine neue Kompaktkamera berichtet, und dass ich sie auf die anstehende Wanderung mitnehmen würde. Gesagt, getan, ich packte also den Winzling ein, und er kam bereits auf dem Weg an den Bahnhof zum Einsatz. Das Ergebnis einer sonderbaren Herbststimmung mitten im Hochsommer ziert seit gestern den Kopf meines Blogs.

Die Fahrt ging ins Unterwallis nach La Fouly im Val Ferret, wo ich Ende August 2008 von Orsières her kommend zu Fuss anlangte. Mein Plan war, in zwei Tagen vom Val Ferret über den 2754 Meter hohen Col du Bastillon nach Bourg-St-Pierre an der Strasse des Grossen St. Bernhards zu wandern. Am See Grand Lé (2554 m) fand ich einen sehr schönen Biwakplatz, wo es zwar von Stechmücken nur so wimmelte, der mässigen Bise sei es indes gedankt, dass sich die Viecher nicht gross an mich heranmachen konnten.

Die Landschaft war, gelinde gesagt, nicht übel, und die Wege waren es ebenso. Mein Kameräli hatte dementsprechend viel zu tun. Hier die Ergebnisse des ersten Tags dieser Tour, auf der sich die Olympus XZ-10 zum ersten Mal richtig zu bewähren hatte.


23. Juli 2020

Magischer Jura

Pier Hänni: Magischer Jura, AT-Verlag, Baden/
München, 2008
Der Jura, eine geologische Insel aus uraltem, emporgehobenem und gefaltetem Meeresboden, besitzt eine aussergewöhnliche Schwingung und eine landschaftliche Vielfalt mit aussichtsreichen Gipfeln, engen Schluchten, weiten Hochebenen, idyllischen Tälern und wuchtigen Bergrücken. Kulturgeschichtlich reicht die Spanne von den ältesten Steinzeithöhlen der Schweiz über bronzezeitliche Höhensiedlungen, keltische Naturheiligtümer, frühchristliche Kirchen und Klöster, mittelalterliche Burgen und Städtchen bis in die Neuzeit. Sagen erzählen von der Tante Arie, der Drachenschlange Vuivre, dem Geistpferd Gauvin oder von vielen gänsefüssigen Feen und Erdleutchen.

29 Jura-Wanderungen lassen uns in die magische Welt der Kulthügel, Feengrotten, Grossmutterbäume, der ruhigen Moorseen, wilden Schluchten, sagenhaften Quellen und heiligen Berge, der kraftvollen Felskämme und Klusen, der stillen Einsiedeleien, mystischen Kapellen und mittelalterlicher Burgruinen eintauchen. Die Wanderungen von 2½ bis 4 Stunden Gehzeit sind mit allen praktischen Angaben zu Anreise, Wanderzeit, Wegbeschreibung und Kartenskizzen versehen.
(Klappentext)

22. Juli 2020

Die Bergwanderung

Susy Schmid: Die Bergwanderung, Cosmos,
Muri b. Bern, 1999
Das Grauen schleicht in diesen vierzehn Geschichten nicht um schottische Burgruinen – das Grauen klopft an die Tür einer SAC-Hütte, geht im Supermarkt um oder fällt vom Himmel über dem «tief verschneiten Waldrand ob Minggisrieden, wo die Angestellten der Gemeindeverwaltung gerade Waldweihnacht feierten». Der Schweizer Alltag bekommt Sprünge, bricht auf und verschlingt glücklose Protagonisten, ahnungslose Heidinnen, die eigentlich bloss auf einer Bank am Bahnhof eine Bratwurst essen wollten.

Frauen spielen in diesen Geschichten die Hauptrolle. Sie sind Täterinnen, sie sind Opfer, und oft verwischt sich die Trennlinie dazwischen, etwa wenn ein freundliches Grosi, das ein Leben lang ausgenutzt worden ist, unvermutet zum Vergeltungsschlag ausholt. Raureif hängt in den Wimpern einer toten Frau, Reliquien schwimmen in Spiritus, und rot sind nicht nur die Wandersocken. Susy Schmid legt die Requisiten des Kriminalromans und der Schauergeschichte mit besonderem Vergnügen in die Hände ihrer mal abgebrühten, mal zartbesaiteten Frauen. Die grauenvollsten Geschichten erzählt die Autorin in einem Ton, als wären es Liebesgeschichten.
(Klappentext)

21. Juli 2020

Der Stumme

Otto F. Walter: Der Stumme, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 1983
Auf einer Strassenbaustelle in den abgelegenen Wäldern des Schweizer Jura spielt sich der erregende Konflikt zwischen dem mit Stummheit geschlagenen Sohn des alten Sprengtruppführers Ferro und seinem schuldigen Vater ab. Dieser gleichermassen empfindsam erzählte wie dramatische ERstlingsroman machte seinen Autor mit einem Schlag berühmt. (Klappentext)

SO: Olten, Oensingen, Passwang, Solothurner Jura

20. Juli 2020

Nebenaussen

Christian Schmid: Nebenaussen, Cosmos,
Muri b. Bern, 2002
Anfang der fünfziger Jahre lebte das junge Grenzwächterehepaar Schmid, beide aus dem Berner Worblental stammend, mit seinen zwei Knaben zuhinterst in der Ajoie an der Grenze im Weiler Les Bornes, der auf Deutsch «Die Grenzsteine» hiesse.

Die Welt von Les Bornes, die erinnert, erfunden und erzählt wird, eine Welt kurz nach dem Krieg und kurz vor dem grossen Aufschwung, ist voll Grenzen. Sichtbar, wenigstens streckenweise, ist nur die Landesgrenze. Dennoch sind die anderen nicht weniger fühlbar, zum Beispiel jene zwischen Bernern und Jurassiern, zwischen Deutsch und Welsch, zwischen katholisch und protestantisch, zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern – zwischen uns und ihnen. Einige lassen sich leicht überschreiten, andere nur mit Mühe oder gar nicht.

Die Welt von Les Bornes ist ein stilles, abseitiges Paradies ohne Ausweg – eine Welt «näbenuss» würde man auf Berndeutsch sagen. Spiele und Arbeit beschäftigen hier die Hände der Kinder und Erwachsenen, aber füllen die Köpfe nicht. In ihnen ist Platz für Geschichten von Schmugglern, vom Krieg, von Bern und dem Jura, Geschichten aus dem Rucksack des Herkommens, den man mit sich trägt, Geschichten vom Hier und Jetzt und von der Zukunft. Muster werden sichtbar im Alltag und in den Geschichten, Muster, an denen man festhält, obwohl nicht mehr alle überzeugen. Mitten in dieser Welt erwacht ein Kind zur Sprache, zum Begreifen und zum Ahnen.
(Klappentext)

19. Juli 2020

Die Schattmattbauern

Carl Albert Loosli: Die Schattmattbauern,
Büchergilde Gutenberg, Frankfurt, 1976
C.A. Loosli erzählt eine Verbrecher-Detektivgeschichte, der eine wahre Begebenheit zugrundeliegt. Ein junger Bauer in einem Emmentaler Dorf wird zu Unrecht eines Mordes bezichtigt, in Untersuchungshaft genommen und angeklagt. In dem Prozess werden seelische Abgründe aufgetan, die erkennen lassen, wie einer zu einem Satan in Menschengestalt werden kann – aber nicht der irrtümlich Beschuldigte, denn die Fronten haben sich plötzlich verkehrt. Wir erfahren die Entwicklungsgeschichte des Ermordeten. Ein Teufel in Menschengestalt. Aber wir erfahren auch, warum er das wurde. Der Angeklagte, gegen den so viele Gründe vorlagen, wird freigesprochen. Und doch bricht er zusammen. Nachher. Er wird schwermütig, endet in einer Anstalt. «Er hat seinen Glauben an alles, was ihm vorher, weil bestehend, als unantastbar und unverrückbar gegolten hatte, verloren.» (Klappentext)

BE: Burgdorf, Oberburg und Umgebung

Dieses Buch ist im Buchantiquariat der Edition Wanderwerk (Rubrik «Kriminalromane») erhältlich. 

18. Juli 2020

Das Dorf in den Bergen

Charles Ferdinand Ramuz: Das Dorf in den
Bergen, Huber, Frauenfeld, 1984
«Das Dorf in den Bergen» gehört zu jenen Werken des waadtländischen Dichters, das den Anspruch moderner Prosa vorwegnimmt. Die knappe und eindrückliche Sprache, welche die genaue Beobachtung, aber auch Leidenschaftslosigkeit, Kühle und Distanz des Dichters widerspiegelt, prägen diese Geschichte eines Bergdorfes. Der Leser erfährt das wirkliche Leben der Bauern im Ablauf eines Jahres, von Frühling zu Frühling. C.F. Ramuz beschreibt das harte Nomadenleben, das sich zwischen den kleinen Weinbergen im Tal, dem Dorf auf der Bergterrasse und in den kurzen Sommermonaten auf dem Maiensäss abspielt. In den Ablauf der Jahreszeiten ist das Leben – Geburt und Tod, Feste und Prozessionen, Glauben und Aberglauben – eingebettet. Ergriffen spürt man aus dieser Beschreibung das menschlich Zeitlose. Darum liest sich diese Geschichte wie ein Roman modernster Prägung. (Klappentext)

17. Juli 2020

Meine fotografierende Marlboroschachtel

Die Smartphones gelten bekanntlich als Killer der kompakten Digitalkameras. So erleben es zumindest die Hersteller und Verkäufer dieser kleinen Wunderwerke. Wie schade diese Entwicklung ist, habe ich diese Woche einmal mehr erlebt. Als zunehmend begeisterter Benutzer von Olympus-Kameras, ist mir neulich auf einem Jekami-Händlerportal die XZ-10 unter die Augen gekommen, von deren Existenz ich bis dato nicht einmal gewusst habe. Und weil das Interesse an diesem Kamerazwerg derart klein war, ging ich problemlos als Gewinner der Auktion hervor. Selbstverständlich habe ich mich vor der Bieterei im Web über diesen Winzling schlau gemacht. Und da ich mit der grösseren Schwester der XZ-10, der XZ-2, bereits vertraut war, wartete ich gespannt auf das, was mir der Verkäufer zukommen lassen würde.



Und in der Tat kam da genau das, was man mir versprochen hatte: Eine praktisch neue Kamera, oder vielmehr ein «Kameräli» mit Baujahr 2013, das betriebsbereit gerade mal 220 Gramm auf die Waage bringt. Auch die Abmessungen lassen sich in Sachen Kleinheit sehen, wenn man dem überhaupt so sagen darf, denn die Kamera passt nicht nur in jede Hosen- sondern auch in jede Hemdtasche, ohne dass sein Träger zu Schlagseite neigt. Also, die Masse betragen: 102.4 x 61.1 x 34.3 mm (ohne hervorstehende Teile), was etwa der Grösse einer Zigarettenschachtel entspricht.



Doch dies alleine ist nicht der Punkt, denn was die XZ-10, die es längst nicht mehr als neue Kamera zu kaufen gibt, denn 7 Jahre seit dem Markteintritt sind im digitalen Zeitalter eine halbe Ewigkeit – was die Kamera schliesslich ungemein attraktiv macht, sind:
  1. Das lichtstarke Fünffach-Zoom-Objektiv mit einer Lichtstärke von f1.8 bei 26 mm Kleinbildäquivalent und f2.7 bei 130 mm.
  2. Der drehbare Objektivring, der sich programmieren lässt.
  3. Die Einstell- und Funktionsmöglichkeiten, die einer «grossen» Kamera in nichts nachstehen.
  4. Ein Display, auf dem man auch bei grellem Lichteinfall noch sieht, was Sache ist.
  5. Der knackige Akku, der im besten Fall 300 Aufnahmen erlaubt.
  6. Die Bildqualität.


Für einen Leichtgewichts- und Qualitätsfetischisten wie mich ist die XZ-10 von Olympus fast schon so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau. Was mich indes ärgert: Weshalb habe ich von diesem Wunderwerk erst jetzt erfahren, durch Zufall, weil sie jemand in fast ungebrauchtem Zustand loshaben wollte? Ärgern auf sehr hohem Niveau, ich weiss, doch verwunderlich ist es allemal. So oder so, ich bin glücklich über meinen Kauf und möchte es an dieser Stelle nicht unterlassen, die ersten Fotos der XZ-10 zu präsentieren, die diese Woche in der Mittagspause und am Feierabend entstanden sind. Voilà!

Und ja, auf die anstehende Bergwanderung kommt sie selbstverständlich mit.

16. Juli 2020

Niederdorfgeschichten

Guido J. Kolb: Niederdorfgeschichten,
NZN Buchverlag, Zürich, 1976
«Begegnungen mit Sonderlingen, Käuzen und anderen netten Menschen möchte ich diese kleinen Momentaufnahmen aus dem Zürcher Niederdorf bezeichnen. Ich erzähle Erlebnisse, Begebenheiten, Situationen aus dem gewöhnlichen, alltäglichen, unauffälligen und doch so spannenden, pulsierenden und gerade darum faszinierenden Leben. Die Geschichten sind also ‹wahr›, wie das Leben selbst in seiner Vielfältigkeit wahr ist. Aus zwei schlichten Überlegungen habe ich diese ‹Niederdorfgeschichten› geschrieben:

Ich plaudere einerseits von Menschen und Ereignissen, die in den Augen der grossen Welt unwichtig scheinen, die aber trotzdem so liebenswert und fröhlich sind. Ich wünschte mir, dass sie im Lichte ‹der Frohen Botschaft›» aufleuchten. Anderseits wollen die Geschichten dartun, wie beglückend die Seelsorge eines Priesters sein kann. Man läuft Gefahr, dass man ob allen Fragen und Sorgen, ob allem Leid und Elend – und es gibt dies alles wirklich – mutlos, griesgrämig resigniert. Aber wir haben keinen Grund, kopfhängerisch in die Welt zu schauen, da wir auf Schritt und Tritt doch so viel Erfreulichem begegnen. Vielleicht müssten wir uns mehr darin üben, die Augen offen zu halten für die unscheinbaren, verborgenen und stillen Werte; freundliche, sonderliche, liebenswürdig abgefeimte, schlaue und hintertriebene Originale und sonstwie nette Menschen warten darauf, dass wir sie entdecken.

Es ist eine Freude, sich mit Menschen zu beschäftigen. Jeder ist seine eigene – kleine oder grosse, unbedeutende oder schillernde – Welt. Doch jeder hat ein Tor, durch das wir·in sein Inneres eintreten dürfen. Wir erleben dann jedesmal eine neue, geheimnisvolle, sonnige oder nebelgraue Welt. Von diesen unbedeutenden Entdeckungsreisen möchten die Geschichten erzählen.

Und dann das liebe «Niederdorf›! Ich freue mich, es von einer ganz andern Seite schildern zu können. Viele Zürcher ahnen kaum, was in den belebten Strassen, in den schmucken, verträumten Gässchen, in den alten Häusern und oben in den Mansarden, hinter den öden Fassaden und in den ungezählten Wirtschaften an Lichtvollem und Dunklem geschieht. Darf ich wohl meine ‹Niederdorfgeschichten› als eine verschämte Liebeserklärung an die Zürcher Altstadt verstehen?
(Vorwort des Autors)

ZH: Niederdorf Zürich

Guido Johann Kolb (27.3.1928–2.1.2007) stammt aus dem St. Galler Rheintal. Er war Industriekaufmann und studierte als Spätberufener Theologie in Innsbruck und Chur. 1960 wurde er Vikar an der Zürcher Liebfrauenkirche, wo er die seelsorgerliche Betreuung des Niederdorfs innehatte. Seine erste Pfarrstelle übernahm er 1966 im Zürcher Arbeiterquartier Schwamendingen in der Pfarrei St. Gallus, wo er der Nachfolger von Franz Höfliger wurde, dem er in seinem Werk Franz Höfliger der Bettelprälat 1988 postum ein Denkmal setzte. Danach war Guido Kolb von 1972 bis 1992 Pfarrer von St. Peter und Paul, der katholischen Mutterkirche von Zürich in Aussersihl. Er war von 1969 bis 1974 Dekan von Zürich, ab 1976 Domherr des Bistums Chur. 1993 wurde er altershalber in die kleine Pfarrei St. Martin im vornehmen Flunternquartier am Zürichberg versetzt, fühlte sich dort aber nicht heimisch und kehrte 1998 nach einem kurzen Abstecher in Wiedikon als Aushilfspfarrer wieder nach St. Peter und Paul zurück. Dort starb er 2007 im zur Gemeinde gehörenden Altersheim, das er selbst seinerzeit projektiert hatte. Bis zuletzt arbeitete er an seinem letzten Werk zum Jubiläum der römisch-katholischen Gemeinde in Zürich.

Kolb begann mit dem Schreiben an der Liebfrauenkirche, wo er im Pfarrblatt als Seitenfüller kurze Geschichten aus seiner Arbeit im Niederdorfquartier verfasste. Als ihm vorgeschlagen wurde, diese Geschichten zu veröffentlichen, schickte er sie an den Verlag der damaligen katholischen Zeitung Neue Zürcher Nachrichten (NZN). Die Antwort war: «Kein Interesse». Schliesslich war ein Verlag bereit, das Buch zu publizieren, wenn Kolb sich verpflichtete, nach drei Jahren alle unverkauften Bücher zu übernehmen. Kolb verpflichtete sich – und das Buch, die Niederdorfgeschichten, fand reissenden Absatz. Seit seinem Erscheinen 1976 wurden in bisher 13 Auflagen über 50.000 Exemplare verkauft.

Kolb beschreibt in seinen mittlerweile über zwanzig Büchern die Geschichten von einfachen Leuten und Randexistenzen, denen er als Seelsorger begegnet ist. Es sind Alltagsgeschichten aus der praktischen Arbeit des Pfarrers, mit viel Liebe und Humor geschildert.

Im Juni 2007 erschien postum das Buch «Als die Priester noch Hochwürden hiessen». Es schildert die Geschichte der katholischen Gemeinde im reformierten Zürich von 1807 bis 2007.

15. Juli 2020

Herzversagen

Irène Mürner: Herzversagen, Gmeiner,
Messkirch, 2013
Im Weiher der spätsommerlich idyllischen Zürcher Allmend liegt eine junge Frau. Wunderschön anzusehen, wäre sie nicht tot. Andrea Bernardi, Secondo mit italienischen Wurzeln und fussballbegeisterter Detektiv der Stadtpolizei, vermutet einen Zusammenhang zwischen der Wasserleiche und dem Tod einer anderen jungen Frau, die an Herzversagen, verursacht durch eine Überdosis Kokain, verstorben ist. Bei der Suche nach dem Dealer wird er von der redegewandten Praktikantin Rea unterstützt, die pointiert die Dinge auf den Punkt und die Männer auf Trab bringt. Allerdings trägt sie damit nicht nur zur Klärung des Falles bei, sondern sorgt ihrerseits für knisternde Ablenkung. Im Laufe der Ermittlungen stösst das Duo auf einen angesagten Klub im Kreis 1 der Stadt, und die Spur führt direkt in die Wohnung der attraktiven Rebecca König. Ist sie die Drogendealerin? Als Andrea von einem Unbekannten niedergeschlagen wird, ist die Verwirrung perfekt. (Inhaltsangabe im Buch)

ZH: Stadt Zürich (Hauptschauplatz) Ausland: Saudi Arabien, Timbuktu, San Franzisco, Beirut, Miami Beach, Accra (Ghana), Dehli, New York, Montreal, Perth (Cotesloe Beach), Bukarest, Istanblul, Sao Paolo, Warschau

14. Juli 2020

Einsames Ziel Yukon

Andreas Hutter, Franz Six: Einsames Ziel –
Yukon, Neumann-Neudamm, Melsungen-
Schwarzenberg, 1996
Der Yukon, das Land der Trapper, der Goldgräber und Abenteurer - aber auch das Land der Kälte, der Schlittenhunde und der unberührten Natur. Acht Monate kämpften sich Franz Six, Anton Stadler und Andreas Hutter durch die subarktische Wildnis. Nicht alles kam, wie es geplant war. Mit viel Improvisationstalent schafften es die drei aber stets, sich aus den brenzligen Situationen zu befreien.

Im Februar 1990 waren sie im Süden des Yukon-Territoriums gestartet, nachdem sie drei Monate abseits von jeglicher Zivilisation mit ihren Hunden trainiert hatten. Auf ihrer Tour, die sie quer durch die Mackenzie-Mountains führte, bekamen sie für drei Monate keine andere Menschenseele zu Gesicht. Sie kämpften sich durch bis zu zwei Meter tiefen Pulverschnee, der ihre Tagesetappen bis auf fünf Kilometer schrumpfen liess.

Nach einigen Wochen erreichten sie die windgepeitschten Hochebenen, die Mac Millan Planes. Über diese Plateaus gelangten sie zu den schwer begehbaren Bergtälern der Mackenzie Mountains, die durch steile Pässe miteinander verbunden sind. Im April standen sie am Snake, dem Fluss, der sie zu ihrem Ziel, einem Indianerdorf im äussersten Norden Kanadas, führen sollte. Leider hatte sie inzwischen der Frühling eingeholt. Das Eis auf den Flüssen schmolz.

Kurze Zeit konnten sich die drei Männer mit ihren 16 Huskies noch über wacklige Eisbrücken, schneefreie Flussläufe und immer wieder durchs eiskalte Wasser ein Stück weiter ihrem Ziel nähern; bis Anfang Mai die Natur endgültig den Riegel vorschob. Nur mit Hilfe eines selbstgebauten Flosses war es den Abenteurern möglich, wieder in die Zivilisation zu gelangen.

Der Autor schildert erfreulicherweise nicht nur die spannenden Momente dieser Expedition, sondern auch die ersten Erfahrungen mit Huskies und erzählt mit viel Liebe die Charaktereigenschaften dieser Tiere. Spannende Trappergeschichten gehören in dieses Buch genauso wie Stories von Wölfen und Bären. Dem Leser wird klar, wie unwichtig die zurückgelegte Distanz im Vergleich zu der hautnahen Konfrontation mit der Natur und deren Bewohnern und der zwischenmenschlichen Beziehung in der Dreiergruppe ist.

Das mit begeisternden Fotos illustrierte und mit viel Humor geschriebene Buch zeigt, dass eine Expedition nicht nur hart und gefährlich sein muss, sondern dass ein Unternehmen dieser Art auch schön sein kann. Mit viel Selbstironie erzählt Andreas Hutter von den Fehlern und Mängeln des Trips. Der Leser wird sich ein Schmunzeln und schadenfrohes Lachen an manchen Stellen wohl kaum verkneifen können.
(Klappentext)

13. Juli 2020

Gaunerblut

Kurt Hutterli: Gaunerblut, Limmat,
Zürich, 1990
Warum geistert der 1854 in Lenzburg AG öffentlich hingerichtete Ein- und Ausbrecherkönig Bernhart Matter immer noch in der Erinnerung herum? Kurt Hutterli geht dieser Frage nach, auf den Wegen, die Matter gegangen ist, in Dokumenten und mit der eigenen Phantasie. Das Textgewebe lässt ein lebendiges Bild der Schweiz zwischen 1821 und 1854 entstehen und stellt dabei immer wieder Bezüge zur Gegenwart her. (Klappentext) 

Dieses Buch ist nicht zuletzt deshalb von Belang, da es schonungslos aufzeigt, wie sich das Rechtsempfingen in den vergangenen knapp 170 Jahren gewandelt hat. Für heutige Begriffe haben die Vergehen Bernhart Matters beinahe etwas Sympathisches, und es käme niemandem mehr in den Sinn, einen derart gerissenen Gauner mit dem Tode zu bestrafen.

1821 Bernhart Matter wird am 21.Februar in Muhen, Kanton Aargau, geboren.
1831–35 Schulschwänzerei und kleinere Diebstähle im Dorf.
1836 Konfirmation. Ladendiebstahl in der Bijouterie Cellier in Aarau. Untersuchungshaft und vier Wochen Gefängnis.
1836–38 Maurerlehre.
1839–41 Arbeit als Maurer.
1841 Mehrere Diebstähle. Verhaftung und Verurteilung zu vier Wochen Gefängnis. Heirat mit Barbara Fischer.
1841 Wegen «beschwerten Diebstahls» Verurteilung zu drei Jahren Kettenstrafe in der Strafanstalt Baden.
1847 Arbeit als Maurer beim Kasernenbau in Aarau.
1848–49 Mehrere Einbruchdiebstähle.
1849 Erneute Verhaftung und erster Ausbruch. Weitere Verhaftungen und Ausbrüche.
1850 Festnahme und Verurteilung zu sechzehn Jahren Kettenstrafe. Ehescheidung wegen «peinlicher Bestrafung ». Ausbruch aus der Strafanstalt Baden. Reise über Paris nach Le Havre. Auswanderung nach Amerika scheitert an der medizinischen Untersuchung.
1851 Verhaftung in Erlinsbach. Ausbruch aus dem Gefängnis in Lenzburg. Erneute Verhaftung und Überführung in die Festung Aarburg.
1852 Begnadigungsgesuch mit Vorschlag zur Versetzung in eine französische oder englische Strafkolonie.
1853 Ausbruch aus der Festung Aarburg. Einbrüche und Schmuggel.
1854 Verhaftung in Teufenthal am 2.Januar. Öffentliche Hinrichtung durch das Schwert am 24. Mai in Lenzburg.

12. Juli 2020

Le Roestigraben n'existe pas!

Düdingen–Freiburg: Auf Karte klicken zum Vergrössern.
Ich hätte grosse Lust gehabt, in den nächsten Zug zu steigen und wieder heimzureisen. Der Wetterbericht lag einmal mehr voll daneben. In Düdingen regnete es, und ich war, im vollen Vertrauen in die Künste der Wetterfrösche, nur mit einer dünnen Regenjacke ausgerüstet. Ohne den inneren Schweinehund zu bemühen, gab ich mir ein Rücklein und zwängte mich in die Ultraleichthaut, um wenigstens das Gröbste abgewehrt zu haben. Zu verlockend war nämlich der Inhalt dieser Wanderung von besagtem Düdingen, wo ich einst als Stationsbeamter amtete, nach Freiburg im Uechtland.

Da war zunächst das Düdinger Moos, dem ich in erster Linie des Beobachtungsturmes wegen meine Aufwartung machte, dann jedoch so etwas von positiv überrascht war, wie sich mir das Naturschutzgebiet präsentierte. Und dies in unmittelbarer Nähe der Autobahn! Da waren Teiche und Tümpel, dichter Bewuchs, Dschungel rundherum, durch den ein federnder Fussweg sich schlängelte. Vögel pfiffen, zirpten, schnalzten und Seerosen legten ihre Blätter in Gruppen auf das spiegelglatte Wasser. Schwäne zogen mitten auf einem Pfad ihre Jungen auf. Ein Durchkommen war hier unmöglich, ja schon fast lebensgefährlich. Vom Beobachtungsturm, der über drei Leitern zu besteigen war, hatte ich einen schönen Blick auf den grössten der Teiche.

In der Zwischenzeit hatte der Regen komplett nachgelassen. Den Vorhersagen nun mehr und mehr gehorchend entwickelte sich das Wetter zu dem, was mich letztlich dazu bewogen hatte, an diesem frühen Sonntagmorgen in den Sensebezirk zu fahren. Das nächste Glanzlicht kündigte sich unmissverständlich mit Wander- und Strassenwegweisern an: EINSIEDELEI. Die Magdalena-Einsiedelei in Räsch bei Düdingen wurde bereits vor mehreren hundert Jahren in die Sandsteinwände hoch über der Saane – den Schiffenen-Stausee gabe es damals noch nicht – gehauen. Sie besteht aus verschiedenen, zum Teil übereinandergelagerten Räumen mit einer beachtlichen Gesamtlänge von 120 Metern. Eine Einsiedlerwohnung wird bereits 1448 erwähnt. AB 1609 ist der «Waldbruder zu Sankt Marien Magdalenen» aktenkundig. Zur Gestaltung der Raumflucht haben jedoch vor allem die Einsiedler Johann Dupré und sein Gehilfe Johann Liecht in den Jahren 1680–708 beigetragen. Eigentümerin der Einsiedelei ist die Pfarrei Düdingen, die in den Jahren 2006/06 umfangreiche Sanierungsarbeiten hat durchführen lassen, um das kirchliche Kulturgut vor einem Einsturz zu bewahren und für die Öffentlichkeit zu erhalten. Die Einsiedelei beherbergt ein erst in jüngerer Zeit erkanntes geologisches Phänomen: Der wellenartig geformte Sandsteinboden zeugt von fossilen Sanddünen, die in einem tertiären Meer entstanden sind. Nach den Grabarbeiten zur Errichtung der Einsiedelei im 17. Jahrhundert hat die natürliche Erosion die ursprünglichen Standstrukturen wieder zum Vorschein gebracht. Ich bewegte mich also auf Sandsteindünen, die vom Vorhandensein eines Meeres in Freiburg vor ungefähr 20 Millionen Jahren zeugen. Die Lokalität wurde deshalb zu einem erdgeschichtlich schützenswerten Geotop erklärt.

Als letztes Schmankerl wartete dann die Überschreitung der Saane in luftiger Höhe auf mich. Unweit der Einsiedelei haben die Bahningenieure ein Meisterwerk der Technik realisiert: das Grandfey-Viadukt auf der Strecke Bern–Freiburg. Bei der Brücke, handelt es sich um die zweite Ausführung. Das erste Bauwerk entstand von 1857–62, war 343 m lang, 82 m hoch, war zweigleisig und bestand aus sechs auf mächtigen Steinsockeln stehenden Gitterpfeilern, die einen starken Gitterträgerbalken trugen, auf den der Oberbau der Schienen zu liegen kam. Die Spannweiten der fünf mittleren Öffnungen betrugen jeweils 48,75 m, die der seitlichen Öffnungen 43,30 m. Im Innern des Gitterträgers gab es eine Passage für Fussgänger und kleine Karren. Damit erschloss der Grandfey-Viadukt für den leichten Landverkehr eine neue Passage über die lang gestreckte und sehr unwegsame Schlucht der Saane. Für die Pfeiler wurden 1300 Tonnen Gusseisen und 700 Tonnen Schmiedeeisen (Schweisseisen) verwendet, für die Träger 1250 Tonnen Schmiedeeisen. Wegen des schwerer gewordenen Züge wurde die Brücke 1892 für einen eingleisigen Verkehr mit einem Gleis in der Mitte umgebaut und die Geschwindigkeit auf 40 km/h beschränkt.

Ansicht aus Südosten: Der erste Grandfey-Viadukt über die noch ungestaute Saane.
(Quelle: Schweizerische Nationalbibliothek auf Wikipedia)

Mit der Elektrifizierung des Schienennetzes der Schweizerischen Bundesbahnen musste die Brücke verstärkt werden, auch um die schwereren und schneller fahrenden Lokomotiven und Zugskompositionen tragen zu können. Nach einem schon beim Viadukt von Le Day realisierten Konzept des Brückenbaubüros der SBB erhielt der Grandfey-Viadukt von 1925 bis 1927 seine neue Gestalt. Dazu hatten die SBB den Pionier grosser Betonbauten in der Schweiz, Robert Maillart, als beratenden Ingenieur beigezogen. Zwischen den sechs vollständig einbetonierten eisernen Fachwerkstützen liegen weite, in Melan-Bauweise errichtete Betonbögen, über deren Scheitel der erneuerte Fussgängerweg verläuft. Die fünf mittleren Bögen weisen lichte Weiten von 42 m auf. Auf den mächtigen Hauptbögen ruht eine lange Reihe schlanker Arkaden, die das Bett der Geleiseanlagen tragen. Mit der doppelten Bogenreihe gewinnt das grosse Bauwerk eine monumentale klassizistische Form. Durch den Bau der Staumauer Schiffenen, welche 1964 beendet wurde, steht der untere Teil nun im Wasser des Schiffenensees.

Der zweite Grandfey-Viadukt aus Südosten betrachtet. Im Hintergrund die Brücke der
Autobahn A12, die sinnigerweise in nächster Nähe der Einsiedelei Magdalena vorbeiführt.
(Quelle: Freiburg Tourismus)

Das Meisterwerk aus Nordwesten gesehen mit dem Schifenensee im Vordergrund.
(Quelle: Wikipedia)
Der Gang unterhalb des Bahntrasses hat etwas Beglückendes. Weit unten strömt die Saane vorbei, über dem Kopf donnert ab und zu ein Intercity-Zug oder eine S-Bahn vorbei. Die entgegenkommenden Spaziergänger und Velofahrer grüssen mal auf Deutsch und mal auf Französisch. Der Viadukt verbindet die Sprachkulturen, sei es mit dem öffentlichen Verkehr, zu Fuss oder auf dem Velo, Röstigraben hin, Röstigraben her. Und ist einmal der imposante Geländeeinschnitt überquert, wähnt man sich in der Tat in einer leicht veränderten Welt, die weder besser noch schlechter ist, sondern abwechslungsreich und auf ihre Art wohltuend. Freilich stellt die Annäherung an das Freiburger Stadtzentrum ein ziemlich grosser Gegensatz zum exotisch anmutenden Düdinger Moos oder der düsteren Höhleneinsiedelei dar, aber genau dies macht die 10,8 km lange Wanderung zu einem unwiderstehlichen Muss für Menschen, die sich das Freiburger Mittelland als Wanderland nicht vorstellen können.

Meine zahlreichen Eindrücke dieser Tour gibt es hier.

11. Juli 2020

Lydias Gäste

Eveline Amstutz: Lydias Gäste, Droemer
Knaur, München/Zürich, 1977
Ascona 1939 – das war für viele in jenen schlimmen Tagen letzte Zufluchtsstätte. Oberflächlich gesehen schien das Leben am Ufer des Sees von allen Kriegswirren unbehelligt seinen gewohnten Gang zu gehen. Doch hinter der friedlichen Fassade verbarg sich die Not der Emigranten und Flüchtlinge. 

Für sie alle hatte Lydia Lüthi in ihrer warmherzigen und lebens­klugen Art stets ein offenes Haus, und über den Sorgen anderer erschienen ihr die eigenen gering. Wenn nicht ihr Sohn Peter ge­wesen wäre, an dem sie mit übergrosser Liebe hing. Es beunruhigte sie zutiefst, wie er lust- und ziellos in den Tag hineinlebte und in eine Apathie verfiel, aus der ihn offenbar auch die schöne und sanfte Ruth Lewandowski nicht herauszuholen vermochte. Um wieviel schmerzlicher aber war für sie der Augenblick, als ihr Sohn eine folgenschwere Entscheidung traf und sein Leben un­widerruflich selbst in die Hand nahm.
(Klappentext)

TI: Ascona

Die Autorin hat mit Lydia eine große Frauengestalt geschaffen, deren Haus in Ascona während des Zweiten Weltkriegs letzte Zufluchtsstätte vieler Emigranten wurde.
Eveline Amstutz wurde in England geboren. Sie heiratete in die Schweiz, die ihr rasch zur zweiten Heimat wurde. Sie hat sich mit Kurzgeschichten, Gedichten und Romanen weit über die Grenzen der Schweiz hinaus einen Namen gemacht.

Skipionier Walter Amstutz um 1980
Leider ist über die Autorin auf die Schnelle nicht mehr zu erfahren, über ihren Ehemann, Walter Amstutz, hingegen schon: Geboren am 5. Dezember 1902 in Brienzwiler als Sohn des Hoteliers Max Joseph Amstutz und der Carolina Flühmann. Von 1929 bis 1938 war er der erste Kurdirektor von St. Moritz und Schöpfer des bekannten Sonnenlogos. 1930 heiratete er die Schriftstellerin Eveline Palmer aus Dorset. Amstutz war ein Skisport- und Alpinismus-Pionier mit einigen Rennerfolgen und Erstbegehungen. Er unternahm Expeditionen nach Grönland, Kenia und Peru. 1924 war er Mitbegründer des Schweizerischen Akademischen Ski-Clubs, erster Redaktor ab 1926 von dessen Jahrbuch «Der Schneehase».

Mit Arnold Lunn war er Initiant des modernen Alpin-Skisports, darunter 1925 das erste Team-Skirennen der Welt in Mürren. Er erfand die Amstutz-Feder (Vorläuferin der Diagonal-Skibindung), den Amstutz-Stock und den Amstutz-Ski. Als Verleger gründete er die Verlage Amstutz & Herdeg, dann De Clivo Press. Die de Clivo-Stiftung (lateinisch für Amstutz) wurde von Yvonne Elizabet Gozon im Andenken an ihren Vater Walter Amstutz gegründet. Amstutz war ein Bergfreund des belgischen Königs Albert I. und begründete in seinem Andenken 1993 die King Albert I. Memorial Foundation, die den Albert Mountain Award verleiht. 1984 verlieh ihm Königin Elisabeth den Order of the British Empire in Anerkennung seiner Förderung der anglo-schweizerischen Beziehungen. Amstutz verstarb am 6. August 1997 in Männedorf. 

Hier eine Auswahl von Amstutzes ersten Skiabfahrten und Erstbegehungen
  • 18. Mai 1924: Skierstbesteigung des Eigers, erste Abfahrt über den Eigergletscher. Mit Arnold Lunn, Willy Richardet und Fritz Amacher.
  • 1. Juni 1924: Blüemlisalphorn Nordwand. Mit Willy Richardet und Hermann Salvisberg.
  • 11. Juni 1924: Erste Skiabfahrt über die Guggi-Route in der Nordflanke der Jungfrau auf Ski. Mit Pierre von Schumacher.
  • 15. Juni 1926: Erste Skibesteigung des Bietschhorns über den Nordgrat. Mit Pierre von Schumacher.
  • 3. August 1926: Grosses Fiescherhorn Nordpfeiler zum nordwestlichen Vorgipfel. Mit Pierre von Schumacher.
  • 21. Juli 1929: Silberhorn, erster Abstieg auf dem Nordwest-Silberhornweg. Mit Tom de Lépiney.
  • 15. Juni 1930: Cima di Rosso Nordwand. Mit Aldo Bonacossa.

10. Juli 2020

Hallo Bundesrat

Schutzmaskenpflicht im öV ist ja schön und gut. Für mich als Brillenträger ist es indes ein fertiger Mist. Es beschlagen sich die Gläser und das Social Distancing wird somit auch zum optischen Shutdown. Doch darum geht es mir hier nicht.



Worüber ich mich viel mehr aufrege: Das mit meinen Gebühren mitfinanzierte Fernsehen zeigt Fussballspiele der Schweizer Superleage, wo die Kicker auf dem Rasen nach wie vor herumspucken, dass es mir graust. Und von den anwesenden Zuschauern wollen wir erst gar nicht reden. Da steht ein ganzes Stadion zur Verfügung und die behördlich erlaubte Menge an Kiebitzen drängt sich zwei Stunden lang in irgendeinem Sektor zusammen, ohne Rücksichtnahme auf Distanzregeln und ohne das Tragen von Schutzmasken. Fahre ich jedoch als einziger Fahrgast in einem Bus oder Bahnwagen, verlangen Sie das Tragen einer Maske ... Absurd und willkürlich ist das. Obgenanntes Beispiel ist nur eines von vielen, das die mitunter abstrusen Massnahmen zur Eindämmung von COVID-19 verdeutlichen soll.

Damit ich richtig verstanden werde: Ich bin nicht grundsätzlich gegen Hygienemassnahmen in öffentlichen Verkehrsmitteln, was mir jedoch nicht in die Birne geht, sind die unverhältnismässig larschen Massnahmen in anderen öffentlichen Bereichen.

9. Juli 2020

Der Mann am See

Werner Schmidli: Der Mann am See,
Ex Libris, Zürich, 1987
Jahrelang hat Gunten in Australien gelebt, er hat Java und Tahiti gesehen und es im Leben doch nicht weit gebracht. Nun lebt er in dem verwilderten Garten am See, allein mit seiner Katze, die er Cornichon nennt, «weil sie griesgrämig ist wie die meisten Schweizer». Seine Tage füllt er mit Spaziergängen aus und mit seiner unersättlichen Neugier. Staunend und mit lächelnder Nachsicht beobachtet er, was die Menschen in dieser Kleinstadt umtreibt: die Liebesaffaire des jungen Benz mit der Frau des Radiohändlers, den verbissenen Konkurrenzkampf zweier ehemaliger Geschäftspartner. Doch als der junge Benz am Morgen nach einem Föhnsturm erschlagen auf der Uferpromenade liegt, spürt Gunten, wie seine spöttische Nachsicht dem Gefühl von Schmerz und Zorn weicht. Und so gibt er sich mit den eilfertigen Erklärungsversuchen der Kleinstadtpolizei nicht zufrieden und beginnt selber zu recherchieren. Natürlich spielt dabei auch Eitelkeit und ein Gran Rachsucht mit: Jean, als Kantonspolizist mit der Untersuchung betraut, war eimal Guntens Vorgesetzter.

Dies ist eine spannende Geschichte, psychologisch differenziert, mitreissend erzählt. Zugleich entsteht das liebevolle und genaue Bild eines Landstrichs, der Landschaft um den Murtensee, der Mikrokosmos einer Kleinstadt. (Klappentext) 


FR: Murten und Umgebung, Murtensee

8. Juli 2020

Auch sonntags etwas Kleines

Beat Sterchi: Auch sonntags etwas Kleines,
Rotpunktverlag, Zürich, 1999
In diesen Texten herrscht der Ausnahmezustand: Einmal dürfen sich Apfelküchlein mit Vanillesauce literarischer Behandlung erfreuen. Die Gratiszeitung und das Sonderangebot bleiben nicht länger unerwähnt. Und endlich kommt auch die Liste zu ihrem Recht: Das einfache Aufzählen der Dinge – als einzige dem mittelklassigen ÜBERFLUSS angemessene Form – tritt an die Stelle des Ordnungsprinzips Plot. Geschichten, so klein, sie sträuben sich sogar, erzählt zu werden. (Klappentext)

7. Juli 2020

Aperwind

Flavio Steimann: Aperwind, Benziger,
Zürich/Köln, 1987
Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der junge Aloys Neff, Sohn ausgewanderter Hinterländer, kommt durch Vermittlung eines verwandten Pfarrers als Hausknecht in das Kur- und Heilbad Grüsch.

Der Käufer des heruntergekommenen Badehotels erhofft sich durch eine projektierte Eisenbahnlinie Anschluß an die großen internationalen Verbindungen und damit neue Blüte für den Badebetrieb. Einstweilen aber lebt man allein von der Hoffnung. Badegäste zeigen sich keine. Eine adelige Polenfamilie mit gelähmter Tochter soll der hiesigen Heilquelle zu neuem Renommee verhelfen, doch reisen die Polen nach ein paar exorzistisch unterstützten Heilversuchen überstürzt wieder ab.

Eine europäische Wirtschaftskrise kündigt sich an, nach Kursstürzen an der Börse wird der Bau der Eisenbahnlinie eingestellt. Die Baderin stirbt an einem Seuchenvirus, der immer mehr um sich greift. Ein letztes Mal flackert eine makabre Konjunktur auf: Die verängstigte Bevölkerung sucht in der Heilquelle Rettung vor der Epidemie. Auf Anordnung der Behörden wird das Badehotel als vermuteter Seuchenherd geschlossen und abgebrannt. Aloys Neff geht, wie er gekommen ist.
(Klappentext)

LU: Altbüron und Umgebung, Sursee, Ebersecken und Umbebung

6. Juli 2020

Ähren im Wind

Friedrich Walti: Ähren im Wind, Gyr-Verlag,
Baden, 1968
Der Roman «Ähren im Wind» darf als das bisher reifste Werk aus der Feder des bekannten Bauerndichters angesprochen werden. Der Autor versteht es, ein gewiss nicht alltägliches Bauernschicksal in packender Weise darzustellen. Darüber hinaus aber stellt er sich unerschrocken den Totengräbern des Bauernstandes entgegen und unternimmt gleichzeitig den Versuch, vor allem dem nichtbäuerlichen Leser einen unverfälschten Einblick in das Leben und den damit verbundenen Existenzkampf einer Bauernfamilie unserer Tage zu vermitteln.

Friedrich Walti weicht der harten Realität unserer Zeit nicht aus. Er, der selbst mit Leib und Seele Bauer ist, zählt sich mit zu den schwankenden Ähren des Kornfeldes, um welches er bangt. Nach wie vor kämpft er gegen die um sich greifende Resignation. Wohl wissend, dass die Zeit gegen die Bauern steht, ruft er diesen ungebrochen zu: «An die Ähren müsst ihr glauben und nicht an den Wind!»

Wir sind überzeugt, dass dieser sich bereits am Rande der Zukunft bewegende Gegenwartsroman einen kraftvollen Beitrag zur Erhaltung eines heute in Frage gestellten wahren Bauerntums leisten wird. Und stellt uns nicht gerade die akute Gefahr einer zunehmenden Landflucht vor Probleme, die nicht nur den Bauern, sondern uns alle angehen?
(Klappentext)

AG: Aargauer Mittelland GR: Klosters VD: Waadtländer Mittelland ZH: Stadt Zürich

Dieses Buch ist im Buchantiquariat von Wanderwerk erhältlich (Rubrik «Belletristik»).

5. Juli 2020

Der Schullehrer von Essert

Alfred Siegfried: Der Schullehrer von Essert,
Schweizer Volks-Buchgemeinde, Luzern, 1953
Wo innere Erfahrung wichtiger ist als äusseres Geschehen, da tut der Ort der Handlung recht wenig zur Sache. Ob Essert ausser im Herzen des Verfassers auch auf der Landkarte zu finden ist oder nicht: es ist der Schauplatz eines kulturpolitischen und eines menschlichen Konfliktes und ihrer Lösung.

Markus Emmenegger, der sich vom Bauernbuben zum Gymnasiallehrer emporgearbeitet hat, fühlt sich nach dem Tode seiner Gattin innerlich gezwungen, seinem Lebenskreis zu entfliehen. An der deutschen Schule von Essert, mitten im welschen Sprachgebiet des Berner Juras, nimmt er die Stelle als Gesamtschullehrer an, einen wahrhaftig nicht leichten und daher auch nicht begehrten Posten. Doch führen ihn die Schwierigkeiten zu sich selbst zurück und damit auch zu seinen Mitmenschen.

Eng verbunden mit dieser Krise der Persönlichkeit Emmeneggers harrt eine nationale Frage ihrer gerechten und sinnvollen Antwort. Eine mehrsprachige Volksgemeinschaft trägt naturgemäss Spannungen in sich, die fruchtbar, aber auch verhängnisvoll werden können. Das zeigt sich immer wieder an der welsch-alemannischen Sprachgrenze, die mitten durch die Schweiz verläuft, in ausgeprägter Form im Berner Jura, wo sich in den letzten Jahren die Konflikte mehrten. Hier findet Emmenegger an einem kleinen Abschnitt der Front seine Aufgabe. Was Missverständnis und Eigensinn anrichten können, hat er während seiner unglücklichen Ehe an sich selbst erfahren. Ruhig, sachlich und bestimmt tritt er nun für das ein, was er als recht erkannt hat. Später wird er einsehen müssen, dass sich die kulturelle Entwicklung nicht um Rechte kümmert. Sein selbstloses Wirken aber hat ihn von seinen persönlichen Schwierigkeiten erlöst.

Das Anliegen des Verfassers in dieser stillen, versöhnlichen Erzählung ist echt schweizerisch, verwandt mit der Geisteshaltung eines Pestalozzi und eines Gotthelf und überstrahlt von der einmaligen patriotischen Tat eines Bruder Klaus. (Klappentext) 


BE/SO: Le Chaluet (Tal zwischen Court und Gänsbrunnen)

4. Juli 2020

Schwelbrand

Ursula von Allmen: Schwelbrand
Appenzeller Verlag, Herisau, 1999
Lucie setzt sich durch. Sie verlässt das Altersheim und kehrt in ihr Häuschen zurück. Es ist das erste Mal, dass Lucie in den 83 Jahren ihres Lebens eine Entscheidung getroffen hat. Bis anhin hatte sie ihre eigenen Bedürfnisse immer den Interessen anderer untergeordnet: Den Verhaltensnormen der bürgerlichen Familie in St.Gallen am Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Nutzen des elterlichen mittelständischen Gewerbebetriebes und der Hilflosigkeit ihrer behinderten Schwester. Ohne grossen Widerstand liess sie sich vom Alltag klein machen.

Behutsam und präzise zeichnet Ursula von Allmen die Geschichte von Lucie nach. Es geschieht viel Gewöhnliches, kaum Spektakuläres. Vieles, das geschehen könnte, geschieht nicht. Im Keller ihres Häuschens erinnert sich Lucie beim Stöbern in alten Sachen an die unerfüllten Sehnsüchte. Hier ist’s ihr wohl, zusammen mit all den Zeugen ihrer ungelebten Träume. Und das Ende ihres Lebens ist gleichermassen erschütternd wie naheliegend, es musste so kommen. (Klappentext)


AI/AR: Appenzellerland

3. Juli 2020

Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht

Otto F. Walter: Das Staunen der
Schlafwandler am Ende der Nacht,
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1983
Thomas Wander, Schriftsteller und Kolumnist einer grossen Zeitung, hat vor wenigen Tagen seinen jüngsten Roman veröffentlicht: «Ein Wort von Flaubert» – ein engagiertes Buch, zugleich die Liebesgeschichte zwischen dem Journalisten Winter und der jüngeren Frau Ann aus Frankfurt.

Jetzt erlebt Wander, wie seine Umwelt reagiert. Seine Freunde in der Redaktion verlangen von ihm Solidarität in ihrem Kampf gegen die Zensur. Umweltbewusste Rüstungsgegner fordern seine Mitarbeit an. Seine Tochter zeigt ihm empört, wie er in seinem Roman mehr von seinem Wesen preisgegeben hat, als ihm lieb sein kann. Seine geschiedene Frau Lisbeth macht ihm lächelnd die Differenz deutlich zwischen dem, was er schreibend vertritt, und dem, was er lebt. Wie verbindlich ist Schreiben für den, der schreibt?

Wie sein Romanheld Winter verliebt er sich. Und verreist mit der Freundin Ruth Moll in Richtung Süden. Zusammen werden Wander und Ruth in ein Hochtal der Innerschweiz verschlagen, und sie geraten in die rätselhaften Zonen des Alptraums, des Ursprungs, des Mythischen. Was sie da staunend erleben, führt auf einen neuen Ansatz von Befreiung, von Hoffnung, von solidarischem Handeln hin. Und Wander beginnt auch zu begreifen, dass ein Mann schwerlich von menschengemässer Liebe schreiben kann, ohne dass es Folgen hätte für seine eigenen Männermuster.

Wander wollte sich zurückziehen. Er wollte sich endlich seinen eigenen Ängsten, seinen Wünschen und der Erforschung seiner eigenen Kindheitstraumata widmen. Doch allmählich, einer Furie gleich, verfolgt ihn seine eigene Fiktion. Holt sie ihn ein? In ihr wird er mit sich selbst konfrontiert. Gewiss, noch wehrt er sich. Er erzählt Lügengeschichten. Er beteuert, seine Wahrheit sehe anders aus. In diesen Widersprüchen zwischen seiner erfundenen Romanfigur und seiner gelebten Wirklichkeit, zwischen Resignation auch und Widerstand, wird Wander beim Wort genommen. Beim Wort seines Romans.

Ob in Zürich oder Jammers, ob in Frankfurt, auf der Italienreise oder im phantastischen Kurhotel im Lande Uri: immer wieder verbindet sich – in diesem persönlichen Buch des Autors – intim Privates mit den brennenden öffentlichen Dingen. Und Wander und Ruth werden in bewegender Liebesgeschichte zu Sinnbildfiguren der Zeit.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern FR: Cudrefin SO: Olten UR: Altdorf, Amsteg, Bristen, Maderanertal, Kurhaus Hotel SAC auf der Balmenegg

2. Juli 2020

Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang
von Rostock nach Syrakus, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 1995
«In der Mitte seines Lebens, im Sommer 1981, beschliesst der Kellner Paul Gompitz aus Rostock, nach Syrakus auf der Insel Sizilien zu reisen. Der Weg nach Italien ist versperrt durch die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt, und Gompitz ahnt noch keine List, sie zu durchbrechen. Er weiss nur, dass er die Mauern und Drähte zweimal zu überwinden hat, denn er will, wenn das Abenteuer gelingen sollte, auf jeden Fall nach Rostock zurückkehren.» So beginnt F. C. Delius' Chronik einer modernen Schwejkiade.

Im Juni 1988 gelingt es Gompitz, mit einer Jolle von Hiddensee nach Dänemark zu segeln. Delius erzählt von der Mühsal der Vorbereitungen, von der Hartnäckigkeit, wie Gompitz das Segeln lernte. sein Boot tarnte. Geld in den Westen schaffte, wie er gegen jede Gefahr eine List fand, immer etwas schlauer als die Staatssicherheit. Einfach auf sein Recht auf eine Bildungs- und Pilgerreise pochend, auf den Spuren Johann Gottfried Seumes, dessen «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802» er seit Jugendzeiten im Kopf hat. Doch zunehmend irritiert ihn die Frage: «Wie kommst du am besten wieder zurück?»
(Klappentext)

Moors Fazit: Eine wunderbare Erzählung mit einem liebenswürdigen Deserteur in der Hauptrolle. Die Geschichte beruht auf der wahren Begebenheit eines gewissen Klaus Müllers.

1. Juli 2020

Schwarze Röcke trag ich nicht

Heidy Gasser: Schwarze Röcke trag ich
nicht, Orte, Wolfhalden, 1997
Nach den beiden von den Medien äusserst positiv aufgenommenen Titeln «Saure Suppe» und «Das Mägdli», die dem bisherigen Leben von Heidy Gassers Mutter galten, schenkt uns die Obwaldner Dichterin mit «Schwarze Röcke trag ich nicht» die Fortsetzung der Lebens- und Leidensgeschichte von Friederike Elisabeth Gasser. Und wie im Falle seiner «Vorgänger» kann auch dieses Buch ohne Kenntnis der andern Bücher gelesen werden. Gleichwohl schliesst es die Trilogie über ein Schicksal ab, das wohl keinen Leser, keine Leserin kalt lassen kann. In den Kriegsjahren in grösster Armut in der Steiermark aufgewachsen, dann im obwaldnerischen Lungern als Magd verpflichtet, hat sich die kleine und doch grosse Frau Gasser damit zurechtgefunden, in der Schweiz letztlich immer eine Fremde zu bleiben.

Davon berichtet das Buch, einmal aus der Perspektive des Kindes, von ihrer Tochter also, dann wieder aus jener der Frau, die - auch wenn sie trauert – keine schwarzen Röcke trägt. Und dass zudem Männer auftauchen, die scharf auf die zwei ererbten Bauernhäuser sind, versteht sich von selbst. Gauner gibt's überall. Aber eher selten ein derart in sich ausgewogenes, hin und wieder trotz all dem Schwermütigen humorvolles und sehr präzises Buch. Es berichtet von Geschichten und wird so, nicht zuletzt, zum geschichtlichen Dokument.
(Inhaltsangabe zum Buch)