8. Juli 2020

Auch sonntags etwas Kleines

Beat Sterchi: Auch sonntags etwas Kleines,
Rotpunktverlag, Zürich, 1999
In diesen Texten herrscht der Ausnahmezustand: Einmal dürfen sich Apfelküchlein mit Vanillesauce literarischer Behandlung erfreuen. Die Gratiszeitung und das Sonderangebot bleiben nicht länger unerwähnt. Und endlich kommt auch die Liste zu ihrem Recht: Das einfache Aufzählen der Dinge – als einzige dem mittelklassigen ÜBERFLUSS angemessene Form – tritt an die Stelle des Ordnungsprinzips Plot. Geschichten, so klein, sie sträuben sich sogar, erzählt zu werden. (Klappentext)

7. Juli 2020

Aperwind

Flavio Steimann: Aperwind, Benziger,
Zürich/Köln, 1987
Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der junge Aloys Neff, Sohn ausgewanderter Hinterländer, kommt durch Vermittlung eines verwandten Pfarrers als Hausknecht in das Kur- und Heilbad Grüsch.

Der Käufer des heruntergekommenen Badehotels erhofft sich durch eine projektierte Eisenbahnlinie Anschluß an die großen internationalen Verbindungen und damit neue Blüte für den Badebetrieb. Einstweilen aber lebt man allein von der Hoffnung. Badegäste zeigen sich keine. Eine adelige Polenfamilie mit gelähmter Tochter soll der hiesigen Heilquelle zu neuem Renommee verhelfen, doch reisen die Polen nach ein paar exorzistisch unterstützten Heilversuchen überstürzt wieder ab.

Eine europäische Wirtschaftskrise kündigt sich an, nach Kursstürzen an der Börse wird der Bau der Eisenbahnlinie eingestellt. Die Baderin stirbt an einem Seuchenvirus, der immer mehr um sich greift. Ein letztes Mal flackert eine makabre Konjunktur auf: Die verängstigte Bevölkerung sucht in der Heilquelle Rettung vor der Epidemie. Auf Anordnung der Behörden wird das Badehotel als vermuteter Seuchenherd geschlossen und abgebrannt. Aloys Neff geht, wie er gekommen ist.
(Klappentext)

LU: Altbüron und Umgebung, Sursee, Ebersecken und Umbebung

6. Juli 2020

Ähren im Wind

Friedrich Walti: Ähren im Wind, Gyr-Verlag,
Baden, 1968
Der Roman «Ähren im Wind» darf als das bisher reifste Werk aus der Feder des bekannten Bauerndichters angesprochen werden. Der Autor versteht es, ein gewiss nicht alltägliches Bauernschicksal in packender Weise darzustellen. Darüber hinaus aber stellt er sich unerschrocken den Totengräbern des Bauernstandes entgegen und unternimmt gleichzeitig den Versuch, vor allem dem nichtbäuerlichen Leser einen unverfälschten Einblick in das Leben und den damit verbundenen Existenzkampf einer Bauernfamilie unserer Tage zu vermitteln.

Friedrich Walti weicht der harten Realität unserer Zeit nicht aus. Er, der selbst mit Leib und Seele Bauer ist, zählt sich mit zu den schwankenden Ähren des Kornfeldes, um welches er bangt. Nach wie vor kämpft er gegen die um sich greifende Resignation. Wohl wissend, dass die Zeit gegen die Bauern steht, ruft er diesen ungebrochen zu: «An die Ähren müsst ihr glauben und nicht an den Wind!»

Wir sind überzeugt, dass dieser sich bereits am Rande der Zukunft bewegende Gegenwartsroman einen kraftvollen Beitrag zur Erhaltung eines heute in Frage gestellten wahren Bauerntums leisten wird. Und stellt uns nicht gerade die akute Gefahr einer zunehmenden Landflucht vor Probleme, die nicht nur den Bauern, sondern uns alle angehen?
(Klappentext)

AG: Aargauer Mittelland GR: Klosters VD: Waadtländer Mittelland ZH: Stadt Zürich

5. Juli 2020

Der Schullehrer von Essert

Alfred Siegfried: Der Schullehrer von Essert,
Schweizer Volks-Buchgemeinde, Luzern, 1953
Wo innere Erfahrung wichtiger ist als äusseres Geschehen, da tut der Ort der Handlung recht wenig zur Sache. Ob Essert ausser im Herzen des Verfassers auch auf der Landkarte zu finden ist oder nicht: es ist der Schauplatz eines kulturpolitischen und eines menschlichen Konfliktes und ihrer Lösung.

Markus Emmenegger, der sich vom Bauernbuben zum Gymnasiallehrer emporgearbeitet hat, fühlt sich nach dem Tode seiner Gattin innerlich gezwungen, seinem Lebenskreis zu entfliehen. An der deutschen Schule von Essert, mitten im welschen Sprachgebiet des Berner Juras, nimmt er die Stelle als Gesamtschullehrer an, einen wahrhaftig nicht leichten und daher auch nicht begehrten Posten. Doch führen ihn die Schwierigkeiten zu sich selbst zurück und damit auch zu seinen Mitmenschen.

Eng verbunden mit dieser Krise der Persönlichkeit Emmeneggers harrt eine nationale Frage ihrer gerechten und sinnvollen Antwort. Eine mehrsprachige Volksgemeinschaft trägt naturgemäss Spannungen in sich, die fruchtbar, aber auch verhängnisvoll werden können. Das zeigt sich immer wieder an der welsch-alemannischen Sprachgrenze, die mitten durch die Schweiz verläuft, in ausgeprägter Form im Berner Jura, wo sich in den letzten Jahren die Konflikte mehrten. Hier findet Emmenegger an einem kleinen Abschnitt der Front seine Aufgabe. Was Missverständnis und Eigensinn anrichten können, hat er während seiner unglücklichen Ehe an sich selbst erfahren. Ruhig, sachlich und bestimmt tritt er nun für das ein, was er als recht erkannt hat. Später wird er einsehen müssen, dass sich die kulturelle Entwicklung nicht um Rechte kümmert. Sein selbstloses Wirken aber hat ihn von seinen persönlichen Schwierigkeiten erlöst.

Das Anliegen des Verfassers in dieser stillen, versöhnlichen Erzählung ist echt schweizerisch, verwandt mit der Geisteshaltung eines Pestalozzi und eines Gotthelf und überstrahlt von der einmaligen patriotischen Tat eines Bruder Klaus. (Klappentext) 


BE/SO: Le Chaluet (Tal zwischen Court und Gänsbrunnen)

4. Juli 2020

Schwelbrand

Ursula von Allmen: Schwelbrand
Appenzeller Verlag, Herisau, 1999
Lucie setzt sich durch. Sie verlässt das Altersheim und kehrt in ihr Häuschen zurück. Es ist das erste Mal, dass Lucie in den 83 Jahren ihres Lebens eine Entscheidung getroffen hat. Bis anhin hatte sie ihre eigenen Bedürfnisse immer den Interessen anderer untergeordnet: Den Verhaltensnormen der bürgerlichen Familie in St.Gallen am Ende des Zweiten Weltkrieges, dem Nutzen des elterlichen mittelständischen Gewerbebetriebes und der Hilflosigkeit ihrer behinderten Schwester. Ohne grossen Widerstand liess sie sich vom Alltag klein machen.

Behutsam und präzise zeichnet Ursula von Allmen die Geschichte von Lucie nach. Es geschieht viel Gewöhnliches, kaum Spektakuläres. Vieles, das geschehen könnte, geschieht nicht. Im Keller ihres Häuschens erinnert sich Lucie beim Stöbern in alten Sachen an die unerfüllten Sehnsüchte. Hier ist’s ihr wohl, zusammen mit all den Zeugen ihrer ungelebten Träume. Und das Ende ihres Lebens ist gleichermassen erschütternd wie naheliegend, es musste so kommen. (Klappentext)


AI/AR: Appenzellerland

3. Juli 2020

Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht

Otto F. Walter: Das Staunen der
Schlafwandler am Ende der Nacht,
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1983
Thomas Wander, Schriftsteller und Kolumnist einer grossen Zeitung, hat vor wenigen Tagen seinen jüngsten Roman veröffentlicht: «Ein Wort von Flaubert» – ein engagiertes Buch, zugleich die Liebesgeschichte zwischen dem Journalisten Winter und der jüngeren Frau Ann aus Frankfurt.

Jetzt erlebt Wander, wie seine Umwelt reagiert. Seine Freunde in der Redaktion verlangen von ihm Solidarität in ihrem Kampf gegen die Zensur. Umweltbewusste Rüstungsgegner fordern seine Mitarbeit an. Seine Tochter zeigt ihm empört, wie er in seinem Roman mehr von seinem Wesen preisgegeben hat, als ihm lieb sein kann. Seine geschiedene Frau Lisbeth macht ihm lächelnd die Differenz deutlich zwischen dem, was er schreibend vertritt, und dem, was er lebt. Wie verbindlich ist Schreiben für den, der schreibt?

Wie sein Romanheld Winter verliebt er sich. Und verreist mit der Freundin Ruth Moll in Richtung Süden. Zusammen werden Wander und Ruth in ein Hochtal der Innerschweiz verschlagen, und sie geraten in die rätselhaften Zonen des Alptraums, des Ursprungs, des Mythischen. Was sie da staunend erleben, führt auf einen neuen Ansatz von Befreiung, von Hoffnung, von solidarischem Handeln hin. Und Wander beginnt auch zu begreifen, dass ein Mann schwerlich von menschengemässer Liebe schreiben kann, ohne dass es Folgen hätte für seine eigenen Männermuster.

Wander wollte sich zurückziehen. Er wollte sich endlich seinen eigenen Ängsten, seinen Wünschen und der Erforschung seiner eigenen Kindheitstraumata widmen. Doch allmählich, einer Furie gleich, verfolgt ihn seine eigene Fiktion. Holt sie ihn ein? In ihr wird er mit sich selbst konfrontiert. Gewiss, noch wehrt er sich. Er erzählt Lügengeschichten. Er beteuert, seine Wahrheit sehe anders aus. In diesen Widersprüchen zwischen seiner erfundenen Romanfigur und seiner gelebten Wirklichkeit, zwischen Resignation auch und Widerstand, wird Wander beim Wort genommen. Beim Wort seines Romans.

Ob in Zürich oder Jammers, ob in Frankfurt, auf der Italienreise oder im phantastischen Kurhotel im Lande Uri: immer wieder verbindet sich – in diesem persönlichen Buch des Autors – intim Privates mit den brennenden öffentlichen Dingen. Und Wander und Ruth werden in bewegender Liebesgeschichte zu Sinnbildfiguren der Zeit.
(Klappentext)

BE: Stadt Bern FR: Cudrefin SO: Olten UR: Altdorf, Amsteg, Bristen, Maderanertal, Kurhaus Hotel SAC auf der Balmenegg

2. Juli 2020

Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Friedrich Christian Delius: Der Spaziergang
von Rostock nach Syrakus, Rowohlt,
Reinbek bei Hamburg, 1995
«In der Mitte seines Lebens, im Sommer 1981, beschliesst der Kellner Paul Gompitz aus Rostock, nach Syrakus auf der Insel Sizilien zu reisen. Der Weg nach Italien ist versperrt durch die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt, und Gompitz ahnt noch keine List, sie zu durchbrechen. Er weiss nur, dass er die Mauern und Drähte zweimal zu überwinden hat, denn er will, wenn das Abenteuer gelingen sollte, auf jeden Fall nach Rostock zurückkehren.» So beginnt F. C. Delius' Chronik einer modernen Schwejkiade.

Im Juni 1988 gelingt es Gompitz, mit einer Jolle von Hiddensee nach Dänemark zu segeln. Delius erzählt von der Mühsal der Vorbereitungen, von der Hartnäckigkeit, wie Gompitz das Segeln lernte. sein Boot tarnte. Geld in den Westen schaffte, wie er gegen jede Gefahr eine List fand, immer etwas schlauer als die Staatssicherheit. Einfach auf sein Recht auf eine Bildungs- und Pilgerreise pochend, auf den Spuren Johann Gottfried Seumes, dessen «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802» er seit Jugendzeiten im Kopf hat. Doch zunehmend irritiert ihn die Frage: «Wie kommst du am besten wieder zurück?»
(Klappentext)

Moors Fazit: Eine wunderbare Erzählung mit einem liebenswürdigen Deserteur in der Hauptrolle. Die Geschichte beruht auf der wahren Begebenheit eines gewissen Klaus Müllers.

1. Juli 2020

Schwarze Röcke trag ich nicht

Heidy Gasser: Schwarze Röcke trag ich
nicht, Orte, Wolfhalden, 1997
Nach den beiden von den Medien äusserst positiv aufgenommenen Titeln «Saure Suppe» und «Das Mägdli», die dem bisherigen Leben von Heidy Gassers Mutter galten, schenkt uns die Obwaldner Dichterin mit «Schwarze Röcke trag ich nicht» die Fortsetzung der Lebens- und Leidensgeschichte von Friederike Elisabeth Gasser. Und wie im Falle seiner «Vorgänger» kann auch dieses Buch ohne Kenntnis der andern Bücher gelesen werden. Gleichwohl schliesst es die Trilogie über ein Schicksal ab, das wohl keinen Leser, keine Leserin kalt lassen kann. In den Kriegsjahren in grösster Armut in der Steiermark aufgewachsen, dann im obwaldnerischen Lungern als Magd verpflichtet, hat sich die kleine und doch grosse Frau Gasser damit zurechtgefunden, in der Schweiz letztlich immer eine Fremde zu bleiben.

Davon berichtet das Buch, einmal aus der Perspektive des Kindes, von ihrer Tochter also, dann wieder aus jener der Frau, die - auch wenn sie trauert – keine schwarzen Röcke trägt. Und dass zudem Männer auftauchen, die scharf auf die zwei ererbten Bauernhäuser sind, versteht sich von selbst. Gauner gibt's überall. Aber eher selten ein derart in sich ausgewogenes, hin und wieder trotz all dem Schwermütigen humorvolles und sehr präzises Buch. Es berichtet von Geschichten und wird so, nicht zuletzt, zum geschichtlichen Dokument.
(Inhaltsangabe zum Buch)