31. Mai 2014

Die Furgge

Katharina Zimmermann: Die Furgge,
Zytglogge Verlag, Oberhofen, 1989
Anna Bloch-von Siebenthal, eine im Zürcher Musikermilieu lebende Berner Cellistin, zieht sich ins Kemmeribodenbad an den Fuss der Furgge (Hohgant) zurück. Durch eine zufällige Ferienlektüre und beim Durchstöbern alter Schriften stösst sie auf die Gemeinschaft der altevangelischen Täufer, die vor dreihundert Jahren im Emmental eine grosse Anhängerschaft besass und von der Regierung verfolgt wurde. Annas Interesse gilt einer jungen Frau aus dem Schangnau, Madleni Schilt, die mit siebenunddreissig Jahren von der Obrigkeit verhaftet und lebenslänglich eingesperrt wurde. Den trockenen Bericht, den Anna zu lesen bekommt, setzt sie um in Bilder aus dem Leben der Madleni Schilt. Es entstehen neun Episoden, die den Wandel des unkritischen Bauernmädchens zur überzeugten Täuferin darstellen. Hineinverwoben werden die Schicksale anderer Täuferfamilien, die ihres Glaubens wegen aus dem hinteren Emmental vertrieben worden waren.

Je mehr sich Anna Bloch mit den Verfolgungen des ausgehenden 17. Jahrhunderts beschäftigt, desto unheimlicher wird ihr das vertraute alte Bern. Zugleich empfindet sie eine steigende Achtung vor jenen einfachen Bauern, die sich durch die Gnädigen Herren nicht zum Kriegsdienst zwingen liessen, eine Achtung auch vor ihren Frauen, die bereit waren, für ihre Überzeugung ins Gefängnis zu gehen. Der Respekt vor diesen Leuten, der Einblick in die historischen Wahrheiten, führen zu einer Art Vermächtnis, das in Anna neue Kräfte freimacht. (Klappentext)

BE:  Kemmeribodenbad und Umgebung, Schangnau, Hohgant (Hauptschauplätze), Stadt Bern

30. Mai 2014

Ereignislos aber nicht langweilig ...

... war die gestrige Kurzwanderung von Susten nach Gampel-Steg im Wallis. Die Route entlang der Rhone dauert 2 Stunden und 20 Minuten und versprüht einen überraschenden Charme. Zeitweise hatten wir das Gefühl, 1000 Meter über dem Talgrund zu gehen. Der ideale Flachspaziergang, falls einmal die Lust versagt, alpine Höhenmeter zu bolzen. Ein paar Bilder habe ich hier platziert.

29. Mai 2014

Der Notsteg


Seit gestern ist die 140-jährige Schulhausbrücke über die Gürbe in Burgistein (BE) passé. Dafür gibt es ein paar Schritte nördlich einen Notsteg für Fussgänger und Velofahrer. Aber hey, noch hat der betagte Übergang nicht ganz ausgedient. Die zwei äusseren Stahlträger mit den angeschraubten Geländern bilden das Gerippe des exklusiven Stegs. Auch Brücken sollen ihr Gnadenbrot verdienen dürfen.


27. Mai 2014

Es baut sich was zusammen

Am 8. April 2013 porträtierte ich alle vier Brücken, die in der bernischen Gemeinde Burgistein über die Gürbe führen. Ich tat dies nicht ohne Grund – abgesehen davon, dass Brücken per se ein dankbares Thema sind. Bereits damals war bekannt, dass in absehbarer Zeit die 140-jährige Schulhausbrücke altershalber komplett ersetzt werden muss. An der Gemeindeversammtlung vom 4. Juni 2013 stimmten 49 von 54 anwesenden Einwohnern (6,8% der Stimmbevölkerung!) der Variante Stahlbetonbrücke mit integriertem Fussgängerbereich zu und genehmigten hierfür einenVerpflichtungskredit in der Höhe von 515'700 Franken.

Am vergangenen 19. Mai 2014 war Baubeginn. Nach der Einrichtung des Bauplatzes erfolgt nun der Rückbau der alten Brücke. Bis zur Vollendung des neuen Übergangs, circa Ende August 2014, besteht für Fussgänger und Radfahrer ein noch zu erstellender Steg. Alle anderen Verkehrsteilnehmer müssen während der Bauzeit auf eine der beiden Nachbarbrücken ausweichen.

Die Schulhausbrücke von Burgistein am 26. Mai 2014, abends. Im Hintergrund der Ortsteil Burgiwil.


Nach der Gesamterneuerung des Bahnhofs, dessen Abschluss laut BLS per Ende 2014 vorgesehen ist, steht in Burgistein ein zwar etwas kleinere aber nicht unwichtiges Bauvorhaben in der Realisierungsphase.

Hat nach 140 Jahren ausgedient: Die Schulhausbrücke über die Gürbe in Burgstein (BE).

26. Mai 2014

Mein Schöftlandglück

Kostete mich in der Brockenstube des
Frauenvereins von Schöftland und
Umgebung nur wenig mehr als ein Kägi-Fret.
Dem Aargau- und Aarau-Liebhaber schlägt
das Herz  höher ob den 784 Seiten Historie!
Am 4. Dezember 2010 war es, als sich am Bahnhof von Schöftland (AG) ein Mini-Frust zum mittelprächtigen Glücksgefühl wandelte. Frustig wurde es, als ich feststellte, dass das Kägi-Fret, welches ich am Selecta-Automaten gekauft hatte, im Bahnladen der AAR 20 Rappen günstiger war. Angesprochen auf meinen Frust, offerierte mir der Schalterbeamte spontan einen Gratiskaffee aus der Wartesaalmaschine. Diese Wiedergutmachung eines Unschuldigen machte mich happy. 

Vergangenen Donnerstag hielt ich mich erneut in Schöftland auf. Von Teufenthal her kommend hielt ich Ausschau nach einem Lebensmittelladen. Ins Blickfeld rückte indes die Brockenstube des Gemeinnützigen Frauenvereins Schöftland und Umgebung. Ich ging hin, fragte mich zu den Büchern durch und wurde fündig! Für zehn Franken schnappte ich mir sechs(!) Bücher, darunter die 784-seitige Geschichte der Stadt Aarau. Zu all dem bibliophilen Glück trug auch dazu bei, dass die Brocki heute – aus welchem Grund auch immer – ausnahmsweise geöffnet hatte. Schliesslich fand ich doch noch eine Verkaufsstelle für die dringend benötigte Tranksame. Wo bloss, wo? Und: Auch die AAR ist vor der Teuerung nicht gefeit. Das Kägi-Fret kostet nun CHF 1.60 und somit nur noch 10 Rappen weiger als am Selecta-Automaten.

25. Mai 2014

Tod eines Wunderheilers

Peter Eggenberger: Tod eines
Wunderheilers,
Verlag Appenzeller
Volksfreund, Appenzell, 2006
Mit Wunderheilungen an berühmten Ostschweizer Kraftorten wie am magischen Hexenstein (Kindlistein im Grenzgebiet von Heiden, Reute und Oberegg), beim der heiligen Ottilia geweihten Kloster Grimmenstein (Walzenhausen), im verträumten Guggerloch (zwischen Appenzell und Gais), beim Graefe-Stein (Heiden) und im alten Heilbad Schönbühl (Wolfhalden) sorgt Jack Elsener für Aufsehen und Schlagzeilen.

Seine Patienten sind in der Klinik «Helios» in Wolfhausen (Wolfhalden/Walzenhausen) unter-gebracht. Die Klinik verhilft dem Dorf, aber auch der einzigartigen Appenzeller Heillandschaft zu neuem Glanz. Politiker und Touristiker, Gewerbler, Ladenbesitzer und Wirte reiben sich die Hände, profitieren sie doch alle vom umtriebigen Elsener. Die Begeisterung ist gross, als seine neuen Pläne bekannt werden: er will die alte Heilquelle im Schönbühl aktivieren und das wertvolle Wasser in die Klinik leiten. Plötzlich aber ist der Wunderheiler verschwunden. Als Schlossermeister Ernst Roth mit Arbeiten im Schönbühl beschäftigt ist, macht er einen grausigen Fund: In einem Wasserschacht liegen zwei Tote. Einer ist Elsener, der Wunderhei-ler, der Wohltäter von Wolfhausen. Jetzt steht das Dorf vor einem Scherbenhaufen, und die Gerüchteküche brodelt. Wer hat Elsener ermordet? Und warum?
(Klappentext)

AR: Walzenhausen, Heiden, Gais, Waldstatt AI: Kloster Grimmenstein AG: Würenlos, Brittnau SG: Meistersrüte Fünfländerblick, ZH: Stadt Zürich,  F: Provence

24. Mai 2014

Ein Sommer

Alexandra Lavizzari: Ein Sommer,
Zytglogge, Bern, 1999
«Am 8. August 1967 beging die zwölfjährige Sophie L. in B. eine unbegreifliche Bluttat, die Schlagzeilen machte und, wie von Bewohnern ihres Dorfes später bemerkt wurde, zufällig Ähnlichkeiten zu einem Delikt aufwies, das sich zwei Wochen zuvor in einem entlegenen Bauernhof zugetragen hatte.» Mit dieser Notiz wird die Novelle eingeleitet und deren gesamter Handlungsverlauf umrissen. Zeitlich auf vierzehn Tage begrenzt, schildert Alexandra Lavizzari aus Sophies Sicht die schleichende Zerrüttung ihrer Familie, bestimmt durch Alkohol, Kontaktarmut, Lieblosigkeit. Der Autorin gelingt es auf eindrückliche Art, den trostlosen Alltag in einer Neusiedlung am Stadtrand zu verdichten. Dort, wo Sophie an der Schwelle zur Pubertät sich selbst und die Elternmit kritisch geschärftem Blick beobachtet, wo sie Geheimnisse hortet, wo sie spürt, wie sich der Boden zunehmend ihren Füssen entzieht. Auch die neue Nachbarin Rahel Wolf vermag die Sehnsucht Sophies nach Verständnis und Zuneigung nicht zu erfüllen. Einzig das Schreiben von Gedichten und das Verweilen am Weiher ermöglichen dem Mädchen so etwas wie poetisches Ausweiten seines traurigen Daseins und Distanz. Die Autorin fängt die erstickende Familienatmosphäre und die inneren Nöte der frühreifen Sophie minutiös ein. Vor dem Hintergrund der schwelenden Rassenunruhen in Amerika und demVietnamkrieg, die 1967 als Nachrichten fast täglich über den Bildschirm flimmern, dümpeln die drückend heissen Augusttage dahin. Doch die harmlose Eintönigkeit trügt. Folgerichtig und in schnellem Erzähltempo abgewickelt, verketten sich die unglücklichen Ereignisse und beschwören eine dramatische Auflösung herbei. (Klappentext)

Die eindeutige Verortung des Schauplatzes ist nicht möglich. Ein paar Merkmale weisen dennoch auf den Raum Basel hin. Die von der Autorin erwähnte Wendeschlaufe einer Tramlinie sowie der nahe Weiher lassen die Vermutung aufkommen, dass es sich beim Hauptschauplatz um Allschwil (BL) handeln dürfte. Zudem sei vermerkt, dass die Novelle trotz des brutalen Hintergrundes in einer sehr einfühlsamen Sprache verfasst ist.

23. Mai 2014

Liebegger Mittag

Vor Monatsfrist gelangte ich mit meinem Wandergrüppchen am Schloss Liebegg im aargauischen Gränichen vorbei. Leider war an diesem Samstag alles verrammelt, so dass uns der Blick in den Schlosshof vergönnt blieb. Anders nun auf meiner gestrigen Wanderung von Lenzburg nach Schöftland. Das Eingangstor stand offen und ich trat ein. Im stilvollen Geviert war für ein Konzert des Militärspiels gestuhlt. An der Balustrade über der Bühne hing die obligate Schweizerfahne. Im verschatteten Vordergrund sass ein Soldat. Die Beine ausgestreckt, den Rücken an die Stuhlllehne gepresst und das Käppi übers Gesicht drapiert. Selbst meine knirschenden Schritte im tiefen Kies brachten den schlafenden Krieger nicht aus der Ruhe. Ich hatte grosse Lust, die Bühne zu entern und auf dem bereitstehenden Schlagzeug Krach zu schlagen. Doch der Drang, das restliche Ambiente zu erkunden, war stärker.

Der Swiss Army Roadie erholt sich von den morgendlichen Strapazen auf Schloss Liebegg (AG)

Als ich mich anschickte den Schlosshof zu verlassen, stiess ich auf einen zweiten Soldaten, der seinem übermüden Kameraden ein Tischchen herangezogen hatte, auf dem er nun sein Haupt legte, um bequemer weiterschlafen zu können. «Gute Nacht!», sagte ich augenzwinkernd, worauf ich ein Genuschel zur Antwort bekam, das sich anhörte wie «Mittagsschlaf». Stimmt, kam mir auf dem Vorplatz in den Sinn, was amüsiere ich mich über die Schweizer Armee. Die Bürozeiten, die Bürozeiten!

22. Mai 2014

Im Schneeregen

Thomas Schenk: Im Schneeregen,
Weissbooks, Frankfurt, 2010
Ein Mann liegt im Krankenhaus und erholt sich von seinen Erfrierungen, die er sich während seiner Wanderung im Schneeregen zugezogen hat. Seine Gedanken schweifen immer wieder ab, streifen durch sein Leben, seine Vergangenheit, mögliche Zukunftsszenarien und Gegenwartsalternativen. Immer mehr verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Traum für ihn, während er über die Natur von Schnee und Regen philosophiert. Der Leser geistert zusammen mit dem Protagonisten durch dessen Gedankenwelt, halt- und ziellos. (Website des Verlags)

SZ: Grosser Runs, Stock, Einsiedeln ZH: Stadt Zürich

21. Mai 2014

Das Parfüm

Patrick Süskind: Das Parfüm,
Diogenes, Zürich, 1985
Von Jean-Baptiste Grenouille, dem finsteren Helden, sei nur verraten, daß er 1738 in Paris, in einer stinkigen Fischbude, geboren wird. Die Ammen, denen das Kerlchen an die Brust gelegt wird, halten es nur ein paar Tage mit ihm aus: Er sei zu gierig, außerdem vom Teufel besessen, wofür es untrügliche Indizien gebe: den fehlenden Duft, den unverwechselbaren Geruch, den Säuglinge auszuströmen pflegen. (Website des Verlags)

Ich habe das Glück gehabt, die Jubiläumsausgabe (50 Jahre Diogenes Verlag) zu lesen. Diese kleinen Hardcover-Bücher sind wahre bibliophile Zückerchen und saugäbig zum Mitnehmen auf Wanderungen. Allfällige weitere Exemplare dieser Reihe nehme ich gerne entgegen (nur mit Buchumschlag!). Es fehlen mir noch:

Paulo Coelho: Der Dämon und Fräulein Prym, Friedrich Dürrenmatt: Labyrinth/Turmbau • Stoffe, Patricia Highsmith: Der süsse Wahn, John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag, Donna Leon: Venezianisches Finale, Ingrid Noll: Der Hahn ist tot, Bernhard Schlink: Der Vorleser, Georges Simenon: Der Mann, der den Zügen nachsah, Urs Widmer: Der Geliebte der Mutter

Als Gegengeschenk winkt ein Buch nach Wahl aus der Edition Wanderwerk!

F: Hauptschauplatz Paris, namentlich: Rue aux Fers, Rue de la Ferronnerie, Cimetière des Innocents, Rue Saint-Martin, Rue Saint-Denis, Rue Saint-Honoré, Faubourg Saint-Antoine, Rue du Faubourg Saint-Antoine, Rue de Charonne, Rue de la Mortellerie, Rue des Coquilles, Saint-Jacques-de-la-Boucherie, Saint Eustache, Rue Saint-Martin, Place de Grève, Sorbonne-Quartier, Faubourg Saint-Germain, Pont Royal, Pavillon de Flore, Quai Malaquest, Rue de Seine, Rue des Marais, Rue des Petits Augustins, Pont au Change, Île de la Cité, Rue Saint-André-des-Arts, Pont Neuf, Louvre, Saint-Sulpice, Pont Saint-Michel, Rue Geofroi L'Anier, Rue des Nonaindières, Pont Marie, Quai des Ormes; Orléans, Massif Central, Plomb du Cantal, Pierrefort, Montpellier, Pic du Canigou, Le Grau-du-Roi, Marseille, Toulon, Cannes, Hauptschauplatz Grasse, namentlich: Place aux Aires,  Rue Droite,  Porte des Fénéants, Rue de la Louve, Porte du Cours, Fontaine de la Foux; Opio, Grenoble, La Napoule

19. Mai 2014

Filippinis Garten

Walter Matthias Diggelmann:
Filippinis Garten, Benziger, Zürich/
Köln, 1978, neu aufgelegt in der
Edition 8.
Ein kleines Tessiner Gartenrestaurant an der Bahnstrecke Hamburg–Rom gelegen, gekiester Boden, eine mit Weinlaub überrankte Pergola, Schnellzüge, die in der langen Linkskurve direkt auf den Garten zuzurasen, erst im letzten Augenblick abzubiegen scheinen … Stephan und seine Frau lieben diesen Garten, zählen die vorbeibrausenden Waggons, konstatieren, den genauen Fahrplan im Kopf, auch kleine Verspätungen.

Doch immer wieder bricht in dieser Tessiner Ferienidylle die Vergangenheit ein, die Erinnerung an die kärgliche, lieblose Kindheit, an das Umhergestossenwerden von Pflegeplatz zu Pflegeplatz, an eine Kindheit, die überschattet war durch die gestörte Beziehung zur Mutter. Nichts hat sich seither im Verhältnis zwischen Mutter und Sohn gebessert. Dass der Sohn darunter leidet, ändert nichts daran. Vergebens versucht die Frau Stephan zu überreden, seine Mutter, die in der Nähe des Ferienortes lebt, aufzusuchen. Doch er erfindet immer neue Ausreden, um nicht fahren zu müssen. Der Weg zwischen Mutter und Sohn liegt verschüttet unter dem Geröll von Vorurteilen, Halbwahrheiten und Lebenslügen. Als Stephan endlich aufbricht, ist es zu spät: Seine Mutter hat sich der letzten Konfrontation mit dem Sohn im Tod entzogen. (Klappentext)

GR: Juf, Podestatsch Hus, Rothenbrunnen TI: Arbedo, Bellinzona, Ticino (Fluss)

18. Mai 2014

Die Drachensaga

Was ist unser Land reich an Themenwegen! Keine Wanderung ohne Themenweg oder zumindest einen Abschnitt davon. Ich frage mich regelmässig, ob die Touristiker über irgendwelche Kennzahlen verfügen, was die Frequenzen ihrer thematisch konzipierten Routen anbelangen. Selten, offen gestanden nie, habe ich bislang Wanderer angetroffen, die sich mit dem Inhalt der Schautafeln vertraut machen. Am besten funktionieren vermutlich jene Wege, die nebst Text- und Bildinformationen eine manuelle Betätigung bieten. Spontan erinnere ich mich an den Toggenburger Klangweg oder den Vogelweg im Diemtigtal.

Auch auf meiner gestrigen Wanderung von Rüthi (SG) nach Grabs fehlte der obligate Themenweg nicht. Oberhalb von Sax stiess ich auf den Sagenweg. In der Nähe der Ruine Hohensax befand sich ein Posten mit folgender Sage:

Der Drache von Sax
Ein ehrenwerter alter Mann ist in der Nähe der Statthalterei von Sax (praefecturae saxensi) auf einen schrecklichen Drachen gestossen. Dieser lebte unter einem Felsen, hatte einen riesenhaften Kopf und eine gespaltene Zunge, die er weit aus seinem Rachen herausschnellen liess. Der Drache war von schwarzer Farbe. Der Bauch jedoch von gelber und goldener Farbe. Der Drache erhob sich beim Anblick des Mannes in die Höhe und gab einen fürchterlichen Laut von sich; seine gespaltene Zunge schoss vor und zurück und machte ihm Angst. Dabei stiess das Ungeheuer einen giftigen Atem aus, derart, dass der Alte von Kopfweh und Schwindel erfasst wurde und er sein Augenlicht verlor. Erst als er sich im nahen Bergquell die Augen mit heilendem Wasser wusch, konnte er wieder sehen. Seither weiss jedes Kind, dass man Drachen nicht zu nahe kommen sollte.

Weit mehr als diese Mär gefiel mir das dazugehörende Gemälde. Es zeugt vom Herzblut, mit dem die Initianten ihr Projekt realisiert haben.


17. Mai 2014

Schöne Schifferin

Therese Bichsel: Schöne Schifferin,
Zytglogge, Oberhofen, 1997
Elisabeth Grossmann, la belle batelière de Brienz, war eine der berühmtesten Frauen in der Frühzeit des Tourismus, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber das Bild, das man von der schönen Schifferin malte und in Reiseführern zeichnete, zeigt nur die eine Seite ihres aussergewöhnlichen Lebens.
Theres Bichsel schildert behutsam und eindringlich die Kehrseite der romantischen Idylle: eine junge Frau auf er Such nach ihrem Lebensglück, deren erste grosse Liebe unerfüllte bleibt, deren Ehe scheitert, und die beispielhaft um ihre Kinder, ihr Ansehen und ihre Existenz kämpft.
(Klappentext)

BE: Unterseen, Brienzersee

14. Mai 2014

Ich knackte die Wandergrenze

In meiner letzten Tierwelt-Wanderkolumne warf ich die Frage auf, wo eigentlich die Grenze zwischen Spaziergang und Wanderung liege. Kurze Zeit später las ich in einem Fachartikel, dass die Trennlinie nicht scharf verläuft. Für den Spaziergang gelte als Faustregel eine Distanz von maximal 10 Flachkilometern, was einer Gehdauer von 2½ bis 3 Stunden entspreche. Wandern und Spazieren unterschieden sich freilich auch in der Gangart, las ich weiter. Und als der Autor noch das Flanieren ins Spiel brachte, entwickelte sich der Text zu einer nicht enden wollenden, schöngeistigen Gedanken- und Definitionswelt.

Bref, es wurde mir zu wissenschaftlich und letztlich zu theoretisch, weshalb ich mich meiner Zweitlektüre zuwandte, dem Expeditionsbericht über den vergessen gegangenen und 2013 in der Expeditionsliteratur wieder zum Leben erweckten Basler Antarktis-Forscher Xavier Mertz. Er war in derselben Periode auf Expedition als Roald Amundsen den Südpol erreichte und Scott das Nachsehen hatte. Ein Schicksal, das auch Merz ereilen sollte, obschon der Pol kein Thema war. Der strenge Vegetarier Mertz verstarb am 7. Januar 1913 nach dem Verzehr von Schlittenhundefleisch, das ihn eigentlich vor dem Hungertod hätte bewahren sollen.

Soweit der kleine Exkurs, der nur deshalb entstand, weil ich heute von Alchenflüh der Emme entlang nach Wiler ging. Eine 10.8 Kilometer lange Flachetappe, die mich die Wandergrenze knacken liess. 

Neulich in 3326


Krauchthal (BE) – Lieber freilaufende Rentner als Strafgefangene vom nahen Thorberg.

12. Mai 2014

Unruhen

Werner Bucher: Unruhen, Appenzeller
Verlag, Herisau, 1998
Unruhen, innere und äussere, dies ist das Thema dieses faszinierenden Buches. Kaum je dürfte in der neueren Literatur das Denken, Fühlen, Hoffen und Leiden eines Pfarrers so unmittelbar ins Wort umgesetzt worden sein wie im Roman von Werner Bucher. Mit Unruhen ist ihm ein gültiges Dokument über die Zürcher Jugendunruhen gelungen. Er hat in der Abgeschiedenheit des hügeligen Appenzellerlandes einen klassischen Bildungsroman geschrieben, der die Bewegung ins Bewusstsein zurückruft, die Anfang der 80er Jahre das satte Selbstverständnis der Schweiz in Frage gestellt hat. (Klappentext)

Dieser hervorragende Roman von Werner Bucher ist gleichzeitig auch ein Reiseroman, wie die nachfolgenden Schauplätze andeuten. Der Road-Movie in Prosa führt den Protagonisten, Priester Martin Jurt, zu Fuss von Moutier nach Villefranche. Ein absolut lesenswertes Buch, das der Verlag in verdankenswerter Weise immer noch vorrätig hat.

AG: Abtwil (Hauptschauplatz), Meienberg, Wohlen, Sins, Auw, Muri, Lindenberg, Holderstock, Aristau BE: Moutier, Perrefitte, Moron, SAC-Hütte auf dem Moron, Loveresse, Reconvilier, Tavannes, Sonceboz, Chasseral, Inselspital Bern GR: Chur LU: Lindenberg, Oberebersol, Hitzkirch, Baldegg, Schloss Heidegg Gelfingen, Hohenrain, Ballwil NE: Les Bugnenets, Le Pâquier, Villiers, Dombresson, St-Martin, Chézard, Cernier, Fontainemeleon, Les Hauts-Geneveys, Les Grandes Pradières, Mont Racine, La Sagne, Vallée des Ponts, Les Ponts-de-Martel, Fleurier, Chapeau Napoléon, Buttes, La Côte-aux-Fées, L'Auberson ZG: Zugerberg ZH: Stadt Zürich (Niederdorf, Seebach, Helvetiaplatz, Polybahn, Fluntern) F: Chappele Mijoux, Les Hôpitaux-Vieux, Labergement-Ste-Marie, Mouthe, Châtelblanc, Foncine-le-Haut, St-Laurent-en-Grandvaux, St-Maurice-en-Montagne, St-Pierre, Clairvaux-les-Lacs, Moirans-en-Montagne, Lac de Vouglans, Cernon, Arinthod, Chisséria, St-Hymetière, Valfin-sur-Valuse, Villeneuve-les-Charnod, Montfleur, Chavannes-sur-Saône, Simandre, Jasseron, Bourg-en-Bresse, St-Denis-les-Bourg, St-Rémy, St-André-le-Bouchoux, Châtillon-sur-Chalaronne, Sandrans, Ambérieux-en-Dombes, Savigneux, Ars, Villefranche, Lyon

11. Mai 2014

Muss ich nun mein Familienwappen müllen?

Der Berner SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães sagt dem «rassistischen» Wappen der Zunft zum Mohren den Kampf an. Wissenschaftler befürchten einen erneuten «Bildersturm». Dies habe ich soeben in der Online-Ausgabe der Zeitung Der Bund gelesen. Dem Politiker ist der Kopf eines Schwarzen ein Dorn im Auge. Das Antlitz bildet das Wappen der Schneider- und Tuchschererzunft «zum Mohren». Die Zunft hat ihre Wurzeln im 14. Jahrhundert und ist Teil der Burgergemeinde Bern. De Magalhães fordert nun in einem Vorstoss, der Gemeinderat sei zu beauftragen, mit der Burgergemeinde und der Denkmalpflege eine Lösung für rassistische Darstellungen im öffentlichen Raum zu erarbeiten. «Allenfalls müsste gar die Entfernung solcher Darstellungen geprüft werden», heisst es im Vorstosstext.

Rassistisch? Das Wappen
der Gemeinde Möriken-
Wildegg (AG)
Würde ein derartiges Ansinnen Schule machen, könnte es für die Aargauer Gemeinde Möriken-Wildegg problematisch werden. Das Gemeindewappen zeigt nämlich einen Mohrenkopf mit roten Lippen und Ohrringen. Der Mohr, eine volkstümliche Deutung des Namens Möriken, erschien erstmals 1592 auf einem Grenzstein.

Das Wappen der Moor
aus Vordemwald (AG)
Obschon mein Familienwappen nach meinem Wissen nirgends einen öffentlichen Raum ziert, dürften sich Rassismussucher daran stossen, dass es ebenfalls einen Mohren zeigt. Der Name Moor stammt ursprünglich aus Deutschland. Die Moors von damals hatten genetisch bedingt oftmals eine etwas dunklere Hautfarbe als üblich. So entstand der Name Mohr, der mit der Zeit das H verlor und sich stattdessen ein zweites O einbürgerte. Was dies alles mit Rassismus zu tun haben könnte, ist mir schleierhaft. Ich finde, dass vielmehr das Gegenteil der Fall wäre, sollte in Bern de Magalhães' Vorstoss angenommen werden. Ein seit Jahrhunderten existierendes Kulturgut soll verschwinden. Der Mohr wird diskriminiert, der Mohr kann gehen.

PS. Und ginge es in der Religionsdebatte nach derselben Logik, müsste das Wappen des Kantons Glarus ebenfalls die Segel streichen. Es zeigt den heiligen Fridolin und somit ein Symbol des christlichen Glaubens. Und ja, unser ehrenwertes Schweizerkreuz, das christliche Symbol schlechthin, hätte selbstverständlich von der Bildfläche zu verschwinden. Wie wär's mit einer Volksinitiative, Herr de Magalhães?

9. Mai 2014

Der Güterzug



Ein Transitgüterzug mit Ae 8/8 Nr. 271 kreuzt in Burgistein-Wattenwil die S-Bahn. Frühling 1996. Foto: Hans-Ueli Bieri

7. Mai 2014

Digital südwärts

Ab sofort als eBook erhältlich:
Südwärts – Schaffhausen–Bergell zu Fuss
aus der Edition Wanderwerk.
Seit gestern liest sich mein Wanderreisebericht Südwärts – Schaffhausen–Bergell zu Fuss auch auf dem Kindle eReader, dem Tablet oder dem Smartphone (mit der Gratis-App von Kindle). Erhältlich ist das digitale Buch bei Amazon zu einem sensationell günstigen Preis. Selbstverständlich ist auch die gedruckte Ausgabe nach wie vor erhältlich. Dies direkt bei meinem kleinen Verläglein, welches auch die anderen Bände noch vorrätig hat. Die Auflage von «Gehzeiten» neigt sich indes böse dem Ende entgegen. Es spute sich also, wer noch ein Exemplar ergattern will!

6. Mai 2014

Die letzte Nacht

Andrea Fazioli: Die letzte Nacht,
btb, München, 2011
Der Tessiner Kleinmafioso Forster muss dringend hohe Schulden begleichen. Er kidnappt die notorische Spielerin und Tochter des ehemaligen hochkarätigen Diebs Jean Salviati. Forsters Lösegeld-Forderung: zehn Millionen Schweizer Franken. Salviati, der längst ein ehrbares Leben als Gärtner führt, bleibt nichts anderes übrig, als einen letzten grossen Coup einzufädeln. Er bereitet einen Bankraub vor und rekrutiert mehrere Komplizen. Darunter auch der eigenbrötlerische Privatdetektiv Elia Contini, dem Salvati einst aus der Patsche half. Und während Forster sich schon die Hände reibt, überlegen die Hobbyganoven bereits, wie sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen liessen. (Inhaltsangabe im Buch)

TI: Lugano, Viganello, Massagno, Val Bavona, Lugano-Paradiso, Tesserete, Locarno, Bellinzona, Sonlerto, Monte Ceneri ZH: Stadt Zürich F: Provence

3. Mai 2014

Die Zehn-Meilen-Fusion

Heute haben sich Thomas Widmers Fähnlein Fieselschweif und mein Wandergrüppchen zu einem zehnköpfigen Ganzen vereinigt. Wir waren je zu fünft. Fünf Männlein und fünf Weiblein. Jede Gruppe stellte gar eine Rita. Ja mei, paritätischer geht's nimmer. Das Büro für Gleichstellung von Mann und Frau wird eindringlich um Kenntnisnahme gebeten.

Die Route von Läufelfingen nach Aarburg war durchgehend gut ausgeschildert. Bloss: Was heisst MZG? Mehrzweckgebäude? Munition zum Ghüdere? Militärzaungäste? Metzgerei?

Im baselbieterischen Läufelfingen zogen wir los, krabbelten über die Solothurner Kantonsgrenze auf die Challhöhe, von wo wir zur Homberglücke traversierten und letzlich zur empfehlenswerten Bergwirtschaft Rumpel abstiegen. Kurz vor dem Rumpel schnaubte hinter einem doppelten Weidezaun ein bulliger Stier. Ihn irritierte womöglich meine Fotokamera, weshalb ich gebührenden Abstand hielt. Am Mittagstisch bestellte ich einen Flammkuchen. Die Speisekarte sprach von einem Rumpelstilzchen-Fladen mit Crème frâiche, Speck, Zwiebeln und geriebenem Käse. Eine Mahlzeit, die mir wohl bekam und auf der zweiten Streckenhälfte weder Magenrumpeln noch unliebsames Aufstossen bescherte.

In Wangen bei Olten (wo denn sonst?) läuft derzeit ein wissenschaftlich begleiteter Versuch, Autofahrer zum Wandern zu bewegen. Ob's was bringt?

Die Fortsetzung führte vorerst über das Felsentöri, ein Pässchen, das als Verbindung nach Wangen bei Olten dient. Hinter dem Dorf wartete mit dem Born die vierte und letzte Passüberquerung.  Der Aufstieg führte am Abgrund eines Steinbruchs vorbei auf den Hauptkamm. Von hier stiegen wir auf einem wunderbar in den Steilwald gelegten, nach spätem Bärlauch duftenden Pfad hinunter ins aargauische Aarburg. Die Unentwegten – es war gar die Rede von Unterwanderten – zogen weiter nach Olten. Weil ich mich gesättigt fühlte und von der brachialen Bise unterkühlt war, machte ich mich auf den Weg zurück ins Basislager. Zehn Meilen, vier Pässe und durch drei Kantone gingen wir unter meiner Ägide. Nun freue ich mich auf den Herbst. Dann nämlich werden ich und meine Gefolgschaft Gegenrecht halten und uns vertrauensvoll Thomas Widmers Leitung hingeben.

2. Mai 2014

Ein nachhaltiges Urteil

Gestern ging ich eine tolle Route im Wallis. Vom Leukerbad auf dem Römerweg nach Inden und weiter talabwärts in die Nähe von Rumeling. Hier beging ich die Varner Leitern, einen 1739 in den Fels gehauenen Weg, anderthalb Meter breit und haarscharf am nicht enden wollenden Abgrund vorbei. Erbaut wurde das Kunstwerk vom Tiroler Wegemacher Bartlme Kraniger. Goethe ging am 9. November 1779 den umgekehrten Weg von Sierre ins Leukerbad und passierte die Stelle. Er berichtete in seinen Schweizer Reisen:

Wir waren nun schon drei Stunden aufwärts in das ungeheure Gebirg gestiegen, das Wallis von Bern trennet. [...] Wir sahen, als wir um die Ecke herumkamen und bei einem Heiligenstock ausruhten, unter uns am Ende einer schönen grünen Matte, die an einem ungeheuren Felsschlund herging, das Dorf Inden mit einer weissen Kirche ganz am Hange des Felsens in der Mitte von der Landschaft liegen. [...] Der Weg nach Inden ist in die steile Felswand gehauen, die dieses Amphietheater von der linken Seite, im Hingehen gerechnet, einschliesst. Es ist kein gefährlicher, aber doch sehr fürchterlich aussehender Weg. Er geht auf den Lagen einer schroffen Felswand hinunter, an der rechten Seite mit einer geringen Planke von dem Abgrunde gesondert. Ein Kerl, der mit einem Maulesel neben uns hinabstieg, fasste sein Tier, wenn es an gefährliche Stellen kam, beim Schweife, um ihm einige Hülfe zu geben, wenn es gar zu steil vor sich hinunter in den Felsen hinein musste. Endlich kamen wir in Inden an.

Eine kleine Bildstrecke zu den Varner Leitern gibt es hier.

Am Fuss der Varner Leitern die historische Inschrift, an der bereits Goethe vorbeikam. Die Bezeichnung Leitern hat übrigens nichts gemein mit den Klettersteigleitern, die es hier auch noch gibt. Der Begriff stammt aus der Vorzeit des Felsenweges, als einzelne Felsbandabschnitte miteinander durch Holzleitern verbunden wurden. Auf der gegenüberliegenden Talseite zeugen die heute noch begehbaren Albinenleitern vom ursprünglichen Sinn.

Oben an der Felskante – der von Goethe erwähnte Bildstock steht immer noch da –  wechselte die Landschaft von bedrohlicher Steilheit in sanftes Südhaldenambiente. Oberhalb von Varen schwenkte ich in die Varner Suone ein – sie wird auch Grossi Wasserleitu genannt – und folgte ihr bis in die Nähe der Fassung beim Röstigrabenbach Raspille. Die Bewässerungszuteilung fusst übrigens auf einem Urteil des Bischofs Jost von Silenen vom 14. September 1490, das heute noch Gültigkeit hat. Von der Raspille folgte ich sodann der Bisse Neuf nach Venthône. Ein wunderbares Gehen war das! Durch eine Trockenvegetation mit Föhren und Eichen, meist im Halbschatten, der mir der Maisonne wegen sehr gelegen kam. Ich empfehle die durchgehend ausgeschilderte Route dringendst zur Nachahmung (21,5 km 630 m Aufstieg, 1480 m Abstieg, 6½ Std.), nicht zuletzt aufgrund der unzähligen schönen, naturbelassenen Wegabschnitte.

Traumhaftes Wanderambiente entlang der Varner Suone, dessen Bewässerungslogistik auf ein bischöfliches Urteil von 1490 zurück geht.

Eisvogel am Fluss – Soldaten im Land

Brigitte Schoch: Eisvogel am Fluss –
Soldaten im Land, Verlag Peter Meili,
Schaffhausen, 1994 (vergriffen)
Die Ereignisse kurz nach dem 2. Weltkrieg an der Schaffhauser Grenze bilden den Hintergrund dieses spannenden autobiographischen Romans. Auch wer das erfolgreiche erste Buch der Autorin, «Reiher am Himmel – Flüchtling im Tal» nicht gelesen hat – mit der Beschreibung des Luftangriffs auf Schaffhausen und dem dadurch bedingten Tod ihres Vaters –, wird dieser Fortsetzungsgeschichte ihrer Abenteuer im romantischen Autal und in der kriegszerstörten Nachbarschaft gut folgen können.

Aus der Idylle der Talmühle kommend, ihrem behüteten, grosselterlichen Zuhause, wird das sensible Mädchen konfrontiert mit allen Problemen, die eine Besatzungsmacht mit sich bringt. Sie erhält von den Franzosen den begehrten «Laissez-passer», der ihr Tor und Tür zu den Menschen jenseits der Grenze öffnet: zu einer Familie aus Jestetten, die aus Haus und Hof vertrieben wird, zu einem Mädchen, vergewaltigt durch einen Marokkaner, zu einer jungen Auslandschweizerin, gestrandet als Flüchtling in der Talmühle, zu einer Zigeunerin, in deren Sohn sie sich verliebt. Der schmerzliche Verlust ihres Vaters und die Brutalität des Krieges zwingen das lebenslustige Mädchen schon in jungen Jahren zur Suche nach dem Sinn von Leben und Tod.

Federzeichnungen gleich, wirken die beschriebenen Bilder der Natur in den Schluchten und Tälern des Schwarzwalds, den Höhen des Randens und an den Uferlandschaften des Rheins. Ein ergreifendes Buch, weil die Erlebnisse in der damaligen Zeit – bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren haben. (Klappentext)

BE: La Neuveville SH: Schleitheim, Hochwald, Schlatterhof b. Beggingen, Hof Neuwies b. Beggingen, Talmüli b. Schleitheim (Hauptschauplatz), Grenzstein 441, Grenzstein 410, Stadt Schaffhausen, Waldfriedhof Schaffhausen, Tramlinie Schaffhausen-Schleitheim, Rhein b. Schaffhausen, Beggingen D: Stühlingen, Wutachtal (Hauptschauplatz), Grimmelshofen, Fützen, Jestetten, Achdorf, Birkendorf, Dettighofen, Unterlauchringen, Grafenhausen, KZ Dachau

1. Mai 2014

Bahnnostalgie in der Romandie

Schlimm, schlimm, schlimm. 85 Prozent meiner vorgestrigen 24-Kilometer-Route von Montricher nach Morges waren entweder asphaltiert oder betoniert. Kein Wunder, geht da keiner mehr zu Fuss. Im Waadtland scheinen Strassen- und Verkehrsplaner seit Jahrzehntem eine Aversion gegen Naturbelag zu haben. Selbst vom Teeren von Forstwegen wird nicht zurückgeschreckt. In Morges lief ich nach fünfeinhalbstündiger Quälerei derart eiernd ein, als wäre ich soeben 2000 Höhenmeter am Stück den Berg hinunter gegangen. Übel, wirklich übel.

Rapsfelder und Asphaltpisten prägen das Bild in der Waadtländer Provinz wie hier bei Mollens.
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Ein paar Glanzlichter gab es freilich doch. Herausgepickt habe ich die Bahnhaltestelle von Chardonney-Château. Sie liegt am Fusse des gleichnamigen Schlosses an der Bahnlinie Morges–Apples–Bière. Wer einsteigen möchte drückt nicht auf irgendeinen Knopf, nein, er legt höchstpersönlich Hand an, indem er ein altertümliches Haltesignal um 90 Grad dreht. Ich war begeistert, auch vom herzigen Wartehäuschen. Dass in unserem Hihgtech-Bahnland Derartiges noch existiert, finde ich schlicht grossartig. Mehr Fotos dieser Wanderung gibt es hier.

Die Haltestelle von Chardonney-Château (VD). Dass sie an einem Weg mit Naturbelag liegt, macht sie erst recht sympathisch und erhöht den Nostalgiefaktor. Gut sichtbar das Haltesignal, das es zu drehen gilt, wenn der Zug anhalten soll. Ob der Wagenführer beim Halt aussteigt und die Kelle wieder zurückdreht, oder ob er den Fahrgast dazu auffordert, bevor dieser ins Bähnlein steigt?

«Actionner la demande d'arrêt», den Halt auf Verlangen betätigen. Nicht mit dem «interrupteur», dem Schalter, sondern mit der Scheibe, «la cible».

Der 12.25-Uhr-Zug von Apples nach Morges ruckelt an der Haltestelle von Chardonney-Château vorbei.