31. Dezember 2012

29. Dezember 2012

Die Piraten von Ouchy

Wenn über die Festtage das Berggebiet für das Abfeiern von Ski- und Après-Ski-Orgien in Beschlag genommen wird, sind Gegenden wie das Lavaux am Genfersee formidable Gegenpole. Und wenn, wie heute, das Klima schon mal den Vorfrühling testet, dann erst recht. Also machte ich mich am Lausanner Bahnhof auf den Weg und folgte ab Pully einem Weinlehrpfad, der mich auf überraschend gut markierter Route nach Epesses führte. Hierbei lernte ich zwar nichts über den Rebbau – das Lesen von Tafeln auf Lehrpfaden ist mir ein Greuel –, vielmehr erfuhr ich Bemerkenswertes anderer Natur:
  1. In Ouchy gibt es seit 1934 eine Bruderschaft, sie nennt sich «Les Pirates d'Ouchy» und verfügt mit der «Vaudoise» sogar über ein eigenes Schlachtschiff.
  2. Die Einwohner von Ouchy sind übrigens die «Oscherines» und Ouchy gibt sich stolz als «Comune libre et indépendante» – freie und unabhängige Gemeinde. Ouchy ist also Ouchy und nicht etwa ein Lausanner Quartier.
  3. Etwas Kleines schnappte ich dennoch von einer dieser Lehrpfadtafeln auf: die verschiedenen Bezeichnungen für die im Lavaux vorherrschenden Winde. Der «Jaman» aus Westen, der «Vaudaire» aus Südwesten, der «Bornan» aus Süden, der «Vent» aus Südosten, der «Vent Blanc» aus Osten und die «Bise» aus Norden. Heute war übrigens windstill.
  4. Wer die Route winters begeht, nehme genügend Tranksame mit, denn – paradox, paradox – es fehlen dem Weinbaugebiet die Restaurants! Weder in Riex noch in Epesses war da eine Kaschemme auszumachen. Das «De la Poste» in Grandvaux war mir zu nobel, das «Café» in Riex geschlossen und in Epesses, wo ich vergeblich hoffte, auf Phil Collins zu treffen (der soll angeblich hier leben, doch bei der nachträglichen Recherche stellte sich heraus, dass er in Féchy wohnt ...), war auch tote Hose. Statt dessen sind die Gässchen, Gassen, Höfe und Hinterhöfe der Winzerorte voller Kellereien. Aber ausgerechnet heute war keine einzige geöffnet. Selbst die Brunnen hatten temporäre Dürre. Im Winter wird der Hahn zugedreht, im Lavaux regiert manchmal Väterchen Frost.
Der Beweis: die Piraten von Ouchy gibt es tatsächlich. Sie residieren übrigens in der Gemeindeverwaltung.

Ein wenig Winterdadaismus dann doch noch. In Ouchy vor dem Sitz des IOC.

Kleine lemaneske Windlehre.


Von Epesses stieg ich den Rebberg hoch und gelangte über die berühmte Geländekante von Chexbres zum Bahnhof Puidoux-Chexbres. Berühmt deshalb, weil der Bahnreisende kurz nach Passieren des Bahnhofs in einem Tunnel verschwindet und wenig später unvermittelt und meist unvorbereitet hoch über dem Lavaux das Tageslicht wieder erblickt, nun aber eine völlig anders geartete Landschaft vorfindet. Der Trick funktioniert auch zu Fuss und selbst in umgekehrter Richtung. Am Bahnhof von Puidoux-Chexbres lernte ich schliesslich, dass auch hier keine Wirtschaft auf müde Wandererbeine wartet. Das Beste waren dann die letzten wärmenden Sonnenstrahlen, wie sie über die erwähnte Kante streiften und die dreiviertelstündige Wartezeit auf liebliche Art erträglich machten.

Ein Hauch Copacabana am Genfersee. Blick Richtung SSW nach Frankreich.

 

26. Dezember 2012

Launen der Natur

Derzeit lese ich ein Buch über die Geschichte der Juragewässerkorrektionen. «überflutet – überlebt – überlistet» ist es betitelt. Geschrieben hat es der 1966 geborene Matthias Nast. Gerne hätte ich heute dem Jahrtausendwerk einen fussgängerischen Besuch abgestattet. Geplant war eine Wanderung ab Biel entlang dem Nidau–Büren-Kanal nach Meienried, wo die Alte Aare von Aarberg her kommend in den Kanal mündet. Von hier wäre ich dem ehemaligen Aarelauf – das Häftli halb umrundend – nach Büren gefolgt. Doch die Launen meiner Gesundheit erlauben mir die Durchführung des Vorhabens nicht. Umgeben von einer Pulmex-Duftwolke werde ich mich also weiter in Nasts Werk vertiefen und die Wanderung zu einem späteren Zeitpunkt ausführen.

Matthias Nast: überflutet – überlebt – überlistet
Die Geschichte der Juragewässerkorrektionen
Herausgeber: Verein Schlossmuseum Nidau, 2006

All jenen, die sich für die Entstehung des heutigen Seelandes interessieren, sei das Buch sehr zur Lektüre empfohlen. Der Bieler Journalist und Filmemacher, Mario Cortesi, bringt es auf den Punkt:

Endlich hat es jemand gewagt, ein umfassendes, objektives und spannendes Werk über die Juragewässerkorrektionen zu schreiben! Die sorgfältig recherchierte Geschichte liest sich trotz der komplexen Materie leicht, zeigt auf, wie wichtig diese mutigen, nicht unumstrittenen Natureingriffe waren, die heute kaum mehr durchführbar wären. Diese weit zurückliegenden Momente sind hervorragend bebildert, mit Grafiken und Kartenausschnitten auch für Laien gut erklärt. Ein ausgezeichnetes Instrument für Menschen, die aus der Vergangenheit unserer Region für die Zukunft lernen wollen.

25. Dezember 2012

Der Bahnübergang



Zug 15434 der S4 beim Bahnübergang Schulstrasse in Burgistein, kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof. Vom Schnee der vergangenen Wochen ist nichts mehr übriggeblieben. Der traditionelle weihnächtliche Wärmeeinbruch hat wieder einmal voll zugeschlagen.

22. Dezember 2012

Gfeller und die Geographie

An diesem Weihnachts-Shopping-Samstag absolvierte ich die Route Grünenmatt–Burgdorf. Der Wanderstart gestaltete sich stilistisch ganz nach meinem Gusto. In Grünenmatt, so schien mir, ist ein Quentchen mehr Humor zu Hause als anderswo, selbst wenn dies vermutlich kaum jemandem bewusst sein dürfte.

Bahnhof Grünenmatt (BE)

Grünenmatt (BE)

Grünenmatt (BE)

Kurz vor Lützelflüh schritt ich auf einen markanten Baum zu. Der Jauche ausbringende Bauer bemerkte des Fotografen Begeisterung und stoppte seinen John Deere. Ein Ahorn sei das, ein geschützter noch dazu. Und dann lehrte mich der Mann ein neues Wort: «Gschtumpet». Um 1930 wurde der Baum gepflanzt. Seither hat man ihn dreimal «gschtumpet», will sagen, bis auf den Stamm beschnitten. Daher auch die für einen Ahorn ungewöhnliche Form.

Der dreifach «gschtumpet» Ahorn von Lützelflüh (BE)

So dünn war der Stamm, als um 1930 der Ahorn gepflanzt wurde

In Lützelflüh, dem Gotthelf-Dorf, gelangte ich nicht nur am Gotthelf-Denkmal vorbei, ich entdeckte seitlich der Kirche Gotthelfs Grabstein. Und es zog mich schon weiter, als ich, einer Intuition nachgebend, ein paar Schritte vom Dichtergrab entfernt die Lebensdaten eines namhaften Emmentaler Mundartdichters las. Jene von Simon Gfeller. Dass der Schöpfer von «Heimisbach», «Eichbüelersch» oder «Ämmegrund» wenige Meter von Jeremias Gotthelf zu liegen kam, war mir nicht bekannt. Was ich hingegen wusste: 1968, 25 Jahre nach Gfellers Tod und gleichzeitigem 100. Geburtstag, ehrte man den Dichter, indem die Talschaft Dürrgraben offiziell in Heimisbach umbenannt wurde. Sein wohl bekanntester Roman, «Heimisbach», spielt unverkennbar im Dürrgraben bei Burgdorf.

Beim Gotthelf-Denkmal in Lützelflüh (BE)

15. Dezember 2012

Bäbätsch

Am letschte Samschti het aues nach perfektem Wintermärli usgsgeh, u jetz isch es scho wieder verbi. Ufem Wäg vo Loupe nach Thörishus ei Bäbätsch. Pfludischnee u mängisch o no e chli renitänts Iis, wo eim, wem e nid ufpasst, es Bei steut. Immerhin hei die versprochene Ufhäuige stattgfunge, so dass i einisch meh cha säge, es isch trotz em schwirige Bode e bodeständig gmüetlechi Wanderig gsi. Und wöu jetz wieder die hektischi Vorwiehnachtszit isch, bini ufem Heiwäg z Bärn am Bahnhof no chlei go umefötele. Entstanden isch unger angerem es Biud, wo ds Künschtleche u ds Stressige vom Advänt ufene idrücklechi Art symbolisiert.

Uferwäg der Sense no, zwüsche Loupe und Nöienegg (BE)

Bim Natershus oberhaub Nöienegg

Bäbätsch wo me häreluegt. Bittershus zwüsche Nöienegg und Thörishus (BE)

Bahnhofplatz Bärn

Die Unterführung



Gesamterneuerung Bahnhof Burgistein: Bei den momentanen Witterungsverhältnissen ist das Ausführen der Bauarbeiten kein Schleck. Dennoch wird emsig gewerkelt. Mittlerweile ist auf der Nordseite der Aushub für die Unterführung vonstatten gegangen. Im Vordergrund wird die Treppe zu stehen kommen, im Hintergrund die von Westen her kommende Rampe.

12. Dezember 2012

Brrrrrrrrr!

Der diesjährige Winterstart beginnt Rekorde zu brechen, zumindest was die Temperaturen anbelangt. War es am 3. Dezember morgens um sieben Uhr minus 10 Grad – gemessen am ehemaligen Postgebäude beim Bahnhof – so sind es heute Morgen sagenhafte minus 15 Grad Celsius! Mit ein Grund sind die über Nacht abgezogenen Wolken, sodass die Erdabstrahlung ihre volle Wirkung entfalten konnte. Leider sprechen die Wettervorhersagen von einer markanten Temperaturerwärmung für den kommenden Freitag.

10. Dezember 2012

Direkte Demokratie

Im März 2012 begann ein Mini-Komitee mit der Sammlung von Unterschriften. Es ging um die Bewerkstelligung einer Versorgungslücke im Swisscom-Breitbandnetz und somit um die Behebung einer infrastrukturellen Ungleichheit. Währenddem einige Ortsteile bereits seit Längerem vom Breitbandnetz der Swisscom profitieren, tun dies andere Gemeindegebiete nicht. Ein paar motivierte Leute wollten dies geändert haben und reichten im April 2012 beim Burgisteiner Gemeinderat eine entsprechende Initiative ein. Kleine Gemeinde, kleiner Aufwand. Im Nu kamen die für ein gültiges Zustandekommen notwendigen 100 Unterschriften zusammen. Das Volksbegehren nahm seinen behördlichen Lauf und gelangte am Samstag, 8. Dezember 2012 an der Gemeindeversammlung zur Abstimmung. Entgegen der ablehnenden Haltung des Gemeinderates wurde die Vorlage vom Stimmvolk angenommen!



Die Initianten waren im Vorfeld der Abstimmung auf professionelle Art und Weise zu Werke gegangen. Die Website www.breitband-burgistein.ch informierte über Sinn und Zweck des Begehrens. Eine eigens gegründete Facebook-Gruppe versuchte die Massen für sich zu gewinnen. Egal weshalb, im Zeitalter der digitalen Kommunikation tut auch eine Gemeinde wie Burgistein gut daran, den Steuerzahlern eine optimale Versorgung zu bieten, selbst wenn der rot-blaue Riese andere Pläne hat und die öffentliche Hand nun 155'000 Franken springen lassen muss.

9. Dezember 2012

Nina 11 im Pulver



Welch ein Start in den Winter! Seit einer Woche liegt mal mehr (15 cm) und mal weniger (1.5 cm) Schnee. An diesem Morgen sind es gut und gerne 15! Der NINA 11 pflügt sich von Seftigen her durch den Pulver.

8. Dezember 2012

No einisch Dürsrütiwaud

We mir ar S-Bahn Bärn öppis bsungers guet gfaut, de sis die diräkte Züg vo Thun via Gürbetau–Bärn–Burgdorf ids Ämmitau. Es isch zwar vei e chli es Reisli, aber grad im Winter üsserscht gäbig. So bin i hüt wieder uf Ramsei gfahre, wie scho am letschte Samschti. Nid dass i die Wanderig uf Langnou no einisch ha wöue mache, o wes sechs sicher glohnt hät. Zersch bin i auso dr Ämme no uf Zoubrügg. Füfzäh Santimeter Neuschnee und es Wintermärli. Z Zoubrügg han i d Rute Richtig Dürsrütiwaud gno. Dört bin i letschti Wuche dürecho. Werum dass i usgrächnet no einisch i dä Waud ha müesse, wett i hie nid verrote. D Uflösig gits de i minere Januar-Kolumne ir Tierwäut z läse.

Hinter Ryblebärg überem Alischbachgrabe bi Zoubrügg (BE)

Vom Dürsrütiwaud isch es de über d Neumüli und ar Ämme no wieder zrügg uf Zoubrügg gange. Dise Winter het sech bis jetz usnähmend guet aagloh. Und i cha jedem numen empfähle, im Ämmitau düre Schnee z loufe und am Schluss ire bhäbige Beiz es Schöppli go z bleike. I ha mis im Rössli z Zoubrügg grad näbem Bahnhof zuemer gno. Meh Föteli vo dere Wanderig gits uf mim Fotoblog.

4. Dezember 2012

Mein Wintervorrat

Was tun im Winter, wenn das Tageslicht kurz und die dunkle Zeit lang? Lesen mitunter! Also habe ich diesen Herbst ein paar Wanderbücher gebunkert, die mir nun die Winterabende verkürzen sollen. Und weil ich mir den einen oder anderen Lesetipp auch aus Wanderblogs geholt habe, gebe ich meinen Wintervorrat hier gerne meiner Leserschaft weiter. Alle Texte stammen von den Verlagswebsites. Spätere kritische Würdigungen bleiben daher ausdrücklich vorbehalten.

R. Frei, D. de Roulet, W. Sieber, B.Bruggmann
Gallus-Wege
Zu Fuss von Bangor nach St. Gallen

Vier erfahrene Weitwanderer lassen sich zum Gallusjubiläum der Stadt St. Gallen von der Peregrinatio inspirieren und machen sich auf zu einer Stafettenwanderung von Bangor in Nordirland auf den Klosterplatz in St. Gallen. Appenzeller Verlag, Herisau, 2012
Oliver Schulz
Indien zu Fuss
Eine Reise auf dem 78. Längengrad

Oliver Schulz folgte der Route englischer Wissenschaftler, die im 19. Jahrhundert das Land vermassen, von der tropischen Südspitze bis hinauf in den Himalaja. Abseits der Touristenpfade durchquert er idyllische Landschaften und in die Breite wuchernde Städte, von Maoisten kontrollierte Dschungelgebiete und futuristische Hightech-Viertel. Er erzählt vom oft bizarren Zusammentreffen östlicher und westlicher Denkweisen. DVA Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2011


Cheryl Strayed
Wild
From Lost to Found on the Pacific Crest Trail

A powerful, blazingly honest memoir: the story of an eleven-hundred-mile solo hike that broke down a young woman reeling from catastrophe – and built her back up again. At twenty-two, Cheryl Strayed thought she'd lost everything when her mother died young of cancer. Her family scattered in their grief, her marriage was soon destroyed, and slowly her life spun out of control. Four years after her mother's death, with nothing more to lose, Strayed made the most impulsive decision of her life: to hike the Pacific Crest Trail from the Mojave Desert through California and Oregon to Washington State – and to do it alone. She had no experience as a long-distance hiker indeed, she'd never gone backpacking before her first night on the trail. Vintage Books, New York, 2012


Thomas Knubben
Hölderlin. Eine Winterreise

Anfang Dezember 1801 machte sich Friedrich Hölderlin von Nürtingen auf nach Bordeaux. Ihn trieb »die Herzens- und die Nahrungsnot«. In Frankreich hoffte er endlich die Existenz aufbauen zu können, die ihm zu Hause versagt geblieben war. Die Winterreise sollte zum Wendepunkt in seinem Leben und Schreiben werden: Das Vorhaben lässt sich gut an. Er wird freundlich empfangen und wohnt »fast zu herrlich«. Doch schon nach wenigen Wochen lässt er sich wieder einen Pass ausstellen und kehrt zurück. Sein Zustand ist trostlos. Die Freunde in Stuttgart erkennen ihn schier nicht wieder. Er ist vollkommen erschöpft und erregt zugleich, »leichenblaß, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler«. Was bloß war geschehen?

Anfang Dezember 2007 folgt Thomas Knubben der Route Hölderlins. Von Nürtingen aus wandert er über die Alb, über den Schwarzwald, über Straßburg, Lyon, die Auvergne nach Bordeaux. Er unternimmt eine poetische Wanderung. Er will wissen, ob auf diese Weise Neues zu erfahren ist über Hölderlins »fatale Reise«. Und ob es gelingen kann, den in den Dichterolymp Entschwundenen, zu seinen Lebzeiten durchaus politischen Poeten wieder ein Stück weit zurückzuholen in den Erfahrungshorizont der Gegenwart, ihn begreifbar zu machen in seiner alltäglichen poetischen Potenz.
»Erwandert«, entstanden ist so ein Buch, das zwischen der Winterreise Hölderlins und der eigenen Winterwanderung oszilliert, dabei auch die Kulturgeschichte der vielen anderen Winterreisen von Wilhelm Müller und Franz Schubert über Johann Georg Seume bis hin zu Werner Herzog und Richard Long einbezieht und so ein faszinierendes Panorama der Welterfahrung im Gehen schafft. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2012

2. Dezember 2012

Mammutjagd im Heimisbach

Manchmal liebt man ihn, manchmal nicht. Vor einer Woche wünschte ich ihn mir sehnlichst herbei. Für meine Januar-Wanderkolumne der Zeitschrift Tierwelt kann ich unmöglich grünbraune Matten, ziegelrote Dächer oder ockergelbe Mergelwege abliefern. Also musste für die Erkundung der geplanten Emmental-Route Schnee her. Und das Timing passte perfekt! Mein Wunsch paarte sich mit einem kühlen Feuchtlufttief, das netterweise die ins Auge gefasste Zone beflockte und hinterher eisigen Biswind ins Land schickte, der dem Zuckerguss die nötige Festigkeit verlieh. Der weisse Teppich war also ausgerollt, wir hatten ihn bloss noch zu begehen. Das Unterfangen gedieh zu einer veritablen Komfortwinterwanderung zwischen Ramsei und Langnau. Einen bislang noch nie gesehenen Tourismusgag entdeckte ich auf der Geilisguetegg. Am Bänklein warb ein Täfelchen für Emmentaler Mords- und Spukgeschichten.

Die permanente Berieselung mit medialem Gut macht auch vor Wanderungen keinen Halt.
Das Schildchen auf der Geilisguetegg ob Zollbrück (BE)

Bei minus fünf Grad hatte ich indes keine Lust, mein Handy zu zücken und mir – so sehr ich literarische Originalschauplätze liebe – eine dieser Stories anzuhören. Die aufgeführte Webadresse gab mir den Wink, der Sache von daheim aus auf den Grund zu gehen. Sämtliche Geschichten des Emmentaler Mords- und Spukweges können freilich bequem auf Youtube am PC angehört oder gar von der Website als MP3-Datei heruntergeladen werden. Natürlich wollte ich wissen, welche Geschichte der Geilisguetegg zugeordnet ist. «Mammutjagd im Heimisbach» von Frank Gerber, nennt sie sich. Ich fand sie nur mässig spannend. Und die Youtube-Besucherstatistik wies lediglich 23 Aufrufe auf. Ein wenig viel touristischer Aufwand für derart wenig Ertrag.

Blick von der Geilisguetegg über den Unteren Frittenbachgraben

1. Dezember 2012

Vor dem Vergnügen das Vergnügen

Winterwanderung
Trubschachen–Hohstullen–Langnau

Um von Trubschachen nach Langnau zu gelangen, gäbe es bedeutend kürzere Wege. Man liesse sich jedoch, würde man sie begehen, das erstaunliche Restaurant Bäregghöhe und weitere «Emmentalità» entgehen.

Trubschachen–Hohstullen–Langnau: die Route

Der Gasthof Bäregghöhe und der Weg dorthin nennt sich das Vergnügen vor dem Vergnügen. Jenes danach ist die Runde um den abseitig gelegenen Wittenbachgraben. Vom Bahnhof Trubschachen auf ausgeschilderter Route Richtung Bäregg, dem ersten Zwischenziel. Gegenüber der Kirche, an der Dorfstrasse 7 ein auffälliges Gebäude im Laubsägelistil: das in dritter Generation geführte Schuhaus Jakob. Ein wahrer Hingucker, auf den ennet der Trueb bereits der nächste folgt: der 1356 erstmals urkundlich erwähnte Gasthof Bären und angeblich älteste Bären der Schweiz. Die gigantische Frontfassade weist 31 Fenster und die Ründe stilvolle Malereien auf.

Schuhhaus Jakob in Trubschachen (BE)

Bären Trubschachen, 1356 erstmals urkundlich erwähnt

Links des Gebäudes hoch zu einer Wegverzweigung. Weiterhin auf die Bäregg zuhaltend zum Rand des Hasenleewaldes. Der angenehme Fussweg führt in der Steilflanke stets ansteigend und durch mehrere Gräben zu einem Strässchen am oberen Waldende. Diesem westwärts entlang bis zum Gasthaus Bäregghöhe.

Der Aufstieg zur Bäregg beim Schulhaus von Trubschachen

Ein schmaler Pfad führt durch die Steilflanke des Hasenleewaldes

Das Haus hoch über der Ilfis entspricht ganz und gar nicht dem Klischee eines behäbigen Emmentaler Landgasthofes. Dies ist weiter nicht tragisch, denn was das Wirtepaar Thomas Linder und Marianne Kühni seit über zehn Jahren im gut 100jährigen, einst als Kurhausbetrieb konzipierten Hause zelebrieren, ist vom Feinsten. Das Jugendstilambiente lädt zum Träumen und die Menükarte zum längeren Verweilen ein. Fazit: Die Einkehr ist ein Muss!

Chambre séparée im Restaurant Bäregghöhe mit Blick in die verhügelte Landschaft

Kulinarik ...

... und Interieur lassen im einstigen Kurhaus Bäregghöhe kaum Wünsche offen

Die Fortsetzung zur Fouzhöchi beginnt oberhalb der Wirtschaft und ist bis Hohstullen–Oltneren durchgehend markiert. Sollte die Bäregghöhe geschlossen haben (Mo, Di), kann am Rande des Fouzwaldes (Punkt 984) bei Tisch und Bank gerastet werden.
Auf breitem, meist bewaldetem Bergrücken nordwärts, vorbei an den Hoflichtungen von Oberst Rigenen und Bach in den Bachwald, wo sich beim Punkt 992 ein gedeckter, halboffener Blockhausbau zur Rast anbietet.

Oberst Rigenen

Nach einem weiteren Kilometer wird die stattliche Hofsiedlung Hohstullen erreicht. 500 Meter weiter nördlich wähle man den linken Weg Richtung Gugernülli, dem man bis Olternen, dem hintersten Hof im Wittenbachgraben folgt.

Hohstullen

Hier wird die offizielle Wanderroute verlassen und auf einem Fahrsträsschen zum unteren Hof von Olternen abgestiegen. Hier rechts haltend auf dem Strässchen weiter in eine mitunter waldige Partie, durch drei Gräben und über zwei Eggen bis zum ersten Gebäude des Stierenboden, einem freistehenden Spycher. Nördlich davon auf schwach erkennbarem Karrweg am Fusse eines steilen Hanges bis zum Waldrand. Hier nun nicht rechts den Weg hoch, sondern in gerader Fortsetzung in den Wald, wo ein ­schmaler Pfad schlecht erkennbar in einen Graben führt. Der einstige Karrweg ist an mehreren Stellen abgerutscht. Man halte daher die Augen offen und geniesse die Wildheit des Geländes. Rund 10 Minuten dauert der Spuk. Nach Erreichen des Waldrandes diesem entlang zur Fahrstrasse absteigen, wo ein gedeckter Rastplatz wartet. Die eher abenteuerliche Route kann auch umgangen werden, indem vom Stierenboden jenes Strässchen weiterverfolgt wird, welches 40 Höhenmeter tiefer den Wald durchquert und beim erwähnten Rastplatz auf die beschriebene Route trifft.
300 Meter nach dem Rastplatz wird der Hof Grindlen erreicht und damit die ausgeschilderte Route nach Langnau. Abstieg nach Chammershusschür am Schnittpunkt von Gohl- und Wittenbachgraben. Für 300 Meter folgt der Weg der Talstrasse, bevor es rechts über die Gohl und anschliessend kurz steil, später über Stufen zum Hinderen Gibel geht. Durch Wohnquartiere, vorbei an der katholischen und reformierten Kirche sowie am legendären Bären wird über die Marktstrasse das Zentrum von Langnau erreicht, wo der Bahnhof nicht mehr weit ist.

300-Meter-Abschnitt auf der Gohlgrabenstrasse

Beim Hof Gibel kurz vor Langnau

Reformierte Kirche von Langnau

Charakter: Lange Wanderung auf zum Teil nicht gut erkennbaren Wegen. Nicht durchgehend markiert. Distanz: 15.0 km Aufstieg: 600 m Abstieg: 660 m Dauer: 4½ Std. Karten: 1168 Langnau i.E., 244T Escholzmatt Einkehren: Bären Trubschachen, Telefon 034 495 51 ­­08, Ruhetag Mi ab 14 h, Do; Gasthaus Bäregghöhe, Ruhetag Mo, Di, Telefon 034 495 70 00, www.baeregghoehe.ch Hin: mit der Bahn bis Trubschachen Zurück: mit der Bahn ab Langnau i.E.


25. November 2012

8° 25' 30,36'' / 47° 34' 02,64''





Dieser Grenzstein markiert die nordöstlichste Festlandecke des Kantons Aargau nahe des mittelalterlichen Städtchens Kaiserstuhl. Die Grenzlinie setzt sich indes noch einige Meter in nördlicher Richtung fort, wo sie in der Rheinmitte auf Baden-Württemberg trifft und zusammen mit Zürich ein Dreiländereck bildet.

Auf der 12. Etappe meiner Aargau-Umrundung liessen wir es beim geografisch nicht ganz korrekten Nordostpunkt bewenden, ehe wir uns rheinabwärts nach Mellikon begaben. Gestartet waren wir übrigens in Niederweningen. Auf der zu weiten Teilen exakt entlang der Kantonsgrenze verlaufenden 19-Kilometer-Route fanden wir einmal mehr hübsch inszenierte Argauness vor. Mehr dazu im Aargau-Rundum-Blog.

24. November 2012

Petrefakten und Mystik

Neulich waberte und riss der Nebel über dem Ballenbühl oberhalb Ursellen bei Konolfingen. Der aus zwei Linden bestehende Aussichtsgupf war abwechselnd während Minuten über, hälftig und mitten im Wasserdampf. Von irgendwoher wusste ich, dass es sich bei dieser Lokalität um einen Kraftort handelte. Doch einmal mehr blieb mir das Kraft- und Energieempfinden eines derartigen Ortes versagt. Vielmehr beauftragte ich meine Kamera, die mystische Stimmung einzufangen und auf dem Hightech-Sensor der Digitalkamera möglichst originalgetreu abzubilden. Hier die Resultate.






Die Ballenbühl'sche Kraftsache liess mich nachträglich noch ein bisschen herumgoogeln. Hängen geblieben war ich dann bei etwas Unerwartetem. Über das Geographische Lexikon der Schweiz aus dem Jahre 1902 stiess ich unter dem Stichwort Ballenbühl auf den Hinweis, dass es sich hier unter anderem um einen Fundort von Petrefakten handle. In Meyers Konversationslexikon des dem 18. Jahrhunderts las ich sodann: «Griech., lat. Petrifakte für Versteinerungen, Fossilien, fossile organische Reste, im allgemeinen alle durch Umwandlung ihrer organischen Substanz oder eines Teils derselben oder durch Umhüllung in ihrer Form erhaltenen organischen Körper, welche man in Gesteinen eingeschlossen findet». Aha, dachte ich. Und jetzt?

15. November 2012

Der Morgenzug



Bahnhof Burgistein: Der 07.05-Uhr Zug nach Thun wird vor allem von Schülern, Auszubildenden und Arbeitspendlern benutzt. Als Trieb- und Steuerwagen dienen ehemalige Rollmaterialien des Regionalverkehrs Mittelland (früher Emmental-Burgdorf-Thun Bahn). Die zwei Zwischenwagen sind Umbauten der BLS. Im Vordergrund das Notperron, dessen Holzoberfläche aus Sicherheitsgründen mit einem grünen Kunstteppich versehen worden ist. Dieser ist nach einer frostigen Nacht mit Reif überzogen. Das Bild wurde ohne Stativ aufgenommen. Die Belichtungszeit betrug bei ISO 400 und 4-facher Unterbelichtung 1/5-Sekunde.

Fluch oder Segen?

«Psychiater, Politiker und Tyrannen versichern uns ohne Unterlass, dass ein Wanderleben eine anomale Verhaltensweise sei, eine Neurose, eine Form unbefriedigten sexuellen Verlangens, eine Krankheit, die im Interesse der Zivilisation ausgerottet werden müsse. Die Propagandisten der Nazis behaupteten, dass Zigeuner und Juden – Völker mit dem Wandertrieb in den Genen – keinen Platz in einem stabilen Reich hätten. Und doch hat der Ferne Osten die einst in der ganzen Welt gültige Vorstellung beibehalten, dass Wandern die ursprüngliche Harmonie wiederherstelle, die einst zwischen Mensch und Universum bestanden hat.»
Bruce Chatwin, Traumpfade , 1987

10. November 2012

Der Intelligenzquotient von Wasser

Heute ging ich von Einsiedeln nach Oberägeri. Ein Dreistünder auf dem Pilgerweg vom Schwyzerischen ins Zugerische. Wie bereits vor Wochenfrist ermöglichte föhnbedingtes Schongangwetter passables Wandern. Auf dem Abstieg vom Katzenstrick, einem Pässlein, welches das Hochtal von Rothenthurm mit Einsiedeln verbindet, eine Tafel mit der Bezeichnung «Gyr-Q.». Sonderbare Q-Abkürzung, dachte ich. Klingt wie IQ, macht aber null Sinn. Erst der bombierte Schachtdeckel neben dem Täfelchen brachte die Lösung: Q steht für Quelle. Als ich wenige Schritte weiter ein Täfelchen mit Kälin-Q. sah – wobei die Erosion den Namen zu Käiin mutieren liess – hatte ich die Bestätigung meiner Q-Interpretation.

Welchen IQ hat das Wasser der Gyr-Q.?

Zwei Fragen beschäftigten mich bis zum Zwischenhalt im Gasthaus Schlüssel oberhalb der Dritten Altmatt, wo mir der Wirt netterweise den Kaffee spendierte, nicht weil ich etwa kein Geld mitführte, sondern ... nun, das ist eine andere Geschichte. Zu den zwei Fragen: 1. Weshalb benennen die Rothenthurmer ihre Quellen? 2. Welchen IQ hat Wasser?

8. November 2012

Sörens Rat

«Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu, zu gehen: ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen los würde ... beim Stillsitzen aber und je mehr man stillsitzt, kommt einem das Übelbefinden nur um so näher ... Bleibt man so am Gehen, so geht es schon.»

Sören Kierkegaard, Brief an Jette (1847)

5. November 2012

Das Föhnfenster

Am Samstag war wiederum Aargau rundum, mein Gehprojekt entlang der Aargauer Kantonsgrenze. Der anhaltende Föhn ermöglichte nicht nur eine tadellose Überquerung der Lägeren, er – oder wer auch immer – hatte auf dem Lägerengrat eine nicht alltägliche Überraschung, mit einer Baseball-Mütze in der Hauptrolle, parat. Die komplette Geschichte der elften Etappe gibt's auf www.aargaurundum.blogspot.ch

Föhn sei Dank: Blick von der Lägeren über den Altberg auf Zürich und den Zürichsee.
 Im Hintergrund das Glärnischmassiv


4. November 2012

Sämis Bänkli

Heute ging ich von Büren an der Aare nach Arch. Zunächst durch das autoverseuchte Städtchen, hernach der Aare entlang bis zur gigantesken Aarebrücke, welche Grenchen mit Arch verbindet. Auf Rütener Gemeindegebiet zeigte ein hölzerner Wegweiser mit der Aufschrift «Sämis Bänkli» zur Aare hinunter. Ich folgte ihm und stiess nach wenigen Schritten auf besagtes Objekt. Mit Sämi ist der in Rüti wohnhafte alt Bundesrat Samuel Schmid gemeint. Ihm zu Ehren wurde die geschützte Stelle am Fluss errichtet und benannt.

Samuel Schmid: Das ex SVP- und spätere BDP-Mitglied erinnert mich beim Sprechen immer wieder an einen Bauchredner. Dies, weil er seine Sätze praktisch ohne die Lippen zu bewegen
und bei kaum geöffnetem Mund zu artikulieren vermag.

Henu, i ma am Sämi Schmid sis Plätzli ar Aare vo Härze gönne, nid zletscht drum, wöus es Örtli isch, wo aune öffentlech zuegänglech isch und d Ussicht uf ds äneren Ufer e beruigendi Würkig uf eim usüebt.


Was blüht denn da zur späten Jahreszeit am Aareufer bei Rüti (BE)?

Sämis Bänkli am Aareufer seines Wohnortes Rüti bei Büren (BE)

Ausblick von Sämis Bänkli mit kontemplativer Wirkung