16. Juli 2020

Niederdorfgeschichten

Guido J. Kolb: Niederdorfgeschichten,
NZN Buchverlag, Zürich, 1976
«Begegnungen mit Sonderlingen, Käuzen und anderen netten Menschen möchte ich diese kleinen Momentaufnahmen aus dem Zürcher Niederdorf bezeichnen. Ich erzähle Erlebnisse, Begebenheiten, Situationen aus dem gewöhnlichen, alltäglichen, unauffälligen und doch so spannenden, pulsierenden und gerade darum faszinierenden Leben. Die Geschichten sind also ‹wahr›, wie das Leben selbst in seiner Vielfältigkeit wahr ist. Aus zwei schlichten Überlegungen habe ich diese ‹Niederdorfgeschichten› geschrieben:

Ich plaudere einerseits von Menschen und Ereignissen, die in den Augen der grossen Welt unwichtig scheinen, die aber trotzdem so liebenswert und fröhlich sind. Ich wünschte mir, dass sie im Lichte ‹der Frohen Botschaft›» aufleuchten. Anderseits wollen die Geschichten dartun, wie beglückend die Seelsorge eines Priesters sein kann. Man läuft Gefahr, dass man ob allen Fragen und Sorgen, ob allem Leid und Elend – und es gibt dies alles wirklich – mutlos, griesgrämig resigniert. Aber wir haben keinen Grund, kopfhängerisch in die Welt zu schauen, da wir auf Schritt und Tritt doch so viel Erfreulichem begegnen. Vielleicht müssten wir uns mehr darin üben, die Augen offen zu halten für die unscheinbaren, verborgenen und stillen Werte; freundliche, sonderliche, liebenswürdig abgefeimte, schlaue und hintertriebene Originale und sonstwie nette Menschen warten darauf, dass wir sie entdecken.

Es ist eine Freude, sich mit Menschen zu beschäftigen. Jeder ist seine eigene – kleine oder grosse, unbedeutende oder schillernde – Welt. Doch jeder hat ein Tor, durch das wir·in sein Inneres eintreten dürfen. Wir erleben dann jedesmal eine neue, geheimnisvolle, sonnige oder nebelgraue Welt. Von diesen unbedeutenden Entdeckungsreisen möchten die Geschichten erzählen.

Und dann das liebe «Niederdorf›! Ich freue mich, es von einer ganz andern Seite schildern zu können. Viele Zürcher ahnen kaum, was in den belebten Strassen, in den schmucken, verträumten Gässchen, in den alten Häusern und oben in den Mansarden, hinter den öden Fassaden und in den ungezählten Wirtschaften an Lichtvollem und Dunklem geschieht. Darf ich wohl meine ‹Niederdorfgeschichten› als eine verschämte Liebeserklärung an die Zürcher Altstadt verstehen?
(Vorwort des Autors)

ZH: Niederdorf Zürich

Guido Johann Kolb (27.3.1928–2.1.2007) stammt aus dem St. Galler Rheintal. Er war Industriekaufmann und studierte als Spätberufener Theologie in Innsbruck und Chur. 1960 wurde er Vikar an der Zürcher Liebfrauenkirche, wo er die seelsorgerliche Betreuung des Niederdorfs innehatte. Seine erste Pfarrstelle übernahm er 1966 im Zürcher Arbeiterquartier Schwamendingen in der Pfarrei St. Gallus, wo er der Nachfolger von Franz Höfliger wurde, dem er in seinem Werk Franz Höfliger der Bettelprälat 1988 postum ein Denkmal setzte. Danach war Guido Kolb von 1972 bis 1992 Pfarrer von St. Peter und Paul, der katholischen Mutterkirche von Zürich in Aussersihl. Er war von 1969 bis 1974 Dekan von Zürich, ab 1976 Domherr des Bistums Chur. 1993 wurde er altershalber in die kleine Pfarrei St. Martin im vornehmen Flunternquartier am Zürichberg versetzt, fühlte sich dort aber nicht heimisch und kehrte 1998 nach einem kurzen Abstecher in Wiedikon als Aushilfspfarrer wieder nach St. Peter und Paul zurück. Dort starb er 2007 im zur Gemeinde gehörenden Altersheim, das er selbst seinerzeit projektiert hatte. Bis zuletzt arbeitete er an seinem letzten Werk zum Jubiläum der römisch-katholischen Gemeinde in Zürich.

Kolb begann mit dem Schreiben an der Liebfrauenkirche, wo er im Pfarrblatt als Seitenfüller kurze Geschichten aus seiner Arbeit im Niederdorfquartier verfasste. Als ihm vorgeschlagen wurde, diese Geschichten zu veröffentlichen, schickte er sie an den Verlag der damaligen katholischen Zeitung Neue Zürcher Nachrichten (NZN). Die Antwort war: «Kein Interesse». Schliesslich war ein Verlag bereit, das Buch zu publizieren, wenn Kolb sich verpflichtete, nach drei Jahren alle unverkauften Bücher zu übernehmen. Kolb verpflichtete sich – und das Buch, die Niederdorfgeschichten, fand reissenden Absatz. Seit seinem Erscheinen 1976 wurden in bisher 13 Auflagen über 50.000 Exemplare verkauft.

Kolb beschreibt in seinen mittlerweile über zwanzig Büchern die Geschichten von einfachen Leuten und Randexistenzen, denen er als Seelsorger begegnet ist. Es sind Alltagsgeschichten aus der praktischen Arbeit des Pfarrers, mit viel Liebe und Humor geschildert.

Im Juni 2007 erschien postum das Buch «Als die Priester noch Hochwürden hiessen». Es schildert die Geschichte der katholischen Gemeinde im reformierten Zürich von 1807 bis 2007.

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