30. Juli 2020

Högerland

Kurt Marti: Högerland, Luchterhand,
Frankfurt/Main, 1990
Kurt Martis Fussgängerbuch ist ein Plädoyer für eine aus der Mode gekommene Fortbewegungsart. Zeit bedeutet Geld, wer hastet, hat den Eindruck, er würde seinen Alltag sinnvoll verbrauchen. Kurt Marti, pensionierter Pfarrer, hat sich in die überlebte Rolle des Spaziergängers und Wanderers hineinbegeben. Knapp vier Jahre hat er beobachtet, was jemandem widerfährt, der Schritt vor Schritt setzt. Das Ergebnis ist ein Tagebuch, das ein Leben in seinen Melancholien und glücklichen Augenblicken zeigt und, geschürt durch die Musse beim Ausschreiten, gnadenlos den Blick für die Schäden schärft, die wir Landschaft und Natur beibringen.

Aber zunächst und zuerst Idylle: Wolken, der Gang der Sonne über den Himmel, Bäume, Berge – Kurt Marti ist ein Wanderer, der sich den Wonnen des Schauens mit Freude hingibt. Er wird nicht satt, in Bern, im Berner Oberland, im Emmen- und Simmental die Wege abzuschreiten, die Berge hinauf- und hinabführen. Ein «Sammler von Aussichten» ist unterwegs.

Doch diesen aus Spass Fliehenden holt die Zivilisation ein. Kein Wanderweg, der nicht von Lärm, Gestank beeinträchtigt wäre. Autostrassen durchziehen das Land. Selbst wenn Kurt Marti auf einem harmlosen Feldweg angekommen ist, wird seine Stimmung nicht heiterer: Überdüngung, geklonte Getreidesorten, Tiere, die wie Maschinen nach Kosten-, Nutzenüberlegungen behandelt werden. Der Fortschritt hat, woran der Wanderer vorbeistreift, nach seinem Ungeist geformt.

Die Wanderungen rühren auch an die Person des Autors. Beim Gehen vergeht Zeit. Rückblicke auf das eigene Leben setzen der unsteten Gegenwart haltbarere Biographiefragmente entgegen. Die Wehmut eines in die Jahre gekommenen Mannes lässt sich ein wenig vertreiben. Überhaupt entwickelt Kurt Marti im Gehen ein ungewöhnliches Gerechtigkeitsempfinden, das sich gegen die Achtlosigkeit der Geschichte wehrt.
(Klappentext)

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