9. Februar 2017

Dem Zeitgeist verfallen

Paulo Coelho: Auf dem Jakobsweg,
Diogenes, Zürich, 1999
So sehr ich den Diogenes Verlag schätze, mit diesem Paulo Coelho kann ich weder hinten noch vorne etwas anfangen. Sein Buch «Auf dem Jakobsweg» erliegt denn gleich einem doppelten Zeitgeist: 1. Der vermeintlichen Wiederentdeckung dieser Pilgerroute, die mittlerweile zum modischen Wanderziel für jedermann verkommen ist. Und 2. dem esoterischen Gehabe einer Welt, die sich besser an der Realität orientiert als an der Beliebigkeit des Unsichtbaren. Mehr habe ich aus meiner Warte zu diesem Bericht nicht zu sagen. (Es spricht der Agnostiker.)

8. Februar 2017

Bis bald

Markus Werner: Bis bald, dtv, München,
1992, heute im Fischer Taschenbuchverlag
erhältlich
Am hellen Himmel des Denkmalpflegers Lorenz Hatt geht plötzlich ein Unstern auf. Der zwingt ihn, als Gefesselter zu leben. Hatt sitzt und hofft und wartet auf die Rettung. Und sässe nicht an manchen Tagen ein stiller Gast bei ihm, so wäre seine Zeit noch trüber. Ihm nämlich erstattet Hatt Bericht und macht dabei aus seinem Herzen keine Mördergrube. Wer zuhört, spürt, dass hier von uns die Rede ist, von unserem Warten, unserem Hinken, von Weltsucht, Lebensdrang und Atemnot. So begleiten wir ihn bis zu einem Ende, das wir nicht ahnen wollten. (Inhaltsangabe zum Buch)

GR: Seewis (Reha-Klinik) D: Lübeck FIN: Finnland TN: Tunesien

7. Februar 2017

Eine literarische Entdeckung

Werner von der Schulenburg: Artemis
und Ruth, Piper, München, 1947
Seit der Publikation des Literaturwanderführers «Das Klappern der Zoccoli» (Rotpunktverlag) führe ich eine Liste mit Romanen und Erzählungen, die gänzlich oder teilweise im Tessin angesiedelt sind. Neulich habe ich das Verzeichnis wieder hervor geholt und mich im Web auf die Suche nach längst vergriffenen Werken gemacht. Hierbei erstand ich unter anderen drei Büchlein eines gewissen Werner von der Schulenburg (1881–1958). Allein seine Biografie ist bemerkenswert. Meine erste Lektüre galt der Erzählung «Artemis und Ruth». Und ich war begeistert! Von Schulenburg verstand es, den Plot so zu konstruieren, den den Leser von Anbeginn nicht mehr loslässt. Und die Sprache! Schnörkellos und präzise. Schade ist diesem Schriftsteller kein nachhaltiger Ruhm beschieden. Seine Werke dümpeln heute in irgendwelchen Antiquariaten herum. Nun denn: Ich freue mich auf das Lesen der zwei anstehenden Geschichten «Briefe vom Roccolo» und «Tre Fontane». Und sollten sich diese ebenfalls als Leckerbissen herausstellen, werde ich mir weitere von Schulenburgs geistig einverleiben.

Interessantes Detail am Rande: Die Erzählung entstand am Tegernsee (Bayern) in der Zeit vom 23.3. bis zum 25.5.1945, also in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs. Veröffentlicht wurde das Taschenbuch 1947. Im Impressum liest sich kleingedruckt: «Military Government Information Control License Nr. US-E-125».

TI: Lugano, Muzzano (Hauptschauplatz), Tesserete I: Venedig, Brescia

5. Februar 2017

Der Gehülfe

Robert Walser: Der Gehülfe, Bertelsmann
Lesering, 1955. Das Buch ist erhältlich im
Suhrkamp Verlag, Frankfurt
Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Robert Walser in Berlin nach zigeunerhaften Jugenderlebnissen diesen Roman geschrieben hat. Inzwischen haben ungeheure Stürme die Welt und die menschliche Gesellschaft erschüttert. Aber noch immer strahlt von dieser Prosaschöpfung, die ihr Verfasser als eine Darstellung des schweizerischen Alltagslebens aufgefasst haben möchte, der zeitlose Zauber eines Meisterwerkes aus. Es besteht aus einer nur Walser eigenen Mischung von nüchterner Rücksichtslosigkeit und sublimer Zartheit, von geistreichem Humor und dunkel beschattetem Ernst, durch den in unvergesslichen Farben und Nuancen der auch von Klopstock und Goethe besungene Zürichsee glitzert.

Thematisch mag der «Gehülfe» als die Geschichte des Zerfalls einer bürgerlichen Familie und eines geschäftlichen Unternehmens gelten, wobei sich der Dichter in der Figur des Gehilfen ironisch selbst porträtiert. Aber dahinter verbirgt sich der Mensch von gestern, heute und morgen in seiner ganzen Schäbigkeit, doch auch Möglichkeit zum Grossen, Schönen – erkannt, mitgelitten und belacht von einem Sprachkünstler, der überall dort, wo er sein Auge und Herz hinwendet, neue Entdeckungen in der Arktis der Wahrheit macht. (Klappentext)

ZH: Wädenswil (v.a. Villa Abendstern an der Bürglistrasse 37)

4. Februar 2017

Spezielle Rast dank Wetterkapriolen

Mein Erstaunen war gross, als sich immerhin sechs Leute zu einer Wanderung anmeldeten, die im unteren Emmental bei angesagtem Regen, Schnee und starkem Westwind über die Bühne gehen sollte. Der aufgebrachte Mut, die Überwindung des inneren Schweinehundes und die in Kauf genommenen Strapazen haben sich durchaus gelohnt, wie ich resümierend feststellen darf.

Wir gingen von Grünenmatt durch Gotthelf'sches Literatur-Territorium am Schloss Trachselwald vorbei in den Heimisbach, dem von Simon Gfeller, der nebst Rudolf von Tavel zur Haute Volée der Berner Mundartdichterszene gehört, mit seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal gesetzt worden ist. Eine Stunde nach Wanderstart setzte feiner Schneefall ein, der bald in groben Nassschnee über ging. Wie wir aus dem Heimisbach auf einen Hügelzug aufstiegen, kamen die angekündigten Windböen herangebraust. Und Nassschnee wurde zu Regen. Gruusig!




Zufälligerweise erfuhr ich wenige Tage vor dieser Wanderung, dass unsere Route am Haus von eben diesem Simon Gfeller vorbeiführen würde, der daselbst geboren wurde und seine Kindes- und Jugendjahre verbracht hat. Als wir auf dem Zugut, so der Name des Hofes, anlangten, schien die Sonne. Weil eine Rast anstand, suchten wir Schutz vor dem Wind und fanden ihn beim gedeckten Hofbrunnen. Da öffnete sich die Haustür und eine Frau bat uns, doch in den Schopf zu gehen, dort habe es einen Tisch und Bänke. Und so kam es, dass wir bei der Grossnichte von Simon Gfeller, am Schärme pausieren konnten. Schöni Gschicht!

Auf dem Hof Zugut wuchs der Mundartdichter Simon Gfeller auf



Bei Sonne gingen wir weiter und umrundeten den oberen Talabschluss des Heimisbachs. Von Westen zog eine neue Wolkenfront heran, die uns nicht etwa neues Schneegestöber brachte: Es begann zu nebeln. Die Sicht schränkte sich zeitweise auf gut 100 Meter ein. Was für ein Wetterkino! Dass wir dann wenige Minuten vor unserem Ziel Sumiswald bei einem Hof über eine Baustelle gehen mussten, hätte nicht sein müssen. Bis dahin waren nämlich unsere Schuhe sauber geblieben. Hernach sahen sie aus, als wären wir zwei Wochen durch die schlimmsten Sümpfe Sibiriens gegangen. Dazu passte, dass im Sternen gerade kein Wasser verfügbar war. Ich gehe jedoch davon aus, dass in der Zwischenzeit der Gaststubenboden von unserem Dreck befreit worden ist.

1. Februar 2017

Klo des Monats


Nein, für einmal keine Schüssel und kein Pissoir. Oben stehende Anleitung entdeckte mein Wanderkumpel T. im Örtchen eines fahrenden Zuges der Zentralbahn. Auf die Idee, während der Fahrt auf eine Klobrille zu stehen, um sein Geschäft zu verrichten, muss erst einer kommen. Bleibt zu hoffen, dass das Verbot keine schlafenden Hunde weckt ...

31. Januar 2017

Zu Fuss zum Nordpol

Paul Quast: Zu Fuss zum Nordpol, Verlag
Worldwide Travel.
Lebensfeindlich, kalt und abweisend – so stellt man sich die Arktis vor. Kaum jemand kennt die faszinierenden Reize dieser Region hoch oben im Norden. Paul Quast fängt den Leser wie kaum ein anderer zuvor mit dem Zauber des Nordens ein. Er schildert die anfänglichen Ängste und Zweifel, die dann umschlagen in eine euphorische Begeisterung und Liebeserklärung an den Nordpol, den er am 27. April 2003 um 12.30 Uhr erreicht. Für Interessierte gibt er Tipps und Ratschläge für den Aufenthalt in der Arktis.

Unterhaltsame Lektüre eines Abenteuers, das heute bei spezialisierten Reiseveranstaltern gebucht werden kann. Quast war mit dem DAV Summit Club unterwegs. Die Expedition stand unter der Leitung von zwei russischen Arktis-Experten. Schade fand ich, dass nach Erreichen von 90° Nord ein Transporthelikopter angeflügelt kam und die Mannschaft zurück ins Basislager flog. Meiner Meinung nach ist die Expedition nur halb gelungen ... aber gefeiert wurde das Ganze wie der Sieg über die menschenfeindlichste Wüste der Welt. Wie ist das schon wieder beim Bergsteigen nach Erreichen des Gipfels ...

28. Januar 2017

Wie das Verb «gersauern» entstand


Gersau um 1870. Quelle: Wikipedia.
Man lernt doch nie aus; gerade in diesen Tagen und Wochen, wo ich mich intensiv mit dem Kanton Zug beschäftige. Nun ist mir gestern ein mir bis dato unbekanntes Wort begegnet: «gersauern». Es leitet sich ab von der Gemeinde Gersau am Vierwaldstättersee, die bis 1817 eine eigenständige freie Republik war.
In der Zeit ihres Bestehens war die Republik, am steilen Südhang der Rigi gelegen, nur auf dem Wasserweg über den Vierwaldstättersee zu erreichen. Eine Strasse in das benachbarte Brunnen wurde erst 1867 gebaut.
Seit Beginn ihres Bestehens war die Freie Republik Gersau ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Schon am 31. August 1359 wurden die «ehrbaren Leute, die guten Nachbarn und Kilchgenossen von Gersau und Weggis» mit einem Bündnisbrief ins Bündnis der Eidgenossen aufgenommen. 1390 hatte sich Gersau von allen Vogteirechten an Habsburg (verpfändet an die Junkersfamilie Moos in Luzern) freigekauft und erhielt seine formale Unabhängigkeit am 31. Oktober 1433 durch Kaiser Sigismund, der in Basel Hof haltend das Gebiet in einer Kaiserurkunde als reichsunmittelbares Gebiet (Freies Reichsdorf) direkt unter den Schutz des deutschen Kaisers stellte. Mit dem 28. Juni 1436 erhielt die Republik ihr eigenes Staatsrecht mit eigenem Hof- und Eherecht. Die höchste Gewalt lag bei der von einem Landammann geleiteten Landsgemeinde. Auch die hohe Gerichtsbarkeit wurde von der Republik selbst ausgeführt.
Die Bevölkerung war arm und lebte hauptsächlich von der Land- und Alpwirtschaft. Bei ihrer Gründung hatte die Republik zirka 1000 Einwohner, um 1730 waren es noch 500. Erst nach der Aufnahme in den Kanton Schwyz blühte die Wirtschaft auf, besonders durch die Seidenspinnerei. Die Freie Republik Gersau besass auch eigenes Militär und kämpfte zumeist auf Seiten ihrer Schirmorte Schwyz und Luzern. Anfangs war die Kriegsmannschaft 24 Mann stark; später wurde sie auf 54 Mann aufgestockt. Die freie Republik hatte über die Wirren der Helvetischen Republik hinaus Bestand. 1798 zwar dem Kanton Waldstätten zugeordnet, wurde sie später Teil des Kantons Schwyz und 1814 nochmals selbständig. Gersau wurde 1817 durch Beschluss der eidgenössischen Tagsatzung aufgelöst und bildet seit 1818 einen Bezirk des Kantons Schwyz.

Die eigenständige Stellung dieses kleinen Gemeinwesens weckte neben Neid auch den Spott seiner Nachbarn. Über die Gersauer werden dieselben Narrengeschichten erzählt wie über die Schildbürger. In der Innerschweiz ist «gersauern» auch heute noch ein Ausdruck für unüberlegtes, umständliches Handeln.

27. Januar 2017

Umzug, die Kehrseite

Wie im Post von gestern angekündigt, hier die Rückseite meines Buches «Umzug», das noch 2017 erscheinen wird.


26. Januar 2017

Der Zug um Zug

Sieben Tage werde ich am Ende auf der Grenze rund um den Kanton Zug gewandert sein. Und ja, es wird ein Buch darüber geschrieben. «Umzug» nennt es sich. Und nein, ich ziehe nicht um. Nicht in den reichsten Kanton der Schweiz mit seinen sauteuren Mieten und saugünstigen Steuern. Vielmehr will ich anlässlich meines Umzugs den Kanton in all seinen Facetten näher kennen lernen und darüber schreiben. Meine bisherigen Recherchen haben einiges ans Licht befördert, das von allgemeinem Interesse sein dürfte. Der Kanton Zug ist mehr als Glencore und Kirschtorte! Versprochen.

Weil der Apetitt bekanntlich beim Wandern kommt: Hier schon mal den vorderen Buchumschlag. Wer dran bleibt, sieht im Blog von morgen die Rückseite.


25. Januar 2017

Heiniger in Buchform

Tinu Heiniger: Mueterland, Faro im Fona-
Verlag, Lenzburg, 2011
Eigentlich ist mir der Langnauer Liedermacher Tinu Heiniger sympathisch, dann aber auch wieder nicht. Vor allem dann nicht, wenn er singt. Kein Wunder: Sein Lieblingssänger ist Bob Dylan, mit dem ich nicht wirklich viel anfangen kann. Dennoch hat dieser Heiniger etwas, das mir imponiert: Er kann formidabel Geschichten erzählen. Und zwar in der Schriftform. Zu diesem Schluss komme ich nach der Lektüre des 2011 erschienenen Buches Mueterland. Darin berichtet Tinu Heiniger über seine Jugendjahre in diesem behäbigen Emmental, dessen Nähe zu Gotthelf damals noch spürbar war. Mit viel verstecktem Witz und feinem Humor erzählt der heute 71-Jährige wie das war, als er den «Tschäss» entdeckte und selber zu spielen begann, oder wie er sich als Fussballer beim FC Langnau versuchte und welche Bedeutung der Schlittschuhclub Langnau einst hatte und heute immer noch hat, obschon er seit etlichen Jahren in Schöftland wohnt.

Der Emmentaler im Aargau! Den Hügeln ist er treu geblieben, auch wenn sie nicht mehr so hoch sind. Beim Lesen von Heinigers Mueterland, entsteht unweigerlich der Eindruck, der Heiniger, dieser Heiniger braucht die Hügel, hinter denen neue Geschichten lauern, die er nur zu entdecken und in irgendeiner Form zu verarbeiten braucht. Und trotz aller Abgeschiedenheit ist aus Tinu Heiniger beileibe kein Hinterwäldler geworden. Ganz im Gegenteil. Aufmüpfig war und ist er. Politisch links, aber dennoch voll und ganz mit der Heimat verwurzelt. Und das gefällt mir an Heiniger: Er weiss genau, woher er kommt, und dass er diese Herkunft nicht verleugnen kann und will. Dennoch ist er stark und ehrlich genug, sich nicht auf jene Geleise zu begeben, die das geblühmte Trögli über alles stellt. Er weiss auch genau zu unterscheiden zwischen «Unterhaltungsbrunz», seinem Skandalwort Ende der Siebzigerjahre, und der ungekünstelten Folklore, die selbst einem kritischen, mit der Heimat verbundenen Menschen Hühnerhaut beschert.

Besonders lesenswert sind auch das Vorwort von Bänz Friedli sowie eine Art Briefwechsel mit Pedro Lenz. Das Buch gibt es zudem auch als Hörbuch.

24. Januar 2017

Ästhetik einer Brücke



Die Rotary-Brücke am Broyekanal entstand anlässlich der Expo.02 und dient Fussgängern, Radfahrern und Inline-Skatern zur Überquerung des legendären Röstigrabens. Die Spannweite beträgt über 60 Meter. Das Bauwerk kostete über 2 Mio. Franken.

23. Januar 2017

Auf der Nahtstelle zwischen Zug und Zürich

Die 3. Etappe auf der Zuger Kantonsgrenze (grün): von Hütten nach Uerzlikon. Rot die Route.
Gute 20 Kilometer waren das vorgestern entlang der Zuger Kantonsgrenze. Von Hütten (ZH) hinunter an die Sihl und in deren Graben bis zum dadaistisch anmutenden Sihlbrugg. Hernach eine komplett andere Szenerie: offenes Gelände mit geschlossener Aussicht. Der tief hängende Hochnebel hatte alles im Griff. Dafür ging ich über weite Strecken haargenau auf der Grenze. Die Fülle an Eindrücken war derart gross, dass ich beinahe 500 Bilder schoss.

21. Januar 2017

Am Hüttentisch

Otto Zinniker: Am Hüttentisch, Orell Füssli,
Zürich, 1966
In einer Klubhütte eingeschneite Bergsteiger erzählen einander Geschichten von seltsamen Schicksalen, eigenartigen Menschen und merkwürdigen Begebenheiten, Geschichten, die dem Heimatlichen und dem Ungewöhnlichen gleicherweise verbunden sind.

BE: Grimselpass, Guttannen, Kaltenbrunnen

Otto Zinniker (7.6.1898–21.4.1969) wurde in der aargauischen Dorfgemeinde Strengelbach geboren. Er besuchte dort die Primarschule, dann die Bezirksschule in Zofingen, danach das Lehrerseminar in Wettingen. Nach kurzer Erziehertätigkeit studierte er an den Universitäten Bern, Zürich und Königsberg i.Pr. In Zürich erwarb er in Philosophie I den Doktortitel. Seither war er Redaktor in Biel, bis er sich vor kurzer Zeit von dieser Tätigkeit löste, um sich ganz schriftstellerischen Aufgaben widmen zu können.

Sein schriftstellerisches Werden reifte langsam aus der Prosaskizze zu Roman und Novelle. Die ersten Stoffe entnahm er der Bergwelt. Ihn, der immer sehr naturverbunden war, der noch heute die grösste Freude am stillen Wandern hat, an der Versenkung in der Natur, beschäftigte vor allem, wie sich der Mensch zu ihr stellt, in ihr verhält. Danach ging er über zur Gestaltung rein menschlicher Probleme, deren Grund in der Schwere seiner Jugendzeit zu finden ist. Seine geistige Haltung beeindruckten vor allem die Freundschaft mit Hans Morgenthaler, dann Begegnungen mit Alfred Huggenberger, Hermann Hesse, Max Picard.

Nicht allein unser Land lernte Otto Zinniker auf Reisen und Wanderungen kennen, sondern auch Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Ungarn und Jugoslawien. Längere Aufenthalte fesselten ihn an Königsberg und Florenz.

Otto Zinniker griff mit seiner redaktionellen Tätigkeit entscheidend in das Kunstleben des aufstrebenden Biel ein; er ist auch Gründer und Präsident der Literarischen Gesellschaft Biel.

Quelle: Literapedia Bern

20. Januar 2017

Starke Sätze aus den Achtzigern

Soeben mit viel Interesse und Begeisterung gelesen: Hansjörg Schneiders Wüstenwind. Es sind Notizen aus der Zeit von November 1982 bis April 1983, verfasst von dem damals 45-jährigen Autor. Die ehrlichen Texte geben dem Leser Einblick in das Seelenleben des in Basel lebenden Exil-Aargauers, zeigen seine Verletzbarkeit, wie er gegen seine Depression ankämpft, wie ihm die Kraft fehlt zu schreiben, wie er sich freut, wenn wieder eines seiner Theaterstücke zur Aufführung gelangt. Und selbstverständlich finden auch die politischen Umstände der Achtzigerjahre ihren Niederschlag. Von Waldsterben ist die Rede, von den Krawallen in den Städten Basel und Zürich. Der eher links stehende Schneider ist indes nicht mit allem einverstanden, was von Seiten der Autonomen kommt. Die differenzierte Betrachtungsweise der Sachlagen ist wohltuend, gerade in heutiger Zeit. Und dann schreibt Schneider Sätze in sein Notizheft, die ich so stark finde, dass ich ein paar davon gerne zitiere:

Dieser Nebel legt sich auf mein Gemüt. Ich bin Aargauer, und die Aargauer sind im November schwermütig. Die Schwermut kriecht aus der Aare und legt sich als nasser Nebel über die Menschen, die in der Nähe des Flusses leben. Das ist wie eine Sucht. Man will in einer Ecke hocken, in den Nebel starren und langsam in sich hineinsinken.

Einmal wieder über Land gehen und einen Nussbaum anschauen.
Einmal wieder im Gras liegen.
Einmal wieder eine frühe Nuss aufklopfen, und ihr Kern schmeckt bitter.
Wieder einmal ans Leben glauben und daran, dass das, was man denkt, dem Tod eine Antwort gibt.

Ich lebe richtig, wenn ich schreibe. Wenn ich nicht schreibe, lebe ich falsch. Aber ich kann nicht immer schreiben, ich brauche auch Krisen. Ich brauche dieses falsche Leben, und ich brauche den November.

Wir leben wieder in einer Zeit, in der die dümmsten Menschen die Macht verlangen und sie vielleicht auch erhalten.

Wer Phantasie hat, gefährdet die Macht, und wir leben in einer Zeit, in der die etablierte Macht ausserordentlich intolerant sein muss, um sich im hereinbrechenden Chaos behaupten zu können.

18. Januar 2017

Laufen. Essen. Schlafen.

Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen.
Piper, München, 2016
Als Christine Thürmer gekündigt wird, beschliesst sie, sich eine Auszeit zu nehmen und auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko nach Kanada zu wandern – 4277 Kilometer. Eigentlich unsportlich, bricht sie zu ihrem Abenteuer auf und schafft es tatsächlich bis ans Ziel. Und sie geht weiter, läuft den Continental Divide Trail und den Appalachian Trail. Aus der gewissenhaften Geschäftsfrau wird eine Langstreckenwanderin, die fast ununterbrochen draußen unterwegs ist – zu Fuss, per Fahrrad oder Boot. Anschaulich und humorvoll beschreibt Christine Thürmer die Geschichte ihrer inneren Suche, ihre Erlebnisse und landschaftlichen Eindrücke auf den drei grossen Trails Hiking Trails der USA und wie es ist, als Frau allein unterwegs zu sein.

Nichts deutet in ihrer Jugend darauf hin, dass Christine Thürmer einmal zu einem der meistgewanderten Menschen weltweit werden würde: In Sport ist sie die absolute Niete, und Wandern findet sie blöd. Stattdessen legt sie eine Bilderbuchkarriere hin und ist mit 39 Jahren Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebes – nur um mit 40 alles aufzugeben: den schicken Firmenwagen, die Sekretärin, ja sogar den festen Wohnsitz. Stattdessen geht sie 12. 700 Kilometer zu Fuss und lebt draußen im Zelt. Zwischen 2004 und 2008 läuft sie dreimal von Mexiko nach Kanada auf dem Pacific Crest Trail (4277 Kilometer), dem Continental Divide Trail (4900 Kilometer) und dem Appalachian Trail (3508 Kilometer). Für diese Leistung wird sie mit dem Triple Crown Award ausgezeichnet, den nur bekommt, wer alle drei Trails bewältigt hat, was zum damaligen Zeitpunkt lediglich 231 Wanderer geschafft haben. (Klappentexte)

Kurzweilig geschriebener Bericht, der bei jedem Fernwanderer die Sehnsucht nach derartigen Plänen weckt. Leider ist das Kapitel mit dem Appalachian Trail (immerhin 3500 km lang) mit 55 Seiten (bei insgesamt 288 Seiten) zu knapp ausgefallen. Wirklich treffend hingegen der Buchtitel. Viel mehr als über Laufen, Essen und Schlafen erfährt der Leser nicht. Da wirken die geschilderten Lebensumstände der Autorin gerade wohltuend auflockernd. Ein aufschlussreiches und sympathisches Interview, das Christine Thürmer dem NDR-Fernsehen gegeben hat, ist auf Youtube zu finden.

16. Januar 2017

Winterfernweh

Sympathischer Bschiss: Das berühmte Nordkap (rechts) ist nicht der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes. Knivskjelodden ist das wahre Nordkap und nur zu Fuss zu erreichen!


Mit regelmässiger Zuverlässigkeit packt mich des Winters das Wanderfieber. Nicht jenes Wandern, das ich so oder so Wochenende für Wochenende praktiziere. Es sind jeweils grössere Ideen, die ich mit mir herumtrage. Wanderprojekte, die sich meist im Ausland abspielen, dann aber doch nicht realisiert werden. Vergangenen Winter fasste ich den Gang ans Nordkap Norwegens ins Auge. Ermutigt durch mehrere Reiseberichte, die von der Durchquerung Deutschlands der Länge nach erzählen. Motiviert aber auch von zwei Büchern, die sich mit der Begehung Norwegens von Süden nach Norden befassen.

In der Tat machte ich mich dann am Karfreitag 2016 von meinem Wohnort auf Richtung Norden. In sieben Etappen habe ich es immerhin bis nach Basel geschafft. Dann verliess mich des unpassenden Sommer- und Herbstwetters wegen vorübergehend der Mut, die Fortsetzung, den Westweg durch den Schwarzwald, in Angriff zu nehmen. Und nun, wo wir wieder Winter haben, träumt es mir weiter. Weiter vom Weg nach Norden. Ich sehe mich im Frühling vom Basler SBB-Bahnhof loswandern, durch die Stadt und über den Rhein, über die Grenze bei Lörrach, durch die Reben Südbadens, in den Schwarzwald hinein, mit Zelt, Schlafsack, Isomatte und Kocher, um am Ende dem Nordkap eine Woche näher zu sein; dem wirklichen Nordkap notabene, nicht dem touristischen. Denn, das berühmte Nordkap stellt nicht den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes dar. Dieser liegt etwas westlich davon und ist nur zu Fuss zu erreichen. Wer Tausende von Kilometern durch Mittel- und Nordeuropa geht, will sich doch am Ende nicht mit einer Horde motorisierter Halbschuhtouristen wiederfinden. Ich auf jeden Fall nicht.