5. Januar 2026

Der unglückliche Mörder

Håkan Nesser: Der unglückliche Mörder,
btb, München, 2006
Es ist eine neblige, nasskalte Nacht. Es giesst in Strömen, und der Junge, der am Strassenrand geht, ist kaum zu sehen. Als der Mann den Aufprall hört, ist es bereits zu spät: Die Verletzungen des Jungen sind tödlich – und der schwer angetrunkene Fahrer gerät in Panik und macht sich aus dem Staub. Warum sollte er sein ganzes Leben zerstören wegen dieses Unglücksfalls? Sich von seiner Karriere verabschieden? Seine Zukunft aufs Spiel setzen, die auf einmal in leuchtenden Farben vor ihm steht? Er kann nicht wissen, dass seine Feigheit schliesslich drei weiteren Menschen den Tod bringen wird und seine Vertuschungsmanöver ihn letztlich gründlicher ruinieren werden, als seine Todesfahrt es je gekonnt hätte … (Klappentext)

NL: Fiktive Niederlande (Hauptschauplatz) USA: New York

2. Januar 2026

Über Nacht

Beat Portmann: Über Nacht, Edition
Bücherlese, Luzern 2019
Nora Gossenreiter, Journalistin Anfang dreissig, hadert mit ihrer beruflichen Situation. Sie träumt davon, über Dinge zu schreiben, die etwas bedeuten – und vor allem: von ihrem eigenen Roman. Statt zur Premiere eines Volkstheaters fährt sie ihren Nachbarn, einen jungen Jazzpianisten, zum nächsten Konzert. Das Notizbuch in der Tasche stürzt sie sich in die Nacht, zusammen mit ihrem besten Freund Frank Landsteiner, einem ewig jugendlichen Frauenhelden und Chansonnier. Auf ihrer Odyssee durch die Bars und Kneipen einer namenlosen kleinen Stadt am Rand der Berge und durch die Wohnungen schlafloser Zeitgenossen werden sie mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert.

Als es schliesslich dämmert, steht Nora mit ihrem klapprigen Honda Legend wieder am selben Ort wie zu Beginn der Nacht. Hat die magische Reise, die sie mit ihrem Roman zu erfahren hofft, nur in ihrem Kopf stattgefunden, während sie schreibend der Handlung folgte?
(Klappentext)

31. Dezember 2025

Retro 2025 – 12

Mit diesem besinnlich-meditativen Bild – frei nach Mose 1 Vers 28: «Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» –, entstanden am 19. Dezember in Schwende auf einer Wanderung von Stoss (AR) nach Wasserauen (AI), verabschiede ich mich für dieses Jahr und wünsche alles Gute für 2026.

Als kleines Schmankerl: Die Bildstrecke zur Wanderung gibt es hier.

29. Dezember 2025

Retro 2025– 11

Im zu Ende gehenden Jahr war ich überdurchschnittlich oft zu Fuss in der Jungfrau-Region unterwegs: Schynige Platte, First, Kleine Scheidegg, Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Mürren, Zweilütschinen. Was mir indes noch fehlte, war eine Fahrt mit der Standseilbahn von Interlaken auf den Harder Kulm mit anschliessender Wanderung hinab nach Ringgenberg und zurück nach Interlaken.

Weil die Harderbahn bis Ende November fährt, nutzte ich einen sonnigen und überaus milden Spätherbsttag. Man schrieb den 11.11.. Für mich als Nicht-Fasnächtler und Nicht-Katholik ein Tag wie jeder andere. Dennoch entpuppte sich dieser als unglaublich ergiebig, gegensätzlich und befriedigend.

In der proppenvollen Standseilbahn war ich mit grosser Wahrscheinlichkeit der einzige einheimische Fahrgast. Der Rest rekrutierte sich aus der halben Welt, der indes von der Fahrt nicht viel mitbekam. Das zwanghafte Starren auf Smartphones machte auch am Harder keine Ausnahme. Kaum oben angekommen, setzte sich die Manie in der peinlichen Form von Selfies fort. Mir schien, dass die Leute wenig Interesse an der Aussicht hatten, vielmehr ging es darum, auf dem Harder gewesen zu sein und möglichst viele Bilder von sich und seinem Anhang gemacht zu haben, ehe es nach einer Stunde mit der Bahn wieder talwärts und an den nächsten Selfie-Hotspot ging.

Aber was labere ich hier, denn dasselbe Prozedere konnte ich auf jedem meiner diesjährigen Abstecher in die Lütschinentäler beobachten. Ich verstehe diese Art von «Tourismus» längst nicht mehr. – Item, nachdem ich die Leute beim Fotografieren ihrer selbst oder durch spontan angeheuerte dritte fotografiert habe, widmete ich mich dem umwerfenden Tiefblick auf Interlaken, bestaunte einmal mehr die Mehr-oder-weniger-Viertausender im Hintergrund und warf einen Blick in Richtung Voralpen, also den im Rücken des Harders gelegenen Gebiet von Niederhorn, Burgfeldstand und Gemmenalphorn. Sehr gut gefallen hat mir zudem das denkmalgeschützte Panoramarestaurant Harderkulm. Es bietet sage und schreibe 600 Plätze, was auf eindrückliche Weise die touristische Bedeutung des Hausberges von Interlaken veranschaulicht.

Bereits nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich vom Kulm, auch, um der nächsten Landung Selfie-Maniacs entfliehen zu können. Nach genau 10 Sekunden war ich auf dem von mir angepeilten Pfad. Und – wen wundert's – auf den kommenden anderthalb Stunden hinab nach Ringgenberg am Brienzersee sollte ich keiner einzigen Menschenseele begegnen. Wunder zu begehende Wege hin, wunderbar zu begehende Wege her.

Nicht weniger beeindruckend war hernach der Abschnitt entlang dem naturgeschützten Burgseewli und über den Goldswilhubel mit Kirchenruine sowie Mini-Friedhof mitsamt herrlichem Blick auf Aare, Interlaken und Umgebung zum Ausgangspunkt an den Bahnhof Interlaken Ost, wo mir die für heute letzten Smartphone-Süchtigen aus Übersee begegneten.

27. Dezember 2025

Retro 2025 – 10

Sind sie nicht putzig, diese Burenziegen? Angetroffen habe ich sie im Oktober mitten im tiefsten Entlebuch unweit der Gehöfte Hinter Ziegerhütten (nomen est omen) und Ober Rotmoos.

Die Begegnung mit Tieren aller Art ist für mich immer wieder einer der Höhepunkte beim Wandern. Und zwar egal, ob es sich um Haus- und Nutztiere oder Wildtiere handelt. Der Klassiker ist selbstverständlich der Hund, zu dem ich in all den Jahren eine besonders innige Zuneigung entwickelt habe. Treffe ich auf Menschen, die ihre Fellnase spazieren führen, dann entwickelt sich nicht selten ein kürzeres oder längeres Gespräch, das sich oft nicht nur um den Hund dreht. Bei Nutztieren sind es in der Tat die Ziegen, die es mir angetan haben. Gibt es etwas Keckeres, Intelligenteres und Trittsicheres unter den landwirtschaftlichen Milchspenderinnen, als diese nimmermüden Abkömmlinge von Steinbock und Steingeiss?

26. Dezember 2025

Retro 2025 – 9

Seit ich Anfang der 1990er-Jahre das Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz entdeckt habe, gehe ich mit anderen Augen durch die Gegend. Insbesondere in den bergigen Regionen stosse ich da und dort auf Wegabschnitte mit potenziell-historischer Substanz. Dies können unter anderem Stütz- und Begrenzungsmauern, Spurrillen, Wegkreuze- und Kapellen (sogenannte «Wegbegleiter»), Brücken, Steintreppen oder beispielsweise auch Pflästerungen sein. 

Als ich am 12. September vom Col-de-Bretaye in den Waadtländer Alpen via Les Ecovets nach Ollon abstieg, stiess ich kurz vor dem Wanderziel auf diesen gepflästerten Wegabschnitt. Leider ergaben meine Recherchen zu Hause lediglich den Hinweis auf eine historische Wegverbindung von lokaler Bedeutung. Gerne hätte ich mehr über diesen ausserordentlich breiten Weg erfahren: Wann wurde er und durch wen erbaut? Wer nutzte ihn über all die Jahrhunderte? Auf welche Art und Weise wurde er genutzt? Lediglich zu Fuss, mit Pferden und Maultieren oder gar mit von Tieren gezogenen Fahrzeugen?

23. Dezember 2025

Retro 2025 – 8

Als ich am 5. August nach gut 20 Kilometern bei dem im Bild ersichtlichen Hohe-Wart-Haus im schönen Spessart ankam, war alles verriegelt und verrammelt. Meine Hoffnung, hier Wasser fassen zu können, um mir hernach irgendwo im Wald ein Plätzchen für die Nacht zu suchen, zerschlug sich nach genauster Inspektion der mitten im Wald gelegenen Schenke. Was tun? Ich konsultierte meine Karte und entdeckte in 1,3 Kilometer Entfernung den Erlenbrunnen. Etwas abseits des Weges zwar, aber egal, Hauptsache Wasser. Doch dieser Erlenbrunnen entpuppte sich als längst nicht mehr existent.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in das 8 Kilometer entfernte Waldaschaff zu gehen, einem Dorf mit Friedhof und ergo auch Wasser. Auf halber Wegstrecke hielt ich Rast und stärkte mich mit einem verbliebenen halben Liter Isodrink und einem Müsliriegel, ein halbes Jahr über dem Verfalldatum, der aber in dieser besonderen Situation herrlich mundete. Besagter Friedhof verfügte denn auch über das erhoffte Nass, ehe es in den über dem Ort gelegenen Wald ging, wo ich in einer halboffenen Schutzhütte nach mehr als 30 zurückgelegten Kilometern einen wunderbaren Schlafplatz fand.

21. Dezember 2025

Retro 2025 – 7

Die am Fusse der Jungfrau gelegene Gemeinde Lauterbrunnen weist bei einer Fläche von 164,7 km² eine Einwohnerzahl von 2331 Personen auf. Das ergibt eine Einwohnerdichte von lediglich 14 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Im Vergleich dazu beträgt die Bevölkerungsdichte für die gesamte Schweiz 217 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Das Gemeindegebiet von Lauterbrunnen erstreckt sich von 707 m ü. M. (Weisse Lütschine beim Sandweidli im Norden) bis auf 4158 m ü. M. (Gipfel der Jungfrau im Südosten).

Ich bin gerne in der Talschaft zu Fuss unterwegs, die trotz der zahlreichen Bergbahnen und Touristen immer noch Ecken bietet, wo man weitgehend alleine ist. Weil am 15. Juli das Wetter indes keine abenteuerlichen Wanderungen zuliess, begnügte ich mich mit einer kürzeren Tour vom Allmendhubel via Mürren nach der Grütschalp. Was mir dabei einmal mehr auffiel: In der Gemeinde Lauterbrunnen hat jeder noch so kleine Bach einen Namen und ergo an jeder Stelle mit Personenverkehr ein Namensschild. Besonders angetan hat es mir der «Inneren Chrutteren Graben». Schwingt in dieser Benamsung nicht die volle Kraft des kernigen Lauterbrunner Dialektes mit?

18. Dezember 2025

Retro 2025 – 6


Anfang Juni fuhr ich ins Vallée des Ponts. Jaja, das gibt es tatsächlich und liegt nicht etwa im fernen Frankreich, sondern unweit von La Chaux-de-Fonds im schönen Neuenburger Jura. Unweit von Les Ponts-de-Martel liegt der geografische Mittelpunkt des Kantons Neuenburg. Im Rahmen meines Projektes, alle geografischen Mittelpunkte der 26 Kantone wandernd anzusteuern, unternahm ich also diesen Abstecher in das topfebene Hochtal.

In der Umgebung von Les Ponts-de-Martel wurde einst Torf abgebaut. Die betreffenden Zonen haben sich inzwischen – auch dank der Bemühungen von Naturschutzorganisationen – zu wunderbaren Biotopen entwickelt, die unter Schutz stehen. Durch die grösste dieser Zonen führt der Torfmoor-Lehrpfad. Ihn habe ich in die Rundwanderung integriert und war voll und ganz begeistert. Sei es von der Natur – als Moor bin ich vom Namen her Mooren sehr verbunden –, aber auch von den Informationen rund um den Torfabbau. So ist beispielsweise ein Abbaubagger erhalten geblieben, der auf eindrückliche Weise veranschaulicht, wie die Torfgewinnung damals vonstattenging.

16. Dezember 2025

Retro 2025 – 5


Für den 17. Mai 2025 lud das Kammerorchester St. Gallen zu einem «Wanderkonzert mit Viviane Chassot». Welch geniale Idee, dachte ich und erstand mir unverzüglich ein Ticket. Vor Konzertbeginn ging ich indes noch vom appenzell-innerrhodischen Sammelplatz nach Speicher, von wo ich mit der Appenzellerbahn zur Notkersegg und somit zum Ausgangspunkt des Wanderkonzertes fuhr.

Den musikalischen Auftakt bildete in der Klosterkirche Notkersegg ein Werk für fünf Celli von Joseph Bodin de Bosmortier und John Dowland. Hernach dislozierten die Konzertbesucherinnen und -besucher per pedes zum Manneweiher, wo der Saxofonist Peter Lenzin bei superber Akustik ein «Concert Suprise» intonierte. Das nächste Konzert bildete den glanzvollen Höhepunkt der Quadrologie: Nach längerem Fussgang hinab in die St. Galler Altstadt wartete in der Kirche St. Mangen das Kammerorchester St. Gallen mitsamt der renommierten Akkordeonistin, Viviane Chassot, mit Werken von Haydn, Mendelssohn Bartholdi und Piazolla auf. Den krönenden Abschluss bildeten unweit der Kirche, im Kreuzgang St. Katharinen, fünf dreistimmige Inventionen für ein Streichtrio von J.S. Bach.

Was für ein Tag im Herzen der Ostschweiz! Drei Kantone, eine umwerfende Landschaft, eine wunderbare Kantonshauptstadt, zwei Wanderrouten, die kaum Wünsche offenliessen sowie eine unglaubliche Anzahl an Musikerinnen und Musiker – Amateure wie Profis –, die für ein unvergessliches kulturelles Erlebnis sorgten. Für mich als Berner, Fussgänger und Fotograf eines der Highlights im zu Ende gehenden Jahr.

13. Dezember 2025

Retro 2025 – 4


Am 19. April ging ich in vier Stunden von Aarwangen nach Langenthal. Sie führte mir einmal mehr die Schönheiten des Oberaargaus vor Augen, insbesondere die sehenswerten Wälder rund um Langenthal. Das noch junge Laub zeigte sich im knackig-frischen Frühlingsgrün. Eine Wohltat für jedes Auge!

Am Ortsrand von Langenthal gelangte ich zum «Musterplatz», einem Geviert mit in Reih und Glied ausgerichteten Bäumen. In der Schweiz gibt es unzählige Örtlichkeiten mit der Bezeichnung «Musterplatz». Sie dienten einst der Musterung von Männern für den Militärdienst, besser bekannt unter dem Begriff Rekrutierung oder Aushebung.

Als ich nach fast vier Stunden beim Licht-durchfluteten Platz ankam, stachen mir die rot angemalten Bänke ins Auge. Dem Fotografen dienten sie als willkommenes Sujet, dem Wanderer als nicht weniger willkommene Sitzgelegenheit, um vor dem langen Gang an den Langenthaler Bahnhof noch einmal einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen.

10. Dezember 2025

Retro 2025 – 3

Frühling: Da sind der Gefühle und Eindrücke viele! Für mich unter anderem der unverwechselbare Ruf des Buchfinks, die verlockenden Temperaturen, das Gesumme von Bienen und eben ... und vor allem ... der unwiderstehliche Duft des Bärlauchs. Hinzu gesellt sich die schon fast subversive Frechheit, den Waldboden über und über mit wohltuendem Grün zu überziehen. Und wenn dieser Bärlauch einmal blüht! Forstlich-paradiesische Zustände sind das. Zumindest für mich.

So war es denn auch wieder einmal im März an und auf der Lägeren im Rahmen einer zweitägigen Wanderung von Baden auf den Hönggerberg im aargauisch-zürcherischen Grenzgürtel soweit. Bärlauch, Bärlauch, Bärlauch! Gibt es etwas Schöneres im Lenz, als sich zu Fuss durch die betörenden Felder zu bewegen? Ich meine nein. In diesem Sinne schlummert in mir, nebst der Vorfreude auf den nahenden Winter, bereits jene auf die übernächste Jahreszeit.

8. Dezember 2025

Retro 2025 – 2


Endlich war es im Februar soweit: Ich wanderte von Wolfenschiessen nach Stansstad. Vielleicht mag man nun denken, dass dies fürwahr kein besonders erwähnenswertes Ereignis darstellt. Weit gefehlt, weit gefehlt! Dieses «Endlich» bezieht sich auf einen kleinen Abschnitt dieser Wanderung: das Rotzloch! Es fehlte mir bislang in meinem Album fussgängerischer Taten.

Was in der Ära der Bildungsreisenden (18./19. Jh.) Bestandteil der damaligen «Grand Tour» war, ist längst zu einer etwas tristen Angelegenheit verkommen. Beim Rotzloch von heute handelt es sich einerseits um den Ausgang der kurzen, wenn auch spektakulären Rotzschlucht am Gestade des Alpnachersees, andererseits ist sowohl der Eingang als auch das Ende der Schlucht – eben das Rotzloch – derart industriell genutzt, dass von der einstigen Beschaulichkeit nicht mehr viel übrig geblieben ist. Immerhin ist der Schlucht ein gewisses Mass an Würde erhalten geblieben, was das Bild hoffentlich zu vermitteln mag.

Eine Frage, die sich beim «Rotzloch» indes unweigerlich stellt, ist jene nach der Bedeutung seines Namens. «Rotz» ist ja nicht gerade etwas, das man mit Angenehmem verbindet. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich beim Begriff jedoch um die ob- und nidwaldnerische Bezeichnung für «eine enge Öffnung in einem Felsband» handelt. Das Wort leitet sich angeblich vom romanischen «rokka» bzw. französischen «roche» (Fluh, Felsen) ab. Dieses entwickelte sich in der Gegend zu «rotschi» und später zu «rotsi». In den beiden Halbkantonen finden sich denn auch Namen wie «von Rotz», «Rotzmattli», «Rotzibüel» und eben … «Rotzloch».

5. Dezember 2025

Retro 2025 – 1


Im vergangenen Januar erledigte ich eine persönliche fussgängerische Restanz im Prättigau (GR). Hierbei ging ich von Pany via Lunden nach Grüsch. Und als wäre dieser phonetische Dreiklang nicht genug, kam ich auch durch das Örtchen Putz, dessen etymologische Herkunft ich an dieser Stelle gerne stehen lasse. Der Unterputzweg indes liess mir dann doch ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Dies zu Ehren aller Berufsleute, die mit Gebäudetechnik zu tun haben.

Allerdings kann ich an dieser Stelle verraten, dass in Putz leider kein Aufputzweg existiert.Fazit: Wer zu Fuss unterwegs ist, entdeckt an allen Ecken und Enden dieser Welt Grosses und Kleines, und sei es nur ein für Nicht-Prättigauer kurioser Strassenname.

3. Dezember 2025

Alljährlich im Frühjahr …

Simone Müller: «Alljährlich im Frühjahr
schwärmen unsere jungen Mädchen
nach England», Limmat, Zürich, 2017
In der Zwischenkriegszeit gingen sie zu Hunderten, in den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren zu Tausenden. Sie hiessen Emma, Bertha oder Marie und kamen aus Wilderswil, Urnäsch oder Bellinzona. Sie arbeiteten als Hausangestellte, Kindermädchen oder Gesellschafterinnen in Liverpool oder London und auf Landgütern von Adligen.

Sie gingen, obwohl die Medien warnten: vor dem britischen Wetter, vor dem englischen Klassendünkel, vor unerwünschten Schwangerschaften. Ein Massenexodus von Frauen, wie er in der Schweizergeschichte wohl kein zweites Mal vorkam. Und wenn sie in England geblieben sind, dann fast immer deshalb, weil genau das passierte, wovor sie so eindringlich gewarnt worden sind: Sie verliebten sich, wurden schwanger, haben geheiratet.

Simone Müller erzählt elf beispielhafte Lebensgeschichten dieser Frauen, die heute fast ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden sind. Und sie erzählt auch von einer der grössten Repatriierungsaktionen der Schweiz, als fast tausend Frauen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zurückgeholt wurden.
(Klappentext)

24. November 2025

Winter im Herbst

Für einmal keine Autos und keine Biker: Bergerie de Court

Das Schöne an unseren Breitengraden sind nicht zuletzt die vier Jahreszeiten. Und eine jede hat was für sich. Die einen lieben den Sommer, die andern den Herbst oder den Winter. Viele ziehen jedoch den Frühling vor, weil die Temperaturen endlich wieder steigen und die Tage länger werden. Ich mag grundsätzlich jede Jahreszeit, wobei mir zunehmend der Sommer mit seinen unsäglichen Hitzewellen am Verleiden ist.

Besonders krass ist mein Empfinden jeweils, wenn es im Herbst zum ersten Mal so richtig schneit. Der Wechsel ist meist derart abrupt, dass mein Herz hüpft und ich nicht anders kann, als mich für ein paar Stunden winterfest zu machen. Dann nämlich ziehe ich los in die verschneite Natur, irgendwo hin, wo mich die aktuelle Schneehöhe problemlos wandern lässt. Wenn es so richtig kalt ist und «strubuusset», dann blühe ich auf.

Wenn sich Feld und Wald in Schweigen hüllen; wenn mir der Wind um die Ohren pfeift; wenn sich im Schnee die Spuren von Fuchs, Hase und Reh zeigen; wenn da und dort eine Meise zwitschert; wenn ich der Erste bin, der sich einen Weg durch den Schnee bahnt; wenn das Gelb der Wanderwegweiser meist als einziger Farbtupfer im Grau-Weiss der Umgebung auszumachen ist.

Vergangenen Freitag durfte ich diesem Naturwunder wieder einmal bewohnen. Ich stieg vom bernischen Sorvilier in der Vallée de Tavannes auf den Montoz und von dort via Bergerie de Court und dem Unteren Bürenberg hinab nach Reuchenette-Péry. Ein gut fünf Stunden dauerndes Wintermärchen, das mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Bildstrecke dazu gibt es hier.

22. November 2025

Halali

Ingrid Noll: Halali, Diogenes, Zürich,
2017
Natürlich sind Karin und Holda auf Männerjagd, schliesslich wollen sie nicht alleine bleiben. Doch auch auf sie wird Jagd gemacht: Eine ganz besondere Sorte Romeos ist im Bonn der Nachkriegszeit im Einsatz. «Halali» – das Sekretärinnendasein wird zum Abenteuer, der graue Alltag ist vorbei. Wehe dem, der ins Visier gerät. (Klappentext)

D: Bonn und Umgebung (Hauptschauplatz), Eifel

17. November 2025

Der barmherzige Hügel

Lore Berger: Der barmherzige Hügel,
Arche, Zürich. 1981
Zeittypisches und Zeitloses verbindet sich in diesem erstmals 1944 erschienenen und dann bald in Vergessenheit geratenen Erstlingsroman der Basler Autorin Lore Berger (1921–1943): Die Beklemmung und Ratlosigkeit, die aus dem Nicht-mehr-Leben-Wollen der in ihrer Liebesbereitschaft getäuschten Ich-Erzählerin Esther spricht, ist in der seismographisch-feinsinnigen Art, wie sie in diesem Buch zum Ausdruck kommt, weit eher charakteristisch für die ringsum bedrohte Schweiz von 1943, als jene Werke, die der geistigen Landesverteidigung und damit einem «Optimismus trotz allem» verschrieben waren. Als zeitlos gültig dagegen vermag der heutige Leser die herb-melancholische Poesie zu erkennen, in welche diese tragische Liebesgeschichte getaucht ist. Gefühle und Erfahrungen wie Einsamkeit, Verlassenheit, Liebessehnsucht, Zärtlichkeit und schmerzlicher Verzicht erfahren in Lore Bergers makelloser Sprache eine dichterische Überhöhung, welche sie unmittelbar nachvollziehbar macht. Der Hügel, der Turm, die umliegende Landschaft in den verschiedenen Jahreszeiten – all das wird zum Symbol einer Liebe, die bei aller Tragik die eine Hoffnung beinhaltet: dass sie stärker sei als selbst der Tod! (Klappentext)

BS: Stadt Basel

14. November 2025

e Ligu Lehm

Otto von Greyerz: e Ligu Lehm,
Lukianos-Verlag, Bern-Liebefeld, 1967
In seiner «Individuellen Sprachgeschichte» preist mein Vater, Otto von Greyerz, die Mannigfaltigkeit der Sprachen und im Besonderen der Mundarten in der Schweiz und im Kanton Bern. «Man wird schwerlich auf der deutschen Sprachenkarte ein zweites Gebiet vom Umfang des Kantons Bern nachweisen können, das sich eines so reich individualisierten Sprachlebens rühmen dürfte.» Und in der Stadt Bern wiederum unterscheidet er vier bis fünf bernische Sprachtypen, wovon einer das Mattenenglisch ist. Wen wundert es, dass auch das Mattenenglisch wieder seine Variationen aufweist?!

Der Sprachforscher, der (1863) in Bern geboren war und inmitten dieses Sprachreichtums sein Leben verbrachte, konnte am Mattenenglisch nicht vorbeigehen. Wenn es auch in seiner Verwandtschaft zum Rotwelsch nicht eine typisch bernische Mundart darstellt, so ist es andererseits wegen seiner Merkwürdigkeiten und seiner sprachschöpferischen Kraft eine umso beachtenswertere Sprache. So hat Otto von Greyerz auch diese Sprache erforscht und im Jahr 1929 unter dem Titel «Das Berner Mattenenglisch und sein Ausläufer: Die Berner Bubensprache» dargestellt. Die Arbeit ist längst vergriffen, und es ist nun dem Lukianos-Verlag Hans Erpf, Liebefeld, zu verdanken, dass er eine Neuauflage angeregt hat und durchführt.

Das Mattenenglisch hat gewiss seither als lebendige und nichtgeschriebene Sprache seine Entwicklung durchgemacht; es mag sich einerseits Neuschöpfungen zugelegt haben, anderseits – und wohl hauptsächlich – wird es seine einst selbstverständliche Geltungskraft unter dem Zwang der Entwicklung – denn gibt es noch wie einst richtige Mattegiele? – eingebüsst haben. Also ist just der Zeitpunkt da, in dem es gilt, diese bernische Sprachvariation, die immer wieder viele Berner und Auswärtige interessiert, festzuhalten, zu erklären und Unkundigen neu nahezubringen.

Der Verleger und ich glauben, bald dreissig Jahre nach dem Tod des Verfassers, in seinem Sinne zu handeln, wenn wir mit einer Neuausgabe das Interesse an einer der merkwürdigsten Sprachen und damit an der Sprache und ihrer Vielfältigkeit überhaupt wecken und fördern. Möge der Leser schmunzelnd all die teils bekannten, teils unbekannten Köstlichkeiten des Mattenenglisch «chüschte».


Walo von Greyerz im Vorwort