26. Januar 2026

Tödliche Gier

Albert-Louis Chappuis: Tödliche Gier, Mon
Village, Vulliens, 1991
Wir möchten dem Leser zunächst den Hinweis geben, dass dieser Roman von historischem Charakter ist. Er bezieht sich auf ein gelinde gesagt unglaubliches Ereignis, das sich im Waadtland in den Jahren 1867 und 1868 abgespielt hat. Der Autor stützt sich in seiner Erzählung also auf Tatsachen, so wie sie sich zu jener Zeit wirklich ereignet haben. Um realitätsgetreu schreiben zu können, hat A.-L. Chappuis ausserdem alle seine Recherchen im kantonalen Archiv durchgeführt, welches die Unterlagen erst 1968 zugänglich gemacht hat, also 100 Jahre nach dieser geheimnisvollen Geschichte.

Um was für eine Angelegenheit handelt es sich nun eigentlich? In der Hauptsache um ein Strafverfahren, nämlich um das letzte Todesurteil im Kanton Waadt, das am 10. Januar 1868 in Moudon um 10.00 Uhr morgens bei minus 10 Grad vollstreckt wurde. Es war also ein sehr kalter Tag, was ungefähr zwanzigtausend Menschen jedoch nicht daran gehindert hat, nach Moudon zu kommen, um dieser Hinrichtung beizuwohnen. Verurteilt wurde ein junger Bauer aus der Gegend, Héli Freymond, der älteste Sohn einer wohlhabenden Familie. Wohlhabend, soviel ist sicher, und dieser Reichtum wird noch vermehrt durch die Verbindung, die Héli durch die Heirat mit einem jungen Mädchen aus St-Cierges eingeht, das ebenfalls aus begüterter Familie stammt. Mehr als genug Grund für alle Honoratioren der Gegend, an dem Fest teilzunehmen, einschliessIich des Pastors natürlich, der die kirchliche Trauung dieses aussergewöhnlichen Paars übernimmt.

Die Neuvermählten scheinen eine glückliche Ehe zu führen, bis zu dem Tag, an dem die junge Frau plötzlich von einer ebenso unerklärlichen wie unglaublichen Krankheit befallen wird. Sie stirbt unter schrecklichen Schmerzen und schenkt von ihrem Tode noch einem Jungen das Leben, einer Frühgeburt, der seine Mutter nicht überlebt. Grosse Trauer herrscht nicht allein in der Familie Freymond, sondern in der ganzen Gegend, als man sich auf dem Friedhof versammelt, um der jungen Frau und ihrem Kind die letzte Ehre zu erweisen. Und, um dem untröstlichen Witwer am Grab Beistand zu leisten.

Auch der Pastor ist wieder zugegen, um die Grabesrede zu sprechen. Er ist ebenso betroffen wie alle; er hatte absolut nicht erwartet, einige Monate nach der Segnung des jungen Paares und dem glücklichen Ereignis nun eine zutiefst gebrochene Familie betreuen zu müssen.

«Amen!» – Zunächst hatten wir dem Werk diesen Titel geben wollen, um uns später doch für TÖDLICHE GIER zu entscheiden. Der erwähnte Pastor wird nämlich dreimal Gelegenheit haben, dieses Wort für Héli Freymond zu sprechen. Das erste Mal bei Helis Vermählung als Abschluss der kirchlichen Trauung. Das zweite Mal einige Monate später, nach seiner Totenrede, am Grab der unglücklichen jungen Frau und ihres Kindes. Und zum dritten und letzten Mal spricht der Pastor schliesslich am 10. Januar 1868 in Moudon wiederum Amen in Anwesenheit von Héli Freymond, dem jungen Ehemann, dem jungen Witwer, der von der waadtländischen Justiz zum Tode verurteilt wurde, und dies aus Gründen, die Sie selbst entdecken werden. Ein Urteil, das die Gerichtsannalen dieses Kantons tief geprägt hat, ebenso wie die Bevölkerung, denn auch heute noch spricht man in den Familien von dieser düsteren Angelegenheit, die demnächst auch als Kinofilm erscheinen soll.

Ein wahre und fesselnde Geschichte, die Sie in einem Zug verschlingen werden
. (Klappentext)

VD: Corrençon (Hauptschauplatz), St-Cierges (Hauptschauplatz), Moudon (Hauptschauplatz), Thierrens, Denezy, Morges, Lausanne, Echallens, Poliez-le-Grand, Naz, Peyres-Possens, Chapelle-sur-Moudon, Sugnens

23. Januar 2026

Heisses Geld

Gwendoline Butler: Heisses Geld,
Diogenes, Zürich, 1999
Brütende Hitze über London II, dem Stadtteil auf dem Gebiet der alten Docklands. Doch mehr noch als die Hitze bringt der plötzliche Tod zweier Kollegen Polizeichef John Coffin ins Schwitzen. Daneben gibt es schon länger Mutmassungen über gross angelegte Geldwäscherei in seinem Distrikt, und nun soll und will Coffin der üblen Angelegenheit auf den Grund gehen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den toten Polizisten und den illegalen Finanztransaktionen? Es folgen weitere blutige Verbrechen, bis es Coffin auf ungewöhnliche Art gelingt, den Fall zu lösen.

Mit John Coffin betritt ein neuer Reihenheld die Bühne des literarischen Thrillers, ein ebenso fabelhafter Polizist wie Ehemann. Gwendoline Butlers Meisterschaft besteht darin, einen spannungsreichen Plot mit der einfühlsamen Beschreibung ihrer Charaktere und einer atmosphärisch dichten Schilderung des Schauplatzes zu verbinden - ein glänzend komponiertes und rundum fesselndes Buch.
(Klappentext)

GB: London

20. Januar 2026

Wenn die mich nicht hätten

Bänz Friedli: Wenn die mich nicht hätten,
Orell Füssli, Zürich, 2011
Bänz Friedli schenkt den kleinen, unscheinbaren Begebenheiten Bedeutung, er feiert den Alltag als grosses Abenteuer. Wir staunen, wie Fukushima ins Kinderzimmer hineinwirkt, wir lachen mit ihm über Kinderversprecher, über Fehlgriffe im Haushalt und erzieherische Fauxpas. Nichts entgeht dem präzisen Beobachter, nicht das winzige Lego-Teilchen, das im Staubsauger verschwindet, nicht die neuste Sprachmarotte der Jugendlichen: «Ey, diini Muetter…» Selbst über das grösste Ärgernis vermag er mit solcher Leichtigkeit zu schreiben, dass man am Ende darüber schmunzeln kann.

Ein Buch nur für Frauen? Nein! Zusammengefasst ergeben Friedlis «Hausmann»texte, ergänzt um Beiträge aus «NZZ», «NZZ am Sonntag», «Tages-Anzeiger», «Der Bund» und «Weltwoche», ein Journal der laufenden Ereignisse. Und die eine Sorge, seine grösste, teilt Friedli vermutlich eher mit Männern: diejenige, dass sein Lieblingsteam ja doch nie Meister wird.
(Klappentext)

17. Januar 2026

Der Mann, der Glück brachte

Claude Cueni: Der Mann, der das Glück
brachte: Lenos, Basel, 2018
Lukas Rossberg lag seit einem Kopf- und Lungendurchschuss, den er als Unbeteiligter bei einem Casinoüberfall erlitten hatte, sieben Jahre im Wachkoma. Als er nach der Reha ins Leben zurückkehrt, ist nichts mehr so, wie es war: Seine Freundin hat ihn verlassen, die Angestellten seiner IT-Firma sind ins Silicon Valley ausgewandert. Und die Folgen seiner schweren Verletzungen bleiben spürbar, er hat Gedächtnisausfälle und Depressionen. Sein alter Freund Robert Keller gibt ihm aus Mitleid einen Job bei der Lotteriegesellschaft. Fortan berät Lukas frischgebackene Lottomillionäre – er wird der Mann, der Glück bringt, aber selbst kein Glück hatte. Doch das eigenartige Verhalten des Lotteriechefs weckt schon bald sein Misstrauen. Der Verdacht, dass sich in der verhängnisvollen Casinonacht manches anders zugetragen hat, erhärtet sich. Als Lukas schliesslich den Server der Lotteriegesellschaft hackt, kommt er Roberts Komplott auf die Spur. (Inhaltsangabe zum Buch)

BS: Stadt Basel (Hauptschauplatz) F: Elsass I: Sardinien

14. Januar 2026

Geschafft!

Kürzlich kam ich nach über 400 Kilometern Fussmarsch in Kreuzlingen an. Begonnen hatte das Ganze im April 2021 in Lausanne, wo ich mich aufmachte, das Schweizer Mittelland im Wald zu durchqueren. Kein einfaches Unterfangen, da zwischen Lac Léman und Bodensee kein durchgehender Wald besteht. Alles in allem war ich anlässlich der 25 Tagesetappen 260 km im Wald, 56 km am Waldrand und 95 km in offenem Gelände unterwegs. Und nun? Nun mache ich mich an die Dokumentation dieser unglaublich schönen und erfüllenden Fernwanderung. Ein Buch mit etwas Text und vielen Fotos soll es werden. Der Buchtitel steht schon mal fest: «IM WALD».

11. Januar 2026

Und morgen seid ihr tot

Daniela Widmer, David Och: Und morgen
seid ihr tot, Dumont, Köln, 2013
Es sollte eine Reise entlang der Seidenstrasse werden. Sie endete in der Gewalt pakistanischer Taliban. Achteinhalb Monate lang lebten Daniela Widmer und David Och in Todesangst. Ihre eindrucksvolle Geschichte führt ins pakistanische Waziristan, nahe der Grenze zu Afghanistan, ins Stammland der Taliban.

Am 1. Juli 2011 beginnt der Albtraum. Daniela Widmer und David Och werden in Belutschistan von einem bewaffneten Kommando aus ihrem Reisebus gezerrt und fünfhundert Kilometer Richtung Norden verschleppt. Bald wird klar, dass die Taliban-Kämpfer Gotteskrieger freipressen und Lösegeld kassieren wollen.

Im Laufe der Monate wird die Situation immer auswegloser, die Geiseln fragen sich: Warum kommen die Verhandlungen zwischen den Taliban und der Schweizer Regierung nicht voran? Tagtäglich wird das Gebiet systematisch bombardiert, ihre wechselnden Gefängnisse werden immer prekärer. Mit Lauftraining, Gymnastik und Tagebuchschreiben versuchen die Geiseln, eine Alltagsroutine und Disziplin zu wahren, trotz permanenter Magen-Darm-Infekte und Malaria, trotz schwindender Widerstandskraft.

Als sich in den Wintermonaten auch die letzte Hoffnung auf einen Erfolg der Verhandlungen zerschlägt, treffen David Och und Daniela Widmer eine mutige Entscheidung. Am 15. März 2012 gelingt ihnen die Flucht. Sie kehren zurück in die Schweiz. Doch gibt es das noch: ihr altes Leben?
(Klappentext)

8. Januar 2026

Booms Ende

Walter Vogt: Booms Ende, Ex Libris,
Zürich, 1981
15 satirische Erzählungen, phantasievoll und kühn gestaltet, mit makabren Effekten, die einen das Gruseln lehren. Vogt verfolgt mit den meisten dieser Geschichten das eine Thema: Diese Welt ist aus den Fugen; die Menschen haben jedes Mass des Handelns verloren und gehorchen nurmehr teuflischen Gesetzen in ihnen selbst. Der Fortschritt dient nicht mehr den Menschen; im schlimmsten Fall führt er in Katastrophen. Wir wissen das. Das Unbehagen, das wir wegen dieses Wissens empfinden, weckt und schürt Vogt mit seinen Erzählungen. Ein verwunschener Garten wird in eine künstliche Anlage verwandelt, in der jedes Kräutlein seinen Platz hat. Aber plötzlich beginnen die exotischen Pflanzen zu wuchern, bis sie Mauern sprengen und in ihrer «unbarmherzigen Umklammerung» einen Menschen ersticken. In dieser verrückten Welt gebärden sich Touristinnen in Afrika wie wilde Tiere, nachdem sie gierig mit angesehen haben, wie ein Raubtier seine Beute zerfleischt. Und wie zerstörerisch Machtbesessenheit und Willkür in der Wirtschaft sein können, demonstriert Vogt in der Titelerzählung am Aufstieg und Fall des Konzerndirektors Boom, der eine Wirtschaftskatastrophe von «apokalyptischem Ausmass» herbeiführt und schliesslich etwas erreicht, «was mir keineswegs an der Wiege gesungen worden war: ein Einzelzimmer in einem soweit ganz komfortablen Altersheim». (Klappentext)

5. Januar 2026

Der unglückliche Mörder

Håkan Nesser: Der unglückliche Mörder,
btb, München, 2006
Es ist eine neblige, nasskalte Nacht. Es giesst in Strömen, und der Junge, der am Strassenrand geht, ist kaum zu sehen. Als der Mann den Aufprall hört, ist es bereits zu spät: Die Verletzungen des Jungen sind tödlich – und der schwer angetrunkene Fahrer gerät in Panik und macht sich aus dem Staub. Warum sollte er sein ganzes Leben zerstören wegen dieses Unglücksfalls? Sich von seiner Karriere verabschieden? Seine Zukunft aufs Spiel setzen, die auf einmal in leuchtenden Farben vor ihm steht? Er kann nicht wissen, dass seine Feigheit schliesslich drei weiteren Menschen den Tod bringen wird und seine Vertuschungsmanöver ihn letztlich gründlicher ruinieren werden, als seine Todesfahrt es je gekonnt hätte … (Klappentext)

NL: Fiktive Niederlande (Hauptschauplatz) USA: New York

2. Januar 2026

Über Nacht

Beat Portmann: Über Nacht, Edition
Bücherlese, Luzern 2019
Nora Gossenreiter, Journalistin Anfang dreissig, hadert mit ihrer beruflichen Situation. Sie träumt davon, über Dinge zu schreiben, die etwas bedeuten – und vor allem: von ihrem eigenen Roman. Statt zur Premiere eines Volkstheaters fährt sie ihren Nachbarn, einen jungen Jazzpianisten, zum nächsten Konzert. Das Notizbuch in der Tasche stürzt sie sich in die Nacht, zusammen mit ihrem besten Freund Frank Landsteiner, einem ewig jugendlichen Frauenhelden und Chansonnier. Auf ihrer Odyssee durch die Bars und Kneipen einer namenlosen kleinen Stadt am Rand der Berge und durch die Wohnungen schlafloser Zeitgenossen werden sie mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert.

Als es schliesslich dämmert, steht Nora mit ihrem klapprigen Honda Legend wieder am selben Ort wie zu Beginn der Nacht. Hat die magische Reise, die sie mit ihrem Roman zu erfahren hofft, nur in ihrem Kopf stattgefunden, während sie schreibend der Handlung folgte?
(Klappentext)

31. Dezember 2025

Retro 2025 – 12

Mit diesem besinnlich-meditativen Bild – frei nach Mose 1 Vers 28: «Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» –, entstanden am 19. Dezember in Schwende auf einer Wanderung von Stoss (AR) nach Wasserauen (AI), verabschiede ich mich für dieses Jahr und wünsche alles Gute für 2026.

Als kleines Schmankerl: Die Bildstrecke zur Wanderung gibt es hier.

29. Dezember 2025

Retro 2025– 11

Im zu Ende gehenden Jahr war ich überdurchschnittlich oft zu Fuss in der Jungfrau-Region unterwegs: Schynige Platte, First, Kleine Scheidegg, Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Mürren, Zweilütschinen. Was mir indes noch fehlte, war eine Fahrt mit der Standseilbahn von Interlaken auf den Harder Kulm mit anschliessender Wanderung hinab nach Ringgenberg und zurück nach Interlaken.

Weil die Harderbahn bis Ende November fährt, nutzte ich einen sonnigen und überaus milden Spätherbsttag. Man schrieb den 11.11.. Für mich als Nicht-Fasnächtler und Nicht-Katholik ein Tag wie jeder andere. Dennoch entpuppte sich dieser als unglaublich ergiebig, gegensätzlich und befriedigend.

In der proppenvollen Standseilbahn war ich mit grosser Wahrscheinlichkeit der einzige einheimische Fahrgast. Der Rest rekrutierte sich aus der halben Welt, der indes von der Fahrt nicht viel mitbekam. Das zwanghafte Starren auf Smartphones machte auch am Harder keine Ausnahme. Kaum oben angekommen, setzte sich die Manie in der peinlichen Form von Selfies fort. Mir schien, dass die Leute wenig Interesse an der Aussicht hatten, vielmehr ging es darum, auf dem Harder gewesen zu sein und möglichst viele Bilder von sich und seinem Anhang gemacht zu haben, ehe es nach einer Stunde mit der Bahn wieder talwärts und an den nächsten Selfie-Hotspot ging.

Aber was labere ich hier, denn dasselbe Prozedere konnte ich auf jedem meiner diesjährigen Abstecher in die Lütschinentäler beobachten. Ich verstehe diese Art von «Tourismus» längst nicht mehr. – Item, nachdem ich die Leute beim Fotografieren ihrer selbst oder durch spontan angeheuerte dritte fotografiert habe, widmete ich mich dem umwerfenden Tiefblick auf Interlaken, bestaunte einmal mehr die Mehr-oder-weniger-Viertausender im Hintergrund und warf einen Blick in Richtung Voralpen, also den im Rücken des Harders gelegenen Gebiet von Niederhorn, Burgfeldstand und Gemmenalphorn. Sehr gut gefallen hat mir zudem das denkmalgeschützte Panoramarestaurant Harderkulm. Es bietet sage und schreibe 600 Plätze, was auf eindrückliche Weise die touristische Bedeutung des Hausberges von Interlaken veranschaulicht.

Bereits nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich vom Kulm, auch, um der nächsten Landung Selfie-Maniacs entfliehen zu können. Nach genau 10 Sekunden war ich auf dem von mir angepeilten Pfad. Und – wen wundert's – auf den kommenden anderthalb Stunden hinab nach Ringgenberg am Brienzersee sollte ich keiner einzigen Menschenseele begegnen. Wunder zu begehende Wege hin, wunderbar zu begehende Wege her.

Nicht weniger beeindruckend war hernach der Abschnitt entlang dem naturgeschützten Burgseewli und über den Goldswilhubel mit Kirchenruine sowie Mini-Friedhof mitsamt herrlichem Blick auf Aare, Interlaken und Umgebung zum Ausgangspunkt an den Bahnhof Interlaken Ost, wo mir die für heute letzten Smartphone-Süchtigen aus Übersee begegneten.

27. Dezember 2025

Retro 2025 – 10

Sind sie nicht putzig, diese Burenziegen? Angetroffen habe ich sie im Oktober mitten im tiefsten Entlebuch unweit der Gehöfte Hinter Ziegerhütten (nomen est omen) und Ober Rotmoos.

Die Begegnung mit Tieren aller Art ist für mich immer wieder einer der Höhepunkte beim Wandern. Und zwar egal, ob es sich um Haus- und Nutztiere oder Wildtiere handelt. Der Klassiker ist selbstverständlich der Hund, zu dem ich in all den Jahren eine besonders innige Zuneigung entwickelt habe. Treffe ich auf Menschen, die ihre Fellnase spazieren führen, dann entwickelt sich nicht selten ein kürzeres oder längeres Gespräch, das sich oft nicht nur um den Hund dreht. Bei Nutztieren sind es in der Tat die Ziegen, die es mir angetan haben. Gibt es etwas Keckeres, Intelligenteres und Trittsicheres unter den landwirtschaftlichen Milchspenderinnen, als diese nimmermüden Abkömmlinge von Steinbock und Steingeiss?

26. Dezember 2025

Retro 2025 – 9

Seit ich Anfang der 1990er-Jahre das Inventar Historischer Verkehrswege der Schweiz entdeckt habe, gehe ich mit anderen Augen durch die Gegend. Insbesondere in den bergigen Regionen stosse ich da und dort auf Wegabschnitte mit potenziell-historischer Substanz. Dies können unter anderem Stütz- und Begrenzungsmauern, Spurrillen, Wegkreuze- und Kapellen (sogenannte «Wegbegleiter»), Brücken, Steintreppen oder beispielsweise auch Pflästerungen sein. 

Als ich am 12. September vom Col-de-Bretaye in den Waadtländer Alpen via Les Ecovets nach Ollon abstieg, stiess ich kurz vor dem Wanderziel auf diesen gepflästerten Wegabschnitt. Leider ergaben meine Recherchen zu Hause lediglich den Hinweis auf eine historische Wegverbindung von lokaler Bedeutung. Gerne hätte ich mehr über diesen ausserordentlich breiten Weg erfahren: Wann wurde er und durch wen erbaut? Wer nutzte ihn über all die Jahrhunderte? Auf welche Art und Weise wurde er genutzt? Lediglich zu Fuss, mit Pferden und Maultieren oder gar mit von Tieren gezogenen Fahrzeugen?

23. Dezember 2025

Retro 2025 – 8

Als ich am 5. August nach gut 20 Kilometern bei dem im Bild ersichtlichen Hohe-Wart-Haus im schönen Spessart ankam, war alles verriegelt und verrammelt. Meine Hoffnung, hier Wasser fassen zu können, um mir hernach irgendwo im Wald ein Plätzchen für die Nacht zu suchen, zerschlug sich nach genauster Inspektion der mitten im Wald gelegenen Schenke. Was tun? Ich konsultierte meine Karte und entdeckte in 1,3 Kilometer Entfernung den Erlenbrunnen. Etwas abseits des Weges zwar, aber egal, Hauptsache Wasser. Doch dieser Erlenbrunnen entpuppte sich als längst nicht mehr existent.

So blieb mir nichts anderes übrig, als in das 8 Kilometer entfernte Waldaschaff zu gehen, einem Dorf mit Friedhof und ergo auch Wasser. Auf halber Wegstrecke hielt ich Rast und stärkte mich mit einem verbliebenen halben Liter Isodrink und einem Müsliriegel, ein halbes Jahr über dem Verfalldatum, der aber in dieser besonderen Situation herrlich mundete. Besagter Friedhof verfügte denn auch über das erhoffte Nass, ehe es in den über dem Ort gelegenen Wald ging, wo ich in einer halboffenen Schutzhütte nach mehr als 30 zurückgelegten Kilometern einen wunderbaren Schlafplatz fand.

21. Dezember 2025

Retro 2025 – 7

Die am Fusse der Jungfrau gelegene Gemeinde Lauterbrunnen weist bei einer Fläche von 164,7 km² eine Einwohnerzahl von 2331 Personen auf. Das ergibt eine Einwohnerdichte von lediglich 14 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Im Vergleich dazu beträgt die Bevölkerungsdichte für die gesamte Schweiz 217 Einwohnerinnen und Einwohner pro km². Das Gemeindegebiet von Lauterbrunnen erstreckt sich von 707 m ü. M. (Weisse Lütschine beim Sandweidli im Norden) bis auf 4158 m ü. M. (Gipfel der Jungfrau im Südosten).

Ich bin gerne in der Talschaft zu Fuss unterwegs, die trotz der zahlreichen Bergbahnen und Touristen immer noch Ecken bietet, wo man weitgehend alleine ist. Weil am 15. Juli das Wetter indes keine abenteuerlichen Wanderungen zuliess, begnügte ich mich mit einer kürzeren Tour vom Allmendhubel via Mürren nach der Grütschalp. Was mir dabei einmal mehr auffiel: In der Gemeinde Lauterbrunnen hat jeder noch so kleine Bach einen Namen und ergo an jeder Stelle mit Personenverkehr ein Namensschild. Besonders angetan hat es mir der «Inneren Chrutteren Graben». Schwingt in dieser Benamsung nicht die volle Kraft des kernigen Lauterbrunner Dialektes mit?

18. Dezember 2025

Retro 2025 – 6


Anfang Juni fuhr ich ins Vallée des Ponts. Jaja, das gibt es tatsächlich und liegt nicht etwa im fernen Frankreich, sondern unweit von La Chaux-de-Fonds im schönen Neuenburger Jura. Unweit von Les Ponts-de-Martel liegt der geografische Mittelpunkt des Kantons Neuenburg. Im Rahmen meines Projektes, alle geografischen Mittelpunkte der 26 Kantone wandernd anzusteuern, unternahm ich also diesen Abstecher in das topfebene Hochtal.

In der Umgebung von Les Ponts-de-Martel wurde einst Torf abgebaut. Die betreffenden Zonen haben sich inzwischen – auch dank der Bemühungen von Naturschutzorganisationen – zu wunderbaren Biotopen entwickelt, die unter Schutz stehen. Durch die grösste dieser Zonen führt der Torfmoor-Lehrpfad. Ihn habe ich in die Rundwanderung integriert und war voll und ganz begeistert. Sei es von der Natur – als Moor bin ich vom Namen her Mooren sehr verbunden –, aber auch von den Informationen rund um den Torfabbau. So ist beispielsweise ein Abbaubagger erhalten geblieben, der auf eindrückliche Weise veranschaulicht, wie die Torfgewinnung damals vonstattenging.

16. Dezember 2025

Retro 2025 – 5


Für den 17. Mai 2025 lud das Kammerorchester St. Gallen zu einem «Wanderkonzert mit Viviane Chassot». Welch geniale Idee, dachte ich und erstand mir unverzüglich ein Ticket. Vor Konzertbeginn ging ich indes noch vom appenzell-innerrhodischen Sammelplatz nach Speicher, von wo ich mit der Appenzellerbahn zur Notkersegg und somit zum Ausgangspunkt des Wanderkonzertes fuhr.

Den musikalischen Auftakt bildete in der Klosterkirche Notkersegg ein Werk für fünf Celli von Joseph Bodin de Bosmortier und John Dowland. Hernach dislozierten die Konzertbesucherinnen und -besucher per pedes zum Manneweiher, wo der Saxofonist Peter Lenzin bei superber Akustik ein «Concert Suprise» intonierte. Das nächste Konzert bildete den glanzvollen Höhepunkt der Quadrologie: Nach längerem Fussgang hinab in die St. Galler Altstadt wartete in der Kirche St. Mangen das Kammerorchester St. Gallen mitsamt der renommierten Akkordeonistin, Viviane Chassot, mit Werken von Haydn, Mendelssohn Bartholdi und Piazolla auf. Den krönenden Abschluss bildeten unweit der Kirche, im Kreuzgang St. Katharinen, fünf dreistimmige Inventionen für ein Streichtrio von J.S. Bach.

Was für ein Tag im Herzen der Ostschweiz! Drei Kantone, eine umwerfende Landschaft, eine wunderbare Kantonshauptstadt, zwei Wanderrouten, die kaum Wünsche offenliessen sowie eine unglaubliche Anzahl an Musikerinnen und Musiker – Amateure wie Profis –, die für ein unvergessliches kulturelles Erlebnis sorgten. Für mich als Berner, Fussgänger und Fotograf eines der Highlights im zu Ende gehenden Jahr.

13. Dezember 2025

Retro 2025 – 4


Am 19. April ging ich in vier Stunden von Aarwangen nach Langenthal. Sie führte mir einmal mehr die Schönheiten des Oberaargaus vor Augen, insbesondere die sehenswerten Wälder rund um Langenthal. Das noch junge Laub zeigte sich im knackig-frischen Frühlingsgrün. Eine Wohltat für jedes Auge!

Am Ortsrand von Langenthal gelangte ich zum «Musterplatz», einem Geviert mit in Reih und Glied ausgerichteten Bäumen. In der Schweiz gibt es unzählige Örtlichkeiten mit der Bezeichnung «Musterplatz». Sie dienten einst der Musterung von Männern für den Militärdienst, besser bekannt unter dem Begriff Rekrutierung oder Aushebung.

Als ich nach fast vier Stunden beim Licht-durchfluteten Platz ankam, stachen mir die rot angemalten Bänke ins Auge. Dem Fotografen dienten sie als willkommenes Sujet, dem Wanderer als nicht weniger willkommene Sitzgelegenheit, um vor dem langen Gang an den Langenthaler Bahnhof noch einmal einen kräftigen Schluck aus der Pulle zu nehmen.

10. Dezember 2025

Retro 2025 – 3

Frühling: Da sind der Gefühle und Eindrücke viele! Für mich unter anderem der unverwechselbare Ruf des Buchfinks, die verlockenden Temperaturen, das Gesumme von Bienen und eben ... und vor allem ... der unwiderstehliche Duft des Bärlauchs. Hinzu gesellt sich die schon fast subversive Frechheit, den Waldboden über und über mit wohltuendem Grün zu überziehen. Und wenn dieser Bärlauch einmal blüht! Forstlich-paradiesische Zustände sind das. Zumindest für mich.

So war es denn auch wieder einmal im März an und auf der Lägeren im Rahmen einer zweitägigen Wanderung von Baden auf den Hönggerberg im aargauisch-zürcherischen Grenzgürtel soweit. Bärlauch, Bärlauch, Bärlauch! Gibt es etwas Schöneres im Lenz, als sich zu Fuss durch die betörenden Felder zu bewegen? Ich meine nein. In diesem Sinne schlummert in mir, nebst der Vorfreude auf den nahenden Winter, bereits jene auf die übernächste Jahreszeit.

8. Dezember 2025

Retro 2025 – 2


Endlich war es im Februar soweit: Ich wanderte von Wolfenschiessen nach Stansstad. Vielleicht mag man nun denken, dass dies fürwahr kein besonders erwähnenswertes Ereignis darstellt. Weit gefehlt, weit gefehlt! Dieses «Endlich» bezieht sich auf einen kleinen Abschnitt dieser Wanderung: das Rotzloch! Es fehlte mir bislang in meinem Album fussgängerischer Taten.

Was in der Ära der Bildungsreisenden (18./19. Jh.) Bestandteil der damaligen «Grand Tour» war, ist längst zu einer etwas tristen Angelegenheit verkommen. Beim Rotzloch von heute handelt es sich einerseits um den Ausgang der kurzen, wenn auch spektakulären Rotzschlucht am Gestade des Alpnachersees, andererseits ist sowohl der Eingang als auch das Ende der Schlucht – eben das Rotzloch – derart industriell genutzt, dass von der einstigen Beschaulichkeit nicht mehr viel übrig geblieben ist. Immerhin ist der Schlucht ein gewisses Mass an Würde erhalten geblieben, was das Bild hoffentlich zu vermitteln mag.

Eine Frage, die sich beim «Rotzloch» indes unweigerlich stellt, ist jene nach der Bedeutung seines Namens. «Rotz» ist ja nicht gerade etwas, das man mit Angenehmem verbindet. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich beim Begriff jedoch um die ob- und nidwaldnerische Bezeichnung für «eine enge Öffnung in einem Felsband» handelt. Das Wort leitet sich angeblich vom romanischen «rokka» bzw. französischen «roche» (Fluh, Felsen) ab. Dieses entwickelte sich in der Gegend zu «rotschi» und später zu «rotsi». In den beiden Halbkantonen finden sich denn auch Namen wie «von Rotz», «Rotzmattli», «Rotzibüel» und eben … «Rotzloch».