15. November 2022

Was war da?

Stell dir vor, du beginnst  an einem kühlen Novembermorgen vom Tal auf dessen Schattseite den Berg hinanzusteigen und wirst auf einem Strässchen, das zu einem einsam gelegenen Bauernhof führt, von einem Polizeiauto überholt. Auf der Karte siehst du, dass beim Hof das Strässchen zu Ende ist und für ein Auto die Fahrt nicht mehr weitergeht. Da macht man sich schon so seine Gedanken. Beim unbewohnten Gehöft angekommen, entdeckst du zwei Polizisten, die ihr Fahrzeug etwas abseits hingestellt haben und einfach dastehen und warten. Dein Weg führt indes von den Hütern des Gesetzes weg, hinein in den Steilwald. Doch kurz bevor du ihn betrittst, nähert sich über dir ein Rega-Helikopter. Gut möglich, dass bei dir langsam ein Film abzulaufen beginnt. Mir ist dies am vergangenen Samstag auf jeden Fall so ergangen.

Worauf wartet die Polizei am Schattenhang bei Renan (BE)?


Ich war erst vor gut zehn Minuten am Bahnhof von Renan im Vallon de St-Imier gestartet, als sich oben beschriebene Szene zutrug. Der Heli kreiste über dem von mir zu durchwandernden Waldgebiet, drehte nach 5 Minuten ab, kam noch einmal zurück und verstummte jedoch bald. Als ich nach rund 20 Minuten aus besagtem Wald trat, erblickte ich auf der Weide vor mir den Heli erneut. Der Pilot und sein Helfer standen, den zwei Polizisten von vorhin nicht unähnlich, nichts tuend um die rot-weisse Maschine herum. Vom oberhalb gelegenen Hof schlurfte der Bauer über den Abhang, zückte ab und zu sein Smartphone und verewigte mit der Kamera den wohl nicht alltäglichen Besuch.

Fast zeitgleich mit der Polizei rückt die Rega heran.


Nachdem auch ich ein paar Fotos gemacht hatte, zog ich weiter und überlegte, was da wohl los war. Da es nicht meine Art ist, bei Unfällen den Schaulustigen zu markieren, ging ich also nicht zu den Rega-Leuten, um die Gwundernase zu stillen. Wenig später wurde der Heli wieder gestartet und hob ab in den besonnten Morgenhimmel. Das Flugobjekt verschwand rasch aus meinem Blickfeld und ich konnte mich in Ruhe meinem Gang über die zu dieser Jahreszeit einsamen Jura-Alpweiden, den sogenannten Métairies, widmen.

Dennoch liess mich das Gesehene nicht los. Auf der Heimfahrt im Zug zückte ich mein Handy und begann zu googeln. «Unfall Renan» gab ich ein, doch da wurde mir nichts angezeigt, dass der Situation von heute Morgen entsprach. Selbst die Seite der Kantonspolizei Bern vermeldete keinen Unfall in Renan. Zu Hause angekommen, startete ich einen neuen Versuch. Doch zuvor vergewisserte ich mich, in welcher Gemeinde sich das Ganze zutrug. Und siehe da: Das Polizeifahrzeug stand auf Boden der Gemeinde Renan, der Heli indes auf jenem der Gemeinde Sonvilier. Also tippte ich «Unfall Sonvilier» ein. In der Tat, da war was! Und zwar genau an jenem Ort zwischen Hubschrauber und Polizei, einem Graben, durch den die Gemeindegrenze von Renan und Sonvilier verläuft.

Worauf warten die Rega-Leute oberhalb von Sonvilier?


In einem Bericht der Berner Zeitung las ich, dass sich vor gut zwei Monaten an besagter Stelle ein Unfall ereignet hat, wonach ein 64-jähriger Lenker vermutlich wegen eines medizinischen Problems bergauffahrend in einer Linkskurve über die Strasse geraten und mit dem Auto rund 30 Meter den Waldhang hinuntergedonnert ist. Weiter las ich, dass der Mann bereits mehrere Tage dort unten gelegen hatte, ehe er entdeckt wurde. Das Fahrzeug würde zu einem späteren Zeitpunkt mit einem Kran geborgen, stand da auch noch.

Soweit so schlecht, aber was war da nun, zwei Monate nach diesem Unfall? Die Bergung des Autos mit der Rega? Nachträgliche Untersuchungen der Staatsanwaltschaft, der Polizei, der Kripo oder gar der Mordkommission? Ich werde es wohl nie erfahren, und das ist auch gut so. Sollte ich indes je einmal einen Kriminalroman schreiben, das Setting fürs erste Kapitel läge vor. Fotos

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