2. November 2022

Turnels, Turbach, Gstaad – Tag 1

Im Südosten von Gstaad ragt er weit über seine benachbarten Gipfel hinaus: der 2542 Meter hohe Giferspitz, den man einst als Gifer- oder Gifferhorn bezeichnete. Nicht dessen Besteigung ist heute mein Ziel, die hebe ich mir für später auf, sondern seine Umrundung. Eine ziemlich genau 25 Kilometer lange Strecke, in deren Mitte ich auf 1960 Meter über Meer im Zelt übernachten will. Wir haben Ende Oktober und wegen der warmen Winde aus Afrika perfektes Trekkingwetter, wenn auch wegen des mitgelieferten Saharastaubes eine etwas getrübte sich auf die Berge.

Die Route rund um den Giferspitz. Ich ging gegen den Uhrzeigersinn.



Nun, in diesen verrückten Zeiten kann man nicht alles haben, ist es doch schon so ein Privileg, nicht in Gstaad sauteuer logieren zu müssen und statt dessen im 600 Gramm leichten Zelt eine Nacht in den Bergen verbringen zu können, ohne auf zwei gekochte Mahlzeiten und einen warmen Schlafsack zu verzichten. Die Definition von Glück ist relativ.

Mit zu diesem Glück tragen auch meine Füsse bei, denn nur fünf Minuten vom Parkhaus Gstaad-Oberdorf entfernt, lenken sie mich weg von der Strasse, weg vom Flaniergehabe in der Luxusmeile der Promidestination, wo sich die Hautevolee Monstervillen im Chaletstil hat bauen lassen, dass es einem graust ob all dem Reichtum.

Ich bin also überraschend schnell alleine auf weiter Flur und arbeite mich Schritt für Schritt voran, um innert Kürze im anderen Gstaad zu landen, wo Kühe und Ziegen die Wiesen bevölkern, wo jene Einheimischen wohnen, die es sich hier noch leisten können zu wohnen, und wo Häuser stehen, deren Alter sich nicht nur an den Fassaden, sondern auch an der eingekerbten Jahreszahl widerspiegelt. In Gedanken versetze ich mich daher ins 17. Jahrhundert, als Gstaad bloss ein Weiler und Saanen ein kleines Bauerndorf war, dessen Bewohner mehr schlecht als recht über die Runden kamen.

Die Wasserngratbahn befindet sich bereits im Zwischensaisonschlaf, daher auch der leere Parkplatz, dem gegenüber mir plötzlich ein Strauss mit seinen grossen Kugelaugen in die Kameralinse glotzt. Wenige Meter weiter fädle ich endgültig in die Abgeschiedenheit ein und nehme den sanften Aufstieg in das – ich nenne es der Einfachheit halber mal so – Turnelstal in Angriff. Der recht kurze aber nicht minder imposante Geländeeinschnitt führt mich zwischen dem Giferspitz-Massiv und dem Wasserngrat gemächlich in die Höhe. Auf der am höchsten gelegenen Alp Turnels weitet sich der Talkessel in ein ausgedehntes, baumloses Rund. Ein schmaler Steig führt über teilweise sumpfige Alpweiden zum Turnelssattel auf 2085 Meter über Meer.

Hier oben war ich das erste und einzige Mal am 27. Oktober 1989, also beinahe auf den Tag genau vor 33 Jahren. Ich ging damals von der Lenk via Trüttlisbergpass und Wasserngrat nach Gstaad. Und ja, ich war damals etwas fitter als heute, wenn ich auch mit weniger Rucksackgewicht unterwegs war. Der Blick vom Turnelssattel reicht nicht nur hinab in den grünen Talgrund von Lauenen, sondern auch zum Alpenhauptkamm mit dem Wildhorn und dem Arpelistock als markanteste Erhebungen. Im Norden, über das Turnelstal hinweg, erkenne ich die Gipfel der Freiburger und Berner Voralpen.

Für ein kurzes Stück folgt mein Weg nun dem Bergkamm, auf dem sich eine alte Trockensteinmauer aus Schiefer hinzieht. Vom mit 2137 Meter höchsten Punkt meiner Zweitagesunternehmung verläuft ein schmaler Pfad in der Südflanke des Lauenenhorns Richtung Türlipass. Der Weg wurde just an jener Stelle in den Grashang gehauen, wo das Gelände von steil zu sehr steil wechselt. Die Begehung dieses Abschnittes am späteren Herbstnachmittag wird zum reinen Vergnügen, zumal sich im Osten weitere Berge zeigen, deren Gipfelbereiche bereits eine dünne Schneeschicht ziert: Eiger, Mönch, Jungfrau, Doldenhorn, Altels, Balmhorn, Wildstrubel.

Ehe sich dieser Wunderbarpfad zum Türlipass hinabsenkt, berührt er den Südostgrat, der vom Lauenenhorn zum Pass hinunterführt und von wo sich der gesamte obere Bereich des Turbachtals überblicken lässt. Ein Meer, bestehend aus goldbraunem Gras breitet sich über die baumlosen Hänge aus, unterbrochen von Erlenzonen, wie sie für diesen Teil des Turbachtals typisch sind. Und keine Menschenseele weit und breit. Von meinem Standpunkt aus sehe ich auf den angepeilten Biwakplatz hinab, den ich eine Viertelstunde später erreiche. 

Ich mache mich sogleich auf die Suche nach dem auf der Karte eingezeichneten Bächlein, das mir zur Wasserversorgung dienen soll. Sicherheitshalber gebe ich den Wasserbehältern Entkeimungstabletten hinzu. Schnell ist die definitive Ecke gefunden, in der ich das Einpersonenzelt aufstelle, um mich alsbald an die Zubereitung des Nachtessens zu machen. Einmal mehr leistet mir der kleine Spirituskocher und das Titanpfännchen gute Dienste. Der Dreigänger besteht aus einer Flädlisuppe, einer Nudelsuppe und einer Nussrolle. Währenddem ich mich verpflege, lasse ich den Blick über den von der Sonne gerade noch beschienenen Gegenhang schweifen. Und als ich kurz aufstehe und zum Gipfel des Lauenenhorns schaue, entdecke ich weit oben ein schwarzes Tier. Wie froh wäre ich nun um einen Feldstecher, denn mein erster Gedanke ist, dass es sich um einen Bär handeln könnte. Immer wieder blicke ich hoch, um mich zu vergewissern, dass es sich tatsächlich um ein Tier und nicht um einen dunklen Stein handelt. Im späteren Verlauf des Abends gelange ich zur Überzeugung, dass es sich um ein schwarzes Schaf handeln muss, das womöglich den Alpabzug verpasst hat und sich nun noch die letzten feinen Kräuter einverleibt, ehe es hoffentlich von nachsuchenden Hirten doch noch den Weg ins Tal findet.

Nachdem sich die letzten Sonnenstrahlen vom Gegenhang verabschiedet haben, mache ich mich bettfertig und krabble bereits um 18 Uhr in die Stoffhütte, im Wissen darum, dass diese Nacht wegen der Zeitumstellung eine Stunde länger dauern wird. • Fotos

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