5. November 2022

Turnels, Turbach, Gstaad – Tag 2

Biwakieren in schottischem Hochlandambiente: zuhinterst im Turbachtal.

Die Nacht verlief ruhig, wenn auch in der Abenddämmerung ein paar Dohlen einen ziemlichen Radau machten. Dasselbe vollführten sie im Morgengrauen, ehe sie sich wieder ihren Flugkünsten in höheren Gefilden widmeten.

An der wärmenden Sonne sitzend, bereite ich mir mein Frühstück, nicht ohne zuvor die Uhr um eine Stunde zurückzudrehen. Schnell ist das Lager abgebaut und der Rucksack gepackt. Um Viertel nach neun ist Aufbruch. Gemütlichen Schrittes mache ich mich an den Abstieg nach Gstaad.

Das morgendliche Gehen über die ausgedehnten Moorflächen ist wohltuend befreiend. Kein Flugzeug, kein sonstiges Motorengeräusch stört die alpine Stille. Es ist bereits derart warm, dass mein Kurzarmhemd völlig ausreicht. Der Pfad senkt sich in sanfter Neigung. Diese Rampentopografie wird sich bis Gstaad nicht mehr ändern. Selbst die Gegenanstiege sind moderat. Kurz, die gut 12 Kilometer vom Hochtal, das im oberen Bereich an die Highlands von Schottland erinnert, bis in die Chalet-Metropole sind purer Wandergenuss.

Charakteristisch für den von Süd nach Nord ausgerichteten oberen Abschnitt des Turbachtals sind niedrige Alphütten, die so in den Hang gebaut wurden, damit Schneelawinen über deren Pultdächer hinwegfegen können, ohne gleich das ganze Gebäude mitzureissen. An jener Stelle, wo das Tal nach Westen abknickt, ändert sich auch dessen Charakter: weniger rau, grüner, dichter bewaldet und ganzjährig bewohnt.

Der Wanderweg folgt nun in unmittelbarer Nähe des Turpbachs und liegt meist im nicht unangenehmen Schatten. Wie schnell sich ein warmes Herbstklima in ein vorwinterliches ändern kann, zeigt sich eine knappe Woche später, als der frisch gefallene Schnee bis 1700 Meter liegen bleibt. Daher zehre ich beim Niederschreiben dieser Zeilen rückblickend noch einmal von der formidablen Wetterlage dieses Wochenendes.

Der Wechsel von der Streusiedlung Turbachtal zum mondän anmutenden Promi-Bergdorf erfolgt abrupt. In der Gstaader Skyline mache ich gleich vier Baukrane aus. Die Route führt mich durch ein Viertel mit protzigen Chaletbauten. Allein die in den Hang hinein gebauten Einstellhallenplätze müssen ein Vermögen gekostet haben. Hohe Thuja- und Buchsbaumhecken verwehren dem tippelnden Touristen jegliche Einblicke in die Grundstücke. Überwachungskameras und Bewegungsmelder, wohin das Auge blickt. An den Briefkastenschildern bei den schmiedeeisernen Zugangstoren stehen Strassennamen und Hausnummern, jedoch keine Personennamen. Man will anonym bleiben.

Schliesslich gelange ich am schlossartigen Palace vorbei, in dessen Vordergrund sich das fein herausgeputzte Freibad erstreckt. Die Kamera wie ein Paparazzo über eine hohe Bretterwand reckend und blind abdrückend, gelingt mir ein ganz passables Bild der ikonenhaften Herrlichkeit, in der die günstigste Nach für zwei Personen schlappe 808 Franken und die teuerste die Kleinigkeit von 3300 Franken kostet, «Frühstück und Essensguthaben inkludiert». Falls ich die Wahl zwischen einem Gutschein für eine 808-Franken-Nacht im Gstaad Palace oder ein Ultraleicht-Trekking-Zelt hätte …, in meiner Zeltkiste fände es noch Platz …

Auf einem netten, stellenweise beidseitig mit Seilen gesicherten Pfad steige ich in einem bunten Wäldchen steil hinab zur Talstrasse, die nach Lauenen führt. In der Gstaader Hauptgasse lasse ich die Boutique Antonella, den Prada-Shop, den Louis-Vuitton-Shop, die Credit Suisse, die Berner Kantonalbank, die UBS, die Saanen Bank, die Chopard Boutique und Le Caveau de Bacchus links und rechts und überhaupt liegen. Stattdessen versorge ich mich am Dorfbrunnen mit köstlichem Wasser für die Heimfahrt, welche zehn Minuten später im gemütlichen Panoramawagen der Montreux-Oberland-Bahn beginnt. Beim Blick auf die Rodomonts gedenke ich einem gewissen Daniel de Roulet, der 1975 des Verlegers Axel Springer exklusive Ferienresidenz auf dem ansonsten unbewohnten Berg 800 Meter über dem Talgrund in Flammen aufgehen liess und 30 Jahre später in Buchform (Ein Sonntag in den Bergen) als bis dahin nicht gefasster Täter publizierte. • Fotos (der Tour, nicht vom Brand)

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