28. November 2022

Mergim und die 100.

Das zwischen Bern und Burgdorf gelegene Lyssach ist ein sonderbarer Ort. Der alte Dorfkern besticht durch behäbige Bauernhäuser, die nordnordwestlich davon sich befindende Zone ist das pure Gegenteil davon. Hier führen sowohl die Autobahn A1 als auch die Bahn-2000-Strecke durch, welche beide die Metropolen Bern und Zürich miteinander verbinden. Hinzu gesellt sich die sogenannte Shopping-Meile mit IKEA, Jumbo, Lumimart, Livique, Chicorée, Erotik Markt, BabyOne, Fressnapf, MediaMarkt, Ochsner Sport, Möbel Pfister, Fust, Qualipet, New Yorker, Bonita, Golfers Paradise, Schlafhaus, Bernerland Bank, Interdiscount, Jysk, Maxi Bazar, diga möbel, Dondi Salotti, mehreren Restaurants, einer Bäckerei und einem vorübergehend geschlossenen Bordell. 

Wer immer auch Mergim sein mag: der Ornithologische Verein Kirchberg in Aktion.


An einem Ende dieser Gewerbezone führte mich am Samstag meine Wanderung von Lyssach nach Bätterkinden durch. Die Bernstrasse in Lyssach sollte jeder Automobilist dies- und jenseits der Saane mindestens einmal im Leben gesehen haben, auf dass er hernach über dieses Sodom und Gomorra der neuzeitlichen Konsum- und Mobilitätsdegeneration meditieren möge.

Das Gute an diesem Ort des Grauens ist indes die wandertechnische Fortsetzung, nachdem man Autobahn und Bahn unterquert und der ganze Gewerbezauber hinter sich gelassen hat. Dann nämlich beginnt ein hübsches Waldgebiet, das den permanenten Autolärm zunehmend verschluckt, je mehr man sich ins Forstinnere begibt. Plötzlich fiel mir an einem Baum ein markanter Nistkasten auf. Auf einer angebrachten Plakette stand in Grossbuchstaben «MERGIM» und kleiner darunter «OV K'berg». OV K'berg steht für Ornithologischer Verein Kirchberg, Mergim für einen männlichen Vornamen aus Albanien mit der Bedeutung «Emigration». Schmunzelnd fragte mich, was dies nun zu bedeuten habe. Ein Mergim als Nistkastensponsor für Vögel? Oder Mergim als Synonym für in diesem Wald nistende Zugvögel, also migrierende und piepende Flugobjekte?

Ein paar Schritte weiter kam ich einer möglichen Erklärung auf die Spur, denn der nächste Nistkasten trug den Namen «ERONA», der übernächste «DIELAXSHAAN»  und einer weiter das erotisch klingende «AMINA», gefolgt von einem Kasten mit zwei Namen, nämlich «EMILIA» und dem vertrauten «KATHARINA». Meine Interpretation dieser Vornamensexotik im Rumiwald: Der Ornithologische Verein Kirchberg setzte im Sinne eines Joint Ventures zusammen mit der Primarschule Kirchberg ein Nistkasten-Bauprojekt um. Als Dank für die geleisteten handwerklichen Dienste der Schülerinnen und Schüler nagelte der «OV K'berg» eine Namensplakette an jeden Nistkasten und zwar jeweils passend zum Schreiner/zur Schreinerin desselben. In einem zweiten Schritt gingen die Vogelfreunde mit der Klasse in besagten Rumiwald und montierten die Kästen just an jene Bäume, wo sie heute noch hängen. Und falls es wirklich so war, dann Hut ab vor dieser genialen PR-Aktion der Ornithologen, denn, welches Kind will seinen Eltern nicht den personalisierten Nistkasten zeigen, wie er da so im Wald hängt und vielleicht schon bewohnt ist? Und welcher Lokaljournalist berichtet nicht gerne über eine solche Aktion? Gute Sache!

Meine Route zog sich, einmal dem Wald entronnen, zuerst dem Flüsschen Urtenen und sodann er Emme entlang. Es herrschte eitel Sonnenschein und dank des tiefen Sonnenstandes wunderbares Licht. Die Lyssacher Konsummeile war bald einmal vergessen, nicht zuletzt auch, weil ich mich darüber freute, heute die 100. Wanderung in diesem Jahr zu zelebrieren. Mit einer unheimlich geschwellten Brust lief ich schliesslich in Bätterkinden ein. Fotos dieser Wanderung gibt es hier.

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