18. November 2022

Der Rutsch vom Krauchthal

Mir fällt gerade auf, dass ich auf meinen Wanderungen in letzter Zeit gehäuft seltsamem, wenn nicht gar morbiden Situationen begegne. Da war neulich der von Mario Botta konzipierte und nun zerbröckelnde Aussichtsturm auf dem Moron. Vor ein paar Tagen machten Polizei und Rega auf sich aufmerksam, die, so meine Vermutung, das Auto eines während der Fahrt verstorbenen Lenkers aus einem bewaldeten Graben im St-Immertal bargen. Oder dann die sonderbare Inschrift an einem morschen Schuppen im feuchten Feisteregrabe bei Krauchthal, die ich im Oktober anlässlich der 16. Etappe meines Spiralwanderprojektes unter dem Vordach entdeckte:

Im Feisteregrabe bei Krauchthal, wo sich Professor Rutsch das letzte Mal «im Felde» aufhielt.


Natürlich nahm es mich wunder, um wen es sich bei diesem «Prof. Rolf Rutsch, Geologe, 1902–1975» handelte, der offenbar am 25. Mai 1975 zum letzten Mal in seinem Leben hier herumstreifte.

Unter dem Vordach dieser Lotterhütte entdeckte ich die Inschrift.

Einmal mehr wurde ich im Internet fündig. Ich stiess auf einen Nachruf aus den USA, den ich auszugsweise auf Deutsch übersetzte und dabei nicht schlecht staunte, um wen es sich bei diesem Rolf F. Rutsch handelte, und dass er 19 Tage vor seinem Tod zum letzten Mal im Feisteregrabe bei Krauchthal «im Felde» war. Doch man lese selber:

In Erinnerung an Rolf F. Rutsch

von Hollis D. Hedberg

Durch den Tod von Professor Dr. Rolf F. Rutsch am 13. Juni 1975 verlor die Geologie eine ihrer herausragenden und schillernden Persönlichkeiten des Geologischen Instituts der Universität Bern.

Rolf Rutsch wurde am 11. August 1902 in Rapperswil bei Bern geboren. Sein Vater war Arzt. Der junge Rolf besuchte die Volksschule in Bern und sammelte schon in jungen Jahren Gesteine in den Steinbrüchen der Umgebung. So ist es nicht verwunderlich, dass er später an der Universität Bern Geologie als Hauptfach studierte.

Er schloss sein Studium 1921 bei Professor Arbenz in Bern und während eines Semesters bei Professor Buxtorf in Basel mit dem Bakkalaureat [heute Bachelor] ab. Er promovierte 1926 in Bern mit einer Dissertation über die «Geologie des Belpbergs: Beiträge zur Kenntnis der Stratigraphie, Paläontologie und Tektonik der Molasse südlich von Bern», die mit dem Edward-Adolf-Stein-Preis ausgezeichnet wurde.

Rolf F. Rutsch (1902–1975)
Von 1927 bis 1937 war Rutsch Kustos des Naturhistorischen Museums in Basel. Während dieser Zeit entwickelte er ein aktives Interesse an der Karibik und ihren Bezug zum Mittelmeerraum, angeregt durch Dr. H.G. Kugler und seine Mitarbeiter, die einen Grossteil des fossilen Materials lieferten, an dem er arbeitete. 1933 begann er auch seine Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft bei der geologischen Kartierung der Schweiz mit der Veröffentlichung von «Beiträgen zur Geologie der Umgebung von Bern», eine Tätigkeit, die er sein ganzes Leben lang fortsetzte und die zur Ergänzung des Geologischen Atlas der Schweiz durch zahlreiche Blätter führte.

1935 habilitierte sich Rutsch an der Universität Basel mit der Arbeit «Die Gastropoden aus dem Neogen der Punta Gavilan in Nord-Venezuela». 1940 wurde er Privatdozent für Geologie und Paläontologie in Bern. In den Jahren 1946 und 1947 vertrat er Professor E. Wegmann an der Universität Neuchâtel. Im Jahre 1948 wurde er zum «nebenamtlichen Extraordinarius» und 1964 zum «vollamtlichen Extraordinarius» in Bern ernannt. Seit 1972 war er emeritierter Professor.

In der Zeit von 1937 bis 1956 war Rutsch in Teilzeit als Berater für Paläontologie und Stratigraphie für verschiedene Ölgesellschaften tätig: Shell, North Venezuelan Petroleum, Trinidad Leaseholds und Gulf Oil. Er war auch als Berater für Grundwasservorkommen, Ingenieurgeologie sowie Mineral- und Erdölvorkommen in der Schweiz tätig und arbeitete als geologischer Sachverständiger für den Bund sowie für verschiedene Kantone. Von 1940 bis 1945 war er im geologischen Dienst der Schweizer Armee. In den Jahren 1960 und 1962 unterstützte er das Büro für technische Hilfe der Vereinten Nationen (UNO) beim Aufbau einer paläontologisch-stratigraphischen Einrichtung in Israel.

Rolf Rutsch war Mitglied in vielen nationalen und internationalen geologischen Organisationen. Im Jahr 1957 wurde er Mitglied der Geological Society of America. Er bekleidete unter anderem folgende Ämter: Präsident der Bergbaukommission des Kantons Bern; Präsident der Hydrologiekommission des Kantons Freiburg; Präsident der IUGS-Kommission für Stratigraphie (1965–1968); Präsident des IUGS-Komitees für die Stratigraphie des mediterranen Neogens (1964–1967); Sekretär der Schweizerischen Geologischen Gesellschaft (1947–1951); Präsident der Schweizerischen Paläontologischen Gesellschaft (1951–1952); Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Erdölgeologen und -ingenieure (1951–1957) und später Ehrenmitglied; Präsident der Berner Naturforschenden Gesellschaft (1953–1955).

Professor Rutsch ist wahrscheinlich am besten bekannt für seine herausragenden Arbeiten in der Molluskenpaläontologie, in der Stratigraphie und in der regionalen Geologie und geologischen Kartierung der Schweiz. Er war jedoch ein vielseitig begabter Mensch, der seine Interessen in der wissenschaftlichen und angewandten Geologie erfolgreich miteinander verband. Im Laufe seiner Karriere verfasste er mehr als hundert wissenschaftliche Arbeiten, nicht nur in den Bereichen Paläontologie, Stratigraphie und regionale Geologie, sondern auch in so unterschiedlichen Bereichen wie Sedimentpetrologie, Tektonik, Karsttopographie, Erdölgeologie, Grundwasser, Bausteine, Vergletscherung, stratigraphische Klassifizierung, biologische Evolution, Karibik und Geschichte der Geologie. Das breite Spektrum seiner Interessen und Fähigkeiten zeigt sich nicht zuletzt in der umfassenden Bibliographie. Er war zudem Herausgeber der Reihe «Contributions to the knowledge of tropical American Tertiary Mollusks», die von 1934 bis 1942 in den Eclogae Geologicae Helvetiae veröffentlicht wurde und von denen er auch viele verfasst hat. Er war Herausgeber der Beiträge über die Schweiz im Internationalen Stratigraphie-Lexikon. Er war auch massgeblich an der Erstellung des imposanten Bandes der Proceedings of the Committee on Mediterranean Neogene Stratigraphy, 1970, beteiligt.

Meine erste Bekanntschaft mit Rolf Rutsch entstand durch seine äusserst wichtigen Beiträge zur Paläontologie und Stratigraphie des Tertiärs in der Karibik in den Jahren 1930 bis 1943, die die Aufmerksamkeit auf die stratigraphische Nützlichkeit von Tubulostium, den planicostaten Venericardia und anderen Mollusken lenkten und für die in dieser Region tätigen Geologen einen Segen darstellten. Ungefähr zu dieser Zeit (1939) verfasste er eine sehr anregende Arbeit über die Beziehung zwischen paläozänen Mollusken der Karibik und des Mittelmeerraums und ihre Bedeutung für die Hypothese der Kontinentaldrift. Rutsch schloss vorausschauend: «Diese Beziehung ist so eng, dass die Existenz eines Atlantischen Ozeans in seiner heutigen Form für das älteste Tertiär fast ausgeschlossen ist.»

Viel später arbeitete ich mit ihm auf dem Gebiet der stratigraphischen Klassifikation zusammen, wo ich dazu beitrug, ihn davon zu überzeugen, den Vorsitz der Internationalen Kommission für Stratigraphie zu übernehmen. Er war auch Gründungsmitglied der Internationalen Unterkommission für stratigraphische Klassifikation und ein entschiedener Verfechter ihrer Grundsätze, die er durch seine eigene Arbeit und die seiner Studenten in die Praxis umsetzte. Er war ein überzeugter Anhänger des Prinzips der Stratotypen und veröffentlichte unter anderem Arbeiten über die Typusabschnitte des Aquitaniums, Neokomiums, Helvetiums, Valanginiums, Hauteriviums und anderer Einheiten. Obwohl die helvetische Stufe heute nicht mehr verwendet wird, ist es von Interesse, dass Professor Rutsch vor einigen Jahren persönlich den kleinen, geologisch interessanten Imihubel* bei Bern erworben hat, um ihn zu erhalten.

Rolf Rutsch war ein geradliniger, offener Mensch, der wenig Geduld mit Intrigen und politischen Manövern in wissenschaftlichen Kreisen hatte. Er war ein treuer Freund und ein starker, entschlossener und fähiger Verfechter seiner Überzeugungen in wissenschaftlichen Fragen. Trotz seiner auffallend strengen, kritischen wissenschaftlichen Haltung und seiner etwas schroffen Art war er ein freundlicher, geselliger Mensch, der eine führende Rolle bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Aufgaben übernahm. Er war zweimal Präsident des örtlichen Rotary Clubs und eine Autorität auf dem Gebiet der Berner Volkskunde, mit einem Fundus an Anekdoten über den Berner Charakter und seine Eigenheiten. Übertroffen wurden seine wissenschaftlichen Fähigkeiten vielleicht nur noch durch sein Können auf dem Schweizer Akkordeon, dem «Schwyzerörgeli». Sein Verlust wird von vielen Kollegen und Freunden tief empfunden.

*Der Imihubel (981 m) ist ein wenig bewaldeter Hügel im Schwarzenburgerland in der Nähe von Niedermuhlern. Nach Nordosten fällt er sanft gegen das Gürbetal hin ab. Im Süden bildet das kurze Erosionstal Fure und der steile Hang der Rappeflue seine Begrenzung. Das Gebiet des Imihubels gehört geologisch der mittelländischen und subalpinen Molasse an in welcher sich fossile Versteinerungen finden, die wissenschaftlich [u.a. auch von Rutsch] untersucht worden sind. (Quelle: Wikipedia)

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